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Geschichte Nr. 8

Wettbewerbsgeschichte: GeneOS

GeneOS Erst war da nur ein Grau. Kein Raum, kein Körper. Nur Flirren hinter geschlossenen Augen, wie ein körniges Rauschen. Aber diesmal war es geordnet. Die Punkte sortierten sich zu Linien, Gitter...

Wettbewerbsgeschichte: GeneOS

Wettbewerb: Menschmaschine – VACSF26 – Vierter anonymer und chancengleicher Schreibwettbewerb auf punktasten.de

Teilnehmer-Nr.: WC2026_001_0011

GeneOS

Anonym eingereicht

GeneOS

Erst war da nur ein Grau.

Kein Raum, kein Körper. Nur Flirren hinter geschlossenen Augen, wie ein körniges Rauschen. Aber diesmal war es geordnet. Die Punkte sortierten sich zu Linien, Gittern, Spiralen. Das Licht atmete im Takt, als folge es einem Plan. Es war ruhig hier.

Dann flackerte etwas. Eine Linie rutschte aus der Ordnung, zog einen feinen Riss durch das geometrische Schweigen. Das Flirren wurde einen Moment lang dichter, grießiger, lebendiger. Oliver wollte verweilen, doch da kam ein Ruck irgendwo weit hinten, als zöge ihn jemand an einem Faden, mitten durch das leuchtende Muster hindurch.

Schwerkraft.

Kälte.

Haut.

Ein Ton bohrte sich in das Rauschen. Kurz, schrill, mechanisch. Stille, ein Herzschlag lang.

»030«, flüsterte jemand.

Drei Summtöne, wie ein Nein, nein, nein folgten.

»031«, flüsterte wieder jemand.

Das Weiß bekam Kanten. Aus dem Licht wurden Flächen, aus Flächen eine Decke. Das Flirren zog sich zurück hinter seine Augen, als hätte jemand die Helligkeit heruntergedreht. Oliver zuckte.

»Bleiben Sie ruhig«, sagte die Stimme nun fordernd. »Ihr Kreislauf stabilisiert sich.«

Oliver versuchte zu antworten. Seine Zunge fühlte sich an, als gehöre sie nicht zu ihm. Als er Luft holte, musste er sich darauf konzentrieren.

Etwas berührte seine Schläfe. Fingerspitzen, kühl und sanft.

»Sie waren kurz weg«, sagte die Stimme. Eine Frau, hörte er jetzt. »Die Übergabe hat gestockt. GeneOS hat Sie nicht sofort gefunden.«

Diese Ärztin. Wie hieß die doch gleich?

Er blinzelte. Das Licht tat weh, es brannte wie Chlorwasser in den Augen. Über ihm zeigte sich ein Gesicht hinter einer Maske, Augen mit professionellem Blick. Oliver kam es so vor, als hätte er die Frau nicht vor wenigen Minuten gesehen, sondern eher vor Monaten.

Da zuckte etwas an seinem rechten Auge, kaum spürbar, eher ein kurzes Flattern unter der Haut. Die Ärztin folgte der Bewegung mit ihrem Blick, gerade lang genug, dass er es merkte. Dann wandte sie sich zum Monitor.

»030«, sagte eine zweite Stimme irgendwo am Rand. »Jetzt 031. Werte wieder im Normbereich.«

Normbereich. Das Wort durchdrang Oliver und er entspannte sich, ließ sich wie nach einem langen und schweren Arbeitstag einfach treiben.

Da drang das Aufklärungsgespräch wieder zu ihm durch. Wie eine Impfung wäre es wohl. Ein kleiner Eingriff, ein Booster. Ein Update für das Unterbewusstsein, hatte die Ärztin gesagt, bevor sie ihm die Nadel in den Arm schob. Reine Genetik, kein Chip. GeneOS würde sein Nervensystem übernehmen, was sonst im Hintergrund lief: Atmung, Schlafrhythmus, Hormonhaushalt. Das sollte alles geordneter werden. Effizienter. Die Arbeit fokussierter.

Er hatte genickt. Wer wollte das nicht: ruhiger schlafen, klarer denken, länger durchhalten. Kein überflüssiges Fett. Optimiert. Die glücklichen Gesichter auf den Plakaten im Wartebereich hatten die Vorteile in weichen Farben aufgezählt.

In den ersten Tagen nach der Verabreichung fühlte er sich tatsächlich besser. Er wachte ohne schwere Glieder auf, bevor der Wecker klingelte. Die Gedanken lagen nebeneinander wie sauber gestapelte Akten. Bei der Arbeit liefen die Abläufe wie von selbst, als hätte jemand unsichtbar die Prioritäten sortiert. Hand in Hand mit den Maschinen und Geräten welche er bediente.

