Ein Auszug aus meiner Kurzgeschichte »Tierleichen und Bier«
Der Kies ist noch feucht vom Tau, der in der Nacht gefallen ist. Über der verrosteten Dachrinne hängt ein Spinnennetz, das in der Morgensonne glitzert. Die Hühner gackern schon irgendwo im Hof. Tanja singt drinnen im Haus – irgendein 80er-Jahre-Song, der aus dem alten Küchenradio scheppert.
Tom steht bereits an seinem Mofa. Er trägt die schwarze Lederjacke mit den abgewetzten Ellbogen, die ihm Tanja vor zwei Jahren auf dem Flohmarkt gekauft hat. Seine Finger umklammern den Lenker, als müsste er das Mofa festhalten, damit es ihm nicht davonfliegt. Die grüne Hercules Prima lehnt leicht nach links auf dem Seitenständer.
Tim kommt mit zwei Bechern Kaffee in der Hand aus der Werkstatt. Er stellt sie auf die alte Obstkiste neben dem Mauerrest und nickt Tom zu.
„Bereit, Bruder?“
Tom nickt heftig. Seine Augen leuchten. „Heute ... Dorf!“
„Genau.“ Tim stellt sich neben ihn und tippt ihm sanft auf die Schulter. „Gehen wir’s wie immer durch, ja? Ich sag’s an.“
Tom nickt wieder. Seine Lippen bewegen sich schon stumm mit.
Tim streckt die Hand zum Mofa aus.
„Erstens?“
Tom schnalzt mit der Zunge und dreht routiniert den Benzinhahn auf. Klack.
„Benzinhahn ... auf!“, sagt er stolz.
„Perfekt.“ Tim lächelt. „Zweitens?“
Tom beugt sich etwas nach vorn und zieht mit einer ruckeligen Bewegung den Choke raus.
„Choke ... raus.“ Seine Stirn glänzt vor Konzentration.
„Drittens?“
„Gaaaaas ... bisschen.“ Tom dreht vorsichtig den Gasgriff. Nicht zu viel – das hat Tim ihm beigebracht.
„Sehr gut, mein Großer. Und jetzt – der Kick.“
Tom nickt entschlossen. Mit beiden Händen umgreift er den Lenker fester. Dann setzt er den rechten Fuß auf das Pedal. Er holt tief Luft. Tim bleibt ruhig neben ihm stehen, beobachtet jeden kleinen Muskelzug, bereit, notfalls einzugreifen – aber das braucht er kaum noch.
Wumm – der erste Tritt. Der Motor hustet, spuckt ein wenig blauen Rauch.
Tom grinst. „Noch mal!“, ruft er begeistert.
„Na klar.“ Tim hebt den Daumen.
Zweiter Tritt – brrrrrrrrrm, die Herkules fängt an zu tuckern. Der kleine Motor schnurrt wie eine zufriedene Katze, während der blaue Qualm langsam in den klaren Himmel steigt.
Tom strahlt. „Läuft!“ Er trommelt mit den Fingern auf den Tank.
Tim legt ihm kurz die Hand auf die Schulter. „Ganz große Klasse. Und was vergessen wir nicht?“
Tom runzelt die Stirn. Dann, ganz stolz: „Choke … zurück!“ Er schiebt den Hebel vorsichtig zurück. Der Motor läuft weiter, gleichmäßiger jetzt.
Tim grinst breit. „Bruder – du bist ein Profi.“
Tom grinst zurück, die Welt liegt ihm für diesen Moment zu Füßen.
Von drinnen ruft Tanja: „Noch zwei Minuten, Jungs, ich muss noch die Eier holen!“
Tim ruft: „Kein Stress, Schwesterherz.“ Dann prostet er Tom mit dem Kaffeebecher zu.
Die Mofas tuckern im Takt, der alte Hof riecht nach Benzin, nassem Gras und Freiheit.
Die Küchentür quietscht. Dann taucht sie auf: Tanja. In Shorts, Gummistiefeln und – natürlich – den Netzstrümpfen, die sie niemals aus Gewohnheit, sondern aus Prinzip trägt. Sie balanciert einen geflochtenen Korb mit noch warmen Eiern auf der einen Hand und hält in der anderen eine orangefarbene Sonnenbrille, die sie sich mit dramatischer Geste auf die Nase setzt.
„Guten Morgen, meine Lieblingsdeppen!“, ruft sie und grinst, als wäre jeder Tag ein Festival.
„Morgen, Tanja“, sagt Tom, und seine Stimme klingt plötzlich schüchtern.
Tanja stellt den Korb auf die Kiste neben dem Kaffee und wirft sich dann, ganz selbstverständlich, auf ihre eigene Hercules, eine knallrote mit schwarzem Sitz und zwei Aufklebern: einer zeigt eine barfüßige Elfe mit elf Zehen, der andere einen dicken Polizisten.
„Sind die Maschinen warm?“, fragt sie und klopft liebevoll auf ihren Tank.
„Tom läuft. Meine gleich“, sagt Tim, und schon dreht er den Benzinhahn, zieht den Choke und wirft mit einem lässigen Kick seinen Motor an.
Die drei Mofas tuckern jetzt nebeneinander im Hof, als würden sie sich unterhalten, wie alte Freunde, die jeden Tag zur selben Zeit dieselbe Strecke fahren.
Tanja holt ein Haargummi aus der Jackentasche, bindet sich einen schnellen Zopf und klappt dann den Rückspiegel zurecht. „Helme, Jungs!“
Tim zieht seinen schwarzen Jethelm über, an dem ein kleiner Aufkleber prangt: Make Punk not War.
Tom trägt seinen schief sitzenden Fahrradhelm mit den Totenköpfen, die er selbst mit wasserfestem Filzstift aufgemalt hat.

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