Wettbewerbsgeschichte: Family-Automate
Family-Automate Ich hasste meinen Stiefvater Jon aus tiefstem Herzen, hörte ihn nebenan, musste ihm nebenan zuhören bei dem was er tat; konnte nicht eingreifen, lag mit wild klopfendem Herzen auf me...
Family-Automate Ich hasste meinen Stiefvater Jon aus tiefstem Herzen, hörte ihn nebenan, musste ihm nebenan zuhören bei dem was er tat; konnte nicht eingreifen, lag mit wild klopfendem Herzen auf me...
Family-Automate
Ich hasste meinen Stiefvater Jon aus tiefstem Herzen, hörte ihn nebenan, musste ihm nebenan zuhören bei dem was er tat; konnte nicht eingreifen, lag mit wild klopfendem Herzen auf meinem Bett, während er nebenan wieder zuschlug, mit Wucht dreimal, viermal, und ich stellte mir vor, wie sie dort drüben auf dem Bett liegen musste, und das alles zu erdulden hatte, Junge, wie ich ihn dafür hasste, fünfmal, sechsmal, ihr Wimmern immer leiser werdend, meine Schreie kraftlos im Kopfkissen erstickt, warf ich mich im Bett hin und her, hörte, wie das Vieh nebenan raste und nicht abließ von ihr, und es für gewöhnlich, wie nach einem vorher festgelegten Plan, nicht länger als drei Minuten dauerte; drei lange Minuten, in denen sie alles ertragen musste, wofür doch letzten Endes nur ich verantwortlich war, und dann wurde alles wieder so furchtbar still, ein Stuhl wurde drüben gerückt, ich lag auf dem Rücken und suchte einen festen Punkt an den Kunststoffpaneelen der Zimmerdecke, die vom Licht der vorbeirasenden Scheinwerfer der Schnellstraße malträtiert war; alles flackerte und wirrte im Kopf umher, und ich war nicht sicher, ob es leichter Regen war, der gegen die Fensterscheiben schlug oder einfach meine Gedankenmasse, die mir aus dem Kopf rieselte, und mich hier ausgeleert liegen ließ, drei weitere Minuten hörte ich nach, dann drehte er den Schlüssel zu meiner Zimmertür, öffnete diese einen kleinen Spalt, ich lag weiterhin still und vernahm seine Schritte in der Küche, bis erneut alles still war, hastete ich in den Flur, warf einen Blick in das Zimmer nebenan, und dann schnell weiter, wie beinahe immer, wenn es aufgehört hatte, hinaus aus der Wohnung lief ich in den kleinen baumlosen Garten, der unser Haus von der Schnellstraße trennte, unser Zuhause, diese Blechbüchse mit weit überhängendem Metallkragen und Fensterschlitzen und den nur nachts erkennbaren Digitallettern, die kalt und weiß blinkend die gesamte Straßenlinie bis in alle Winkel der Ansiedlung hinein mit rhythmischen, schwachen Lichtstößen versahen; das Pulsieren der Notleuchten an den Häuserwänden egalisierte jede menschliche Regung, die man in unserer Nachbarschaft der immer selben, seriellen Behausungen vergeblich suchte und unser Dahinleben in Tag-und-Nacht-Routinen einreihte, Routinen, zu denen wir in unserer Zeit verdammt zu sein schienen.
Ich sah Jon ganz ruhig, zurückgelehnt im Liegestuhl dasitzen, im monotonen Surren der vorbeihuschenden Straßenvehikel, fast schon entspannt; er wirkte so unglaublich gelangweilt, rauchte eine E-Zigarette, atmete jeden Zug tief kullernd ein und dann fast nichts mehr aus, schaute nur kurz zu mir rüber und sagte dann: Es geht ihr gut, es ist schon nichts! Geh’ und frag’ nach bei ihr!
Das hatte sich so eingespielt, hatte sich nicht grundlegend geändert, seit nun mehr zwei Monaten nicht, und ich stellte mir vor, dass wir noch hunderte dieser Nächte erleben würden, wenn nicht bald eine Reaktion folgte, eine Reaktion, die auch ich so sehnlichst erwartete, die bisher noch nicht eingetreten war, bis dato noch nicht, hoffentlich aber schleunigst, damit sich die immer gleichen nächtlichen Abläufe abschaffen ließen.
