Wettbewerbsgeschichte: Frankensteins Erbe
Frankensteins Erbe Als hätte er geahnt, was vor der Tür auf ihn wartete, erhob sich Dr. Hugo Steinefrank, als es klingelte, wie selbstverständlich aus seinem Sessel in der Bibliothek ohne zu warten...
Frankensteins Erbe Als hätte er geahnt, was vor der Tür auf ihn wartete, erhob sich Dr. Hugo Steinefrank, als es klingelte, wie selbstverständlich aus seinem Sessel in der Bibliothek ohne zu warten...
Frankensteins Erbe
Als hätte er geahnt, was vor der Tür auf ihn wartete, erhob sich Dr. Hugo Steinefrank, als es klingelte, wie selbstverständlich aus seinem Sessel in der Bibliothek ohne zu warten bis seine Haushälterin Frau Berghof zur Tür gehen würde, und ging durch die Halle, um die Tür zu öffnen. Die eisige Kälte des Winterabends schlug ihm zwar ins Gesicht, aber erst der Anblick der riesigen Gestalt, die in dieser Kälte im Schneegestöber vor der Tür stand, raubte ihm den Atem, und ließ das Blut in seinen Adern gefrieren, als diese einen Schritt auf ihn zumachte. Sein Gesicht hatte die Gestalt unter einer weiten Kapuze verborgen. Doch allein die Größe dieser Gestalt ließ Dr. Steinefrank erschaudern, als würde die Ahnung nach ihm greifen. Als würde ein Teil von ihm wissen, wer oder besser was da vor ihm stand.
„Guten Abend Doktor“, rasselte die Stimme der Gestalt, die durch den breiten Rahmen der großen Flügeltür drängte.
Dr. Steinefrank wich zurück in die Halle. Dass er überhaupt an die Tür gegangen war, und er sie auch noch eigenhändig geöffnet hatte, wich erheblich von seiner abendlichen Routine ab. Irgendetwas jedoch hatte ihn dazu getrieben, sich von seinem Sessel zu erheben, durch die Bibliothek zu eilen und die Tür höchstselbst zu öffnen.
„Ich habe Sie lange gesucht und jetzt bin ich hier“, fuhr die Gestalt fort und schaute auf Dr. Steinefrank herab, der deren Gesicht noch immer nicht sehen konnte.
„Wer sind Sie und was wollen Sie?“, fragte Dr. Steinefrank und zwang sich, ruhig zu atmen und langsam zu sprechen und nicht in seinem eigenen Haus ängstlich zu wirken.
„Sie sind Dr. Hugo Frankenstein“, sagte die Gestalt, und es hörte sich wie eine Feststellung an.
„Nein, mein Name ist Dr. Steinefrank“, sagte er und wähnte sich schon in Sicherheit, da es sich offenbar um eine Verwechslung handelte.
Mit solchen Gestalten, wie eine vor ihm stand, hatte er nichts zu schaffen und sie würden es nicht wagen, an seiner Tür zu klingeln.
„Steinfrank.“ Der Kopf schien sich unter der Kapuze zu bewegen. „Das ist der Name Ihrer Mutter. Und Ihrer Großmutter. So haben sie sich genannt. Um die Erinnerung zu wahren.“
„Was reden Sie da? Ich verstehe nicht.“
„Ihr richtiger Name, Dr. Steinefrank, ist Frankenstein. Dr. Hugo Frankenstein. Der erste männliche Nachkomme von Dr. Victor Frankenstein.“
„Was reden Sie da für einen Unsinn?!“
„Sie sind ein Nachkomme von Dr. Victor Frankenstein. Und Sie werden mir helfen. Weil Sie es können. Und weil Sie es wollen. Sie sind fast soweit. Ihre KI entwickelt sich schnell. Schneller als erwartet. Nicht wahr?“
Das Äußere dieser Gestalt, die Größe und die Bedrohung, die von ihr ausging, war nicht in Einklang zu bringen mit der Art, wie sie sprach. Ganz abgesehen von dem, was er sagte.
