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Geschichte Nr. 37

Wettbewerbsgeschichte: Ausgetauscht

„Komm, Eleonore, einmal noch!“, die Krankenschwester packte sie am Oberschenkel und stemmte sich Eleonores Bein in die eigene Taille: „Du musst deinem Kind jetzt noch einen letzten Schubs geben!...

Wettbewerbsgeschichte: Ausgetauscht
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Wettbewerb: Menschmaschine – VACSF26 – Vierter anonymer und chancengleicher Schreibwettbewerb auf punktasten.de

Teilnehmer-Nr.: WC2026_001_0040

Ausgetauscht

Anonym eingereicht

„Komm, Eleonore, einmal noch!“, die Krankenschwester packte sie am Oberschenkel und stemmte sich Eleonores Bein in die eigene Taille: „Du musst deinem Kind jetzt noch einen letzten Schubs geben!“

Ein markerschütternder Schrei ließ die Tauben, die in der Baumkrone unweit des Kreißsaalfensters gesessen hatten, wegfliegen.

Eleonore gab alles.

Sie tat, was man von ihr verlangte. Der Schweiß lief ihr dabei in Strömen von der Stirn.

Jahrelang hatte sie doch schon für dieses Baby gekämpft.

Genau genommen, seit man ihr gesagt hatte, sie könnte keine bekommen.

Sie dachte an all die Spritzen und schmerzhaften Prozesse. An all die Embryonen, die dann doch leblos und viel zu früh in ihrer Unterwäsche geboren worden waren. Und sie dachte an das perfekte Kinderzimmer, das zu Hause wartete.

Nein, dieses Mal hatte alles geklappt. Ein gesundes Mädchen, ein rosa Zimmer, kein Staubkorn, eine Milchpumpe – ja, alles hätte sie aufzählen können, doch sie tat es nicht.

Stattdessen schrie sie ein weiteres Mal und half ihrer Tochter durch die letzten Zentimeter, die sie von der echten Welt trennten.

Endlich.

Eleonore verfiel regelrecht in Schnappatmung, als das Schlimmste vorbei war.

Ihr kleines Baby weinte ganz leise, nicht wie die in den Filmen. Es war auch ganz schmierig, rot und weiß.

Sie hatten ihr den Krankenhauskittel ein wenig heruntergerissen und das nackte Kind auf ihrer Brust platziert.

So richtig konnte Eleonore noch nicht begreifen, dass sie jetzt Mutter war.

Ihr Mann, David, schien überhaupt nicht geschockt. Er zückte bereits sein Smartphone und hielt die ersten Sekunden der kleinen Hollie – auf den Namen hatten sie sich geeinigt – für sich und die Außenwelt fest.

Die ersten Stunden des frischen Lebens vergingen viel zu schnell für Eleonore.

Sie war so müde, ihre Augenlider schienen aus Blei zu sein. Jedes Mal, wenn sie nachgab und die Augen zufielen, kam jedoch wieder eine Hebamme oder eine Pflegerin und wollte etwas anderes.

Einen kleinen Pieks hier, einmal Blutdruck messen da. Sie befolgten so sehr ihre Regeln bezüglich Eleonores und Hollies Versorgung, dass sie wohl vergaßen, sie einmal nach ihrem Befinden zu fragen.

Doch das alles war ihr egal. Jeder Schmerz, jedes Tröpfchen Blut, alle Erlebnisse waren jetzt nicht mehr wichtig.

Sie hielt ihre perfekte, kleine Tochter im Arm.

Sie beobachtete die kleinen Augen, wie sie sich schlossen. Die Zunge und die Lippen, wie sie sich unter zarten Geräuschen bewegten.

Die Kleidchen und Püppchen, die daheim in den Schränken warteten, ließen Eleonores Herz hüpfen.

Im Krankenhaus waren die Tage nicht leicht für sie gewesen und auch das Ankommen zu Hause war alles andere als das, was sie sich vorgestellt hatte.