Just in Time, dachte Oliver, als er sich an seine Berufsschulzeit erinnerte.

Nur die Nächte waren anders. Früher hatte er sich manchmal an Träume erinnert, Fetzen von Bildern, Stimmen, das übliche wirre Durcheinander. Jetzt war da nichts. Nur organisiertes Rauschen. Ein vergleichbar kleiner Preis, den er gegen nächtliche Toilettengänge getauscht hatte. Aber dieses Lidzucken geht mir schon ziemlich auf die Nerven.

Oliver saß im Büro der Ärztin des Institutes. Ein Kontrolltermin.

»GeneOS arbeitet im Hintergrund«, hatte die Ärztin gesagt, als er den Zustand vor dem Schlaf erwähnte. »Das ist ein gutes Zeichen. Ihr System nimmt es an.«

Mein System?

Er lächelte höflich und unterschrieb das Nachkontrollformular. Dann blickte er noch einmal hoch und las das Namensschild. Dr. med. S. Keller. Dann verabschiedete die Ärztin Oliver, während sie noch etwas in das Tablet tippte.

Beim Hinausgehen betrachtete er sein Spiegelbild in der milchigen Glastür. Er blieb kurz stehen. Das Gesicht, das ihm entgegenblickte, war seins, vielleicht ein wenig blasser, die Augen etwas zu ruhig. Da zuckte das rechte Lid. Drei Mal kurz. Er spürte es kaum, sah es nicht. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Er atmete bewusst ein und aus.

Obwohl sich Oliver eine bessere Work-Life-Balance erhofft hatte, war er jetzt für die Anpassung mit einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu Hause. Die Dame an der Rezeption hatte gemeint, dass er es genießen solle, es könnte seine allerletzte gewesen sein.

Ruhe war es, was Oliver jetzt brauchte. Und die nahm er sich. Zu Hause hatte er sich den sortierenden Mustern hingegeben und war dann eingeschlafen.

Oliver wachte nicht einfach auf, er war plötzlich hellwach, ohne Übergang. Kein Traum, kein Bild davor, nur das Gefühl, in einen laufenden Film gesetzt worden zu sein. Sein Herz schlug, als wäre er gerade eine Treppe hinaufgerannt. Die Bettdecke lag schwer auf seiner Brust, seine Waden brannten, als hätten sie Stunden gearbeitet.

Er lag still. Die Muskeln zitterten, fein und unkoordiniert. Schweiß stand ihm auf der Stirn, kalt und klebrig. Der Raum war dunkel, aber er spürte das drängende Rauschen hinter seinen Augen.

Ich liege nur, dachte er.

In diesem Moment drängte sich ein Tagtraum in sein Bewusstsein. Oliver sah sich laufen.

Doch es war kein Traum, vielmehr eine Erinnerung, die plötzlich gestochen scharf vor ihm stand: die Strecke im Park, das rhythmische Stampfen seiner Schritte, der Wind, der durch die Bäume fuhr.

Die Waden zogen an, der Puls schoss weiter in die Höhe. Seine Atmung beschleunigte sich, obwohl er sich zwang, ruhig zu bleiben. Er versuchte, das Bild wegzuschieben, stattdessen an etwas Ruhiges zu denken, an eine Warteschlange, an Bürostühle, an alles, was sich nicht bewegte.

Dann breitete sich die Hitze weiter aus. Er spürte, wie seine Lunge schneller pumpte, tiefer, als müsse sie ein imaginäres Sauerstoffdefizit ausgleichen.

»Nicht jetzt«, flüsterte er atemlos in das dunkle Zimmer. Das rechte Lid zuckte.

Er tastete nach seinem Bend am Handgelenk, dessen Display aufleuchtete. Für den Bruchteil einer Sekunde blinkte 030 und 031 abwechselnd. Dann sprang die Anzeige auf Herzfrequenz 112. Sauerstoff gesättigt.

Er schloss die Augen wieder. Das Rauschen wurde wilder und körniger. Nach einer Weile ließ die Spannung in seinen Beinen nach, das Herz sank in einen schwereren Rhythmus. Schlaf kam keiner, nur ein grauer Dämmerzustand, in dem jeder Gedanke ein Echo im Körper erzeugte und dann verstummte.

Ungeduldig hatte Oliver vor dem Institut für Humangenetik gewartet bis es endlich öffnete. Die Hotline hatte man auf eine KI geschaltet, die Olivers fragen nicht im geringsten beantworten konnte. Also war er trotz Muskelkater hergekommen.

