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Geschichte Nr. 18

Wettbewerbsgeschichte: Oneshot Cato

Oneshot Cato – Thema „Menschmaschine“ Punktasten Das Genick knackte unter seinen Händen und das Gewicht seines Ziels sackte mit einem Mal in Richtung Boden. Er machte einen Schritt zurück und ...

Wettbewerbsgeschichte: Oneshot Cato

Wettbewerb: Menschmaschine – VACSF26 – Vierter anonymer und chancengleicher Schreibwettbewerb auf punktasten.de

Teilnehmer-Nr.: WC2026_001_0021

Oneshot Cato

Anonym eingereicht

Oneshot Cato – Thema „Menschmaschine“ Punktasten

Das Genick knackte unter seinen Händen und das Gewicht seines Ziels sackte mit einem Mal in Richtung Boden. Er machte einen Schritt zurück und sah zu, wie das ehemalige Ziel in sich zusammenfiel. Kurz warf er einen Blick in die unmittelbare Umgebung. Keiner da, keine Kameradrohnen. Er zog sich in die Schatten zurück.

Ihm war es lieber, wenn ein Auftrag so reibungslos funktionierte. Am liebsten tötete er mit der Hand statt mit einem Lasergewehr, das man zurückverfolgen konnte. Meistens gab es keine Probleme, aber manchmal war ein Ziel doch etwas widerspenstiger und klammerte sich sehr ans Leben. Da musste er dann kreativ werden. Bisher hatte er aber all seine Aufträge abgeschlossen. Kurze Nachricht an den Auftraggeber: „Auftrag abgeschlossen!“

Diese Arbeit verschaffte ihm in einer desolaten Wirtschaftslage wie der von Star City einen enormen Vorteil: keine finanziellen Engpässe. Das war nicht der Grund, warum er sie machte. Er hielt sich auf dem Weg in sein Dachquartier in den Schatten oberhalb der Menschen, sprang von Dach zu Dach oder balancierte auf schmalen Brückenstreben. Unterwegs begann seine Hand zu zittern. Er fluchte. Schon wieder?

Als er sein Quartier erreichte, schloss er das Fenster. Er seufzte. Sein Implantat machte schon seit längerer Zeit Probleme, aber er hatte das geflissentlich ignoriert, so wie er alles ignorierte, was ihn an seinen Vater erinnerte. Womöglich hätte der nicht ganz so viel von Catos Gehirn entfernen sollen, als er ihm das Implantat als Kind eingesetzt hatte. Was auch immer damit nicht stimmte, es würde über kurz oder lang zu einem ernsten Problem werden.

So schnell er konnte zog er den Mantel aus und legte sich auf die Couch. Es würde bald beginnen. Danach würde er keine Erinnerung an die Zeit haben, die er auf dem Sofa gelegen hatte. Nur an der Uhr konnte er ablesen, dass er ungefähr zwei bis drei Stunden so dalag und an die Wand starrte. Dass seine Augen dabei die ganze Zeit offen waren, merkte er daran, dass sie nachher extrem trocken waren. Wenn er aufwachte, hatte er Probleme zu atmen, weil ihm Blut die Nase und den Mund verlebten. Jedes Mal musste er sein Gesicht von verkrustetem Blut befreien, das ihm aus den Augen, dem Mund und der Nase gelaufen war. Es war lächerlich! Hier war er, Assassine und tödliche Waffe, Mörder von hunderten seiner Ziele – und er lag stundenlang starr auf dem Bett, gab geriatrische Geräusche von sich und blutete aus allen Körperöffnungen.

Er wartete. Das Zittern in seinen Händen wurde stärker. Er schloss die Augen und atmete vor sich hin. Leider war es ihm nicht gelungen, einen Arzt zu finden, der ihm helfen konnte. Es war zu speziell, niemand kannte sich mit dieser Art Augmentierung aus. Sein Vater war der erste gewesen, der überhaupt damit experimentiert hatte. Cato kam sich auch vor wie ein Experiment – ein in die Hose gegangenes Experiment.

Er begann am ganzen Körper zu zittern und schließlich setzte seine Erinnerung aus. Rückblickend war es womöglich gut, dass er diese Zeit nicht bewusst miterlebte. Er konnte sich nicht bewegen und sich nicht verteidigen. Von daher war es gut, dass er in seinem Dachquartier war.