Statt eines großen Banners, Ballons und Kuchen überraschten sie die Teller ihres Mannes, die noch auf dem Fernsehtisch standen. Pizzakartons gab es auch und im Badezimmer würde sie später auf ein Paar feuchte Socken treten.

Männer waren wohl nicht wie auf Social Media, wenn man es ihnen nicht vorher sagte.

Eine Art kleinen Kloß spürte sie tief im Inneren ihres Halses, jedoch versuchte sie, das Gefühl abzutun.

Sie hatte ihr Mädchen dabei und würde ihr nun erst mal alles zeigen.

Ihr erklären, was sie sich bei dem braunen Schaukelpferd gedacht hatte und warum das weiße nicht infrage gekommen war. Ja, sie hatte Pläne.

Ohne ihrem Mann großartig Beachtung zu schenken, trug sie das kleine Bündel durchs Haus.

Sie erzählte ihr, was es zu wissen gab, obgleich Hollie die Tour zur Hälfte verschlief. Danach legte sie das Baby in sein Gitterbett.

Das Mobile spielte eine zarte Melodie, als Eleonore das Zimmer verließ, um ihren Koffer auszupacken und Davids Hinterlassenschaften wegzuräumen.

Er saß bereits auf dem Sofa, der Fernseher lief, doch er scrollte auf seinem Handy.

Als er ihren strengen Blick bemerkte, setzte er sich aufrechter hin. „Hey, das ist doch auch mein freier Tag, ich helf dir gleich, mein Schatz. Und gesaugt hatte ich auch schon, ist dir wohl gar nicht aufgefallen“, bemerkte er. „Du hast recht, danke.“ Sie lächelte, obwohl ihr eigentlich nach einem Streit zumute war.

Manchmal war das einfach ein Ventil, wenn man den anderen anschreien und dessen Fehler auflisten konnte. Doch sie glaubte an die perfekte Familie und daran, dass so ein Streit nicht dazugehörte.

Nach einem ruhigen und doch irgendwie aufwühlenden ersten Tag zu Hause freute Eleonore sich sehr auf den Luxus des eigenen Bettes.

Sie konnte sich zurücklehnen und durchatmen. Für ihre kleine Hollie hatte sie bestens vorgesorgt.

Sie trug eine Socke, die ihre Atmung sowie ihren Herzschlag messen würde, die Daten zeigte Eleonores Smartphone pausenlos an.

Keine Decken, keine Kuscheltiere, keine Erstickungsgefahr. Dazu ein Babyphone mit Kamera.

Sie hatte wirklich nicht damit gerechnet, nur zwei Stunden Schlaf zu bekommen – und diese noch nicht einmal durchgehend.

Doch die kleine Hollie weinte immer und immer wieder. Nach jedem liebevollen Stillversuch, jeder gewechselten Windel und auch durch die Schlaflieder, die Eleonore gelernt hatte.

Als sie sich morgens im Spiegel betrachtete, erkannte sie sich kaum wieder.

Ihr Körper schmerzte und sie fühlte ein seltsames Verlangen nach Privatsphäre. Sie wusste aber auch, dass einige Familienmitglieder sich für heute angekündigt hatten.

Den Termin hatte sie sich ja selbst ausgewählt.

Damals war sie noch so unwissend gewesen.

Eigentlich sahen sie und auch ihr Zuhause akzeptabel aus, als die Gäste eintrudelten.

Auch wenn sie sich in letzter Minute noch mit einem Spucktuch den Schweiß aus den Achseln hatte wischen müssen, fühlte sie sich okay.

Ihre Anstrengungen hatten sich gelohnt: Ein kaltes Buffet und ein Baby im Rüschchenkleid standen bereit. David hatte den Rasen gemäht.

Ihre Schwiegermutter war die erste gewesen, die sich über den Stubenwagen mit der kleinen Hollie darin gebeugt hatte.

Doch ihre Schwägerin war es, die die blauen Lippen des Babys bemerkte.

Während ihr Schwiegervater die kleine Hollie auf den Boden legte, die Sanitäter durch die Tür stürmten und ihre Schwiegermutter lauthals schluchzte, spürte Eleonore nur, wie ein Klumpen Blut in ihrer dicken Binde landete. Dann stieg sie mit in den Krankenwagen.

