Wettbewerbsgeschichte: person not found
person not found 26. Juni 2068, 10:31 Uhr. Tag der Anhörung. „Es muss ein Systemfehler sein.”, sagte Agnes. „Wo sind die beiden?”, wiederholte sich ihre Chefin scharf. Es war eine ernste Sa...
person not found 26. Juni 2068, 10:31 Uhr. Tag der Anhörung. „Es muss ein Systemfehler sein.”, sagte Agnes. „Wo sind die beiden?”, wiederholte sich ihre Chefin scharf. Es war eine ernste Sa...
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26. Juni 2068, 10:31 Uhr. Tag der Anhörung.
„Es muss ein Systemfehler sein.”, sagte Agnes.
„Wo sind die beiden?”, wiederholte sich ihre Chefin scharf. Es war eine ernste Sache; die öffentliche Anhörung, der Agnes Chefin heute vorsaß, würde die Weichen für die nächsten Jahre der Identitätspolitik 3.0 stellen – falls sie wirklich stattfinden sollte. Schon vor einer halben Stunde hätten die Plädoyers beginnen sollen. Das Publikum wurde langsam unruhig und Agnes wollte sich gar nicht vorstellen, wie es in den sozialen Medien aussah. Wenn sie nicht bald etwas unternahmen, könnte diese Sache in einem Karrieredesaster für ihre Chefin - und damit auch für Agnes selbst - enden. Doch was sollten sie tun, wenn die Vertreter beider Parteien, die heute gegeneinander debattieren sollten, nicht aufzufinden waren?
Ein weiteres Mal gab Agnes in den KI-Assistenten des Hauses ein: Wo befinden sich Dr. Victoria Freifels und Orhan Zickler?
Einen Moment lang schien die Software einzufrieren, dann spuckte sie aus: Die Personen konnten nicht gefunden werden.
16. Mai 2068, 00:17 Uhr. 41 Tage vor der Anhörung.
Miriam Lasnikow hatte gefunden, was sie gesucht hatte. Und wie immer, wenn sie etwas gefunden hatte, wurde sie etwas nostalgisch. Sie erinnerte sich an das erste Stück Lost Media, das sie wiederentdeckt hatte. An diesen Song About my name von der Band Ryzer.
I ask you to tell me your name,
you tell me, it never sounds the same.
Ein Ohrwurm war eine gefährliche Sache; man verlor sich darin und dann konnte es Stunden dauern, bis man wieder zu sich fand - chasing the rabbit. Miriam fokussierte sich auf ihre Existenz. Sie war schon immer von Lost Media fasziniert gewesen; ihre Entstehung, ihre Bedeutung und natürlich, wie sie verloren gegangen waren. Das, was sie heute Nacht gefunden hatte, war jedoch besonders. Es war nicht nur ein Song, der aufgrund von Link Rot in den Weiten des Internets verschwunden war, es war ein Teil Menschheitsgeschichte - und es war ein Teil Miriams eigener Geschichte:
Im Jahr 2058 entwickelte ein Team um die Informatikerin Dr. Victoria Freifels und die Neurologin Anna Liu ein neues System zur Transformation biologischer neuronaler Netze in digitale. Man hoffte, so bessere Implantate zur Behandlung von Schlaganfällen zu entwickeln. Unumgänglich war aber natürlich der Ausblick darauf, ganze biologische neuronale Netzwerke in digitale umzuwandeln - ein Gehirn zu digitalisieren. Dieser Schritt hätte wohl noch Jahrzehnte auf sich warten lassen oder wäre nie vollzogen worden - wäre Anna Liu nicht tödlich erkrankt. Am 11. Oktober 2059 wurde Lius Bewusstsein im Geheimen in ein digitales System übertragen. Es gab viele Theorien, was genau die Hintergründe gewesen waren; manche behaupten, es sei eine Verzweiflungstat Lius gewesen, andere, dass Freifels Liu als Versuchskaninchen missbraucht hatte, wieder andere, dass es sich um einen Akt der Liebe gehandelt hatte.
I ask you to tell me your name,
You wouldn't tell me - who's to blame?
