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Geschichte Nr. 50

Wettbewerbsgeschichte: Hemmy

Hemmy Ich sollte mich auf das Baby konzentrieren, das gerade auf unserem Esstisch installiert wird. Stattdessen wandern meine Gedanken andauernd zu meiner Schwester Aelid. Seit letztem November sitzt ...

Wettbewerbsgeschichte: Hemmy

Wettbewerb: Menschmaschine – VACSF26 – Vierter anonymer und chancengleicher Schreibwettbewerb auf punktasten.de

Teilnehmer-Nr.: WC2026_001_0053

Hemmy

Anonym eingereicht

Hemmy

Ich sollte mich auf das Baby konzentrieren, das gerade auf unserem Esstisch installiert wird. Stattdessen wandern meine Gedanken andauernd zu meiner Schwester Aelid. Seit letztem November sitzt sie im Gefängnis, weil sie sechs Monate lang nur Regenwasser getrunken hat.

Aber das ist jetzt nicht wichtig.

Jetzt sitzt Ulo vor dem grün pulsierenden Baby-Kokon, den Controller in der Hand, der von der Elternbehörde mitgeliefert wurde. Er zuckt zusammen, als sich die Stimme der Installationssoftware aus dem Kokon meldet.

„Das Still-Erlebnis wurde meinen Daten zufolge nicht mitgebucht. Ist das korrekt? Bitte Bestätigung.“

„Bestätigung“, antworte ich bestimmt, bevor Ulo mir ins Wort fällt.

Als Aelid verhaftet wurde, kommentierte Delia nur: „Kommt davon, wenn man sich nicht an Regeln hält.“

Es wird gerne behauptet, Zwillinge ständen sich näher als normale Geschwister. Dem kann ich nicht zustimmen. Aelid und Delia darf man nicht in einem Raum allein lassen.

Nach meiner Bestätigung ertönt ein dröhnender Laut und der Kokon leuchtet rot auf, bevor die Installation fortfährt.

Ulo wirft mir einen vorwurfsvollen Blick zu und öffnet den Mund. Eine Tirade liegt in der Luft. Um ihn präventiv zum Schweigen zu bringen, halte ich das Infoschreiben der Behörde hoch und aktiviere mit einem Schütteln die Vorlese-Funktion.

Eine sanfte Frauenstimme, die uns offensichtlich einlullen soll, hallt durchs Wohnzimmer.

„Wir wissen natürlich, dass Sie sehr nervös sind. Denken Sie immer daran, die Behörde ist auf Ihrer Seite. Wir wollen Sie beim Elternwerden unterstützen. Sehen Sie die kommenden Monate als Training und nicht als Test an. Wenn die Hebammen zum Auslesen des Babys kommen, haben Sie die Gelegenheit, alle Ihre Sorgen und Probleme zu teilen. Nach Initialisierung des Schlüpfprogramms raten wir ihnen, im Easy Mode zu starten. Bei Fragen wenden Sie sich bitte ans Handbuch.“

Und dann lässt sie uns mit dem pulsierenden Kokon auf unserem Esstisch allein.

Ich habe schon mehrfach versucht, mit Delia zu reden, aber wie immer ist sie nicht willens, sich in ihren Zwilling hineinzuversetzen. Ohne vorbestraften Ehemann war der Elternlizenzantrag für sie kein Problem. Anders bei Aelid. Wir wussten von ihrer Verzweiflung deswegen, aber wer hätte gedacht, dass sie sich erfolgreich der Trinkwasserkontrolle entzieht und tatsächlich schwanger wird? In knapp zwei Wochen wird sie entlassen. Wie wird sie reagieren, wenn ihre Schwestern beide Trainingsbabys haben, sie ihr richtiges hingegen nicht mal sehen darf?

Ulo deutet auf den Kokon. „Rot! Er hat rot aufgeleuchtet. Das kann nichts Gutes heißen.“

„Das hat sicher nichts zu bedeuten.“

„Sagst du! Ich war von Anfang an der Meinung, wir sollten das Stillen mitbuchen. Jetzt haben wir schon den ersten negativen Vermerk kassiert.“

Hinter meiner Brust bildet sich ein brennender Wutknoten, der nach oben will, an die Freiheit. Aber wir haben einen Kokon auf dem Esstisch stehen, sind endlich in der kritischen, praktischen Phase der Antragsstellung angelangt. So kurz davor, eine Elternlizenz zu erlangen, da streitet man nicht.

