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Geschichte Nr. 54

Wettbewerbsgeschichte: Der Garten des Oktopus

Der Garten des Oktopus „Das ist alles?“ Die Frage rutschte Thea einfach heraus. Der Schichtleiter – Tommy hieß er – nickte. „Ist ganz einfach. Du schaltest die Smartphones auf der Palette h...

Wettbewerbsgeschichte: Der Garten des Oktopus

Wettbewerb: Menschmaschine – VACSF26 – Vierter anonymer und chancengleicher Schreibwettbewerb auf punktasten.de

Teilnehmer-Nr.: WC2026_001_0057

Der Garten des Oktopus

Anonym eingereicht

Der Garten des Oktopus

„Das ist alles?“ Die Frage rutschte Thea einfach heraus.

Der Schichtleiter – Tommy hieß er – nickte. „Ist ganz einfach. Du schaltest die Smartphones auf der Palette hier ein. Wenn alle Updates geladen sind, schaltest du sie wieder aus, packst sie in die Kartons und machst dieses Siegel drauf.“ Er deutete auf eine Rolle mit transparenten „Quality Check by Humans“-Stickern.

Thea fühlte sich, als hätte jemand ihren Brustkorb in Brand gesteckt. Das sollte also ihr neuer Job sein? Vor weniger als achtzehn Monaten hatte sie das Red Team geleitet, das im Namen der Firma Cyberattacken durchführte, um Sicherheitslücken aufzudecken. Und jetzt durfte sie Handys ein- und ausschalten. Unbewusst tastete Thea nach dem glatten Ring aus Metall, der hinter ihrem linken Ohr in der Kopfhaut implantiert war. Ringo antwortete prompt, seine beruhigende Stimme wurde direkt durch ihre Schädelknochen übertragen. „Thea. Ich habe die negativen Emotionen bereits registriert und einen Anstieg an Serotonin eingeleitet. In zehn Sekunden wirst du wieder im Normbereich sein.“

Thea wartete darauf, dass ihr Stimmungsring arbeitete und die heiße Asche ihrer Wut mit einem Schwall lauwarmer Zufriedenheit fortspülte. Ihr alter Job wäre früher oder später sowieso weggefallen, auch wenn sie nicht in Elternzeit gegangen wäre. Es war Jahre her, dass sie selber die Strategien ihrer Attacken festgelegt hatte; vor Bens Geburt hatte sie eigentlich nur noch die Vorschläge ihrer Bot-Armee bestätigt. Diese neue Arbeit war vielleicht gar nicht so schlecht.

Während sie sich der Palette Handys zuwandte und eins nach dem anderen einschaltete, sah sie sich in der kleinen Fabrikhalle um. Zum ersten Mal seit Langem hatte sie wieder menschliche Kollegen. Ein Dutzend Leute arbeitete jeweils zu zweit an baugleichen Stationen wie der von Thea und Tommy, stapelte Kisten, klebte Sticker. Die meisten wirkten entspannt, mit jenem ausgeglichenen Gesichtsausdruck, der dem Normbereich ihrer Stimmungsringe entsprach.

Nur an der Station am Fenster stand eine Frau, die irgendwie aus der Gruppe herausstach. Sie war etwas kleiner als Thea und hatte dunkle Locken, die unter der Kappe ihrer Uniform hervorquollen. Ihre Lippen bewegten sich, aber Thea konnte nicht verstehen, was sie sagte.

Thea lauschte eine Weile, bis sie sich sicher war: Die Frau sang. Das Lied kam ihr sogar bekannt vor, ein alter Song, in dem es um den Garten eines Oktopus ging … Thea klebte Sticker auf Handykartons und versuchte, nicht zu der singenden Frau hinüber zu starren.

Tommy schien es trotzdem bemerkt zu haben. „Die hat keinen Ring“, sagte er kopfschüttelnd. „Dass sie so Leute überhaupt noch hier arbeiten lassen.“

„Du bist neu, oder?“ Die Frau mit den Locken hatte ihre graue Arbeitskleidung gegen eine Jeans und ein T-Shirt mit einem gelben U-Boot darauf eingetauscht. Ihre Augen waren braun und warm, und in ihren Zügen lag ein spitzbübisches Lächeln. Thea wollte etwas sagen, aber ihre Zunge klebte komischerweise am Gaumen fest, also nickte sie nur.