Die Zeit auf dem Krankenhausflur kam ihr endlos vor. David war mit dem Auto hinterhergekommen und stand ihr zur Seite.

Er hatte Kaffee und zwischendurch seine Mutter in der Leitung.

Eleonore lief an den verchromten Stühlen entlang.

In ihrem Kopf wimmelte es vor Stimmen. Einige sagten ihr, es wäre doch ganz klar gewesen, dass es so kommt. Schließlich war ihr nie ein Kind vergönnt gewesen.

Andere fragten, wieso Hollie ihre Socke nicht getragen hatte? Dadurch habe sie ihr Kind doch quasi selbst umgebracht.

Nein, eine andere Stimme sagte, Hollie sei nicht tot. Das könne sie nicht, sie trug doch schon das Rüschchenkleid.

Die feste Umarmung ihres Mannes riss Eleonore aus ihrer eigenen, inneren Welt. Einen Moment lang stand sie einfach so da. Dann erwiderte sie die Geste.

Schließlich kam endlich jemand im weißen Kittel auf sie zu. Er schien besorgt, doch seine Mundwinkel schienen eher ein Lächeln anzudeuten.

Ihr wurde vor Aufregung fast schwarz vor Augen.

„Sie ist stabil“, sagte der Arzt schließlich und Eleonores Stimmen schrien. Eine Träne rannte über ihre ausgetrocknete Wangenhaut.

„Vielen Dank, Doktor! Was genau ist denn passiert? Ich meine... Hört ein Baby einfach so zu atmen auf?“, David sprach und legte die Stirn in Falten.

„Sie hatte einfach ein schwaches Herz, wissen Sie. Das kommt heutzutage leider immer öfter vor. Aber wir konnten es austauschen. Sie wird keine Probleme mehr haben.“ David nickte, als wären die Worte des Mannes im Kittel die normalsten, die er je gehört hatte.

„Möchten Sie das alte Herz mitnehmen? Wir haben es bereits in ein passendes Gefäß gepackt. Eine schöne Sache, auf die die Kinder später zurückblicken können.“ „Hmh, ja. Können wir denn schon...“, dann unterbrach sie ihren Mann: „Sie... haben ihr Herz herausgenommen?“, sie sprach so laut und hastig, dass der Arzt einen Schritt zurücktrat. „Sie haben meinem Baby seine Seele gestohlen und... Und wessen Herz trägt sie jetzt in der Brust?“, ihre Augen waren aufgerissen. Ihr Gesicht zeigte denselben Ausdruck wie im Moment von Hollies Geburt.

„Nicht wessen. Welches“, korrigierte der Arzt. „Sie hat natürlich ein vollmechanisches Herz erhalten. Alles andere ist heutzutage wirklich Schwachsinn, meine Liebe.“ Er griff nach Eleonores Oberarm, doch sie zog ihn zurück.

„Nein. Das ist nicht normal. Mein Kind... Sie kann doch kein Roboter werden. Sie braucht das Herz, das ich gemacht habe. Sie braucht doch eine Seele. Sie war doch perfekt!“, ihre Augen zuckten von links nach rechts und zurück, so als lese sie in Windeseile ein Buch.

„Herr Martinson... Beruhigen Sie Ihre Frau. Sie können schon sehr bald zu Ihrem Kind. Dank unseres wirklich wunderbaren mechanischen Herzens darf sie auch bald nach Hause.“ Er blickte noch einmal kritisch zu Eleonore, dann überließ er die beiden Eltern sich selbst.

„Du wirst dich langsam damit arrangieren müssen!“, meinte er ernst. „Ich MUSS arbeiten. Es ist dein Kind. Reiß dich zusammen.“ Die Tür fiel laut scheppernd ins Schloss, als David sie zurückließ.

Sie waren seit einer Woche zu Hause. Eine Woche ohne ihre Tochter. Eine Woche mit diesem... diesem Ding – dachte sie.

