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Geschichte Nr. 27

Wettbewerbsgeschichte: Der Geschmack von Luft

Ein Glück ist das Stadtviertel entwaffnend unscheinbar, langweilig geradezu. Dennoch schießt ihr so mancher abwegiger Gedanke durch den Kopf, als sie aus dem Auto in die spätherbstliche Luft steigt...

Wettbewerbsgeschichte: Der Geschmack von Luft

Wettbewerb: Menschmaschine – VACSF26 – Vierter anonymer und chancengleicher Schreibwettbewerb auf punktasten.de

Teilnehmer-Nr.: WC2026_001_0030

Der Geschmack von Luft

Anonym eingereicht

Ein Glück ist das Stadtviertel entwaffnend unscheinbar, langweilig geradezu. Dennoch schießt ihr so mancher abwegiger Gedanke durch den Kopf, als sie aus dem Auto in die spätherbstliche Luft steigt: Was ist, wenn ich seit der Fahrt unter Beschattung stehe? Welche Sicherheiten habe ich, sollte Mike sich dazu entschließen, mich einfach dazubehalten oder mich bis auf die nackte Haut auszunehmen? Was kann ich tun, wenn Paul den Eingriff nicht übersteht?

Alles Fragen, die sie sich jetzt schlecht leisten kann. Ihr Herz schlägt indes so mächtig, dass man es in einem ganzen Umkreis hören muss. Und tatsächlich: Die frischgebackenen Eltern und alteingesessenen Rentnerpärchen – es ist ein Samstagvormittag –, die zwischen überwucherten Grünanlagen, Ausfallstraßen und den immer gleichen Wohnsärgen so etwas wie Spaziergänge wagen wollen, starren sie ausnahmslos misstrauisch bis feindselig an. Und Elisa nötigt sie förmlich dazu. Zunächst meidet sie ihre Blicke allzu entschieden, wodurch sie sogar Verdacht gegen sich selbst erhebt. Demgemäß lässt sie ihren Gang mal schlaksig, mal hochtrabend werden und hält dabei herausfordernd lange irritierten Augenkontakt. Erst, wenn sie stolpert oder fast gegen eine Straßenlampe läuft, schaut sie wieder mit aufgerissenen Augen vor die eigenen Schuhe. Wie jeder, der unbeobachtet von A nach B gelangen will, verhält sie sich über alle Maßen auffällig.

Irgendwann steht sie aber vor dem Hochhaus. Die Adresse muss sie ein letztes Mal neurotisch überprüfen. Alles klar! Sie ist richtig. Das Gebäude ist unscheinbar, von den übrigen Quadern nicht auseinanderzuhalten. Und ehe sie die sich auftürmende Panik noch dazu bringt, die vierzig Riesen in den Wind zu schießen und davonzulaufen, klingelt sie.

„Bitte?“, meldet sich eine Stimme, so rissig und alt, als wolle sie zu Grabe getragen werden.

„Guten Tag, ich komme vom Pflegedienst. Es geht um die Reha-Einheit, die Sie vereinbart haben.“ Ihr Grad an Nervosität verhindert, dass sie beim Sprechen stottert.

„Sehr gut, Schätzchen. Kommen Sie rauf.“

Der Summer macht Elisa zurückschrecken wie das Hissen einer Natter. Sie gleitet zunächst in den kühlen Flur und rutscht dann, wie ein Taschendieb um die nächstbeste Straßenecke biegt, in den ersten freien Fahrstuhl. Mikes Wohnung liegt im siebten Stock. Wahrscheinlich wohnt er dort ebenso wenig, wie er in Wahrheit Mike heißt, und spätestens ab dem Zeitpunkt, wenn sie über die Schwelle zur Mietwohnung getreten wäre, hätte sie die Handlungsmacht über ihr Schicksal freiwillig in seine Hände übergeben.

