Thea von Harbou stellt sich überraschend der Zeitschrift WAMS für ein Interview
Eine neutrale Betrachtung von außen auf das Zusammentreffen.
Wir von der WAMS waren natürlich entzückt, dass so eine bekannte Persönlichkeit wie Thea von Harbou bei uns von sich aus anfraget. In der Redaktion wurde herumdiskutiert. Die jüngeren sagten »Thea wer?«, die älteren: »na die von Metropolis.«
»Metropolis? So heißt ein altes Kino um die Ecke.«
»Ja genau. Und wisst ihr auch warum?«
»Nö.«
»Weil sie das Drehbuch zu dem Film Metropolis geschrieben hat. Den Film, der von Fritz Lang vor fast einhundert Jahren gedreht wurde und der so viele Künstler bis heute inspiriert.«
»Warum, was war da so besonderes?«
»Es ging darin um Oberschicht und Unterschicht. Um Luxusmenschen, die andere gnadenlos ausbeuten. Und um die erste künstliche Menschmaschine, die alle verführte und aufwiegelte, um sie und die ganze Stadt in den Untergang zu treiben.«
»Wie, schon im Jahr 1927? Hört sich ziemlich modern an. Wie hat die Menschmaschine das denn angestellt?«
»Na dann dürft ihr euch mal schlau machen«, war die etwas strenge, aber durchaus aufmunternde Antwort der Redaktionsleiterin des Feuilletons.
Drei Tage später sitzen sich Thea von Harbou und Cornelia Fischer in eine Suite im Hotel Adlon Kempinski, die WAMS für das Gespräch angemietet hat, gegenüber. Die Suite ist luxuriös, schwere Brokatvorhänge, Perserteppiche, Ledersessel, Orchideen auf dem Tisch. Dom Pérignon in einem Sektkühler und geschliffene Kristallgläser dazu neben Austern und Lachshäppchen stehen auf dem Tisch. Frau von Harbou hatte die Redakteurin mit ihrem eleganten, gepflegtem Erscheinen verblüfft. Perfekte Frisur, professionell geschminkt. Nägel in Pink lackiert, passend zu den Fußnägeln, die aus goldfarbenen Ledersandalen blitzen. Sie sieht deutlich jünger aus, als man sie von ihrem Alter her schätzen würde. Wie Anfang achtzig höchstens. Allerhöchstens. Aber wer kennt schon Menschen über Hundert?
WAMS:
Frau von Harbou, wie fühlen uns sehr geehrt, dass Sie von sich auf uns zugekommen sind, uns quasi für ein Exklusivinterview erwählt haben. Wie kommen wir zu der Ehre?
TvH:
Sie waren die ersten, die mir meine AI als potentielle Interviewzeitschrift vorgeschlagen hat. In meinem Alter habe ich keine Lust mehr, lange zu recherchieren. Ich nehme das Erstbeste, auch wenn ich weiß, dass circa dreißig Prozent der AI-Recherche-Ergebnisse fabuliert sind.
WAMS:
Sie wissen das und nutzen sie trotzdem? Wie kann das sein? Wir haben Sie als eine äußerst kritische – vor allem gesellschaftskritische – prominente Persönlichkeit eingeschätzt.
TvH schenkt sich Champagner ein, die Redakteurin verzichtet:
Ach Mädchen (etwas herablassend in der Stimme), ich habe einfach nicht die Zeit, mich lange mit Themen zu beschäftigen. Werden Sie erst einmal fast137 Jahre alt, da sehen Sie die Welt mit ganz anderen Augen. Es wiederholt sich alles.
WAMS:
Sie meinen, dass sich alles Wiederholt? Sagen Sie uns, was Sie genau damit meinen.
TvH:
Wenn Sie so alt werden sollten, wie ich, dann erkennen Sie es auch. Natürlich verändert sich vieles durch neue Technologien. Aber sehen Sie mal auf den neuen Trend bei RIP, ›Rest im Profit‹ statt ›Rest in Peace‹.
WAMS die Redakteurin ist irritiert:
Was meinen Sie damit? Von dem neuen Trend zu RIP habe ich noch gar nichts gehört.