Als er wieder bewusst wahrnahm, checkte er zunächst die Uhr. Zwei Stunden fünfunddreißig Minuten später. Die Starre hielt noch an, es brauchte immer fünf oder zehn Minuten, bis er sich rühren konnte. Vielleicht brauchte er keinen Arzt, sondern einen Robotikexperten. Wenn an dem Rest seines organischen Hirns alles okay war, lief vielleicht nur das Implantat nicht richtig. Seinen Vater, den Schöpfer dieses Dings, konnte er nicht mehr fragen. Es war nur bedauerlich, dass er nicht derjenige gewesen war, der ihn getötet hatte.

Zum Glück keine Aufträge heute. Er konnte sich seine Zeit selbst einteilen – ein wahrer Vorteil bei diesen Anfällen. Sie häuften sich. Ob er seiner Arbeit bald überhaupt noch nachgehen konnte, war fraglich. Morgen hatte er einen Termin mit einem Klienten, einem Geschäftsmann aus Pyria. Bis dahin sollte er wieder auf dem Damm sein. Seine Augmentierung machte ihn schneller und stärker als andere Menschen, aber sie hatte einen Fehler im System. Er war ein Fehler im System …

Schließlich stand er auf und röchelte und würgte das letzte Blut aus Nase und Mund. Dann ging er in sein winziges Bad und wusch sich das Gesicht. Es gab keinen Spiegel, also brauchte er seine geschundene Visage auch nicht anzustarren.

„Ich suche einen Robotikexperten, der sich mit kybernetischen Implantaten auskennt.“

„Junge, das ist schwierig!“

„Ach!“

„Da müsstest du zu einem offenen gehen, nicht schwarz.“

„Vergiss es! Ich kann auf keinen Fall in die Öffentlichkeit damit.“

„Die Unterwelt hat sowas nicht. Zu speziell. Oder du gerätst an einen Pfuscher.“

Cato seufzte. Ihm wäre ein Pfuscher fast lieber als gar keiner. „Schick mir einfach alle Kontakte, die du hast.“

„Okay, aber billig ist das nicht.“

„Willst du mich verarschen?“

„Komm schon, Mann! Ich muss auch von was leben.“

„Der übliche Preis, nicht mehr, klar? Sonst komme ich vielleicht mal bei dir vorbei und übe meinen Beruf aus.“ Er starrte Vega auf dem Bildschirm mit seinem bösesten Assassinenblick an und hoffte, er würde ihn einschüchtern.

Offenbar tat er seinen Dienst. Cato hatte sich anscheinend soweit erholt, dass er wieder böse Blicke abgeben konnte. Niemand von seinen Kontakten dürfte je wissen, was mit ihm passierte. Sie würden es sofort ausnutzen.

„Ist gut!“ Vega räusperte sich unbehaglich. „Ich schicke dir die Liste, aber sie ist kurz.“

„Danke!“

Er legte das Tablet beiseite und lehnte sich auf der Couch zurück, starrte die Decke an. Was für ein abgrundtiefer Mist! An wen auch immer er geriet, er konnte es schlimmer machen. Cato wünschte sich einen schönen sauberen Kill in den nächsten Tagen, um seine Gehirnströme wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Er war durcheinander. Der Auftrag von morgen könnte das bringen.

Die Liste kam und er überwies Vega den üblichen Betrag. Fünf Namen standen auf der Liste. Keiner davon kam ihm bekannt vor.

Angeblich sollte Cato wegen seines verstümmelten und augmentierten Gehirns keine Gefühle haben, aber er glaubte nicht so recht daran. In letzter Zeit war ihm immer öfter, als ob er so etwas wie rudimentäre Emotionen verspüren würde, wenn auch nur für kurze Momente. Und sie wurden mehr. Er war nicht sicher, ob das gut oder schlecht war. Das defekte Implantat würde ihn früher oder später umbringen – also würde er wohl in Zukunft darauf verzichten müssen, wenn es repariert wäre. Wenn …

„Es ist … unzugänglich!“

„Ja, und …?“

„Was soll ich machen, Ihnen den Kopf aufsägen, um dranzukommen?“

„Ich hatte gehofft, das ließe sich vermeiden.“ Das war doch Sarkasmus, oder? Brauchte man dafür nicht so etwas wie Gefühle?