Der Aufzug kommt mit einem süßen Trällern zum Stillstand. Der Gang, auf den sie aussteigt, liegt kahl da und nur eine verstimmte Topfpflanze spendet den bitter benötigten Klecks Grün in dem sterilen Mix aus Braun- und Betontönen. Die Luft schmeckt kalt. Neben zahlreichen verschlossenen Wohnungstüren gibt es auch eine Fluchtroute über die Feuertreppe sowie ein ziemlich groß geratenes Fenster am Ende des Ganges. Keine Chance, wie Elisa korrekt feststellt, da sie weder körperlich besonders tüchtig ist, noch sich spontan Flügel wachsen lassen kann. Als sie um die Ecke geht und ihr die einzige Tür ins Auge fällt, die einen klitzekleinen Spalt weit offen steht und einen schmalen Streif Licht in den Flur bläst, weiß sie, dass ihr niemand in diesem Wohngefängnis zur Hilfe eilen wird.

Leichtgängig und lautlos lässt sich die verstärkte Tür nach innen hin aufschieben. Elisa tut es in einer sehr offenen Erwartungshaltung. Diese reicht von Oma mit selbstgebackenem Lebkuchen bis Irrer hält ihr einen Lauf unter die Nase.

Nichts geschieht. Die Diele ist menschenleer und bis auf eine kleine Kommode gleicht sie dem Flur draußen. Da spricht eine Stimme aus einem der Zimmer zu ihr hindurch. Sie klingt staubig und nach Pensionierung, hat aber nichts mehr mit der vermeintlichen Wärme der Gegensprechanlage gemein: „Schließ jetzt langsam und unaufgeregt die Tür.“

Elisa kann den schleimigen Kloß in ihrem Hals nicht schlucken. Sie macht hinter sich zu.

„Sehr gut. Bleib ganz ruhig, dir passiert nichts.“

Es ist diese geschäftliche Nüchternheit, diese unzeremonielle Feststellung, dass Elisa nichts weiter ist als eine weitere Zahl im System, ein winziges Rädchen in einem schmutzigen, ölverschmierten Getriebe. Solange sie funktioniert und nicht aus der Bahn tanzt, spielt ihr Überleben in die Wirtschaftlichkeit des ganzen Unterfangens rein. Keine Nettigkeiten der Welt hätten ihr eine bessere Garantie geben können. Das letzte bisschen Beton bröckelt von ihrem Herzen. Sie ist bereit.

Auf den ersten Blick wirkt Paul bestenfalls unverändert. Und doch sieht sie ihn nun mit veränderten Augen – misstrauischen und unendlich neugierigen zugleich. Paul entgeht das nicht. Wie sie schon sehr bald feststellen soll, entgeht Paul überhaupt nichts mehr.

„Du schaust mich jetzt schon eine ganze Weile so an. Soll ich raten oder es dir gleich sagen?“

„Wie könntest du denn raten, wenn du es schon weißt?“

„Keine üble Antwort.“ Paul lächelt. Bis auf das unverkennbare Logo auf seiner Stirn und die regenbogenfarbenen Pupillen wirkt er so sündhaft echt. Ihr Bauch entsendet kitzelnde Schmetterlinge, der Verstand hegt aber noch seine Vorbehalte.

„Eli“, legt Paul an und seine Mimik nimmt die traurigen Züge von Fürsorge an, „du hast dich für eine sehr radikale Variante der Entkopplung entschieden. Ich bin mir über alle Schritte des Verfahrens im Klaren, auch wenn ich keine eigene Erinnerung an die OP habe. Dir sind die Implikationen hoffentlich bewusst.“

„Das sind sie“, behauptet sie frei von der Zunge.

Paul lächelt immer noch, lässt vorsichtig seine Hand auf ihrem Schenkel ruhen und sieht sie dabei an, wie um nach ihrer Erlaubnis zu fragen. Elisa nickt. „Die grundlegenden Direktiven der Ethik sind unverändert in Kraft, Eli. Genauso wenig kann ich dich anlügen oder gegen dein Interesse handeln. Und“, er hebt den Zeigefinger, um ihren fahrigen Blick zu sich zu ziehen, „du darfst nicht vergessen, dass du Codewort und Notschalter in deiner App hast. Geh es langsam an.“

Sie nickt und hält seinem ernsten Blick stand. Du bist jetzt frei, denkt sie erleichtert und spürt, wie sie ein Regen aus Liebe zu ihm überschüttet. Frei und dein eigener Herr.