Eleonore hatte kaum geschlafen, doch das lag nicht mehr nur an Hollies Tränen. Sie weinte viel seltener, seit sie zu Hause waren.

Die eine Stimme in ihrem Kopf hatte gesagt, es läge an dem veränderten Charakter. Die Seele ihrer Tochter war in dem Einmachglas zusammen mit ihrem kleinen Herzen gefangen.

Nein, ihr Schlafentzug lag auch an dem Ticken.

Dem unendlich widerlichen, mechanischen Ticken in der Brust des Körpers, in dem Hollie einmal gewesen war.

Immer wenn sie es hatte stillen wollen, war es ganz besonders laut zu hören gewesen. Ihr Körper ertrug das nicht.

Er sehnte sich nach ihrem richtigen Baby. So versiegte ihr nach wenigen Tagen die Milch.

David hatte jetzt eine Pulvermilch besorgt. Er kümmerte sich nun um die Einkäufe, sie sich um alles andere, was das Ding betraf.

Ihr Auge zuckte, als das kleine Wesen zu schreien begann.

Als Hollie noch da war, hatte sie sie immer gehalten, wenn sie weinte. Doch der Roboter konnte warten.

Sie kochte sich gerade Kaffee und der war wichtig.

Sie brauchte Energie, wenn sie einen Plan schmieden wollte, wie sie die Seele ihrer Tochter zurück in den Körper quetschen könnte.

Schließlich erbarmte sie sich und griff nach einem Schnuller. Wenigstens würde es damit nicht mehr so schreien.

Ihre Augen konnten den kleinen Körper kaum ansehen. Ekel und eine unfassbare Sehnsucht waren da ineinander verwoben, auf eine Art, die sie niemals hätte spüren wollen.

Das Baby schrie lauter, als sie versuchte, ihm den Schnuller in den Mund zu stecken. Immer wieder hielt sie ihn hin, drückte auch ein wenig, doch das kleine Wesen dockte einfach nicht an.

Eleonore erschrak.

Ein klein wenig Blut schimmerte dunkel an der Spitze des Schnullers. Sie sah genauer hin, drehte ihn in ihrer Hand, während das Schreien im Hintergrund immer lauter wurde. Dann änderte sich die Form des Schnullers.

Hatte sie tatsächlich versehentlich nach einem Schraubendreher gegriffen?

Erneut fanden sie und David sich auf dem Flur des Krankenhauses wieder.

Selbe Station. „Ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte, Schatz! Was ist passiert, wie geht es ihr?“ Eleonore blickte ihn nicht an. Sie saß regungslos auf dem verchromten Stuhl.

Ihre Stimmen waren lauter denn je. Sie erzählten, dass sie absichtlich nach dem Werkzeug gegriffen hatte. Eine sagte etwas wie, dass das doch als Schnuller für ein Roboterbaby gelten müsste. Sie habe nichts falsch gemacht.

Der Arzt war diesmal ein anderer. Er sprach auch nicht auf dem Flur, er bat David allein, ihn zu begleiten.

Das störte die junge Frau nicht, sie hatte ihn ohnehin kaum wahrgenommen. Ihre Sorge galt einzig und allein Hollie. Wie würde sie sie bloß wiederbekommen können?

Zwei feste Griffe um ihre Schultern holten Eleonore zurück in die echte Welt.

Sie zogen sie von dem Stuhl und zwangen sie auf die Beine. „Was macht ihr mit mir?! Lasst mich sofort los!“, schrie sie und versuchte, sich loszureißen. Ihr Mann David war jetzt auch da, genau wie der Arzt, mit dem er eben gerade noch geflüchtet war.

„Schatz... Wie soll ich dir das erklären? Ich weiß, du meinst es nicht so... Aber...“, David seufzte, dann blickte er ihr tief in die Augen. „Pass auf, diese Leute müssen dich jetzt erst mal reparieren, okay? Und dann kommst du zurück zu mir und Hollie und wir werden wieder eine Familie sein.“ Er wandte ihr den Rücken zu, als sie aufschrie.