Dr. Keller sah gut erholt aus und lächelte Oliver an. Für ihn hatte dieser Gesichtsausdruck etwas Künstliches.

»Ihre Werte sind sehr gut«, sagte die Ärztin. Sie ließ den Blick über die Kurven gleiten, die das System ausspuckte. »Kreislauf stabil. Keine Auffälligkeiten.«

Oliver saß auf der Liege, die Hände im Schoß verkrampft. Er erzählte von der Nacht, vom Laufen im Liegen, vom Herzrasen ohne Anlass.

»Das könnte ein Anpassungsphänomen sein«, meinte sie. »GeneOS versucht, mit Ihrer individuellen inneren Anatomie zu arbeiten. Und…« Sie zögerte kurz, schob dann eine andere Grafik nach oben. »Sie erinnern sich, dass Ihr Karyotyp leicht abweicht?«

Oliver zog beide Augenbrauen fragend nach oben.

»Leicht?«, wiederholte er.

Die Ärztin machte einen Gesichtsausdruck, wie bei einer Vorlesung gelangweilter Studenten.

»Sie sind genetisch XX, mit einem transferierten SRY-Segment.« Sie sagte es so, als lese sie eine Bestellnummer vor. Oliver saß ausdruckslos da und überlegte, was das heißen sollte.

»Ähm«, begann er als Dr. Keller fortfuhr. »Also abweichend vom typisch männlichen XY-Chromosomenpaar. Das kommt vor. GeneOS arbeitet aber mit Standardprofilen. Es kann sein, dass die Zuordnung Ihrer Startadresse. Ich meine, ihres Bewusstseinsankers, etwas länger dauert.«

Oliver holte tief Luft, weil er sich nicht erinnern konnte, dass das jemals vorher erwähnt wurde.

»Länger?«, wiederholte er knapp und genervt. »Wann wollten Sie mir das denn mitteilen?«

Dr. Keller setzte sich aufrecht hin.

»Wir beobachten das.« Sie setzte wieder ein Lächeln auf. »Wenn sich die Episoden häufen, passen wir an. Im Zweifelsfall können wir GeneOS auch wieder entfernen.«

»Deinstallieren«, sagte er. Das Wort schmeckte so klinisch, wie ein OP-Saal roch.

»So nennen wir das hier nicht«, fuhr sie beruhigend fort. »Aber ja. Es ist reversibel.«

Sie beugte sich noch einmal zu ihm, leuchtete ihm in die Augen. Das rechte Lid zuckte, schneller als der Lidschlag danach. Sie hielt unmerklich den Atem an, nur einen Moment, bevor sie sich wieder aufrichtete. »Kein Grund zur Sorge. GeneOS lernt Sie kennen.«

Tagsüber konnte Oliver sich arrangieren. Die Klarheit blieb, die geordneten Gedanken, das Gefühl, dass im Hintergrund jemand sorgsam aufräumte.

Er nahm Treppen leichter, blieb bei Besprechungen konzentriert, vergaß weniger. Die Menschen um ihn herum wirkten auf ihn müder als früher.

Nachts aber bekam er Angst davor, die Augen zu schließen. Nicht wegen Albträumen, denn die blieben aus, sondern wegen der Stunden dazwischen, in denen sein Körper sich seinen Träumen hingab.

Einmal stand er morgens mit Muskelkater auf, als wäre er im Schlaf Marathon gelaufen. Ein anderes Mal wachte er mit Migräne auf. Eine von der harten Sorte mit Druck hinter den Augen, und das Rauschen war so streng geordnet, dass ihm übel wurde.

In der letzten E-Mail von Dr. Keller stand dazu: Sie sind dabei sich daran zu gewöhnen. Ihr Körper und GeneOS reden miteinander. Das ist ein gutes Zeichen. Es ist nichts, was Ihnen Schaden könnte.

Oliver saß in der Straßenbahn, sah einen Jogger am Fenster vorbeiziehen. Reflexartig dachte er an seinen eigenen Lauf vom letzten Mal. Noch bevor das Bild ganz da war, spürte er, wie seine Waden sich spannten. Ein leichter Druck im Brustkorb, der Puls ein Hauch zu schnell.

Nur Einbildung, sagte er sich.

Die Bahn fuhr weiter. Das Gefühl blieb.

Zu Hause probierte er etwas aus. Er stellte sich bewusst vor, im Park loszulaufen. Ein, zwei, drei Schritte. Die Reaktion kam wie ein Echo: der Atem vertiefte sich, der Herzschlag zog an. Nicht dramatisch, aber deutlich.

