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Bonusgeschichte 3

Wettbewerbsgeschichte: Der letzte Handwerker

Der letzte Handwerker Keuchend und pustend erreichte Tim seine Wohnung. Die kraftraubende Treppe verlangte alles von ihm, auch wenn sein Exoskelett ihn bei seinen Bewegungen unterstützte. Tim lehnte ...

Wettbewerbsgeschichte: Der letzte Handwerker

Wettbewerb: Menschmaschine – VACSF26 – Vierter anonymer und chancengleicher Schreibwettbewerb auf punktasten.de

Teilnehmer-Nr.: WC2026_001_0006

Der letzte Handwerker

Anonym eingereicht

Keuchend und pustend erreichte Tim seine Wohnung. Die kraftraubende Treppe verlangte alles von ihm, auch wenn sein Exoskelett ihn bei seinen Bewegungen unterstützte. Tim lehnte sich eine Weile an die Wand und suchte in der Manteltasche seine ID-Karte. Wo hatte er sie wieder hingesteckt?
„Nicht mehr–“, ein tiefer Atemzug, „–der Jüngste“.
„Warum ziehst Du nicht endlich nach unten, Tim?“, fragte eine Stimme.
Die Türe gegenüber seiner stand offen. Sein Nachbar Stefan lehnte sich, Tim imitierend, an die Wand und schaut ihn durch den Gang an.
„Weil das immer noch meine Wohnung ist!“
Stefan kannte die Diskussion schon. Ein Blick Richtung Aufzug genügte ihm, um sich zu vergewissern, dass er funktionierte und bereitstand.
„Siebenunddreißig Stockwerke“, sagte er, obwohl beide wussten, in welcher Etage sie wohnten. „Wie Du gerad selbst sagtest: Du bist nicht mehr der Jüngste.“
Mittlerweile hatte Tim seine ID-Karte gefunden. Verärgert hielt er sie an den Scanner und das Schloss entriegelte sich. Eilig trat er in seine Wohnung und drehte sich nochmal zu Stefan um.
„Hör auf, mich zu bespitzeln!“, rief er aufgebracht und verschloss die Tür. „Verdammte Androiden.“
Das Klicken des Schlosses beruhigte ihn sofort. Er war daheim. Vielleicht nicht die größte oder beste Wohnung, aber sie gehörte ihm. Er zog seinen Mantel aus, hängte ihn auf einen Kleiderbügel und diesen an den Kleiderständer. Sein Exoskelett hakte sich an die Schuhe, sodass er nur seine Beine anheben musste, um sie auszuziehen. Technik; auf der einen Seite liebte er sie, weil sie sein Leben vereinfachte, auf der anderen war sie überall. Hier in seiner Wohnung war das Leben noch in Ordnung. Er schlüpfte in seine geliebten, weich gefütterten Hüttenschuhe und betrat direkt sein Bad, um sich zu erleichtern. Das einzige moderne darin war das Sitzbad, was er sich vor Jahren hatte einbauen lassen. Er trauerte seiner Dusche immer noch nach, aber er konnte ohne Exoskelett einfach nicht mehr lang genug stehen. Tim setzte sich auf das Klo. Automatisch legte er seine linke Hand auf die Kacheln. Er musste an seine verstorbene Ehefrau Zoë denken. Mit einem Finger fuhr er die Fugen ab, und betrachtete gedankenversunken das große Mosaik, was sie gemeinsam vor unzähligen Jahren, fast schon in einem anderen Leben, hier an der Badezimmerwand erstellt hatten. Es begann auf Kniehöhe und endete nur ein paar Handbreit vor der Decke. Sie hatten sechs Wochen lang jeden Abend zwei Stunden daran gesessen, am Wochenende mehr. Das zusammengesetzte Bild zeigte einen Leuchtturm am Meer und erinnerte an ihre Flitterwochen in der Bretagne. Er konnte sich noch gut daran erinnern, es war mit Abstand der beste Teil seines Lebens.
Tim erhob sich seufzend, zog ab, wusch seine Hände und ging in seine Küche.
