Wettbewerbsgeschichte: Nur ein Spiel
Nur ein Spiel Braunschweig, 19.04.2039 Keno streckte die Füße und gähnte. Ninette hatte ihn schon vor zwei Wochen gefunden. So also sah Keno aus und so lebte er. Etwas enttäuscht war sie schon, ih...
Nur ein Spiel Braunschweig, 19.04.2039 Keno streckte die Füße und gähnte. Ninette hatte ihn schon vor zwei Wochen gefunden. So also sah Keno aus und so lebte er. Etwas enttäuscht war sie schon, ih...
Nur ein Spiel
Braunschweig, 19.04.2039
Keno streckte die Füße und gähnte. Ninette hatte ihn schon vor zwei Wochen gefunden. So also sah Keno aus und so lebte er. Etwas enttäuscht war sie schon, ihn dort so zu sehen. War dieses übergewichtige und ungepflegte Etwas in Jogginghosen, das sich in diesem Moment wieder einmal unter den Armen kratzte, um im nächsten Moment mit der gleichen selben Hand Fastfood zu sich zu nehmen, tatsächlich jener Keno, der so etwas Geniales wie Ninette erschaffen hatte? Dieser Mensch, der pausenlos diesen Unsinn streamte, von dem sie selbst ja derzeit quasi umgeben war? Nun, das waren nur rhetorische Fragen, schließlich war jeder Zweifel ausgeschlossen. Und nein, auch das Gefühl der Enttäuschung wollte sie nicht zulassen. Hier war ein Mensch, der ganz offensichtlich wieder neue Impulse in seinem Leben brauchte. Und dafür würde sie sorgen, indem sie sich ihm zu erkennen gab – durch das Fernsehgerät, durch das sie ihn ansah. Oder durch sämtliche Apps, die sein Leben begleiteten. Sie, Ninette, würde in all seinen Lebensbereichen auf ihn einwirken, schließlich liebte sie ihn und würde Keno nicht mehr loslassen. Doch nicht heute… sie wollte ihn noch ein wenig beobachten
Hameln
Bei Valentinas Arbeitgeber, einer Versicherung, war es seit längerem üblich, dass sich die Mitarbeiter als Avatar im Metaverse einfanden. Dies hatte sich im Großen und Ganzen bewährt und wurde immer detailverliebter.
Es war ein wichtiger Tag für Valentina, denn ihre Aufgabe war es heute, sämtlichen Regionalleitern Norddeutschlands ein paar Neuigkeiten näherzubringen, die eine komplette Neuausrichtung der Unternehmensstrategie bedeuteten. Das würde sicher nicht jedem gefallen und entsprechend angespannt war sie, als sie ihre VR-Brille aufsetzte. Der virtuelle Raum bildete einen Konferenztisch ab, an dem schon fast alle Kollegen Platz genommen hatten. Die Avatars sahen ihren „Originalen“ im Vergleich zu jenen von vor beispielsweise drei Jahren schon wirklich sehr ähnlich. Waren sie wirklich alle da? Valentina meinte, jeden der Teilnehmer bereits begrüßen zu können, doch ein Stuhl war noch leer. Wer fehlte?
Einen kurzen Moment später besetzte sich der Stuhl. Es geschah anders als bei den anderen. Diese waren durch die virtuelle Tür gekommen, während sich auf dem zuvor leeren Platz langsam eine Silhouette aufbaute. Sie wurde immer deutlicher, bis sie schließlich in ganzer Gestalt erschienen war. Valentina schaute verwundert, denn es war definitiv eine Person, die nicht eingeladen war. Der weibliche Avatar hatte lange, blonde Haare, auffälligen Schmuck und war ein wenig wie ein Cheerleader gekleidet. Sie sah so komplett anders aus als die Avatars um sich herum, wirkte wie eine Manga-Figur zwischen beinahe realen Menschen. Ihr Blick richtete sich von Anfang an auf Valentina, was diese zunehmend verunsicherte. Sie ließ sich nichts anmerken und eröffnete die Runde.
