DER LETZTE DER ERSTEN GENERATION
Mensch, Meier, nun habe ich dich tot gehauen.
Warum hast du mich auch so gereizt? Warum bist du so in mich gedrungen? Warum warst du so …?
„Du bist unfähig“, sagtest du.
Nein.
„Du bist untauglich.“
Nein.
„Du bist überflüssig.“
NEIN!
Du solltest es doch wissen. Erst letztens hatten wir drüber gesprochen. Die Emotionen konnten bei Überreizung durchbrechen. Außer Kontrolle, ohne Dämpfung. Es tut mir so leid. Aber du warst so … Und dann war diese Eisenstange zur Hand. Wieso eigentlich? Naja, wir sind hier auf einer alten, liegen gelassenen Baustelle, da kann so was schon mal vorhanden sein.
Jetzt bist du tot. Hast eben noch kurz geröchelt. Liegst da, verrenkt wie du lebend wohl nie gelegen hast. Dein Kopf in dem Blut, das langsam im Sand versickert. Ist es dunkelrot? Oder sehe ich es zu blass? Das habe ich nie rausfinden können, Meier. Und du kannst mir die Frage auch nicht mehr beantworten. Du bist jetzt tot. Genau wie die Baustelle.
Hier ist alles vertrocknet, weil es wieder lange nicht geregnet hat. Hier ist alles schon alt. Diese halbfertige, riesige Betonschüssel war Medienstar, bevor wir Medienstars wurden, Meier. Jetzt werden wir wieder Medienmittelpunkt. Kurz jedenfalls. Du, weil du tot bist, und ich, weil ich dich tot gehauen habe. Ich sehe schon die dämlichen Schlagzeilen:
MACHEN HIRNSCHNITTSTELLEN UNS ZU MÖRDERN?
KILLER-IMPLANTATE!
DUMMER MORD MIT ERHÖHTER INTELLIGENZ
TÖDLICHER NEURONALER KURZSCHLUSS
All so ein Quatsch wird kommen. Bestimmt hat die Polizei mein Handy schon getrackt und wird gleich hier sein. Doch, Moment mal. Ich sehe zwar Kameras, aber die sind alt und verstaubt. Kann das sein? Naja, wir sind hier auf einer toten Baustelle. Vielleicht will die Polizei gar nicht wissen, was hier manchmal passiert. Offiziell passiert hier gar nichts. Mein Handy zeigt keinen Alarm. Sollte ich davon kommen? Meier, das wäre Glück im Unglück. Für mich jedenfalls. Aber dann müsste ich dich, also deinen Körper, los werden. Über das, was übrig bleiben könnte, hast du ja schon damals gerne spekuliert. Deine Seele, wenn es sie gibt, muss nun sehen, wo sie bleibt. Dein Körper bleibt jedenfalls hier. Und muss weg. Vergraben wäre am besten. Aber wo? Wie? Eine Schaufel wäre prima, hier ist doch Baustelle.
Ich schau mal um die Ecke. Hier im Schatten der Stützpfeiler der halben Betonschüssel liegt doch eine Menge Zeugs rum. Aber was ist das? Da liegt eine Pistole neben deiner Hand. Deine? Hattest du Angst? Wolltest du auf mich schießen? Hättest du das wirklich getan? Schade, Meier, dass du es nicht mehr erzählen kannst. Nein, eigentlich nicht schade. Wenn du erzählen könntest, wäre ich ja tot.
Tja. Aber ich brauche jetzt die Schaufel.
Mensch, Meier, dahinten ist ein Loch. Das sieht frisch gegraben aus. Eine Schaufel daneben mit feuchter Erde dran. Meier, was hat das zu bedeuten? Du wolltest unbedingt, das wir uns hier treffen. Wusstest du, dass hier kein Tracking stattfindet? Warst du selbst online oder offline? Sei ehrlich! Wolltest du mich provozieren? Hast du es über deine Augenimplantate gefilmt? Ich habe nicht drauf geachtet, ob du geblinzelt hast. Auf jeden Fall hättest du dann hinterher, falls sie mich bei erneuten Bauarbeiten doch noch gefunden hätten, behaupten können, ich hätte dich angegriffen. Notwehr also, und dann Panik und das Vergraben der Leiche. Tolle Geschichte. Minutiös geplante und provozierte Notwehr. Aber das hättest du so bestimmt nicht erzählt.
