Wettbewerbsgeschichte: Zum Achten Mal
Zum Achten Mal Bis dass der Tod euch scheidet. Diamond erinnerte sich noch genau, wie der Priester diese Worte aussprach. Ein endgültiges Echo in der beinahe leeren Kirche. Fast hätte sie damals die...
Zum Achten Mal Bis dass der Tod euch scheidet. Diamond erinnerte sich noch genau, wie der Priester diese Worte aussprach. Ein endgültiges Echo in der beinahe leeren Kirche. Fast hätte sie damals die...
Zum Achten Mal
Bis dass der Tod euch scheidet. Diamond erinnerte sich noch genau, wie der Priester diese Worte aussprach. Ein endgültiges Echo in der beinahe leeren Kirche. Fast hätte sie damals diesen wichtigen Satz überhört, ihre ganze Aufmerksamkeit war an Marcus geklebt. Bis dass der Tod euch scheidet, diese Aussage stimmte nicht mehr. Der Tod war nicht mehr zwangsweise das Ende. Zumindest nicht, wenn man bereit war, den Preis zu zahlen. Vorsichtig drehte sich die blonde Frau auf die Seite. Dort, halbbedeckt von der Seidendecke, lag Marcus. In ihren Augen der wundervollste Mann der Welt. Mit den scharfen Gesichtszügen eines römischen Kriegers und den durchdringenden Augen war er ein echter Blickfang. Aber das war nicht wirklich das, wofür sie ihn so liebte. Sie liebte ihn für seine aufopferungsvolle Art. Für seine Sanftheit, die nur dann zum Vorschein kam, wenn sie unter sich waren. Für sein Lachen. Und für die kalte Berechenbarkeit, mit der er ihnen einen Weg bahnte. Marcus war immer da. Immer verlässlich. Immer treu. Vorsichtig streckte Diamond die Hand aus, streifte seine Wange und schob dann ein wenig die Decke zurück. Er durfte nicht überhitzen. Auf den ersten Blick war ihrem Liebsten nichts anzusehen. Die Haut war perfekt menschlich. Der Atem ging regelmäßig, er hatte sogar einen Herzschlag. Er sah aus wie ein Mensch. Aber sie wusste es besser. Marcus war schon lange kein normaler Mann mehr. Wenn man aufmerksam war und wusste, wonach man suchen musste, konnte man es bemerken. An der Tatsache, dass er leicht überhitzte. Dass das Heben und Senken der Brust manchmal einen Moment zu lange brauchte. Dass seine Nasenflügel sich beim Einatmen nicht weiteten. All ihre Anstrengungen, und trotzdem war es ihr nicht gelungen, ihm das Leben perfekt wiederzugeben. Aber das war in Ordnung. Wichtig war nur, dass er selbst nichts davon bemerkte.
Ihr Blick löste sich von Marcus und glitt zum Fenster. Die Vorhänge waren zugezogen, aber durch einen Spalt fiel das helle Licht der Mittagssonne. Obwohl sie sich im obersten Stockwerk befanden, drang der Lärm der Straße bis hierher. Sie hatten den ganzen Morgen verschlafen. Mit einem leisen Gähnen setzte Diamond sich auf, streckte die schlanken Glieder und beugte sich dann zu Marcus hinunter. Sie küsste ihn auf die Lippen. Hauchzart nur, gerade intensiv genug, um ihn zu wecken.
„Zeit zum Aufstehen, Liebling“, hauchte sie ihm zu und erhob sich dann selbst. Von Marcus her kam ein leises Brummen. Er blinzelte, drehte sich dann aber auf die andere Seite und schloss wieder die Augen. Alles wie immer. Diamond verdrehte mit einem Schmunzeln die Augen, dann hüllte sie sich in den flauschigen Morgenmantel und zog die Vorhänge auf. Bei der Helligkeit würde er nicht mehr lange schlafen. Sie überließ Marcus erstmal sich selbst. Diamond ging erst duschen und setzte sich danach an den zierlichen Frisiertisch des Zimmers. Sie kämmte ihr goldenes Haar, cremte sich ein und trug dezente Schminke auf. Währenddessen beobachtete sie im Spiegel Marcus alltäglichen Kampf gegen das Aufstehen. Er begann erst, sich hin und her zu wälzen. Er zog sich die Decke über den Kopf und schimpfte leise gegen das Licht. Dann ließ er ein Bein über die Bettkante hängen. Er rief nach ihr. Leise, fast beschwörend, von wegen, sie sollte doch wieder ins Bett kommen. Das tat er jeden Morgen. Und wie jeden Morgen ignorierte sie die Bettelei. Erst jetzt schob er auch das zweite Bein aus dem Bett. Mit einem gequälten Stöhnen warf er die Decke von sich und stand auf.