Er nickte zufrieden als er den Brotteig begutachtete, er war ordentlich aufgegangen. Vielleicht nicht so klebrig wie er hätte sein sollen – die Mühlen mahlten ja nur noch Standardmehl –, aber einmal Bäcker immer Bäcker. Sein Rheuma und Arthritis war mit den neuen Medikamenten so gut zurückgegangen, dass er schmerzfrei arbeiten konnte und das war für Tim sehr viel wert. Er bereitete den Teig vor und legte ihn vorsichtig in den gewässerten Keramiktopf. Als er ihn in den Backofen schob, ächzte er. Das Exoskelett mag zwar viel können, aber beim Vor- und Zurückbeugen drückten seine Wirbel schmerzhaft gegen den titanverstärkten Korb. Er stellte die Eieruhr und setzte sich erschöpft auf einen Stuhl an den Küchentisch.
Die gegenüberliegende Wand war bedeckt von vielen Urlaubsbildern mit ihm und seiner Frau: Tim und Zoë an der Côte d’Azur, an der Goldküste in der Schweiz, am Gardasee im italienischen Tremosine sul Garda oder dem Trichonida-See in West-Griechenland. Fotos von ihrer Tochter Sabrina und ihrem Sohn Hagen: In Chaudfontaine in Belgien, am Spirdingsee bei Pisz oder dem Attersee in Österreich, wo sie am häufigsten Urlaub gemacht hatten. Sie erzählten eine Geschichte des Glücklichseins, eine längst vergangene Zeit, an die Tim sich wehmütig erinnerte. Bevor Zoë von ihm gegangen war. Bevor Hagen eingezogen wurde und im Krieg fiel. Bevor Sabrina in der zweiten großen Pandemie starb. Auf dem Küchentisch stand in einer Ecke ein eingerahmtes Bild von seiner Frau. Ihr Lächeln erfüllte sein Herz. Ein Tropfen auf dem Bild schreckte ihn auf. Er hatte nicht gemerkt, dass er es in die Hände genommen hatte. Schnell wischte er zuerst seine Backen, dann den Tropfen mit einem Ärmel weg. Tim küsste seine Frau und stellte sie an ihren angestammten Platz. Der Schmerz hielt Tim im Leben, und seine Liebe zu Zoë. Im Gegensatz zu ihm glaubte sie an ein Leben nach dem Tod. Er konnte sich nie mit der Vorstellung anfreunden, bis ans Ende des Universums zu leben. Er seufzte, irgendwas war heute mit ihm los. Sonst hing er nicht philosophischen Betrachtungen hinterher.
Tim blickte auf die Eieruhr und entschied sich, nochmals auszugehen. Er stellte auf seiner Armbanduhr einen Timer und zog wieder seinen Mantel und Schuhe an. Leise öffnete und schloss er die Tür, damit Stefan, dieser vorlaute Androide, ihn nicht wieder überraschte. Diesmal nahm er den Aufzug und trat in die Freiheit. Kleine Quellwolken zogen über den Himmel, die Sonne strahlte erbarmungslos auf den Asphalt. Es war April und schon so heiß wie im Hochsommer. Aber ohne seinen Mantel ging er nicht raus. Eine Fahrradfahrerin klingelte und winkte Tim zu. Er grüßte Yvonne zurück und setzte sich auf die Bank an der Haltestelle. Ein Auto kam von links, zwei von rechts – hier war immer wenig los. Ein Bus hielt, und obwohl es der einzige war, stieg er nicht ein. Zwei Fußgänger überquerten die leere Straße und verschwanden hinter ihm.
