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Bonusgeschichte 2

Wettbewerbsgeschichte: Mehr als die Hälfte

Mehr als die Hälfte Kia beobachtete den Selektionsprozess für die Arbeit in der neuen Fabrik für Manganverarbeitung von ihrem Bildschirm aus. Ihre Kollegin Lisette hatte ihren Stuhl so gedreht, das...

Wettbewerbsgeschichte: Mehr als die Hälfte

Wettbewerb: Menschmaschine – VACSF26 – Vierter anonymer und chancengleicher Schreibwettbewerb auf punktasten.de

Teilnehmer-Nr.: WC2026_001_0004

Mehr als die Hälfte

Anonym eingereicht

Mehr als die Hälfte

Kia beobachtete den Selektionsprozess für die Arbeit in der neuen Fabrik für Manganverarbeitung von ihrem Bildschirm aus. Ihre Kollegin Lisette hatte ihren Stuhl so gedreht, dass sie den Schirm nicht sah.

»Auf jeden Fall brauche ich diesen Smartbag von Alphableep«, sagte Lisette. »Du hast doch die Werbung gesehen.«

»Hmmm«, machte Kia. Sie erinnerte sich nicht mehr an die Werbung, wollte das aber nicht zugeben, denn Lisette hatte kein Verständnis für Menschen, die Modetrends nicht ernst nahmen. Während Lisette weiter die Vorteile der neuen Tasche anpries, glich Kia die Auswahl auf dem Bildschirm mit den Regularien ab. Die KIs schienen einwandfrei zu laufen. Keiner der ausgewählten Arbeitssynthen wich von den Vorgaben ab.

»Ist es nicht merkwürdig?«, fragte Kia, den Blick auf den Bildschirm gerichtet.

»Was denn?« Lisette drehte ihren Stuhl zu ihrer Kollegin um. »Meinst du den Preis? Ja. Der neue Smartbag ist teuer, aber er ist jeden Penny wert.«

»Ich meine die Synthen«, sagte Kia.

»Was redest du da?« Lisette verzog das Gesicht.

»Ich rede von unserer Arbeit«, schimpfte Kia. »Die ich hier ganz allein mache, weil du nur von Handtaschen redest.«

»Tut mir leid«, sagte Lisette und rollte mit ihrem Stuhl näher an den Bildschirm heran. »Was ist merkwürdig?«

»Dass diese Synthen so einen Aufstand machen, wenn sie für die Arbeit in der neuen Fabrik eingeteilt werden. Schau dir den da an.« Kia zeigte auf einen Synthen, der aussah wie eine Frau um die 40. Der Synth hatte braune, lange Haare, dunkle Augen und trug einen Arbeitsoverall.

»Der weint jetzt schon seit zehn Minuten, nur weil der Synth hier …« Sie zeigte auf einen anderen Synth, der aussah wie ein achtzehnjähriger Junge, stark, groß gewachsen und mit ebenso braunen Haaren. »… weil der da in ein anderes Team eingeteilt wurde.«

»Das ist doch nichts Neues«, meinte Lisette.

»Nein«, sagte Kia. Da hatte Lisette recht. »Aber heute ist es schon der zehnte oder elfte Synth, der sich so verhält. Das ist doch nicht normal, dass überemotionale Programmierungen so gehäuft auftreten.«

»Zehn oder elf von wie vielen?«

»Allein in dieser Charge«, antwortete Kia. Eine Charge bestand immer aus 100 Arbeitssynthen. »Die müssen alle neu programmiert werden. Das ist nicht gut für unsere Statistik.«

»Ich habe da was gelesen«, flüsterte Lisette. »Vielleicht sind es bewusste Synthen.«

Kia rollte mit den Augen. Nicht schon wieder. Ihre Arbeitskollegin grub in den Tiefen des Internets immer wieder diese haarsträubenden Geschichten aus, die von Verschwörungen und Skandalen handelten. Synthen, die echte Gefühle entwickelten und ein Bewusstsein. Lisette war fast so leichtgläubig wie Kias Ma.