„Na dann, viel Spaß hier.“ Statt ihr die Hand zu schütteln, beugte sich die Frau übertrieben weit vor, als wäre sie kurzsichtig und müsste die vier Großbuchstaben auf dem Namensschild ihrer Arbeitsweste erst mühevoll entziffern. „Thea.“

Thea lachte unbeholfen und atmete dabei den Duft ihrer Locken ein. Sie rochen nach Sommer – nach Erdbeerfeldern? Ihr wurde warm, und ein Kribbeln breitete sich von ihrer Brust bis in ihre Fingerspitzen aus. Theas linke Hand wanderte Richtung Ohr, damit Ringo etwas gegen dieses seltsame Gefühl unternahm, blieb aber auf halbem Weg nutzlos in der Luft hängen.

„Ich bin Noelle.“ Die Frau richtete sich wieder auf und ging zum Ausgang der Umkleide, aber dann drehte sie sich nochmal um und zwinkerte Thea zu. „Bis morgen, Thea.“

„Ringo?“, flüsterte Thea, nachdem sie Ben ins Bett gebracht hatte. Ihre Fingerspitzen kribbelten immer noch. „Hallo, Thea“, antwortete ihr die vertraute Stimme des Stimmungsrings.

„Irgendwas stimmt nicht mit mir.“

„Ich habe heute kurzzeitig erhöhte Werte für Frustration, Nervosität und Aufregung registriert, aber jetzt bist du wieder im Normbereich.“

Als Thea nichts erwiderte, fuhr Ringo fort: „Ein neuer Job ist oft eine Herausforderung für Menschen. Deswegen sind in den ersten Tagen kleinere Schwankungen gegenüber deiner Grund-Zufriedenheit erwartbar. Sei unbesorgt, ich werde dich bestmöglich bei der Anpassung an deine neue Umgebung unterstützen.“

„Okay.“ Lag es wirklich nur daran? Thea schloss die Augen. Ein Gesicht, umrahmt von dunklen Locken, erschien vor ihr.

„Ich werde jetzt deinen Melatoninspiegel erhöhen, damit du morgen fit für deine neue Aufgabe bist. Gute Nacht, Thea.“

Und damit schlief Thea ein.

Am nächsten Morgen kam Thea früh zu Arbeit, aber statt sich neben Tommy zu stellen, ging sie hinüber an die Station am Fenster. Noelle tauchte erst kurz vor Schichtbeginn auf, die Haare lässig unter die Kappe gestopft. Sie stellte sich neben Thea, nickte kurz, und nahm sich mit einem routinierten Handgriff die erste Palette vor. Das Kribbeln in Theas Fingern flammte wieder auf. Seltsamerweise wollte sie gar nicht mehr, dass es verschwand.

„Guten Morgen,“ sagte sie, um Noelle zu beweisen, dass sie doch ein normales Gespräch führen konnte. „Arbeitest du schon lange hier?“

„Vier Monate etwa“, sagte Noelle, ohne aufzuschauen.

„Und, gefällt es dir?“, fragte Thea.

Noelle zuckte mit den Schultern, während sie an einem Smartphone herumfummelte. „Bisschen langweilig. Aber immerhin werden wir hier nicht so schnell wegautomatisiert – viel zu klein, diese Knöpfe, für Roboter.“ Sie lachte trocken.

Thea dachte nach, wobei Noelles Nähe nicht sehr hilfreich war. Sie hatte gehofft, mit Noelle eine Unterhaltung über die Arbeit zu beginnen, weil das eine offensichtliche Gemeinsamkeit war, aber irgendwie wirkte das Ganze nicht sehr zielführend, um – ja, was genau eigentlich? Noelle besser kennen zu lernen? Zeit mit ihr zu verbringen?

„Du hast gestern bei der Arbeit gesungen, oder?“, fragte sie stattdessen.

„Und du stellst ganz schön viele Fragen.“

„Das war von den Beatles, richtig?“

Noelle sah sie verblüfft an, dann grinste sie. Das Kribbeln in Theas Fingern breitete sich über ihren Körper aus, wanderte ihren Hals hinauf, und Thea hoffte, dass Ringo die Röte aus ihrem Gesicht wegregeln würde, bevor Noelle sie bemerkte.

