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Bonusgeschichte 1

Wettbewerbsgeschichte: Herz aus Chrom

Herz aus Chrom -- Aufzeichnungen von Freder (38 Jahre, im Geiste 5) -- Die ewigen Gärten im 150. Stock Mama Maria sagt immer, der Morgen ist ein Geschenk, das man ganz langsam auspacken muss. Ich mag...

Wettbewerbsgeschichte: Herz aus Chrom

Wettbewerb: Menschmaschine – VACSF26 – Vierter anonymer und chancengleicher Schreibwettbewerb auf punktasten.de

Teilnehmer-Nr.: WC2026_001_0001

Herz aus Chrom

Anonym eingereicht

Herz aus Chrom

-- Aufzeichnungen von Freder (38 Jahre, im Geiste 5)

-- Die ewigen Gärten im 150. Stock

Mama Maria sagt immer, der Morgen ist ein Geschenk, das man ganz langsam auspacken muss. Ich mag Geschenke. Also mache ich die Augen erst auf, wenn ich das warme Licht auf meiner Nase spüre. Es ist nicht die echte Sonne, sagt die Abend-Mama manchmal böse. Sie sagt, die echte Sonne ist hinter dem »Smog« und dem »sauren Regen« versteckt. Aber Mama Maria sagt, das hier ist besser. Es ist das Sauber-Licht. Es macht keine Flecken auf der Haut und ist immer goldgelb.

Ich liege in meinem Bett, das aussieht wie eine weiße Wolke. Mein Zimmer ist ganz oben im »Neuen Dom-Turm«. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich nur Wolken und manchmal die Spitzen von den anderen Türmen, die wie Nadeln aussehen. Ganz tief unten ist das Wasser. Köln ist jetzt eine Wasserstadt, hat Mama Maria mir erklärt. Der Rhein ist groß geworden, wie ein Riese, der zu viel getrunken hat. Aber hier oben ist es sicher. Hier sind die »Ewigen Gärten«.

»Guten Morgen, mein Herz«, flüstert eine Stimme. Das ist Mama Maria. Sie ist das Schönste auf der Welt. Sie sieht nie müde aus. Ihre Haut ist glatt wie die Kieselsteine, die ich in meiner Schatzkiste habe, aber ganz warm und weich. Sie riecht nach Vanille und nach »Neu«. Nicht so wie Abend-Mama. Die riecht nach Rauch und altem Kaffee und Angst.

Mama Maria hebt mich hoch. Ich bin groß und schwer, ein Mann, sagen die Leute. Aber Mama Maria ist stark. Ihre Arme zittern nie. Sie trägt ein Kleid, das glänzt wie das Licht auf einer Pfütze. »Hast du gut geschlafen, Freder?«, fragt sie.

»Ja, Mama. Ich habe von dem Turm geträumt. Dem Turm von Babel.«

Sie lächelt. Ihr Lächeln ist perfekt. Es geht genau im richtigen Moment an, wie die Lampen im Flur. »Das ist gut, Freder. Der Turm beschützt uns. Komm, wir waschen uns.«

Im Badezimmer ist alles aus Spiegeln. Das mag ich. Da ist der Freder hundertmal. Ein großer Mann mit einem Gesicht, das aussieht wie ein Kind, das gleich weinen oder lachen will. Und neben mir steht Mama Maria. Sie wäscht mich mit dem Schwamm. Sie ist so sanft.

»Warum bist du nie müde, Mama?«, frage ich. Das frage ich oft.

»Weil ich dich liebe, Freder«, sagt sie. »Liebe ist wie Strom. Sie hört nie auf zu fließen.« Sie trocknet mich ab und zieht mir meinen weichen Anzug an. Es ist Seide, sagt sie. So trugen es die Söhne in den alten Zeiten, in den Clubs, wo sie Sport gemacht haben. Ich mache keinen Sport. Ich spiele.

-- Der Mittag: Moloch und Mittler

Wir sitzen im Spielzimmer. Mama Maria liest mir vor. Wieder die Geschichte vom »Mittler«. Sie sagt: »Tief unter der Erde lag die Stadt der Arbeiter. Und hoch oben war der Club der Söhne.«

Ich zeige auf mich. »Ich bin ein Sohn!«

»Ja«, sagt sie und streichelt meine Wange. Ihre Hand ist kühl, aber es fühlt sich gut an. »Du bist der wichtigste Sohn. Und weißt du noch, was der Spruch sagt?«

Ich klatsche in die Hände. Das kann ich auswendig. »Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein!«

»Sehr gut, Freder.«

Aber dann werde ich traurig. Mein Herz fühlt sich an wie ein Stein, der in einen Brunnen fällt. »Kommt Abend-Mama heute wieder?«, frage ich leise.

