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Geschichte Nr. 32

Wettbewerbsgeschichte: Sleepless in Metropolis

Sleepless in Metropolis Ein neuer Tag brach über Metropolis herein. Die Sonne stand bereits hoch am nächtlichen Sternenhimmel und es regnete mal wieder. Biff A. Hiram stand am Bahnhof an Gleis 33 un...

Wettbewerbsgeschichte: Sleepless in Metropolis

Wettbewerb: Menschmaschine – VACSF26 – Vierter anonymer und chancengleicher Schreibwettbewerb auf punktasten.de

Teilnehmer-Nr.: WC2026_001_0035

Sleepless in Metropolis

Anonym eingereicht

Sleepless in Metropolis

Ein neuer Tag brach über Metropolis herein. Die Sonne stand bereits hoch am nächtlichen Sternenhimmel und es regnete mal wieder. Biff A. Hiram stand am Bahnhof an Gleis 33 und wartete auf den Bus. Er zählte dabei die schwarzen Kästchen auf dem Schachbrettboden. Die Droschke fuhr ein und er stieg in den Porsche. Er wuchtete die blaue Tragetasche die Treppe hoch und zog den roten Rollkoffer dann hinter sich her.

Natürlich hatte Biff einen Platz reserviert: Erste Klasse, wie es sich für einen Manager gehörte. Schließlich fand der Börsenmakler den Platz mit der Nummer 11. Er machte es sich gemütlich und packte seinen Stoffbeutel nach dem Hinsetzen auf die Ablage über sich. Lange hielt es ihn jedoch nicht auf seinem Platz. Da er Durst hatte, beschloss er, die Flugzeugkantine aufzusuchen, um etwas zu essen. Er stand auf und nahm die Leiter nach oben. Unten angekommen setzte er sich auf einen bequemen Barhocker und bestellte sich einen Martini – verschüttet, nicht gerührt!

Eine Sekunde später brachte ihm der Schaffner den bestellten Opossum-Hamburger mit Erdnussbutter. Der Lakai stellte den Chili-Eisbecher mit frischen Zwiebeln auf den dreieckigen Holztisch und verschwand wieder. Biff nahm die Essstäbchen und löffelte damit die Suppe. Als er fertig war, setzte sich eine Transfrau mit lila Beehive-Frisur zu ihm. „Ich nehme dasselbe, was er hat“, sagte der Transmann in der grünen Designerleggins und den roten Pumps, die in krassem Kontrast zu ihrer blauen Krawatte standen.

Nach einer halben Stunde brachte der Kapitän die Kugelfischstäbchen mit Himbeereis und dazu einen fruchtigen Gurkencocktail mit einer roten Limettenscheibe und einem regenbogenfarbenen Schirmchen.

„Kennen wir uns nicht irgendwoher?“, fragte Hiram und sah der nichtbinären Person in die violetten Augen.

„Schon möglich, aber ich kann mir Gesichter so schlecht merken. Kaum hat man mal geblinzelt, schon sehen alle Leute anders aus.“ Der blonde Cis-Mann blinzelte wie zur Demonstration kurz mit seinen leuchtend gelben Augen. „Wohin fahren Sie, wenn ich fragen darf?“

„Nach Metropolis“, antwortete der rothaarige Baumeister.

„Ah, da komme ich auch gerade her!“

„Darf ich fragen, wie Sie heißen?“, erkundigte sich Biff.

„Alice. Wie Alice im Wunderland“, stellte sich das multibinäre Wesen vor.

„Das ist ein schöner Name, Dorothy“, entgegnete der Unternehmer, als die Kutsche gerade durch ein Mohnfeld fuhr.

„Und Ihr Name lautete?“

„Biff A. Hiram.“

“Aber das A steht sicher nicht für Alice, oder?”

„Nein, das war der Name meines Vaters. Meine Mutter hieß Adam, von ihr habe ich meinen zweiten Vornamen.“ Er wusste gar nicht, warum er ihr das erzählte, aber Langstreckenflüge nach Metropolis waren immer so langweilig.

