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Geschichte Nr. 60

Wettbewerbsgeschichte: Protokollnotiz 47

»Alan!« Ich nahm meine Datenbrille ab und rieb mir die Augen. »Seit wann sitzt du denn schon da? Ich habe dich gar nicht bemerkt.« Wie klein die Unterschiede zwischen Mensch und Maschine geworden ...

Wettbewerbsgeschichte: Protokollnotiz 47

Wettbewerb: Menschmaschine – VACSF26 – Vierter anonymer und chancengleicher Schreibwettbewerb auf punktasten.de

Teilnehmer-Nr.: WC2026_001_0063

Protokollnotiz 47

Anonym eingereicht

»Alan!« Ich nahm meine Datenbrille ab und rieb mir die Augen. »Seit wann sitzt du denn schon da? Ich habe dich gar nicht bemerkt.«

Wie klein die Unterschiede zwischen Mensch und Maschine geworden waren. Der Androide AT-V3.79 - wir nannten ihn Alan - war kaum noch von einem Menschen zu unterscheiden. Das letzte Update hatte ihm Marotten beigebracht, die noch mehr zu dieser Illusion beitrugen. Er rückte seinen Krawattenknoten zurecht. Nicht, dass der Knoten vorher nicht perfekt saß. Dann reckte er das Kinn leicht nach oben, rückte den Knoten zurück an den idealen Platz und strich danach zwei Mal über die Krawatte nach unten, um Wellen im Stoff zu glätten. Ich fragte mich, ob der Konzern ihm das wirklich so einprogrammiert hatte. Alan war mein vollsynthetischer Arbeitskollege und wir waren uns ähnlicher, als mir lieb war.

»Ich habe gerade erst Platz genommen«, sagte er. »Wollte dich nicht stören, du sahst so konzentriert aus.«

»Allerdings. Es gibt neue Testvorgaben. Kamen gerade erst rein.« Ich schob ihm meine Datenbrille rüber. »Schau es dir in Ruhe an, ich besorge dir deinen Kaffee.«

Natürlich tranken Androiden nichts. Aber der Konzern knauserte mit kostenlosen Getränken für Mitarbeiter – seien sie synthetisch oder nicht – und ich sah keinen Grund, Alans Anteil verfallen zu lassen. Vor allem, weil er den Kaffee, den er nie trank, ganz genau so mochte wie ich: mit Milch, ohne Zucker.

Ich lief den Flur hinunter, vorbei an den Büros, deren Türen nie offen standen. Die Kaffeeküche war noch ein ganzes Stück entfernt, aber schon jetzt war eine lebhafte Geräuschkulisse zu hören. Es war eine Mischung aus zwei menschlichen Stimmen und dem Gegurgel einer Kaffeemaschine, die sich ein wenig zu ernst nahm. Einzelne Worte lösten sich: »Idiot«, »Sondermüll« und »Rühren«.

Noch zehn Schritte bis – Autsch! Verdammt! Was zum…? Ich taumelte. Verlor das Gleichgewicht. Meine Hände suchten Halt, griffen aber ins Leere. Ich fiel. Dann kam der Schmerz. Etwas hatte in mein Bein gebissen. Direkt unterhalb des linken Knies. Ich sah mich um und fand den Übeltäter: Ein kleiner Tannenbaum blockierte die halbe Flurbreite. Hier stand noch nie eine Tanne. Ich war mir auch ziemlich sicher, dass der Konzern gar kein Grünzeug in Fluren lagern würde. In Büros, vielleicht. Aber auf dem Flur? Nein, da war jemandem ein großer Fehler unterlaufen. Ich würde es melden. Oder? Hm. Wenn ich es meldete, dann müsste ich schon jetzt die Gefahrenstelle absichern. Die Rückfragen unserer Verwaltung konnten sehr unangenehm sein in solchen Fragen. Ja, ich würde die Tanne ignorieren. Gerade als ich mich aufrappelte, tauchte ein Kopf im Türrahmen der Kaffeeküche auf und starrte in meine Richtung.

»Hey da! Alles in Ordnung? Sind Sie verletzt?«, fragte der Kopf.