Trotz aller Selbstbeherrschung entwischt mir ein kleiner Satz: „Du hättest das Still-Erlebnis allein für dich buchen können. Brüste hast du schließlich auch.“

Als er zu mir herumwirbelt, schon Atem holend, hebe ich beschwichtigend die Hände. „Unser echtes Baby werde ich stillen. Aber nicht –“, wir drehen uns beide zum Kokon, und ich will schon das da sagen, als Ulo drüber streichelt. Ich kann den Ausdruck in seinem Gesicht nicht deuten. Zärtlichkeit? Ekel?

Die Behörde hält die genaue Natur der Trainingsbabys unter Verschluss. Synthetische Roboter, heißt es. Was auch immer das bedeutet. Von unsynthetischen Robotern habe ich noch nie gehört.

Hemmy ist seit einer Woche hochgefahren. Er sieht fast wie ein richtiges Baby aus. Die grölende Milchluke, die schrumpelige weiche Haut, der Flaum auf dem Kopf. Es sind die Kleinigkeiten, an denen man es merkt – vorausgesetzt man weiß, was ein echtes Baby so ausmacht. Ulo fallen keine Unterschiede auf, aber ich erinnere mich gut, wie es mit Aelid und Delia war, damals, als ich große Schwester wurde. Die Körperspannung ist falsch, Hemmy liegt zu gerade im Arm, bewegt sich zu viel und zu koordiniert. Seine Augen stehen die meiste Zeit offen und schauen seltsam aufmerksam. Bei den Zwillingen hat es nach der Geburt Wochen gedauert, bis sie meinen Blick erwiderten. Aber es ist vor allem die Haut, sie fühlt sich nicht wie die eines Menschen an, sondern eher wie die eines Plüschtieres, als wüchse Seide auf ihr.

Die Behörde rät davon ab, den Trainingsbabys Namen zu geben. Aber Ulo war es schon nach einem Tag leid, das Baby bloß mit Es oder Ding zu betiteln. Also Hemmy. Zu etwas, das einen derart lächerlichen Namen trage, könne er nie eine tiefere Bindung aufbauen, sagt er.

Darüber mache ich mir keine Sorgen. Ich mache mir Sorgen um Aelid, die in drei Tagen zu uns kommt. Nach Hause kann sie erst mal nicht, das existiert nicht mehr. Ihr Mann ist weg, bleiben nur Delia oder ich. Eigentlich will ich mir in Ruhe einen Plan überlegen. Darüber nachdenken, wie ich mit ihr umgehen soll, welche Orte ich mit ihr besuche, was ich ihr koche (vegetarische Paella mochte sie immer gern), aber seitdem Ulo voller Enthusiasmus den Easy Mode beendet hat, beherrscht eine Kreissäge unsere Wohnung. Sie geht ohne Vorwarnung los. Wenn wir auf Toilette sitzen, wenn wir essen wollen, wenn wir eigentlich mal schlafen müssten.

Diese hundert Dezibel bohren sich direkt in unser Innerstes, zwingen uns zum Handeln, aber es gibt keinen Knopf, um das Geräusch abzustellen. Es tut weh. Auf der Haut, hinten im Hals, an diesem einen Punkt zwischen den Rippen.

Ich verstehe, warum die Behörde uns das antut. Sie will unser Aggressionspotenzial testen. Ich verstehe das. Mein Gehör allerdings nicht.

Und mich irritiert, wie er aussieht. Meine Augen, Ulos Mund, den Knick im rechten Ohr, den auch mein Vater hatte. Sie haben uns einen personalisierten Jungen gebaut, aus dessen winzigem Penis in zufälligen Abständen eine grünliche Flüssigkeit sprudelt, die Urin imitieren soll. Die Kotze, die alle paar Stunden im hohen Strahl aus ihm rausschießt, ist auch grün.

Einmal in Kleidung eingesogen, lässt sich die Farbe nicht mehr herauswaschen.

Ulo trägt Hemmy ununterbrochen durch die Gegend, füttert ihn mit der gelblichen Milch, die uns die Behörde zur Verfügung gestellt hat, wechselt die vom Pseudo-Urin durchnässten Windeln. Ich schaue ihm dabei aufmunternd zu, während ich mich mit Gehörschutz durch die zweihundert Seiten starke Verordnung kämpfe, die die Wegnahme von Babys bei illegalen Schwangerschaften regelt.

