Wettbewerbsgeschichte: Brazil
Brazil Ein leicht regnerischer Abend führte Florian zu dem Meetup. So wirklich etwas davon versprechen tat er sich nicht. Aber es war besser als zuhause zu sein und vor sich hin zu gammeln. Bei einem...
Brazil Ein leicht regnerischer Abend führte Florian zu dem Meetup. So wirklich etwas davon versprechen tat er sich nicht. Aber es war besser als zuhause zu sein und vor sich hin zu gammeln. Bei einem...
Brazil
Ein leicht regnerischer Abend führte Florian zu dem Meetup. So wirklich etwas davon versprechen tat er sich nicht. Aber es war besser als zuhause zu sein und vor sich hin zu gammeln. Bei einem lockeren Meetup konnte er sich wenigstens ein wenig unterhalten. Das unterdrückte ein wenig die immer kreisende Stimme im Kopf, die ihn ja doch nur immer wieder zu leichten Suizid-Gedanken führte. Einfach etwas Ablenkung von der Depression. Und es gab ja immer die Chance auf jemand Netten zu treffen, auch wenn es immer deutlich mehr Männer auf den Treffen gab, als Frauen. Sicherheitshalber hatte Florian sich deshalb in frisches Gewand geschmissen – alles in schwarz – die langen Haare über dem Undercut streng gekampelt und verknotet und seine Lieblings-Sonnenbrille aufgesetzt, auch wenn die Sonne schon im Begriff war unterzugehen.
Das Meetup nahm gewohnte Züge an, er begrüßte bekannte Gesichter und stellte sich neuen vor. Er war gerade in ein Gespräch übers Bouldern vertieft, als sie auftauchte. Sie war auffällig wie ein Smaragd in einer Schüssel von Kieselsteinen. Langes schwarzes Haar, dramatisch schöne Gesichtszüge, ein smaragdgrünes eng anliegendes Kleid, das viel zu schick und sexy war für ein Pub wie dieses, wo das Meetup stattfand. Keiner traute sich, sie anzusprechen. Sie bestellte nichts, stand herum und lauschte hier und da. Es war sehr schwer sie zu ignorieren. Aber so ein schönes Wesen, hatte sich sicher nur verirrt auf dem Weg in ein Märchen. Ein Märchen für Erwachsene. So wie das Kleid ihren Busen formte, so wie es ihre Rundung rund um die schlanke Taille zum Ausdruck brachte... Florian kostete es viel Konzentration, sie nicht anzustarren. Und dann kam sie zu ihm rüber.
„Du arbeitest fürs Militär?“, waren ihre ersten Worte. Florian nickte nur. Sie hatte also tatsächlich gelauscht. „Als Programmierer, wenn ich es recht verstehe.“
„Ja“, sagte er eloquent, auf ihre Augen fokussierend. Puh, die waren aber auch ganz schön schön und tief und dunkel und zum Hineinfallen.
„Weißt du, wie man verloren gegangene Daten wieder zurückholt? Kennst du dich in einem SCS mit U-46K Umlenkungen aus?“
Florian konnte beides bejahen.
„Kannst du dich in so etwas einhacken?“
„Vermutlich.“
„Sprichst du Andrana?“
Florians Augen wurden groß. „Ja, ich habe mir so einiges beigebracht. Wieso fragst du? Willst du, dass ich dir einen Androiden baue?“ Er lachte. Und dann dämmerte es ihm. Natürlich, diese Perfektion eines Körpers. „Du...du bist ein Android, nicht wahr?“, flüsterte er.
„Können wir unsere Unterhaltung woanders fortsetzen?“, flüsterte sie zurück.
Ein Android, ein echter Android! Einfach so vor ihm, in freier Wildbahn quasi. Unfassbar. „Meine Name ist Brazil“, stellte sie sich nun vor. Sie waren in einen nahen Park gegangen, und hatten sich eine leicht abgelegene Bank für ihre Unterhaltung ausgesucht. „Ich bin ein A-37 Powerbulk F-Android, female variant q248.“
„Absolut bewundernswert“, versicherte ihr Florian. „Du musst Millionen wert sein, was machst du hier draußen ganz allein?“
Ihre Sprache klang so menschlich, hatte sogar einen kleinen Akzent: „Das versuche ich rauszufinden. Meine Erinnerungen scheinen gelöscht worden zu sein.“
Er betrachtete sie nun mit ganz anderen Augen. Was für ein Meisterwerk! „Du bist aus der F-Klasse, ich wusste gar nicht, dass wir so etwas überhaupt haben in Österreich.“
„Bin ich also nicht vom Militär?“, fragte sie geradeaus. Ihre Lippen sahen verblüffend echt aus. Die Zähne waren nicht ganz gerade, trotzdem sehr schön, aber hatten eben dieses leicht Imperfekte, das sie so menschlich und absurderweise irgendwie perfekt wirken ließ.
