Wettbewerbsgeschichte: Optimierungen
Widerwillig betrat er das Zimmer des Psychologen und erblickte, wie zu erwarten war, eine steril anmutende Einrichtung aus Edelstahl, Chrom, Glas und High-End-Technik. Hinter dem geschwungenen Schreib...
Widerwillig betrat er das Zimmer des Psychologen und erblickte, wie zu erwarten war, eine steril anmutende Einrichtung aus Edelstahl, Chrom, Glas und High-End-Technik. Hinter dem geschwungenen Schreib...
Widerwillig betrat er das Zimmer des Psychologen und erblickte, wie zu erwarten war, eine steril anmutende Einrichtung aus Edelstahl, Chrom, Glas und High-End-Technik. Hinter dem geschwungenen Schreibtisch saß ein Mann und wischte mit seinen Händen flink durch das Bedienfeld. Ohne aufzublicken bat er seinen Patienten auf die Couch.
„Kommen Sie rein und nehmen Sie Platz.“
Die Begrüßung erschien dem jungen Mann in der Tür genauso unpersönlich wie der Raum.
„So, verzeihen Sie bitte. Das war wichtig. Sie müssen E-130517 sein, richtig“, erkundigte sich der Mann eher rhetorisch, wobei seine gelben Augen sich mehrfach zu fokussieren schienen.
„Sie können mich ruhig Eric nennen.“
Irritiert sah der Psychologe erneut auf sein Bedienfeld: „Aber Ihre Arbeits-ID lautet doch E-130517, oder?“
Genervt starrte Eric aus dem die ganze Wand einnehmende Bürofenster in die Kakophonie aus grellen Werbetafeln, die sich schier ins Endlose zu erstrecken schienen. Von hier aus, der 236. Etage, konnte man fast bis an das rauchverhangene Ostende der Stadt blicken.
„Mein Name bleibt Eric.“
Amüsiert und mit einem recht süffisanten Lächeln lehnte sich der Psychologe in seinem Sessel zurück und verschränkte seine Finger.
„Nun, in diesem Fall können Sie mich selbstverständlich ebenfalls beim Vornamen nennen. Ich bin Carl. Aber Ihnen, lieber Eric, ist doch bewusst, dass sie von Ihrem Arbeitgeber bzw. Ihrem Vorgesetzten zu mir geschickt wurden, oder?“
„Freiwillig bin ich nicht hier. Es wurde mir de facto befohlen“, erwiderte der junge Mann auf der Couch die nächste rhetorische Frage.
„In meiner Akte steht, dass Sie sich ihrem Arbeitgeber gegenüber mehrfach kritisch geäußert haben. Was haben Sie denn gesagt“, fragte Carl und fast klang er tatsächlich unwissend, dachte sich Eric. Als ob es von seinen Äußerungen keine Aufnahmen und Mitschnitte gab. Der ganze Firmenkomplex, verdammt, die ganze Stadt, wurde flächendeckend video- und audioüberwacht.
„Ich würde es eher milde Bedenken zum Weg, den mein Arbeitsgeber eingeschlagen hat nennen und bevor Sie fragen, ja, auch zur allgemeinen Entwicklung unserer Gesellschaft.“ Eric hat sich diese Worte bereits im Voraus im Kopf zurechtgelegt.
Der Psychologe lehnte sich leicht nach vorne und musterte seinen Patienten eindringlich. Das Surren der Augen löste Erics Blick vom Fenster und so sahen sich beide Männer das erste Mal von Angesicht zu Angesicht.
Es waren zwei gegensätzliche Bilder. Auf der einen Seite Eric, Anfang 20, wilde braune Mähne, in grauer Arbeitskleidung und eher hager. Auf der anderen Seite Carl, Mitte 50, mit streng gescheiteltem, weißem Haar und wirkte, trotz seines Alters, sehr drahtig unter dem blütenreinen Hemd. Und selbstverständlich gab es die Augen: Grün, melancholisch und ständig suchend beim jungen Mann und gelb, mechanisch und ja, kalt beim Psychologen.
Dieser ergriff als Erster wieder das Wort: „Das klingt beinahe so, als würden Sie unsere gesellschaftlichen Errungenschaften nicht gutheißen. Dank des Sprachchips, den man sich einsetzen lassen kann, gibt es quasi keine Sprachbarrieren mehr. Computer und Roboter haben alle, nun, nennen wir sie niederen Arbeiten, übernommen. Durch die Grundversorgung für jeden Bürger gibt es praktisch keine hungernden Menschen mehr und unsere Implantate ermöglichen es körperliche Gebrechen zu korrigieren, so dass diese Personen wieder am Leben und Alltag teilnehmen können. Alles in allem klingt das in meinen Ohren doch ganz gut.“
Selbstzufrieden lehnte sich Carl erneut zurück.
Eric hingegen, der den Ausführungen seines Gegenübers aufmerksam gefolgt war, wirkte niedergeschlagener als zuvor. Sein Blick verfing sich ein weiteres Mal in den Neonweiten jenseits des Fensters.
