Wettbewerbsgeschichte: Ava (Auf Bewährung)
Ava (Auf Bewährung) Alle Bäume waren noch besetzt. Sie reihte sich in die Warteschlange ein und hielt ihr Gesicht in die Sonnenstrahlen, die durch das lichte Blätterdach fielen. Sog die Luft ein, d...
Ava (Auf Bewährung) Alle Bäume waren noch besetzt. Sie reihte sich in die Warteschlange ein und hielt ihr Gesicht in die Sonnenstrahlen, die durch das lichte Blätterdach fielen. Sog die Luft ein, d...
Ava (Auf Bewährung)
Alle Bäume waren noch besetzt. Sie reihte sich in die Warteschlange ein und hielt ihr Gesicht in die Sonnenstrahlen, die durch das lichte Blätterdach fielen. Sog die Luft ein, die so anders roch, als in der staubtrockenen Stadt. Feucht und würzig, nach Erde und einer Spur von Harz. Eine der gelb gekleideten Baumhüterinnen winkte sie zu einer Buche, die sich von ihrem Umarmer gelöst hatte. Mia wartete, bis er sich gesammelt hatte. Es wunderte sie jedes Mal, dass die grünen Riesen so sanft mit ihnen waren. Nach allem was sie ihnen angetan hatten.
Ohne die aufbegehrende Natur hätten sie es nie begriffen. Die Menschen hatten die Erde fast zerstört in ihrem Bestreben, alles ihrem Nutzen unterzuordnen. Ihrer Bequemlichkeit und ihrer Gier nach mehr und meins. Ihre Sojafelder hatten sich auch in die letzten Regenwälder gefressen, um Futter zu schaffen für das Tierfleisch, das sie züchteten und fraßen. Die Dürren hatten erst Felder und Wälder zerstört und dann war das Wasser gekommen. Die ausgelaugten Fichten und Kiefern waren gefallen wie Streichhölzer, nur einige Buchen und Eichen hielten stand. Sie zu erhalten, war jetzt oberste Bürgerpflicht.
Ihr Vorgänger passierte sie mit unsicherem Schritt. Die Bäume nahmen oft ein kleines Bisschen mehr, als die Menschen geben konnten. Es war, als kehrten sie die Tradition der Ausbeutung um. Mia legte ihre Handflächen auf den Stamm und der Impuls zog ihre Arme um die Rundung, ihre Fußspitzen wanderten wie von selbst nach außen. Sie legte ihre Wange an die glatte Rinde und konzentrierte sich auf ihren Atem. Wappnete sich für die aufsteigenden Bilder. Das Fahrrad am Straßenrand, Blut an ihren Händen. Ihr Herz stolperte, dann beruhigte es sich. Sie wurden eins, der Baum und sie. Mia überließ sich dem Schlaf der Verschmelzung.
Der Stamm schob sie von sich und sie sah mit weichen Knien auf ihr Display am Handgelenk. Die Anzeige blinkte grün, sie hatte ihr Soll erfüll. Ihr war schwindelig und sie hätte sich gern auf dem weichen Moos ausgestreckt und von der Mittagssonne wärmen lassen, aber sie war spät dran. Ihre Kehle schnürte sich zu, als sie die Bahn zurück in die Stadt beinahe verpasste. Es ist nur ein Reflex, dachte sie, während sie ihrem hämmernden Herzen lauschte. Es war kein Problem mehr, wenn sie zu spät kam. Aber es gab Empathiepunkte, wenn Eltern ihre Kinder zu festen Zeiten abholten und sie brauchte jeden Punkt.
In der Insel fühlte sie sich immer wie in einer Blase. Getrennt von allen anderen, die ihren Kindern die Hände wuschen, sie kämmten oder anzogen. Sie lief mit gesenktem Kopf um die letzte Biegung und in einen Mann hinein.
„Du bist die Mutter von Ava, oder?“, fragte er mit einem Lächeln, das um Entschuldigung bat, obwohl es ihre Schuld war. „Mein Sohn Max ist neu in eurer Gruppe. Ich bin übrigens Paul.“
„Mia“, erwiderte sie. Sein Händedruck war warm und fest und er öffnete ihr die Tür zum Gruppenraum mit einer Parodie altmodischer Galanterie, die sie zum Lächeln brachte. Sie machen sich gleichzeitig wieder auf den Weg zum Ausgang. Max stürmte voraus und zog das Tor auf. Ihr Herz machte einen Satz und ihre Hand griff nach der ihrer Tochter.
