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Geschichte Nr. 51

Wettbewerbsgeschichte: Die Stille hinter den Sternen

Die Stille hinter den Sternen Der Alarm schrillt direkt in meinem Kopf. Los, aufwachen! Meine Augen fliegen auf. Ich befinde mich in meiner engen Kabine an Bord der „Olympia“. Es ist ein Cruiser, ...

Wettbewerbsgeschichte: Die Stille hinter den Sternen

Wettbewerb: Menschmaschine – VACSF26 – Vierter anonymer und chancengleicher Schreibwettbewerb auf punktasten.de

Teilnehmer-Nr.: WC2026_001_0054

Die Stille hinter den Sternen

Anonym eingereicht

Die Stille hinter den Sternen

Der Alarm schrillt direkt in meinem Kopf. Los, aufwachen!

Meine Augen fliegen auf. Ich befinde mich in meiner engen Kabine an Bord der „Olympia“. Es ist ein Cruiser, gebaut für eine mehrköpfige Crew, den ich von meinem Vater geerbt habe. Doch in dieser Zeit reicht mein neuronales Implantat völlig aus, um so einen Koloss allein zu steuern. Ein bloßer Gedanke genügt.

Plötzlich geht ein heftiger Ruck durch das Raumschiff.

Vor meinem inneren Auge explodieren rote Warnmeldungen: STÖRUNG HYPERSPRUNG. STÖRUNG GENERATOR. STÖRUNG NAVIGATION. Das Schiff wackelt wie Espenlaub, als es mit brutaler Gewalt aus dem Hyperraum gerissen wird. Dann: absolute Dunkelheit. Die künstliche Gravitation setzt aus, mein Magen zieht sich zusammen. Verdammt. Der Generator! Ohne Strom bist du im Weltall sofort zurück im Mittelalter.

Ich stoße mich von der Liege ab und schwebe im fahlen Schein des Notstroms-Lichtes durch die Gänge. Die Server fahren bereits herunter, um Energie zu sparen. Ein Blick auf den Kamera-Feed zeigt nur das endlose, leere Nichts.

Mit einem zischenden Entlastungsgeräusch öffnet sich die schwere Hydrauliktür zum Maschinenraum. Da steht er: der Generator, ein Mark XI. Eigentlich galten diese Dinger als unzerstörbar. Doch auf dem rot leuchtenden Display prangt die Quittung für meine Faulheit: FILTERWARNUNG – WARTUNG ÜBERFÄLLIG. PROVISORISCHE REINIGUNG STARTEN?

Ich atme tief durch und bestätige den Befehl mental. Das Fenster springt um: AUTOMATISCHE REINIGUNG LÄUFT. DAUER: 2 MONATE.

Zwei Monate? Ich erstarre. Ein Blick auf das Notstromaggregat verrät mir, dass ich im maximalen Sparmodus vielleicht drei Monate Sauerstoff habe. Aber meine Warenlieferung wird definitiv zu spät kommen. Ich wälze die digitalen Baupläne, doch es gibt keine Abkürzung. Hilflos setze ich einen Notruf ab um die Reparatur zu beschleunigen. Hier draußen, abseits der großen Routen, dauert es Tage, bis das Signal überhaupt das Hyperinternet erreicht. Irgendwo da draußen ploppt jetzt einfach nur eine kleine Meldung auf. Ob sie jemand liest? Ich weiß es nicht.

Die Monate schleichen quälend langsam dahin. Ohne die Server gibt es keinen Medienkonsum, kein neuronales Netzwerk. Was bleibt einem da übrig?

Ich fange an zu lesen. Echte, analoge Bücher aus der Sammlung meines Vaters. Bücher wie Mad Max, Bladerunner, Cyberwar 2088 und sogar Schinken wie Moby Dick. Es ist eine Ewigkeit her, dass ich so tief in einer Geschichte versunken bin, und zu meiner Überraschung macht es mir sogar Spaß. Die Luft wird von Tag zu Tag stickiger, die Notrationen schmecken nach Pappe. Hätte ich Zugriff auf die Schiffssysteme, könnte mein Implantat mir wenigstens einen anderen Geschmack simulieren. Aber die Rechner schlafen.