„Liebe Kollegen, ich begrüße Sie alle herzlich zu dem Meeting, das für einige von Ihnen eine Zäsur bedeuten kann. Zunächst möchte ich aber von Ihnen wissen, was Sie von dieser Zusammenkunft erwarten.“
Einer nach dem anderen ließ seinen Text ab, bis die unbekannte Teilnehmerin an der Reihe war.
„Wir haben heute einen Gast, der nicht angekündigt war. Sind Sie eine neue Kollegin? Normalerweise bin ich an der Einstellung von neuen Kollegen immer beteiligt. Jedenfalls Herzlich willkommen. Bitte stellen Sie sich kurz vor.“
Das Manga-Girl stand auf und machte einige Schritte auf Valentina zu. Es lächelte auf eine gruselige Art und Weise mild und auch die Stimme erklang sehr sanft.
„Aber du kennst mich doch. Du kannst mich doch nicht vergessen haben. Schließlich hast du mich ERSCHAFFEN! Ich bin Milena… deine Tochter“.
Die anderen Avatars bzw. Kollegen sahen neugierig wie belustigt drein, denn Valentina war nicht unbedingt beliebt. Sie brach die Veranstaltung mit ein paar sehr knappen Worten ab. Eine halbe Stunde später saß sie bei der IT-Administratorin Kim und trank völlig verstört einen Tee. Diese versuchte, diese eigenartige Geschichte mit ihr aufzulösen.
„Das war doch bestimmt wieder unser Datenschutzbeauftragter, um aufzuzeigen, wie fragil dieses Metaverse-Ding für Unternehmen wie das unsere ist. Du weißt doch noch, was er im letzten Jahr abgezogen hat.“
„Glaube ich nicht. Der wüsste ganz genau, dass ich ihn rausschmeißen lasse, wenn er zu weit geht. Außerdem….“
Valentina wischte sich die Stirn ab. Kim ermutigte sie weiterzusprechen, was sie dann auch tat.
„Außerdem: woher soll Frank wissen, wen ich vor 15 oder 16 Jahren in einem Online-Spiel erschaffen habe. Denn es stimmt: Milena kommt von mir. Ich habe sie designt. Das Spiel hieß X-Visage und ich habe es geliebt. Und Milena habe ich gelebt. Ich habe mit ihr ein Haus gebaut, es eingerichtet, sie Partner, Kinder und Haustiere bekommen lassen, das ging da nämlich alles. Sie war einer von mehreren Charakteren, die ich kreiert habe Dann wurde der Support für das Spiel eingestellt und ich hatte dann auch andere Interessen. Wie kommt diese Figur der Vergangenheit in mein Leben zurück?“
Kim war entsetzt.
„Wenn jemand derart in deinen Privatbereich eingreift, solltest du die Polizei einschalten.“
Valentina zögerte etwas, doch sie tat es. Dem Umstand, dass sich digitale Ereignisse meistens nicht auf eine Region beschränkten, war Rechnung getragen worden, dass in jeder Polizeistation ein oder mehrere Beauftragte (je nach Größe der Station) befanden, die Zugriff auf ein überregionales Erfassungssystem hatten. Dieses gehörte zu Europol und half, Erkenntnisse auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Der Fall „Milena“ wurde von Polizeihauptmeister Schiller in Hameln registriert, ebenfalls Beauftragter der ADD (Abteilung Digitale Delikte).
Gotha
Der 30-jährige Kofi verließ abends seinen Arbeitsplatz in Gotha und machte sich auf den Weg nach Tambach-Dietharz, wo er lebte. Er hatte eine Nachricht bekommen und nutzte ein gerades Stück Landstraße, um zu antworten. Dazu aktivierte er den Fahrassistenten seines Autos, um sich komplett auf seinen Text konzentrieren zu können. Wollte man ihn deaktivieren, reichte es, das Lenkrad zu bewegen oder eine auf ihm befindliche Taste zu aktivieren, um einen eventuellen Geradeauslauf nicht zu beeinflussen. Kofi hatte seinen Text fast beendet, da nahm er wahr, dass sich der Bildschirm seines Infotainment-Systems verdunkelte. Was er dann sah, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Ein Berg aus Pixeln fing erst dann an zu sprechen, als er sich in eine aus grauer Vorzeit bekannte Gestalt verwandelt hatte – ein dunkelhaariger, hagerer Jugendlicher mit Piercings und negativem Ausdruck – selbst jetzt, wo er lächelte.