Der Mann legte den Kopf schief und hob die Augenbrauen. Es fiel Cato nicht schwer, zu erkennen, was in den Mienen der Menschen passierte, er hatte nur Schwierigkeiten, so etwas selbst auszudrücken. „Wann haben Sie es bekommen?“

„Es wurde mir als Kind eingesetzt. Der Mann, der es eingesetzt hat, ist tot. Er hat gesagt, er hätte Teile des Gehirns entfernt, um das Implantat einzusetzen.“

Jetzt starrte der Mann ihn mit unverhohlenem Entsetzen an. „Bitte?!“

„Wegnos Koby. Sagt ihnen das was? Er experimentierte mit kybernetischer Augmentierung bei Menschen.“

„Ja, aber das … ist … bestenfalls Science Fiction!“

„Tja, jetzt nicht mehr.“

„Ich … kann … da wirklich gar nichts machen. Ich bin nicht qualifiziert. Wenn das Implantat herausnehmbar wäre …“

Cato seufzte. Er dachte darüber nach, den Mann einfach zu töten. Aber gewöhnlich tötete er nur seine Ziele. Aufträge. Nie privat. Man musste das Geschäftliche vom Privaten trennen können. Er legte noch einmal seinen bösen Blick auf.

„Nun gut, wir können erstmal ein Bild machen und nachsehen, wo das Implantat sitzt.“

Cato zog sein Tablet hervor und zeigte dem Mann ein Bild darauf. Die Ärzte hatten das schon gemacht.

„Oh! Es sitzt am Hirnstamm. Interessant!“

„Mir ist egal, ob Sie das aufregend finden. Was können wir tun? Es bereitet Probleme. Ich habe … Aussetzer.“

„Wie lange ist es da?“

„Zwanzig Jahre.“

„Das ist nicht gut! Gar nicht gut! Ein zwanzig Jahre altes Gerät – und wenn es noch so fortschrittlich ist – geht irgendwann kaputt. Sie müssen es entfernen lassen.“

„Ich kann es nicht entfernen. Es ersetzt Hirnfunktionen. Dann bin ich nur noch Matsche!“

„Mhm …“

Du liebe Güte! Er sollte es bei dem nächsten auf der Liste versuchen. Verdammt! Er brauchte einen Experten, der sich mit der Verbindung zwischen Mensch und Maschine auskannte. Da! Da war es wieder. Er hatte etwas gefühlt. Es war nur für einen Moment über ihn gekommen, aber ganz sicher war er nicht. Es war wie ein Stich gewesen und danach hatte er gezittert, als ob er krank würde. Er fand das sehr merkwürdig. Richtige Gefühle hatte er vor zwanzig Jahren zum letzten Mal gehabt. Die Erinnerungen daran waren verblasst.

„Okay, ich gehe. Das bringt nichts.“

„Mhm … Moment! Vielleicht kann ich doch etwas für Sie tun.“

Scheiße! Das konnte doch nichts geben. Der Typ war unfähig.

„Dr. Mebrosa, wenn Sie keine Ahnung haben, dann sagen Sie es bitte. Ich möchte nicht noch mehr Probleme haben als ohnehin schon!“

Unter seinem Blick begann der Kybernetiker zu schrumpfen. Wusste er, was er war? „Es gibt eine Möglichkeit, das Gerät zumindest für eine Zeitlang zu stabilisieren. Es wird das Problem nicht auf Dauer lösen.“

„Na toll. Und wie?“

Mebrosa erklärte es. Die Prozedur war invasiv und er musste eine Zeitlang stillliegen. Mir einer sehr dünnen, langen Nadel bohrte Mebrosa ein Loch in seinen Kopf, um an das Implantat zu kommen. Sollte Cato irgendwelche Ausfallerscheinungen bekommen, würde er sofort abbrechen. Es tat nicht weh. Schmerzen empfand Cato sowieso nur äußerst sparsam – wahrscheinlich auch eine Folge des Implantats. Mebrosa führte einen Reset durch. Da sein Gehirn das Implantat mit dem nötigen Strom versorgte, war es im nächsten Moment wieder aktiv. Erinnerungen wurden dort nicht gespeichert, also würde er keinen Unterschied zu vorher merken. Dennoch – Cato spürte kurz so etwas wie Unbehagen, als er sich auf Mebrosas Stuhl setzte.

