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Geschichte Nr. 14

Wettbewerbsgeschichte: Status Quo

Status Quo   Sie waren geschickt gewesen. Sie hatten uns eine strahlende Zukunft versprochen. Sie haben uns alles genommen. Wann hatte es angefangen? Sicherlich schon lange vor den einschneidenden Er...

Wettbewerbsgeschichte: Status Quo

Wettbewerb: Menschmaschine – VACSF26 – Vierter anonymer und chancengleicher Schreibwettbewerb auf punktasten.de

Teilnehmer-Nr.: WC2026_001_0017

Status Quo

Anonym eingereicht

Status Quo

 

Sie waren geschickt gewesen. Sie hatten uns eine strahlende Zukunft versprochen. Sie haben uns alles genommen.

Wann hatte es angefangen? Sicherlich schon lange vor den einschneidenden Ereignissen zu Beginn der 20er Jahre. Doch nach dem Ende der großen Pandemie im Jahr 2022 und dem Aufstieg des US-Autokraten nahmen die Dinge eine Wendung zum Schlechteren. Die ursprünglich vom indischen Wissenschafts-Genie Pradib Khan entwickelte Idee der „After Live“-Technologie wurde von der T-Rex Corporation übernommen und mit einem nie dagewesenen Ressourcen-Einsatz bis zur Marktreife entwickelt.

Khan hatte nach Mittel und Wegen gesucht, seinen brillanten Geist für die Nachwelt zu erhalten. Lange Zeit versuchte er seine Denkprozesse auf eine Künstliche Intelligenz zu übertragen. Doch selbst der weit fortgeschrittene Quantencomputer schaffte es lediglich, aus Khans Ideen die logischen Schlüsse zu ziehen – es fehlte immer der Funken Intuition, der es dem Genie erlaubte, seinen Gedanken eine neue, nicht zwangsläufig logisch erscheinende Richtung zu geben. Khan nannte dies seinen persönlichen Rösselsprung.

Und so ein „Rösselsprung“ war es schließlich, der den Durchbruch brachte: Anstatt einem hoch entwickelten Computer beizubringen, wie ein Genie zu denken, entwarf Khan eine Möglichkeit, die Biologie des Menschen mit den Vorteilen einer computerunterstützten, kybernetischen Existenz zu verschmelzen. Mithilfe neuronaler Interfaces schuf er die Cyborgs.

In seinen ersten Entwürfen übertrug der Wissenschaftler Gehirn, Rückenmark und wichtige Nervenstränge von Primaten in spezielle Körperkonstruktionen. Er bettete die organischen Komponenten in ein hochfestes Kunststoffgefäß, das mit supraleitender Nährflüssigkeit gefüllt war. Impulse des Gehirns wurden dann über die Nervenbahnen bis zu den angesprochenen Gliedmaßen geleitet, wo sie übersprangen und die in die Hülle eingearbeiteten Interfaces des künstlichen Körpers aktivierten. Die dezentralen Mikrochips setzten die in Maschinensprache umgewandelten Impulse um und gaben ihrerseits Befehle an die Aktorik des künstlichen Körpers. Ähnlich verhielt es sich mit der Wahrnehmung der Umwelt: Die von den Sensoren eingefangenen Signale der Außenwelt wurden von den Interfaces in körperidentische Nervenimpulse umgewandelt und dem Gehirn zur Interpretation übermittelt. Da Khan hier die gesamte Bandbreite der Sensorik nutzte, waren seine Cyborgs in der Lage, ihre Umwelt viel weitreichender zu erfassen, als es einem Menschen möglich war. Die Leistung der künstlichen Sinnesorgane war tausendfach höher, als die ihrer biologischen Entsprechungen.

 

Doch bevor Khan seine Experimente auf den Menschen übertragen konnte, kam der indisch-pakistanische Krieg. Lange hatte der Konflikt geschwellt, doch angeheizt von einer Reihe terroristischer Anschläge eskalierte die Lage rasend schnell. Als indische Truppen nur noch wenige Kilometer vor Islamabad standen, zündete das pakistanische Militär die Atomraketen. Delhi und Neu-Delhi verglühten, ebenso wie zwei Dutzend andere Großstädte. Die Inder schlugen zurück und über eine Milliarde Menschenleben endete. Der Subkontinent verwandelte sich in eine heiß strahlende Hölle, sogar im weniger betroffenen Süden, wo Khan in den unterirdischen Laboratorien von Kanyakumari geforscht hatte.