Er heißt meine Recherche nicht gut. Sagt, sie lenke mich von unserer Eltern-Experiance ab.

„Hast du auch sicher deine Bonding-Hormone genommen?“

Ich nicke.

Natürlich nehme ich den Scheiß nicht.

Ulo wollte die Hormone unbedingt dazu buchen. Er will viele Sachen unbedingt. Ein Baby, mich als Mutter, sich als Vater. Ich will auch Sachen, die ich nicht haben kann. Meine Schwester davor schützen, durch unser synthetisches Baby gefoltert zu werden. Das will ich.

Delia ist mir im Training um neun Monate voraus. Sie nennt ihren synthetischen Roboter Baby-Boy. Schon zehnmal war eine Hebamme da und hat Baby-Boy ausgelesen. Dabei lagen Delias Ergebnisse konstant im Bereich der oberen zehn Prozent. Trotzdem hat sie sich bisher nicht zu einem Upgrade entschlossen. Baby-Boy trägt noch immer Kleidergröße 62 und scheint auf Delias Arm angewachsen zu sein.

„Ich kuschle einfach so gerne“, sagt Delia und reicht mir einhändig den Kaffee. Seit neun Monaten macht sie alles einhändig. „Das geht dir bei Hemmy doch bestimmt auch so! 62 ist einfach die beste Größe.“

„Du hast zu viele Bonding-Hormone genommen.“ Ich schlürfe an meinem Kaffee und deute auf das Trainingsbaby, das im Dauermilchkoma an Delias Schulter hängt. „Seid ihr wieder im Easy Mode?“

Delia schüttelt den Kopf. „Ich habe ihn nur für deinen Besuch so eingestellt. Die Behörde erwartet schon von uns, die Schwierigkeitsstufe zu steigern. Schließlich wollen sie sichergehen, dass wir auch mit herausfordernden Kindern umgehen können. Letzte Woche hat Baby-Boy jeden Tag zehn Stunden durchgeschrien. Ich bin irregeworden. Aber meine Ergebnisse sind weiterhin top.“

„Das heißt, du gehst zum Upgrade über? Zum Einjährigen?“

So wie sie meinem Blick ausweicht, glaube ich langsam wirklich, dass sie die Bonding-Hormone überdosiert hat. Sie kann sich von diesem synthetischen Äffchen nicht lösen. Es ist aber auch vertrackt. Wir Antragseltern leben auf der Bindungsschaukel: Verschließen wir unser Herz, kümmern wir uns nicht gut genug und bekommen keine Genehmigung. Öffnen wir es zu weit, wollen wir unsere Trainingsbabys nicht mehr hergeben und kriegen nie richtige Kinder.

Sie streichelt Baby-Boy über den Rücken. Als sie spricht, ist ihre Stimme auffallend hoch. „Aelid kommt morgen aus dem Knast. Sie zieht bei dir ein, oder? Pass ja auf, sonst versaut sie dir deine Statistik für Hemmy.“

Ich nicke mechanisch und denke an die Zeit zurück, als sie beide bei mir auf den Knien saßen. Eine links, eine rechts. Die kleinen Händchen ineinander verschränkt.

Aelid hat einen Jungen geboren. Einen Sohn. Einen Neffen. Ich habe Probleme, mir das vorzustellen.

Jetzt betrachtet sie Hemmy, wie sie früher die Fischskelette betrachtet hat, damals, als sie jedes Tierskelett nachbaute, das sie in die Finger bekam. Der Kopf schief, der Blick starr und die Mimik eingefroren, als forsche sie in sich, was sie davon halten solle. Schließlich lehnt sie sich auf dem Schaukelstuhl in unserem Wohnzimmer zurück, seufzt und greift nach ihrer Teetasse.