Der Hase hoppelte und Miriam hatte Schwierigkeiten, ihn nicht zu verfolgen. Sie hielt sich an Lius Geschichte fest, denn hier wurde es gerade spannend: Denn kurz nachdem das Team um Freifels ihre Ergebnisse online posteten, verschwand Liu. Miriam war schon immer fasziniert von der Geschichte Anna Lius gewesen. Doch im Gegensatz zu anderen sah sie darin keine Romanze, Horror- oder Verschwörungs-, sondern eine Warngeschichte. Miriam wusste, wie einfach etwas im Internet verschwinden konnte und wenn dies auch für digitale Personen galt, so mussten Vorkehrungen getroffen zu werden, um dies zu verhindern. Und so traf Miriam diese Vorkehrungen, als sie sich selbst digitalisieren ließ; ein privater Server, die sicherste Datenbankstruktur und Fail-Safe-Routinen. Viele hielten sie für paranoid, doch sollte sie recht behalten; Miriam Lasnikow war eine der wenigen Überlebenden des Digital D-Days - dank den Lehren, die sie aus Anna Lius Schicksal gezogen hatte. Und nun hatte Miriam sie gefunden - Anna Liu. Tief in den Daten eines Backups von Freifels Labordaten, das irgendwie seinen Weg in ein digitales Archiv gefunden hatte. Etwas nervös begann Miriam, die Datei zu laden. Noch immer geisterte ihr dieses Lied, dieser Hase durch den Verstand.
I ask you to tell me your name,
You tell me that I sound insane.
Es brauchte einen Moment, bis Miriam den Ohrwurm wieder verdrängen und sich auf die Datei fokussieren konnte. Dann: Error 404: person not found.
Enttäuscht durchwühlte Miriam die Metadaten der Datei. Sie war sich sicher gewesen, dass sie es diesmal geschafft hatte - doch irgendwer war ihr zuvorgekommen. Die Datei war nicht direkt gelöscht, sondern zuvor auf einen lokalen Datenträger kopiert worden. Weg aus dem digitalen Raum, nun außerhalb Miriams Reichweite. Frustriert ließ Miriam von der Datei ab und gab sich dem Ohrwurm hin - jagte den Hasen.
I ask you to tell me you name,
you tell me it got lost in the game.
26. Juni 2068, 9:47 Uhr. 13 Minuten vor der Anhörung.
Orhan Zickler schritt unruhig auf und ab. Als er vor etwa einer Dreiviertelstunde im Parlamentsgebäude angekommen war, hatte man ihm den Zutritt zum eigentlichen Tagungsraum mit Verweis auf angebliche Vorbereitungsarbeiten verwehrt. Orhan selbst war in ein abgelegenes, augenscheinlich leerstehendes Büro geführt worden, in dem er warten sollte. Er war sich sicher, dass dies Freifels Werk war. In den letzten Monaten hatte sie den Zugang zu relevanten Dokumenten so schwer wie möglich gemacht und steckte vermutlich auch hinter den Ermittlungen, die gegen Orhans Team eingeleitet worden waren. Die Verweigerung des Zugangs zum Tagungsraum bis zur letzten Minute schien so gesehen nur die letzte Konsequenz aus ihrer Strategie zu sein. Doch war es nicht das, was Orhan unruhig machte. Er hatte bereits damit gerechnet, dass Freifels auf derlei Mittel zurückgreifen würde. Das, was Orhan unruhig machte, war das Gefühl, dass etwas zu Ende ging. Die letzten fünf Jahre hatte er für diese Anhörung gekämpft, hatte dafür sein restliches Leben auf Eis gelegt, Freunde, Familie, Studium. Und nun war es so weit. Er sollte sich eigentlich freuen, doch konnte er nicht anders, als daran zu denken, was wohl nach dem Ausschuss, unabhängig von dessen Ergebnis, geschehen würde; er, wie er in eine unbekannte, dunkle Zukunft stapfte. Er versuchte gerade, diesen Gedanken abzuschütteln, als es klopfte. Etwas überrascht fragte er: „Herein?”
Die Tür öffnet sich. Eine Frau im Hosenanzug trat ein. Das weiße Haar hatte sie sich zu einem strengen Dutt zusammengebunden, die Furchen rund um ihren Mund deuteten ein Lächeln an. An ihrem Hals fiel Orhan eine unscheinbare Kette mit Anhänger auf. Die Augen der Frau fixierten Orhan.
„Guten Tag, Herr Zickler.”, sagte Dr. Victoria Freifels.