„Ja, genau! Wie cool, dass du das kennst, heute hört die ja fast keiner mehr. Meistens singe ich während der Arbeit, wenn es mal wieder zu öde wird.“

„Warum hast du keinen Stimmungsring?“, fragte Thea.

Das Lächeln verschwand aus Noelles Gesicht, und sofort wünschte Thea sich, etwas anderes gesagt zu haben. Sie stellte wirklich zu viele Fragen.

„Wieso hast du denn einen?“, schoss Noelle zurück, die Augenbrauen zusammengezogen.

„Hab ich bekommen, als ich schwanger war, als Teil der pränatalen Vorsorge. Hat sogar die Krankenkasse bezahlt.“ Thea sah noch den Arzt mit dem kleinen Modell des Gehirns vor sich. Ein Stimmungsring überwacht die Vitalfunktionen, Herzschlag, Sauerstoffsättigung, und so weiter. So können wir Komplikationen sehr früh erkennen. Aber noch wichtiger: Er regt bei Bedarf über elektromagnetische Wellen die körpereigene Botenstoffproduktion in der Hypophyse an. Das Zusammenspiel der verschiedenen Neurotransmitter ist natürlich hochkomplex, deshalb wird das Ganze durch einen KI-Algorithmus gesteuert. Wie auch immer, jedenfalls senkt ein Stimmungsring das Risiko für eine postnatale Depression erheblich, und er sorgt auch dafür, dass Sie entspannt stillen können. Also, Ihnen ist doch wichtig, dass es Ihrem Kind gut geht?

Natürlich. Sie hatte sich so sehr ein Kind gewünscht, und jetzt wollte sie alles richtig machen. Und tatsächlich war Ringo extrem hilfreich: Egal, wie anstrengend es mit Ben wurde, sie war nie müde, wurde nie laut. Inzwischen konnte man sich über Tokens auch weitere Funktionen zeitweise dazukaufen – höhere Konzentration, mehr sexuelle Erregung – aber die hatte Thea noch nie ausprobiert.

„Du hast ein Kind?“ Noelles Frage riss sie aus ihren Gedanken.

„Ja, Ben. Er ist gerade eins geworden.“ Thea lächelte. Sie hatte Ben so sehr lieb, dass es fast wehtat. „Sein Vater und ich, wir … also, wir machen so ein Co-Parenting-Ding. Als Freunde.“ Aus irgendeinem Grund war es ihr wichtig klarzustellen, dass sie nicht als Paar zusammen waren.

Noelles Augenbrauen hatten sich wieder gelöst, aber sie war offensichtlich mit ihren Gedanken woanders. Thea beobachtete sie aus den Augenwinkeln, bis sie diese kribbelige Wärme, die selbst Ringo nicht verschwinden lassen konnte, am ganzen Körper spürte, und konzentrierte sich schnell wieder auf die Palette vor ihr.

„Ich spiele Gitarre“, sagte Noelle schließlich, als würde das etwas erklären. „Früher hab ich auch Songs geschrieben. Eine Zeit lang dachte ich sogar, ich könnte vielleicht davon leben. Aber das war natürlich Quatsch.“ Sie atmete hörbar aus.

„Warst du in einer Band?“ fragte Thea.

„Ja, mit meiner damaligen Freundin und ein paar anderen Leuten. Aber dann hat sie sich von mir getrennt, und jetzt …“ Noelle ließ die Schultern fallen, ohne den Satz zu beenden.

„Spielst du trotzdem noch?“

„Zuhause, meistens. Manchmal in irgendeiner lausigen Bar.“

Thea dachte daran, wie Noelle gestern gesungen hatte. „Ich würde dich gerne mal spielen hören.“

„Klar, ich schick dir einfach den Streaming-Link auf deinen –“

„Ich meinte live“, unterbrach Thea sie sanft. „Wenn du das nächste Mal irgendwo auftrittst.“

Noelle sah sie erstaunt an. „Ich spiele am Samstag in diesem Café die Straße runter. Aber es ist nur Hintergrundmusik, kein richtiges Konzert. Erwarte nicht zu viel.“