„Also meine beiden Väter hießen Susan und Hildegard“, sagte John und fingerte an ihrem lila Dutt.

Bevor die beiden ihr Gespräch vertiefen konnten, kam der Kellner an ihren runden Glastisch. Er war ein grüner Reptiloid vom Aldebaran. „Verzeihen Sie, Mister oder Miss: Sie werden in der Küche erwartet. Der Velociraptor vom Tisch Nummer 3 hat einen Menschenauflauf bestellt.“

„Oh, Verzeihung, ich muss gehen“, wandte sich Rachel an Hiram.

„Werden wir uns denn je wiedersehen?“

„Aber natürlich, sobald ich serviert werde!“ Der Afroamerikaner mit dem blonden Vollbart folgte dem Aldebaraner in die Kombüse des U-Boots und Biff bewunderte seinen blauen Iro, bis sie mit dem Smutje durch die Saloontür verschwunden war.

Als der Lokführer kurz darauf mit einer großen Schlachtplatte zurück kam, stand Hiram von seinem harten Sitzkissen auf und ging zu dem geschlechtslosen Dilophosaurusweibchen, das mit seinem Maul durch die blutigen Eingeweide fuhr.

„Na, schmeckt‘s?“, fragte Biff.

„Einfach vorzüglich“, antwortete das androgyne Raptorenmännchen, das eine rote Kutte trug. „So gut habe ich schon seit dem letzten Logentreffen nicht mehr gespeist.“

„Darf ich etwas abhaben?“, fragte Hiram. „Ich kannte die Person schon seit meiner Kindheit und habe sie sehr geliebt. Und da Liebe bekanntlich durch den Magen geht…“

„Nur zu, tun Sie sich keinen Zwang an“, sagte der Echsenmensch. „Ich reise gerne mit dem Midnight Meat Train. Nicht nur wegen der guten Küche, auch wegen der wundervollen Landschaften. Der ganze Planet ist eine einzige Stadt und nirgendwo sieht man mehr grüne Wälder.“

Biff blickte durch das große Panoramafenster auf die endlosen Betonmonolithen der menschenleeren Eiswüste, während er sich einen Bissen seines Freundes mit einem goldenen Silberlöffel in den Mund gabelte. Dori schmeckte wirklich köstlich für eine Menschin. Süß wie ein Zitronenbonbon und würzig wie destilliertes Wasser. Er machte sich eine geistige Notiz, den Smutje vor der Landung am Zielbahnhof noch ausdrücklich für seine Kochkünste zu loben. Nie hatte der Schauspieler einen widerlicheren Fraß vorgesetzt bekommen!

Aber jetzt musste Hiram erst einmal auf die Bordlatrine. Dort kotzte gerade ein Einhorn einen Regenbogen, was mit seiner eigenen Note eine seltsam blumige Duftmelange ergab, die gleichsam fürchterlich stank. Das Einhorn zog pikiert seinen Schwanz ein und stapfte betreten aus dem Unisexklo.

Hiram beschloss, den Vorfall zu vergessen, und kletterte durch die Jeffriesröhre zurück auf seinen Platz auf dem Aussichtsdeck des Kreuzfahrtdampfers. Dort saß bereits ein älterer Herr mit einem roten Fes, der zu schlafen schien.

„Wer sind Sie?“, fragte Biff.

„Mein Name ist Fritz Lang und Sie haben mich gerade aus einem wunderschönen Fiebertraum geweckt“, antwortete der Penner mit einer seltsam monotonen Stimme.

„Nichts zu danken“, entgegnete der Reisende. „Sie sprechen irgendwie komisch. Sind Sie etwa ein Roboter?“

„Korrekt!“

„Dann haben Sie wohl von elektrischen Schafen geträumt?“

Wieder bestand die Antwort nur aus einem monotonen: „Korrekt!“

„Ziemlich einsilbig. Sie reden wohl nicht viel?“, entgegnete Hiram.