„Nicht auf die Straße rennen!“, rief Paul. Max kam mit geröteten Wangen zurück. Sein Blick wanderte von Ava zu Paul und dann zu Mia.
„Kann sie auch so schnell laufen wie ich?“, fragte er. Mia schüttelte den Kopf und fasste die kühle Hand des Mädchens fester. Sie dachte an Avas blonden Pferdeschwanz, der immer fast waagerecht hinter ihr her geweht hatte, so schnell war sie gewesen und spürte Pauls Blick brennend auf ihrer Wange.
„Wir nehmen den Bus“, sagte sie und und blieb an der Ampel stehen, nickte den beiden zu. Registrierte die zwei Plaketten am Revers von Pauls Jacke. Blau für alleinerziehend und grün für bindungsfähig. Ihre freie Hand kontrollierte ihren Schal, der verbarg, dass sie keine Plaketten trug. Paul legte den Kopf schräg, aber die Ampel sprang auf Grün, bevor er etwas erwidern konnte. Sie zog Ava so schnell hinter sich her, dass sie fast aus ihrem eingeübten Rhythmus gerieten. Von der Haltestelle aus sah sie zu, wie er Max auf der anderen Straßenseite auf seine Schultern hob. Helles Kinderlachen flirrte zu ihnen herüber. Wir wären ein gutes Match, dachte sie.
Als ihre Generation noch dem Kapitalismus zur Verfügung stehen musste, waren die meisten entweder zu egoistisch, zu hoffnungslos oder schlicht zu erschöpft gewesen, um Kinder zu bekommen. Nach der großen Krise war die Zahl der Neugeborenen auf nahezu Null gesunken. Die Wissenschaftler hatten die schwindende Libido mit den chemischen Verbindungen im Tierfleisch erklärt. Erst später hatten sie auch die Auswirkungen auf die Fertilität entdeckt. Nur die Veganer produzierten jetzt noch Spermien und Ovarien. Deshalb war Mia noch im Spiel. Sie war eine Gebärende auf Bewährung, weil der Erhalt der menschlichen Rasse für die Global Development Intelligence oberste Priorität hatte. Sie konnte froh sein, dass sie ihr Ava nicht ganz genommen hatten.
„Was möchtest du heute zu Mittag essen?“ fragte sie ihre Tochter, als sie nebeneinander saßen. Ava drehte langsam den Kopf und sah zu ihr hoch. Dann leuchteten ihre Augen auf und sie lächelte.
„Pfannkuchen!“, sagte sie. Mia lächelte automatisch zurück.
Früher hatte Ava einen kleinen Einkaufswagen neben ihr hergeschoben und dabei unermüdlich vor sich hin geplappert. Jetzt saß sie still im Kindersitz und Mia erzählte, was sie einkaufte. Als sie die Wohnungstür hinter sich zuzog und auf den Scheitel des Mädchens herabsah, das auf das Ausziehen wartete, hingen die Einkaufstüten an ihr wie Bleigewichte. Vielleicht mache ich morgen Pfannkuchen, dachte sie erschöpft. Morgen würde die Bewährungsfrist abgeschlossen sein. Die letzte Hürde zur Wiedererteilung der Parental Permission.
Sie dachte erst wieder an Paul und Max, als sie am nächsten Tag das Gesundheitszentrum verließ. Sie hätte nicht arbeiten müssen. Alleinerziehend zu sein, war kein Makel mehr, sondern eine Höchstleistung, für die es ein ausreichendes Grundeinkommen gab. Die ihr zugeteilte Arbeit, im Gesundheitszentrum und an den Bäumen, diente der Gemeinschaft und ihrer eigenen psychischen Gesundheit. Alle Kinderinseln waren 24 Stunden geöffnet und die Insel-Aktivitäten richteten sich nach dem Biorhythmus der Betreuten und den Arbeitseinsätzen der Eltern. Und die Care-Angestellten konnten ihren Nachwuchs selbstverständlich zur Arbeit mitbringen. Die Reformen waren so einfach umzusetzen gewesen, dass die Jahrzehnte verpasster Chancen umso vergeudeter erschienen.