TvH:
Ich meine die ›Grief-Tech‹, dass Verstorbene als AI-Personen weiterleben können. Auf Portalen wie ›You, Only Virtual‹ oder ›HereAfter AI‹. Man muss nur Fotos und die ihnen entsprechenden Dogmen der Verstorbenen hochladen und bekommt einen perfekten Begleiter für alle Lebensfragen an seine Seite. Zumindest, solange das Abo dafür läuft. Ein Riesenmarkt in den USA, der schon über einhundert Milliarden eingebracht hat. Doch es ist eben trotzdem nicht neu. Sowas hat es immer schon gegeben – die Verstorbenen an seiner Seite zu behalten. Schon immer haben Menschen versucht, ihre Verstorbenen für sich weiterleben zu lassen. Mit Totenmasken, mit Hilfe von Videos, Fotos, Tonaufnahmen. In einem expliziten Totenkult. Wie in Mexico mit dem ›Dia de los Muertos‹ an dem einmal im Jahr die Lebenden mit den Toten gemeinsam ein fröhliches Wiedersehen feiern. Der ›Dia de los Muertos‹ ist inzwischen sogar UNESCO Welterbe. Also, immaterielles Welterbe. Das wissen Sie nicht?
WAMS die Redakteurin Cornelia Fischer räuspert sich irritiert, während Frau von Harbou sich Champagner nachschenkt:
Natürlich weiß ich das von dem mexikanischen Totenkult. Sie meinen also, dass die AI nur Sachen weiterentwickelt, die schon immer da waren?
TvH:
Natürlich. Wir wollten über einhundert Jahre nach Metropolis sprechen. Ich bin der Meinung, dass sich die Gesellschaft NULL verändert hat. Was ich anprangerte, hat sich in all der Zeit nur verschärft. Da haben auch die Kriege dazwischen nichts geändert. Ja, es gab eine Zeit, die sechziger Jahre im vorherigen Jahrhundert, da dachten junge Leute sogar, dass es keine Kriege mehr gibt und nie wieder geben wird. Wenn ich in ihrer Situation gewesen wäre, so naiv, ohne alle die Informationen, die mir zukamen, hätte ich das auch gerne geglaubt. Und wenn es nur für einen Tag gewesen wäre, an dem mein Herz schneller schlägt und jubelt.
WAMS:
Sie haben alle politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen seit Ihrer Zeit verfolgt?
TvH herablassend:
Natürlich. Was für eine Frage. Sie sind circa einhundert Jahre jünger als ich. Denken Sie, Menschen wie ich liegen nur noch in Heimen herum und können bestenfalls den Einschaltknopf des Fernsehers bedienen? Da werde ich fast wütend.
Natürlich verfolge ich alles, was sich in unserer Gesellschaft tut. Und ich bin in der Lage, hierzu meine Vergleiche zu ziehen. Diese Verteufelung der AI zum Beispiel. Das sind Urängste der Menschen, seit Anfang an. Immer, wenn eine neue umwälzende Erfindung auf den Markt kam. Schon Gutenberg wurde verteufelt, weil der die Lettern erfand und dass somit Schriften vervielfältigen, nicht mehr nur den gelehrten Priestern vorbehalten war. So ging es weiter. Zeitungen, Telefon, Film, Fernsehen, Internet. Vor all dem hatten die Menschen Angst. Und warum? Weil sie von denen, die bis dato die ›Besitzrechte‹ innehatten, geschürt wurden. Dabei ging es denen, die schürten nur um ihre Pfründe zu bewahren und aus Angst um ihr Einkommen.
WAMS:
Frau von Harbou, Sie überraschen mich, dass Sie trotz Ihres Alters so hochinformiert sind.
TvH:
Was soll diese Aussage ›Trotz Ihres Alters‹? Wissen Sie, dass ich Sie jetzt jederzeit für Ihre Altersdiskriminierung anzeigen könnte?
WAMS die Redakteurin ist unangenehm berührt, deshalb schmeichelnd im Ton:
Aber liebe Frau von Harbou, so war das doch nicht gemeint. Es ist von meiner Seite eine Bewunderung, dass Sie so gut informiert und geistig so fit sind. Kommen wir noch einmal auf den Film Metropolis zurück. Sie schildern eine Zweiklassengesellschaft und dass Menschen einer Menschmaschine verfallen, die aussieht wie die Priesterin Maria, sie aber in den Abgrund führen will. Wo sehen Sie denn die Parallelen zur heutigen Gesellschaft?