Noch tat er gequält, schlurfte zu ihr und schlang dann seine Arme um ihren Körper. Diamond spürte das Kitzeln seiner Bartstoppeln, als er zärtlich ihren Nacken küsste. „Du bist so gemein“, raunte er ihr ins Ohr.
Mit einem anmutigen Lächeln lehnte Diamond sich zurück und schmiegte den Kopf an seine Brust. Sie legte den Kopf schief, sodass er auch einige Küsse auf ihren Hals hauchen konnte. Sie genoss die Zärtlichkeit mit halbgeschlossenen Augen. “Natürlich bin ich gemein. Sonst würde ich dich nie aus dem Bett bekommen“, schimpfte sie liebevoll mit ihm.
Marcus seufzte überdramatisch. Er drückte sie noch ein letztes Mal, dann schlenderte er in Richtung des marmornen Badezimmers. Diamond konnte nicht anders, als ihm nochmal einen Blick nachzuwerfen. Bis sie fertig damit war, sich zu schminken und den Schmuck anzulegen, hatte auch er seine Dusche beendet und zog sich gerade an. Sie half ihm die Krawatte zu binden. Eigentlich konnte er es selbst, aber immer, wenn sie ihm half, küsste er sie auf die Stirn. Außerdem waren die beiden spät dran. Diamond war bereits fertig. Während Marcus noch die Taschenuhr und die Manschettenknöpfe anlegte, schlüpfte sie bereits in die Pumps, setzte sich den Cloche-Hut auf und streifte die Lederhandschuhe über. Am Ausgang überreichte Marcus ihr noch ihre Handtasche und bot ihr dann seinen Arm an.
Alles war perfekt eingespielt. Marcus war schon so gewesen, als sie sich kennenlernten. Trotzdem fragte Diamond sich oft, ob er es von sich austat. Oder ob es eine neue, maschinelle Angewohnheit war. Ob die künstliche Intelligenz, dieses neuronale Netzwerk hinter seinem Kopf, wirklich so dachte, weil Marcus so dachte, oder ob es sich einbildete, es ihr, seiner Schöpferin, recht machen zu müssen. Alle redeten immer davon, wie komplex und mysteriös andere Menschen doch waren. Aber Diamond fand, dass Maschinen viel schwerer zu durchschauen waren. Wenn eine künstliche Intelligenz einen Fehler machte, konnte man nicht einfach sagen, woran es lag. Menschliche Fehler waren für ihre Artgenossen viel leichter nachzuvollziehen. Müdigkeit, schlechtes Gewissen oder schlicht Rachsucht. Wenn ein Mensch liebte, liebte er jemanden aus seiner selbst heraus. Aber was liebte eine künstliche Intelligenz? Konnte sie wirklich lieben?
„Diamond, was ist denn los, mein Liebling? Du bist so merkwürdig ruhig. Die letzte Nacht ist doch gut gelaufen, wir sollten feiern!“ Marcus war ihre Stille aufgefallen. Jetzt, wo sie im Aufzug standen und nach unten sausten, gab es wenig Ausreden.
„Alles ist in Ordnung. Ich bin nur noch etwas müde von letzter Nacht.“
„Ich weiß. Die Nächte nach den ‚Geschäften‘ sind immer zu kurz. Du kannst dich mittags nochmal hinlegen.“ Marcus lächelte aufmunternd und küsste sie kurz auf die Stirn, dann verriet das Verstummen der Fahrstuhlmusik, dass sie ihr Ziel erreicht hatten. Mit leisem Zischen öffnete sich die Fahrstuhltür in die Hotellobby.