Er bezahlte den Mann und ging, als er fertig war. Cato merkte keinen Unterschied zu vorher. Es würde sich erst im Laufe der Zeit zeigen, ob er weniger Anfälle bekommen würde. Die Sache hatte lange gedauert. Mebrosa würde ihm nicht weiterhelfen können, falls er doch noch Probleme hatte. Dann gab es noch vier andere auf Vegas Liste. Er hatte keine Lust, sie alle abzuklappern, aber wenn es notwendig war …

Er kam in der Nacht um drei Uhr an seiner Wohnung an. Vielleicht aufgrund des Resets, aber vielleicht auch aus anderen Gründen war er nicht einschlaffähig. Schlaf war sowieso etwas, das nur der physische Teil seines Hirns brauchte – er machte es daher weniger als andere Menschen. Unruhig lief er auf und ab. Ein Kill wäre jetzt gut, aber er machte es nie einfach für sich. Das war eine eiserne Regel. Das Töten tat ihm gut, aber es war kein Hobby. Er brauchte es, aber war auch nicht in der Lage, ein Ziel wahllos zu bestimmen. Ein Auftraggeber musste das für ihn tun.

Tiere gab es in Star City nicht. Früher einmal hatte es Tiere gegeben und er hatte sich an ihnen geübt. Aber nach dem ökologischen Desaster hatte es keine Tiere mehr gegeben. Ein Tier wäre jetzt genau das Richtige.

Cato stieg aufs Dach, setzte sich und starrte in den Himmel. Was war er nur für ein kaputtes Ding! Die Unruhe ließ langsam nach. Der Nachthimmel war klar und er konnte Sterne sehen. Das war bei dem Smog in Star City selten. Er sah eine Sternschnuppe. Früher hatten die Menschen so etwas Bedeutung beigemessen, aber jetzt war es nur noch ein kurioses Phänomen. Als ob sich im Leben eines Menschen etwas ändern würde, wenn im Weltall ein Asteroid vorbeiflog.

Die kalte Nachtluft kühlte sein Gesicht. Warum war er so erhitzt? Normalerweise blieb er auch in stressigen Situationen immer ruhig. Jetzt glaubte er zu fiebern. Irgendetwas war ganz und gar nicht in Ordnung mit ihm.

Cato kletterte durch das Fenster in seine Wohnung und ließ sich seltsam erschöpft auf der Couch nieder. Wurde er krank? Das kam manchmal vor, aber selten. Er sollte doch versuchen, ein wenig zu schlafen. Der Tag war lang gewesen und es war schon fünf Uhr morgens.

Er war vielleicht eine halbe Stunde weggedämmert, obwohl er nicht gedacht hatte, überhaupt schlafen zu können. Da schreckte er mit einem Mal hoch. Schweiß lief ihm über den Körper. Etwas stimmte nicht. Irgendein absurder Traum hatte ihn geweckt. Sein Gehirn produzierte in Zusammenarbeit mit dem kaputten Implantat seltsame Bilder. Er legte sich wieder hin, aber die Bilder tanzten immer noch in seinem Kopf herum. Was hatte Mebrosa da bloß angestellt. Der war doch komplett verrückt gewesen. Er hätte sich nicht in die Hände dieses Pfuschers begeben sollen. Verzweiflung fegte mit einem Mal durch ihn hindurch, war aber im nächsten Moment verschwunden.

Ja, er konnte sich vorstellen, warum sie kam: Er war allein, hatte keine Familie, keine vertraute Person. Nur geschäftliche Kontakte. Sein physischer Zustand war einzigartig, nicht einmal die besten Ärzte oder Kybernetiker konnten ihm tatsächlich weiterhelfen. Er schloss die Augen und atmete. Ein Mensch mit einem intakten Gehirn wäre völlig verzweifelt. Vielleicht musste er seinem Vater dankbar sein, dass das nicht der Fall war. Er wusste es nicht. Wenn er nur einmal mit einer anderen Person darüber würde sprechen können.

Er öffnete die Augen. Da begann auf einmal seine Hand zu zittern. Er stöhnte. „Fuck!!“

Wettbewerbsgeschichte: Oneshot Cato - Schlussbild

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