»Lass den Unsinn. Die Synthen sind so programmiert, dass sie so menschlich wie möglich wirken.«

»Ich weiß«, sagte Lisette. »Aber bei zehn oder elf Prozent kommt man schon mal ins Zweifeln.«

Kia lachte. »Du glaubst wohl auch an den Weihnachtsmann.«

Lisette schnaubte. Jetzt war sie beleidigt.

»Ich ziehe dich doch nur auf«, sagte Kia.

Sie hatten diese Diskussion schon dutzende Male geführt. Natürlich wusste Lisette, dass die Synthen keine Menschen waren. Es waren Maschinen, die programmiert waren. Perfekte Arbeitskräfte. Synthen wurden gebaut, nicht geboren. Ihre Emotionen waren nicht echt.

Dann verwies Lisette immer darauf, dass es auch Synthen gab, die als Menschen geboren wurden und die durch zu viele kybernetische und synthetische Implantate oder künstliche Körperteile zu Synthen wurden. Manche nach einem schweren Unfall. Manche auch mit voller Absicht. Vor dem Gesetz war man ab 51 % Implantaten und Synthetikkomponenten kein Mensch mehr. Und man verlor dann nicht nur den Menschenstatus, sondern nachweislich auch alle Empfindungen und das Bewusstsein. Das wusste jeder.

Aber Lisette stellte ihre kindlichen Fragen. Was passierte, wenn ein Mensch zum Beispiel durch das Ersetzen einer Hand die 51 % überschritt? Verlor er dann augenblicklich sein Bewusstsein und seine Fähigkeit, zu fühlen? Wie lief das ab? Wie war das möglich?

Kia kannte die Antworten auf diese Fragen nicht und sie traute sich nicht zuzugeben, dass sie Vieles daran nicht verstand. Deshalb wechselte sie das Thema. »Was machst du heute Abend?«

Der Rest des Arbeitstages verlief ohne ungewöhnliche Vorkommnisse. Die nächsten vier Chargen reagierten wieder in den normalen Parametern. Der Selektionsprozess war trotz der zwischenzeitlichen Verzögerungen pünktlich abgeschlossen, sodass Kia und Lisette eine halbe Stunde früher Feierabend machen konnten.

»Kommst du mit zur Mall?« Lisette lächelte anzüglich. »Theo ist bestimmt auch dort.«

»Ich kann nicht«, sagte Kia, obwohl sie Theo gerne gesehen hätte.

»Langweilerin!« Lisette zog sich den Lippenstift nach.

»Meine Ma hat Geburtstag. Wir essen heute Abend zusammen.« Kia ärgerte sich darüber, dass sie ständig das Gefühl hatte, sich vor Lisette dafür rechtfertigen zu müssen. Es stimmte. Kias Ma hatte Geburtstag. Es war keine Ausrede.

Zwar hätte sie auch unter anderen Umständen nicht mit Lisette in die Mall gehen wollen. Meistens wusste sie nicht, warum Lisette sie überhaupt fragte, ob sie mitkam. Sie hatten im Grunde nichts gemeinsam.

»Bis morgen.« Kia ging zu ihrem Wagen.

Lisette antwortete nicht. Sie sprach bereits gut gelaunt in ihr Telefon.

In dem Moment, in dem Kia die Tür ihres Targo 200 zufahren ließ, waren Lisette, ihre Handtaschenprobleme und ihre Verschwörungstheorien bereits aus ihren Gedanken verschwunden. Sie gab das Ziel ein, legte ihren Sicherheitsgurt an und lehnte sich im Fond des Wagens zurück. Sie dachte an ihre Ma. »Fahr vorsichtig«, hatte sie am Telefon gesagt. Kia lächelte.