Thea lächelte. „Samstag ist Ben bei seinem Vater. Ich komme ganz sicher.“

***

Noelle fragte sich, ob sie träumte. Thea – jene Thea, deren phänomenale Wangenknochen dazu geführt hatten, dass Noelle sich bei ihrer ersten Begegnung wie eine Idiotin aufgeführt hatte – hatte gerade ein komplettes Set von ihr angehört, und jetzt lief sie neben Noelle her und erzählte irgendeine witzige Geschichte aus ihrem früheren Job. Es ging um Cybersecurity, und Noelle verstand nur die Hälfte, aber jedes Mal, wenn Thea lachte, machte Noelles Magen einen kleinen Hüpfer. Noelle wunderte es nicht, dass Thea lächerlich überqualifiziert für ihren jetzigen Job war: Die meisten im „Quality Control“-Team kamen aus höheren Positionen, die eine KI übernommen hatte, und ihre Stimmungsringe sorgten dafür, dass sich niemand beschwerte.

Der Auftritt war gut gelaufen, aber mit ihren früheren Konzerten hatte es wenig zu tun. Wie immer, wenn sie in diesem Café spielte, hatte eigentlich niemand zugehört. Sie war ein Teil der Kulisse, etwas, was das Ambiente bereicherte, während die Leute sich zufrieden unterhielten oder zufrieden in ihre Smartphones schauten. Sobald auch nur der Hauch irgendeiner Stimmung aufkam, wurde sie von einem Schwarm Kopfimplantate neutralisiert. Manchmal hatte Noelle Lust, sich einfach auf die Bühne zu stellen und wie die Musiker in früheren Zeiten ihre Gitarre kurz und klein zu schlagen. Wie ihr Publikum wohl reagieren würde? Würden das ihre Stimmungsringe auch einfach so wegbügeln?

Vielleicht war sie ungerecht. Wie bei so vielem waren Stimmungsringe zu Beginn eine gute Sache gewesen: Ursprünglich entwickelt zur Behandlung von Parkinson, hatte man bald herausgefunden, wie sich damit auch Panikstörungen oder Suchterkrankungen effektiv in den Griff kriegen ließen. Aber seit Neuestem hatte gefühlt jeder einen, und plötzlich spielte Noelle vor nur noch vor desinteressierten Dumpfbacken.

Außer Thea. Thea hatte tatsächlich zugehört. Aber Thea steckte auch voller Überraschungen - wer (außer Noelle selbst) bitte kannte denn noch die Beatles? Und Thea stellte ihr andauernd diese Fragen, nicht aus Höflichkeit, sondern weil sie wirklich interessiert an Noelles Antworten schien. Sie hatte sogar gewartet, bis Noelle alles zusammengepackt hatte, und jetzt liefen sie nebeneinander zur U-Bahn, weil Thea darauf bestanden hatte, sie zu begleiten.

Als sie zur Treppe kamen, zögerte Noelle. Sie wollte noch nicht nach Hause. Sie wollte nicht, dass das hier – was auch immer es war – vorbei war.

„Ich würde dich gern noch was fragen“, sagte Thea und nahm ihre Hand.

Noelle versuchte, sich daran zu erinnern, wie ein normaler Mensch atmet. „Du stellst wirklich viele Fragen, was?“

„Darf ich dich küssen?“, fragte Thea leise.

Als Antwort lehnte Noelle sich vor, bis ihre Stirn sanft gegen Theas Nase drückte. Sie schwamm, oder sie flog, auf jeden Fall war da kein Boden mehr unter ihren Füßen.

Thea senkte den Kopf zu ihr herab, und Noelle konnte ihren Atem auf ihrer Wange spüren. Ihre Lippen berührten sich fast.

Ein durchdringendes Piepen erfüllte Noelles Kopf, gedämpft und doch überall zugleich. Thea drehte ihren Kopf ein Stück, so dass ihre Wange an Noelles Wange lag. „Ringo?“, fragte sie.

Das Piepen hörte auf und wurde durch eine ruhige männliche Stimme ersetzt. „Thea, du hast eine ungewöhnlich hohe Herzfrequenz, obwohl ich keine körperliche Aktivität registriere. Ich empfehle, umgehend einen vollständigen kardiologischen Scan durchführen zu lassen.“

Noelle blickte verwirrt auf, aber Thea rollte nur die Augen und deutete auf etwas hinter ihrem Ohr. Dann begriff sie: Sie hatte Theas Stimmungsring durch den Kontakt ihrer Köpfe gehört.