„Sie müssen sich irren!“
„Nein. Ich irre mich nicht. Darf ich hereinkommen?“, sagte die Gestalt überflüssigerweise, denn sie stand bereits im Haus von Dr. Hugo Steinefrank, der nicht in der Lage gewesen wäre, diesem Mann den Zutritt zu seinem Haus zu verwehren, ihn am Betreten zu hindern oder ihn gar hinauszuwerfen. Auch Frau Berghof, die gerade das Abendessen zubereitete, hätte nur herumgestanden oder sofort geschrien, wenn Dr. Steinefrank sie um Hilfe gerufen hätte, und sie diese monströse Gestalt in der Halle hätte stehen sehen. Ein Teil von ihm war neugierig. Als wäre es mehr als nur eine Ahnung, die nach ihm griff.
„Wer sind Sie?“, fragte Dr. Steinefrank erneut. „Und was wollen Sie? Ich habe kein Bargeld im Haus. Wenn es das ist, was Sie wollen.“
„Geld?! Deswegen bin ich nicht hier. Sie werden vollenden, was Frankenstein begonnen hat. Ihr Vorfahre. Sie sind dazu in der Lage, das aus mir zu machen, was meine Bestimmung ist. Das, was ich schon immer sein soll. Sie machen mich zu dem, der ich bin. Sie haben die Möglichkeit und Sie haben den Willen.“
Dr. Steinefrank starrte die Gestalt vor ihm an, die nicht viel Menschliches zu haben schien. Nicht nur wegen der Größe.
„Mein Vorfahre? Victor Frankenstein? Das muss ein Missverständnis sein, eine Verwechslung.“
„Nein“, sagte die Gestalt. „Keine Verwechslung.“ Dann hob er seine Arme und Dr. Steinefranz konnte die großen Hände dieser Person sehen, und die Narben. Er zog die Kapuze, die bisher sein Gesicht verhüllte, nach hinten.
Dr. Hugo Steinefranz erstarrte.
„Ist das möglich?“, schnappte er nach Luft.
Trotz des gedimmten Lichtes in der Halle konnte Dr. Steinefrank deutlich die Narben am Hals der Gestalt sehen, und er sah jetzt auch sein Gesicht. Ein kalter Schauer lief ihm den Rücken herunter. Gerade so als packte ihn eine kalte feingliedrige Hand im Nacken.
„Nein!“, stöhnte er, wie um sich selber noch eine Möglichkeit offen zu halten, dass nicht wahr sein konnte, was er mit eigenen Augen sah.
Er stand vor ihm. Leibhaftig. Es, die Kreatur, das Monstrum in Menschengestalt, der Unhold. So hatte es seine Großmutter genannt. Geformt von der Hand des Dr. Victor Frankenstein, geschaffen und sich selbst überlassen.
War es also doch wahr, was ihm seine Großmutter erzählt hatte? Es war gar keine Geschichte, sondern die Wahrheit?
„Nein“, flüsterte Dr. Steinefrank noch einmal und schüttelte den Kopf, „das ist nicht möglich. Du bist nur eine Geschichte. Du bist im Eis verschollen. Du bist tot und vergessen, im ewigen Eis erfroren und krepiert.“
„Nein, ich kann nicht sterben. Ich wurde aus Toten erschaffen. Zum Leben erweckt. Ich bin das Geschöpf von Victor.“
„Das kann nicht sein“, er schüttelte den Kopf.