„Nicht vom Österreichischen, denk ich. Glaubst du, dass du für den Kampf designt worden bist?“, kam es Florian in den Sinn. „Hast du das Gefühl, du könntest mich entwaffnen, wenn ich eine Waffe hätte? Oder hast du einen Plan, wie du mich zu Boden werfen könntest, würde ich dich angreifen?“
Brazil schüttelte den Kopf. „Nein, ich fühle mich nicht wie ein Soldat. Kann man so etwas vergessen?“
Florian hatte schon sein Flash-Pad rausgeholt. Er hatte ein Upgrade wegen seiner Arbeit bekommen, die hatte mehr Power als die handelsüblichen Flash Produkte. „Ich denke nur, wenn wir rausfinden, wofür du designet wurdest, finden wir vielleicht eher dein Zuhause.“ Er betrachtete sie noch einmal kurz und realisierte, dass ihr sexy Design in eine unschöne Richtung deutete. „Vielleicht hattest du einen Unfall, bei dem deine Daten verloren gegangen sind“, lenkte er schnell von seiner Idee ab. Wer in Österreich war reich genug sich einen F-Klasse Androiden leisten zu können? Und wer wollte seinen teuren Bot dann auch noch in diesem Design, dass jedem hetero Mann den Atem verschlagen musste? Wieder gerieten seine Gedanken auf Abwege. Konzentration. Sie brauchte Hilfe. Er würde helfen. Vielleicht gab es ja sogar einen Finderlohn. Er suchte auf seinem Flash-Pad nach nahen Geräten. Tatsächlich. B.R.A.Z.I.L gab es da zur Auswahl. Ihr Name stand vermutlich für irgendetwas. Benvolent reality android zone one log-in? Brain rationality android z-insigned longevity? Bra size z love machine? Er musste wirklich konzentriert bleiben hier. „Okay, er will ein Passwort von mir. Erinnerst du dich an irgendwas? Was könnte es sein?“
Brazils Blick wurde leicht abwesend, als sie versuchte, sich zu erinnern. „Warte, du solltest lieber den Touchport benutzen.“
„Du hast noch einen Touchport?“ Überraschend, fand Florian. Aber was wusste er schon wirklich über state-of-the-art android Technologie? Er war ja auch nur ein Fanboy und kein Profi.
Brazil hob ihr dunkles, welliges Haar und darunter am Nacken – eigentlich schon mehr am Schädel – gab es einen klassischen Touchport, wie in einem alten Science-Fiction-Film. Zum Glück unterstützte Florians Flash-Pad diese in die Jahre gekommene Technologie noch. Er berührte mit dem Pad den Port und sofort bildete sich eine Verbindung. Erneut stand da B.R.A.Z.I.L. Er hätte so gerne gewusst, wofür es stand. „Der Port ist ebenfalls Passwort geschützt, aber ich denke, ich kann ihn knacken. Oder weißt du das Passwort vielleicht?“
„Ich erinnere mich im Moment kaum daran, wer ich bin.“
Florian nickte zuversichtlich. „Kein Problem das haben wir gleich. Aber vielleicht hilft es, ein wenig nachzudenken, um deine Erinnerungen zu stimulieren.“
„An was soll ich denn denken?“
Florian startete ein Programm, das das Passwort finden würde, und begann den Androiden zufällige Dinge zu fragen. Wer weiß, vielleicht war das alles, was sie brauchte, um wieder zu funktionieren?
„Was sind die Antiken Sieben Weltwunder?“
Brazil sah ihn zunächst verwirrt an. „Die Pyramiden von Gizeh“, antwortete sie langsam. Die nächsten kamen schneller. „Der Koloss von Rhodos, die hängenden Gärten der Semiramis, ...“ Na, das klappte ja schon ganz gut. Sie schaffte alle sieben.
„Es ist also nicht dein ganzes Gedächtnis betroffen“, stellte Florian fröhlich fest. Brazil lächelte zum ersten Mal. Es machte sie noch schöner.
„Wer komponierte die Zauberflöte?“
„Mozart“, antwortete Brazil wie aus der Pistole geschossen.
„Wer hat die letzte Fußball-WM gewonnen?“
„Bei den Herren Argentinien und bei den Frauen Spanien.“
„Frauenfußball, nett“, kommentierte Florian. Sein Programm würde bald fertig sein.
„Wie hoch ist der Mount Everest?“
„8.848 Meter?“
„Das klingt richtig“, lachte Florian, der selber keine Ahnung von der Antwort hatte.