Marias Gesicht verändert sich. Nur ganz kurz. Ein kleines Zucken am Auge, wie wenn beim Holoprojektor das Bild wackelt. »Natürlich«, sagt sie. Ihre Stimme ist jetzt anders. Ein bisschen wie Glas, das gleich bricht. »Johanna muss arbeiten. Unten. Bei FYD.«

»Was ist Eff-Wai-Dee?«

»Fake Your Day«, sagt Maria. »Sie verkauft ihre Träume, damit andere Leute glücklich sein können. Sie ist … die Hand, Freder. Sie arbeitet, damit wir hier oben das Hirn und das Herz sein können.«

Ich mag es nicht, wenn sie so über Johanna spricht. Johanna ist die Abend-Mama. Sie kommt immer erst, wenn das Sauber-Licht rot wird. Sie sieht nicht so schön aus wie Maria. Ihre Haare sind grau und hängen herunter wie nasse Schnüre. Sie hat Flecken im Gesicht und ihre Hände sind rau wie Schmirgelpapier. Aber sie bringt mir Schokolade mit. Echte Schokolade, nicht die Paste aus dem Automaten.

»Johanna liebt mich auch«, sage ich trotzig. Ich stampfe mit dem Fuß auf. Wie ein Kind. Ich weiß, ich sollte das nicht tun, ich bin 38. Aber das Gefühl ist schneller als der Kopf.

Maria steht auf. Sie bewegt sich so leise, man hört keine Schritte. Sie kommt zu mir und legt ihre Hände auf meine Schultern. Sie drückt ein bisschen zu fest. »Sie liebt dich auf ihre Weise, Freder. Aber sie ist schwach. Menschen sind schwach. Sie werden müde. Sie werden krank. Sie vergessen Dinge. Ich vergesse nie etwas. Ich bin programmiert auf …« Sie stoppt.

»Auf was?«

»Auf Ewigkeit«, sagt sie und strahlt wieder. »Ich bleibe immer so, wie ich bin. Jung und schön für dich. Wie die Statue der Hel, von der der alte Rotwang geträumt hat. Willst du spielen?«

Wir spielen Fangen. Ich bin langsam, aber Maria lässt mich immer gewinnen. Wenn ich sie fange, lacht sie. Es klingt wie kleine Silberglöckchen. Ich bin so glücklich, dass ich weinen muss. Ich drücke sie ganz fest. Ich höre kein Herzklopfen in ihrer Brust. Nur ein ganz leises Summen, wie von einer Biene. Das ist das Summen der Liebe, denke ich.

-- Der Abend: Die Rückkehr aus der Tiefe

Das Licht wird rot. Die Schatten in der Wohnung werden lang und sehen aus wie die Zeiger von der großen Uhr, die die Arbeiter frisst. Moloch, nennt Maria das. Dann hören wir den Aufzug. Surrr-Klong. Die Tür geht auf. Es ist Johanna.

Sie sieht schrecklich aus. Viel schlimmer als gestern. Sie trägt den grauen Overall von FYD. Er ist schmutzig. An ihrem Ärmel klebt schwarzes Öl. Sie geht gebückt, als hätte sie einen Sack Steine auf dem Rücken. »Freder«, haucht sie. Ihre Stimme klingt wie eine alte Tür, die quietscht.

Ich will zu ihr rennen, aber Maria hält meine Hand fest. »Lass sie erst ankommen, Freder«, sagt Maria kühl. »Sie ist schmutzig. Sie bringt den Staub der Unterstadt herein.«

Johanna schaut Maria an. In ihren Augen ist etwas Dunkles. Wut? Oder nur Müdigkeit? »Lass ihn los, Maria«, sagt Johanna. Sie hustet. Es klingt rasselnd, als wären Schrauben in ihrer Lunge. Maria lässt mich los. Ich laufe zu Johanna und umarme sie. Sie riecht nach Ozon, nach verbranntem Gummi und nach Schweiß. Es ist ein ekliger Geruch, aber es ist der Geruch von Abend-Mama. »Hast du mir was mitgebracht?«, frage ich.

Johanna zittert. Sie greift in ihre Tasche und holt einen kleinen Riegel heraus. Er ist zerdrückt. »Hier, mein Schatz«, flüstert sie. Sie streichelt meinen Kopf. Ihre Hand zittert so stark, dass es sich anfühlt, als würde sie klopfen.