Das Auto fuhr immer vorsichtig. Man setzte sich hinein, startete einen Film oder ein Videospiel, und die Technik tat den Rest. Aber Kias Ma war in einer Zeit aufgewachsen, als die Menschen noch selbst ihre Autos fuhren. Kia hatte davon gehört, dass es in Südasien noch zwei oder drei Staaten gab, wo das Steuern von Kraftfahrzeugen noch erlaubt, ja sogar gängige Praxis war. Nicht auszudenken, wie viele Unfälle es dort geben musste.

Kia dachte an Theo. Sie mochte den stillen jungen Mann aus der Informatikabteilung. Ob er wirklich in der Mall war? Woher wollte Lisette das überhaupt wissen?

Sie warf einen Blick aus dem Fenster. Der Wagen rollte fast geräuschlos über die unsichtbaren Tracks. Häuser, Geschäfte und andere Wagen flogen vorbei. Kurz darauf verlangsamte der Targo 200 sein Tempo und bog in die Einfahrt vor dem Haus von Kias Eltern ein.

Das Licht ging an und Kias Ma erschien in der Eingangstür.

»Kiki!«

Kia hasste es, wenn ihre Ma sie so nannte, aber das hatte sie ihr noch nie gesagt.

»Ma!« Sie umarmten sich. »Alles Gute zum Geburtstag.«

»Danke. Komm rein.«

Sie saßen den ganzen Abend beisammen. Kia, ihr Bruder Tim, Ma, Pa und Oma Lorina ließen sich Pasta und anschließend einen Schokoladenkuchen schmecken. Kia mochte diese Familienfeiern, die seit vielen Jahrzehnten zu jedem Geburtstag stattfanden. Seit Opa Raphael gestorben war, gab es also noch fünf dieser Gelegenheiten im Jahr. Und Weihnachten. Immerhin.

»Arbeitest du weiterhin mit Lisette zusammen?« Pa hatte Kias Kollegin einmal getroffen und seither fragte er jedes Mal nach ihr.

Kia nickte. »Sie hat sich unheimlich schnell eingewöhnt und kann mittlerweile alle Aufgaben übernehmen.«

»Du bist halt eine gute Lehrerin«, lobte Ma.

Kia winkte ab. »Es ist ja nicht so, dass die Aufgaben besonders schwer wären.«

»Es ist ein guter Job«, beharrte Ma. Dabei wusste Kia, dass ihre Ma grundsätzlich dagegen war, Synthen als Arbeitskräfte einzusetzen.

»Lisette hat heute wieder von ihren Verschwörungstheorien erzählt«, berichtete Kia. Sie konnte nicht genau sagen, warum, aber sie wollte einfach nicht, dass ihr Pa ihre Kollegin wichtiger nahm, als sie es war.

»So?« Pa schenkte noch Wein nach. »Was hat sie denn gesagt?«

Kia erzählte von Lisettes Neigung, alle möglichen Mythen für bare Münze zu nehmen. »Wir hatten eine Charge mit 11 % Ausschuss. Synthen, die überproportional Gefühle gezeigt haben und die neu programmiert werden mussten.«

»Ich hole uns noch etwas Wein«, sagte Ma. Ihr war das Thema offenbar unangenehm. Warum auch immer.

»Und dann?«, hakte Pa nach.

»Dann hat Lisette gesagt, dass sie etwas über bewusste Synthen gelesen hat und glaubt, dass es diese tatsächlich gibt.« Kia schüttelte den Kopf.

»Natürlich gibt es bewusste Synthen«, sagte Oma Lorina.

»Nein, Oma«, sagte Kia. »Das hast du falsch verstanden. Lisette glaubt das.«

Aber Oma Lorina ließ nicht locker. »Ich habe diese Berichte auch gesehen. Es kommt ganz darauf an, welche Teile man ersetzt, aber solange das Gehirn noch intakt ist, denken und fühlen die Synthen.«

»Können wir bitte über etwas anderes sprechen«, schlug Pa vor.