Zwanzig Minuten später hatten sie den Ort erreicht, der überhaupt erst für ihr verfrühtes Aufstehen verantwortlich war. Vor den glänzenden Glastoren ihres Lieblingsrestaurants warteten Lester und Sadie. Zwei alte Freunde, die den Triumph des letzten Abends mit ihnen feiern wollten. Noch bevor sie den überdachten Eingang erreicht hatten, kam Sadie bereits auf sie zu. Mit weit ausgebreiteten Armen fiel sie erst Diamond und dann Marcus um den Hals.
„Da seid ihr beiden ja! Zehn Minuten zu spät, wir haben schon angefangen, uns Sorgen zu machen!“, schimpfte sie liebevoll mit ihnen. Natürlich nicht, ohne dabei aufgeregt mit dem Zeigefinger zu wackeln. Sadie konnte nie völlig stillstehen. Ihre Hände brauchten immer etwas zu tun. Wie kleine Vögelchen.
„Ich habe ihr gesagt, dass sie sich keine Sorgen machen muss“, beteuerte Lester. Er war nun auch dazu getreten und legte liebevoll einen Arm um Sadie. Mit einem Lächeln schmiegte sie sich an ihn. Die beiden passten zusammen. Sie waren beide unkompliziert. Diamond fand, dass es immer Spaß machte, sich mit ihnen zu treffen.
„Es ist alles in Ordnung, Birdie. Marcus war nur mal wieder nicht aus dem Bett zu kriegen“, erklärte Diamond mit einem leisen Lachen, in das die anderen einstimmten. Auch Lester und Sadie wussten, wie gerne Marcus verschlief. Vor allem, wenn in der Nacht davor ein Einbruch gelaufen war.
„Lasst uns reingehen“, schlug Lester vor. Der Vorschlag stieß auf allgemeine Zustimmung. Sadie hakte sich bei Diamond ein und sie schlenderten vor. Lester und Marcus blieben etwas hinter ihnen und unterhielten sich mit gesenkten Stimmen. Sicher über die Geldsumme dieser Nacht. Sie nahmen an ihrem üblichen Tisch Platz. Einem Eckplatz, der durch einige Topfpflanzen etwas Privatsphäre bot. Man wollte ja nicht belauscht werden, wenn man über Pikantes sprach. Im Licht der Kristalllüster gingen Tag für Tag die Spitze der Gesellschaft ein und aus. Nicht nur exquisites Essen und guter Wein aus Kristallgläsern war bedeutend. Sondern auch Verschwiegenheit. Das wussten auch die Betreiber. Die Menschen arbeiteten hier nur in der Küche. Bedient wurde man von Robotern. Menschenähnlich, aber silbrig glänzend, mit leuchtenden Augen und gut als Maschinen erkennbar. Diese Diener belauschten nicht, sie tratschten nicht. Die Gesprächsthemen der Gäste blieben sicher.
Diamond bekam nur im Hintergrund mit, wie Lester für sie alle Champagner bestellte. Ihr Blick blieb auf den Kellner-Roboter fixiert. Sie hörte bis hierher das leise Arbeiten der Zahnräder im Inneren, hörte das Sirren von künstlichen Sehnen bei jeder Bewegung. Bei jedem leisen Ton hielt sie den Atem an und schielte kurz zu Marcus hinüber. Er reagierte darauf gar nicht, nahm es vielleicht nicht mal wahr. Er lachte und scherzte mit Sadie herum. Es machte ihm Spaß, ihr gerade die Passagen des Einbruchs zu erzählen, in denen es knapp geworden war. Der Moment, als sie sich mit gefälschten Einladungen auf die Party schlichen und fast aufgehalten wurden. Oder die Sekunde, als sie durch das Obergeschoss pirschten und genau dann ein Wachmann um die Ecke kam. Marcus protzte damit, dass er schon einen Moment vorher gespürt hatte, dass jemand kam und er blitzschnell reagiert hatte.