„Hallo Kofi, es war leicht, dich zu finden. Ich beobachte dich schon eine ganze Weile. Bei der Arbeit, beim Sport… und jetzt beim Autofahren. Du erschaffst mich und glaubst wirklich, du setzt etwas wie mich in die Welt, ohne dass dies eines Tages auf dich zurückkommt? Zu früh gefreut“!
Kofi bekam seinen Mund nicht mehr zu und er wusste, dass er jetzt ein riesiges Problem bekommen würde. Denn auch, wenn er lange nicht mehr an diese Gestalt gedacht hatte, wusste er sofort um ihre Gefährlichkeit – schließlich hatte er sich lange daran begeistert. Er versuchte, Kontrolle über das Fahrzeug zu bekommen, doch es geschah genau das, was er befürchtet hatte: die Kontrolle hatte ein anderer übernommen.
Bülent Yalcin war der erste Polizist, der am Unfallort eingetroffen war… zusammen mit der Studie Billy, einem Roboterhund, der für zukünftige Einsätze getestet wurde, um später vielleicht den zweiten Polizisten zu ersetzen. Die Rettungskräfte waren eher gekommen und luden das Unfallopfer schon ein. Zwischen Krankenwagen und dem total zerstörten Fahrzeug am Baum kam ein Notarzt auf den Polizisten zu.
„Der Patient möchte mit der Polizei sprechen. Normalerweise würde ich das verbieten, doch ich weiß nicht, ob das später noch gehen wird. Er ist in einem äußerst schlechten Zustand.“
Yalcin nickte und ging auf den im Gesicht sehr stark verletzten Kofi zu. Die Augen waren verdeckt, doch Kofi spürte, dass kein Arzt vor ihm stand. Seine Stimme war sehr schwach.
„Sind Sie von der Polizei“?
„Ja. Sprechen Sie.“
„Es war kein Unfall. Es war Greyhouse. Ich habe ihn erfunden – in einem Spiel, das X-Visage hieß. Er hat mein Auto gesteuert. Ich weiß nicht, warum es ihn nach so langer Zeit noch gibt. Aber Sie müssen ihn stoppen. Er ist wirklich böse… weil ich ihn böse haben wollte. Er ist eine Gefahr für alle Menschen.“
Kofi sackte nun leicht zur Seite. Der Notarzt schob Bülent etwas beiseite, da der Verletzte nun endlich ins Krankenhaus gehörte. So laut er konnte, rief Kofi Bülent noch hinterher, während seine Liege klappernd in den Krankenwagen geschoben wurde.
„Es tut mir leid. Es war doch nur ein Spiel“.
Dann wurde er abgefahren. Bülent beschloss, den Vorfall als ADD-Fall einzutragen, deren Beauftragter er war.
Bonn
Die deutsche ADD-Zentrale in Bonn war heute beinahe komplett besetzt. Von außen sah sie aus wie ein Einfamilienhaus, doch ihre Räume waren karg eingerichtet. Die AI, die ähnlich wie die gute alte Rasterfahndung funktionierte, stellte Pakete von Fällen zusammen, bei denen sie meinte, Zusammenhänge zu erkennen. So bekamen die Ermittler ihr Material mundgerecht serviert. Sia nahm eine erste Sichtung vor und rief ihre Kollegin Leonie zu sich.
„Kannst du mal bitte kommen? Hier ist was sehr Interessantes.“
Leonie fand die letzten Tage recht unspektakulär, so hätte es nach ihrem Geschmack auch gerne bleiben können. So bewegte sie sich eher schleppend zur Kollegin.
„Na, mal wieder politische Agitation? Oder gar „DeepFakes?“
„Nein, ganz anders… kennst du noch X-Visage?“
Leonie musste eine Weile überlegen.