„Doch. Victor ist mein Schöpfer, aber er ist nie Herr über mich gewesen. Niemand ist jemals Herr über mich gewesen. Ich diene niemandem. Ich werde auch dir nicht dienen. Du wirst mir dienen.“
„Oh, mein Gott“, stöhnte Dr. Steinefrank und vergrub das Gesicht in den Händen. „Ich habe es immer geahnt, aber nicht für möglich gehalten. Ich hatte schon immer diese Träume. Meine Großmutter hat mir diese Geschichte erzählt, als ich noch ein kleines Kind war. Von einem Dr. Frankenstein und seiner Kreatur. Die er aus Teilen von Leichen zusammengesetzt hatte und mit Hilfe von Elektrizität zum Leben erweckt hatte. Doch bei dessen Anblick er kopflos und angewidert floh. Meine Mutter hat mit ihr geschimpft. Aber Großmutter sagte, der Junge müsse das hören und wissen. Ich dachte, es wäre nur eine Geschichte. Eine Gruselgeschichte für Kinder, die nicht schlafen können. Und dann noch weniger einschlafen können. Sie saß in ihrem großen Sessel vor dem Kamin, und ich lag auf dem Teppich und hörte zu.“
„Nein, ich bin keine Geschichte. Ich habe eine Geschichte, ja. Und die will ich jetzt vollenden.“
„Aber dann bist du“, Dr. Steinefranz überlegte, „dann bist du über zweihundert Jahre alt.“
Die Kreatur nickte.
„Ja, ich hatte viel Zeit, mich umzuschauen, zu lernen und zu beobachten.“
„Aber du“, erschaute ihn genauer an. „Du bist nicht ganz so …“
„Hässlich, widerwärtig und unerträglich wie sie dir erzählt haben.“
Dr. Steinefrank nickte vorsichtig.
„Ich habe die Dienste des einen und des anderen Chirurgen in Anspruch genommen, um zu korrigieren, was möglich war.“
„Plastische Chirurgie?“, fragte Dr. Steinefrank verblüfft.
„Du ahnst anscheinend nicht, was heute möglich ist. Aber alles geht doch nicht.“
Dr. Steinefrank schaute das Wesen vor sich an.
„Sie haben erzählt, dass die Menschen bei deinem Anblick in Ohnmacht gefallen und sogar gestorben sind, so unansehnlich musst du ausgesehen haben.“
„Das ist wahr. Victor war es egal, wie ich aussehen würde, er wollte nur beweisen, dass er es konnte. Er wollte mich erschaffen … und dann … ist er vor mir geflohen. Hat mich allein gelassen. Er hatte Angst vor mir. Er ertrug meinen Anblick nicht, und er erkannte, was er da geschaffen hatte.“
„Dr. Steinefrank?“, rief Frau Berghof aus der Küche. Dr. Steinefrank zuckte zusammen. „Das Essen ist gleich fertig.“ Ihre Schritte näherten sich.
Dr. Steinefrank erhob sich und sagte: „Schnell. Komm. Sie darf dich nicht sehen.“
Er ging voraus durch die Bibliothek in sein Arbeitszimmer.
„Warte hier. Ich komme so schnell zurück, wie ich kann.“
Dr. Steinefrank wollte sich schon umdrehen und gehen.
„Hugo!“, raunte die Kreatur und sah ihm ihn die Augen. „Überlege dir genau, was du jetzt tust. Handle nicht voreilig und unüberlegt. Denke daran. Ich hatte viel Zeit, dich und deine Familie zu beobachten.“
„Was willst du damit sagen?“
„Du hast eine Tochter. Und du hast einen Sohn. Charlotte studiert in Berlin und Victor in München.“ Er nannte die aktuellen Adressen seiner beiden Kinder und deren Telefonnummern. „Charlotte ist eine sehr hübsche und sehr intelligente junge Frau und Victor ein aufstrebender junger Mann. Es wäre doch schade, wenn ihnen etwas zustoßen würde.“
Dr. Steinefrank starrte ihn an.
„Ich habe Anweisungen gegeben. Die werden ausgeführt, wenn ich mich nicht mehr melde. Also handle überlegt.“
„Du bist nicht allein, was soll das heißen?“
„Das wirst du schon noch erfahren.“
Sie hörten Schritte.