Tim schaute auf die Armbanduhr, es waren gerad mal zehn Minuten vergangen. Er seufzte, saß er doch hier und wusste nicht, warum er seine wöchentliche Routine unterbrach. Vielleicht war sein Leben monoton geworden. Aufstehen, Dinge tun, abends lesen. Seine Woche begann am Sonntag: Der Bus zum Friedhof war immer leer, aber Zoës, Sabrinas und Hagens Grab gaben ihm irgendwie Kraft weiterzumachen. Montags kaufte er im Supermarkt für die Woche ein. Dienstags backte er ein frisches Brot, freitags Wochenendbrötchen. Mittwochs und samstags saß er vor dem Fernsehen und schaute sich alte Filme an – nur zu den Nachrichten schaltete er aus. Er wollte nichts mehr von der Welt wissen. Donnerstag war sein Putztag, für die Mühen belohnte er sich abends immer mit einem Buch, das er immer wieder lesen konnte; sein Regal war voll mit Lieblingsbüchern. Einmal im Quartal ging er zum Arzt und zur Apotheke für seine Medikamente. Außer den kleinen Streitereien mit verschiedenen Nachbarn fühlte er sich allein, auch wenn seine Frau und seine Kinder immer in seinem Herzen lebten. Zwei Autos fuhren von links nach rechts, eins in die Gegenrichtung. Ein Fußgänger wechselte auf die andere Straßenseite, kurze Zeit später ein zweiter. Yvonne kam zurück, stieg ab und lehnte ihr Fahrrad neben die Busstation.
„Tim, was machst du hier?“
Er hob die Schultern und ließ sie wieder fallen.
„Sitzen.“
Er traf die junge Frau jeden Montag beim Einkaufen. Yvonne konnte locker seine Enkeltochter sein und trotzdem fand er die Gespräche mit ihr eine willkommene Abwechslung in seinem Alltag. Ein wenig erinnerte sie ihn an Zoë in ihren jungen Jahren, aber sie war halt nicht seine Frau.
„Ich meine, was willst du jetzt machen?“
„Ich weiß es nicht“, beichtete er. „Hier sitzen reicht mir erstmal.“
„Kann ich dir dabei Gesellschaft leisten?“
Unschlüssig hob er wieder die Schultern und ließ sie fallen.
„Klar, warum nicht.“
Sie setzte sich zu ihm. Ein einsames Auto fuhr an dem ungleichen Paar vorbei.
„Ganz schön warm heute, nicht wahr?“
Tim grummelte zustimmend.
„Heute ist Dienstag. Hast du wieder ein Brot gebacken?“
„Ja“, antwortete er einsilbig, nur um sich dann aufzuregen. „Es gibt doch nur noch diese Industriepampe!“
Tim musste wieder an die Backauslagen im Supermarkt denken. Er ging regelmäßig daran vorbei. Und jedes Mal fragte er sich, was daran falsch war. Tim konnte nur nicht den Daumen drauflegen, sie sahen einfach nicht echt aus. Auch der Geruch war irgendwie nicht ganz korrekt.
„Dann zeig mir doch mal Dein Brot, von dem Du immer sprichst. Ich hab Zeit.“
Er schaute wieder auf seine Armbanduhr, fünfzehn Minuten war der Teig nun im Ofen.
„Da gibt es gerade wenig zu gucken, das Brot backt noch und du würdest dich bestimmt langweilen.“
„Das denke ich nicht, Tim.“ Yvonne schenkte ihm ein Lächeln. „Bitte.“
Er guckte den drei Autos nach, die auf der Gegenfahrbank an ihnen vorbeifuhren. Irgendwie kamen sie ihm bekannt vor. Yvonne hakte sich bei ihm unter, während sie auf der Busbank saßen. Tim ließ es geschehen und stellte sich vor, dass seine Tochter Sabrina an seiner Seite wäre. Es war in Ordnung, redete er sich ein und sein Herz wünschte sich Zoë zurück.
„Also gut“, gab er nach.
Yvonne stand gleichzeitig mit ihm auf. Sie ging eingehakt mit ihm zurück ins Hochhaus. Im siebenunddreißigsten Stockwerk verließen sie den Aufzug und er öffnete zum ersten Mal seit zwanzig Jahren die Tür für eine andere Person. Zuletzt war es ein betagter Handwerker, der sein Sitzbad installiert hatte.