Diamond tat sich schwer, ein trauriges Lächeln zu unterdrücken. Er hatte es "gespürt", ja. Für ihn musste es sich anfühlen wie Instinkt. In Wahrheit waren es die eingebauten Sensoren, die Körperwärme und Schritte registriert hatten, bevor menschliche Sinne es überhaupt wahrnehmen konnten. Marcus hatte sich inzwischen daran gewöhnt. Für ihn war es normal. Und weder Sadie noch Lester dachten daran, etwas an seiner Erzählung in Frage zu stellen. Für sie war Marcus einfach nur begabt.
Der Champagner kam und ergoss sich gleich darauf in die Kristallgläser. Mit einem feierlichen Schweigen stießen sie die Gläser gegeneinander. Das leise Klirren klang wie Applaus.
„Auf Geld, Diamanten und Gold!“, flötete Sadie vergnügt.
„Auf Geld, Diamanten und Gold!“, wiederholten sie feierlich. Mit einem Lächeln nippte Diamond am Glas, ohne viel zu trinken. Ihre Augen hingen schon wieder nur an Marcus. Auch er trank. Das ganze Glas, in einem Zug, ohne eine Miene zu verziehen. Merkte er, dass der Champagner immer gleich schmeckte, egal welche Sorte er trank? Maschinen waren schlecht darin, zu schmecken. Man musste mühevoll Geschmack für Geschmack als Beschreibung in ihre Datenbank einfügen. Für alle möglichen Gerichte und Getränke war das viel zu aufwendig. Also hatte sie ihm nur mit einigen grundlegenden ausgestattet. Sie wartete jeden Tag darauf, dass er den immergleichen Geschmack bestimmter Dinge bemerken würde. Falls es ihm auffiel, sagte er nichts dazu. Er merkte aber, dass sie ihn ansah und schenkte ihr ein strahlendes Lächeln.
„Wir haben jetzt auf jeden Fall wieder für eine Weile ausgesorgt. Was meinst du, Liebling, wo sollen wir als nächstes hin? Mal wieder nach New York? Oder in die kleine Landvilla in Frankreich? Die Berghütte in der Schweiz? Das Weingut in Italien? Ich glaube, Estella würde gerne mal wieder ans Meer.“
„Wie geht es der Kleinen überhaupt? Sie bekommt doch seit diesem Jahr Privatunterricht, nicht?“, fragte Sadie vergnügt nach, während sie die Speisekarte studierte. Lester aß immer das gleiche und musste keinen Blick mehr auf die Karte werfen. Marcus scannte die Karte in wenigen Sekunden. Diamond ließ sich absichtlich Zeit und las gründlich die Zutatenliste für jedes einzelne Gericht.
„Estella geht es wunderbar. Ihr gefällt es, denke ich, dass sie früh etwas länger schlafen kann. Und die Lehrerin ist auch sehr nett. Ihr kommt doch heute Abend zur Party, oder? Sie wird sich freuen, euch mal wieder zu sehen. Ihr wart eine ganze Weile auf Reisen unterwegs. Russland, nicht?“
Lester nickte. “Ein guter Treffpunkt für Kunstliebende. Eure ... Waren... muss man ja im Ausland verkaufen. Jedenfalls, natürlich kommen wir zur Party. 19:30 Uhr, wie immer?“
„Eine halbe Stunde vorher. Mir wäre es recht, wenn ich dir gleich die Ware übergeben könnte. Die Gesetzeshüter sind in letzter Zeit etwas sehr scharf auf uns, fast so, als würden sie etwas riechen“, erklärte Marcus mit nachdenklicher Miene. Er hatte damit leider Recht. Wann immer sie etwas zu lange im Land blieben, klopfte früher oder später ein Polizist an der Tür. Nur Routinebesuche, natürlich. Zum Nachfragen, ob man denn etwas Sonderbares bemerkt hätte. Die Nachbarschaft war ja sehr wohlhabend und man wolle sichergehen, dass es sicher blieb. Blöde Ausreden, das hatten sie sofort gemerkt. Und einer der Gründe, warum sie den Überfall schon letzte Nacht durchgezogen hatten, obwohl dieser ursprünglich erst Ende des Monats geplant gewesen war.