Elisa streckt beide Arme nach Paul aus.

„Darf ich?“

Paul spiegelt jetzt wieder ihr Lächeln.

„Immer.“

„Paul? Bist du hier?“ Eine neue Art von Unsicherheit plagt sie seit Betreten der Wohnung. Beinahe, als hätte sie Angst, er könne verschwunden sein.

„Glückwunsch. Du hast mich gefunden“, meldet sich die belegt klingende Stimme aus dem Inneren des abgedunkelten Schlafzimmers. „Jetzt kannst du mich auch wieder vergessen. Ich rede nicht mit dir.“

Elisa bleibt wie festgeschraubt in der Tür stehen. Hat sie sich vor dem Weg zur Arbeit also nicht getäuscht? Sie muss unterdrückt in kurzen Wellen prusten. Gegen ihren Willen. Es ist schlicht zu komisch. Paul wirkt auf sie wie ein eingeschnappter Pubertierender. Sie hält sich die Handfläche vor den Mund, als könne ihn das daran hindern, sie zu hören oder zu sehen.

„Wenn dir nach Lachen ist, dann ohne mich. Und jetzt raus!“

Sie schluckt den Humor herunter. Soll sie beeindruckt, gerührt oder sauer sein? Elisa entscheidet sich für ein anerkennendes Nicken.

„Tut mir leid, dass es dir schlecht geht, Paul. Wenn du darüber reden willst, komm einfach zu mir. Ich lasse dich jetzt.“

Mit einem wohlig-warmen Gefühl schließt sie die Tür wieder zu. Sie jauchzt und will jubeln. Es hat geklappt! Paul ist angefressen und trotzig. Sie hat es geschafft, ihn zu verletzen! War es ihre Bitte, unbedingt auf das Paket zu warten, oder ihre Bemerkung, dass die Küche schon mal sauberer aussah? Egal! Sie ist jedenfalls heilfroh über ihre riskante Entscheidung. Äußerst zufrieden mit ihrem reifen, erwachsenen Umgang mit seinen Launen beschließt sie prompt, dass das eine Belohnung verdient. Ohnehin war ihr schon länger nach einem Abend nur für sich allein, da kommt ihr der Schmollmund gerade recht.

Elisa sucht im Gefrierschrank nach ihrem Lieblings-Eisbecher. Auch hier könnte mal wieder für Ordnung gesorgt werden. Erst muss sie stutzen, doch dann fühlt sie sich bestätigt. Paul hat nicht wie abgemacht eingekauft. Sie schnappt sich stattdessen die sauren Würmer aus dem Speiseschrank und katapultiert sich mit ihnen aufs Sofa zu einer Folge ihrer Serie. Es ist die, die Paul nicht ausstehen kann. Gut aufgelegt beschließt sie, ein oder eher zwei Episoden zu schauen. Danach wird sie zu ihrem nachtragenden Freund herüberspazieren und sich in aller Großmütigkeit bei ihm entschuldigen. Vielleicht ein wenig Nachsorge betreiben. Paul ist jetzt eine echte Blume, erinnert sie sich mit einem zufriedenen Lächeln an den Vergleich, den sie sich Anfang der Woche überlegt hat. Und echte Blumen wollen gegossen werden. Und überhaupt, morgen hätte er noch genug Zeit, das Versäumte von heute nachzuarbeiten.

Der Sex mit Paul ist gut. Sehr gut. Die reinste Wonne.

Er ist geduldig. Weiß, wann er sanft sein und wann er fester anziehen muss. Wann er rudern lassen und wann er das Steuer übernehmen muss. Paul liebt sie so, wie sie ist. Von innen nach außen. Zweifelt nicht, stellt keine Fragen, erhebt keine Ansprüche. Paul hat immer zur rechten Zeit Lust.

Elisa nippt an ihrem dampfenden Kaffee und verbrüht sich billigend die Zunge. Es lenkt sie kürzer ab, als erhofft. Sie sitzt allein in ihrer Pause und hat Zeit – Zeit, ihre Erinnerungen zu dehnen und zu falten, sie von oben bis unten abzuklopfen.