„Wer ist dein Schöpfer?“
„Professor Lindner.“
„Professor Lindner? Na, da haben wir ja eine Information!“
Brazil sah verdutzt drein. „Es kam einfach so aus mir raus“, freute sie sich. Sie wirkte so menschlich, es wäre gruselig gewesen, wäre es nicht auch einfach so cool gewesen, dass Florian eine Gänsehaut bekam. Keine Zeit für Grusel. Das war das Abgefahrenste, was ihm je passiert war. Was für ein Spitzen-Android!
Lindners gab es viele. Auch unter den Professoren. Florian suchte in der TU Wien, der Uni Wien und ganz allgemein im Feld der Robotik und Androiden-Forschung, konnte aber niemand passenden finden. Das Pad schlug Alarm. „Geschafft! Ich bin drin.“ Jetzt war es Zeit, sich an Andrana zu erinnern. Es war keine komplizierte Programmiersprache, aber sie hatte ihre Tücken. Er versuchte sich an den Kürzel für Gedächtnis zu erinnern. 9oPl, ja, das war es. So schön, dass sich sein Fantum mal auszahlen würde. „Ich werde es einfach mal ab- und wieder andrehen, schlug er vor.“ Dieses Prinzip sollte auch bei einem Androiden funktionieren, fand er. Brazil war einverstanden. „Es geht los!“
Die schöne Frau neben ihm wurde still. Sie regte sich kaum noch, atmete tief. Das ist bestimmt normal, versuchte Florian sich zu beruhigen. Man konnte bestimmt nicht so leicht einen millionenteuren Androiden kaputt machen, nicht wahr? Er war erstaunt, dass sich überhaupt was tat, um ehrlich zu sein. Sehr viel war nicht zu hacken gewesen. Nach etwa zehn Minuten, die ihm wie eine Ewigkeit erschienen, wurde er dann doch unruhig. Hatte er sie ernsthaft beschädigt? Doch da begannen ihre Augen zu blinzeln und sie richtete sich wieder etwas auf. „Brazil? Hat es geklappt? Kannst du mich hören?“
Ihre Augen waren offen, doch sie schien weit weg. Plötzlich geriet sie ins Wanken. „Brazil?“ Sie begann zu zittern. „Scheiße!“, entkam es Florian. „Was ist los?“
Er umarmte sie und lehnte sie an sich, da ihm nichts anderes einfiel. Er starrte auf sein Pad, das ruhig dalag und kein Zeichen von einem Shutdown oder so von sich gab. Die Verbindung war immer noch aufrecht. Brazil zitterte und zog die Beine nach oben. Embryonalstellung – ging es Florian durch den Kopf. Wer würde denn so etwas einprogrammieren. Brazil stöhnte und das Stöhnen klang als würde es aus dem tiefsten Inneren kommen. Was hatte er ihr nur angetan?
„Brazil! Komm wieder zu dir“, rief er und schüttelte sie ganz zart. Plötzlich riss sie die Augen auf und starrte ihn an. Das Zittern war vorbei. „Geht’s wieder?“ Ihr Blick war so durchdringend, dass ihm bange wurde. Die Tiefe in den Augen. Ein Schauer jagte ihm den Rücken runter. Sie sagte kein Wort, begann sich aber umzusehen. Sie befreite sich sanft aus der Umarmung, sprang auf und blickte ihn noch einmal an. „Ich weiß wieder, wo ich bin“, sagte sie. Dann rannte sie los. „Brazil!“ Florian sprang auf und hechtete ihr hinterher. „Was ist los?“, rief er ihr zu. Unterwegs streifte sie ihre hochhackigen Schuhe ab. Florian hörte ihr Kleid reißen, als ihre Beine einen zu großen Schritt machten. Sie lief unangenehm schnell. Florians Lunge brannte, als er ihr nachrannte. Sie rannten am Teich vorbei und durch das Nordwesttor. Sie hatte einen Vorsprung rausgeholt, als Florian unabsichtlich in den Teich getreten war, wo sie mit einem beherzten Sprung abgekürzt hatte. Sie rannte über die Straße ohne auf Autos zu achten und auf ein gusseisernes, schön verziertes Tor zu. Nummer 62 stand auf dem Haus, dessen Tür sie aufriss und hineinstürmte. Florian zögerte ein wenig. Sollte er wirklich in ein Haus einbrechen oder zumindest uneingeladen eintreten? Hatte er einen guten Grund, der auch vor der Polizei gut klang? „Ich habe die schöne Frau durch den Park gejagt und habe sie bis ins Haus verfolgt....“ Das klang nicht gut. Was sollte er tun?