»Ja, danke.«

»Ach, Sie stehen ja schon wieder. Gut. Was machen Sie denn mit dem Baum da? Den können Sie so aber nicht da stehen lassen.«

»Die Tanne? Ich? Also… Das ist nicht meine Tanne. Sie hat mich angegriffen.«

»Wie bitte?«

»Also, äh. Ich werde die Tanne natürlich melden, falls Sie sich das gerade fragen.«

»Wegen eines Angriffs? Wie soll der Baum Sie denn angegriffen haben? Er sieht mir auch gar nicht feindselig aus. Handelt es sich vielleicht um ein Missverständnis?«

Da erkannte ich, dass der Typ in der Küche ein Androide war. Er reagierte auf etwas, worauf er noch nie reagieren musste, und zog eigene Schlüsse, die sich für ihn logisch anfühlten. Das machte meine Lage aber nicht besser. Androiden speicherten alles. Also auch den Tannenvorfall. Ich sah schon den ganzen Papierkram vor mir.

»Ja, ein Missverständnis.« Ich klemmte mir die Tanne unter den Arm und humpelte zur Kaffeeküche. Zu meiner Überraschung fand ich dort nur den Androiden vor. Er stand mitten im Raum und rührte in seinem Kaffeebecher herum. Ein Namensschild verriet, dass es sich um einen SH-V2.40 handelte. Eine ganze Modellgeneration vor Alan. Im direkten Vergleich also ein Primat.

Ich stellte das Bäumchen in eine Ecke. Danach tippte ich Alans Benefit-Code in das Tastenfeld des Kaffeeautomaten. Die Maschine erwachte und beleuchtete weitere Bedienelemente. Irgendwas zischte. Irgendwas plätscherte. Irgendwas knarzte und klackte. Dampf stieg auf. Dann fiel der Automat nach lautem Gegurgel wieder in den Schlaf.

»Das geht schon eine ganze Weile so«, ließ SH mich wissen.

»Ich muss einen Kaffee holen. Mit Milch, ohne Zucker.«

»Müssen wir das nicht alle?« SH-V2.40 stellte seinen Becher ab und legte das Stäbchen direkt daneben. Erst jetzt bemerkte ich, dass der Becher leer war. SH startete die Kaffeemaschine, die sich erneut nach kurzem Aufbäumen wieder ausschaltete. Er nahm daraufhin seinen leeren Becher zurück, sammelte das Stäbchen auf und fing an, im Becher zu rühren. Immer im Uhrzeigersinn, ganz gleichmäßig, ohne jemals am Becherrand zu kratzen. Alles völlig nutzlos, aber immerhin sauber ausgeführt.

»Was machst du da?« Ich zeigte auf den Becher.

»Ich besorge Kaffee. Die Aufgabe wurde mir zugeteilt.«

»Hier gibt es aber keinen. Die Maschine ist defekt. Doch das war nicht die Frage.«

»Was meinen Sie dann?«

»Na, warum du im Becher rührst. Und warum beendest du nicht die Aufgabe?«

»Ich will die Aufgabe doch beenden. Darum rühre ich.«

»Nein, warum lässt du die Aufgabe nicht unerledigt und sagst deinem Taskprompter, dass die Kaffeemaschine defekt ist?« Ich hatte das kaum ausgesprochen, da fiel mir wieder ein, dass ich mit einer Version 2.40 sprach. Natürlich konnte er nicht selbstständig seine Aufgaben abändern. Vielleicht würde ich aushelfen können.

»SH? Nenne mir deinen aktuellen Arbeitsprompt.«

»Das Standardprotokoll namens Kaffeepause wurde kürzlich gestartet, brach dann aber fehlerhaft ab.«

»Warum?«

»Die Kaffeemaschine verhielt sich ablehnend.«

»Inwiefern?«

»Sie hat keine Kaffeebohnen mehr und ändert diesen Zustand auch nach mehrmaliger Aufforderung nicht.«

»Ist dir in den Sinn gekommen, dass die Maschine das nicht kann?«

»Nein.«

»Dachte ich mir.«

SH legte wieder Becher und Stäbchen ab, startete die Kaffeemaschine, wartete bis zum finalen Gegurgel, nahm alles wieder zurück und rührte erneut Luft im Becher mit höchster Präzision.

»SH?«

»Ja?« Er sah auf, aber rührte perfekt weiter.