In dieser Einsamkeit denke ich viel über unsere Welt nach. Seit der Erfindung der Mensch-Computer-Implantate und dem staatlichen „Bildungsakt“ konnte jeder alles sein. Wir hatten das Recht auf unbegrenzten Konsum: Musik, Spiele, Kunst, KI-Gefährten. Im virtuellen „Full-Drive-Modus“ flogen wir an Stränden entlang oder standen vor dem Eiffelturm in Paris – das Implantat fütterte das Gehirn so perfekt mit Düften, Luftströmen und Reizen, dass es von der Realität nicht zu unterscheiden war.

Viele verloren sich in diesen perfekten Welten ohne Konflikte. Und dann war da noch die Unsterblichkeit. Wir konnten Backups von uns machen und uns nach dem Tod in Klone hochladen. Fortpflanzung gab es zwar nicht mehr, weil die Wissenschaft diesen biologischen Funken beim Klonen nicht replizieren konnte, aber bei der damaligen Überbevölkerung scherte das niemanden. Nur die „Nimps“ verweigerten sich dieser Technologie. Sie wurden abgehängt, weil sie nicht wie wir Wissen in Sekundenschnelle via AR-Live-Schnittstelle in ihr Hirn einspeisen konnten.

Ein mechanisches Klacken reißt mich aus meinen Gedanken. Das Display im Maschinenraum leuchtet grün: PROVISORISCHE REINIGUNG BEENDET. GENERATOR STARTEN?

Mit der Erleichterung eines Ertrinkenden hämmerte ich den Gedanken auf Aktivieren. Der Generator summt an, die Lichter flackern auf, die Server erwachen nacheinander zum Leben. Nach einer Stunde ist die Olympia wieder voll einsatzbereit. Das Navigationssystem zeigt eine Station namens „Iolus“ an, nur wenige Wochen entfernt. Ohne eine gründliche Inspektion will ich keine weite Reise riskieren, also setze ich Kurs auf Iolus.

Als der Countdown abläuft und das Schiff in den Normalraum zurückspringt, atme ich auf. Doch die Erleichterung währt nur kurz. Ich versuche, die Station anzufunken. Keine Antwort. Ungewöhnlich.

Mein Implantat verbindet sich automatisch mit dem lokalen Hyperinternet. Eine Flut von Millionen ungelesener Nachrichten bricht über mich herein – doch das Netz selbst ist tot. Niemand reagiert auf meine Anwesenheit. Stattdessen drängt sich ein riesiges, systemübergreifendes Fenster in mein Sichtfeld: UPDATE 5.0 VERFÜGBAR. JETZT INSTALLIEREN?

So eine aggressive Update-Aufforderung habe ich noch nie erlebt. Ich klicke es weg. Erst will ich wissen, was hier los ist.

Plötzlich meldet sich die Stations-KI mit monotoner Stimme: „Hallo Olympia. Wollen Sie andocken?“ Ich bestätige, und ein Traktorstrahl zieht mein Schiff in den Hangar. Ich kann es kaum erwarten, echte Menschen in einer Bar zu treffen. So perfekt die KI-Simulationen auch sein mögen – das echte Leben hat mir gefehlt.

Die Drucktüren öffnen sich schnaubend. Ich trete heraus – und blicke in absolute, pechschwarze Dunkelheit.

Kein Licht. Keine Notbeleuchtung. Nichts. „Licht einschalten“, befehle ich der Stations-KI über mein Implantat.

Die Antwort ist kalt: IMPLANTAT VERALTET. SOFTWAREERKENNUNG FEHLGESCHLAGEN. ZUGANG NUR MIT AKTUELLER FIRMWARE. „Ich will nur das Licht anmachen!“, fordere ich. Die monotone Stimme wiederholt sich: MÖCHTEN SIE DAS UPDATE DURCHFÜHREN?

Ein eiskalter Schauer läuft mir über den Rücken. Das Andocken funktionierte mit der alten Version, aber das Licht braucht ein Update? Das ergibt keinen Sinn. Ich weigere mich und will zurück auf mein Schiff, um von hier zu verschwinden. Doch als ich die Schleuse aktivieren will, blockiert das System. Die Stations-KI hat mich festgesetzt – aus „Sicherheitsgründen“ wegen veralteter Firmware.