„Bitte Schuhe ausziehen“, sagte er entschuldigend während er wieder zu seinen Hüttenschuhen wechselte. Er öffnete die Kommode im Korridor und griff ein Paar gut aussehende Hausschuhe heraus.
„Die Pantoffeln sollten dir passen, falls du willst.“
Sie bedankte sich und zog sie an. Gedankenversunken bat Tim sie in die Küche. 
„Oohh!“ Yvonne legte ihre Hände an die Backen und schaute sich neugierig um. Ihr Blick war sofort von der Fotowand gefesselt. 
„Toulon, Zürichsee, Gardasee“, zählte sie auf. „Und, Griechenland?“
Yvonne legte den Kopf schräg und schaute sich die anderen Erinnerungsstücke an: Alte mit Buntstiften gemalte Bilder von Sabrina und Hagen, ein paar Postkarten sowie Skizzen und Zeichnungen, die Zoë im Urlaub angefertigt hatte. Schließlich wanderte ihr Blick durch die restliche Küche und zu dem Backofen. Sie ging hin, beugte sich herab. Beschämt guckte Tim weg.
„Ich kann ja gar nichts sehen“, beschwerte sie sich leicht entrüstet.
„Was hast du erwartet?“
„Na ja, Brot.“
Tim lachte und fühlte sich ein wenig schuldig.
„Ja, früher konnte man dem Brot beim Backen zusehen“, fing er an und erzählte von den vergangenen Tagen des Handwerks. Über Ofentypen, verschiedene Getreidekornarten und ihre Aromen, selbstgezüchtetem Natursauerteig und vieles mehr. Yvonne ließ ihn reden und lächelte ihm zu. Tim merkte erst beim Klingeln der Eieruhr, wie viel Zeit vergangen war. Entschuldigend stand er auf und öffnete den Ofen. Yvonne folgte ihm neugierig und schaute fasziniert zu, wie er mit Topflappen den Deckel des Keramiktopfes anhob und auf die Ablage des Waschbeckens stellte. Dann schloss er wieder den Ofen und stellte erneut die Eieruhr. Tim merkte Yvonnes fragenden Blick.
„Sechzig Minuten mit Deckel, und dann nochmal so zehn ohne. Für die Kruste.“
Sie beugte sich wieder vor den Ofen und ihr Po berührte ihn leicht. Tims Kopf wurde hochrot. Er setzte sich schnell hin, und versuchte, die peinliche Situation zu ignorieren. Er war ein anständiger Mann. Sein Blick ruhte auf dem Bild seiner Frau. Was sie wohl dazu sagen würde? Möglicherweise: Schauen ja. Anfassen nein.
„Ja dann … wo kann ich mich mal eben frisch machen?“
„Gleich nebenan“, sagte Tim und zeigte mit seinem Daumen Richtung Küchenzeile. Er blickte nochmals auf seine Armbanduhr und stellte fest, dass der Timer noch lief. Als er ihn beendete, bemerkte er das Datum: Heute war sein Geburtstag. Einhundertunddrei Jahre war er geworden. Schmerzvoll verzog er das Gesicht und weinte leise. Als er die Badezimmertür hörte, fasste er sich schnell und wischte sich eilig das Gesicht ab. Yvonne sollte nicht sehen wie aufgebracht er war. Sie betrat langsam wankend die Küche, verlegte ihr Gewicht mehrmals auf ein anderes Bein. Ihre Finger verschränkten sich, als ob sie ein schlechtes Gewissen hätte. Die Augen schwebten durch den Raum, als ob sie Halt suchten. Tim überkam ein schlechtes Gefühl und stürmte ohne Erklärung an ihr vorbei. Aber im Bad war alles so wie es sein sollte. Er inspizierte das Mosaik vom Leuchtturm, es war sicherlich kein Meisterwerk und die Tessera bildeten keine klare Linie, aber kein Stein war heraus­ge­brochen oder kaputt. Yvonne trat mit gesenktem Blick durch die Tür.
„Ich wusste nicht, wie ich fragen konnte, was das ist“, erklärte sie leicht verlegen.