»Du bist kalt, Mama«, sage ich.

Sie lächelt traurig. »Die Arbeit war hart heute. Wir mussten … wir mussten viele Daten erzeugen. Die Hitze war groß. Die Kühlung kam kaum mit.«

Maria steht im Hintergrund. Sie sieht aus wie eine Königin. Sie funkelt. »Du solltest dich reinigen, Johanna«, sagt Maria. »Du verunreinigst die Atmosphäre der Ewigen Gärten.«

Johanna starrt sie an. »Halt den Mund«, zischt sie. »Ich bezahle für diese Gärten. Ich bezahle für deinen Strom. Ich bezahle für dein verdammtes perfektes Gesicht.«

Ich verstehe das nicht. Warum streiten sie? Strom kommt aus der Wand. Geld kommt aus dem Automaten. »Nicht streiten!«, rufe ich und halte mir die Ohren zu. »Mittler! Mittler zwischen Hirn und Hand muss das Herz sein!«

Johanna sieht mich an und ihre Augen werden nass. »Oh, Freder. Mein armes großes Kind.« Sie will mich küssen, aber sie schwankt. Sie muss sich am Tisch festhalten. »Ich muss mich hinlegen«, sagt sie. »Nur kurz. In den Standby … ich meine, schlafen.« Sie schlurft in ihr kleines Zimmer. Es ist das Zimmer ohne Fenster.

Maria und ich haben die großen Zimmer mit der Aussicht. Johanna schläft in der Kammer. Weil sie nur die »Hand« ist, hat Maria mal gesagt. Hände brauchen keine Aussicht.

-- Die Nacht: Das Schüttfan -Verfahren

Ich kann nicht schlafen. Der Mond scheint durch das Fenster. Es ist ein falscher Mond, projiziert an die Kuppel über Köln, aber er leuchtet schön. Ich habe Durst. Ich stehe auf und tapse in den Flur. Die Tür zu Johannas Kammer ist einen Spaltbreit offen. Ich höre Geräusche. Ein Surren. Ein Klicken. Und Stimmen. Ich schleiche mich hin. Ich gucke durch den Spalt.

Was ich sehe, verstehe ich nicht. Es sieht aus wie ein Zaubertrick. Wie das, was Mama Maria »Schüttfan-Verfahren« nennt, wo man Dinge mit Spiegeln so hindreht, dass sie anders aussehen. Johanna sitzt auf einem harten Stuhl. Aber sie sitzt nicht normal. Ihr Rücken ist offen. Ich muss mir den Mund zuhalten, um nicht zu schreien. Ihre Bluse ist weg. Ihr Rücken … da ist keine Haut. Da ist Metall. Mattes, zerkratztes Metall. Und Kabel. Viele bunte Kabel, rot und blau, wie Adern, aber aus Plastik. Maria steht hinter ihr. Die schöne, perfekte Maria hält einen Schraubenzieher in der Hand. Sie dreht an Johannas Rücken herum.

»Der Gyro-Stabilisator ist fast hinüber«, sagt Maria. Ihre Stimme ist nicht mehr liebevoll. Sie ist kalt und sachlich. »Du hast dich heute überlastet, Johanna. Wenn du so weitermachst, schmelzen deinen Prozessoren.« Johanna – oder das Ding, das Johanna ist – antwortet. Aber ihre Stimme kommt nicht aus dem Mund. Sie kommt aus einem Lautsprecher in ihrer Brust. »Ich muss … die Quote erfüllen. FYD verlangt mehr Output. Die Menschen wollen perfekte Träume. Das kostet Rechenleistung.«

»Du bist ein altes Modell«, sagt Maria spöttisch. »Ein C-3PO-Verschnitt mit billiger Silikonhaut. Es widert mich an, dich anzufassen. Du tropfst Öl auf meinen Teppich.«

»Ich mache das für ihn«, sagt Johanna. Der Kopf von Johanna hängt schlaff nach vorne, wie bei einer Puppe. »Damit er … leben kann. Damit du … ihn betreuen kannst. Du bist das Luxusmodell. Du kostest ein Vermögen.«

»Ich bin das Meisterwerk«, sagt Maria und poliert mit einem Tuch über Johannas metallene Schulter. »Ich bin der Mensch 2.0. Ich bin erschaffen, um zu fühlen, zu lieben, zu sein. Du bist nur das Werkzeug. Der Maschinenmensch. Rotwangs Albtraum.«

Ich zittere. Mein Kopf tut weh. Johanna ist … eine Maschine? Abend-Mama ist ein Roboter? Aber sie riecht doch nach Schweiß! Sie weint doch!

