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Geschichte Nr. 57

Wettbewerbsgeschichte: Obskura

Obskura „Ernsthaft?“, schimpfte Cal und schwang den Kescher durch die Luft bis das Wasser herauspreschte und auf dem bunten Boden aus recycelten PET-Flaschen landete. Sofort kam der antike Wischro...

Wettbewerbsgeschichte: Obskura

Wettbewerb: Menschmaschine – VACSF26 – Vierter anonymer und chancengleicher Schreibwettbewerb auf punktasten.de

Teilnehmer-Nr.: WC2026_001_0060

Obskura

Anonym eingereicht

Obskura

„Ernsthaft?“, schimpfte Cal und schwang den Kescher durch die Luft bis das Wasser herauspreschte und auf dem bunten Boden aus recycelten PET-Flaschen landete. Sofort kam der antike Wischroboter aus seiner Station, fuhr über die Tropfen und maulte „Beiseite, Personen!“.

„Warum muss ich immer Papas Aquarium reinigen?“ Die Mutter schaute Cal mit einer Mischung aus Vorwurf und Mitgefühl an. „Es sind noch drei übrig“. Sie zeigte mit dem Kinn auf die Leptolepis-Exemplare die vom Replikationsprogramm für die genetische Wiederbelebung der Artenvielfalt übrig geblieben waren. Cal spürte einen Kloß im Hals und zog die Hände in die überlangen Ärmel, versetzte dann dem aufsässigen Roboter einen Tritt. Morgen würde das dritte Jahr ohne den Vater anbrechen. Die Station Blossom II würde, wie letztes Jahr, eine Gedenkminute für das Forschungsschiff Obskura einlegen, welches auf seiner Mission zum Zweck der Datensammlung für das Kolonialisierungsprojekt im Sysem Vega verschollen war. Es würde eine kurze Minute werden, denn seit die lineare Zeit der Erde von der plejadischen zirkulären Zeit abgelöst worden war...aber das war hier nicht der Punkt. Cal rechnete noch immer in Erdenzeit.

„Max Al Schuberts Mission zur Vega...“, Cal war auf dem Weg zum Hörsaal in der Uni und folgte nur halb dem Kolonialfunk bis der Namen Vaters erwähnt wurde. „...bis heute ohne Signal oder Kenntnis seines Verbleibs...“. Wie förmlich die reden, in den 2070ern war es wieder populär geworden, umständlich und wenig direkt zu kommunizieren. Vorbei die Zeiten, als ein Zwei-Wort-Satz mit Emoji alles sagte, vorbei auch, weil es keine getippten Nachrichten mehr gab. Die Nice-Com-Sytems übertrugen mit etwas Übung Gedankennachrichten gezielt und man musste sich abschirmen, wollte man nicht erreicht werden...aber auch das war hier grad nicht relevant.

Cal urinierte ausgiebig in die Rinne und richtete anschließend im großen ausgeleuchteten Spiegel des Unisex-Klos die Brüste in dem luftigen Sport-Dress. Weil das instabile Magnetfeld nach den Sonnenstürmen um 2025 es nötig gemacht hatten, elektronische Schutzschilde, die die Erde umschlossen und welche von Satelliten gesteuert wurde...ja, ich weiß, nicht relevant. Cal leckte über die Ringfingerspitzen und zog die hellblauen Augenbrauen gerade. Cals Gedanken schossen wild in der Gegend umher.

„Wenn das wirklich wahr ist, fress ich ein Lichtschwert“, hörte Cal jetzt im Gang auf dem Weg zum Hörsaal, weiter zu. „Ja, Broster, du sagst es, Pluto, unser Erdaußenposten empfing gerade ein Signal mit eindeutiger Kennung, und es scheint sich tatsächlich um die vor knapp drei Jahren verschollene Obskura zu handeln und...“, sie ließ die Zuhörer absichtlich warten, „...sie ist dabei, die Erde anzusteuern“. „Famos!“, jubelte der zweite Moderator, „ich bin gespannt, was Max aufgehalten haben könnte!“ Cals Körper verließ der Atem, der Gang neigte sich, „Vater...“, flüsterte Cal, um ihre Person wurde es schwarz.