Sie trat um 14.57 Uhr durch das Tor der Kinderinsel und ging mit erhobenem Kopf bis zum Gruppensaal. 15 Uhr war die ideale Abholzeit für Tageskinder, wie Ava. Dann waren ihre geistigen und körperlichen Grundbedürfnisse gestillt und sie konnten sich auf die Qualitätszeit mit ihren Eltern einlassen. Die Erzieherin begrüßte sie mit einem Lächeln und Mias Schultern entspannten sich. Das Urteil der Betreuerin war entscheidend für ihre Bewährung. Früher hatte man die ausgeprägte Fürsorge und das überdurchschnittliche Einfühlungsvermögen der Care-Angestellten Helfersyndrom genannt. Jetzt wurden diese Qualifikationen entsprechend honoriert. Während sie darauf wartete, dass die Betreuerin Ava auf die Nachmittagssequenz einstellte, sah sie zu, wie Paul versuchte seinen widerspenstigen Sohn anzuziehen.
„Ich will hierbleiben!“ rief Max und wand sich, dass seine dunklen Locken flogen. Paul ließ die Jacke mit einem halb entnervten, halb belustigten Schnauben sinken und ging vor seinem Sohn in die Hocke.
„Willst du denn gar nicht nach Hause?“
„Nein! Ich will weiterspielen!“, quengelte der Junge und rieb sich die Augen. Paul seufzte und suchte Mias Blick. Mia lächelte. Ein Blondschopf rannte an ihnen vorbei.
„Warte Leon!“, rief Max und warf sich mit der ganzen Kraft seines kleinen Körpers dem Freund hinterher. Paul kippte auf den Rücken, wie ein Käfer und sein Sohn flog über ihn hinweg. Das Geräusch, mit dem sein Kinn auf den Boden prallte, ließ Mias Schultern zu den Ohren zucken. Sie hörte Max vor Schmerz aufheulen, sah das Blut und bewegte sich instinktiv zum nächsten Wasserhahn. Hielt ihren Schal darunter, drückte ihn in einer fließenden Bewegung aus. Lag im nächsten Moment neben ihm auf den Knien und schmiegte das Tuch an sein Kinn. Sie fixierte den Kopf des Jungen mit geübtem Griff und sah die Platzwunde an der Unterlippe. Prüfte mit dem Zeigefinger, ob die Zähne noch Halt hatten und ließ den angehaltenen Atem erleichtert los.
„Das tut gleich nicht mehr weh,“ murmelte sie und streichelte die nasse Wange. Max Gebrüll erstarb. Seine aufgerissenen braunen Augen prüften, ob sie die Wahrheit sprach und glaubten ihr. Er schlang seine Arme um ihre Hüften, rollte sich auf ihrem Schoß zusammen, wie ein Kätzchen und weinte dort leise schluchzend weiter. Mia beugte sich über den Jungen und erwiderte die Umarmung. Wiegte ihn, fühlte die Wärme des bebenden, kleinen Körpers. Ihr Gesicht verlor den hungrigen Ausdruck. Eine Welle vergessener Emotionen brandete heran. Tränen stürzten aus ihren Augen und tropften in den Nacken des Jungen. Das Kind, abgelenkt von seinem Schmerz, sah zu ihr empor und legte eine Hand an ihre Wange.
„Hast du dir auch wehgetan?“
Sie sah Ava unter den Reifen des Lastwagens liegen, wie eine zerbrochene Puppe. Sie hätte hinter ihr fahren müssen, aber sie war vorausgefahren. Sie hatte es eilig gehabt, immer hatte sie es eilig gehabt, sich abgehetzt, um allem gerecht zu werden. Das System trüge einen Teil der Schuld, das hatte auch das Bewährungsgericht festgestellt. Sie strich ihm die Locken aus der Stirn.
„Das ist lange her.“ Paul kniete sich neben sie, griff nach den Schultern des Jungen.
„Mensch Max!“ Seine Stimme zitterte. Sie gab ihm Raum und stand auf. Die Erzieherin schloss das Display an Avas Hinterkopf. Die Augen des kleinen Androiden mit dem Gesicht ihrer Tochter öffnen sich.
„Mama!“, sagte die Maschine mit Avas Stimme und lächelte, wie ihre Tochter immer gelächelt hatte. Die Erzieherin trat vor, verdeckte mit ihrem Körper die Kindergestalt.
„Ich glaube, Sie sind jetzt so weit“, sagte sie, in ihren Augen eine stumme Frage. Mia zögerte, dann nickte sie. Die Betreuerin trat hinter Ava, öffnete das Display. Es klickte leise, als sie den Chip entfernte. Ein Schatten legte sich über die Augen des Androiden, dann schlossen sich die Lider. Die Erzieherin hielt ihr das transparente Etui mit den zwei Plaketten entgegen und Mia griff mit beiden Händen danach, wie eine Ertrinkende. Sie spürte ihren Herzschlag bis in die Fingerspitzen. Paul und Max standen da, als würden sie auf etwas warten.
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