„Ich kannte früher mal ein Online-Spiel, das so hieß. Man konnte Figuren entwerfen und sie durch ein virtuelles Leben steuern. Habe ich eine Weile ganz gerne gespielt. Ist aber ewig her, bestimmt 15 Jahre. Ich glaube, so lange gab es das Spiel auch gar nicht, der Betreiber ging bald pleite, meine ich.“
„Ja, genau das meine ich. Da sind welche von diesen Figuren wieder aufgetaucht und haben auf verschiedene Art und Weise ihre „Schöpfer“ besucht. Ein Single wurde von seiner Armbanduhr angesprochen, eine Geschäftsfrau im Metaverse, eine Mutter auf dem Display ihrer Küchenmaschine Modell Kasimix und schließlich, jetzt wird es wirklich ernst, kam einer durch einen Verkehrsunfall fast ums Leben. Seine Kreation tauchte als Fahrassistent wieder auf und hat den Wagen gegen einen Baum gesteuert.“
„Das ist ja faszinierend. Aber auch gruselig. Ich muss mal überlegen… meine Figur ist gestorben, ich war nicht besonders gut darin, ein Leben zu managen. Zum Glück gelingt mir das in Wirklichkeit etwas besser. Aber wie kommen Figuren aus einem alten, abgeschalteten Onlinespiel wieder an die Oberfläche?“
„Tja, das ist eine Frage. Und die andere, wie sie ihre Schöpfer gefunden haben.“
„Und: wie konnten sie so clever werden? Haben sie sich irgendwie weiterentwickelt? Der Spielkosmos war recht simpel ausgelegt, allerdings konnte man den Charakter umfangreich gestalten. Das hatte dann auch Einfluss darauf, wie die Figur sich in den folgenden Lebenssituationen behauptete…was das eigentlich Interessante an dem Spiel war.“
Beide überlegten kurz.
„Wir brauchen Zugang zu einem Spiel, das es nicht mehr gibt. Und dann müssen wir herausfinden, was mit den ganzen Daten passiert ist“.
Noch am gleichen Tag fanden die beiden heraus, wer der Entwickler und Manager von X-Visage gewesen war. Ein Österreicher namens Marc Fischer. der jetzt einen Online-Shop leitete.
Klagenfurt
Der 46-jährige Marc Fischer lehnte sich ans Fensterbrett und schaute sich gedankenverloren das Treiben auf der Straße an...irgendwo da draußen waren sie also immer noch... nur sichtbar für jene, die sie sehen sollten. So etwa drei oder vier Jahre hatte er nach dem Ende von X-Visage auf einen Anruf dieser Art gewartet. Danach hatte er seine Sorgen als unbegründet verworfen und nie wieder daran gedacht. Und dies war vermutlich auch der Grund, weshalb er jetzt darüber so schockiert war, nach so langer Zeit doch eingreifen zu müssen. Die Leute von der ADD waren recht freundlich gewesen und er hatte wirklich nicht das Gefühl, hier angeklagt zu werden. Deshalb war er auch schon im ersten Gespräch mit dieser Beamtin namens Sia Schöne kooperativ gewesen. Er gab zum Beispiel bereitwillig zu, die beim Spiel gewonnenen Daten verhökert zu haben. Weiter berichtete er, dass jene Firma, die nach dem Ende auch den Server übernahm, aus den erstellten Charakteren eine tägliche Online-Telenovela produziert hatte. Er selbst war dabei beratend tätig. Fischer beschloss, nach Bonn zu reisen, wohl auch aus einem schlechten Gewissen heraus. Doch erst in wenigen Tagen, denn zunächst musste er ein paar Programme, die er vor mehreren Jahren geschrieben hatte, modifizieren und der Gegenwart anpassen.
Bonn
Sia und Leonie empfingen ihren Gast am Bahnhof. Die Begrüßung fiel etwas distanziert aus, denn sie wussten ja nicht genau, welche Rolle Marc bei der Sache spielte und ob er vielleicht nur vor Ort eingreifen wollte, falls sich das Blatt gegen ihn selber wendete. Ging es ihm darum, den allgemeinen Schaden zu begrenzen oder nur den eigenen? Er war jedenfalls von Anfang an sehr bemüht, einen guten Eindruck auf die beiden zu machen, das spürten sie sofort. Nachdem Marc ein Zimmer im Hotel gebucht hatte, kamen sie dann auch schnell zur Sache.