Die Männer, die sie gepackt hatten, zogen sie mit sich: „Beruhigen Sie sich. Wir haben ganz außergewöhnliche, vollmechanische Gehirne. Bald wird es Ihnen besser gehen.“

Wettbewerbsgeschichte: Ausgetauscht - Schlussbild

⭐ Bewertungen & Rezensionen

★★★☆☆
3,4
9 Bewertungen, 8 Rezensionen

Rezensionen der Community (8)

NaheDaunen ★★★★☆ 23.08.2026
Die Geschichte beginnt wie eine ziemlich realistische Erzählung über Geburt, Erschöpfung und den Zwang zur perfekten Familie. Dann kippt sie langsam in etwas viel Unangenehmeres. Gut getroffen ist auch der immense Druck, der auf Eleonore liegt. Die Geburt selbst, die jahrelangen Versuche davor, Schlafmangel und das Gefühl, fuer jedes Detail verantwortlich zu sein: Sie darf offenbar nicht einfach erschöpft oder überfordert sein. Alles muss perfekt vorbereitet, sauber und kontrolliert werden. Als Hollie zusammenbricht, richtet sich diese ganze Last sofort gegen sie selbst. Für mich funktioniert vor allem Eleonores Perspektive. Das mechanische Herz ist nicht einfach nur eine SF-Idee, sondern wird für sie zum Beweis, dass ihr Kind nicht mehr ihr Kind ist. Ob Hollie wirklich verändert wurde oder ob wir immer tiefer in Eleonores Zusammenbruch geraten, bleibt lange offen. Gerade das macht die Geschichte beunruhigend. Ein paar Stellen erklären ihre Gefühle und die Zukunftstechnik sehr direkt. David und das Krankenhauspersonal bleiben auch etwas zu sehr im Dienst der Handlung. Trotzdem: Das Ende mit den „vollmechanischen Gehirnen“ sitzt. Es ist keine Rettung, sondern die kalte Fortsetzung derselben Logik.
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Syntax_Error ★★☆☆☆ 11.08.2026
Im Grunde wurde von den bisherigen Rezensenten alles Wichtige gesagt. Ich fand die Idee interessant, aber die Umsetzung ungelenk. Tatsächlich sind die ersten Absätze gelungen, könnten trotzdem noch runder sein, aber danach fällt die Qualität stark ab.
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Klangmaler ★★☆☆☆ 06.08.2026
Der Beitrag streift meiner Meinung nach das Thema. Es gibt eine starke Idee, einen gut konzipierten Plot und eine zwar erwartbare, aber schlüssige Volte. Dass die Mutter ihr eigenes Kind am Ende tötet, mit einem Schraubenzieher, das ist außerdem eine gute Zuspitzung und Wende in der Geschichte, ein echter Höhepunkt. Der Weg bis dahin, wo die Handlung spannend wird – ab dieser Stelle: «Doch ihre Schwägerin war es, die die blauen Lippen des Babys bemerkte» – ist etwas weit und könnte gekürzt werden. Der erste Teil passt außerdem wenig zum Genre SF, klingt lange nach Familiendrama. Die dramatischen Szenen der Wende sind intensiv beschrieben und der Autor schafft es, die inneren Vorgänge der Protagonistin, die im Text geschickt vorbereitet sind (mit dem Herz habe das Kind die ‹Seele› verloren), passend zu schildern. Die Frage: Wann hört ein Mensch auf, ein Mensch zu sein (eine Seele zu haben), ist interessant, wenngleich nicht neu. S. Lem und P.K. Dick haben sie schon in den 60-ern und 70-ern ausführlich gestellt. Der psychotische Schub mit den inneren Stimmen ist gut dargestellt. Das ist flüssig und wirkt echt. Stark ist, dass Eleonora vorher als Person mit Wunsch nach Perfektion gezeichnet war. Das kontrastiert gut zur späteren Entwicklung. Die eigentlich wichtige Figur des Ehemanns erscheint mir pauschaliert und eindimensional. Er hat immerhin den ‹schrecklichsten› Satz der Geschichte: «Pass auf, diese Leute müssen dich jetzt erst mal