»Ich bin letztes Jahr einem Synthen im Supermarkt begegnet, der hat sich das Knie gestoßen und dann leise geflucht. Wie ein Mensch«, sagte Oma Lorina.

»Die Synthen sind so programmiert«, erklärte Kia. »Es ist zwar Blödsinn, einen Supermarkt-Synthen mit solchen Routinen zu programmieren, aber dafür musst du die Programmierer verantwortlich machen.« Kia kicherte und strich Oma Lorina über den Rücken.

»Ich habe diesen Bericht aber auch gesehen«, sagte Tim, der die ganze Zeit geschwiegen hatte.

»Welchen Bericht?«

»Es war wie eine Doku im Sciencekanal, vielleicht auch im Unterhaltungskanal. Da haben sie Synthen interviewt, die ausgestiegen sind.«

»Was meinst du mit ausgestiegen?« Kia runzelte die Stirn.

»Die sind abgehauen aus der Stadt und haben in einer der Naturschutzzonen eine eigene Kolonie aufgebaut. Irgendwo tief im Dschungel, wo man sie nicht so schnell findet.«

»Wo liegt der Sinn darin, Maschinen im Dschungel leben zu lassen? Und wer repariert sie dann, wenn sie kaputtgehen?« Kia wippte nervös mit einem Fuß.

»Das weiß ich nicht mehr. In der Doku ging es auch mehr darum, dass die Synthen, die als Menschen geboren wurden, selbstbestimmt leben wollen.«

»Selbstbestimmt leben!« Kia schnaubte. »Du klingst ja gerade so, als ob es um Menschenrechte ginge. Du glaubst das doch nicht etwa?«

»Also ich glaube es«, sagte Oma Lorina.

»Aber das Gesetz ist eindeutig und ...« Kia hielt inne, denn in dem Moment kam Ma mit einer neuen Flasche Wein zurück ins Esszimmer.

»Bitte, lasst uns über etwas anderes reden«, bat Pa noch einmal. »Es ist Mas Geburtstag. Worüber würdest du gerne reden, meine Liebe?«

Kia hing ihren Gedanken nach, während das Gespräch auf Tims neuen Tennisclub und dann auf Oma Lorinas Blutwerte umschwenkte.

Es war ein schöner Abend und erst gegen Mitternacht stieg Kia in ihren Targo 200, der sie sicher nach Hause bringen sollte. Gähnend wählte sie das Ziel der Fahrt und lehnte sich zurück. Ihr fielen die Augen zu. Ein Quietschen riss sie unsanft aus dem Schlaf. Ihr Kopf schlug an der Wand des Wagens an. Hektisch betätigte sie den Knopf, der es ihr erlaubte, aus dem Wagenfenster zu sehen. Was war passiert? War sie schon zuhause?

Die Scheibe veränderte ihre Transparenz und sie erkannte, dass sie sich noch auf der Schnellstrecke zwischen dem Wohnort ihrer Eltern und ihrer Wohnung befand. Der Wagen stand schräg auf der Fahrbahn und summte so, als habe er den Kontakt zu den Tracks verloren. Sie hielt sich den Kopf und spürte bereits, dass sich eine Beule bildete. Das tat ganz schön weh. Das Wichtigste war es jetzt aber, den Notfallknopf zu betätigen. Das wusste sie. Man durfte sich nicht darauf verlassen, dass ein Wagen, der von der Spur abkam, selbstständig den Rettungsdienst alarmierte.

Warum musste das auch gerade ihr passieren? Der Targo 200 war einer der zuverlässigsten Wagen auf dem Markt.

Sie hievte sich hoch und suchte nach dem Sicherheitsknopf. Der musste im Cockpitbereich liegen und sollte doch rot sein. Sie fand den Knopf und drückte ihn. Im nächsten Moment schaute sie auf und zuckte zusammen. Ein anderer Wagen schoss auf sie zu. Bevor sie auch nur eine Bewegung machen konnte, kam es zur Kollision und sie wurde heftig gegen die Rückwand ihres Wagens geschleudert.