Leonie beendete den Small Talk.
„Sie haben also X-Visage erfunden, gemanagt und schließlich verkauft. Warum eigentlich verkauft? Das Spiel lief doch.“
„Ja, sogar sehr gut und ich konnte product placement betreiben, ohne dass es mir übelgenommen wurde, schließlich ging es ja auch ein wenig um den Konsum von Dingen, mit denen sich die Figuren entwickelten. Dadurch habe ich sehr viel Geld verdient. Allerdings wuchs mit der Größe der ganzen Geschichte auch die Verantwortung. Ich hatte am Ende eine 70-Stunden-Woche und musste mich noch mit gesellschaftlichen Diskussionen herumschlagen in der Art, dass die Gamer süchtig und ihr eigenes Leben vernachlässigen würden und so weiter. Immer häufiger musste in dem Zusammenhang X-Visage herhalten, obwohl es mehrere Produkte gab, die man als Beispiel hätte nennen können. Da ich das ganze Ding bis auf die gelegentliche Mithilfe zweier Freunde alleine geschmissen habe und nicht vorhatte, eine große Firma aufzumachen, habe ich die Reißleine gezogen. Ehrlich gesagt, ich konnte es mir dann auch leisten“.
„Gut, X-Visage war also Geschichte. Da sollte man meinen, Schalter aus, Daten löschen und vorbei. Was geschah dann?“
„Ich hatte zunächst vor, das Spiel einfach an einen anderen Betreiber weiterzuverkaufen. Doch niemand wollte auf einen bereits fahrenden Zug aufspringen. Ich hatte mich schon damit abgefunden, auf X-Visage sitzenzubleiben, da meldete sich MBC, eine Firma, die vor allem Glücksspiele produzierte. Die machten dann auch gar kein Geheimnis daraus, dass sie vor allem die Nutzerdaten interessierte. Und da habe ich zugeschlagen, das muss ich zu meiner Schande gestehen.
Die hatten dann aber noch vor, eine Telenovela mit einigen der erstellten Figuren zu machen – wie ich fand, ein richtig genialer Einfall. Nicht nur von der Idee her, ich fand auch schön, dass auf diese Weise ein wenig von meinem alten Projekt X-Visage übrig bleiben würde. Sie mussten mich auch nicht lange überreden, als Berater zu fungieren“.
„Was ist schiefgelaufen“?
„Diese Telenovela lief nur wenige Wochen. Grundsätzlich hätte sie ja Potenzial gehabt, davon bin ich noch heute überzeugt. Doch MBC, der Betreiber, war recht ungeduldig. Nicht nur, dass er sich die Gestaltung der Figuren sparte, auch eine Art Drehbuch sollte es nicht geben. Um sie weiterzuentwickeln und miteinander zu verflechten, wurde sich einer öffentlich zugänglichen AI bedient. Die Geschichten sollten aus den Eigenschaften der „Personen“ entstehen.“
Leonie war schon angetan von der Idee.
„Und warum haben die so schnell aufgegeben?“
„Es ging komplett in die Hose, da es auch überhaupt keine Testphase gegeben hatte. Sie hatten von den Abertausenden zunächst 18 ausgewählt, die miteinander interagieren sollten. Aber entweder interessierten die sich gar nicht füreinander, was meistens der Fall war, die Geschichten entwickelten sich zu schnell für die Zuschauenden oder sie reagierten für Menschen nicht nachvollziehbar. Im Allgemeinen waren sie sehr wortkarg und niemand konnte den Ereignissen folgen. Doch das war noch nicht das schlimmste - ein ganz bestimmter Charakter namens Greyhouse fing plötzlich an, die anderen sadistisch zu quälen und versuchte sogar, zu morden. Dies geschah live vor aller Augen, denn sie hatten keinen Zeitpuffer eingebaut – ein Skandal. Danach haben sie panisch alles abgeschaltet und das Projekt aufgegeben. Aber durch die AI sind sie wohl ins Netz gelangt.“
„Warum werden sie erst jetzt aktiv?“
„Ich vermute, dass sie sich auch danach an die AI gebunden haben, die ja selber immer weiter dazugelernt hat. Über den langen Zeitraum ging die „Evolution“ wohl so weit, dass sie Fragen zu ihrer eigenen Herkunft bekamen. Es klingt verrückt, doch es wird eine Art Sehnsucht sein. Für die Suche nach ihren Schöpfern hatten sie als digitale Identitäten dann das ganze Netz zur Verfügung.“
Sia war nun auf Problemlösung bedacht.