Bianca Al Schubert saß an der Liege im Sanitätsraum der Uni und blickte besorgt auf ihr Kind. „Cal!, wir müssen los, die Obskura ist zurück!“, sie rüttelte ihr Kind an der Schulter bis Cal sich ruckartig aufsetzte und sie aus weiten Augen ansah. Die Sanitätsperson rollte heran und nahm ihr das Stirnband ab, welches Cal während der Ohnmacht abgeschirmt hatte. „Ich überprüfe Puls und Blutdruck, bleibe bitte liegen“,

Cal stöhnte aber gehorchte. Da die Werte normal waren, unterschrieb Cal den Entlass mit dem Implantat am Handgelenk und beide nahmen den Schwebe-Indivdual-Transport zur Station Blossom II wo das Schiff von Max erwartet wurde.

„Ich habe Angst“, flüsterte Bianca ihrem Kind zu. „Ich auch, Mutter“, flüsterte Cal zurück und sie drückten die Hände an denen sie sich hielten während sie aus der Gondel ausstiegen. „Bist du offen?“, fragte Cal und machte eine kreisende Fingerbewegung vor dem Ohr, um ihr zu signalisieren, dass sie wieder Kolonialfunk einschalten sollte.

„Das Schiff wird nun vom Lotsenschiff in die Station geschleppt, mein Wesen, ich bin so aufgeregt“, hörten sie Broster brabbeln. Die letzten 30 Stockwerke zum Hangar brauchten ewig und zweimal mussten sie sich identifizieren, wobei sie mitleidige Blicke kassierten. „Hier legt es an, oh mein Wesen, es sieht schrecklich aus...“, Broster hielt die Luft an. Der Funk knackte. „Cal, stimmt es?“, ihr Geschwister sprach über Nice-Com mit ihr. „Ja, Herz, es stimmt, Vaters Schiff ist zurück.“ Beide schwiegen bedrückt.

Cal rieb sich organisches Gel in die zitternden Handinnenflächen, um den Nikotinspiegel zu erhöhen. „Meinst du er lebt?“, fragte Ray. Cal seufzte. „Ich weiß es nicht“.

Ihre Mutter schaltete sich dazu: „Wir hoffen das Beste, aber fast drei Jahre sind im All eine Ewigkeit“. Das noch immer manövrierunfähige Schiff war abgekoppelt von seinem Lotsen und elektronisch angedockt. Im selben Moment drängte ein Quarantäneteam alle Zuschauenden zurück und betrat das Vakuum. Bianca raufte sich die Haare, erbat sich Gel von Cal und rannte vor den schmalen Fenstern auf und ab. „Wir hören gerade, dass es wohl Probleme mit der Energieversorgung auf der Obskura gab, Näheres ist noch nicht bekannt, aber viel wichtiger: Wo ist Max?“. Cal gefroren die Gesichtszüge. „Wo ist Max?, was meint der Funk?“. „Ist er nicht drin?“, fragte auch Ray in Cals Gedanken, die Mutter fing an zu weinen. Zwei Sicherheitsbeauftragte näherten sich mit schnellem Tritt und hießen Bianca und Cal ihnen zu folgen. In einem Raum stellte man sich vor: Person Walker und Person Bergstig, beide machten betretene Gesichter. „Max Al Schubert befindet sich nicht auf dem Schiff. Also nicht in Person“. Cal beugte sich vor: „Nicht in Person? Sind Sie irre, Walker?“ - Bianca legte Cal die Hand auf den Arm. „Verstehen Sie, wir haben seinen Chip, die digitale Kopie Ihres...ähm...Vaters...ähm...Ihres Gefährten...äh...“, die Person Walker fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. „Wo ist sein Körper?“ Bianca stand jetzt und ihr Blick war fest und zornig auf Walker gerichtet. An ihrer Stelle antwortete Bergstig: „Wir wissen es nicht. Die Vega ist 25 Lichtjahre von unserer Sonne entfernt, ein Lichtjahr hat 9,46 Billionen Kilometer, die geschätzte Größe des sichtbaren Universums ist ...“, „93 Milliarden Lichtjahre, wissen wir, Bergstig, schon klar, aber Ihr krümmt den Raum vor und hinter dem Schiff, sodass sich der Raum selbst schneller als Licht ausdehnt und zusammenzieht, während das Schiff lokal unterlichtschnell bleibt...“, Cal hob den Blick, beide Personen nickten. „Was wir zum jetzigen Zeitpunkt vermuten“, fuhr die Person mit dem Namensschild Walker fort: „die Energieversorgung für den Meiler musste ausgestoßen werden. Genaueres werden wir erst nach Auslesen der Black Box wissen.“ „Wie lange?“, Bianca starrte ihn entgeistert an. „Die KI braucht 24 Erdenstunden, dann wissen wir mehr“. Die Personen Walker und Bergstig wandten sich ab und gaben damit das Signal zum Aufbruch. Bianca stand wie ein Leuchtturm in der Mitte des Raumes. „Max, wo bist du?“, fragte sie leise in den leeren Raum und folgte dann ihrem Kind. Sie sprachen erst wieder in der Gondel nachdem Ray ihr Kommen für den folgenden Abend angekündigt hatte, ihre Kommunikation beschränkte sich darauf, wer den Lieferdienst für die Pizza bestellte.

