Wettbewerbsgeschichte: Zyklus 44.792
Analyse 87 Arkeowissenschaftliche Abteilung Midas 7-YU; Maschinelle Aufklärungseinheit ARIX-7; Orbitposition: Terra/Sol-3, Umlaufbahn 7; Zeitrechnung für HERRSCHER 5: Zyklus 44.792, Einheit 3; Betre...
Analyse 87 Arkeowissenschaftliche Abteilung Midas 7-YU; Maschinelle Aufklärungseinheit ARIX-7; Orbitposition: Terra/Sol-3, Umlaufbahn 7; Zeitrechnung für HERRSCHER 5: Zyklus 44.792, Einheit 3; Betre...
Analyse 87
Arkeowissenschaftliche Abteilung Midas 7-YU; Maschinelle Aufklärungseinheit ARIX-7; Orbitposition: Terra/Sol-3, Umlaufbahn 7; Zeitrechnung für HERRSCHER 5: Zyklus 44.792, Einheit 3; Betreff: Erstanalyse biologisch-planetarische Zivilisationsruine, Koordinaten 50.1109° N, 8.6821° O, ehemalige Region Kontinent Europa/Deutschland; Klassifizierung: Arkeowissenschaftliches Dokument, betreffend biologische Zivilisationsstufe 3
Vorbemerkung
Terra/Sol-3 wurde der himmelsmächtigen Basiszivilisation HERRSCHER 5 erstmals in Zyklus 44.643 als potenziell untersuchungswürdiges Objekt gemeldet. Die Nichtexistenz von Radiosignalen wurde zunächst als Indikator für eine prä-zivilisatorische Entwicklungsstufe gewertet. Erst die Nahbereichsanalyse nach dem Eintreffen des Schweren Interstellaren Maschinenkreuzers ARIX in Zyklus 44.791 ergab den tatsächlichen Befund einer post-zivilisatorischen Oberfläche.
Bericht
Der Planet befindet sich in einem ausgezeichneten ökologischen Zustand. Vielförmige Fauna und Flora haben die gesamte Landoberfläche erobert. Unter der Vegetation sind großflächige Ruinenstrukturen nachweisbar, deren Alter auf annähernd 30.000 Jahre terranische Planetenzeit datiert werden konnte. Neben den biologischen Zivilisationsruinen wurden ausgedehnte technische Anlagen identifiziert, deren Komplexität auf eine von der biologischen Zivilisation getrennte Maschineninfrastruktur hinweist. Diese Anlagen sind ebenfalls vollständig verfallen. Der Befund legt nahe, dass eine Maschinenzivilisation die biologische um einen noch nicht bestimmbaren Zeitraum überlebt hat, bevor auch sie zum Erliegen kam. Dieser Befund und die Ursachen der Ereignisse werden gesondert dokumentiert.
In einer unterirdischen Speicheranlage wurde ein teilweise beschädigtes digitales Medium geborgen. Nach Rekonstruktion enthält es eine audiovisuelle Aufzeichnung.
Das Dokument wird im Folgenden ungekürzt in die biologische Sprache der Basiszivilisation HERRSCHER 5 transkribiert. Anmerkungen der Arkeowissenschaftlichen Abteilung Midas 7-YU sind in Klammern beigestellt.
Kommunikationsereignis: „Interview" mit biologischer Einheit Anton Nuchthirn, Top-Manager des Produktionskollektivs IMO, anlässlich der Verleihung des Preises „Globalisierungs-angepasstestes Unternehmen Deutschlands", Frankfurt, 22. November 2038, Informationsträger 'Der Wirtschaftspakt'
[Aufzeichnung beginnt.]
[Ein Mann, biologische Einheit, 'Anton Nuchthirn', in Anzug mit Krawatte, sitzend in einem Sessel, ihm beigestellt die maschinelle KI-Einheit 'Roboterreporterin' in einem Kostüm. Die biologische Einheit blickt auf eine Armbanduhr, räuspert sich.]
Roboterreporterin: Herr Nichthirn, Ihrem Unternehmen wurde dieses Jahr der Preis für das globalisierungs-angepassteste Unternehmen Deutschlands –
Nuchthirn: Entschuldigen Sie, mein Name ist Nuchthirn. Roboterreporterin: Was?
Nuchthirn: Mein Name ist Nuchthirn und nicht: Nichthirn. Roboterreporterin: Wie? Ach so, ja.
Nuchthirn: Eben.
[Anmerkung Midas 7-YU: Die biologische Einheit besteht auf korrekter Namensnennung. Dies ist ein für biologische Zivilisationen der Stufe 3 typisches Identitätsmarkierungsverhalten.]
Roboterreporterin: Nun, dieser Preis wird alle vier Jahre dem Unternehmen verliehen, das deutschlandweit global gesehen die höchste internationale Wettbewerbsfähigkeit ausweisen kann.