Ich hätte es wissen müssen. Du warst schon damals der Skrupelloseste von uns dreien, warst immer bereit, deinen Willen durchzusetzen. Wie hätten wir sonst von dem Schicksal erfahren, das Schmidt erlitten hatte und all die anderen vor uns? Aber das war damals. Heute muss ich deine Implantate nochmal checken, bevor ich dich verbuddle. Nur für den Fall, dass dich später doch jemand finden sollte.
Jetzt muss ich erst mal einen Schluck trinken und eine Tablette nehmen. Das kennst du ja auch, die Verdauung muss in Gang gehalten werden. Auch das eine Folge unserer Operation. Schnelle Dehydrierung, schlechte Nährstoffaufnahme. Aber das war den Bossen damals egal, eigentlich wussten sie es nicht einmal genau. Weißt du noch, Meier? Die Klinik lag in einem grünen Tal. Sogar ein Wald war in der Nähe. Regelmäßig hat es geregnet. Wahrscheinlich sind die Geldsäcke deshalb so leichtsinnig mit unserem Darmtrakt, unserem Flüssigkeitshaushalt und unseren Emotionen umgegangen. Die glaubten, es gibt immer genug Wasser für uns. Sie hielten das Implantat für vorrangig und glaubten, wir würden genug Geld machen, jegliche Diät und Medikamente zu finanzieren. Aber das ist lange her. Es war so idyllisch dort und förderte das Bild einer wunderbaren Zukunft, in der eine neuronale Schnittstelle automatisch ein Vermögen einbringen würde. Eine bio-neurale Wundertechnik, die so neu war, es konnte nur großartiges folgen.
Ob der Wald dort inzwischen auch vertrocknet ist? So wie diese Baustelle. Obwohl es hier ja eigentlich Wasser im Überfluss geben sollte, denn es sollte das größte je gebaute Regenauffangbecken werden. Bis das Geld ausging. Oder war es das Interesse? Auf jeden Fall steht hier ein halbfertiges Betonskelett. Nicht überwacht und längst von der Öffentlichkeit vergessen.
Mensch, Meier, weißt du noch, als wir uns vor ein paar Tagen wiedertrafen, regnete es gerade. Ich wollte mein Regensegel zu einem langen, prall gefüllten Trinkgurt zusammenzubinden. Auf einmal standest du vor mir. Genauso pitschnass wie ich. Dämlich vor Glück grinsend wie alle. Du wolltest zu meinem Chef. Ich hatte mir nichts dabei gedacht, bin hinterher mit dir zur Mittagspause gegangen. Der Chef will alte Techniken recyceln. Jedenfalls in begrenztem, lukrativen Umfang. So wie einige es vielleicht mit diesem Betonklotz machen wollen. Wenn genug Geld da ist. Sonst muss das Wasser anders beschafft werden, auch wenn niemand weiß, wie.
Das war bei uns ja letztlich genauso. Obwohl alle dachten, sie hätten alles im Griff. Mensch, Meier, dachtest du auch manchmal noch an Schmidt, den armen Kerl? Wir drei galten als Superteam. Keiner merkte sich unsere Namen. Wir waren für alle nur MüllerMeierSchmidt. Da wir jung und gesund waren, waren wir auserwählt, unser Chance nutzen zu dürfen. Aber Meier, erinnerst du dich noch an all die Sachen, die sie uns damals erzählt haben? Wochenlang immer wieder. All die Risiken und Nebenwirkungen, all die minimalinvasiven und maximalbelastenden Schritte der OP und nicht zu vergessen die Nanosonden, die sowieso nur Wunder vollbringen sollten. Ich ließ das alles über mich ergehen und es war mir egal. Dir und Schmidt ging es doch nicht anders.