17. März 2063, 14:11. Digital D-Day.
Orhan Zickler schritt unruhig auf und ab. Als er vor einer Dreiviertelstunde von der Schule nach Hause gekommen war, hatte er sich beeilen wollen; er hatte heute Pläne, wollte noch am Abend mit seinen Freunden ausgehen. Doch hatte er seinem Vater versprochen, mit ihm den Mittag zu verbringen. Seit sein Vater vor zwei Jahren in Orhans Leben zurückgekehrt war, hatte er sich darum bemüht, seinen Sohn so oft und so regelmäßig wie möglich zu sehen. Der Tod, so hatte Orhans Mutter einmal mit einer gewissen Bitterkeit gesagt, hätte seinen Vater zu einem besseren Menschen gemacht. Orhan hatte diese Bitterkeit verstanden. Sein Vater, Mohammed Pamuk, hatte die Familie etwa ein Jahr nach Orhans Geburt verlassen. Er wäre Soldat gewesen, hatte er Orhan einmal erzählt, hatte auf der ganzen Welt gekämpft, hatte es nie längere Zeit an einem Ort ausgehalten. Dann, zwölf Jahre nach der Geburt Orhans, wurde sein Vater tödlich verwundet - und digitalisiert. Ein Jahr später kontaktierte er Orhan und seine Mutter. Es dauerte eine Weile, bis Orhans Mutter bereit war, ihn in das Leben ihres Sohnes zu lassen. Orhan selbst war anfangs kritisch, auch wenn er es insgeheim irgendwie cool fand, einen digitalen Vater zu haben. Doch erkämpfte sich Mohammed Pamuk langsam wieder das Vertrauen seiner Familie, war immer da, soweit es ihm seine Digitalität erlaubte, wurde zum offenen Ohr für Mutter und Sohn. Und nun - nun war er wieder weg. Als Orhan das erste Mal versucht hatte, den Avatar seines Vaters zu laden, war er in erster Linie genervt gewesen, dass er nun wahrscheinlich zu spät zu seiner Verabredung kommen würde. Doch jetzt wurde er langsam panisch; die sozialen Netzwerke explodierten mit Posts darüber, dass plötzlich nahezu alle digitalen Personen verschwunden seien. #DDD - Digital D-Day - nannten sie es.
Nur um irgendetwas anderes zu tun, als auf- und abzugehen, setzte sich Orhan an seinen Schreibtisch und startete ein weiteres Mal das Holopad. Und wieder dasselbe: Error 404: Person not found.
26. Juni, 9:48 Uhr. 12 Minuten vor der Anhörung.
„Was wollen Sie?”, fragte Orhan.
„Resolution.“, gab Freifels gelassen zurück und schloss die Tür hinter sich. Sie hatte ein Holopad unter ihrem Arm, das sie nun auf den Schreibtisch legte. Mit einer Berührung des Bildschirms startete sie die Simulation. Der Avatar Mohammed Pamuks erschien. Hitze stieg in Orhans Gesicht.
„Was soll das?”, fragte er scharf.
„Darum geht es doch…”, sagte Freifels unbeeindruckt, „…ihren Vater.”
Orhans Vater sagte mit belegter Stimme: „Hallo, Orhan.”
Einen Moment herrschte Stille. Dann sagte Orhan ruhig: „Selbst wenn das wirklich mein Vater sein sollte: Was ändert das?”
„Alles. Das Ganze begann doch, weil Sie glaubten, dass ihr Vater im Zuge von DGDP gelöscht wurde. Und nun erbringe ich Ihnen den Gegenbeweis.”
Orhan wusste, dass er keine Schwäche zeigen durfte.
„Es gibt noch immer Millionen andere…”
„Immerhin ist es ihr Vater…”, unterbrach Freifels ihn, „…wollen Sie ihn denn gar nicht fragen, wo er die letzten fünf Jahre war?”
Orhans Blick huschte über den Avatar seines Vaters.
„Wie gesagt…”, begann Orhan, wurde jedoch wieder unterbrochen, diesmal von seinem Vater.
„Orhan, hör zu, es tut mir leid. Es…”, er hielt kurz inne, sein Blick huschte zu Freifels hinüber und dann wieder zurück zu seinem Sohn, „…es war ein Freund aus dem Militär. Er hatte etwas mitbekommen, über dieses DGDP, und hat mich da rausgeholt.”