„Also regelmäßig kommen diese Hebammen vorbei und lesen die Daten aus, um eure Elternperformance zu beurteilen? Was ist, wenn ihr durchfallt? Wer bestimmt das?“

„Es gibt Scores, Normwerte. Wenn du nach unten um maximal fünfzehn Prozent abweichst, hast du bestanden und kannst zum nächsten Upgrade übergehen.“

„Und wie viele Altersklassen von diesen Dingern musst du durchmachen, um die Lizenz zu bekommen?“

Dieses ganze Gespräch ist unsinnig. Seit einer Stunde habe ich Aelid wieder bei mir und es geht nur um Hemmy. Der wird scheinbar von unsichtbaren Kreaturen gequält, so schrill wie er schreit. Ich will ihn auf Easy Mode zurücksetzen, aber Ulo weigert sich. Er ist entschlossen, der Behörde zu beweisen, wie gut wir mit der kreischenden Maschine umgehen können. Während ich versuche, zu meiner Schwester durchzudringen, trägt er Hemmy in der Trage durch die Wohnung und räumt dabei die letzten umherliegenden Gegenstände weg. In dreißig Minuten steht der erste Hebammenbesuch an. Wenn wir Ruhe hätten, würde Aelid vielleicht mit mir über die Sachen reden, die wirklich wichtig sind. Wie sie das System ausgetrickst hat; ihre Schwangerschaft; die Geburt; ihr Baby; wie es ihr weggenommen wurde. Wie es ihr geht.

Ich habe keine Ahnung, wie es ihr geht.

Sie weicht allen meinen Fragen aus, hat nur Augen für Hemmy.

„Bis zum dritten Geburtstag“, sage ich schließlich.

Aelid lacht auf. „Und dann ist der Test beendet? Gibt es danach keine Probleme mehr, die die Behörde wegtrainieren will? Was ist mit pubertierenden Modellen, die uns Vorwürfe machen und nachts nicht nach Hause kommen? Oder mit Robotern, die Türen knallen? Laden die das Drogen-Modul? Treffen sie sich mit anderen Robotern, die auf schlechten Einfluss programmiert sind? Aber Gott behüte, dass Leute einfach so Kinder bekommen, ohne Training.“

Wie ich hängt ungesagt im Raum.

Ich stähle mich. Beginne ganz vorsichtig. „Dein Bab–“ Sofort zuckt ihre Hand in die Luft und wischt meine Worte fort.

„Bitte nicht.“ Ihre Stimme ist leise, aber eiskalt. Auch sie stählt sich, wird mir klar. Sie stählt ihre Seele an Hemmy.

Es klingelt. Die Hebamme ist zu früh.

Neben mir liegt noch eine benutzte Windel. Wortlos nimmt Aelid sie an sich und stopft sie hinter sich in den Schaukelstuhl.

Hemmy ist endlich mal pausiert. Die Hebamme sitzt mit dem Tab neben ihm. Diese Person darf ihn abschalten, um in Ruhe zu arbeiten. Aber wehe, wir machen das Gleiche.

Ihre Stirn kräuselt sich. „Das ist nicht gut.“

Der Tonfall erinnert mich an Delia, wenn sie gekränkt ist. Eine akustische Peitsche.

Ulo wird blass. „Inwiefern nicht g–?“

„Bitte nicht unterbrechen. Ich muss mich konzentrieren. Wir haben hier 546 Schreiphasen im letzten Monat. Im Schnitt hat es ganze 11,7 Sekunden gedauert, bis das MW hochgenommen wurde. Nach ersten Hungerzeichen sogar ganze 8,45 Minuten, bis endlich Fütterungsversuche unternommen wurden. Die Einschlaflatenz beträgt 56 Minuten. Wie können Sie das erklären?“

„Was bedeutet MW?“, höre ich mich fragen. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Ulo mir einen entgeisterten Blick zuwirft.

„Die Behörde hat gerichtlich durchgesetzt, die Trainingsbabys als menschliche Wesen bezeichnen zu dürfen. So lautet nun die offizielle Kennung.“

Aelid zieht die Brauen hoch. „Hat das Wort Wesen nicht etwas mit Lebewesen zu tun?“

Die Hebamme ignoriert sie und guckt wieder runter auf ihr Tab. „Ich kann Sie nicht zum Upgrade zulassen. Sie müssen diesen Durchlauf wiederholen. Und Sie haben meine Frage nicht beantwortet. Wie kommen diese Werte zustande? Haben Sie die Bonding-Hormone nicht genommen?“

Wie kann sie es wagen! Mit einem Schlag ist der Wutknoten wieder da. Wie Hemmy damals in seinem Kokon, pulsiert er hinter meiner Brust und will ebenfalls schlüpfen.