Dieser Krieg veränderte die Welt. Das angeschlagene Klima-Gleichgewicht kippte. Ungeheure Hitze, Stürme von nie dagewesenen Ausmaßen, verseuchte Regenfälle, Missernten – die Lebensbedingungen wurden immer schlechter. Und immer mehr Menschen starben.

Der amerikanische Präsident nutzte die Gunst der Stunde, verhängte den nationalen Notstand und errichtete eine Autokratie. Im Zuge seines America-First-Deals befahl er, in verdeckten Aktionen wissenschaftliche Erkenntnisse aus der ganzen Welt für das amerikanische Volk zu sichern. Und so kamen Khans Forschungsergebnisse, die den Krieg sicher auf den Servern des Rechenzentrums in den geschützten Kellern von Kanyakumari überstanden hatten, in die Hände des US-Militärs und der Nationalen Sicherheitsbehörde in Washington.

 

Rasch wurde den Experten klar, welche enormen Möglichkeiten Khans geheimen Aufzeichnungen bargen. Und Warren Right, der Chef des US-Sicherheitsrates und glühender Anhänger des greisen US-Autokraten, entwarf daraufhin den Immortal-Plan: Die T-Rex Corporation, ein kleines Biotech-Startup aus dem Firmenimperium des Präsidenten, sollte die Khan-Technologie innerhalb von 12 Monaten weiterentwickeln und perfektionieren, um neue, unsterbliche Körper für den Herrscher und seine Führungskader zu erschaffen.

Das Experiment gelang – und lockte Tausende an, die sich ein Leben in Ewigkeit wünschten. Milliardäre, Herrscher, hochrangige Politiker und Militärs aus der ganzen Welt, alle strömten nach Tulsa, Oklahoma, dem Sitz des Unternehmens, um sich maßgeschneiderte, künstliche Körper zuzulegen. Manchen genügte ein möglichst mit dem Original identisches Erscheinungsbild, andere, wie der russische Diktator, legten sich optisch erheblich verbesserte Kopien zu.

 

Die T-Rex Corporation stieg rasch zum wertvollsten Unternehmen der Welt auf und ließ die einst stolzen Internet-Giganten weit hinter sich. Bald schon konnten sich auch einfache Millionäre und Konzernmanager die Unsterblichkeit sichern und irgendwann brachte das Unternehmen das Massenmodell „T-Star“ heraus, einen modular aufgebauten Körper, der sich höchst effizient an seine jeweilige Aufgabe anpassen ließ. Angetrieben von einem unaufhörlichen Strom von Influencer-Berichten in den sozialen Medien stürmten die Massen der Gutverdiener in die „Ewigkeitsfabriken“ von T-Rex.

 

Heute ist der Immortal-Plan aufgegangen. Verteilt über die gesamte Welt leben gerade noch zwei Milliarden Menschen, zehn Prozent davon sind Cyborgs. Das Miteinander ist strikt hierarchisch aufgebaut, der demokratische Leitgedanke vollständig ausgemerzt. Die „echten“ Menschen stehen auf der untersten Stufe und arbeiten von ihrem zehnten Lebensjahr an bis zum Tod für „die Allgemeinheit“. Die einfachen T-Star-Cyborgs stehen über den Menschen, kontrollieren diese und sorgen dafür, dass niemand aus der Struktur ausbricht.

Die T-Stars stehen unter dem Befehl der „Loge“, zu der die knapp eine Million Cyborgs der Reichen und Mächtigen der vergangenen Weltordnung gehören. Diese wiederum müssen sich den Wünschen und Anweisungen des innersten Zirkels um den Autokraten beugen.

Dieses neue, weltumspannende Kastensystem ist unwiderruflich, denn Warren Right hat allen Cyborgs, die nach dem innersten Zirkel geschaffen wurden, noch ein besonderes Geschenk mitgegeben, den „Roten Knopf“. Dieses interne Sicherheitssystem eliminiert den Körper des Cyborgs zuverlässig, wenn sich die Aktionen des Trägers gegen das System richten – und so scheint der Status Quo auf ewig zementiert. Es sei denn…

 

Mein Name war Peter Golding, doch heute diene ich als PG-231-17 in der Loge des Autokraten. In meinem früheren Leben habe ich den Software-Konzern MilleniumQuantum aufgebaut und an die Spitze der IT-Security-Branche geführt. Ich gehöre zur Elite, mir unterstehen 250.000 T-Stars, ich bin für das frühere Deutschland verantwortlich – und mein Körper ist dem T-800, dem legendären Terminator nachempfunden.