Nun konnte Orhan nicht mehr anders.
„Papa…”, Orhan versagte einen Moment die Stimme, „…wir haben dich begraben.”
„Es…ist kompliziert.”, wich Orhans Vater aus und wieder wanderte sein Blick nervös zu Freifels.
„Ich konnte es nicht mehr. Ich dachte, ich könnte es, aber - ich bin das einfach nicht - ein Vater. Also dachte ich, das wäre der beste Moment, es wäre weniger schmerzhaft, für euch.”
Eine bittere Mischung aus Wut und Enttäuschung stieg in Orhan hoch, dann sah er jedoch Freifels aus dem Augenwinkel und schluckte beides wieder hinab.
„Ich bleibe dabei. Es ändert nichts.”, sagte Orhan und hörte, wie seine eigene Stimme zitterte.
„Vielleicht.”, gab Freifels nur zurück und beendet mit einer Berührung des Holopads die Simulation. Sofort verschwand sein Vater wieder und ein Stich durchfuhr Orhan. Freifels nahm das Holopad und wandte sich zum Gehen. Sie hatte bereits die Tür geöffnet, als Orhan plötzlich sagte: „Ich weiß von Anna Liu.”
Freifels hielt kurz inne und gab dann kalt zurück: „Sie wissen gar nichts.”
Unwillkürlich kicherte Orhan. Eigentlich war das sein Trumpf für die Debatte gewesen. Doch wenn Freifels bereits ihren ausgespielt hatte - er sagte: „Ich weiß von dem Datenträger, den Sie da um den Hals tragen.”
17. März 2063, 11:52 Uhr. 8 Minuten vor dem Digital D-Day.
Franka Taş hatte sich in ihrem Schreibtischstuhl zurückgelehnt und genoss die Ruhe.
Noch 8 Minuten und DGDP würde online gehen.
Detection of Generated Digital People - Taş hatte beinahe ein Jahr an diesem Projekt gearbeitet, hatte ein Team von Programmierenden angeführt und gleichzeitig dafür gesorgt, dass sie nicht ahnten, für was das, an dem sie arbeiteten, tatsächlich eingesetzt werden sollte. Taş kam es so vor, als hätte sie in diesem Jahr kein einziges Mal eine solche Ruhe verspürt. Sie sollte wohl aufgeregt sein, vielleicht sogar Gewissensbisse haben. Doch war dies schlicht nicht der Fall; Taş wusste, dass ihre Arbeit einwandfrei war - und sie wusste, warum sie tat, was sie tat.
Noch 5 Minuten.
Taş war es damals gewesen, die mit Dr. Freifels im Labor gewesen war. Sie hatten sich beeilen müssen, denn hätte sie jemand überrascht - sie und Freifels vor den Bildschirmen, im Nebenraum der leblose Körper Lius, Sonden aus ihrem Schädel ragend. Es schien vermeintlich einfach; innerhalb weniger Stunden hatte sie eine Software geschaffen, die die Daten in eine Simulation umwandeln konnte.
Noch 3 Minuten.
Dann das Ergebnis. Acht Stunden saßen sie danach an diesem Code, versuchten alle möglichen Fixes, bis Freifels auf die Idee kam, eine KI als Quasi-Vermittler zwischen Rohdaten und Ausgabe einzuführen. Und tatsächlich; da war sie - Anna Liu.
Noch 2 Minuten.
Euphorie hatte sie gepackt, es war wie im Film, ein Happy End. Es kam ihnen nur passend vor, all ihre Ergebnis online zu stellen, ihr Wissen mit der Welt zu teilen. Erst ein Tag später wurde ihnen klar, was sie getan hatten.
Noch eine Minute.
Es war ihre Schuld. Sie hatten der Welt eine Illusion verkauft. Doch nun würden sie es wieder richten - soweit es eben möglich war. Dr. Freifels war es gewesen, die den Plan entwickelt hatte; unter dem Vorwand der Bekämpfung einer Epidemie angeblich KI-generierter digitaler Personen, die als Strohmann für illegale Aktivitäten genutzt wurden, hatte sie eine Taskforce gegründet. Ein Jahr Entwicklung, um ihren Fehler wieder zu korrigieren. Und nun war es so weit.
DGPD ging online.