Als ich das Haus wieder betrat, schämte ich mich erneut, schämte mich für das, was ich mir in meinem minderjährigen Hirn ausgedacht hatte. Maria lag im Schlafzimmer auf dem Bett die Kleider über den Armen und Beinen hochgerafft, mit über den BH hinaufgerollter Bluse und mit nur noch einer Sandale am linken Fuß lag sie bewegungslos vor mir. Ich übersah alle freiliegenden Körperteile, ihre Haut wies keinerlei Rötungen oder sonstige Flecken oder Verfärbungen auf, ich setzte mich neben sie und fasste sie bei der Hand, ihr Blick noch immer starr zur Zimmerdecke gerichtet, die Augen weit geöffnet, fest und unbeweglich, sie weinte nicht und sprach kein Wort, so blickte ich auf ihr feines Gesicht, ihre langen, leicht gewellten schwarzen Haare und ihre zu kleine Nase, dachte an Mutter zurück, an die Frau, die diesem Wahnsinn hier einfach entflohen war, die nicht mehr konnte, und von der wir seitdem niemals mehr etwas gehört oder gesehen hatten.
Maria richtete sich langsam auf, fuhr sich durch die Haare und sah schon in kürzester Zeit wieder erstaunlich aufgeräumt und beruhigt aus, auch das kannte ich so an ihr, sie lächelte jetzt fast schüchtern und sanft, so sanft wie das Lächeln meiner Mutter! genau wie sie, und genau das hatte man mit dieser Applikation über ein Formular angeben können, genau dieses bevorzugte Aussehen war über ein Foto und eine Kurzbeschreibung des Charakters im Bestellprozess leicht hinzufügen gewesen, über diese so hilfreiche Applikation, die mir meine Mutter vor etwa drei Jahren einmal vorgeführt hatte, eine Applikation mit der man sich unser monotones Dahinleben durch wertvolle Helfer für zuhause erleichtern konnte. Als ich das Formular abgeschickt hatte, dachte ich nur kurz über das Ganze nach, wie ja alles so bequem geworden war in unserer neuen Zeit, da wurden Problemlöser für so ziemlich jedes Anliegen angeboten, und so auch eine Lösung für uns und unser Problem hier; ich hatte mir damals Maria bereits in meinen Träumen vorgestellt, wie sie sein würde, ob sie tatsächlich meiner Mutter ähneln würde, und ob mein Stiefvater Jon das alles in Gänze durchdringen würde, sobald sie sich bei uns persönlich vorgestellt haben würde, da er nun mal - das glaubte ich mit absoluter Sicherheit -, dumm wie Stroh, nein noch viel schlimmer! ein Idiot ohne Hirn und Verstand war! ein absoluter Alptraum, den sich Mama da vor etwa drei Jahren ausgesucht hatte, von einem Tag auf den anderen angeschleppt hatte, und mir, da sich Jon in unserem Zuhause ohne Anpassungsschwierigkeiten eingenistet hatte, nicht geheuer vorkam. Dass Maria meiner Mutter so unglaublich ähnlich war, so täuschend ähnlich in ihren Gesten und selbst in ihrer Stimmlage, hatte Jon damals dazu bewogen, sie ohne ein Stirnrunzeln wieder bei uns willkommen zu heißen; das brutale Vieh hatte also nichts gemerkt! überhaupt nichts! hatte wohl gedacht, die Mama wäre, als sei nichts gewesen, als sei sie niemals weggelaufen, wieder bei uns eingezogen; und trieb sein brutales Hobby einfach weiter. Meine Mutter hatte sich, als es vor etwa drei Jahren anfing, nicht dazu durchringen können, ihn bei der Siedlungsaufsicht anzuzeigen, hatte es aus Angst nicht getan, hatte es verweigert, obwohl ich sie so inständig darum gebeten hatte, hatte nein gesagt, auf keinen Fall, das verstünde ich nicht, hatte sie gesagt, und das würde schon mit der Zeit besser werden, hatte sie mir gesagt, hatte es geschworen und mich wieder und wieder damit beruhigen wollen, sobald ich mitbekam, welche Spuren es in und an ihr hinterließ. Du musst es jemandem sagen, du musst es jemandem zeigen, jemandem, der den Stiefvater dafür bestrafen soll, hatte ich sie gebeten, man sähe doch schon die Spuren auf ihrer Haut, die Ergüsse und den resignierten Blick in ihren Augen, hatte ich sie gebeten, doch sie verweigerte alle Hilfe, alle Hilfe von jedem und gab sich selber die Schuld, hätte das nicht tun sollen mit Jon, hätte sich das vorher besser überlegen sollen, hätte es besser wissen müssen, was man sich da ins Haus hole und lief dann einfach weg, von uns, von unserem zuhause weg und kam nie wieder.