Am nächsten Abend saßen Bianca, Cal und Ray im selben Raum und lauschten den Erklärungen von Walker, Bergstig und einer KI namens 23.5. „Die Daten“, so die KI 23.5, „sind analysiert, rekonstruiert und es gibt eine Hypothese, wollt Ihr sie hören?“ Weil niemand eine KI siezen wollte als sie ihren Dienst aufnahm und Kopf für Kopf das menschliche Fachpersonal ersetzte, duzte die KI durchweg alle Menschen, siezte sich aber gegenseitig. „Sag es mir!“, bat Bianca 23.5, Cal und Ray verflochten ihre Hände ineinander. „Max Al Schubert ist weg.“, sagte 23.5 nüchtern. „Wie weg? Einfach...weg?“, schnappte Ray beinahe sofort. „Wo ist Vater hin?“, setzte Cal nach und spürte Wut in sich aufsteigen. Bianca holte neben ihnen Luft. „Person Vater“, begann 23.5 „ist noch an Board, allerdings nicht in seiner menschlichen Gestalt. Ich spiele euch die relevanten Logbuch-Aufzeichnungen von Max Al Schubert vor, geduldet euch einen Moment.

Plötzlich hörten sie Max' Stimme.

Logbuch-Eintrag 2068.4.7.: Ich setzte Kurs auf die Erde, alle Daten sind gesichert und sehr vielversprechend, das kann ich jetzt schon sagen. Die Mission ist erfolgreich abgeschlossen.

Logbuch-Eintrag 2068.4.25: Kurs Richtung Heimat, musste die Energiezelle ausstoßen, weil sie durch die erhöhte Strahlung der Vega überladen wurde und zu explodieren drohte. Suche Alternative.

Logbuch-Eintrag 2068.4.26-1: Die einzige Alternative, um die Daten zur Erde und das Schiff nach Hause zu bringen ist, die Energie für den Initialschub des Meilers aus meinem organischem Material zu substituieren. eben habe ich mein Bewusstsein in den Boardcomputer hochgeladen.

Logbuch-Eintrag 2068.4.26-2: Sollte das hier gelingen und ich die Obskura nach Hause kriege,wäre es nett, wenn ihr mich wieder herstellen würdet.

Bianca schluchzte, sprang auf und verließ den Raum. 23.5 war noch nicht fertig.

Logbuch-Eintrag 2068.4.26-3: Sagt meiner Familie, dass ich sie liebe. Und jetzt packen wir's Obskura, altes Mädchen, bringen wir dich nach Hause! Fuck!

23.5 blickte durch den Raum und faltete die Hände vor der Brustplatte mit dem deaktiviertem Bildschirm. „Diese Informationen, sind für euch relevant. Habt ihr Fragen?“ Cal nickte. „Und jetzt?“, Cals Stimme war heiser vor Kummer, Ray nahm Cal in den Arm. 23.5 wendete sich um und zeigte auf Bergstig. „Fragt ihn, für diese Information habe ich keine Freigabe.“ Die erforderliche mittlere Geschwindigkeit um in einem Jahr die Strecke von 25 Lichtjahren zu schaffen wäre [ v \approx 25 \cdot c ] kritzelte Ray mit fahrigen Bewegungen quer über die raumtrennende Wand. Walker stöhnte und stellte sich neben Ray. „Eben. Da ist viel Energie nötig.“ „Wir sind keine 8!“ protestierte Cal. „Erklären Sie es uns angemessen!“. „Beim Neustart des Meilers wurde Max verdampft, die Energie speiste den Meiler“ gab 23.5 aus der Ecke des Raumes wieder. „Die Reproduktions-Labore befinden sich auf La Gomera, das ist eine...“, „wissen wir, Walker, eine Insel der Kanaren, Europa, unzerstört in der Mensch-Maschine Revolution 44.“ „Was habt Ihr von ihm?“, Bianca stand in der Tür und rieb sich die Hände, ihre Züge wirkten konzentriert und entspannt. Cal tastete nach ihrem Gel in der Bauchtasche, es war rezeptpflichtig und teuer gewesen. „Einen Chip“, Bergstig hielt eine seltene kleine Plastiktüte aus Maisöl hoch. „Der ganze Kerl ist da drauf?“, Bianca schüttelte den Kopf. „Auf dem kleinen schwarzen Ding? Ich glaub's nicht.“ „Korrekt!“, zischte Bergstig, der langsam die Geduld verlor. „Wenn Sie also nichts dagegen haben, würden wir jetzt den Chip nach La Gomera übersenden, damit die Einheit dort mit der Reproduktion beginnen kann.“ „Wir kommen mit!“, sagte Cal, Ray und Bianca nickten.