Tim hatte plötzlich ein schlechtes Gefühl. So als ob er kurz davor war, ein Geheimnis zu lüften.
„Was genau meinst du?“
„Das … das Bild?“
„Was ist damit?“
„Was ist es?“
„Ein ehemaliger Leuchtturm, das Phare de Kerbel in der Bretagne.“
Mehr wollte Tim nicht sagen, zu viele Erinnerungen waren damit verbunden. Tim und Zoë hatten ihn in ihren Flitterwochen als Ferienwohnung für zwei Wochen gemietet. Soweit er wusste, stand er schon lange nicht mehr. Das Meer hatte sich Riantec und damit den Leuchtturm einverleibt.
„Ach so.“
Yvonne starrte wieder auf das Mosaik. Tim beobachtete, wie ihre Augen sich hin- und herbewegten und versuchten aus dem gemeinsamen Kunstwerk einen Sinn zu finden. Sie drehte ihren Kopf wieder zu Boden und schwankte leicht, als ob sie das Gleichgewicht verlieren würde. Das wiederholte sich zweimal bis sie sich umdrehte. Tim war geschockt.
„Du bist ein Androide“, stöhnte er und griff sich mit beiden Händen an den Kopf.
Wie lange kannte er sie? Warum war ihm nie aufgefallen, dass sie nicht älter wurde? Gefühlt war er gestern noch achtundsiebzig gewesen. Wie schnell die Zeit vergangen war. Tim musste sich hinsetzen und verwendete dafür das Klo mit seinem heruntergelassenen Deckel.
„Frisch machen, wie? Du warst neugierig.“
„Ja“, gab sie zu. „Aber ich wollte mir das TMS abschminken, das ist giftig.“
„Was?“ Tim war verwirrt und kam gerad nicht mit.
„Trimethylsiloxysilikat“, erklärte sie. „Das ist im Lippenstift drin.“
„Was?“
„Kannst Du es Dir nicht denken?“
„Ich …“, Tim schluckte als sie ihn anlächelte. „Ich bin einhundertunddrei Jahre alt! Was denkst Du Dir?“
„Komm, wie lang kennen wir uns?“, fragte Yvonne herausfordernd. Vor etwa fünfundzwanzig Jahren starb seine Frau. Und so wie Tim nun darüber nachdachte, kannte er Yvonne seit ungefähr dreiundzwanzig Jahren. „Wäre es so schlimm für Dich, in Deiner restlichen Lebenszeit noch eine Gefährtin zu haben?“
Aufgebracht drängelte Tim sich an Yvonne vorbei. Er wollte sich eigentlich im Wohn- und Schlafzimmer einschließen, aber die Eieruhr in der Küche plärrte. „Mein Brot!“
Schnell machte er den Ofen aus, nahm sich Topflappen und holte den Keramiktopf aus dem Ofen. Ächzend hob er ihn hoch und stürzte das heiße Brot auf eine Holzplatte. Schüchtern betrat Yvonne die Küche.
„Oh, das Brot ist fertig!“
„Was interessiert einen Androiden Brot?“
Sein ätzender Tonfall sprach Bände. Tim hielt den heißen Keramiktopf nur mit Topflappen geschützt in den Händen. Yvonne kam vorsichtig näher, schaute ihn entrüstet an.
„Habe ich Dich so verletzt?“
„Verletzt?“, schrie er. „Was kann ein Androide von mir wollen? Wissen? Meine letzten Geheimnisse?“
Tim glaubte nicht, dass Androiden irgendwas anderes wollten. Aber er konnte sich noch gut an den Tag erinnern, an dem er aufgehört hatte Nachrichten zu schauen.
„Das Einzige, das ich euch zugutehalte, ist, dass ihr den Krieg beendet habt. Leider einen Tag zu spät, aber ihr habt es geschafft.“
Yvonne sagte nichts. Sie wusste wie sehr Tim litt, seine Kinder überlebt zu haben, besonders Hagen. Endlich stellte er den Keramiktopf zum Abkühlen auf das Waschbecken, behielt die Topflappen in den Händen.