Der Gang, der sich vor ihm erstreckte war voller Krimskrams. Unzählige Bilderrahmen hingen zur Linken wie zur Rechten. Florian trat vorsichtig ein. „Professor!“, hörte er Brazils Stimme von oben kommend. Sie war wohl im ersten Stock. Eine Männerstimme war nun zu hören. Florian konnte die Worte nicht verstehen, aber die Stimme klang aufgeregt. Ein Kleiderständer am Treppenabsatz war umgefallen. Ein teurer Männermantel lag achtlos am Boden, ein Hut daneben. Florians Blick fiel auf die Wand neben ihm. Hier hingen Diplome aller Art. Auch ein Patent für einen speziellen Touchport. Dr. Robert Lindner stand da überall. Doch unter dem Namen stand da meist das gleiche und das irritierte Florian. Das konnte doch nicht sein, oder? Das würde ja bedeuten, dass... Sie musste das erfahren. Sofort. Er nahm ein Diplom von der Wand und hechtete die Treppe nach oben.
„Brazil, kein Wunder, dass wir ihn nicht gefunden haben. Er ist gar nicht Professor für Robotik!“ Florian folgte einer weiteren Treppe nach oben. Die Stimmen kamen vom Dachboden, war nun klar. Er stürmte förmlich hinauf. „Brazil, er ist...“ Florian erstarrte. Vor ihm stand ein älterer Mann, gut gekleidet, aber mit zerzauster Frisur in einem Zimmer aus Chaos. Stühle legen auf dem Boden, Unterlagen waren verstreut auf dem großen Bett in der Mitte. Aber das Furcht erregende war, dass der Mann eine Waffe in der Hand hatte mit der er auf Brazil zielte, die ein paar Schritte entfernt von ihm stand. Florian ließ das Diplom fallen und nahm die Hände nach oben, wie er es in Filmen gelernt hatte. „Brazil, komm langsam zu mir!“, rief er der schönen Frau mit dem nun sehr finsteren Blick zu.
„Er ist kein Programmierer“, hörte Florian sich selbst sagen. Alles ging so schnell und trotzdem wie in Zeitlupe. Er spürte ein Brennen, bevor er den Knall hörte. Er wurde mit Wucht getroffen und lag auf dem Boden ohne sich erinnern zu können, gefallen zu sein. Vor seinen Augen wurde es weiß. „Lassen Sie mich nach ihm sehen“, hörte er Brazils Stimme mit der Kühle eines Roboters sagen. „Vielleicht lebt er noch.“ Den Professor hörte er nicht, aber nach einiger Zeit spürte er Brazils warme Hand auf der Stirn. Er konnte wieder etwas sehen, wenn auch nur schemenhaft. „Er ist Psychiater“, flüsterte Florian mit letzter Kraft. Es stand auf dem nun blutbespritzten Diplom neben ihm auf dem Boden. Dr. Robert Lindner, Doktor der Psychologie. Fachausbildung Hypnose. Brazil schaute nicht darauf. Sie untersuchte Florians Bauch. „Er wird es überleben, wenn wir nichts tun“, sagte sie. „Wir sollten lieber auf Nummer sicher gehen.“ Ihr Stimme klang so kalt. Sie stand auf und nahm dem Professor die Waffe ab. Florian sah sie über sich stehend. „Brazil“, hauchte er.
„Mein Name ist Joanna da Silva“, sagte sie und ein Feuer erwachte in ihr, das unbändig aufpeitschte. „Brazil, gehorche“, schrie der Professor sich plötzlich der Gefahr bewusst. „Mein Name ist Joanna da Silva“, rief sie erneut. „Und ich erinnere mich an alles, du perverses Schwein!“ Sie hob die Waffe und mit einem lauten Knall, erschoss sie ihren Widersacher. Er ging sofort zu Boden und rührte sich nicht mehr.
Joanna ging zum Telefon. Florian hörte, wie sie einen Rettungswagen für ihn rief. „Und bringen sie die Polizei mit“, kommandierte sie förmlich am Telefon. Dann wandte sie sich wieder Florian zu, und drückte auf seine Wunde. „Danke“, sagte sie.
„Du bist ein Mensch“, brachte Florian hervor. „Ein Mensch. Er hat dich Glauben gemacht, du wärts ein Android. Ein Sklave... Ist... ist er tot?“
„Mausetot.“
„Wirst du nicht in Schwierigkeiten geraten?“
„Gefängnis erschreckt mich nicht“, sagte Joanna und Tränen brachen plötzlich durch. „Nicht nach all dem, was ich überlebt habe.“ Sie riss an ihrem Touchport, der wohl in der Hypnose eine wichtige Rolle gespielt hatte. Sie schaffte es, einen Teil davon rauszuziehen und warf ihn wütend zu Boden, das Blut daran ignorierend. „Ich bin die einzige, die überlebt hat.“
„Ich bin froh, dass du dich befreien konntest“, sagte Florian. „Vielleicht gehen wir ja mal was Trinken.“
„Bestimmt“, antwortete Joanna und Florian sah ihr Lächeln, bevor ein Sanitäter über ihm auftauchte. Was für ein schönes menschliches Lächeln.
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