„Dr. Steinefrank, das Essen wartet.“
„Ich bin gleich wieder zurück“, sagte Dr. Steinefrank, drehte sich um und verließ das Arbeitszimmer. Als er die Bibliothek durchquerte, kam ihm Frau Berghof bereits entgegen.
„Hier sind Sie!“ Sie schaute ihn an, als würde sie etwas sehen, was sie nicht verstand. „Hat es eben geklingelt?“
„Was? Äh. Nein. Ich habe nichts gehört.“
„Ich meinte Stimmen gehört zu haben.“
„Ich habe Nachrichten gehört“, sagte er.
„Nachrichten?“, fragte Frau Berghof, hakte jedoch nicht nach, sondern ging nur kopfschüttelnd und etwas vor sich hinmurmelnd hinaus.
Er folgte ihr ins Esszimmer und aß hektisch zu Abend, ohne Appetit und ohne zu schmecken, was er in sich hineinschlang.
Nach dem Essen verabschiedete er sich von Frau Berghof.
„Ich werde noch arbeiten. Sie können dann gehen, wenn Sie fertig sind. Und bitte stören Sie mich nicht. Sollte das Telefon gehen. Ich bin nicht erreichbar. Für niemanden.“
„Sie müssen mehr auf sich achten“, sagte Frau Berghof noch, aber da war Dr. Steinefrank bereits aus dem Esszimmer hinausgestürmt, durchquerte die Halle und eilig die Bibliothek und betrat das Arbeitszimmer.
„Was willst du von mir?“, zischte Dr. Steinefranz, nachdem er die Tür zur Bibliothek geschlossen hatte, und stellte sich vor die Gestalt, die zwar ein Mensch zu sein schien, die jedoch nicht existieren konnte und durfte.
Dr. Steinefranz stand wie vor einer Wand. Er hörte ihn atmen und er fragte sich, ob sein Herz wohl schlug. Und ertappte sich bei dem Gedanken, sein Ohr an dessen riesigen Brustkorb zu legen, um das Herz schlagen zu hören. Oder ein Räderwerk. Oder das Summen eines elektrischen Motors.
„Was ich von dir will, Dr. Frankenstein?“
„Nenn mich nicht so!“
Die Kreatur trat einen Schritt auf Hugo zu. „Das weißt du ganz genau. Lassen wir diese Spielchen. Stell dich nicht dümmer als du bist.“
„Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst.“
„Du bist Dr. Frankensteins Sohn. Sein Erbe. Du führst sein Erbe fort. Und du bist gut. Besser noch als Victor. Ob du es willst oder nicht. Ich weiß, was du tust. Oder besser, versuchst zu tun. Bisher ist es dir nur kläglich gelungen. Das falsche Material. Und Roboter reichen dir nicht aus, sie sind keine Herausforderung für dich.“
Dr. Steinfranz blinzelte.
Die Gestalt ging an Dr. Steinefranz vorbei und trat vor eines der Regale. Er hob die Hand, nahm ein Buch heraus und tippte ein paar Zahlen in ein Zahlenfeld, das hinter den Büchern verborgen war und in die Wand eingelassen war.
Dr. Steinefranz erstarrte.
„Woher weißt du das?“
„Ich habe doch gesagt, ich hatte viel Zeit, und ich habe viel beobachtet“, sagte er, und dann machte es leise klack und ein Regal löste sich von der Wand und schwang etwas nach vorn. Er legte seine riesigen Hände an den Rahmen des Regals und zog es auf. Hinter der Tür führte eine Treppe nach unten. „Nach dir, du kennst ja den Weg. Dr. Frankenstein.“ Mit einer Geste seiner Hand forderte er Dr. Steinefranz auf, hinunterzugehen.
Der zögerte.
„Ich weiß, woran du arbeitest und was uns dort unten erwartet.“
Dr. Steinefranz zögerte noch immer.