Die nächsten Gespräche liefen harmloser. Über den neusten Klatsch und Tratsch, über das Steigen und Fallen einiger Aktien, über den neusten Kinofilm. Gespräche, die jedes befreundete Paar hätte führen können. Das Essen kam, die Champagnerflasche leerte sich und die Zeit verflog. Als der kleine Trupp das Restaurant verließ, hatte sich die graue Wolkendecke mit der rostroten Glut des Abends überzogen.
„Wir sehen uns dann in ein paar Stunden“, verabschiedete Diamond sich von Sadie. Ihre Freundin umarmte sie so, als hätten sie sich das letzte Mal gesehen. So wie immer. Dann verabschiedete sie sich von Lester, während Marcus Sadie verabschiedete.
Arm im Arm standen Diamond und Marcus da und beobachteten ihre Freunde, wie sie in ihren Wagen einstiegen. Erst als sie verschwunden waren, drückte Marcus Diamond dicht an sich und hauchte ihr einen kurzen Kuss auf die Lippen.
„Bereit, nach Hause zu gehen, Liebste?“, fragte er sie leise. Das Einkaufszentrum lag in der Nähe. Es wäre verführerisch gleich etwas von dem neuen Geld auszugeben. Ein neues Kleid, neuen Schmuck, ein paar Geschenke. Nur Marcus und sie, von Geschäft zu Geschäft bummelnd. Vor einigen Jahren hätte Diamond vorgeschlagen, dass sie die Partyvorbereitung sausen ließen, sich lieber draußen herumtrieben und erst in letzter Sekunde, in größter Hektik, alles fertigbrachten. Aber die Zeiten hatten sich geändert. Sie hatten eine kleine Tochter zuhause, die sie sehnsüchtig erwartete.
„Ja. Lass uns gehen“, gab Diamond deshalb zurück, küsste ihren Liebsten noch einmal und hakte sich dann bei ihm unter. Gemeinsam schlenderten sie zum wartenden Wagen. Langgezogen, dunkel und still lag er gleich an der Straße vor dem Restaurant. Fast wie ein schlafender Panther. So nannte Marcus den Wagen auch immer. Es war ihr Panther. Er war so stolz darüber, wie das Chrom in der Sonne blitze. Wie das Gefährt alle Blicke auf sich zog. Der Chauffeur öffnete die Tür, als er seine Herrschaften kommen sah. Kaum saßen sie auf den weichen Ledersitzen, wurde die Tür geschlossen und der Wagen sprang an.
„Da schnurrt unser Panther wieder“, grinste Marcus. Er machte es sich bequem und zog gleichzeitig ein Feuerzeug aus seiner Westentasche. Er hatte es bereits gezogen, bevor Diamond überhaupt die Zigarette in der Hand hatte. Das Rauchen war eine Angewohnheit, die sie schon seit der Mädchenzeit hatte. Immer in den ruhigen Zwischenmomenten. Marcus wusste das. Sie ließ sich von ihm Feuer geben, nahm den ersten Zug und lehnte sich dann zurück. Still stieß sie den Rauch aus, beobachtete wie er zur Wagendecke stieg und sich kringelte wie eine Schlange, die einen Ausgang suchte. Genau in dem Moment begann Marcus zu summen. Leise, kaum hörbar unter dem gleichmäßigen Brummen des Motors. Aber unverkennbar ein Lied. Eine tänzerische Melodie mit einem traurigen Unterton. Ein zartes Lächeln huschte über Diamonds Züge. Sie legte ihre freie Hand sanft auf seine.
Eine halbe Stunde später fuhr der Wagen vor, und das Licht im Gang sprang an. Der Butler, Edmund, öffnete die Tür, noch während das Paar aus dem Wagen stieg. Er verneigte sich vor Marcus und Diamond. „Willkommen zurück, Herrschaften“, murmelte er.
Das Öffnen der Tür war eine Geste, die Marcus gar nicht wahrnahm. Er trat ein, ohne nach links oder rechts zu sehen. Er nahm den Hut ab, hängte den Mantel auf und schlüpfte aus den Schuhen, ehe er Diamonds Mantel und Hut abnahm. Alles, bevor Edmund auch nur die Chance hatte, seinen Job zu machen. Bewegungslos stand er daneben und beobachtete sie ruhig.