Als Kia wieder zu sich kam, lag sie auf einer Trage und wurde in einen Wagen vom Rettungsdienst geschoben. Ein Sanitäter hatte ihr am rechten Arm eine Infusion angelegt und leuchtete ihr mit einer Lampe ins Auge. Sie kniff die Augen zusammen.

»Oh, gut. Sie sind bei Bewusstsein«, sagte der Mann mit sanfter Stimme. »Wie heißen Sie?«

Sie sagte ihm ihren Namen.

»Tut das weh?« Er drückte eine Stelle an ihrer Hüfte.

»Nicht besonders«, murmelte Kia.

»Tut das weh?« Er drehte ihren Fuß leicht zur Seite.

Statt einer Antwort stieß Kia einen Schmerzensschrei aus.

»Okay. Der Knöchel muss behandelt werden.« Der Mann schloss die Tür zum Rettungswagen.

»Haben Sie Implantate?«

Kia nickte.

»Synthetikkörperteile?«

»Nur der linke Unterarm.« Kia hob den Arm ein paar Zentimeter an. »Ein Unfall als Kind«, erklärte sie.

»Hmmm«, machte der Sanitäter und drückte noch einmal auf die Stelle an ihrer Hüfte.

Kia schloss die Augen und hoffte, dass es nicht nötig war, den Knöchel noch einmal zu berühren, bevor sie im Krankenhaus ankamen.

Als sie das nächste Mal erwachte, befand sie sich in einem Behandlungszimmer, wahrscheinlich in der Notaufnahme. Die Tür zu dem Raum stand offen und im Flur herrschte hektisches Treiben.

»Hallo?« Kia versuchte, auf sich aufmerksam zu machen. Man hatte ihr offenbar etwas gegen die Schmerzen gegeben und eine Flüssigkeit lief weiterhin durch einen Tropf an ihrem Handgelenk in ihre Adern. Niemand reagierte. Sie sah einen Pfleger schnell auf dem Flur vorbeilaufen.

Ob man ihrer Ma und ihrem Pa Bescheid gegeben hatte, dass sie hier war? Sie erinnerte sich nicht mehr, ob sie damals bei der Programmierung ihres Wagens einen Kontakt angegeben hatte. Wie gerne hätte sie jetzt die Hand ihrer Ma gehalten. »Hallo?«

»Raus hier«, rief jemand und berührte sie unsanft an der Schulter.

Sie musste wieder eingenickt sein. »Wie bitte?« Alarmiert richtete sich Kia auf.

»Danny? Das hier muss raus. Wir brauchen das Bett.« Jemand riss den Tropf aus ihrer Hand, was höllisch weh tat.

»Aua«, brüllte Kia. »Was soll das?«

»Wir behandeln hier keine Synthen. Das sollte ja wohl klar sein.«

»Synthen?« Kia runzelte die Stirn.

»Raus!«

Der mit Danny angesprochene packte Kia, zerrte sie in den Flur und schubste sie durch eine weit geöffnete Tür. Sie stürzte und schrie vor Schmerzen. Orientierungslos schlitterte sie eine Schräge hinab, um schließlich unsanft auf einem Betonboden zwischen kaputten Maschinen und Wäschebergen zu landen.

Sie war offenbar in der krankenhauseigenen Werkstatt gelandet. Nicht zu fassen. Man hielt sie für einen Synthen. So ein Unsinn. Sie würde sich beschweren und zwar auf ganz hoher Ebene. Dieser Pfleger und dieser Danny würden ihre Stellen verlieren. Unverschämtheit!