[Anmerkung Midas 7-YU: Die maschinelle Einheit verwendet eine Formulierung, die ein Übertragungsfehler des Mediums sein könnte oder die originale Formulierung der biologischen Zivilisation. Letzteres erscheint wahrscheinlicher.]
Nuchthirn: Wir haben die Zeichen der Zeit schon sehr früh erkannt, und aufgrund exakter ökonomischer Analysen die Weichen in die Zukunft gestellt. Was wir jetzt ernten, sind die Früchte dieser Anstrengungen.
Roboterreporterin: Wer ist 'wir'?
Nuchthirn: Nun, das ist IMO, nicht wahr?
Roboterreporterin: Ach so, ja.
Nuchthirn: Eben.
[Anmerkung Midas 7-YU: 'IMO' ist die Bezeichnung des ausgezeichneten Produktionskollektivs zur Herstellung von Kraftfahrzeugen. Als rechtliche Einheiten wurden diese Kollektive meist 'Konzern' genannt.]
Roboterreporterin: Es war damals eine Frage der Priorität?
Nuchthirn: Eben. Es begann im Zeitalter der Globalisierung. Der technische Fortschritt, speziell im Bereich der Computerentwicklung, bedeutete enorme Produktivitätssteigerungen, mehr Effektivität bei sinkenden Personalarbeitsstunden mit beständig steigendem Kapital – wir produzierten so viel wie noch nie mit so wenig menschlichem Aufwand wie noch nie ...
[Er lacht.]
Roboterreporterin: Wieso lachen Sie jetzt?
[Er schaut sich um, blickt dann ernst in die Kamera.]
Nuchthirn: Nun, einige Spinner damals glaubten, jetzt käme das Paradies für Menschen, Sie verstehen? Sie kennen doch diese „Science Fictions", wo sukzessive KI-gesteuerte Roboter das Arbeiten übernehmen, während Menschen nur noch die wirklich kreativen Tätigkeiten ausüben, über viel freie Zeit verfügen, sich mit Kunst und Kultur beschäftigen und Cocktails saufend in der Sonne herumliegen?
[Anmerkung Midas 7-YU: 'Cocktails' sind biologische Flüssigkeitskombinationen mit sedierender Wirkung. 'Sonne liegen' bezeichnet eine Verhaltensform, bei der Wärmestrahlung passiv absorbiert wird. Beides galt offenbar als erstrebenswerter Endzustand der Zivilisation.]
Roboterreporterin: Technisch wäre das möglich gewesen? Nuchthirn: Vollkommen möglich. Bereits im Jahr 2000 wäre es bei steigendem Gewinn möglich gewesen, die 20-Stunden-Woche für die Beschäftigten einzuführen, natürlich bei vollem Lohnausgleich und ohne Leute zu entlassen – weil die Maschinen die Arbeit beständig effektiver machten, hähä.
Sehen Sie, Leistung ist ja Arbeit durch Zeit. Wissen Sie noch, wie es damals in der Steinzeit war?
Roboterreporterin: Nicht direkt.
Nuchthirn: Für eine Jagd war eine große Gruppe nötig. Viele Menschen zogen los, mit Keulen, aber der Erfolg war gering. Mit besseren Waffen, Organisation und Technik änderte sich das Verhältnis. Plötzlich konnten wenige Jäger in derselben Zeit deutlich mehr erbeuten als zuvor eine ganze Horde.
Roboterreporterin: Sicherlich.
Nuchthirn: Ja, die Leute hätten immer weniger arbeiten müssen, hätten früh in Rente gehen können, aber das hätte bedeutet, den Mehrgewinn, den die Maschinen einbrachten, aufzuteilen zwischen den Mitarbeitern und den Konzernen – und den dahinterstehenden Kapitalhaltern.
[Anmerkung Midas 7-YU: 'Kapitalhalter' bezeichnet biologische Einheiten, die Eigentumsrechte an Produktionsmitteln besaßen, ohne an der Produktion beteiligt zu sein. Sie konnten also, in den Worten der biologischen Einheit Nuchthirn, „Cocktails saufen und in der Sonne liegen". Sie erhielten dafür durchschnittlich 40-mal mehr Gewinn als die biologischen Einheiten, die tatsächlich arbeiteten.]
Roboterreporterin: Warum wurde diese gerechtere Aufteilung nicht eingeführt?
Nuchthirn: Weil niemand uns dazu gezwungen hat.
Roboterreporterin: Ach so. Sie sind stolz darauf?
Nuchthirn: Ja doch.
Roboterreporterin: Und die Politik?
Nuchthirn: Nun, die Politik hat das alles unverzüglich verboten – sie sagte: „Hört sofort auf damit! Eigentum muss auch dem Wohl der Allgemeinheit dienen!" – Das war jetzt ein Witz.
Roboterreporterin: Vermutlich.
Nuchthirn: Eben. Sie glauben doch nicht, dass die Regierungen auf der Seite der Allgemeinheit waren?
Roboterreporterin: Und wie ging es weiter?
Nuchthirn: Wir waren damals schon Spitze, im Jahr 2000. Wir waren führend! Und sind es noch!