Ulo kümmert sich rührend. Er trägt das Ding andauernd durch die Gegend, tags wie nachts. Die Milchflasche ist schon Teil seiner Hand. Beim Windelwechseln summt er Hemmy immer Kinderlieder vor, die ihn sofort beruhigen. Er mutiert vor meinen Augen zur willenlosen Kümmermaschine und diese Person erdreistet sich zu derartigen Unterstellungen.

Ulo wäre auch ohne diesen Hormon-Quatsch so fürsorglich, da bin ich mir sicher.

Mir kommt ein unwillkommener Gedanke: Hat die Hebamme eigentlich die Befugnis unser Heim zu durchsuchen? Von der Schublade, in der ich die Hormonpillen horte, weiß nur ich. Und so soll es auch bleiben.

Später, nachdem ich Hemmy zum Ruhemodus hingelegt habe (ich will nicht schlafen sagen, eine Maschine schläft nicht), finde ich Ulo in der Küche. Er hat das Gesicht in den Händen vergraben. Ihn so verletzlich zu sehen, ist mir unangenehm. Mit so etwas bin ich noch nie gut klar gekommen.

„Es ist meine Schuld“, sagt er.

Damit habe ich nicht gerechnet. Wo bleiben die Vorwürfe? Er muss ahnen, dass ich die Hormone nicht schlucke.

„Ich dachte, wenn wir zügig vom Easy Mode in eine höhere Schwierigkeitsstufe wechseln, dann würden wir Punkte bekommen. Hätten schneller unser Kind. Stattdessen sind wir meinetwegen weiter zurück als zuvor.“

Er fängt an zu weinen. Am liebsten würde ich weglaufen. Im Gästezimmer weint Aelid und Ulo hier in der Küche. Ich sollte erleichtert sein, weil er die Schuld so freimütig auf sich nimmt, aber das Gefühl will sich nicht einstellen.

Wir drei Schwestern stehen um Baby-Boys Wickeltisch herum, während Delia ihm die Windel wechselt.

„Was hast du jetzt vor?“ Delias Stimme klingt entspannt, aber ich kenne sie. Jedes Wort ist genau kalkuliert.

Aelid atmet tief ein. „Ich würde gerne nach Kassel ans Meer. Tapetenwechsel. Im maritimen Museum dort hat die Kuratorin aufgehört. Ich werde mich auf die Stelle bewerben.“ Ihr Blick wandert zum Wickeltisch und bleibt an Baby-Boy hängen. Sie reißt die Augen auf.

„War dein Trainingsbaby nicht ein Junge?“

Ich folge ihrem Blick und tatsächlich, da fehlt was.

Delias Wangen färben sich eine Spur rot. „Ach, wisst ihr, ich brauchte auch einen Tapetenwechsel. Also habe ich die Behörde gebeten, Baby-Boy ein klein wenig zu modifizieren. Macht ja keinen Unterschied. Jetzt haben wir halt ein Baby-Girl.“ Sie kichert. „All die niedlichen Kleider, die es für Mädels gibt. Zum Dahinschmelzen.“

Aelid schüttelt den Kopf. „Ist das überhaupt erlaubt? Gibt das nicht Punktabzug?“

Mit einer übertriebenen Geste verschließt Delia die Windel und zieht den Body über Baby-Girls Hintern. „Wird nicht gerne gesehen. Aber das ist jetzt auch egal. Ich habe beschlossen, mich nicht mehr für eine Lizenz zu bewerben.“

„Bitte was?“, sagen Aelid und ich gleichzeitig.

Delia zieht ein Blümchenkleid in Größe 62 über das sich windende Trainingsbaby.

„Das heißt“, ich bin so fassungslos, ich muss mich kurz sammeln, „du gibst Baby-Boy, ich meine Girl, zurück und lässt es ganz sein? Du willst keine Mutter mehr werden?“

„Das habe ich nicht gesagt. Ich habe gesagt, dass ich die Lizenz nicht mehr beantragen will. Zurückgeben muss ich nichts.“

Aelids Blick wird kalt. „Du hast nie ein Kind gewollt, sondern immer nur ein Haustier. Was zum Schmusen und Ausstaffieren. Wie … ein Accessoire.“ Ihr Gesicht verzieht sich und sie blinzelt eine Träne weg. Dann stürmt sie aus dem Kinderzimmer.