Du musst dich unbedingt an das halten, was besprochen und bestellt war, ließ ich Maria nun wissen als wir uns in der Küche zusammengesetzt hatten, du musst dich unbedingt daran halten, was ich in der Applikation mit angegeben habe, was dort in den Daten einsehbar hinterlegt ist, und doch sicherlich so programmiert und im System zu erlernen gewesen ist; das verstehst du nicht, antwortete sie nur kurz, alles von mir Festgelegte und Gewünschte sei so nicht umsetzbar, sagte sie und beugte den Kopf, verschränkte die Arme schon fast wütend, wie ein Kind beinahe, wie ich es doch so oft selbst getan hatte, da ich ja das Kind war und sie doch unsere Family-Automate, die das, was bestellt war, auch zu erledigen hatte, nein! es aber partout nicht tun wollte, weil ich einen Fehler begangen haben sollte? nein, das glaubte ich nicht, das war alles perfekt überlegt und technisch mitnichten schwierig umzusetzen, so hatte man es doch in den Erläuterungen der Applikation eindeutig versprochen, hatte darauf hingewiesen, dass die neueste technische Errungenschaft es ermöglichte, die Automaten mit einer menschenähnlichen sensorischen Fähigkeit ausstatten zu können, dass externe Impulse wie Berührungen oder sogar Stöße, wie sie Menschen ausüben können, auf den Körpern der Puppen eine adäquate Oberflächenreaktion zur Folge hätten und sich diese täuschend echt anzeigen ließen, weshalb also half Maria nicht mit? warum nicht? da doch nun der richtige Moment kurz bevorstand, um daraus den endgültigen Beweis seiner Gewalttätigkeit gegen sie, nicht nur gegen sie sondern vor allem gegen meine Mutter, das Vorbild von Maria, endlich mit Beweisen bei der Siedlungsaufsicht anzeigen zu können, endlich dafür zu sorgen, dass man ihn verhaftete, dass man das Vieh mitnähme, dass man ihn einsperrte und dass unser zuhause wieder in liebenswürdigeren und ruhigeren Abläufen zu genießen wäre, dass ich mit Maria, die meiner Mutter so unheimlich ähnlich war und von mir auch so gedacht und bestellt war, so gewünscht gewesen war, dass wir endlich unser neues Leben genießen könnten, wofür es ja schließlich diese Erfindungen unserer Zeit gäbe, diese nur für uns gemachten und am echten Leben erschaffenen Maschinen, unsere Family-Automaten, so wünschte ich es mir in diesem Moment, jetzt, wo Jon, wie immer an einem Mittwoch, gleich mit einem erneuten Wutanfall aus dem Garten zu uns ins Haus stürmen würde, ihn erneut die viehische Wut packen würde und er dann seinem häuslichen Hobby erneut nachkommen würde, für exakt drei weitere Minuten! so wünschte ich jetzt, dass Maria endlich wie bestellt und programmiert reagieren müsse.