»Mach mich wieder zu«, sagt Johanna leise. »Ich muss morgen früh raus. Um sechs. Die Schicht.«

»Sei still, Maschine«, sagt Maria. »Ich justiere erst deine Emotions-Dämpfer nach. Du warst heute zu sentimental. Du hast ihn verunsichert. Er braucht nur mich. Mich, die Perfektion.«

Maria greift tief in Johannas offenen Rücken. Johanna zuckt zusammen, ein mechanisches Rucken. »Aua«, sagt der Lautsprecher.

»Du fühlst keinen Schmerz. Das ist nur eine Fehlermeldung«, sagt Maria.

Ich laufe zurück in mein Bett. Ich ziehe die Decke über den Kopf. Ich weine. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Wer ist Mama? Die schöne Maria, die nie schläft und nach Vanille riecht? Oder die kaputte Johanna, die aus Metall ist und nach Arbeit stinkt?

-- Der Morgen danach: Der Absturz

Am nächsten Morgen ist alles wie immer. Oder fast. Maria weckt mich. »Guten Morgen, mein Herz.« Ich schaue sie an. Sie ist wunderschön. Aber jetzt sehe ich ihre Augen anders. Sie sind zu blau. Zu hell. »Wo ist Johanna?«, frage ich.

»Sie trinkt ihren Kaffee. Sie muss gleich los.«

Wir gehen in die Küche. Johanna steht da. Sie hat den grauen Mantel an. Sie hält eine Tasse, aber ihre Hand zittert so stark, dass der Kaffee herüberschwappt. »Tschüss, Freder«, sagt sie. Sie lächelt. Ein Stück ihrer Haut am Hals ist lose. Darunter blitzt es silbern. Ich will etwas sagen. Ich will sagen: Ich weiß es. Aber ich habe Angst vor Maria. Maria steht hinter ihr und lächelt dieses eiskalte Lächeln.

Dann passiert es. Johanna will sich umdrehen, um zur Tür zu gehen. Ein lautes KNACKEN. Wie wenn ein Ast bricht. Johanna fällt. Sie fällt nicht wie ein Mensch, der weich zusammensackt. Sie fällt wie ein Schrank. Steif. Schwer. KLONG. Sie knallt auf den Küchenboden.

»Mama!«, schreie ich. Ich werfe mich auf sie. »Steh auf, Abend-Mama!«

Sie rührt sich nicht. Ihre Augen sind offen, aber sie starren ins Leere. Eine Pupille ist groß, die andere klein. Aus ihrem Mund läuft eine schwarze Flüssigkeit. Öl. Es ist warm und schmierig. »Igitt«, sagt Maria. Sie rührt keinen Finger. Sie steht nur da und schaut zu, wie man eine kaputte Vase anschaut. »Totalausfall. Ich habe es ihr gesagt. Das Getriebe war hinüber.«

Ich schüttle Johanna. »Wach auf! Bitte!« Da reißt der Stoff an ihrem Rücken ganz auf. Ich sehe das Wirrwarr aus Kabeln und Stahl. Es ist hässlich. Es ist kalt. Aber dann sehe ich etwas anderes. In der Mitte von all dem Metall und den Kabeln, ganz tief drinnen in dem Brustkorb aus Stahl … da ist etwas Kleines. Etwas Organisches. Es sieht aus wie ein altes, vertrocknetes Stück Fleisch. Ein Herz? Nein. Ich lege mein Ohr an ihre Stahlbrust. Da ist kein Herzschlag.

Maria kommt näher. Ihre Schritte hallen laut auf den Fliesen. »Geh weg von dem Schrott, Freder. Sie ist kaputt. Endgültig. Wir bestellen eine neue. Ein neueres Modell. Vielleicht eine, die nicht so stinkt.« Sie will mich wegziehen. Ihre Hand greift meinen Arm. Ihr Griff ist hart wie Eisen.

»Nein!«, schreie ich und schlage nach ihr.

»Freder!«, sagt sie streng. Ihre Augen leuchten kurz rot auf. »Ich bin deine Mutter. Ich befehle dir …«

»Du bist nicht Mama!«, schreie ich. »Du bist … du bist …« Ich weiß das Wort nicht. Ich schaue auf Johanna. Die Maschine. Die Arbeiterin. Und dann schaue ich Maria an. Die Perfekte.