„Ich mag dich auch mit deinen einhundertunddrei Jahren.“
„Vergiss es, du kannst und wirst meine Zoë nicht ersetzen!“
„Du eingebildeter Mensch!“ Jetzt wurde auch Yvonne lauter. „Ich will sie nicht ersetzen.“
Tim warf die Topflappen auf die Androidin. Sie zuckte noch nicht mal anstandshalber zusammen.
„Dann raus! Raus aus meiner Wohnung!“
„Alter, verbitterter Mann!“
„Raus!“
Yvonne drehte sich um und verließ die Küche, nahm aber die falsche Tür zur rechten Seite. Tim fuhr mit seinen Händen durchs Gesicht und stöhnte. Diese neugierigen Maschinen! Zornig folgte er ihr. Das Schlaf- und Wohnzimmer nahm die Hälfte der gesamten Wohnung ein. An einer Wand stand ein großer Fernseher auf einer Kommode, eingequetscht zwischen zwei riesigen Schränken. Platzsparend hing darüber ein Regal mit seinen mittlerweile vergilbten und abgegriffenen Lieblingsbüchern. Ein Sofa diente als Raumtrenner zu dem Bett, ein kleiner Tisch davor vervollständigte das Ensemble. In der anderen Hälfte des Zimmers war ein Bett mit einer Anrichte, daneben stand die Vorrichtung zum Einhängen seines Exoskeletts. In einer Ecke lehnten einige große Bilderrahmen gegen die Wand. Aktuell hing über dem Bett eine billige, aber farbechte Kopie von Claude Monets Werk „Terrasse à Sainte-Adresse“. Mit Rahmen war es über einen Meter hoch und fast anderthalb Meter breit. Yvonne stand davor und betrachte das Bild. Tim merkte, wie sie das Bild anlächelte. Es gefiel ihr wohl. Die farbenfrohen Blumen, die entfernten Schiffe auf dem Meer, es war auch Tims Lieblingsbild. Sein größter Zorn verflog als er die Bewunderung im Blick der Androidin erkannte, aber sie hatte gerade für ihn eine unsichtbare Grenze überschritten. Yvonne drehte sich um, schaute ihn ernst an und setzte sich auf sein Bett. Auffordernd schlug sie neben sich.
„Eigentlich will ich, dass du meine Wohnung verlässt.“
„Setz dich neben mich, Tim.“
„Du bist in meiner Wohnung!“, wiederholte er empört.
„Das bin ich. Aber ich lasse mich jetzt nicht einfach von Dir abweisen, nur weil Du Dich von der Welt abgewendet hast.“
Die Androidin kannte Tim. Er würde keine Gewalt anwenden. Stumm blieb er mit zusammengepressten Lippen stehen. Sein zorniger Blick haftete protestierend auf ihr.
„Na gut“, sagte Yvonne nach einer gefühlten Minute. „Nach über zwanzig Jahren dachte ich, dass Du bereits einen Verdacht hättest. Aber ich hatte schon immer ein Auge auf Dich geworfen.“
„Schön.“
„Ich mag Dich, Tim. Wirklich.“
„Wie kannst du mich mögen, Yvonne? Du bist eine Maschine.“
„So gern, dass ich daran denke, meinen Lippenstift für dich abzuwaschen.“
„Ich versteh’ das nicht.“
„Ich auch nicht. Du bist einfach das Zentrum meiner Welt geworden. Ich werde traurig, wenn Du traurig bist. Ich bin glücklich, wenn Du glücklich bist. Und ich merke doch, wie einsam Du bist. Und heute … heute lief alles anders als sonst. Du saßest an der Haltestelle und ich wollte Dich …“
Die Androidin stockte, was ungewöhnlich war.
„… Wollte Dich in Deine Wohnung begleiten“, beendete sie ihren Satz.
Yvonne schaute ihn an, schürzte dann ihre Lippen und machte ein betretenes Gesicht.