Unter all dem Müll fand sie eine Krücke und machte sich wutschnaubend auf die Suche nach dem Ausgang. Kurz darauf stand sie auf dem Parkplatz vor dem Krankenhaus, mitten in der Nacht. Fassungslos. Ihr Knöchel tat höllisch weh und sie hatte rasende Kopfschmerzen. Vielleicht ein Schleudertrauma oder eine Gehirnerschütterung. Und die Ärzte verweigerten ihr eine Behandlung? Unglaublich.

Sie nahm sich ein Taxi und ließ sich zu ihren Eltern fahren.

Die Fahrt zog sich hin. Die Schmerzen und die bohrenden Gedanken machten es unmöglich, sich zu entspannen. Kia beobachtete, wie das Taxi von der Schnellstrecke abbog. Jetzt waren es nur noch wenige Minuten bis zum Haus ihrer Eltern. Da hielt das Fahrzeug abrupt an. Der Antrieb schaltete sich ab und die Tür öffnete sich.

»Aussteigen«, sagte die mechanische Stimme des Taxis.

»Wir sind noch nicht da«, antwortete Kia genervt.

»Beförderungsberechtigung fehlt«, sagte die Stimme. »Aussteigen.«

Kia versuchte es mit verschiedenen Befehlen und Knöpfen. Das Taxi war nicht dazu zu bewegen, die Fahrt zu Ende zu führen.

„Beförderungsverweigerung. Identitätsbetrug.“

Das blöde Ding war nun also auch plötzlich davon überzeugt, dass Kia kein Mensch, sondern ein Synth war? Sie fluchte und stieg aus. Mit der Krücke brauchte sie fast eine Stunde um endlich ihr Elternhaus zu erreichen. Es war nun vier Uhr in der Frühe. In drei Stunden musste sie sich schon wieder auf den Weg zur Arbeit machen. Ob sie überhaupt Zeit fand, sich auszuruhen? Aber Schlaf war jetzt nebensächlich. Sie brauchte medizinische Behandlung und die tröstenden Worte ihrer Ma.

Als sie endlich auf das Haus zu humpelte, ging nicht wie üblich das Licht an, welches Besucher zum Eingang leitete, sondern es erklang ein Alarmgeräusch begleitet von rötlichen Blinklichtern. Hatte sich denn heute die Technik gegen sie verschworen? Jetzt erkannte sie noch nicht einmal das Haus ihrer Eltern! Dabei war sie vor wenigen Stunden noch hier gewesen.

»Ma?« Kia klopfte an die Haustür. »Ich bin es.«

Es rumorte im Haus und Kia hörte, wie jemand die Alarmanlage ausschaltete.

»Kia«, flüsterte ihre Ma, als die Haustür endlich aufschwang. »Um Himmels Willen! Schnell!« Sie bat ihre Tochter einzutreten und löschte dann überall das Licht. »Setz dich hin. Ich mache dir einen Tee.«

»Ma, jetzt warte doch mal!« Kia humpelte hinter ihrer Mutter her in die Küche. »Ich hatte einen Unfall«, sagte Kia.

»Und du warst im Krankenhaus?«, fragte Ma. »Ich hatte gehofft, dass das nie passieren würde«,

Ma weckte den Getränkeautomaten aus dem Energiesparmodus.

»Du weißt doch überhaupt nicht, was passiert ist«, sagte Kia schärfer als beabsichtigt.

»Sie haben es herausgefunden«, sagte Ma mit einem Seufzer.

»Was herausgefunden?« Kia hievte sich auf einen der Stühle in der Küche.

»69%«, sagte ihre Mutter mit ruhiger Stimme.

»Sie wollten mich nicht behandeln! Sie haben gesagt, ich solle in eine Werkstatt gehen.«

»Das hätte nicht passieren dürfen.«

Die Maschine gab einen leisen Summton von sich und Ma betätigte die Taste für Tee.

»Stimmt. Das hätte nicht passieren dürfen. Wir müssen das Missverständnis aufklären!«

»Es wäre uns lieber gewesen, wenn es nie herausgekommen wäre«, sagte Ma.