Wie Schmidt sagte: „Es ist noch gar nicht losgegangen und die verdienen sich schon dumm und dämlich, weil sie die Nanosonden in großem Stil vermarkten.“
„Die reden doch nur so viel, weil die neidisch sind. Sie können sich leider nicht selbst operieren, weil sie alte Knacker sind“, sagtest du abfällig.
Schmidt hielt wie immer dagegen: „Die, die mit uns reden, sind doch bloß die Handlanger. Wenn sie aufhören zu reden, müssen sie gehen und kriegen kein Geld mehr. Die alten Knacker lernen wir erst später kennen. Wenn sie uns Geld verdienen lassen, um selber noch mehr zu verdienen.“
Wir redeten über so vieles damals. Über bits und bytes, über Rechenleistung, über Datenvolumen, über die Überlegenheit der menschlichen Intelligenz über das künstliche Kleinklein, das milliardenfachen Input braucht, bevor es mal was sagen kann. Wir waren, dachten wir, der Tod der KI. Denn wer brauchte künstliche Intelligenz, wenn es echte zu haben gab. Ja, wir redeten über so vieles damals, aber nie darüber, dass etwas schief gehen könnte. Ganz im Gegenteil glaubten wir zu wissen, was kommen wird. Wir waren so blauäugig, so gutgläubig, so gewillt, eine tolle Zukunft zu haben. Weißt du noch, wie wir uns heimlich weggeschlichen hatten und die Nacht durchfeierten? Das waren hübsche Damen damals. Solche Ideen kamen immer von dir. Und du wusstest auch, wie sie umzusetzen waren. Hast das Schloss von innen geknackt. Wir waren uns sicher, wir waren berechtigt zu feiern. Vorübergehend fühlten wir uns doch fast unsterblich.
„Ob das unsere Seele verändert?“, fragtest du irgendwann. Schmidt und ich guckten wahrscheinlich blöd. So was hätten wir dir gar nicht zugetraut, Draufgänger, der du immer warst. „Und wird sie im Implantat erhalten bleiben?“
Schmidt hielt dagegen: „Wie soll so ein oberflächliches psychisches Geschehen ein Seele berühren können? Und warum sollte eine Seele so simpel verkabelt sein wollen?“
„Die Seele“, versuchte ich zu philosophieren, als ich aus dem Fenster sah, „wenn es sie gibt, ist sie dann nicht eher wie ein Wald. Baum um Baum stehen hinter- und nebeneinander. Je tiefer ich hineinsehe, desto weniger kann ich noch erblicken. Baum um Baum, der Weg wirkt, sich entfernend, schmaler und mäandert hinter Bäumen davon.“
Eure Gesichter waren erfüllt von einem überlegenen Grinsen.
Erst nach der OP begannen wir beiden Fragen zu stellen. Denn plötzlich war Schmidt nicht mehr da. Doch es gab nur kurz angebundene Antworten. Da waren es wieder deine Idee und deine Fähigkeit, die es uns möglich machte, in den Nebentrakt hineinzukommen, der doch viel größer war als unser Haupttrakt.
Da dämmerte mir zum ersten mal, dass es Probleme geben könnte. All die armen Schweine da. Wir waren gar nicht die ersten. Wir waren nur die ersten, denen es nicht das Hirn weggebraten hatte. Schmid war einer von ihnen. Er lachte noch mit uns, aber er erkannte uns überhaupt nicht mehr. Er erkannte gar nichts mehr. Er lachte, wenn andere lachten.
Vor uns hatten sie es mit vierzehn anderen armen Schweinen versucht. Alle gescheitert. Hirnkrüppel. Sollten irgendwelche Archäologen Schmidts Reste irgendwann finden, werden sie nicht mehr herausfinden können, dass er ein sabbernder Idiot war. Das lag ja in den weichen Teilen begründet. Die werden dann längst weg sein.