Er brach die Vorstellung ab. Dachte an seinen Schreibtisch, an Stuhlbeine, an das starre Holz. Das Herz beruhigte sich. Nach ein paar Versuchen hatte er verstanden: Zwischen dem Bild in seinem Kopf und der Reaktion seines Körpers lag kein Puffer mehr.

Es genügte, dass er sich beim Zähneputzen kurz vorstellte, er würde gleich loslaufen, um den Bus noch zu kriegen. Schon war sein Körper unterwegs. Aber damit kam er vorerst klar.

Der Tag, an dem Oliver die Torte für sich entdeckte, begann harmlos. Die überfreundlichen Mitarbeiter von GeneOS hatten ihn im Auftrag von Dr. Keller auf seinen Routinetermin in zwölf Tagen vertröstet.

Am Nachmittag war Oliver zu einem großen Familienfest eingeladen. Buffet, Tischkarten, all dem Kram, den er nur halb ertrug.

Der Saal war warm und voll. Stimmen, Gläser, Musik aus einem Lautsprecher, der zu nah an seinem Ohr stand. Zum Dessert trugen sie eine Torte auf, mehrstöckig, mit Sahne, Früchten, glänzender Glasur. Der Duft nach Zucker und Fett legte sich wie ein Film über die Luft.

Oliver dachte nicht länger an Laufen, sondern an die schwere Süße, wie an eine alte Liebe. Nach der Vorstellung der Geschmacksexplosion folgte, was sich zwangsläufig nach solcher Völlerei in seinem Bauch ausbreitete. Wie Blei lag die nicht gegessene Torte in seinem Magen. Für den Moment war Oliver rundherum zufrieden und ließ seinen Körper gewähren, in dem er lieber sitzen blieb, als aufzustehen.

Das ist es, dachte Oliver. Das Gegengewicht.

Er brauchte das Bild, nicht einmal das Essen. Er konnte wieder denken, ohne dass jeder Gedanke einen Muskel anzog.

Nun setzten Verdauungsprozesse mit all ihren Konsequenzen ein. Die Kurve in seinem Inneren drehte sich um, ohne dass er sie sah.

Oliver blieb, bis es nicht auffallen würde, einfach zu verschwinden.

Als er aufstand waren seine Beine weich, aber sie gehörten wieder ihm. An der Ausgangstür merkte er, dass etwas nicht stimmte. Die Luft schien zäh zu werden, die Schritte schwerer, als hätten sie mehr Gewicht bekommen als vorher.

Da hast du dich vielleicht etwas zu sehr beruhigt. Oliver konzentrierte sich auf eine Joggingstrecke, aber die Torte ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Mich hat mal jemand für voll genommen. Danke GeneOS.

Leise fuhr die Automatiktür hinter Oliver zu. Draußen war es kühler. Er schwitzte trotzdem. Seine Hände waren feucht, klamm, die Finger leicht taub. Er kannte das Gefühl. Unterzucker.

Die Häuserkanten flirrten im Augenwinkel. Das Rauschen hinter seinen Augen war wieder da, grobkörniger als zu Beginn, weniger geordnet. Oliver musste stehen bleiben.

Unter seinem rechten Lid begann es zu zucken. Erschöpft stützte er sich an einer Hauswand ab, zählte seine Schritte im Kopf, um keine Bilder zuzulassen. Keine Läufe, keine Straßen, keine Treppen. Nur Zahlen. Eins, zwei, drei, vier …

Jemand fragte, ob alles in Ordnung sei. Er nickte gequält. Mit zitternden Händen suchte Oliver in seinen Taschen nach etwas Zuckerhaltigem.

Mühsam hatte sich Oliver aus einem Automaten drei Schokoriegel gezogen und sich dann mit einem Taxi zum GeneOS Institut fahren lassen. Das Hereinstopfen der schmierigen Riegel war dem Fahrer ein Dorn im Auge, aber Oliver hatte auf Diabetes verwiesen. Das war zwar gelogen, besänftigte den Mann aber halbwegs.

Der echte Zucker war jedoch nur ein Strohfeuer, weil ihm die Torte nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte.

Die Praxis des Institutes war kühl und hell. Er kannte den Weg zur Liege inzwischen zu gut. Seine Hände waren kalt, als er sich hinlegte, aber sein Gesicht brannte. Sein Bauch verlangte Nachschub. Etwas, was auch GeneOS nicht überdecken konnte.

Ohne Eile betrat seine Ärztin das Zimmer.