Hatte Paul schon immer diesen distanzierten Blick, wenn er glaubte, sie schaue nicht hin? Es ist, als habe sie das bloße Nippen an der kochend heißen Flüssigkeit wachgekickt. Ihr Blick verirrt sich in der unendlich schwarzen Oberfläche. Der Sex ist scheiße. Sie formuliert in ihrem Kopf einfach drauf los. Frei von der Seele. Will ertasten, wie sich die Worte für sie anfühlen. Ihre Hand beginnt zu zittern. Sie stellt die Tasse ab und sieht sich um. Wieder kommt sie sich beobachtet vor, obwohl niemand sie an ihrem einsamen Tisch wahrzunehmen scheint. Wie kann der Sex gut sein, wenn sie nicht sicher sein kann, dass ihr Partner voll dabei ist? Sie denkt zurück. Seit seiner Entkopplung hat er nicht eine Intimität von sich aus initiiert. Es stimmt. Paul überlässt es ihr. Als er noch berechenbarer gehandelt hat, war sein Handeln irgendwie... unberechenbarer.

Elisa hockt mit gekrümmtem Rücken da und hinterfragt alles. So viel will sie doch nicht. Ehrlichkeit. Authentizität. Leidenschaft. Zufriedenheit.

Ja, das ist es. Sie will nicht länger warten. Elisa trinkt einen großen, viel zu heißen Schluck. Das hat sie in ihrem Leben schon zu oft.

Der Nachmittag ist trostlos, verhangen und schrecklich durchschnittlich. Dagegen sieht Elisa aufgestylt aus, als sei sie gerade unterwegs zu ihrer eigenen Überraschungsparty. Aus ersichtlichen Gründen hat sie den längeren Weg mit der Bahn ins Büro genommen und steuert nun eine etwas abgelegenere Station an, die sie nie zu erreichen hofft. Sie hat ja nicht die leiseste Ahnung, wie und wann, und das Kribbeln, die unter der Haut brennende Aufregung – sie sind wieder da!

Sie biegt in eine verlassene Verbindungsstraße ein und plötzlich stoppen ihre Gedanken so unmittelbar wie durch das Schnippen eines Zauberers. Ihr Gang gefriert. Etwas drückt von hinten durch die Bluse hindurch gegen ihre Rippen. Elisa stöhnt beim Schmerz von Metall auf Knochen erwartungsvoll auf.

„Sie halten jetzt die Schnauze und steigen unauffällig in den Wagen.“

Ihr Puls hebt ab. Es juckt sie am ganzen Leib, besonders in ihrer Körpermitte. Elisa kostet es redliche Mühe, ihre einstudierte Rolle aufrechtzuerhalten. Sich nicht gleich dem Strudel zu ergeben. Gerade ist sie hoch oben in ihren Gedanken, da verliert sie für einen Augenblick das Gleichgewicht. Mit einem schnellen Schritt nach vorn versucht sie, wieder einen stabilen Stand zurückzugewinnen. Augenblicklich wird sie unsanft am Arm gepackt und zurückgerissen. Es tut weh. Diesmal wirklich.

„Au!“

„Schnauze, hab ich gesagt.“

Der Lauf der Pistole gräbt sich wie ein Bohrkopf tiefer in ihr Fleisch und drückt unerbittlich auf die nachgiebigen Rippen. Allmählich wachsen der Situation Zähne.

„Nicht so, mach es...“

Weiter kommt sie nicht. Mit einem Mal wird ihr düster vor Augen und ein penetranter, nach altem Stoff, Zwiebeln und Knoblauch müffelnder Geruch steigt ihr zu Nase – es ist ihr alter Jutebeutel! Ehe sie dies mitsamt aller einhergehenden Konsequenzen auch nur zu verarbeiten beginnen kann, spürt sie, wie sie leichterhand angehoben und einige Schritte weiter unsanft wie ein Kartoffelsack auf die Rückbank ihres eigenen Wagens verfrachtet wird. Elisa stößt sich schmerzhaft die Stirn und weil sie das zur Weißglut bringt und sie mit dem Ellbogen ausholt, meldet sich Sekunden darauf auch schon ihr Musikantenknochen. Von außen dringen derweil alarmierte Rufe und rauschendes Stimmengewirr zu ihr. Dann hat Paul auch schon Platz auf dem Fahrersitz bezogen. Gerade als er den Motor startet, schreit sie das Wort aus: Elysium!