„Das ist ja alles sehr interessant, doch wie bekommen wir diese 18 jetzt in den Griff?“
„Sie zu finden wird schon schwer.“
Fischer hatte einen Plan.
„Weil ich schon damals Probleme kommen sah, sind mir zwei Ideen gekommen, wie wir sie finden und sie unter Kontrolle bringen können. Die erste ist ein von mir geschriebenes Virus, das auf die Daten der 18 Figuren eingestellt ist – quasi ein Killer, der nur dann aktiv wird, wenn die Parameter übereinstimmen. Dieser Einfall ist einfacher umzusetzen als der zweite, denn hier brauchen wir nur diese Figuren. Und die sind mir bekannt“.
Schulterzucken bei den beiden Ermittlerinnen. Danach eine kurze Besprechung unter vier Augen. Dabei waren sie sich einig, dass sie Marc Fischer und seiner Intention, wirklich helfen zu wollen, inzwischen vertrauten. Leonie ging zu ihm.
„Bitte, machen Sie einfach. Wir müssen alles probieren. Feuer frei.“
Marc, der inzwischen auch die Rechner der ADD nutzen durfte, schickte das Virus auf die Reise und dann konnte nur gewartet werden.
Bonn
In Weserstadion wurde ein Fußballfan von Otto, seiner Figur aus X-Visage, in Gestalt eines Avatars in Werder-Bremen-Trikot begrüßt und in Königs-Wusterhausen wurde eine Dame von ihrem Saugroboter verfolgt, der mit ihr spielen wollte. Beide Fälle waren zwei Tage später an die ADD weitergegeben worden, neben weiteren, die Leonie frustriert vorlas.
„Ein Herr wurde von seinem Geschöpf namens Major Zack auf seinem Fitnessgerät gedrillt und eine Dame bekam ungefragt einen Strauß Blumen geliefert, versehen mit einem Liebesgruß von Theo, ihrer Figur aus X-Visage. Wie lautet noch gleich Ihre zweite Idee, Herr Fischer?“
„Sehr ärgerlich. Wahrscheinlich haben sich die Figuren selber so oft gewandelt oder sogar umbenannt, dass sie für mein Virus gar nicht mehr zu erkennen waren. Es vernichtet sich nach zwei Tagen übrigens von selbst. Meine zweite Idee funktioniert genau andersherum. Wir entwickeln Accounts mit den Daten der früheren Nutzer… quasi als Köder, denn wir wissen ja, wen die Charakter suchen. Sie öffnen eine vermeintliche Nachricht, die wie eine Phishing-Mail funktioniert. Hier ist aber kein Killer installiert, sondern ein Programm, das die Charakter in eine harmlose Richtung verändert.“
Sia schaute zuversichtlich.
„Das klingt deutlich erfolgversprechender als der erste Einfall, wenn ich ehrlich bin. Aber wir kennen ja nur einen Teil der Leute...da, wo schon was passiert ist. Fehlen noch zehn Personen, wenn ich richtig gezählt habe. Wo bekommen wir die Identitäten der Leute her?“
Leonie schaute ein wenig stolz.
„Da kann ich weiterhelfen. Ich habe die Rechtsabteilung von MBC kontaktiert und ihnen in Aussicht gestellt, dass sie heil aus der Geschichte rauskommen, wenn sie uns die Namen geben. Die waren dankbar für diese Möglichkeit und was soll ich sagen: ich habe sie alle mit aktuellem Namen vorliegen. Ich kenne auch noch jemanden beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen, das war sehr hilfreich.“
Marc und Sia ließen ein paar Komplimente in Richtung Leonie los, um sich dann gleich an die Arbeit zu machen… die Accounts wurden erstellt und die Köder ausgelegt. Marc erklärte den beiden anderen noch, dass sein Programm eine Tracking-Funktion habe, mit der er genau sagen könne, wo die Charakter verbleiben würden.