Die drei Wochen auf der Insel vergingen langsam, sie waren mit Motorrädern ins Valle Gran Rey gefahren und hatten dort bei einer Meeres-Detox-Agentur gewohnt. Die Inseln waren in den 40er Jahren komplett unter Naturschutz gestellt worden und durften nur noch von Firmen die im Natur-, Tier- oder Klimaschutz oder anderweitigen Forschungen der genetischen Artenvielfalt tätig waren, betreten werden. An einem stürmischen Abend kam endlich der ersehnte Anruf und alle drei wurden von einer E-Limousine zu dem Gelände der Reproduktionslabore bei Agulo gefahren. Es stank nach Fisch, direkt nebenan wurde Kabeljau verarbeitet, der seit einigen Jahren zurück in den Meeren war. Eine Erfolgsstory von GenBack. In der weitläufigen modernen Halle kam ihnen eine uniformierte Person entgegen, das Licht war ungewohnt grell.

„Möchten Sie etwas trinken? Es war heiß heute.“ Die drei waren viel zu aufgeregt und ignorierten die Frage. Hinter der uniformierten Person schaute ein brauner Wuschelkopf hervor und lächelte sie an. Bianca stutzte. Die Person stellte sich als Fröcker vor. „Hier...ähm...also...es ist so. Die Wiederherstellung klappte ganz problemlos, es sind mehrere Sektoren auf dem Datensatz, der Körper ist in die Sektoren, Embryo, Baby, Kleinkind, etc...Pubertät...usw. aufgeteilt, jede dieser Phase hat ja ihr eigenes Spektrum an Bewusstsein...“, sie lächelte den Jungen an, der mit seinem Smart-Band am Handgelenk spielte. „...Ähm, ja...wie gesagt, diese einzelnen Sektoren werden immer analog zum jeweiligen Entwicklungsstadium hochgeladen...bis...“, sie stockte und sah den Jungen an. „Bis was?“, zischte Cal und trat vor ihn. „Bis...ähm...tut mir leid...bis 404“. Sie zog die Schultern hoch. Alle starrten Fröcker entgeistert an. Der Junge trat vor, verlegen und da war noch etwas anderes...irgendwie verschlagen. „404? - Das ist ein Fehlercode“, Bianca runzelte die Stirn. „Es gab einen Fehler bei der Reproduktion?“ „Korrekt, Max Al Schubert konnte nicht, sagen wir, vollständig hochgeladen werden. „Max, sag's ihnen lieber selbst“, Fröcker dreht sich zu dem Jungen, der halb hinter ihr verborgen stand.“ „Hi, Leute, ich bin Max!“ Es klang auswendig gelernt. „Wie alt bist Du?“, flüsterte Bianca. „acht Jahre“. Er sah sie teilnahmslos an, dann Cal und Ray. „Ich kenne die nicht“, flüsterte Max Fröcker zu. Bianca ging in die Hocke vor ihm und umarmte ihn. „Du lebst, das ist das Wichtigste!“, dann wandte sie sich zum Ausgang. Sie weinte aus Erleichterung und Trauer und dann lachte sie, weil es so absurd war, ein Kind war ein Kind und sie musste seine Zukunft planen.

16 Jahre später

Max war im Wechsel bei Ray und ihrem Onkel aufgewachsen, nun stand er neben einem stark gealterten Broster auf Blossom III bereit, das Kolonisations-Team nach Vega anzuführen. Die Liste der ersten Siedler des Exoplaneten LIV im System Vega umfasste 2039 Personen sowie die genetischen Informationen der irdischen Fauna und Flora als Datensätze. Seine Kinder sowie seine erste Frau Bianca waren gekommen, um ihn zu verabschieden. Auf Platz 588 der Kolonisten-Liste stand der Name Bianca Al Schubert, CLON 1.0, 23 Jahre, keine Kinder. Max grinste. „Dieses Mal versengst du mir nicht den Arsch, Vega!“ „Passt auf Euch auf!“, Cal grinste, „und schafft den Kids keine Fische an!“.

Wettbewerbsgeschichte: Obskura - Schlussbild

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