Delias Kinn reckt sich weit in die Höhe, als sie Baby-Girl hochnimmt und an sich drückt. „Immerhin habe ich ein Baby. Und das ganz ohne Regenwasser zu saufen.“

Nachts erwische ich Aelid an Hemmys Bett. „Wenn er schläft, liegt er so reglos da“, sagt sie. „Kein Schmatzen, keine Sauggeräusche, kein leises Wimmern, kein Zucken im Schlaf.“

„Nur im Easy Mode, das geht auch anders.“

Aelid lacht leise auf. „Mein Kleiner wollte nachts alle vierzig Minuten die Flasche. Ich weiß nicht, wie ich das durchgehalten habe. Na ja, war ja nur kurz.“

Ich bin überrumpelt. Sie hat noch nie über ihr Baby gesprochen. Wie soll ich reagieren?

„Die Flasche?“, frage ich das Erste, das mir einfällt.

„Hab mich beim Stillen nicht wohl gefühlt. Es tat weh.“ Sie zögert. „Kann ich Hemmy rausnehmen? Im Easy Mode wird er doch bestimmt nicht aufwachen, oder?“

Ich nicke. Ohne mich anzusehen, greift sie in die Wiege und holt die weiche Maschine heraus, bettet sie in ihren Armen und schaukelt durchs Zimmer. Das Licht der Nachtlampe ist zu schummrig, um Aelids Gesichtsausdruck zu erkennen. Da ist nur das sanfte Summen, mit dem sie Hemmy einlullt.

Ich will sie nach dem Namen meines Neffen fragen, befürchte aber, den Moment damit kaputt zu machen.

„Delia hat gelogen“, flüstert Aelid. „Von wegen immer bei den oberen zehn Prozent. Von wegen High Needs Modus in Vollzeit. Durchgefallen ist sie! Und zu stolz, um es zuzugeben.“

Zwar würde das zu unserer Schwester passen, aber ich bin mir nicht so sicher. Wenn sie durchgefallen wäre, würde sie alles tun, um zu bestehen. Wenn sie ein Baby haben wollte, würde sie sogar Regenwasser trinken.

„Oder sie hat zu viele Hormone genommen“, sage ich.

„Im Gegensatz zu dir.“

„Ulo schluckt mehr als genug für uns beide.“

„Mach dir keine Gedanken. Ich habe keine gebraucht, um mein Kind zu wollen. Oder zu empfangen.“ Sie klingt bitter.

Aelid wollte die Schwangerschaft verheimlichen, aber ihr Mann hat sie gemeldet. Sie redet nicht darüber, wie sie es angestellt hat, doch ich kann es mir denken. Blumentöpfe auf dem Balkon, eine angezapfte Regenrinne, die Fensterbretter voller Gläser. Was hätte sie getan, wenn ihr Plan in eine Dürreperiode gefallen wäre?

„Woran hast du gemerkt, dass du ein Kind wolltest?“, frage ich.

„Solch einen Moment wie diesen hier, den habe ich mir immer und immer wieder erträumt. Nur halt mit einem richtigen Baby. Quasi Phantomkuscheln. Die weiche Haut unter der Nase, der strampelnde Körper im Arm. Und später: Basteln, Spielplatz, Streiten. Das wollte ich unbedingt, will es immer noch.“

Ich betrachte sie und denke an meine eigenen Träume, die mich damals bewogen haben, den Antrag zu stellen. Aber da ist nichts. Ich kann mich nicht erinnern.

Aelid und ich helfen Ulo, so gut wir können. Zu dritt tragen wir Hemmy durch die Wohnung, springen auf, sobald er sich rührt, stopfen ihm zwanzig Mal pro Tag ein Fläschchen in den Mund. Streicheln ihn ununterbrochen. Ermuntern uns gegenseitig, wenn wir das Geschrei nicht mehr ertragen.

Geschirr stapelt sich in der Küche, Staubflusen huschen über den Boden, weil wir vergessen, den Saugroboter aufzuladen. Einmal sagt Aelid, ich würde stinken. Zu dem Zeitpunkt habe ich seit fünf Tagen nicht mehr geduscht.