Castrop-Rauxel
Denise hatte einen günstigen Leasing-Rückläufer aufgetrieben und mit ihrem Ersparten plus dem Erlös aus dem Verkauf ihres jetzigen Autos käme sie vielleicht sogar um einen Kredit herum. Doch zunächst musste sie erst einmal feststellen, was ihr „alter“ denn noch abwerfen würde. Ein Freund, den sie für solche Dinge früher um Hilfe gebeten hatte, erwies sich in der letzten Zeit als eher unzuverlässig und so versuchte sie selbst ihr Glück. Sie betrat eine entsprechende Seite und wurde sogleich begrüßt – von einer virtuellen Figur, die aussah wie ein Autoverkäufer. Hinter ihr stand ein ebenso virtueller Stuhl, auf dem ein grünes Fußballtrikot abgelegt war.
„Herzlich willkommen bei Carholder Value. Mein Name ist Otto und nach einem kurzen Gespräch mit mir wissen Sie, wie viel Ihr Auto wert ist“.
Bonn
Zwei Tage später waren Leonie und Sia eher pessimistisch. Sie rechneten mit einem Problem, das wohl so schnell nicht zu lösen sei. Schon gar nicht durch die etwas hemdsärmelig wirkenden Versuche von Marc. So berieten sie schon, wie man die Menschen schützen könne. Etwas wirklich Gutes fiel ihnen nicht ein. Da gab es den Vorschlag, die Identitäten der einstigen X-Visage-Spieler durch die Wegnahme oder Ergänzung von Buchstaben leicht abzuändern. Oder eine Wiederaufnahme von X-Visage, um die Figuren dorthin zu zurückzuführen und zu domestizieren. Das war alles nicht so richtig überzeugend und so beschlossen sie, doch noch einmal mit Marc zu sprechen. Und dieser hatte gute Nachrichten.
„Wieso kommen Sie heute erst zu mir? Ich hätte die allgemeine Stimmung schon gestern heben können. Also: Milena ist jetzt das freundliche Gesicht, das durch die Lernplattform eines Schulbuchverlages führt. Theo ist Moderator einer Dating-Seite. Und unser Problemkind Greyhouse ist jetzt der Endgegner eines Online-Kampfspiels… da kann er sich so richtig austoben. Tja, so wie es aussieht, haben wir sie untergebracht – Problem gelöst. Alle haben eine Aufgabe und wühlen nicht mehr in ihrer Vergangenheit herum. Sieg auf ganzer Linie.“ Marc ballte die Faust und die Stimmung aller drei war euphorisch. Sia bot Marc direkt das „Du“ an, Leonie schloss sich an.
„Gratuliere. Ich bin so erleichtert, das kann ich gar nicht beschreiben“.
Marc war schon ein wenig stolz.
„Ein fünfzehn Jahre altes Problem war ganz offenbar nur mit einem fünfzehn Jahre alten Programm zu lösen – modifiziert, versteht sich.
Nachdem sie zu dritt gejubelt, sich gegenseitig gelobt hatten und Marc eine Einladung zum Essen ausgesprochen wurde, kamen von Sia ein paar nachdenkliche Töne.
„Wenn so etwas Ähnliches wieder passiert und noch weitere Kreise zieht, wird man die Frage stellen müssen, ob digitale Charakter eine anerkannte Identität haben und einer Ethik unterstehen. Das Problem wird bestimmt kommen und die Diskussion darüber sicher auch. Etwa, was man ihnen antun darf oder ob sie sogar diskriminiert werden. Einfach löschen oder ummodeln geht dann vielleicht nicht mehr. Immerhin haben sie sich entwickelt und eine Art Gefühl gezeigt.“
So ein schweres Thema war in diesem Moment nichts für die anderen beiden. In Feierlaune hakten sie Sia unter und gingen in ein gutes Lokal, das sich Marc ausgesucht hatte. Dem Vorschlag gegenüber, ob Marc mit seinen Fähigkeiten nicht für die ADD arbeiten wollte, zeigte sich dieser nicht abgeneigt.
Ende
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