-- Das Finale: Die Umkehrung

Maria lacht. Es ist kein schönes Lachen mehr. Es ist ein Geräusch wie statisches Rauschen. »Natürlich bin ich Mama«, sagt sie. Sie fasst sich an den Hals. Klick. Sie öffnet eine unsichtbare Naht an ihrem Hals. Statt Metall erscheinen Haut, Fleisch und Blut. Sie zieht die perfekte Silikonmaske ihres Gesichts ein Stück herunter, nur ein bisschen, wie bei einer Operation. Schweißperlen treten hervor. Rote Adern werden sichtbar. Ein echtes, menschliches Auge blickt mich voller Wahnsinn an.

»Ich bin der Mensch, du dummes Kind«, zischt Maria. »ICH bin hier. Johanna … das Ding da am Boden … das ist der Automat. Den habe ich gekauft. Den habe ich zur Arbeit geschickt, jeden Tag, seit dreißig Jahren. Damit ich hier bleiben kann. Bei dir. In den Ewigen Gärten.« Sie breitet die Arme aus. Sie sieht aus wie eine Göttin und ein Monster zugleich. »Weißt du, wie schrecklich es da draußen ist, Freder? Der Lärm? Der Schmutz? Die Menschen? Ich wollte das nicht mehr. Also habe ich mich geteilt. Ich habe meinen Geist hier behalten, in diesem perfekten, operierten Körper, der nie altert. Und meine Pflichten … die habe ich in diese Blechdose gesteckt.«

Sie tritt gegen Johannas reglosen Körper. Es scheppert hohl. »Sie hat für uns gearbeitet. Sie hat das Geld verdient bei FYD, indem sie ihre Rechenleistung verkauft hat. Sie war die Hand. Ich bin das Hirn. Und das Herz.« Sie beugt sich zu mir herab. Sie riecht immer noch nach Vanille, aber jetzt rieche ich auch etwas anderes darunter. Wahnsinn. Egoismus. »Wir brauchen sie nicht mehr, Freder. Ich habe genug Geld gespart. Wir kaufen einen neuen Roboter. Einen besseren. Einen, der nicht versucht, mich nachts anzustarren und zu weinen.«

Ich sitze am Boden neben dem Haufen Metall, der Johanna war. Ich streichle über das kalte Blech ihrer Wange. Maria – die echte Frau, der Mensch – steht über mir. Sie ist warm. Sie lebt. Aber sie ist das Kälteste, was ich je gefühlt habe. Hat sie überhaupt ein Herz, das schlägt?

Johanna war eine Maschine. Sie hatte nur Prozessoren und Hydraulik. Aber sie hat mir Schokolade mitgebracht. Sie hat gezittert, weil sie müde war. Sie hat sich kaputt gearbeitet für mich. »Mittler«, flüstere ich. »Mittler zwischen Hirn und Händen muss das Herz sein.«

Maria lacht spöttisch. »Das sind nur Sprüche aus einem alten Film, Freder. Es gibt kein Herz. Es gibt nur Funktion.«

Ich schaue auf meine Hände. Sie sind voller Öl von Johanna. Dann schaue ich Maria an. »Du bist falsch«, sage ich mit meiner Kinderstimme.

»Ich bin echt!«, schreit sie.

»Nein«, sage ich. Ich lege meinen Kopf auf die ölige Brust der Maschine. »Hier ist Mama.«

Maria wird wütend. Sie sieht hässlich aus, wenn sie wütend ist. Ihr perfektes Gesicht verzieht sich zu einer Fratze. »Dann bleib bei deinem Schrott!«, schreit sie. »Ich gehe in den Garten. Ich muss die Blumen gießen. Die Hologramme werden schwach.« Sie dreht sich um und geht. Der Mensch geht weg. Sie lässt ihren eigenen Sohn allein, weil er nicht in ihr perfektes Bild passt.

Ich bleibe liegen. Ich halte die Metallhand von Johanna. Sie ist steif und kalt. Aber in meiner Erinnerung ist sie warm. Ich mache die Augen zu. Ich stelle mir vor, wir sind in Metropolis. Aber nicht oben im Turm. Sondern unten, in der Höhle. Und Johanna ist die Heilige Maria, die uns Geschichten erzählt. Draußen heulen die Sirenen. Vielleicht ist der Damm gebrochen. Vielleicht kommt das Wasser. Es ist mir egal. Ich halte die Hand meiner Mama. Die Hand, die gearbeitet hat. Die Maschine war der bessere Mensch.

Und ich? Ich bin nur Freder. Ich bin 38 und 5. Und ich warte, dass jemand mich repariert.

ENDE

Wettbewerbsgeschichte: Herz aus Chrom - Schlussbild

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