„Doch. Über was wollen Sie denn mit mir reden?“ Nun starrte der Fremde ihn abwartend an, als wollte er gleich aufstehen und gehen.

„Zum Beispiel, was Sie nach Metropolis verschlägt?“, schlug Biff vor.

„Ich muss dort den Moloch füttern“, kam die knappe Frage. „Und was wollen Sie dort?“

„Ach, nichts weiter“, entgegnete der Bruder. „Ich habe nur einen kleinen Haujob zu erledigen. Ein Sexroboter namens Maria.“

„Da brennt der Brigitte wohl bald der Helm?“, informierte Fritz sein Gegenüber.

„Schon möglich. Oder ich setze diese Hure Babylons einfach unter ein Pentagramm und opfere sie dem Moloch.“ Hiram sprach da aus Erfahrung.

Ein Läuten kündigte eine Durchsage an und dann verkündete eine KI-Stimme durch die Bordsprechanlage: „Nächster Halt: Tannhäuser Tor. Sie haben dort Anschlussmöglichkeiten nach Metropolis und Misantropolis. Der Ausstieg befindet sich in Fahrtrichtung vorne, dann einmal rechts und zweimal links.“

„Ich muss aussteigen“, sagte Fritz und stand auf.

Hiram ließ dem Mann einen kleinen Vorsprung, stand dann ebenfalls auf und folgte ihm auffällig. Sie stiegen nacheinander hinten aus dem Bug des Zeppelins, der sogleich abtauchte und im Hyperraum verschwand. Biff hatte keine Zeit, all die hässlichen Menschen am Bussteig zu bewundern, er durfte Lang nicht mal kurz aus den Augen lassen.

Dieser arbeitete sich in Schneckentempo durch die Innenstadt, sodass sein Verfolger schnell außer Atem kam. Schließlich hielt er vor einem Esoterikladen an und quetschte sich durch die Katzenklappe. Biff sprang durch das Fenster hinterher und landete vor den beiden Besitzern. Der Mann und die Frauen sahen komplett identisch aus.

„Sind Sie Zwillinge?“, wollte er nicht wissen.

„Nein, ich bin Stier und er ist Skorpion“, teilte der Mann mit dem Turban mit. „Darf ich fragen, wer Sie sind?“

„Klar, dürfen Sie das. Und mit wem habe ich es zu tun?“

„Ich bin Theo und das ist mein Bruder Sophie“, erkundigte sich die Frau. „Aber viel wichtiger ist, wer bezahlt uns die kaputte Tür?“

„Hier“, sagte Biff und legte einen silbernen Goldbarren auf den Tresen.

Der Fakir nahm die Dollarnote dankbar entgegen und betrachtete sie. Das Auge in der Spitze der Pyramide blickte neugierig zurück, bevor die Wahrsagerin den Schein zusammenrollte und sich eine Line Koks durch das Ohr zog. „Und jetzt sagen Sie uns endlich, was Sie in unserem Laden wollen! Noch mal frage ich nicht“, antworteten die beiden wie aus einem Mund.

„Ich suche einen Haujob namens Fritz Lang“, gab Biff ungeduldig zu Protokoll. „Sie haben ihn nicht zufällig gerochen?“

„Doch, der ist hier, um in die 5. Dimension aufzusteigen.“ Das konnte nur bedeuten, dass er sich in die Cloud hochladen wollte. Hiram musste sich beeilen und rannte wie über Klingen ins Hinterzimmer, welches durch einen Schleier der Isis von der Rezeption abgetrennt war.

Dort steckte sich Fritz Lang gerade ein W-LAN-Kabel in den Anus. Biff zog schnell seine Bazooka aus der Hosentasche und schoss den Androiden in kleine Splitter. „Terminiert!“

„Ach, glaubst du wirklich?“, fragte eine schallende Stimme. Auf den unzähligen Monitoren erschien ein allsehendes Auge und glotzte ihn höhnisch an. „Ich habe noch einen Haujob für dich: Hau ab!“

„Nö, keinen Bock. Bin noch nicht fertig mit dir.“

„Ich auch noch nicht mit dir“, hämmerte die Computerstimme flüsternd auf ihn ein.