TvH schenkt sich ein neues Glas Champagner ein:
Lesen Sie keine Zeitung? Sehen Sie nicht, was um Sie herum passiert? Reiche werden immer reicher, Arme bleiben arm. Weltweit. Selbst in den ärmsten Ländern scheffeln die, die an der Macht sind, Milliarden. Denken Sie an Idi Amin. Aber – Kindchen – den kennen Sie wahrscheinlich gar nicht mehr. Den Moloch, den ich in dem Film ›Metropolis‹ angeprangert habe, der ist heute nicht mehr so offensichtlich. Aber er besteht weiterhin. Mehr als je. Stellen Sie sich doch mal vor: Sie müssen über die Hälfte Ihres Einkommens für eine Wohnung ausgeben. Wenn sie je eine finden. Und dann natürlich ganztags arbeiten dafür. Daheim ein Kind, für das Sie verzweifelt nach einem Kindergartenplatz suchen. Allein, wenn ich das hier sage, dann bekomme ich Gänsehaut. Weil diese Geschichte grausam ist. Und alltäglich. Immer und immer um uns herum.
Sie redet sich in Rage, schenkt nach.
Das Idyll, dass eventuell Ihre Großeltern noch hatten. Mama kocht und backt, können die Leute vergessen. Denn so war es damals nicht. Zumindest nicht in jedem Haushalt. In den ärmeren Familien mussten schon immer beide rackern, um zu überleben, auch wenn Kinder da waren. Das, was ihr heute ›Housewife-Modell‹ nennt, war damals schon nur etwas für die Leute, die es sich leisten konnten.
Natürlich war die Waschmaschine die Befreiung der Frau. Vorher musste sie stundenlang Wäsche mit einem riesigen Rührlöffel in Seifenlauge rühren. Unter dem Waschkessel ein Feuer schüren. Mit Holz, das vorher gehackt wurde.
Dann in der Küche eine Mahlzeit kochen, die mit Holz im Schürofen heiß gemacht wurde.
WAMS:
Es ist überraschend, was Sie uns alles erzählen …
TvH erbost:
Erzählen heißt Fabulieren. Ich erzähle nicht.
Ich bin schließlich keine Märchentante. Ich sage Tatsachen.
WAMS:
Verzeihung, ich habe den Eindruck, dass Sie erbost sind. Lassen Sie uns das beseitigen.
TvH:
Es ist für mich schwierig, mit Dummheit konfrontiert zu werden.
WAMS Die Redakteurin ist sichtlich irritiert und fängt an, völlig unprofessionell spontan an ihren Nägeln zu kauen. Was TvH wahrscheinlich dazu provoziert, genüsslich ihre gepflegten Hände mit den pinkfarbenen Fingernägeln eingehend zu betrachte, bevor sie sich nachgießt:
Frau von Harbou, lassen Sie uns darauf zurückkommen, dass Sie erzählten – Entschuldigung – berichteten, dass AI, beziehungsweise KI, wie wir sie hier nennen, verteufelt wird. Ihrer Meinung nach zu Unrecht. Können Sie uns bitte mehr dazu sagen?
TvH:
Verteufelt ist vielleicht nicht das richtige Wort. Sie bricht ein in unsere Gesellschaft und löst Angst aus. Im medizinischen Berich ist sie ein Segen. Denkt man. Trotzdem findet man per AI kleinste Tumore, die lange keine Probleme machen. Dann fängt der Ärztemarathon an. Der macht dann verdammt viele Probleme und Sorgen. Die Software Delphi-2M, die derzeit hier führend für die Erkennung von Krankheiten ist, brauchte die anonymisierten Daten von über 400.000 Menschen, um erste Errechnungen erstellen zu können. Können Sie sich vorstellen, wie viel Energie solche AI-Rechner schlucken? Und diese Daten werden auch von Versicherungen genutzt. Sie erstellen ein Risikoprofil ihrer Kunden, anhand dem sie die Prämien berechnen. Aber jede Medaille hat zwei Seiten.
WAMS:
Frau von Harbou, finden Sie, dass die Ausbeutung der Unterschicht durch die Oberschicht noch genauso stark ist, wie zu der Zeit, als Sie ›Metropolis‹ geschrieben hatten?
TvH:
Natürlich. Es ist vielleicht nicht mehr so offensichtlich. Nehmen wir das Beispiel ›Fast Fashion‹. Es gibt Billigketten, die in den armen Ländern wie Bangladesch produzieren. Die teuren Luxusmarken ebenso. Für die Färber und Näherinnen macht es keinen Unterschied, für wen sie arbeiten. Sie bekommen keinen Cent mehr. Alles, was hinterher das Luxusgut so teuer macht, sind die Marketingstufen, die so ein Cashmere-Pulli hochklettert. Und natürlich die Mieten in den Luxuslagen, Managergehälter. Dieses Wissen haben leider nicht alle Leute. Und warum? Weil es sie nicht interessiert. Wegschauen ist fast genauso verwerflich wie das Verursachen.