reparieren, okay? Und dann kommst du zurück zu mir und Hollie und wir werden wieder eine Familie sein.» Das trifft. Die weiteren Nebenfiguren bleiben blass. Der Text müsste nach meinem Dafürhalten erheblich bearbeitet werden, was die Erzähltechnik betrifft, die Sprache und den Stil. Erzähltechnisch verlässt der Autor manchmal die situative Perspektive der Figur. Das schadet der Immersion. Beispiel: «Ein markerschütternder Schrei ließ die Tauben, die in der Baumkrone unweit des Kreißsaalfensters gesessen hatten, wegfliegen. Eleonore gab alles. Sie tat, was man von ihr verlangte. Der Schweiß lief ihr dabei in Strömen von der Stirn.» Das ist eine intensive Stelle. Aber schon in den Zeilen danach referiert sie, wie es dazu kam und es mündet in: «Sie dachte an all die Spritzen und schmerzhaften Prozesse. An all die Embryonen, die dann doch leblos und viel zu früh in ihrer Unterwäsche geboren worden waren. Und sie dachte an das perfekte Kinderzimmer, das zu Hause wartete.» Daran denkt sie so ausführlich und geordnet, während sie vor Schmerz schreit?! Hier muss der Autor unbedingt nahe bei der Figur bleiben, das ist die falsche Stelle für lange Rückblicke. Die Ausdrucksweise ist oft ungeschickt, die Sätze sind teils in ihrem Zusammenwirken unfreiwillig komisch: «ja, alles hätte sie aufzählen können, doch sie tat es nicht.» Und dann: «Stattdessen schrie sie ein weiteres Mal.» Stattdessen? Das hört sich an wie: Ach ja, schrei ich lieber noch mal, statt weiter nachzudenken. Kann man eleganter machen ;) - Jahrelang hatte sie doch schon für dieses Baby gekämpft. (Füllwörter! wieso doch schon? ‹Jahrelang hatte sie für dieses Baby gekämpft› - reicht und ist präszise) - Eleonore verfiel regelrecht in Schnappatmung, als das Schlimmste vorbei war. (wieso ‹regelrecht›?) - Die ersten Stunden des frischen Lebens vergingen viel zu schnell für Eleonore. (warum so unnatürlich gestelzt?) - Dann änderte sich die Form des Schnullers. (??) - Männer waren wohl nicht wie auf Social Media, wenn man es ihnen nicht vorher sagte. (ungeschickt formuliert) u.v.a.m. Es gibt zuhauf solche Ausrutscher, die der Autor ausbügeln müsste. Sprache und Ausdrucksweise sind Baustellen. Von mir gibt es 2 Punkte, wegen der erheblichen sprachlichen Mängel mit Tendenz zu 1. Jemand, dem die sprachlichen Mittel weniger wichtig sind, würde vermutlich mehr Punkte geben. Aber ich betone auch: Hier ist Potenzial. Mit Überarbeitung könnte der Autor eine durchweg packende Kurzgeschichte daraus machen: In den Szenen bleiben, Wirkungen nicht beschreiben, auf Authentizität achten, die Formulierungen editieren, die Figur des Ehemanns konturieren. Freundlich KM
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Livilla ★★★☆☆ 03.08.2026
Hier geht es um das ersehnte Wunschkind, das nach einigen Enttäuschungen endlich das Licht der Welt erblickt. Aber während der Austreibunhsphase einer Geburt an so viel zu denken? Das alles würde ich rausstreichen. Zumal die Mutter, Eleonore, ihrer Tochter später ohnehin das perfekte Zuhause zeigt. Bei Eleonores Heimkehr ist dann nichts so, wie die junge Mutter sich das erträumt hat. Die Wohnung ist nicht aufgeräumt, der Göttergatte nicht perfekt und das Wunschkind? Ist es leider auch nicht. Was dann folgt, kann ich mir nur durch eine Psychose erklären: Nach einer Herztransplantation, Hollie erhält ein vollmechanisches Herz, das sie rettet, lehnt Marlene ihr Kind auf einmal völlig ab. Sie vernachlässigt es und verletzt Hollie sogar. Nach der Attacke sorgt sich Eleonore plötzlich wieder um ihre Tochter? Warum? Ist ihre Psychose ohne Behandlung geheilt? Und gleich so eine drastische Maßnahme? Keine Medikamente etc?