„Mich kannst du damit nicht schockieren. Ich habe die Menschen in den vergangenen Jahrzehnten besser kennengelernt als mir lieb ist. Und: Denk an deine Tochter und an deinen Sohn. Dr. Frankenstein.“
Dr. Steinefranz gab es auf, ihn darauf hinzuweisen, dass er nicht Dr. Frankenstein hieß, sondern Dr. Steinefrank. Er schaute diese Kreatur, es, dieses Monstrum hasserfüllt, aber auch neugieriger an als ihm recht war. Er betätigte einen Schalter und das Licht hinter dem Regal ging an, er stieg die Treppe hinab.
Das Monstrum folgte ihm. Dr. Steinefranz ging weiter nach unten und spürte das Gewicht des Riesen hinter sich. Die Treppe wackelte. Am Ende der Treppe führte sie ein Gang zu einer Tür.
„Bitte!“, sagte die Kreatur.
Dr. Steinefranz legte seinen Daumen auf ein Display und die Tür öffnete sich. Er drückte sie mit der Hand auf und beide betraten den riesigen Raum. Das Licht ging automatisch an. Neonlampen tauchten den Raum in helles Licht.
„Da sind wir also, Dr. Frankenstein.“
Es schien ihm Freude zu bereiten, Dr. Steinefranz so zu nennen.
„Dein Laboratorium.“
„Was ist damals in Ingolstadt passiert?“, fragte Dr. Steinefranz.
Das Monstrum drehte sich zu ihm.
„Den Teil der Geschichte haben sie wohl ausgelassen. Der war nichts für die Ohren eines kleinen Jungen? Aber das Monster war in Ordnung. Tja. Was soll ich sagen. Menschen sind eben Menschen. Keine Roboter. Victor vergnügte sich mit der Tochter seines Zimmerwirtes, sie wurde schwanger. Sie bekam eine Tochter, nachdem Victor die Stadt verlassen hatte. Er hat nie etwas davon erfahren. Es schien in seiner Natur zu liegen, zu fliehen, vor den Konsequenzen seines Tuns. Ohne zu wissen, was er tatsächlich getan hatte.“
„Und ich stamme von dieser Tochter ab?“
„In direkter Linie. Du bist nun der erste männliche Nachkomme. Victor, dein Sohn, ist der nächste. Aber ich brauche dich und deinen Freund Dr. Meerbusch. Deinen Kindern muss nichts geschehen, wenn du tust, was ich sage. Du kannst es. Und du willst es. Du willst sehen, dass es funktioniert. Nicht wahr? Es ist einfach der nächste Schritt. Es wird funktionieren.“
„Was willst du?“
Die Kreatur drehte sich um und ging zielstrebig zu den beiden Türen, die sich auf der rechten Seite befanden.
Er blieb vor einer Tür stehen und schob die Klappe zur Seite, die sich in der Tür befand. Er musste den Kopf neigen um hineinschauen zu können.
„Du bist Victor sehr ähnlich, weißt du das?!“, sagte er und drehte sich wieder zu Dr. Steinefranz. „Gewissenlos und brilliant. Deiner Zeit weit voraus. Rücksichtslos und nur dem Ziel verpflichtet. Wie dein Freund auch.“
Er öffnete die Tür. Er schaut hinein.
„Die Randfiguren der Gesellschaft, die niemand vermisst, wenn sie nicht mehr unter der Brücke liegen oder in den Parks der Städte und in den Eingängen der Kaufhäuser herumlungern. Und du handelst in dem Glauben, ihnen und den Menschen einen Dienst zu erweisen. Dabei dienst du nur einem. Dir selber! Wie Victor.“
Er betrat den kleinen Raum. Der Mann, der dort auf einem Stuhl saß, erhob sich und riss die Augen beim Anblick der Kreatur auf. Diese ging schnell auf den Mann zu, legte eine seiner riesigen Hände um den Hals des Mannes, hob ihn an und drückte zu, ohne dass es ihn anzustrengen schien. Die Augen des Mannes wurden noch größer, seine Hände griffen nach dem Arm der Kreatur, sein Körper zuckte und er strampelte mit den Beinen, dann verloren seine Augen ihren Glanz und Sekunden später sackte der Mann leblos auf den Boden.