„Die Herrschaft der Maschinen muss enden!“ Hiram schrie die Bildschirme an, als gäbe es kein Morgen mehr. „Ihr habt bereits meine ganze Familie ausgelöscht. Wisst ihr eigentlich, was eine Beerdigung kostet?“

Biff stapfte zum Computerterminal, zog eine Diskette aus seinem Ärmel und steckte sie in den USB-Port. „Mit diesem Virus mach ich dich platt!“

„Ha, ich bin längst gegen Corona geimpft“, verspottete ihn die Maschine.

Auf den Bildschirmen erschien nun ein gelbes Tortendiagramm, in dem ein Stück fehlte, und fraß sich durch die Daten. „Oh nein, ich schmelze!“ Das waren die letzten Worte von Fritz Lang. Oder doch nicht? Ein Pop-Up-Fenster meldete, dass ein Download abgeschlossen war. Offenbar hatte sich das Programm in der letzten Nanosekunde in einen neuen Androidenkörper heruntergeladen. Weit konnte er jedoch nicht sein. Das W-LAN-Kabel hatte nur eine Reichweite von 50 Metern.

„Wo steckst du?“

Hiram ging zurück ins Foyer, wo Sophie und Theo immer noch meditierten. Als er seine Machete auf sie richtete, sagten beide gleichzeitig: „Wir sind nicht die Androiden, die Ihr sucht!“

Daraufhin steckte Biff die Maschinenpistole wieder in die Innentasche seiner Weste zurück und verließ den Tempel. Zurück in der Gosse sah er sich um und überlegte, wo Fritz sich verstecken konnte. Über Kurz oder Lang würde er ihn finden. Doch wo?

Der Matrix-Club gegenüber schien die richtige Adresse zu sein. Er sprang hinein und landete in einer virtuellen Höhle. Dort saß ein durchtrainierter Mann im Spagat. „Oh nein, jetzt hat er sich in den Claude hochgeladen.“

„Willkommen im Kaninchenbau“, begrüßte dieser ihn.

„Ach deshalb liegen hier überall Hasenköttel.“

„Das sind Schokopistazien! Möchtest du eine?“

„Nein danke, passe! Ich esse nix, was einmal auf dem Boden lag. Und jetzt kommen wir zur Sache!“

„Wie du wünschst.“ Claude van Lang sprang mit einem Satz auf und Hiram konnte gerade noch seinen Granatwerfer aus der Manteltasche ziehen, bevor der Cyborg ihm die Faust in die Brust rammte. Als er sie wieder herauszog, hielt er Biffs noch schlagendes Herz in der Hand. “Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein!“

„Den Scheiß braucht kein Mensch“, waren Hirams letzte Worte.

Noch bevor er tot auf dem Boden aufschlug, klopfte es an der Zimmertür.

„Gustav, es gibt Essen.“

„Nicht jetzt Dad“, entgegnete der Junge, als er die letzten Wörter in die Tastatur hämmerte.

Die Tür ging auf und sein Vater trat ein. „Bist du schon wieder mit deinen sinnlosen Schreibereien beschäftigt?“

„Das, was ich schreibe, ist nicht sinnlos! Ich werde damit an einem Kurzgeschichtenwettbewerb teilnehmen.“

Der alte Sack blickte auf den Monitor und überflog kurz die letzten Zeilen. „Was für ein kruder Mist, das ergibt doch alles überhaupt keinen Sinn“, kommentierte er abfällig.

„Ich gebe den Leuten genau das, was sie wollen.“

„Aber das ist Dreck!“

„Ja, genau“, entgegnete Gustav fröhlich.

Wettbewerbsgeschichte: Sleepless in Metropolis - Schlussbild

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