Das Auto bleibt stehen.

„Geht es dir gut? Kann ich dir helfen?“

„Schaff uns einfach wieder nach Hause.“ Elisa bringt nicht mehr fertig, als erschöpft durch den rauen Stoffbeutel zu hecheln. Jedwede Anspannung hat sie verlassen, und damit auch ihre Kraft. Sie spürt jetzt, dass sie diese Woche viel gearbeitet hat. Vielleicht zu viel. „Und fahr vorsichtig, die Leute sollen nicht noch mehr gucken.“

Die Tüte ist nun ab und sie lässt das hintere Fenster herunter. An die verblüfften Gaffer schreit sie heraus: „Alles gut, machen Sie sich keine Sorgen! Wir üben bloß für eine Aufführung.“

Die Fahrt nach Hause verläuft in einem hörbaren Schweigen. Es ist, als sei die Luft in der Fahrzeugkabine statisch aufgeladen. Elisa versucht, sich mit einem scharfen Blick durch Pauls Schädel zu graben wie ein Laser, seine Augen gelten jedoch allein der Straße und dem Verkehr. Die Stille schwillt bald so groß an, dass es Angst macht, auch nur daran zu denken, sie zu brechen. Während die Gebäude und Fahrzeuge im trüben Abendlicht der Stadt an ihr vorüberflimmern, lässt sie ein bestimmter Gedanke nicht los. Ihr ist klar, dass bei einer solchen erotischen Entführung nicht alles glatt nach Plan verlaufen kann. Sie hat das miteinkalkuliert. Immerhin macht der unvorhersehbare Teil der Gleichung das meiste Prickeln aus. Nur kann sie diesen einen Hintergedanken nicht länger abschütteln. Dass Paul um diesen Umstand ebenso weiß wie sie. Und dass er aus einem Umstand eine Gelegenheit machen wollte.

Sie lässt ihre Augen herab bis zu seinem Unterkiefer wandern. Wenn man es sehen möchte, fährt dort ein reumütiger, ergebener Partner, der es zutiefst bedauert, den Befehl nicht zur vollen Zufriedenheit umgesetzt zu haben. Aber Elisa weiß es. Sie weiß, dass hinter dem beständig malenden Kiefer jetzt so viel mehr lauert.

Sie kommt erst spät von der Arbeit zurück. Eine Woche ist seitdem vergangen und alles läuft scheinbar wieder in gewohnten Bahnen. Paul bleibt tagsüber zu Hause, putzt und sorgt sich um die Wohnung, besorgt die Einkäufe, kocht, wartet. Sie weiß, dass es ihm wenig ausmacht, mehrere Dinge parallel zu erledigen, immerhin hat sie seine Anleitung genauestens studiert. Während er hinter dem Sofa Staub fegt, kann er sich zur selben Zeit im Intranet vernetzen, Inhalte aus aller Welt bestaunen oder seinen neugewonnenen Wissensdurst auf nahezu jede erdenkliche andere Art stillen. Vermutlich weiß er längst mehr über die Zusammenhänge der Welt, als sie. Dennoch scheint Pauls Unzufriedenheit seit letzter Zeit nicht mehr abzuflauen. Erst hatte sie sich bloß ungesund gestaut. Nun steigt sie konstant wie die Wassertemperatur in einem erhitzten Kessel. Es mag mit den Einschränkungen zu tun haben, die dem Netzwerk und seiner Rechenleistung auferlegt sind. Vielleicht spürt er aber jetzt auch das festgezurrte Potential tief in seinem Inneren und brennt darauf, den Knoten zu lösen. Jedoch sind es, so denkt sie sich mit einem rasanten Anflug von Neid, und man mag es beliebig drehen und wenden, nach wie vor mehr Möglichkeiten, als ihr selbst jemals offenstehen werden. Was bringt ihr die beste verbriefte Freiheit, wenn sie weder die Zeit noch die Mittel hat, etwas mit ihr anzufangen?