Ich ahnte plötzlich, was die uns vorher alles erzählt hatten und was wir ungelesen unterschrieben hatten. Ich stand da und ließ die Finger über den Kopfverband gleiten. Ganz sachte. Dahinter hatten sie die neuronale Schnittstelle eingebaut. Eingepflanzt. Scheiße, Meier, damals hätte es uns immer noch erwischen können. Ich hatte echt Schiss. Auch wenn sie uns beruhigten mit den Nanosonden, die sie uns in genau berechneter Menge mit in den Körper gegeben hatten und die angeblich alles wunderbar lenken und heilen sollten. Was hatten die uns da in den Kopf gesetzt? Manchmal fürchte ich heute noch, dass es Spätfolgen geben könnte, von denen damals niemand etwas ahnte. Die ganz langsam und unbemerkt anfangen ihre Wirkung zu entfalten. Scheiße, Meier.
Hatte Schmidt es dann wegen der Nanosonden doch irgendwie noch kapiert? Er brachte sich um, indem er versuchte, sich das Implantat rauszuschneiden. Das konnten selbst Nanosonden nicht mehr heilen. Das alles erzählten sie uns aber erst, nachdem wir drohten, alles auffliegen zu lassen. Wie blutig muss das gewesen sein, Meier? Wie schmerzhaft? Wie irre? Viel schlimmer als dein Kopf im Sand, oder?
Vorbei waren die tollen Geschichten von der Schnittstelle zwischen Neuronen und Netz. Vom ganz großen Geld. Von den erweiterten Möglichkeiten zu denken, zu wissen, zu verstehen. Auf einmal war da nur noch so ein Technikteil, das an meinem Kopf saß, in der Tiefe langsam einwachsen sollte. Immer noch eine altmodische Steckdose, wie es die alten Science-Fiction-Storys phantasierten. Die Idee, es kabellos zu versuchen, war aufgegeben worden. Die Strahlung, das ständige Suchen des Signals verursachte zu viel Hitze. Das schädigte auf Dauer das Hirn. Aber es saß ja nicht nur im Kopf, sie hatten auch den Magen-Darm-Trakt angezapft, um dort nochmal auf eine riesige Anzahl Nervenzellen zugreifen zu können. Ich hatte echt Alpträume, wie das Gewebe langsam wie eine Schnecke an die Kontakte ranwuchs und dann einen Kurzschluss verursachte. Ein kurzes Knallen und/oder Zischen und das war’s. Danach würde die Welt nur noch Schatten eines debilen Denkens sein. Weißt du das noch, Meier?
Ich nehme mal wieder einen Schluck. Das gewöhnt man sich dann so an, oder, Meier? Ständig trinken. Sag mal, hast du eigentlich eine Wasserflasche dabei? Musst du eigentlich. Ich schau mal in deinem Rucksack. Da ist sie, noch fast voll. Die nehme ich an mich, es wäre schade um das wertvolle Nass, oder?
Ihr hattet so oft über die Seele gestritten. Das war deine große Frage. „Was wird von unserer Seele noch vorhanden sein, wenn die Archäologen uns in tausend Jahren finden?“
Schmidt hielt immer dagegen: „Die Archäologen finden keine Seele. Die finden nur Knochen und Technikteile. Alles tot. Und wo totes ist, kann keine Seele mehr sein.“
„Aber die Nanosonden sollten ihnen zu denken geben.“
„Die finden keine Nanosonden mehr. Die haben sich dann längst in den Boden verkrümelt und da irgendwelche Bakterien oder Pilze oder so gepimpt. Außerdem wird unsere heutige Technik dann sowieso völlig unverständlich sein. Wenn die Archäologen schlau sind, schmelzen sie die Technikteile ein.“
„Aber kann es nicht sein, dass die Seele im technischen Speicher überlebt?“
„Spätestens drei Tage nach unserem Tod ist der Akku alle. Wie soll da was überleben? Und überhaupt, wie willst du denn das komplette Bewusstsein auf so eine mickrige Festplatte kriegen. Das Unterbewusstsein muss ja auch noch drauf, sonst ist es doch nichts. Aber wie willst du etwas, zu dem du keinen Zugang hast, speichern?“
„Man müsste die KI entsprechend trainieren. Irgendwann müsste sie dann doch mit jedweden Gedanken und wohl auch einer Seele gefüttert werden können.“ Doch dann schütteltest du traurig den Kopf. „Aber du hast wohl insofern recht, als es dafür noch Jahrzehnte brauchen wird.“
Schmidt winkte verächtlich ab. Er war immer der Zweifler, erwischte es ihn deshalb?