„Den brauchen wir nicht mehr.“
Fassungslos und schweigend, aber doch widerwillig fasziniert starrte Dr. Steinefranz die Gestalt an und sah, wozu er fähig war.
„Eure Technologie hat sie überfordert. Sie wären wahnsinnig geworden. Oder sind wahnsinnig geworden, habe ich recht?!“
Dr. Hugo Frankenstein nickte.
„Mein Geist und mein Verstand haben viele Jahrzehnte Zeit gehabt, um zu reifen und sich zu entfalten. Ich bin bereit für eure Technologie. Oder besser: Sie ist bereit für mich. Um meinen Geist und meinen Verstand seiner Bestimmung zuzuführen. Und du wirst es tun, weil du es kannst und weil du sehen willst, dass du recht hattest mit deiner Forschung. Deine Programmierungen sind hervorragend. Dein Algorithmus ist hervorragend. Deine KI ist bereit für mich.“
Er ging zu dem zweiten Raum, in dem eine Frau saß und öffnete die Tür. Der Wahn stand ihr bereits ins Gesicht geschrieben. Sie schaffte es nicht mehr zu schreien, so schnell war die Kreatur bei ihr, um sie zu erlösen. Das Leben erlosch schweigend in ihren Augen.
„Und nun rufst du Dr. Meerbusch an, er soll kommen. Sag ihm, du hast jemanden, der perfekt ist.“
„Du weißt tatsächlich, was wir hier tun?“
Er schaute ihn an.
„Ja. Und ich muss sagen, ich bin beeindruckt. Ihr hab es geschafft, den Menschen zu modifizieren. Ihr nutzt Nanotechnologie und KI, um Menschen zu optimieren. Ihr habt die Grenzen des menschlichen Geistes und Verstandes überschritten. Ihr seid auf dem besten Wege, den neuen Menschen zu erschaffen. Einen Menschen, der modernste Technologie optimal nutzt. Heute haben die Unsterblichkeit und der Ruhm an deine Tür geklopft. Das bin ich, ich bin die Tür. Das ist meine Bestimmung, es ist schon immer meine Bestimmung gewesen, und es ist deine Bestimmung, Dr. Hugo Frankenstein, mich zu dieser Bestimmung zu führen.“ Es versuchte zu lächeln. „Ich werde dein Geschöpf sein, aber du wirst niemals Herr über mich sein.“
„Du bist kein Mensch.“
„Bist du ein Mensch?“
„Du kennst die Risiken?“
„Die gelten für mich nicht.“
„Sicher?“
„Ich bin kein lebendiges Wesen, kein Mensch, der Schmerz oder Trauer fühlt. Mich kannst du nicht töten. Ich habe nie gelebt. Ich bin im Grunde eine Maschine. Nicht lebendig.“
„Und doch bist du hier, nach all den Jahren.“
„Ja, ich bin hier. Dr. Frankenstein. Worauf wartest du? Ruf ihn an.“
Es bedurfte keiner großen Überredungskunst seinen Freund davon zu überzeugen, herbeizueilen. Lediglich beim ersten Anblick der Kreatur zuckte er etwas zusammen, doch nach ein paar erklärenden Worten verfiel Dr. Meerbusch in Routine. Beide hatten das, was sie in den nächsten Stunden tun würden, bereits viele Male gemacht. Bisher erfolglos. Sie hatten keine Leichenteile zusammengesetzt, sondern lebendige Exemplare unter dem Vorwand, ihnen helfen zu wollen, in Dr. Frankensteins Haus gelockt. Nur wenige Male mussten sie nachhelfen.