Als Cyborg kann ich fast rund um die Uhr wach bleiben, mein Gehirn braucht lediglich zwei halbstündige Pausen. Pausen, die ich fürchte, denn ich träume. Ich träume von der Vergangenheit, von der verloren gegangenen Menschlichkeit, von meinen Eltern, meinen Geschwistern, von Tanja, meiner Liebe, die mich verlassen hat, weil ich nie Zeit hatte, von Tim und Chris, meinen Söhnen, die mit ihr gegangen sind vor so vielen Jahren. Ich lasse mir nichts anmerken, ich wahre die Interessen des Herrschers in meiner Provinz – mit aller Härte.

 

Heute ist wieder so ein Tag. Ein Tag, wie ich ihn schon tausende Male erlebt habe. Früh am Morgen schon twittert der Autokrat seine Gedanken in die Welt. Alles ist großartig Dank seiner weisen Herrschaft. Lokale Aufstände echter Menschen gegen sein Regime in irgendeiner weit entlegenen Provinz sind von den großartigen T-Stars niedergeschlagen worden. Das System ist stabil und alle Menschen sind nach wie vor überzeugt, dass die von ihm geschaffenen Welt die beste aller möglichen Welten sei.

Es ist so langweilig. Doch ich retweete und lobe die Weitsicht und das Verantwortungsgefühl des großartigsten Herrschers, der je gelebt hat. Und Millionen T-Stars und Logen-Mitglieder feiern den Autokraten ebenso.

Doch heute ist auch ein besonderer Tag. Heute bin ich zusammen mit allen anderen Mitgliedern der Loge in Washington, um den Tag der Unsterblichmachung zu feiern. Den Tag, an dem der Autokrat seinen Körper erhielt, einen der wenigen Körper, die exakt das Ebenbild der sterblichen Hülle sind. Gelbhaarig, massiv, orange Haut, weiße Augenringe: Unser Herrscher steht für Kontinuität.

 

Ich habe wieder schlecht geschlafen. Ich scanne die Berichte meiner Statthalter über das VR-Modul. Hamburg: Alles OK. Berlin: Alles OK. Frankfurt: Alles OK. Hannover: Zwischenfälle. Ich rufe die Einzelheiten ab.

## Monatsbericht 8/2043 ##

Kommandantur Hannover, Distrikt Nord

Zwischenfall der Kategorie 3, Revolte am Maschsee

T-Star-Kompanie Delta ausgerückt, Einsatz von Schock- und Projektilwaffen

Menschenmenge nach massiver Intervention zerstreut.

Verluste: Keine

Biologischer Ausschuss: Ann-Marie Schneider (Arbeiterin, 22), Roland Schneider (Arbeiter, 28), Kevin Borchert (Arbeiter Klasse II, 28), Tanja Sörensen (Aufsicht, 52), Tim Sörensen (Arbeiter, 26), Pjotr Kandinsky (Metallwerker, 35) ….

 

Nein, denke ich, das kann nicht sein, sie sollten da nicht gewesen sein. Mit fahrigen Handbewegungen sortiere ich die Hologramme der Akten und rufe zwei bestimmte Ordner auf. Die eingespielten 3D-Körper-Scans lassen keine Zweifel zu, ich erkenne sie, auch nach so vielen Jahren …

 

Niemand sieht mir an, was ich denke. Die Mimik des T-800 ist genauso unbewegt, wie die der Vorlage.

Ich steige in einen autonomen Exec-People-Mover, der mich zu den Feierlichkeiten bringen soll. Doch nach wenigen hundert Metern befehle ich der Bord-KI anzuhalten. Ich überlege einige Minuten. Dann lasse ich mich zum Warren-Right-Building bringen. Dieser festungsartige Klotz beherbergt den Mega-Quanten-Computer der T-Rex Corporation, das Herzstück des Cyborg-Programms. Hier werden nicht nur die Updates entworfen und weltweit verteilt, hier können die Cyborgs des innersten Zirkels und der Loge auch defekte Komponenten ersetzen lassen.