»Es ist ganz einfach. Melde den Fehler an deinen Operator. Dann bekommst du neue Anweisungen.«

»Das habe ich bereits getan.«

»Ach ja? Und was waren die Anweisungen?«

SHs Stimme veränderte sich drastisch, als er mir eine Sprachnachricht aus seinem Speicher vorspielte: »Herrgott, Sherlock! Wie doof muss man sein? Warum hab ausgerechnet ich immer die Idioten? Wenn die Maschine gerade keinen Latte… ach egal. Neue Befehle! Wenn du das auch wieder vermasselst, bringe ich dich noch heute auf den verdammten Sondermüll. Ist das klar? Also, hier dein Prompt: Ziehe mir einen Kaffee. Irgendeinen. Aber mit Zucker. Dann rühren! Hast du gehört? Rühren! Ich will nicht wieder so einen Süßklumpen beim letzten Schluck erleben. Trau dich nicht in meine Nähe, bevor das erledigt ist.«

Das konnte ich kaum beheben. Einen normalen Systemprompt hätte ich vielleicht ausbessern können, aber eine direkte Anweisung eines Vorgesetzten war nicht so einfach zu übersteuern. Ich setzte mich hin und dachte nach. SH rührte noch ein bisschen und startete dann sein Ritual erneut. Egal, womit ich ihn kurzfristig davon abbringen würde - ich überlegte, ob ich noch mal im Flur hinfallen sollte - es wäre nicht von Dauer. SH würde danach immer wieder in die Küche zurückkehren und sich von einer Kaffeemaschine abgelehnt fühlen. Bis in alle Ewigkeit, oder bis jemand Bohnen nachfüllte. Sicher, ich wusste, dass Ersatzbohnen irgendwo in den Schränken waren. Aber ich hatte das ja auch noch nie gemacht und ich wollte sicherlich nicht den Zorn der Kaffeemaschine auf mich ziehen. So verbrachten wir einige Minuten. Ich dachte, SH rührte, die Maschine zickte und die Tanne stand entschärft in der Ecke. Dann hörte ich etwas, was ich noch nie zuvor gehört hatte. Eine Tür auf dem Flur öffnete sich. Ganz in unserer Nähe. Schritte. Jemand hustete. Dann trat er ein. Einer unserer Ingenieure, klar am blauen Overall zu erkennen. Er sah uns an. Dann packte er sich ans Ohr. »Bin da. Alle beide?« Er starrte abwechselnd SH und mich an. »Ach so. Ja gut. Das war mir nicht klar. Und der Tannenbaum? Was ist mit dem Baum?«

Wenige Sekunden später ging er auf SH zu und drückte ihm, ohne zu zögern, auf die rechte Schläfe. Der Androide erstarrte mitten in der Bewegung. Ich stellte mir immer vor, dass das wie Schlafen war.

»Was passiert nun mit ihm?«, fragte ich.

»Wa… Äh… Warum frag… also, nunja. Das übliche halt. Wir zerlegen ihn und suchen den Fehler, wobei hier wohl kein Fehler vorlag. Ich meine, das ist ja eine V2 nur. Das falsche Werkzeug für den Job. Irgendjemand wollte sehen, ob wir noch Verwendung für die Jungs finden. Sieht nicht danach aus.«

»Sieht nicht danach aus?«

»Sieht nicht danach aus.«

Ich stand auf und legte meine Hand auf SHs Schulter. Zimmertemperatur.

»Was ist mit der Tanne?«, fragte ich.

»Die Tanne? Warum fragen Sie das denn?«

»Sie haben doch eindeutig vorhin auch über die Tanne gesprochen. Was war die Antwort? Was ist mit der Tanne?«

»Die Tanne kommt wieder in den Flur.«

»Ich bin darüber gestolpert. Ich werde den Vorfall melden.«

»Ja, das passiert recht häufig.«

»Wirklich?«

»Hat bereits sieben Meldungen. Ist aber eine robuster kleiner Tannenbaum. Gutes Material. Fühlt sich fast wie echt an.«

Ich griff nach den Nadeln, drückte, erwartete irgendwas Klebriges oder Harziges, aber da war nichts. Ich schnupperte an den Zweigen. Nichts.

Ich verlor meine Gedanken, als ich sah, dass der Ingenieur merkwürdige Rollen an den Füßen des Androiden anbrachte. Dann kippte er ihn ein wenig und fuhr ihn - als sei er eine Sackkarre - aus der Küche.

