Wettbewerbsgeschichte: Die Waffe
Die Waffe Es regnet bereits heftig, als die Galeere zum Ankern an Fahrt verliert. Sie schwebt, senkt sich leicht, der glänzende Koloss erbebt, donnert, senkt sich weiter, bis ein tiefschwarzer, ovale...
Die Waffe Es regnet bereits heftig, als die Galeere zum Ankern an Fahrt verliert. Sie schwebt, senkt sich leicht, der glänzende Koloss erbebt, donnert, senkt sich weiter, bis ein tiefschwarzer, ovale...
Die Waffe
Es regnet bereits heftig, als die Galeere zum Ankern an Fahrt verliert. Sie schwebt, senkt sich leicht, der glänzende Koloss erbebt, donnert, senkt sich weiter, bis ein tiefschwarzer, ovaler Schatten die Form ausfüllt, die dem Schiff den Platz weist. Die großen, hölzernen Rotoren an den Seiten verlieren an Geschwindigkeit, die unzähligen Talismane erzittern noch einmal und kommen zur Ruhe. Eine Treppe wird ausgerollt. Darüber ein Teppich, lang und breit wie eine Straße. Der Hofstaat der Kaiserin - Krieger, Fürsten, Diener - ordnet sich dem Weg zur Seite. Die Galeere leuchtet ein letztes Mal auf, von innen dringt ein warmes Licht, dann stößt sie heißen Rauch aus den eisernen Nüstern und verendet in Geistlosigkeit. Ihr Meister hat sie verlassen. Das Tor im Rachen der Maschine gleitet auseinander. Es besteht aus sieben Teilen, sie ziehen sich zurück ins Gehäuse, ein einzelnes Licht strahlt aus dem schwarzen Schlund, ein kleines Stück Gold, das die gigantische Beckenfackel auf der Marmortreppe reflektiert, und der Meister tritt langsam aus der Dunkelheit.
Seine Gestalt ist kaum erkennbar. Über dem Kriegsrock liegen die Ehrengewänder, sie fließen in vielen Schichten von seinen Schultern. Was hat geleuchtet in der Dunkelheit? Sein Auge, hell und grün oder waren seine Lippen geteilt und ein spitzer Zahn hat geblitzt?
Mit diesen Lippen verliest er unermüdlich Todesurteile, dann vollstreckt er sie mit den eigenen Händen. Der Tod fließt durch ihn, er ist sein Blut. Wenn er in einer seiner vielen Gestalten, sei es die schreckliche Spinne mit dem Leib aus Metall, sei es der Hund mit drei Köpfen, die Länder heimsucht, unermüdlich, keinen Schlaf, keine Speise fordernd, dann fällt man vor ihm auf die Knie und betete ihn an.
Er geht um in der Welt als Gott des Todes.
Als seine goldenen Stiefel den roten Teppich berühren, versinkt die Menge in ehrfürchtiger Stille. Der erste Schritt - und jene, die dem Schiff am nächsten stehen, stürzen zu Boden. Er schreitet über den roten Stoff, die Massen von Menschen zwischen Schiff und Treppe stürzen langsam in sich ein.
Als er die Marmortreppe erreicht, kauern alle am Boden.
Er wendet sich um, all der Stoff - wie gemalte Fluten blauer Farbtöne - schwimmt im Halbkreis um ihn her. Er stellt einen Fuß auf die erste Stufe und bewegt die Hand. Man erhebt sich.
Dann tritt der Großkämmerer hinter ihn, er ist ganz schwarz gekleidet, in Pelz, mit dem breiten Brokatband auf der Schulter und dem Wappen der Kaiserin. Sein dunkles Haar fließt glatt an seinem Antlitz herunter und in den breiten, schwarzen Samtkragen hinein.
Dann fragt er, niemand hört, aber alle wissen es, der Meister schweigt, dann: das Haus Engin ist untergegangen, das Land ist verbrannte Erde, kein Mensch, kein Tier und keine Pflanze wurde vom Krieg verschont, und die Menge gerät außer sich. Der Großkämmerer hebt die Hände, sehr lange, bewegliche, breite Finger, er hält ein blutrotes Ehrengewand hinter dem Meister in die Höhe, er breitet es über ihn wie ein Leichentuch, unter dem Tosen und Siegesgeschrei von unten und der Meister wendet sich um und steigt, alle zurücklassend, stumm die Stufen hinauf.
Im Palast herrscht Totenstille.
Seine Schritte hallen zwischen den hohen Marmorsäulen wieder. Er geht schnell, das nächste Tor wird aufgestemmt, er hat nicht einmal den Schritt verlangsamt, nur die Last von Gewändern zusammengerafft, bis hinter ihm geschlossen wird.
Ein schwach beleuchteter Saal erstreckt sich vor ihm, ein Tisch in der Mitte, ein paar Stühle, ein paar Fackeln. Hier lässt die Kaiserin die Gesandten, die Diplomaten und die Bittsteller warten. Ein junger Kerl sitzt dort und starrt vor sich hin, in den Händen hält er ein schweres Buch, Schriftstücke stecken zwischen den Seiten, er blickt ins Leere. Der Meister bleibt stehen, ohne sich ihm zuzuwenden, nur sein grünes Auge blickt herüber, unter einem Vorhang weißer Wimpern. Der Junge sieht auf, fährt zusammen und wirft sich auf den Boden. Der Meister setzt seinen Weg fort.
Hinter unzähligen Toren liegen unzählige Treppen, und Türen, Säle, Lustgärten, Wandelgänge, Hallen, Galerien und Prunkzimmer. Immer tiefer führen die Stufen in den Fels hinein, den man erst erklimmt, um den Palast zu betreten, und dann wieder hinabsteigt und schon lasten die Stockwerke auf den Schultern der Lebendigen. Der Berg erdrückt den Menschen und es geht tiefer und tiefer.