Marcus‘ Blick glitt durch die großzügige Eingangshalle. Seine Augen suchten nach etwas ganz Besonderem. Oder eher, jemanden ganz Besonderen. Er erwartete ihre Tochter, aber von ihr war weit und breit keine Spur zu sehen. „Wo ist Estella?“, fragte er, fast mit einem Hauch Enttäuschung.
Edmund zupfte kurz die sorgsam gezwirbelten Enden seines Schnurrbartes. Seine Augenbrauen hoben sich leicht. „Die junge Dame hat noch Klavierunterricht, Sir“, bemerkte er schlicht. Eigentlich konnte man es hören. Leise, hauchzart. Die Melodie eines klassischen Stücks klimperte ungelenkt vor sich her. Marcus stand still da, als würde er horchen. Aber offenbar hörte er die Musik nicht.
„Ich habe dir doch gesagt, dass der ständige Schusswechsel nicht gut für deine Ohren ist. Geschweige denn die gelegentlichen Dynamitexplosionen. Du nimmst dir nie Ohrenschützer mit“, tadelte Diamond ihn, als käme diese Schwäche von den Überfällen.
„Estella? Mama und Papa sind zuhause!“, rief sie gleich darauf die Treppe hinauf. Ihr Lehrer würde sie schon gehen lassen, wenn er wusste, dass ihre Eltern sie riefen. Tatsächlich hörte man nur Sekunden später eine zuschlagende Tür und leichte Schritte, die eilig die Stufen hinuntereilten.
„Mama! Papa! Mama! Papa!“, murmelte sie hektisch bei jeder einzelnen Stufe, die sie hinunterhüpfte. Schnell wie der Wind war ihr kleiner Stern bei ihnen. Kaum sah Diamond ihre fünfjährige Tochter, sank sie auf die Knie und breitete die Arme aus. Estella warf sich sofort gegen sie. Diamond spürte ihre weichen Lippen an ihrer Wange, als sie ihr einen Kuss darauf drückte. „Ihr seid wieder da! Ihr wart so lange weg! Die ganze Nacht!“, beschwerte sich das Mädchen.
„Ich weiß. Tut mir leid Süße“, beruhigte Diamond sie. Sie küsste ihre Tochter auf die Stirn und strich ihr dann einmal übers Haar. Sie hatte blonde, leicht gelockte Strähnen, wie Diamond auch. Aber die Augen, die Augen hatte sie von ihrem Vater. Ein wunderschönes, warmes Braun. Wie ein Rehkitz. Mit einem sanften Lächeln blickte sie ihre Tochter an und erhob sich dann langsam. Diamonds Blick ging zu Marcus. Nun war auch er in die Knie gegangen und breitete die Arme aus. Aber Estella rannte nicht zu ihm. Sie warf ihm einen kurzen Seitenblick zu und blickte dann zu ihrer Mutter auf. Diamond nickte kaum merkbar. Erst jetzt wandte das Mädchen sich plötzlich um und schmiss sich fröhlich quietschend in Marcus Arme. Er hob seine Tochter hoch, hielt sie in die Luft und wirbelte sie im Kreis, sodass sie schrie und lachte.
Pünktlich wie ein Uhrwerk trafen am Abend die Gäste ein. Lester und Sadie waren die Ersten. Aber es dauerte nicht lange, dann kam auch der ganze Rest. Innerhalb einer Stunde war das Haus zum Bersten gefüllt und Marcus und Diamond hatten alle Hände damit zu tun, den Überblick zu bewahren. Trotzdem war es ein sehr angenehmer Abend. Gute Musik, köstliches Essen, umgeben von ihren engsten Freunden. Das Einzige, was wirklich erdrückend war, war die Hitze. Es war eine der wärmsten Sommernächte des Jahres und im Haus war es drückend schwül. Der Geruch von Kerzenwachs und schwerem Parfüm, in Kombination mit dem Alkohol, tat sein Übriges, sodass man sich schwummrig fühlte. Diamond wunderte sich daher nicht, dass Marcus kurz vor Mitternacht in ihr Ohr flüsterte, ihm wäre heiß und er würde mal für fünf Minuten an die frische Luft gehen. Da sie sich gerade mit anderen Gästen unterhielt, bekam sie es nur am Rande mit.