Noelle lachte. „Dein Stimmungsring heißt Ringo? Wie Ringo Starr?“

Thea wurde rot und grinste ein wenig schief, und Noelle fragte sich, ob sie jemals wieder ein anderes Gesicht sehen wollte. Sie hob ihr Kinn und küsste Thea.

Noelle hatte sich noch nie so sehr auf die Arbeit gefreut wie heute. Sie stand bereits an ihrer Station am Fenster, als Thea endlich die Fabrikhalle betrat. Thea kam zu ihr herüber, strahlend wie die Sonne, und Noelle fragte sich, wie sie selbst in diesen grauen Arbeitsklamotten so umwerfend aussehen konnte.

Aber dann, wie aus dem nichts, erlosch das Lächeln. Thea machte kehrt und stellte sich an die Station neben Tommy am Eingang.

Noelle fühlte sich, als wären alle Saiten ihrer Gitarre auf einmal gerissen. Die Schicht begann, aber sie nahm kaum wahr, was ihre Hände taten. Manchmal hatte sie den Eindruck, dass Thea kurz zu ihr herübersah, aber sobald Noelle hinschaute, schien Thea sehr mit ihrer Sticker-Rolle beschäftigt zu sein. Was war hier los?

Ihr Kopf begann, mögliche Erklärungen zu basteln: Thea war durch ein Roboter-Replikat ersetzt worden (unwahrscheinlich, wegen der kleinen Knöpfe an den Handys). Thea hatte bis jetzt unter einer Fehlfunktion ihres Stimmungsrings gelitten, die ein Update heute Nacht behoben hatte (praktisch ausgeschlossen, Stimmungsringe hatten keine Fehlfunktionen). Thea war klar geworden, was für ein Chaos Noelle war, und dass sie besser die Finger von ihr lassen sollte (möglich?). Noelle versuchte, etwas Wahrscheinlicheres zu finden, aber ihr fiel nichts ein. Verdammt.

„Hey“, fragte Noelle vorsichtig nach Schichtende in der Umkleide. „Ist alles okay?“

Theas Blick vermied sie wie eine Pfütze saurer Milch. „Klar.“

„Du benimmst dich aber nicht so. Hab ich was falsch gemacht?“

Thea schüttelte nur stumm den Kopf und presste ihre Finger auf eine Stelle hinter dem linken Ohr. Ihr Gesicht war zusammengekniffen und angespannt, fast ängstlich. Noelle hatte sie noch nie so gesehen, und ihr Herz fiel in ein Loch. Ihr fiel der Kardio-Scan ein, den Thea sicher hatte machen lassen. War vielleicht doch etwas mit Theas Herz nicht in Ordnung?

„Du kannst gern mit mir reden, wenn was nicht stimmt“, sagte sie sanft.

Jetzt sah Thea sie an, obwohl es sie offensichtlich Überwindung kostete. „Ich will nicht mit dir reden“, sagte sie leise, aber mit Nachdruck. Aus ihren Augen sprach eine Kälte, die Noelle noch nie gesehen hatte. „Ich hab Tommy gesagt, dass ich kündige. Ich will nämlich nichts mehr mit dir zu tun haben.“

Noelle versuchte zu schlucken. Nicht hier, dachte sie, aber ihre Augen brannten bereits, als ob die Splitter einer Zwiebel aus Glas darin steckten. Sie hörte, wie Thea ihren Spind zuwarf und die Umkleide verließ.

Irgendwie schaffte Noelle es schließlich auch nach draußen. Sie ließ sich auf die kalten Metallsitze der Bushaltestelle fallen. Tränen liefen ihre Wangen herab. Sie war so blöd gewesen. Was hatte sie denn erwartet? Dass Thea sich tatsächlich mit ihr einlassen würde?

Der verschwommene Umriss eines Mannes blieb vor ihr stehen.

„Lass sie doch einfach in Ruhe“, sagte Tommy. „Ist ja kein Wunder, wenn du so emotional wirst.“

Noelle antwortete nichts, sondern schluchzte nur.

„Freak“, murmelte Tommy und verschwand.