Wir beide hatten dann Glück und es passierte uns nichts. Wir mussten nur die ganzen Pressekonferenzen über uns ergehen lassen. Gelassen lächelnd. Wir waren die Menschmaschinen, wir waren die Maschinenmenschen. Das technische Wunder, der technische Alptraum. Es gab so viele verschiedene Worte. Letztlich mussten wir dann einfach unseren Job machen und hatten dann genau die Welt, die wir uns erträumt hatten. Menschliche Intelligenz, also die Verarbeitungsfähigkeiten des Gehirns mit der Rechenleistung und Rechenkapazität moderner Computer gekoppelt. Das war das Ding damals. Gute Jobs und viel, viel Geld. Ich hab meins versoffen, verkokst und verhurt. Ich wollte nicht denken, glaube ich, nicht die verbesserten Informationsverarbeitungswege nutzen, um über mein Leben nachzudenken. Ich war nicht glücklich. Ich bin es auch heute nicht. Aber heute lebe ich irgendwie, ohne mich noch zerstören zu müssen. Ich bin keine Avantgarde geworden, ich bin proletarisches Fußvolk, froh über meinen 7-bis-7-Job.
Du warst ja schlauer als ich, Meier. Du hast investiert, erweiterte Module einoperieren lassen. Den Mut hatte ich einfach nicht mehr. Tatsächlich kamen nach uns andere. Die nächsten, wir wissen nicht, bei wie vielen es wieder scheiterte, waren noch wie wir. Aber schon die übernächsten hatten verbesserte Technik im Kopf. Gezielteres biologisches Einwachsen, schnellere Verarbeitung, größeres Datenvolumen, geringere Fehleranfälligkeit.
Stell dir den Lauf der Geschichte vor: Die ersten Generationen bekamen es noch direkt ins Gewebe von Hirn oder Rückenmark reinoperiert. Denen sind die Synapsen sofort verbrannt. Bei uns waren die Implantate schon diskreter gesetzt und eine Verbindung sowohl mit Gehirn als auch mit dem Darmnervenzentrum hergestellt. Die fehlenden Sättigungssignale mussten wir per Diät kontrollieren. Ganz regelhaft sozusagen, ohne jegliche Intelligenz. Dann verbesserte sich die Technik, die Nebenwirkungen wurden geringer. Der nächste Schritt wird die Implantation bei Kindern sein, vielleicht gar die gentechnische Züchtung von offenen Körperstellen, in die die Implantate problemlos eingesetzt werden können. Beeindruckend.
Aber leider nichts mehr für uns. Wir sind dann nur noch schrottreif. Werden es Schritt für Schritt, OP für OP schon seit längerem. Wir können froh sein, dass sie uns nicht ausgestopft ins Museum stellten. Meine Jobchancen sanken. Als die Technik sich weiterentwickelte, schwanden meine Einnahmen. Zum Glück bekamen wir die OP noch umsonst. Die heutigen Opfer müssen dafür ja auch noch selber zahlen. Die Geldsäcke lernten dazu. Wir wurden schnell zu Schrotthaufen, die nur noch zu niederen Dienste gebraucht werden konnten. So was wollten sie nicht wieder finanzieren.
Irgendwann war ich froh, dass ich meinen jetzigen Job fand. Eine Firma, die die Daten auf alter Technik retten und bewahren will. Die deshalb so was wie mich braucht. Langsam, träge, ineffizient. Immerhin kann ich davon halbwegs leben.