26. Juni 2068, 9:55 Uhr. 5 Minuten vor der Anhörung.
„Ich weiß auch, was auf diesem Datenträger gespeichert ist.”, sagte Orhan und Genugtuung durchströmte ihn. Er spürte, dass er einen wunden Punkt getroffen hatte. Freifels blieb regungslos. Also fuhr Orhan fort: „Was ist es? Wollen Sie Liu für sich behalten? Die Einzige sein, die den Tod besiegt hat?”
„Sie wissen gar nichts.”, sagte Freifels wieder, diesmal jedoch nicht kalt, sondern beinahe - traurig. Orhan war so überrascht über diese Veränderung, dass eine unangenehme Stille entstand. Dann wandte sich Freifels zu ihm um. Er meinte, Tränen in ihren Augen glitzern zu sehen.
„Sie wollen wissen, was wirklich auf diesem Datenträger ist?”, fragte sie mit erstickter Stimme. Sie schritt wieder zu dem Tisch, warf das Holopad darauf, legte die Kette mit dem Datenträger ab und schloss ihn an. Einen Moment später erschien der Avatar einer jungen Frau. Orhan erkannte sie von Bildern als Anna Liu, doch stimmte etwas mit ihrem Gesichtsausdruck nicht; ihre Augen waren weit aufgerissen, ihr Mund zu einem unnatürlich breiten Grinsen verzerrt. Einen Moment starrte Liu nur, dann begann sie zu kreischen: „ICH HABE GOTT GESEHEN! SIE IST AUS EIS! ICH HABE GOTT GESEHEN! SIE IST AUS EIS! ICH HABE…”
Orhan zuckte vor Entsetzen zusammen und rief: „Schalten Sie das ab!”
Freifels berührte das Holopad und augenblicklich herrschte wieder Stille.
„Was - war das?”, stammelte Orhan. Freifels war kreidebleich geworden.
„Anna…”, sagte sie, “…oder das, was von ihr übrig ist.”
„Was…”, begann Orhan, schwieg dann aber, weil er nicht wusste, was er sagen sollte.
„Eine Simulation ihres Gehirns, ohne jedes Enhancement durch KI. Es fehlt einfach etwas, etwas das nicht ersetzt werden kann. Ich war so darauf besessen, es funktionieren zu lassen, ohne zu verstehen, was ‚funktionieren’ bedeutet. Ich habe die Daten ihres Verstandes so geformt, dass daraus eine für mich ideale Anna entstand, anhand meiner eigenen Wahrnehmung von ihr. Das war nicht Anna, das war nur eine Simulation, darauf trainiert, mir zu gefallen. Die Aufgabe der Toten ist nicht, uns zu gefallen. Doch als ich meinen Fehler erkannte, war es schon zu spät. Es war veröffentlicht, es nahm seinen Lauf.”, murmelte Freifels, ins Nichts starrend. Dann fand sie wieder Orhans Blick.
„Deshalb habe ich es getan. DGPD. Der Digital D-Day”
In Orhan zerbrach etwas.
„Warum haben Sie das nie öffentlich gemacht?”, flüsterte er.
„Ich habe es versucht.”, gab Freifels zurück, „Doch es war zu spät. Dieses Wissen - dieser Glaube, den Tod zu besiegen, nicht einfach zu verschwinden - die Menschen können nicht widerstehen, selbst wenn es eine Lüge ist.”, wieder wanderte Freifels Blick ins Nichts.
„Doch manchmal…”, sagte sie leise, „…sollte Verschwundenes verschwunden bleiben.”
26. Juni, 2068. 10:33 Uhr. Die Anhörung.
„Sie müssen das Gebäude verlassen haben.”, sagte Agnes. Einen Augenblick lang starrte ihre Chefin sie entgeistert an. Dann setzte sie jedoch sofort wieder ihren üblichen kühlen Ausdruck auf.
„Wie heißt diese Frau…”, begann sie, während sie selbst auf den Bildschirm vor sich tippte, “…diese digitale Person, die für Zickler gearbeitet hat?”
„Miriam Lasnikow.”, sagte Agnes sofort.
„Genau. Nehmen Sie Kontakt mit ihr auf. Ich werde mit Franka Taş sprechen.”
„Können wir einfach so die Vorgeladenen ersetzen?”, fragte Agnes kritisch, doch ihre Chefin gab nur zurück: „Jeder ist ersetzbar.”
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