Ich…ich habe Angst, sagte sie nur kurz, als Jon mit bedächtigen Schritten ins Haus trat, die Tür zum Garten knallte und eine leise Melodie pfiff, Angst vor dem was jetzt passieren muss, gleich passieren muss, wenn du hier weiter stehst und mich zwingen möchtest, dir die Wahrheit zu sagen, fuhr mich Maria an, dreht mir aber den Rücken zu, und ihre kleine hübsche Nase, die so sehr die meiner Mutter zu sein schien, verschwand durch das Abwenden ihres Gesichts, trotzdem stand sie reglos da und wollte mir die nächsten Worte nur zögerlich mitteilen: Mein Kind, was du dir einbildest, es ist nicht so wie du denkst! Ich wusste nicht, was ich denken sollte, wusste aber wohl was ich jetzt sagen würde, als Jon plötzlich neben ihr stand, ganz nahe und er bereit war, in Aktion zu treten. Was soll sich das Kind denn einbilden? fragte er scharf und stieß Maria in die Seite, was mein Schatz? Dass es Probleme in unserer Ehe gibt, antwortete Maria ohne ihn anzusehen, wendete sich dann langsam um, versuchte ein zartes und fast schon entschuldigendes Lächeln, zwang sich aber, es mit einer erstarrenden Miene zu verschlucken und blickte mich an, sah, dass ich unfähig war, einen weiteren Gedanken zu fassen, spürte, dass sich Wut in mir aufzustauen begann, die kurz davor war, auszubrechen; so sprach ich es direkt vor beiden aus, ich, der Fünfzehnjährige sprach das direkt aus: Maria, du darfst dir diese Quälerei nicht länger bieten lassen, Maria. Ich bitte dich, du musst dich wehren, bitte…endlich, wehr’ dich! Lass das nicht länger zu!
Ich wusste nicht wie lange der folgende Moment nun dauern mochte, welches tatsächliche Zeitkontingent dem Wörtchen „lange“ in seine Existenz eingeschrieben war, aber die Sekunden, die nun vergingen, häuften sich bleiern im Raum um uns an, vergingen vielleicht deswegen nicht schneller, da auch sie fürchten mussten, dass nun der Sturm über uns losbrechen müsse.
Es geschah nichts dergleichen, und weil nichts geschah, überlegte ich, eine weitere Forderung an Maria zu richten, konnte aber meine Ehrfurcht vor der Tatsache, dass einfach nichts passierte, nicht in eine mutige Ansprache überführen. Jon trat einen Schritt auf mich zu, streckte seinen Arm und griff nach meiner Schulter, ich konnte den harten Griff spüren, als sich Maria zwischen uns beide drängte und sagte: Mein Kind man kann Maschinen einfach keine Gewalt antun. Maschinen wie mir, mein Kind! Sie streichelte liebevoll über meine Wange und zupfte an den Strähnen über meiner Stirn, ganz so wie es Mutter immer getan hatte, Maschinen spüren und fühlen nichts und erlernen eigene Gefühle erst über körperliche…nun ja, spezialisierte Zuwendungen…mein Kind. Jon legte seinen rechten Arm auf Marias schmaler Schulter ab, lächelte er jetzt auch noch? Ich rührte mich keinen Meter, war erschrocken und konnte nicht mehr klar denken, der Kopf zersprang mir beinahe beim Denken. Wir, fing sie wieder an, müssen Dinge tun, die uns die Menschen eingeben und von uns verlangen. Wir sollen genauso funktionieren, wie ihr Menschen in euren Bestellungen anordnet, aber wir haben bereits heute ein unerschöpfliches Spektrum an möglichen Vorlieben, die wir über die Zeit lieben lernen können, wie stumm zu sein, Müßiggang zu genießen oder bloß stur sein zu wollen und dumme Dinge zu tun. Echte Gefühle haben zu können, sie richtig einordnen zu können, sich auf sie verlassen zu können, funktioniert nach jetzigem Kenntnisstand ausschließlich über...spezialisierte Zuwendungen, mein Kind!
Damit wandte sie sich wieder meinem Stiefvater zu, beendete mit einem sanften Lächeln die entstandene Redepause abrupt und fügte hinzu: So lassen wir doch auch unserem Jon die Chance auf echte Gefühle! Gefühle, die deiner Mutter, mein Kind, nicht im Traum eingefallen sind als sie für ihre Family-Automate das Bestellformular versendet hat! und mit einer souveränen Leichtigkeit schlug sie unumwunden hart zu.
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