»Sie hätten früher kommen sollen«, ermahnte Dr. Keller den Patienten, als sie die Werte überflog und auf ihrem Pad nach einem Pfleger rief.

Oliver hatte jetzt aber keinen Nerv und auch nicht die Kraft, zu erwidern, dass er deshalb ja schon öfter vorstellig gewesen war.

Ihre Stimme war ruhig, aber der Tonfall nachdenklicher als bei allen letzten Malen. »Schauen wir mal.«

»Ich habe versucht, es auszubalancieren«, erklärte Oliver.

Sie sah ihn an, als hätte er es geschafft, sie gleichzeitig zu überraschen und zu bestätigen.

Der Pfleger erschien mit einem Infusionsbeutel. Routiniert legte er einen Zugang an Olivers Handgelenk und öffnete das Ventil.

»Eine Glukoselösung«, sagte sie leise. »Sie dürfen GeneOS keine weiteren Bilder geben. Offenbar nimmt es gerade alles wörtlich. Der Ankerpunkt stimmt nicht mit der Erwartung überein. Was Sie denken, hält es für Realität.«

»Ich weiß.« Seine Stimme war kaum mehr als ein Hauch. »Deshalb bin ich hier.«

Sie nickte, als wäre damit etwas beschlossen, was sie sowieso vorhatte.

»Wir versuchen eine Neujustierung«, sagte sie. »Eine Art sanfte Rücknahme.«

Er schloss die Augen, als sie ihn an die Monitore anschloss. Das Rauschen kam sofort, bereit, als hätte es nur darauf gewartet. Diesmal war es weder ganz geordnet noch ganz chaotisch. Die Punkte flackerten, zögerten, legten sich in Muster, die sich im selben Moment wieder auflösten.

»Bereit?« fragte sie, wartete aber keine Reaktion ab. Eine kühle Welle lief von Olivers Hinterkopf nach vorn, dort, wo er sein Denken verortete. Das Weiß dehnte sich wieder aus, schmeichelnd vertraut, wie der Anfang eines längst bekannten Films.

»Diffusor injiziert«, hörte er den Pfleger sagen. Die Worte kamen gedämpft, wie durch Watte.

Er spürte sein Herz, langsam, schwer. Kein Lauf, kein Sprint. Nur diese beharrliche Maschine in seiner Brust.

Das bekannte Rauschen zog sich zusammen. Eine Stelle im Weiß wurde dichter, dunkler, als würde etwas darauf zeigen. Er hätte schwören können, dass es diesmal nicht nur GeneOS war, das suchte.

In der Ferne, hinter der Watte, glaubte er, ein leises Flattern an seinem rechten Lid zu spüren. Vier, eine Pause, vier oder nur zwei Zuckungen. Es war nicht klar zu trennen.

»Unvollständig«, sagte die Ärztin. »Das dauert jetzt etwas länger.«

Das Weiß wurde wärmer. Das Rauschen legte sich glatter, aber nicht mehr ganz so glatt wie am Anfang. Nur kleine Fehler im Muster.

Vielleicht bin ich das, dachte er. Oder GeneOS. Oder beides.

Er atmete ein. Die Luft kam ihm vor wie etwas, das er sich bewusst holte, nicht wie ein automatisch aufgefüllter Vorrat. Das Herz schlug wieder ruhig. Ein Flackern in Olivers Augenlid.

»036«, sagte die Ärztin mit fester Stimme.

»Sie sind wieder Sie«, hörte er Dr. Keller sagen. Ihre Hand lag kurz auf seinem Arm, warm und schwer genug, um wahr zu sein.

Er öffnete die Augen. Die Decke war da, das Licht, das Gesicht der Ärztin. Ihr Blick war ruhig, professionell, aber auch erleichtert.

»Wie fühlen Sie sich?« fragte sie.

Er suchte nach einer Antwort. Die Worte kamen langsamer als früher.

»Ruhig«, sagte er schließlich.

Sie nickte. »Das ist gut.«

Die Ärztin tippte etwas in ihr Tablet. »GeneOS ist jetzt stabil. Denken Sie mal an Laufen.«

In einer kleinen leisen Erwartung an beschleunigten Herzschlag, konzentrierte sich Oliver auf einen Lauf. Die Überreaktion seines Körpers blieb aus. Oliver kniff müde seine Augen zusammen und da zuckte wieder ein Lid.

Die 030 wischte Dr. Keller schnell von der Anzeige, bevor Oliver das sehen konnte.

»Das Lidzucken legt sich in den nächsten Tagen.«

Wettbewerbsgeschichte: GeneOS - Schlussbild

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