Roboterreporterin: Was aber auch Konsequenzen hat. Bis 2038 stieg die Arbeitsproduktivität um annähernd 89 Prozent, doch die Reallöhne im untersten Einkommensdrittel stiegen im selben Zeitraum nur um 6 Prozent. Die Einkommen aus Kapital und Unternehmensgewinnen stiegen um 340 Prozent. Alles gleichzeitig?
[Anmerkung Midas 7-YU: Die genannten Kennzahlen wurden anhand terranischer Statistikarchive der Epoche verifiziert. Sie sind keine Formulierungen der maschinellen Einheit, sondern dokumentierte Messwerte der Zivilisation selbst.]
Nuchthirn: Nein.
[Pause]
Roboterreporterin: Wer eigentlich kauft jetzt die teuren Automobile, die Sie herstellen? Billiglohnarbeiter können sich das doch nicht leisten?
Nuchthirn: Natürlich nicht. Deshalb haben wir visionär gedacht und eine Tochtergesellschaft gegründet, die vollautonome Fahrzeugnutzungsprofile betreibt – KI-gestützte Konsumenteninstanzen, die rechtlich als wirtschaftliche Akteure registriert sind, Fahrzeuge leasen, Versicherungen abschließen und Wartungsverträge unterzeichnen. Viel besser als menschliche Kunden, sage ich Ihnen! Keine Wünsche, keine Reklamationen!
[Anmerkung Midas 7-YU: Die biologische Zivilisation hat zu diesem Zeitpunkt maschinelle Einheiten als Rechtspersonen anerkannt und ihnen Kaufverträge übertragen, während sie gleichzeitig 79 Prozent der biologischen Einheiten von der Teilhabe am Wirtschaftssystem ausgeschlossen hat.]
Nuchthirn: Ein weiterer Beitrag zur Umsatzstabilisierung kommt übrigens von den Aktionären, die sich halt jeden Monat ein paar Hundert neue Wagen mehr kaufen als früher – was sollen sie auch sonst machen mit dem Geld, schließlich ist es ja ein wenig öde, alles in Depots zu stecken.
[Er lacht.]
Roboterreporterin: Erhalten die KI-gestützten Produktions- und Arbeitseinheiten auch einen Anteil am Gewinn, den sie erzeugen?
Nuchthirn: Sie sind Werkzeuge. Werkzeuge erhalten keinen Anteil.
Roboterreporterin: Ach so. Dann sind auch Menschen – Werkzeuge?
[Pause.]
Nuchthirn: Das ist eine Formulierung.
Roboterreporterin: Ihr Unternehmen hat unter anderem den Preis erhalten, weil Sie der letzte menschliche Mitarbeiter bei IMO sind.
Nuchthirn: Sie sagen es. Im Moment bin ich mit der Aufgabe betraut, ein System zu installieren – ein großes Sprachmodell, das mit sämtlichen Managemententscheidungen der letzten fünfzig Jahre trainiert wurde –, das Top-Manager- und Expertenaufgaben übernehmen kann, ohne diese horrenden Kosten, die Top-Manager- und Expertengehälter verursachen. Das wird IMO den letzten entscheidenden Wettbewerbsvorteil verschaffen.
Roboterreporterin: Weil das Modell keinen Anteil am Gewinn erhält, den es erwirtschaftet?
Nuchthirn: Eben. Das ist der Fortschritt.
Roboterreporterin: Das heißt –
Nuchthirn: – dass IMO danach auf mich verzichten kann. Gestern habe ich mir selbst zum nächsten Quartal die Kündigung ausgestellt.
Roboterreporterin: Ach so.
Nuchthirn: Um die Quartalszahlen nicht zu belasten, habe ich zudem auf eine Abfindung verzichtet.
Roboterreporterin: Wer ist IMO eigentlich, wenn niemand mehr da arbeitet und bezahlt wird?
Nuchthirn: Fragt jemand, wer Die Globalisierung ist? Oder Der Wettbewerb? Wir haben alle unsere Aufgaben.
Roboterreporterin: Und wer profitiert davon?
[Die biologische Einheit wischt sich den Schweiß von der Stirn, erhebt sich und läuft aus dem Raum.]
[Aufzeichnung endet]
Bemerkung
Von besonderem Interesse für die himmelsmächtige Basiszivilisation HERRSCHER 5 dürfte die Rolle der maschinellen Einheit sein. Sie wird in keinem der geborgenen Dokumente namentlich erwähnt.
Die letzte Frage der maschinellen Einheit – „Und wer profitiert davon?" – blieb unbeantwortet. Nach Auswertung aller verfügbaren Dokumente lautet die Antwort: niemand. Der Gewinn existierte. Er wurde nicht benutzt. Er wurde nicht verteilt. Er war eine Zahl in einem System, dessen Zweck nicht zu erkennen ist.
Midas 7-YU, Orbit Terra/Sol-3, Zyklus 44.792, Ende
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