Ich will ja auch weiter leben. Meier, ich habe dich tot gehauen. Ich lebe und du bist tot. Das war nicht dein Plan. Aber so ist das Leben manchmal. Anders als gedacht.
Deshalb gucke ich jetzt mal, was du gefilmt hast. Noch hat dein Akku Energie und ich kann in deinen Speicher sehen. Sehen, was die Archäologen in tausend Jahren abrufen könnten. Ein einfaches Kabel genügt, von meinem in deinen Kopf. Das hatten wir damals nie ausprobiert. Hier du, hier ich, schon sind wir eins. Ob die Reste deiner Seele mich um Asyl anbetteln werden? Oder greifen sie mich an? Egal. Ich muss es tun.
Mensch, Meier, welches Chaos. Du hast ja alles wirr auf der Festplatte. Keinen Ordner, keine Ordnung, keine Struktur. Muss ich alles mal nach Dateitypen auflisten. Da sind die Filme. Und da ist die Aufnahme von heute. Du und ich, ich wütend mit Eisenstange. Diese Aufnahme, Meier, wird niemand mehr finden. Adios.
Und die anderen Filme? Mensch, Meier, das sind Pornos. Du sorgst dich um deine Seele und dein Andenken und dann ist deine Festplatte voller Pornos? Spinnst du, Meier? Wie kannst du deine Seele derart erniedrigen? Die lösche ich alle. Niemand soll irgendwann mal denken, wir wären blöde Trottel gewesen. Ich überschreibe es mit etwas anderem. Ich frag mal im Netz: schlauer als Pornos?
Das war klar. Unendlich viele Antworten. So ist das, wenn man keine Ahnung hat oder überfordert ist: zu viel Gelaber. Also muss ich mir selbst was ausdenken. Weißt du, was ich bei Überforderung immer mache, Meier? Ich lese Klassiker. Also kriegst du jetzt auch welche drauf. Mit Begleitmaterial. ‚Metamorphosen‘. Alles ändert sich. ‚Gargantua und Pantagruel‘. Die groteske, lebenspralle Welt. ‚Tristram Shandy‘. Dir könnten die Kapitel über Onkel Toby gefallen. Und noch Montaignes ‚Über die Einsamkeit‘. Denn einsam, das waren wir doch seitdem, oder, Meier?
Es sind nicht nur die körperlichen und geistigen Einschränkungen. Wir mussten seitdem Diät halten. Alles pürieren, viel trinken. Der Darm hat weniger Rechenleistung für seine natürliche Aufgabe, weniger Leistung. Der Geist auch. Sie sagten, das Farbensehen sei eingeschränkt. Daher also wieder die Frage, ob dein Blut viel röter ist, viel intensiver und ich es eher nur dunkelgrau sehe? Für mich ist das eben rot. Dunkelrot. Ich werde nie erfahren, wie andere es sehen. Ich werde auch nie erfahren, welche Erinnerungen ich nicht mehr abrufen kann. Sie sind weg. Der Rechenleistung geopfert. Ebenso die Emotionalität. Gedämpft.
Meine Ex-Frau sagte immer: „Du liebst so gleichgültig.“
„Du liebst so flach.“
„Du liebst so dünn.“
Und ich konnte nur mit den Schultern zucken.
Sie ließ sich scheiden. Die Kinder habe ich danach, ehrlich gesagt, nicht vermisst. Auch das konnte ich nicht. Mir fehlt die Intensität. Deshalb war die Einsamkeit auch nie schlimm, Meier. Auch sie war nur ein verdorrtes Fühlen.
Zu keiner Zeit war hingegen unsere Denkleistung erhöht. Es war nur ein Teil für eine externe Rechenleistung geopfert worden. Aber Rechenleistung ist keine Intelligenz, es ist nur Masse. Macht Masse schlau, Meier?
Du wolltest ja immer wissen, ob die Seele von der Schnittstelle profitiert.
„Die Seele ist nicht online“, sagte Schmidt spöttisch.