Mein Plan ist einfach: Mit einem Ruck habe ich das Knie meines linken Beins verbogen. Dieser Schaden sollte ausreichen, um mir Zugang zum Wartungsbereich zu verschaffen. Bin ich einmal dort, ist der Rest ein Kinderspiel. Die Schutzeinrichtungen der Anlage sind nur nach Außen gerichtet, im Inneren hielt man das nicht für notwendig. Wozu auch? Hierher kommen nur Cyborgs, die an der Aufrechterhaltung des Status Quo interessiert sind und daher keine Gefahr darstellen.

Wie geht es dann weiter? Ich muss ein Terminal finden und versuchen, die KI zu infiltrieren. Mit meinen Kenntnissen aus meinem früheren Leben werde ich dann den Shutdown der Computersysteme in sämtlichen Cyborgs provozieren. Das ist ganz einfach: Ich flute alle Prozessoren gleichzeitig mit ungeheuren Datenmengen. Die überlasteten Systeme werden sich binnen Sekunden abschalten, das war's dann mit der Herrschaft der Cyborgs.

Der Exec-People-Mover erreicht das Gebäude. Ich steige aus und humpele zum Eingang. Mein Status als Deutschland-Gouverneur verschafft mir rasch Einlass. Das System weist mir einen Wartungs-Kokon auf Ebene 12 zu.

Ich betrete den Zentralbereich und gehe zur Aufzugsgruppe. Im Aufzug drücke ich nicht auf die 12, sondern auf den Knopf mit der Markierung KI. Die Tür schließt sich und die Fahrt nach unten beginnt.

Als die Tür aufgleitet, sehe ich vor mir einen etwa 20 Meter langen Gang, der an einer Stahltür endet. Vorsichtig gehe ich darauf zu, doch nichts passiert. Kein Alarm, keine Warnlampen, nichts. Die Absätze meiner Biker-Stiefel klacken auf dem gefliesten Boden.

Die Tür ist bis auf eine Klinke völlig glatt.

‚Kann es so einfach sein?‘ frage ich mich, doch dann drücke ich die Klinke nach unten. Die Tür schwingt auf und nach drei Schritten stehe ich in einem altmodisch anmutenden Kontrollraum. Vor mir sehe ich eine etwa 100 Quadratmeter große Wand voller LED-Monitore, über die endlosen Zeilen Maschinensprache laufen. Davor steht eine Konsole mit einer echten, in Zeiten der interaktiven VR-Programmierung antik anmutenden Logitech-Tastatur. Aber ich kenne mich aus.

Ich setze mich auf den Drehstuhl, drücke das On/Off-Symbol und warte.

Vor mir verändert sich das Bild: Die mittleren 20 Monitore verschmelzen zu einem, auf dem „Ihre Eingabe?“ blinkt.

Mit fliegenden Fingern lege ich los. Der Code ist mir vertraut, Quantum 22 war die Standardsprache für KI-Computer, als ich noch Mensch war. Ich orientiere mich kurz, dann fang ich an zu programmieren. Stunden um Stunden vergehen, doch ich kenne keine Müdigkeit.

Während ich konzentriert arbeite und den Overload-Virus programmiere, flackert am Rande meines Bewusstseins immer wieder ein Gedanke auf, lästig wie eine Schmeißfliege. Ich schiebe ihn beiseite und arbeite weiter. 

Schließlich bin ich fertig. Ich checke über das VR-Modul die Uhrzeit, es ist mittlerweile kurz vor Mitternacht und die Feierlichkeiten des Tages der Unsterblichmachung nähern sich ihrem Höhepunkt.

Mein Finger verharrt über der Enter-Taste. Soll ich es tun? Soll ich dem Wahnsinn ein Ende bereiten? Vor meinem inneren Auge tauchen die Gesichter von Tanja und Tim auf. Ich schlage mit der Faust auf die Taste, die Monitore werden dunkel.

Ich warte. Doch nichts passiert. Habe ich einen Fehler gemacht? Der Overload-Virus hätte doch schon sein zerstörerisches Werk vollendet haben müssen. Warum aber habe ich noch die volle Kontrolle über meinen Körper?

Plötzlich leuchtet der Hauptmonitor wieder auf und ein Gesicht erscheint. „Netter Versuch, PG-231-17“, sagt Warren Right im Plauderton, „Ich war gespannt, wie weit du gehen würdest. Aber jetzt wird es Zeit, zu deiner Familie aufzubrechen.“

`Der Rote Knopf`, schießt es mir durch den Kopf, `jetzt drückt er den Roten Kno……`

Wettbewerbsgeschichte: Status Quo - Schlussbild

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