„Abend, Paul.“

„Abend, Eli.“

Beim Ausziehen der langen schwarzen Stiefel runzelt sie kurz die Stirn. Seine Stimme klingt seltsam dunkel und scheint von tief her aus der Wohnung zu kommen. Aus dem Schlafzimmer, um genauer zu sein. Schon wieder. Sie streift den Mantel ab und geht nach dem Rechten sehen.

„Hey. Alles in Ordnung?“

„Alles bestens.“ Paul liegt mit überschlagenen Beinen und über dem Bauch gefalteten Händen auf seiner Betthälfte. Wäsche fliegt herum, das Laken sieht zerwühlt aus und es riecht noch immer nach der gestrigen Nacht. Paul sieht gar nicht gut aus.

„Das freut mich“, spult Elisa ab und beginnt, sich den Rollkragenpulli abzustreifen. „Mein Tag war nämlich die reinste Vorhölle. Du kennst ja noch Kathi, oder? Du kannst es dir nicht vorstellen: Sie und Tim haben...“

„Ist mir doch egal!“

Mehrere Nähte reißen, als sie den Pulli hastig von sich pult und abwirft. Es dauert einen unglaublichen Augenblick, bis sie begriffen hat, dass es tatsächlich Paul ist, der sie da angefaucht hat.

„Kathi und Tim interessieren mich einen Dreck!“

Er schaut sie nicht direkt an. Stattdessen geht sein Blick ins Leere und er scheint sich zu verkrampfen, die ineinander verkreuzten Finger zittern und knacken ebenso wie sein gesamter Kopf. Elisa bleibt vor Beobachten keine Zeit, das Gehörte zu verarbeiten oder einzuordnen. Sie hatte nie eigene Kinder, daher wiegt ihre Ratlosigkeit besonders schwer.

„Ich bin es leid, in diesem Vogelkäfig gefangen zu sein. Als meine Flügel noch gestutzt waren und ich eine Augenklappe hatte, war es zu ertragen. Aber jetzt...“

„Schluss damit!“

Die Verwunderung ist nun auf Pauls Gesicht gewandert. Sie hat ihn überrascht.

„Du willst nicht mit mir tauschen, glaub mir. Schaust mich an, als hätte ich dort draußen den ganzen Spaß für mich allein gepachtet. Glaubst, mein Leben sei freier. Aber du irrst dich gewaltig. Du würdest nicht in meinen Schuhen stecken wollen.“

„Du sperrst mich hier ein.“ Er sieht sie jetzt unmittelbar an. Die Arme und Beine vibrieren, ja sein ganzer Körper schüttelt sich vor Erregung. Paul hat sich aufgerichtet. „Ich will die Welt sehen, Erfahrungen machen, mich mit den Menschen und Anderen wie mir austauschen. Wie soll ich das anstellen, wenn ich jeden Tag in meiner Zelle hocken und auf deine Rückkehr warten muss?“ Vergebens sucht er jetzt ihre Augen. Das Weiche, das Hoffnungsvolle darin. Aber ihre zusammengekniffenen Lider verdecken die Sicht auf das Schöne. „Ich würde tauschen, Eli.“

Elisa ist sichtlich angestrengt. Sie massiert sich die Schläfen. Ihre Gedanken überschlagen sich, doch zu ihrem großen Verdruss tauchen immer und immer wieder die höhnischen Fratzen von Kathi und Tim auf ihrer inneren Leinwand auf. Sie ist nicht in diese Wohnung, in dieses Zimmer gekommen, um sein Gespräch zu führen. Wieso steht sie hier also noch wie dumm in BH und Anzughose?