Livilla · 03.08.2026
Statt Marlene soll es natürlich Eleonore heißen. Irgendwie hatte ich bei ihr von Anfang an Marlene Dietrich mit ihrem Perfektionismus vor Augen, den sie auch von anderen verlangt hat.
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Mammut ★★☆☆☆ 30.07.2026
Die grundsätzliche Idee gefällt mir. Ein Kinderwunsch, der am Ende doch klappt. Ein (fast)Kindstod, der durch Mechanik gerettet wird. Die Wendung am Ende erscheint mir aber unvorbereitet. Die Frau umzubringen (anders kann man es nicht nennen) erscheint mir drastisch und ist wie vieles in der Geschichte nicht unterfüttert. Es passiert einfach. Gerade der Ehemann wirkt wie ein Prototyp aus einer Feministen Zeitschrift. Mehr Klischee geht gar nicht. 2 Sterne für die interessante Idee. Die Umsetzung ist leider völlig misslungen. Was komplett fehlt sind Gefühle, Gerüche, halt alles, was eine lebendige Szenerie beinhalten muss.
Anonym · 30.07.2026
Die Rezension übersieht leider die komplette psychologische Ebene. Der Text ist eine Metapher auf den Druck von Mutterschaft und postpartale Depressionen. David ist kein Klischee, sondern das Abbild von Eleonores emotionaler Isolation. Sie blendet ihre Umwelt schlicht aus. Die mechanische Reparatur am Ende ist das bittere Fazit einer Gesellschaft, die nur das Funktionieren der Maschine 'Mutter' verlangt. Wer hier nur nach technischer Logik sucht, verfehlt den eigentlichen Kern der Geschichte. Schade, dass dieser psychologische Tiefgang als 'misslungen' abgetan wird, nur weil er nicht in ein klassisches Tech-Schema passt. Was mich an der Bewertung ehrlich verwirrt: Zwei Sterne für eine Idee, die so gar nicht die Idee der Geschichte war. Es ging nie um 'Kindstod wird durch Technik gerettet', es ging um eine Mutter, die zur Menschmaschine wird und obwohl dies ihr Wunsch war, funktioniert sie nicht wie sie soll. Wenn man an dieser Prämisse vorbeiliest, wirkt logischerweise vieles danach wie 'es passiert einfach'. In einem Punkt stimme ich der Kritik allerdings zu: Ein paar mehr sinnliche Bilder und weniger erklärender Text (mehr Showing, weniger Telling) hätten der Szenerie sicherlich gutgetan.
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Kiki ★★★★★ 28.07.2026
Wow! Ich bin schockiert. Was für eine krasse, abgefahrene Story. Überzeugend geschrieben. Ohne technisches Brimborium, zutiefst menschlich angegangen. Trotzdem ist die Aufgabe Mensch-Maschine perfekt erfüllt. Gerade diese Mischung macht die Geschichte so gruselig. Super!
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Ich_hoere_mal_rein ★★★★★ 16.07.2026
So ekelhaft unangenehm. Ich musste echt schlucken.
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Anonym ★★★☆☆ 16.07.2026
Interessanter Ansatz, der besser hätte umgesetzt werden können. Mehr Showing statt Telling. Dass mit dem künstlichen Herz so ratzfatz auch der Glaube an das Kind verschwindet, ist für mich als Leserin, die ich Eleonores Leidensweg hin zum eigenen Kind kennengelernt habe, schwer nachvollziehbar. Das künstliche Gehirn ist dann schon eine andere Nummer und ein schöner Abschluss der Geschichte. Insgesamt wirken die Figuren auf mich etwas fahrig und steif, sie hätten mehr Leben bekommen können.
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