„Sie klingen beinahe wie der Erzähler in den Werbeclips meines Arbeitsgebers“, begann der junge Mann ruhig, steigerte sich dann aber immer weiter in seine Argumentation hinein, „alles was Sie gesagt haben stimmt nur mit Abzügen und das ist Ihnen bewusst. Ja, der Sprachchip hat Grenzen eingerissen. Allerdings nur für jene, die ihn sich leisten können. Ja, niedere Arbeiten muss niemand mehr verrichten. Doch den betroffenen Menschen wurde keine Alternative oder Ausbildung ermöglicht, wodurch sie ohne Arbeit dastehen. Und nur wer eine Arbeit hat ist im System erfasst, ergo auch Bürger und bekommt die Grundversorgung, die, gelinde gesagt, ein Witz ist, gemessen an den Möglichkeiten dieser Stadt“, mittlerweile schaut der junge Mann den Psychologen wieder an, der noch immer ungerührt dasitzt. Eric führt seine Ansprache fort, „da brauchen Sie sich nicht wundern, dass Menschen lieber in die Einöden fliehen, als ständig überwacht zu werden. Genauso wenig braucht man sich nicht über die Schwarzmärkte und die beinahe täglichen Hackerangriffe wundern. Und von den Implantaten möchte ich gar nicht anfangen ...“
Wie auf Zuruf fiel ihm Carl ins Wort: „Ich war blind. Nur dank der Implantate ist er mir möglich, meinen Beruf auszuführen, mich im Alltag frei bewegen zu können.“
„Waren Sie in Ihrem Alltag denn schon mal tiefer als die 20. Etage? Ich vermute nicht. Da würde man Ihnen die Augen mit einem stumpfen Messer aus dem Gesicht puhlen, um sie zu Credits zu machen. Wenn es Ihnen nur um die Blindheit gegangen wäre, hätte Sie sich auch echte Augen operieren lassen können. Aber sie haben sich für diese entschieden“, Eric zeigt auf die gelben Punkte, die ihn anstarren, „was können sie noch? Wärmesignaturen erkennen? Erleichtert Ihnen das die Arbeit mit lügenden Patienten“, beendet er seine Tirade.
Kurz herrscht Stille im Raum. Die beiden Männer fixieren sich, wobei Eric immer nervöser erscheint, da er sich nicht sicher war, ob er eine Grenze überschritten hatte.
„Sie sind clever für Ihr Alter. In der Tat helfen mir diese Augen so, wie von Ihnen beschrieben. Finden Sie das moralisch verwerflich?“
Eric fasst sich ein Herz: „Verstehen Sie mich nicht falsch, bei Ihnen ist es noch harmlos bzw. waren die Augen zumindest Teil einer sinnvollen Operation. Aber wie lange hat es damals gedauert, nach den ersten erfolgreichen Implantaten, dass die ersten Menschen sich einfach nur aus Spaß, weil sie das nötige Geld hatten oder sich wie Götter fühlen wollten Ärzte dafür bezahlten, Ihnen alle möglichen kybernetischen, bionischen und biologischen Gliedmaßen, Extraorgane und was weiß ich noch alles in Ihre Körper zu operieren.“
Der Psychologe legte den Kopf leicht schräg und untermalte damit seine Frage des Unverständnisses: „Was ist denn daran schlimm, wenn sie Menschen optimieren möchten? Bei den ganzen Schönheitsoperationen ist es de facto nichts Anderes, oder sehe ich das falsch?“
„Wenn man sich das Gesicht liften lässt, verändert man sein Äußeres und eventuell auch seinen Charakter, je nachdem wie man danach wahrgenommen wird und sich selbst sieht. Wenn man sich einen bionischen Arm ‚einbauen‘ lässt, mit dem man Zement und Metallplatten zertrümmern kann, schreit das doch geradezu nach Gewalt. Roboter übernehmen unsere Arbeit, damit wir selbst zu welchen werden können? Für mich hat das nichts mehr mit Selbstoptimierung zu tun, sondern mit Selbstzerstörung.“
Erschöpft ließ sich Eric nach seiner Ansprache in die Couch fallen.
Carl stand auf und ging, mit hinter dem Rücken verschränkten Armen, nun seinerseits zum Fenster. Er sprach mehr zu Erics Spiegelbild, als zu dem Mann, der auf dem Sofa lag.