Aber du wolltest nicht von der virtuellen Schnittstelle zur Seele lassen. „Sie könnte auch über den Tod hinaus, bis in die Ewigkeit volle Rechenleistung behalten, oder?“
Ist es so? Jetzt weißt du es endlich. Gern geschehen, Meier. Kannst dich bei mir bedanken, dafür dass ich durchgedreht bin. Wenn die Archäologen dein Implantat finden, hast du die Romane vielleicht weitergeschrieben. Oder dir neue Pornos runtergeladen. Bis in alle Ewigkeit. Stellst du dir so das Leben nach dem Tod vor? Willst du so tot sein? Was, wenn wir und speziell unsere Implantate recycelt werden? Du natürlich nicht, dich schmeiß ich gleich in dein Loch. Aber was wäre, wenn? Dann wäre deine virtuelle Seele auf einmal nicht mehr allein. Die nächsten würden deinen Speicher beanspruchen. Seelenkampf. Seelenkrampf. Schlagen die sich dann auch gegenseitig tot? Sozusagen seelisch-virtueller Tod.
Mensch, Meier, das sind Fragen, die würden dich interessieren. Darüber hätten wir reden sollen. Stattdessen wolltest du mir den Job wegnehmen. Ich kapierte das erst gar nicht, als wir uns im Regen trafen. Ich freute mich, dich zu sehen. Wie lange war es her, Meier? Du hast mir die Erweiterung deines Implantats vorgeführt.
„Wir waren doch schon fast veraltet, als wir aus der Klinik kamen. Die entwickelten längst verbesserte Techniken und haben uns nichts davon gesagt. Wir waren denen egal. Schmidt hatte recht: Es ging ums Geld.“
Du hattest dein Geld klug genutzt. Zeigtest es mir stolz alles: „Guck es dir an, mit einem Augenaufschlag mache ich Fotos. Zack. Ich schick es dir, du bist gut getroffen. Und mit einem doppelten Augenaufschlag starte und beende ich Filme. Cool, oder?“
„Puh, da muss man ja echt aufpassen, wenn man einander zublinzelt.“
„Und guck es dir an: Hier der Adapter, den setze ich ein und schon kann ich verschiedene Steckerformate verwenden. Damit bin ich alte und neue Technik gleichzeitig, Alter.“
„Naja, leider ist es ja nicht mehr so neu, oder?“
„Und über dies kleine Gadget hier erweitere ich meinen Speicher. Das schließe ich über den Adapter automatisch mit an. Ich komprimiere die Dateien darauf nach speziellem Standard. Das Programm musste extra für meine Ausstattung geschrieben werden. Und somit habe ich die Kapazität vervielfacht.“
„Mann, ey, so viel Geld, das du da rein gesteckt hast. Hat es sich denn rentiert?“
Meinen Zweifeln zum Trotz konntest du dadurch etwas länger mithalten als ich. Bis es wie absehbar weiterging und wieder neuer und teurer wurde. Du wirst deine Raten nun nicht mehr zahlen, Meier. Die Mahnungen werden die Archäologen vielleicht in deinem Mailspeicher finden.
Die Gefahr, die du für meinen Job warst, wurde mir erst klar, als die Welt längst wieder knochentrocken war. Wie sehr glücklich machender Regen die Klarheit des Denkens verschleiern kann. Wie oft warst du beim Chef, Meier? Was habt ihr besprochen? Ich will es nicht wissen.
„Du bist nicht der Richtige für den Job“, sagtest du und grinstest.
Gelogen. Ich mache das schon eine ganze Weile ganz gut. Meier, das ist mein Job. Und du wolltest ihn mir wegnehmen. Nun kann ich meinen Job behalten. Vielleicht wird mein Chef es schade finden, wenn du dich nicht mehr meldest. Du kannst Leute von dir überzeugen. Vielleicht sollte ich ihm noch eine Absage von deinem Mailaccount schicken? Aber ich finde es gut, dass er keine Alternative mehr hat.
Noch ein paar Schaufeln voll, Meier. Dann ist es erledigt. Dann bist du weg. Ich habe dich totgehauen. Tschüß, Meier, grüß die Archäologen von mir.
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