„Nein.“ Tim schüttelte wild seinen Kopf. „Nein. Wie? Das ist so falsch.“
Hastig verließ er das Zimmer. Im Korridor nahm er wieder seinen Mantel vom Kleiderbügel, und wechselte die Schuhe. Es war ihm egal, dass Yvonne nun in seiner Wohnung blieb. Er musste weg. Tim nahm seine ID-Karte und schlug die Tür hinter ihm zu. Der Aufzug wartete schon und entließ ihn im Erdgeschoss. Er ging wieder zur Busstation und setzte sich auf die Bank. Da, wo alles angefangen hatte. Ein Auto fuhr wieder an ihm vorbei, zwei auf der Gegenfahrbahn. Dann hielt ein Bus. Er stieg nicht ein. Kurz darauf überquerten zwei Fußgänger die Straßenseite. Ein wenig später schaute Tim die zwei Autos genauer an, die an ihm vorbeifuhren. Dann das dritte, auf der anderen Fahrbahn. Er blickte nach links. Derselbe Fußgänger überquerte die Straße zurück. Er wendete den Kopf nach rechts und suchte den zweiten Passanten. Dieser stand vor der leeren Straße und wie auf ein geheimes Kommando, bewegte er sich auf die Straße und verschwand gegenüber genauso wie der Erste. Tim fühlte sich in einem Déjà-vu. Yvonne stand hinter ihm und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„All das …“, er reckte den Arm Richtung Straße und schwenkte ihn zur Seite. „All das, für mich?“
„Ja, Tim.“ Yvonne kam um die Bank herum und setzte sich zu ihm. Sie hakte sich wieder in seinen Arm ein. „All das, nur für dich.“
Eine fast schon ungehörige Frage fuhr ihm durch seinen Kopf. Er wollte die Antwort eigentlich gar nicht wissen. Aber jetzt störte sie seinen Seelenfrieden.
„Wie viele Menschen gibt es noch?“
Yvonne schüttelte langsam den Kopf.
„Wie viele?“, fragte er nochmal nach.
„Vielleicht Hunderttausend.“
Tim fuhr auf.
„Das ist nicht wahr!“
Ein einsames Auto fuhr an ihm vorbei, er blickte hinein. Es hatte keine Insassen. Und gleich würden wieder die drei gleichen Autos von rechts kommen. Auch ohne Menschen. Oder Androiden. Wie blind er doch durchs Leben gegangen war!
„Was ist bloß aus der Menschheit geworden?“
„Willst du wirklich eine Antwort auf diese Frage haben?“
Nein, eigentlich nicht, erkannte Tim. Die Menschheit wollte schon immer die Geschichte Gottes weiterführen. So müsste sie enden. Die letzte Generation wären Maschinenmenschen. Androiden, gefüllt mit der Menschheits­geschichte. Ein wahrer Schlusspunkt einer Schöpfungsgeschichte. Und die beschützende Hand einer Schöpfung, die sich über die letzten Menschen legt. Ruhet, denn ihr habt genug getan. Die wegweisenden Errungenschaften der letzten Jahrzehnte wurden von den Androiden erfunden. Mit einhundertunddrei Jahren lebte er dank Medizin und Technik schon länger als gedacht. Vielleicht hatte er wirklich nicht mehr lange zu leben.
Tim wandte sich Yvonne zu und dachte an ihren Streit. Wie unbedeutend er doch jetzt war. Sie wollte Zoë nicht ersetzen, hatte sie gesagt. Sie wollte ihn beschützen. Er merkte erst jetzt, wie sein Gram ihn all die Jahrzehnte innerlich aufgefressen hatte. Vielleicht kann sie ihm helfen, seinen Verlust zu überwinden und friedlich zu sterben. Was auch immer danach kam. Tim wollte ein wenig mehr im Jetzt leben. Milde legte er seinen Arm um ihre Hüfte.
„Was weiß ich als Bäcker schon über künstliche Intelligenz?“ Er mochte Yvonne schon immer, sie erinnerte ihn an Zoë. Tim erkannte, dass sie für ihn menschlich genug war. „Vielleicht optimiert ihr euch irgendwann ins All.“

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