Die Zeit verging wie im Flug. Als die Uhr Mitternacht schlug, ließ jemand eine Sektflasche knallen. Die Stimmung kochte nochmal hoch, die Musik wurde lauter und Paare fanden sich zum Tanz zusammen. Mit einem Lächeln sah Diamond sich nach Marcus um. Sie hatte ihn in der Nähe von Lester erwartet. Oder bei seiner Schwester Gloria. Aber er war weit und breit nicht zu sehen. War er etwa immer noch draußen? War sein System überhitzt und er war zusammengebrochen? Diamond biss sich auf die Unterlippe und zog sich dann still und leise von der Party zurück. Ihr Weg führte sie geradewegs in den Garten.
Mit langsamen Schritten wanderte sie zwischen den Baumalleen und Blumenbeeten herum, bis sie an den Teich kam, der das Herz des Gartens markierte. Marcus zog sich oft hierher zurück. Als Diamond sich nach ihm umsah, konnte sie ihn jedoch nicht sehen. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Als sie etwas weiter ging, fiel ihr etwas auf. Ein weißer Streifen im Schatten einiger Eichen. Als sie nähertrat, merkte sie, dass das Weiß zum Hemd gehörte. Und das Hemd zu einem Körper. Um genau zu sein: Marcus‘ Körper. Diamond wusste nicht wie oder warum, aber irgendwer hatte ihm wohl eine Kugel verpasst. Geradewegs in die Stirn.
„Oh, mein armer Liebling“, wisperte sie, sank neben ihm auf die Knie und strich ihm das Haar zur Seite. Aus der Wunde drangen elektrische Funken. Keine Regung. Entweder hatte er einen Schock bekommen und sich dadurch abgeschaltet oder es wurden wichtige Schaltkreise zerstört. Aber wer hatte geschossen? Und was fast noch wichtiger war, hatte der Schütze bemerkt, dass er einen Roboter niederstreckte? Ihre hellen Augen huschten umher, aber der Garten lag völlig ruhig und verlassen da. Keine Spur eines Einbruchs.
„Brauchen Sie Hilfe, Madame?“ Sie hatte Edmund bereits gehört, bevor er gesprochen hatte. Seine schweren Schritte waren nicht zu überhören.
„Hilf mir bitte, Marcus in die Werkstatt zu bringen. Und sage dann den Gästen, dass wir den Rest des Abends abwesend sein werden. Aber sie sollen ruhig in unserem Namen weiterfeiern“, wies Diamond ihn an, ehe ein leiser Seufzer über ihre roten Lippen kam. Sie fuhr Marcus noch einmal durchs Haar, dann erhob sie sich und strich das paillettenbesetzte Abendkleid glatt. Edmund nickte wortlos und hob Marcus hoch, wie ein Kind. Er trug ihn zur Kellertür und sie traten in Diamonds kleines, kaum betretenes Reich. Automatisch fing sie an, eine leise Melodie zu summen. Der Geruch von Schmieröl und Eisenspänen stieg in ihre Nase, während sie den langen Gang durchquerten und dann in das "Operationszimmer" traten. Edmund legte Marcus auf der metallenen Liege ab, verbeugte sich und ging.
Als Diamond hörte, wie die Tür zuging, schob sie einen Riegel vor. Erst jetzt begann sie mit der Arbeit. Sie suchte ein paar Werkzeuge zusammen und legte sie bereit. Ein paar biotechnische Komponenten. Aber bevor Diamond richtig anfing, trat sie an die Tafel, die unscheinbar an der Wand hing. Sieben Kreidestriche prangten darauf. Sie fügte einen achten hinzu. Dann schaltete sie das Radio an, nahm auf dem drehbaren Hocker Platz und beugte sich über ihren Liebsten, um die Wunde nun bei gutem Licht zu inspizieren. „Bis dass der Tod uns scheidet, nicht wahr?“, wisperte sie ihm ins Ohr, auch wenn ihr klar war, dass er es nicht hörte, „Und bis weit über den Tod hinaus.“ Wie schon sieben Mal zuvor.
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