Selbst Delia kommt vorbei, bringt Essen, wickelt, tröstet und singt, während Baby-Girl im Ruhemodus auf unserem Sofa liegt. Die Zwillinge giften sich erst flüsternd an, raufen sich dann aber mir zuliebe zusammen, nur um sich später beim Kochen zu zanken (es ging um eine Lappalie: geeignete Reissorten für Paella). Früher haben sie sich gegen mich verbündet, mich veralbert und ausgetrickst. Ich hätte nie gedacht, dass ich diese Zeit mal vermissen würde.

Trotzdem: Wir drei wieder vereint, das hilft mir, diesen Horror durchzustehen. Manchmal wundere ich mich über mich selbst. Hat Ulo mir etwa Hormone ins Essen gemischt? Nein. Das würde ihm nicht einfallen, dafür fehlt ihm die Fantasie. Er war schon immer ein Regelfetischist.

Als mir Delia feierlich einen Hacking-Code übergibt, mit dem sich Hemmy stummschalten ließe, weigert er sich, ihn zu installieren. Er hat Angst, die Behörde könnte davon erfährt und unseren Antrag stoppen. Ich habe Angst durchzudrehen.

Aelid darf ihr Kind am Wochenende sehen. Vielleicht hat unsere Hebammen-Offizierin weitergegeben, wie gut Hemmy gedeiht, seitdem sie uns unterstützt.

Am Sonntag nach dem Termin gesteht sie mir mit einem breiten Lächeln, dass sie mit dem Training beginnen wird. Ihr MW kommt, sobald sie ihre eigene Wohnung hat.

„Deshalb hilfst du uns.“ Ich fühle mich verraten, auch wenn ich sie verstehe. „Du übst.“

„Nein, ich möchte dir dabei helfen, Mutter zu werden. Sofern du es immer noch willst. Da bin ich mir nicht mehr so sicher. Und gleichzeitig: ja, ich übe. Wenn mir die Lizenz erteilt wird, bekomme ich mein Kind zurück.“

Beim nächsten Upgrade ist eine Echtzeit-Funktion mit dabei. Unser Tab aktualisiert sich stündlich. Dreißig Mal hingefallen, fünf Mal Kopf angestoßen, zwei Beinahe-Stürze vom Sofa. Beikost-Zusammensetzung mit zu viel Zucker, der Vollkornanteil leuchtet rot auf. Das System erkennt, wenn wir nicht frisch kochen. Schlafzimmertemperatur ungenau eingestellt. Frischluftzufuhr nicht ausreichend. Ungenügend Spaziergänge. Chaotische Abweichungen vom Zubettgehritual. Dreizehn Windelsprengungen. Tagesroutine zu wackelig. Hemmy leuchtet nun jedes Mal rot auf, wenn wir den Toleranzbereich verlassen. Wenn ich mit ihm allein bin, blinkt er fast ständig rot.

Ich verlange erneut, dass wir den Cheat-Code installieren. Ulo weigert sich weiterhin.

Seine Entscheidung. Ich treffe meine.

Als Aelid mit ihrem MW nach Kassel zieht, ziehe ich auch aus.

Die Behörde hat sich was Neues ausgedacht. Ab jetzt kriegen alle neugeborenen Kinder Chips implantiert, mit denen die Eltern – und die Behörde – jederzeit ihre Vitalparameter kontrollieren können. Angeblich werden die Chips mit Eintritt der Geschäftsfähigkeit entfernt. Aber abwarten.

Ich bin so froh, mich nicht mehr damit beschäftigen zu müssen. Wenn ich an diese Phase meines Lebens zurückdenke, überkommt mich ein Absurditätsgefühl. Als lebten die Erinnerungen einer Fremden in mir.

Wie ich hörte, wurde Ulo die Lizenz erteilt. Über eine Agentur hat er eine alleinstehende Lizenzinhaberin kennengelernt. Bisher zwei gemeinsame Kinder. Ich wünsche mir, dass er glücklich ist. Hemmy hat er anscheinend behalten.

Wie so häufig in letzter Zeit, sind gerade meine Schwestern mit ihren Kindern zu Besuch. Aelids Sohn trägt seine Synthi-Cousine durch die Gegend wie eine Puppe.

Die Stimmung zwischen den Zwillingen kippt kaum noch. Hoffentlich bleibt das so. Langsam gehen mir nämlich die Bonding-Hormone aus.

Besonders zu Paella passen sie geschmacklich gut.

Wettbewerbsgeschichte: Hemmy - Schlussbild

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