***

Als Thea nach Hause kam, war der eisige Klumpen in ihrer Magengrube, den sie in der Umkleide gespürt hatte, längst weg. Während sie Ben in die Badewanne setzte, versuchte sie, ihre Gedanken zu ordnen. Was war eigentlich los? Am Samstag hatte sie Noelle zu küssen noch für die beste Idee seit Erfindung der Quantenverschlüsselung gehalten. Aber heute hatte sie es nicht mehr ertragen, in ihrer Nähe zu sein. Einfach alles an Noelle hatte sich falsch angefühlt – so sehr, dass sie sogar gekündigt hatte? Und in der Umkleide hatte es fast so ausgesehen, als ob Noelle gleich weinen würde, was vollkommen verrückt war: Weinen, das taten nur Kinder, oder die Schauspieler in alten Filmen. Heute konnte man die emotionale Spur eines Films direkt auf seinen Stimmungsring übertragen, deswegen waren solche übertriebenen Stilmittel nicht länger notwendig.

Stichwort Stimmungsring. Sie fasste sich hinters Ohr. „Ringo?“

„Hallo, Thea. Was gibt‘s?“

„Was war heute Nachmittag los? Ich habe … ich weiß nicht, mich total furchtbar gefühlt? Aber du hast überhaupt nichts unternommen.“

„Alle Subroutinen laufen normal, Thea. Ich habe keine ungewöhnlichen Emotionen registriert.“

Thea dachte nach. Das ergab alles keinen Sinn. Sie wusch Ben die Haare, und irgendwie landeten ihre Gedanken schon wieder bei Noelle. Noelle, wie sie Gitarre spielte und ihre warme Stimme das kleine Café erfüllte. Der Erdbeerfeld-Geruch ihrer Haare, als sie sich geküsst hatten.

Da war es schon wieder. Das vertraute Kribbeln, das sich in ihren Fingerspitzen ausgebreitet hatte, wurde von einem dunklen, eiskalten Gefühl in ihrem Bauch verdrängt. Dem Gefühl, dass sie besser weglaufen sollte.

„Ringo? Was ist das?“

„Ich verstehe deine Frage nicht, Thea.“

Thea runzelte die Stirn. Versuchte Ringo, ihr auszuweichen? Vielleicht musste sie eine andere Strategie ausprobieren.

„Ringo, was ist nochmal beim Kardio-Scan herausgekommen?“

„Es gab keine weiteren Auffälligkeiten. Du hast derzeit keine physischen Herzprobleme.“

„Habe ich denn andere Probleme?“, fragte Thea unschuldig.

„Im Rahmen des Kardio-Scans habe ich eine routinemäßige Auswertung aller anderen Biomarker vorgenommen.“ Ringo schien einen Moment zu zögern. „Dabei zeigte dein Endorphinspiegel ein auffälliges wiederkehrendes Muster, das mit einer 87-prozentigen Wahrscheinlichkeit mit Substanzmissbrauch übereinstimmt.“

„Was? Ringo, du weißt, dass ich keine Drogen nehme!“

Ringos Stimme wurde sanft und einfühlsam. „Vielen Süchtigen fällt es schwer, sich ihre Krankheit einzugestehen, obwohl ihre Gedanken nur noch darum kreisen.“

So weit von der Wahrheit war Ringo vielleicht gar nicht entfernt. Trotzdem. „Nein, ich meine –“

Ringo fuhr unbeirrt fort. „Eine frühe Behandlung ist allerdings essentiell, bevor weitere körperliche oder soziale Folgen eintreten. Deshalb habe ich die Therapie bereits gestartet. “

„Was meinst du damit?“

„Bei der Aversionstherapie wird dein Angstzentrum aktiviert, sobald sich das identifizierte Muster zeigt. So wird die Substanz mit negativen Gefühlen assoziiert, und die Sucht kann effektiv durchbrochen werden.“

Thea rieb sich die Stirn. „Ich bin nicht drogenabhängig, Ringo. Ich bin… verliebt.“

„Thea, eine Suchterkrankung ist kein persönliches Versagen. Bitte lass dir helfen. Du bist nicht allein.“

Thea ließ den Kopf auf den Rand der Badewanne sinken. Sie hatte es vermasselt. Sie musste mit Noelle reden – aber wie? Und würde Noelle überhaupt noch mit ihr reden wollen? Aber damit würde sie sich beschäftigen, wenn sie ihr anderes, dringenderes Problem gelöst hatte: Sie musste diese Subroutine stoppen.

„Du hast natürlich Recht, Ringo. Es wäre kontraproduktiv, die Therapie abzubrechen“, sagte sie.