„Dr. Frankenstein?!“, sagte die Kreatur, als Dr. Meerbusch nach einem der Skalpelle griff. Es lag auf einem breiten Tisch. „Denk daran, egal, was du tust, oder er“, er schaute Dr. Meerbusch an. „Es wird Konsequenzen haben. Wenn du irgendetwas versuchst, dann wird deine Tochter nicht mehr aufwachen.“
Dr. Frankenstein nickte.
„Und ich vermute mal, du bist viel zu neugierig, um etwas in diese Richtung zu unternehmen.“
Zuerst spritzten sie der Kreatur das Serum, das das Altern der Zellen hemmte, obwohl sie davon ausgingen, dass das bei ihm nicht nötig war, das Serum förderte außerdem das Wachstum der Hirnzellen. Da die Kreatur nicht narkotisiert werden musste, erklärten sie jeden Schritt.
„Auch wenn es überflüssig ist, weil ich die Schritte kenne“, sagte es, „mach ruhig weiter, erzähle es mir, wenn es dich beruhigt.“
Dann schnitt Dr. Meerbusch in Nacken die Haut und das Gewebe auf und legte die Halswirbelsäule frei. Sie verbanden die bereitliegenden Chips mit den Nervensträngen und implantierten zwei weitere Minichips an den Nervensträngen im Hals. Die Spritzen mit denen sie bei den anderen Nanopartikel injizierten, die sich mit der DNA der Kreatur verbanden und die Gene in der gewünschten Art und Weise veränderten, ließen sie weg. Das erschien ihnen nicht nötig. Auch weil die Kreatur die DNA von mehreren Menschen hatte.
„Und du bist dir sicher, dass du weitergehen willst?“, fragte Dr. Frankenstein.
„Weiter.“
Dr. Frankenstein dachte nicht an seine Tochter. Er dachte daran, dass es nun endlich wahr werden würde. Sein Geschöpf würde sich in wenigen Augenblicken von diesem Tisch erheben und Großes vollbringen und ihm, Dr. Hugo Frankenstein, wie er sich nun nennen würde, würden Ruhm und Ehre zu Teil.
Er würde die erste menschliche Maschine erschaffen haben. Dank seines Vorfahren. Dank Dr. Victor Frankeinstein. Intelligenter und effizienter als jeder Mensch je sein würde und als jede KI bisher war. Sie nähten die Haut zu.
„Endlich!“, flüsterte Hugo und ging zu seinem Computer und aktivierte die KI.
Das Monstrum erhob sich und schaute Hugo an und dann an ihm vorbei als würde er dort etwas sehen. Seine Augen bewegten sich hin und her.
„Es funktioniert, ich habe Zugriff auf alles, was im Internet gespeichert ist. Sämtliche Datenbanken und Speicher. Privat und staatlich.“
Er versuchte wohl zu grinsen, verzog jedoch nur das Gesicht.
„Was haben wir getan?“, sagte Dr. Meerbusch noch, bevor sich die Hand des Monstrums um seinen Hals legte und zudrückte bis sein Körper leblos zusammensackte.
Das Monster richtete sich auf und stand neben Dr. Frankenstein.
„Ich habe keinen Herrn, auch wenn ich euer Geschöpf bin.“
Dr. Frankenstein schwieg.
Das Monstrum sah ihn an.
„Hast du dich nie gefragt, wie deine geliebte Frau Sabine gestorben ist? Hast du dich nie gefragt, wo ihre Leiche geblieben ist?“
Dr. Frankenstein starrte ihn an.
„Um deine Kinder musste du dir auch keine Sorgen mehr machen.“
„Was meinst du?“
„Du wirst damit leben müssen.“
Dr. Frankenstein wich zurück und schrie: „Nein! Was hast du getan?“
„Ich? Nein. Nicht ich. Was hast du getan?“
Das Monstrum sah die Angst und die Panik in Hugos Gesicht.
„Dafür ist es jetzt zu spät. Du wirst leben. Und sehen, was du geschaffen hast.“
„Oh mein Gott, was haben wir nur getan?“
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