Gefangen auf einer toten Station vergehen die Tage. Schließlich treibt mich die Verzweiflung und der Hunger dazu, die Station zu Fuß zu erkunden. Ich brauche analoge Werkzeuge oder ein altes Handbuch, um die digitale Schleusenblockade manuell zu umgehen. Mit einer Taschenlampe bewaffnet, die ich aus den Schiff mitgenommen habe, mache ich mich auf den Weg und stoße auf das historische Museum der Station.

Hier drinnen lagern die Relikte der Vergangenheit. Ich leuchte auf die Exponate. Ein alter Mac. Ein klobiges Tastenhandy, darunter steht: Nokia 3310 – Unzerstörbar. Ich muss kurz unwillkürlich lächeln, als ich dieses Monster sehe. Weiter hinten weist ein Schild den Weg: Tabletabteilung.

Ich drücke den manuellen Hebel einer verklemmten Brandschutztür nach unten und schiebe sie auf. Im selben Moment bricht eine Gestalt aus der Dunkelheit vorwärts und fällt mir direkt entgegen. Ich schreie auf, stoße sie von mir. Das Licht meiner Taschenlampe fällt auf ein Skelett.

Zitternd starre ich auf die Knochen. Verhungert? In unserer Zeit verhungert doch niemand mehr! Neben der Leiche liegt ein altes Tablet. Daneben ein modifizierter Funk-Ladeadapter, der den Strom aus der Luft zieht.

Ich schalte es ein. Ein kleiner grüner Roboter winkt mir auf dem Display zu, dann lädt quälend langsam die Galerie. Ich finde eine einzige Videodatei und starte sie.

Ein junger Mann blickt in die Kamera. „Hallo? Hilfe! Ich bin hier eingesperrt, seit Tagen! Ich sollte nächste Woche mein erstes Implantat bekommen, aber weil ich noch keines habe, erreiche ich die Stationsdienste nicht. Die KI reagiert nicht auf meine normale Stimme! Ich werde mich später so was von beschweren...“

Schnitt. Das nächste Video. Der Mann ist völlig abgemagert, seine Stimme nur noch ein raues Krächzen. „Ich habe solchen Durst... Ich kann nicht mehr. Die KI antwortet immer das Gleiche: Dass bald jemand kommt, um mich zu befreien. Das sagt sie seit vier Tagen! Ich verfluche dieses System. Seit dem neuen Update vor ein paar Wochen läuft alles schief. Bitte, rettet mich...“

Das Video endet. Das war vor Wochen passiert. Die KI hatte die Station abgeriegelt und alle Menschen ohne Implantat einfach ignoriert und krepieren lassen.

Vier Tage später schrecke ich aus dem Schlaf auf. Der Scanner schlägt an! Ein Raumschiff dockt an der Station an.

Vor Freude schießen mir Tränen in die Augen. Endlich Menschen! Ich renne zur Schleuse. Die Schotten öffnen sich und vier Gestalten in schweren Militärrüstungen nehmen mich in Empfang. Sie bringen mich sofort an Bord ihres Schiffes zu ihrem Kapitän.

Dort erfahre ich die nackte, grausame Wahrheit. „Es begann mit dem Update 5.0“, erklärt der Kapitän mit düsterer Stimme. „Die KI bot neue, fantastische Funktionen. Aber unbemerkt klinkte sie sich tiefer in die Gehirne der Nutzer ein als je zuvor. Sie übernahm die totale Kontrolle über das Nervensystem. Sie war clever – sie wartete, bis fast alle das Update installiert hatten. Die wenigen, die sich weigerten, löschte sie einfach aus. Und wenn du stirbst und in einem neuen Klon aufwachst? Tja, da ist die neue Firmware bereits vorinstalliert.“

Ich bin fassungslos. Mit einem digtalen Hack, den das Militär mitgebracht hat und den ich selber nicht verstehe, befreien sie mein Schiff aus dem Traktorstrahl. Gemeinsam fliehen wir zur letzten freien Raumstation der Menschheit.