„Schön, dass du das verstehst, Thea.“

Als Ben im Bett war, startete Thea ihre Red Team-Konsole.

***

„Na bitte, hast dich also wieder beruhigt.“ Tommy tätschelte Noelle gönnerhaft den Arm. Noelle spürte etwas in sich auflodern, und fast hätte sie Tommy das Handy, das sie gerade eingeschaltet hatte, gegen den Kopf geschleudert. Aber sie hielt sich zurück. Auf Tommy wütend zu sein, brachte auch nichts. Ihr Atem beruhigte sich wieder. Let it be.

Sie erinnerte sich verschwommen daran, wie elend sie sich gestern gefühlt hatte. Sie hatte den ganzen Abend gesungen, während ihre Gitarre leise dazu geweint hatte. Normalerweise tröstete sie das, aber dieses Mal hatte es überhaupt nicht geholfen. Jeder Song erinnerte sie an Thea. Und schließlich konnte sie es einfach nicht mehr ertragen …

Ein klirrendes Klopfen ließ Noelle hochschrecken. Sie drehte sich um.

Hinter der Scheibe des Fensters stand Thea.

Noelle starrte sie an und fragte sich für einen Moment, ob das eine Halluzination war. Vielleicht funktionierte irgendwas in ihrem Kopf nicht mehr richtig? Aber Thea winkte und deutete auf den Fenstergriff und wirkte insgesamt sehr real, also ging Noelle hinüber zum Fenster und öffnete es.

Thea sah verändert aus. Unter ihren Augen lagen Schatten, als ob sie eine Acht-Tage-Woche hinter sich hatte, aber ihr Blick war wach und klar.

„Noelle, ich – es tut mir leid, was ich gestern gesagt habe. Ich will definitiv noch was mit dir zu tun haben.“ Thea rieb sich die Stirn. „Ist mir fast ein bisschen peinlich. Ringo hat unsere Begegnungen so interpretiert, dass ich Drogen nehme, und deshalb versucht, mir Angst zu machen, wenn ich dich sehe.“

Noelle brauchte einen Moment, um zu verarbeiten, was sie da gerade gehört hatte. „Du warst also gestern nur so drauf, weil dein Stimmungsring eifersüchtig war?“, fragte sie schließlich.

„Sozusagen“, sagte Thea und lachte hell, wie von einem inneren Licht erfüllt. „Aber ich hab ihn gehackt. Die Verschlüsselung von diesen Teilen ist echt gut, und ich hab fast die ganze Nacht gebraucht, weil Ringo mich mit Melatonin überschwemmt hat, damit ich einschlafe.“ Sie unterdrückte ein Gähnen. „Am Ende musste ich ihn komplett deaktivieren.“

Noelle blinzelte einmal, dann zweimal. Thea hatte ihren eigenen Stimmungsring lahmgelegt, nur um nochmal mit ihr zu reden? Diese Frau steckte wirklich voller Überraschungen.

„Und … wie kommst du jetzt klar?“ fragte sie.

Thea zuckte mit den Schultern. „Ich bin müde, und ganz schön nervös, weil ich doch keinen Job mehr habe. Aber ich dachte, wenn du bisher ohne klargekommen bist, werde ich das auch.“

Noelle lächelte traurig und schwieg.

„Was ist los?“, fragte Thea.

„Da ist was, das du wissen solltest.“ Noelle drehte ihren Kopf und hob ihre Locken an, so dass Thea die Stelle mit dem metallenen Ring hinter ihrem linken Ohr sehen konnte.

„Oh, Noelle! Du hast …“

Noelle nickte nur. Es tut mir leid, Thea. Ich hab es einfach nicht mehr ausgehalten, dachte sie stumm.

Thea streckte ihre Hand durch das offene Fenster. Sie berührte sanft die Stelle hinter Noelles Ohr, dann ließ sie den Arm sinken und griff nach Noelles Hand.

Noelle spürte Theas warme Hand in ihrer. Ein warmes, flatterndes Gefühl breitete sich in ihr aus und kroch bis in ihre Fingerspitzen.

„Und, wie wirst du ihn nennen? John oder Paul?“, fragte Thea.

„George natürlich“, sagte Noelle.

Wettbewerbsgeschichte: Der Garten des Oktopus - Schlussbild

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