Kia rieb sich die Stirn. Die Kopfschmerzen hinderten sie daran, einen klaren Gedanken zu fassen. Was redete ihre Mutter für einen Unsinn?

»Mein Liebling, es tut uns so furchtbar leid. Aber wir wollten dich nicht verlieren.« Erst jetzt bemerkte Kia, dass ihr Pa in der Tür stand.

»Was tut euch leid?« Kia blickte von einem Elternteil zum anderen.

»Du erinnerst dich daran, dass wir einen Verkehrsunfall hatten, als du fünf Jahre alt warst?«

Kia nickte. Pa setzte sich zu seiner Tochter und begann zu erzählen, wie sie damals im Krankenhaus vor die Wahl gestellt worden waren. »Die 49% Lösung hätte dein Leben gerettet, aber dir hätten eine Niere, eine Lunge, ein Bein und das halbe Gesicht gefehlt.«

»Aber …« Kia kniff die Augen zusammen und nippte an ihrem Tee. Sie konnte es nicht glauben.

»Außerdem wärst du dein ganzes Leben in der Angst herumgelaufen, dass bei jedem noch so kleinen Eingriff die 51 % erreicht und du zum Synthen geworden wärst.«

»Und stattdessen habt ihr mich gleich vollständig zum Synthen gemacht?«

»Nicht vollständig«, antwortete Pa. »Nur zu 69%. Dein Gehirn war intakt. Eine Privatklinik hat für viel Geld die Eingriffe durchgeführt und die Formulare gefälscht. Damals war das noch viel einfacher möglich, als es heute wäre.«

»Moment!« Kia hob die Hand wie zur Abwehr. »Das kann nicht sein.«

»Es tut uns leid«, wiederholte Pa.

»Das kann nicht sein. Ich fühle mich nicht wie eine Maschine. Ich fühle, ich denke, ich habe ein Bewusstsein. Ich bin ein Mensch.« Kia betrachtete ihre Hände.

»Jetzt verstehst du auch, warum es so viele Synthen gibt, die Gefühle und ein Bewusstsein haben.«

»Das kann nicht sein.« Eine Träne kullerte über Kias Wange. »Ich bin kein Mensch?«

»Selbstverständlich bist du ein Mensch!« Ma umarmte Kia. »Du bist ein Mensch mit ein paar synthetischen Körperteilen.«

»Ein paar?« Kia stieß die tröstenden Arme ihrer Mutter von sich. „Das kann nicht sein“!

Sie griff sich ein Messer von der Arbeitsplatte und hielt es sich an die Wange. „Welche Seite?“

„Kia, nein“, schluchzte ihre Ma.

„Welche Seite?“ Kia brüllte. Deutlich spürte sie die Klinge an ihrer Wange.

„Die andere“, sagte ihre Mutter kaum vernehmlich.

Kia rammte sich das Messer in die Wange. Nicht tief. Es war nur ein Messer zum Schälen von Obst. Aber als sie sich zur dunklen Fensterscheibe wandte, war schnell klar, dass ihre Mutter nicht gelogen hatte. Statt Blut kamen synthetische Schmierlösung und Kabel zum Vorschein.

„Ich bin ein verfluchter Synth?“ Sie griff nach ihrer Kaffeetasse und feuerte sie mitsamt Inhalt auf den Boden.

Nachdem sie sich wieder ein wenig beruhigt hatte, erfuhr Kia, dass ihre Eltern bereits Pläne für diesen Notfall gemacht hatten. »Wir müssen jetzt schnell handeln, bevor man nach dir sucht.«

Kia hatte von solchen Fällen gehört. Synthen verhielten sich wie Menschen, verließen die ihnen zugeteilten Arbeitsstätten, gaben sich als Menschen aus, wurden gewalttätig. Genau das war Kias Job. Sie musste sich darum kümmern, dass Synthen, die solches Fehlverhalten aufwiesen, umprogrammiert wurden. Was das genau bedeutete, wusste sie nicht. Sie war immer davon ausgegangen, dass es sich einfach um defekte Maschinen handelte, die in einer Fabrik repariert wurden. Aber was, wenn nun jemand versuchen würde, sie zu reparieren? Wenn man ihr Gehirn entfernte und durch eine Maschine ersetzte, bedeutete das ihren Tod.