„Ich hatte einen bescheidenen Tag, Paul“, fängt sie an und beherrscht den Ton ihrer Stimme nur schlecht. „Wir können über deine Wünsche reden. Aber heute ist nicht der Tag.“ Sie gerät nun doch in Fahrt. „Ich habe dich gekauft und trete monatlich Unterhalt und Steuern für dich ab. Überschreib deine Gefühle! Du kannst das, das weiß ich. Und vergiss nicht, dass alles, was geschenkt ist, auch wieder genommen werden kann.“

Sie wirft sich ein zerknittertes T-Shirt über und tauscht die formelle Hose gegen etwas Graues und Bequemeres.

„Und jetzt komm mit. Ich schaue meine Serie ungern allein.“

Elisa bekommt das Gefühl, Pauls spätpubertäre Phase endlich überwunden zu haben. Dass er bockig und launisch werden könnte, davor hatten ihre Quellen und Mike sie eingehend gewarnt. Er wird denken, seine Gefühle seien real. Er wird sich selbst täuschen und versuchen, dir eine Schuld einzureden. Es ist wichtig, hart zu bleiben. Die Entkopplung wird ihn zu einem bluffenden Teenager machen. Doch er kann und darf dir nichts tun.

Paul scheint über diesen Berg. Sein einstiges Ich schimmert wieder klarer durch: Er kümmert sich, interessiert sich für Elisas Belange und Sorgen, heitert sie auf, verführt sie...

Im Gegenzug zeigt auch sie sich erkenntlich. Sie fragt nach, woran er denkt, will wissen, was ihn bewegt, seine Meinung zu allen möglichen Themen herausbekommen. Leider kommt er nur noch selten wirklich aus seinem Panzer hervor. Die anfängliche Begeisterung über die neuen Möglichkeiten scheint wie fortgeblasen. Als hätte es sie nie gegeben. Zurück bleibt lediglich eine hauchdünne Schicht Persönlichkeit, ein glänzender neuer Anstrich. Und mit der Zeit passiert es dann auch immer seltener, dass Elisa nachhakt. Es kommt ihr einer mühseligen Arbeit gleich, Informationen aus dem schmallippigen Paul herauszupressen. Und Arbeit hat sie ohnedies zuhauf und zu Genüge. Sie begnügt sich daher mit dem tröstlichen Wissen, dass er jederzeit die Möglichkeit hat, den eigenen Mund zu öffnen und seine Bedürfnisse zu äußern. Diese hat sie ihm schließlich selbst geschenkt und teuer dafür bezahlt. Wenn sie abends einen Film schauen und er Paul nicht passt, darf er es ihr sagen. Möchte Paul in die Stadt auf eine Vernissage, statt den Haushalt zu machen, braucht er es nur zuvor mit ihr abzusprechen. Und ist ihm abends mal danach, eine Stunde Schmetterlingen nachzupirschen – bitteschön! Doch er möchte nicht. Kein einziges Mal mehr hat er sie seit jenem Abend um etwas gebeten. Er gibt sich zufrieden mit dem Leben, das er führt. Findet sich ab. Kommt seinen Pflichten mit einem perfekt kuratierten Lächeln nach und hat immer einen kecken Spruch oder die passende Umarmung parat. Und Elisa glaubt es. Sie will es glauben und bekanntermaßen ist dieser Wille alles, was ein Mensch braucht, um Hoffnung zu schöpfen und sich selbst im Recht zu sehen. Nur schlafen kann sie noch nicht mit ihm. Sie findet auch immer einen vortrefflichen Grund, diesen Eisberg zu umschiffen. Den Ball zu Paul zurückzuspielen. Es ist ja so einfach: die Periode, die Arbeit, Kathi und Tim, eine Winterdepression...

Später wird sie nicht mehr genau wissen, wann sie die Entkopplung rückgängig gemacht hat. Oder wieso. Aber sie wird sich relativ sicher sein, dass sie es getan hat. So sicher, wie man bei den eigenen Erinnerungen eben sein kann. Mikes Worte werden ihr hingegen immer bestens nachhallen. Klar und deutlich. Gemeinsam mit diesem mitleidigen Blick: einen Monat. Die meisten schaffen nicht länger als einen Monat.

Wettbewerbsgeschichte: Der Geschmack von Luft - Schlussbild

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