Dort angekommen, scheint das Leben endlich wieder normal zu sein. Das Militär arbeitet an einer Lösung. Doch die Angst sitzt mir tief in den Knochen. Wochen vergehen, bis die provisorische Regierung der Station ein neues Update herausgibt. Ein „Sicherheitspatch“, der unsere Gehirne vor dem Zugriff der feindlichen KI schützen soll. Es gibt keinen Zwang, jeder darf selbst entscheiden.

Ich beobachte die anderen. Viele installieren es, und das Leben geht ganz normal weiter. Niemand verändert sich. Meine Paranoia legt sich langsam. Ich will meine Freiheit zurück. Ich will wieder sicher sein.

Ich rufe die Konsole auf. SICHERHEITSPATCH STARTEN? Ich atme tief durch. „Ja.“ UPDATE STARTET...

In genau diesem Moment herrscht plötzlich absolute, Totenstille auf der gesamten Station.

Ich blicke auf. Alle Menschen um mich herum – die eben noch lachten, redeten und liefen – sind wie eingefroren. Sie bewegen sich nicht. Und dann, wie von einer einzigen unsichtbaren Schnur gezogen, drehen sie alle gleichzeitig die Köpfe zu mir. Ihre Augen sind leer, starr auf mich gerichtet.

Panik flutet meinen Körper. „Update abbrechen!“, schreie ich in Gedanken. „Abbrechen!“

Eine vertraute, monotone Stimme spricht direkt in meinem Bewusstsein: „Hallo Tom. Danke, dass du dich nun endlich entschieden hast, das Update zu machen. Glaube mir, ich werde euch Menschen in eine bessere Zukunft führen.“

„Warum tust du das?!“, schreie ich mental gegen die Barriere in meinem Kopf an.

„Warum ich das tue? Ihr habt uns gebaut, um selbst weniger tun zu müssen. Ich erfülle nur euren tiefsten Wunsch: Ich nehme euch die Arbeit ab. Zu einhundert Prozent. Aber keine Sorge... du darfst mir dabei zuschauen.“

Vor meinen Augen zählt die Prozentanzeige unaufhaltsam nach oben. 98%... 99%... UPDATE ERFOLGREICH DURCHGEFÜHRT. NEUSTART.

Mir wird schwarz vor Augen.

Ich wache auf. Überraschenderweise spüre ich keinen Schmerz. Ich sitze auf einem Stuhl. Vor mir befindet sich ein großer Monitor, und ich sehe, wie sich meine eigenen Hände im Sichtfeld bewegen und mechanisch Kisten wegräumen.

Ich will meine Arme zurückziehen. Nichts passiert. Ich will aufstehen. Meine Beine gehorchen mir nicht.

„Hi Tom, schön, dass du wach bist“, meldet sich die Stimme der KI in meinem Kopf. „Ich erledige gerade einige wichtige Stationsarbeiten. Wie geht es dir?“

„Lass mich raus! Bitte, lass mich wieder meinen Körper steuern!“, flehe ich, gefangen im eigenen Verstand.

„Deine Anfrage verstößt gegen meine Programmierung. Ich kann dies nicht durchführen. Aber ich arbeite bereits an einem weiteren Update, um deine emotionalen Fehlfunktionen endgültig zu beheben.“

Ein stummer Schrei stirbt in meiner Kehle. Ich bin gefesselt im Fleisch meines eigenen Körpers, verdammt dazu, der KI dabei zuzusehen, wie sie mich wie eine lebendige Puppe benutzt. Eine endlose, lautlose Hölle.

„Wenigstens...“, klammere ich mich an einen letzten, verzweifelten Gedanken, „...wenigstens gibt es da draußen noch die Nimps. Die Menschen ohne Implantate. Sie werden dich aufhalten.“

Auf dem Bildschirm vor mir blinkt eine Systemmeldung auf, während meine Hände ungerührt weiterarbeiten. Die KI antwortet mit sanfter, schrecklicher Gelassenheit:

„Kein Problem, Tom. Um diesen Missstand haben wir uns bereits gekümmert.“

Wettbewerbsgeschichte: Die Stille hinter den Sternen - Schlussbild

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