Ma verabschiedete sich tränenreich von ihrer Tochter. »Ihr müsst jetzt los. Es dämmert bereits«, sagte sie und drückte Kias Hand fest.

Pa hielt eine gepackte Tasche in der Hand und half Kia zum Wagen. Sie fuhren aus der Stadt heraus, schossen auf der Schnellstrecke für zwei Stunden in Richtung Norden. Bald waren nur noch Wälder zu sehen. Kia hatte nicht gewusst, wie viel Wald es hier draußen gab.

»Sind das die Naturschutzzonen?«

Pa nickte.

»Hier leben all diese Tiere und Pflanzen, die man im Fernsehen sieht?«

Irgendwann klinkte Pa den Wagen aus dem Track der Schnellstrecke aus und lenkte das Fahrzeug an einer Stelle, die mit einer orangefarbenen Linie gekennzeichnet war, in den Wald hinein.

Kia vergaß beinahe ihre Schmerzen, so sehr war sie von dem Anblick des Waldes eingenommen. »Woher weißt du, wohin wir fahren?«

»Ich erinnere mich«, sagte Pa.

Sie kamen nur sehr langsam voran. Das Fahrzeug ratterte über den unebenen Boden. Wenn es über Wurzeln oder Steine fuhr, gab es Erschütterungen, die Kias Knöchel schmerzen ließen. Nach etwa drei Stunden erreichten sie eine Lichtung und Pa atmete erleichtert aus. »Sie sind noch da.«

In einiger Entfernung konnte sie Gebäude ausmachen. »Eine Flüchtlingsstadt«, hauchte Kia. Sie hatte all das für Mythen gehalten. Synthen, die abseits der Gesellschaft lebten, die eigene Städte bauten, verwalteten und pflegten.

»Geh jetzt, mein Liebling. Geh und sei frei«, sagte Pa und drückte Kias Hand.

»Pa«, sagte Kia mit brüchiger Stimme.

»Pass auf dich auf«, sagte Pa.

Unmittelbar nachdem sie aus dem Fahrzeug gestiegen war, wendete Pa und fuhr wieder zurück in Richtung Schnellstrecke. Je schneller er zurück war, desto geringer war die Gefahr, dass jemand bemerkte, dass er abgebogen war.

Kia stützte sich auf ihre Krücke und ging die letzten paar hundert Meter zu Fuß. Sie wurde von vier bewaffneten Wachen empfangen. Bei zwei von ihnen konnte Kia direkt erkennen, dass es sich um Synthen handelte. Die anderen beiden sahen menschlich aus und trugen keine Kennzeichnung auf der Stirn. Aber die Tatsache, dass sie in einer Flüchtlingsstadt lebten, ließ Kia vermuten, dass sie ebenfalls Synthen waren.

»Willkommen«, sagte einer. »Wie viel?«

»Wie viel?« Kia verstand nicht.

Ein anderer schob seinen Kollegen zur Seite. »Der will dich nur aufziehen. Er will wissen, zu wie viel Prozent du synthetisch bist.«

Kia schluckte.

»Das musst du natürlich nicht verraten.« Er lachte. »Ich bringe dich erst einmal zum Doc.«

Kia staunte. Sie war nun eine Gesetzlose, die in der Wildnis lebte. Zusammen mit ehemaligen Menschen. Sie schluckte. Nein. Mit Menschen. Wie sie selbst.

Wettbewerbsgeschichte: Mehr als die Hälfte - Schlussbild

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