„Evolution ist nicht immer nur eine vorwärtsgewandte Entwicklung. Gelegentlich muss erst etwas kaputtgehen oder zerstört werden, damit der nächste Schritt möglich ist. Liegt der Fall hier vielleicht nicht genau so? Wir dekonstruieren Schwächen und erschaffen weiterentwickelte Menschen. Man könnte es so sehen.“
Mit den Ellbogen auf den Oberschenkeln, den Handflächen auf seiner Stirn und geschlossenen Augen, begann Eric nur langsam seine Lippen zu bewegen: „Abgesehen davon es sich nur reiche Personen leisten können, von einer KI gesagt zu bekommen, was ihre vermeidlichen Schwachstellen sind, dachte ich eigentlich immer, Evolution wäre etwas Biologisches, sich natürlich entwickelndes. Und bitte kommen Sie mir nicht mit den Extraorganen. Zwei Herzen, zusätzliche Muskeln in den Waden usw. haben auch hier nichts mehr Mensch sein zu tun.“
Den Blick weiterhin starr aus dem Fenster gerichtet entgegnete Carl genauso langsam: „Eventuell sind die Zeiten der reinen Biologie vorbei.“
„Aber was hat es denn noch mit Mensch sein zu tun, wenn ich keine Schwächen mehr habe, keine Unzulänglichkeiten. Das ist doch nicht mehr ‚echt‘. Allein die Vorstellung fühlt sich für mich künstlich an.“
„Macht nicht der Geist, der Verstand, einen Menschen zu dem was er ist? Seine Fähigkeit zu denken, Dinge zu erschaffen und weiterzuentwickeln? Weshalb nicht sich selbst?“
„Der Körper gehört dazu, die Bindung und das Gefühl das man zu ihm hat. Wenn man ohne Schmerzen durch Wände rennen kann, verändert das auch den Geist. Und ich tendiere zu sagen, nicht zum Guten. Wir entfremden uns von uns selbst, von unserem Menschsein. Eine körperliche Evolution, eine Optimierung, sollte den Geist mitnehmen und umgekehrt. Wenn ich mich in der Stadt umblicke, sehe wie sich die Menschen mit ihren neuen Fähigkeiten verhalten, dann verzweifle ich. So haben wir als Menschheit keine Zukunft.“
Nur leicht drehte der Psychologe, noch immer am Fenster stehend, seinen Kopf zur Coach, wo sich Eric mittlerweile der vollen Länge nach hingelegt hatte und mit leerem Blick an die Decke starrte.
„Mein junger Freund, an Ihnen ist ein Philosoph verloren gegangen“, kamen beinahe joviale Worte aus seinem Mund.
Entsprechend überrascht setzte sich Eric auf, während Carl fortfuhr: „Sie haben keinesfalls Unrecht und glauben Sie mir, sie sind auch nicht die einzige Person die so fühlt. Das Menschsein hat sich verändert, jedoch so schnell, dass wir es noch nicht begriffen haben, uns noch nicht zurecht finden in dieser neuen Welt.“
Der Psychologe drehte sich um und ging die zwei Schritte auf die Couch zu, auf der Eric noch immer wie angewurzelt dasaß und seinen Gesprächspartner anstarrte.
„Sie schlagen sich wacker und dass sie sich Gedanken um Geist und Gewissen machen, spricht für Sie. Mir hat unser kleiner Austausch sehr gut gefallen. Ich hoffe Sie verzeihen mir die kleinen Sticheleien, aber das ist mein Beruf und Sie mussten ihre Gefühle loswerden.“
Mit einem leichten Lächeln und neuer Entschlossenheit erhob sich Eric, reichte Carl die Hand und bedankte sich für die Worte und die Ermutigung. Kurz standen sich beide Männer händeschüttelnd gegenüber und der jüngere empfand zum ersten Mal seit langem so etwas wie Zuversicht und war glücklich eine Person gefunden zu haben, die ihm zuhörte, die noch Mensch geblieben war. Dementsprechend fragte er, ob es für ihn möglich sei, erneut vorbei zu kommen oder vielleicht sogar feste Termine zu vereinbaren.
„Es würde mich sehr freuen, Sie hier wieder sehen zu dürfen. Nun muss ich Sie aber leider hinaus bitten, da ich gleich das nächste Meeting habe.“
Eric verabschiedete sich und schritt gut gelaunt aus der Tür des Büros.
Kaum war diese geschlossen, blinkte das Bedienfeld auf dem Schreibtisch auf. Carl tippte kurz darauf und nahm den Anruf entgegen.
„Sie haben alles mitgehört?“
…
„Das sehe ich genau so, ja, unverbesserlich.“
…
„Ich denke nicht, nein.“
…
„Wenn Sie das wünschen, kann ich …“
…
„Nein, nein, das ist gar kein Problem. So gut wie erledigt.“
…
„Ich kümmere mich selbst darum. Machen Sie sich keine Sorgen.“
…
„Ja, die Akte werde ich ebenfalls löschen. Keine Spuren, klar“
…
„Sehr gerne komme ich am Freitag zum Abendessen. Ich melde mich wenn die Sache erledigt ist. Bis dann.“
Nachdem Carl aufgelegt hatte schritt er erneut an das Fenster und blickte über die Lichter und Gebäude, über die Magnettrams und die Bürger der Stadt. Seine rechte Hand spielte mit dem Datenstick, auf dem sich der Mitschnitt von Gespräch und Telefonat befand. Dieser Hacker ‚Dante‘ würde sich sicher dafür interessieren. Vermutlich auch der Aufsichtsrat, oben in Etage 300. Gerne hätte er auf seinen Erfolg angestoßen, doch Alkohol war oberhalb der 40. Stockwerke verboten. Sei es drum, dachte sich Carl gleichmütig. Schließlich hielt er die Zukunft in den Händen.
Zufrieden sah er jenseits der Scheibe seine ganz persönliche schöne, neue Welt.
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