Bergbau gibt es kaum mehr. Der Stolz des Ruhrgebiets. Die Kumpel, die dort gearbeitet haben, sind durch den Staub elendig verreckt, kaum dass sie das Rentenalter erreicht hatten. Das sind nur kleine Beispiele aus unserem direkten Umfeld.
WAMS Thea von Harbou schenkt sich den letzten, noch in der Flasche verbliebenen Champagner ein – von den anderen Leckereien, den Austern und Lachshäppchen hat sich noch nichts gekostet. Die Redakteurin nimmt zögerlich ein Lachsschnittchen, kaut, schluckt, fragt nach, ob sie eine zweite Flasche Champagner bestellen soll. Thea von Harbou zuckt mit den Schultern, was Cornelia Fischer als Zustimmung interpretiert und veranlasst, beim Zimmerservice nachzubestellen:
Meinen Sie, dass die Mensch-Maschine in der heutzutage zusammenwächst? Sie sind ja sehr am Puls der Zeit und beobachten alle Trends, wie ich erkennen kann.
TvH geniesst ein weiteres Glas Champagner aus der Flasche, die soeben formvollendet serviert wurde:
Natürlich verfolge ich alle Trends. Sie nicht?
WAMS:
Natürlich, das ist ja mein Beruf.
TvH:
Für mich hat das nichts mit ›Beruf‹ zu tun. Es war und ist meine Berufung. Das Ohr am Puls der Zeit – Dinge anzuprangern. Dafür bin ich auf die Welt gekommen. Wissen Sie übrigens, dass eine Umfrage unter 120.000 Affen ergeben hat, dass sie sich weigern, daran zu glauben, dass die Menschen von ihnen abstammen.
WAMS die Redakteurin hatte sich auch ein Glas Champagner eingeschenkt und verschluckt sich jetzt, als sie den Letzten Satz von Thea von Harbou hört:
Eine Umfrage unter Affen? Das ist unmöglich.
TvH schmunzelnd:
Na gut, die Umfrage ist im ›Postillon‹ erschienen. Schon 2019. Trotzdem werden wir über kurz oder lang solche Umfragen lesen. Die AI ist dabei, die Sprache der Tiere zu entschlüsseln. Bei den Orcas sind sie schon sehr weit. Sind die erstmal geknackt, dann gibt es kein Halten mehr. Ich glaube, das wird eine größere Revolution als die industrielle. Zu hören, wie eine andere Spezies auf uns kleine Wichte ›Menschen‹ schaut.
WAMS:
Ich würde schon gerne wissen, was meine Katze über mich denkt.
TvH schenkt sich und der Redakteurin nach:
Mädchen, wünschen Sie sich das lieber nicht.
WAMS:
Ach, ich glaube meine Katze würde nur Nettes über mich sagen. Ich liebe und pflege sie, sie schläft in meinem Bett.
TvH erhebt ihr Glas, um Cornelia Fischer zuzuprosten:
Genau deshalb!
WAMS verlegen räuspernd:
Haben Sie denn eine tröstliche Sicht auf die Menschheit?
TvH:
Ja. Am Ende, nach dieser Entwicklung, die auf uns zurollt, wird es wieder zu einem persönlicheren, liebevolleren und direkteren Kontakt zwischen den Menschen kommen. Weil sie erkennen, dass nur im persönlichen Gespräch Vertrauen sein kann. Und das ist ja auch nicht garantiert. Man muss auf die Augenbewegungen dabei schauen.
WAMS:
Frau von Harbou, das ist eine sehr tröstliche Aussicht. Jetzt muss ich Sie doch noch etwas Persönliches fragen. Sie waren im Nationalsozialismus nicht unumstritten. Heute würde man sagen, dass Sie mindestens eine Mitläuferin waren. Nach unserer Recherche starben Sie am 26. Juni 1954.
TvH:
Ach, Kindchen, Sie sollen nicht alles Glauben, was in den Medien steht.
WAMS leichte Empörung in der Stimme:
Sie sind jetzt 137 Jahre alt. Wie haben Sie das geschafft?
TvH:
Menschmaschine halt. Das ist das ganze Geheimnis.
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