»Moment mal!«, rief ich, »Was, wenn wir ihn nicht zerlegen? Vielleicht finde ich eine Verwendung für S - für… für Sherlock! Das ist sein Name, Sherlock, wissen Sie?«

»Sherlock?« Der blaue Typ lachte. »Da hatte aber jemand mal große Hoffnung oder einfach nur sehr viel Humor. Ich tippe auf letzteres. Nein, das geht nicht.«

»Wieso denn nicht?«

»Hören Sie mal. Das ist ein V2.40. Die Dinger sind so alt, dass keine zusätzliche Entwicklung mehr über Neuronet gemacht wird. Mit andern Worten, die bleiben, wie sie sind und entweder haben sie zufällig einen brauchbaren Stand, oder eben nicht. Hier ist nix zu holen. Wir stampfen ihn ein. V2, Mann! Wir sind aktuell bei V4.09. Oder sogar weiter?« Er schüttelte den Kopf. Ich musste Zeit gewinnen, der Blaumann schob Sherlock einfach weiter.

»Eins noch!«

»Was denn?«

»Wissen Sie, wie man die Kaffeemaschine befüllt?«

Er drehte sich zu mir um. »Warum?«

»Ich muss Alan seinen Kaffee mitbringen.«

»Müssen Sie das?«

»Ja, nur deswegen bin ich hier.«

»Und denken Sie, es könnte Ihnen gelingen, dass sie heute keinen Kaffee ziehen?« Die Frage war frech. Natürlich konnte ich das. Darum ging es doch nie.

Als der Blaumann verschwunden war, wagte ich einen letzten Versuch. Ohne Bohnen versagten alle Bemühungen weiterhin. Ich schnappte mir die Tanne, denn der Blaumann sollte nicht alles bekommen, was er wollte. Ich ging schnellen Schrittes los.

Alan. Ob er sich wohl schon ein Bild machen konnte über die neuen Testvaria… Alan! Oh verdammt. Mein Freund, Alan, war ein V3.79. Der Blaumann erwähnte - was? V4? Oder war es gar V9? Nein nein, V9 auf keinen Fall, vollkommen absurd. Aber V4? Ja. Es gab V4. Zum Teufel!

Ich rannte los.

Der verdammte Flur wurde länger und länger. Industrieteppich sorgte für statische Aufladung. Kleine Blitze schossen durch meine Füße bis hinauf in den Kopf. Warum hatte eigentlich immer nur ich dieses Problem? Noch wenige Meter. Ich riss die Tür auf.

Alan setzte gerade meine Datenbrille ab. Ich warf die Tanne quer durch den Raum und packte ihn an beiden Schultern.

»Was ist denn los?«, fragte er.

»Keine Zeit. Wir müssen los. Sofort!«

»Du hattest keinen Kaffee, oder? Ich kenne doch den Blick, du bist verwirrt und dir fehlt, nunja, Energie.«

»Was? Nein. Doch. Ja. Egal. Das machen wir später, lass uns abhauen. Sofort. Es bleibt keine Zeit!«.

»Beruhige dich. Ich komme ja mit. Aber sag mir bitte erst, was das da für ein komischer kleiner Nadelbaum ist.«

»Das ist doch mehr als klar.« Meine Worte wurden langsamer, etwas verklebte meinen Kiefer. »Die Tanne … also die, ähm, die … aus Plastik oder so … also, sie, sie greift Leute an. Sie beisst zu. Und dann. Ähm. Ich glaube, wir verleihen ihr einmal im Jahr Orden oder so.«

»Was?«

»Ja, zu Weihnachten. Glitzernde… ähh.« Ich wurde müde.

Alan nahm meine Hände von seinen Schultern und stand auf. »Protokollnotiz 47«, sagte er kühl, »Heute nur wenig Fortschritte. Verschmelzung der synthetischen und humanoiden Stammhirnteile erfolgreich. Amygdala und Hippocampus funktionieren besser als heute Morgen. Stimulation des Frontallappen war vermutlich zu schwach. Erhöhe Frequenz vor nächstem Testlauf.«

»Alan, was redest du denn da?«, lallte ich.

»Neustart in zwei Sekunden.« Er drückte mir meine Datenbrille auf die Nase und klopfte mir auf die Schläfe.

Aus!

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»Alan!« Ich nahm meine Datenbrille ab und rieb mir die Augen. »Seit wann sitzt du denn schon da?«

Wie klein die Unterschiede zwischen Mensch und Maschine geworden waren …

Wettbewerbsgeschichte: Protokollnotiz 47 - Schlussbild

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