In einer dunklen, langgestreckten Säulenhalle bleibt er stehen.
Eine Gestalt nähert sich von der Seite, es ist der Schlüsselmeister in einer einfachen, schwarzen Robe, sie verdeckt seinen Kopf und lässt sein Antlitz kaum erkennen. Seine Bewegungen sind die einer Hyäne. Eine ganze Minute vergeht, bis der Schlüsselmeister die nächsten Befehle wispert, ihm das nächste Land anweist, die nächsten Namen nennt, die Dunkelheit wirkt wie Watte. Der Meister regt sich nicht, die Gestalt gleitet zurück ins Dunkle, zur Seite öffnet sich das letzte Tor.
Er lässt sich soviel Zeit, wie gerade noch achtbar ist, dann betritt er den Thronsaal der Kaiserin.
Die Gepräche, das Gelächter, alles verstummt.
Der Meister steht still zwischen den Türflügeln, sein Blick streift über die Gesellschaft, in der Mitte der Thron der Kaiserin, auf den Stufen zur Rechten ihr Lieblingssohn und seine Schwester, sie sind verheiratet, sie lächeln mit verrückter Milde, sind kostbar gekleidet. Zur Linken der Großkämmerer im braunschwarzen Pelz, sein Antlitz ist gegen den Stein des Thrones gewandt und seine großen Hände fahren über die kostbaren Reliefs, als wäre nichts auf Erden von Bedeutung. Vor dem Thron steht eine lange Tafel, Ehrengäste sind zu beiden Seiten daran aufgereiht, sie tragen grüne, rote und blaue Gewänder, besetzt mit Edelsteinen. Mit überschlagenen Beinen lagern sie auf seidenen Kissen, die sich wie Wellen um sie türmen. Diener in hellen Roben reichen hin, nehmen fort, bieten dar und lächeln immerfort: noch halbe Kinder.
Der Meister kennt alle diese Menschen. Er kennt die Fürsten, die Kurtisanen, die Astrologen, die Günstlinge. Jeder, den er hier sieht, könnte der nächste Tote unter seinen Händen sein. Er weiß es, sie wissen es. Aber der Wein und die gunstvolle Anwesenheit der Kaiserin verringern Angst und Vorsicht, trotzdem, einige erheben sich, verbeugen sich, viele nicken ihm zu, die Kaiserin lacht und schilt sie ängstliche Narren.
Sie ist eine alte Frau.
Schön, sehr schön gemacht durch Zauberei und Farbe, violette, zarte Gewänder, die sich um den festen, weißen Leib schmiegen, doch ihre Bewegungen bleiben alt. Sie stemmt sich auf die Armlehnen, goldene, müde Sphinxen, da sieht man es: sie ist alt. Ihre Arme sind dürr unter dem köstlichen, bleichen Fleisch, die Hüften mager unter den vollen Rundungen, an denen der feine Stoff herabfließt, ihre Finger sind hager, das Antlitz eingefallen. Der Meister hat sie altern gesehen, doch ihre Gesellschaft begehrt sie noch immer wie eine Gottheit. Sie weiß es. Die Hälfte ihrer Kriege hat sie mit ihren geschmeidigen Lenden gewonnen, dann folgte der Raubzug gegen ihre Schwester, um des Geschöpfes willen, das hier auf der Schwelle steht. Da wurde sie hässlicher als irgendeine Kreatur auf der Welt. Ein wenig verschmiertes Blut, das Schwert an einem Tuch abgewischt - der Meister musste ihr folgen.
Sie trägt es Tag und Nacht an ihrer Brust.
Der Meister hasst sie seit Jahrhunderten, mit einem Herzen, das, darüber sind sich alle einig, nicht hassen kann. Er verflucht sie mit einem Denken, das, so sind sich alle einig, nicht geeignet ist, lebendige Gedanken zu entwickeln, solche Gedanken, wie sie ein Mensch habe kann und eine Maschine eben nicht. Er steht ganz ruhig in der Tür, er kann warten.
Die Kaiserin ruft ihn zu sich, mit ausgestreckten Armen, der Großkämmerer greift in seinen pelzigen Mantel, holt ein kleines, goldenes Spielzeug hervor und beginnt abwesend, es in den Händen zu drehen. Konzentriert verschiebt er die Hälften der kleinen Kugel immer wieder neu, um die Schriftzeichen einander anzupassen, doch es gelingt ihm nie. Die Kaiserin greift mit einem Arm über die Lehne und fährt sanft über sein Haar, immer wieder, bis der Großkämmerer die Augen schließt und die Stirn gegen den kühlen Marmor ihres Thrones lehnt, ein gezähmter Bär, des Tanzens unendlich müde, seine Hände sinken in seinen Schoß, die goldene Kugel springt über die Stufen hinab und rollt bis zur Tafel.
Es werden die Süßigkeiten aufgetragen, der Meister steht jetzt aufrecht vor dem Thron, die Kaiserin winkt mit dem Finger, er verbeugt sich vor ihr.
Man lädt die köstlichsten Versuchungen auf die Tafel, überbordende Berge auf großen silbernen und goldenen Platten, eine große Schüssel wird von drei Mädchen herangeschleppt, eine klebrige Delikatesse schwimmt darin herum, die Hand der Kaiserin fährt zitternd zur Wange des Meisters. Gerade kommen die süß gefüllten Krabben, sie gleiten, mit den Scheren zuckend, noch lebendig, in einer Kristallform umher. Der Meister sieht das blutige Tuch, das die Kaiserin unter dem Gewand auf den Brüsten trägt.
Ihre Lippen nähern sich den seinen, sie erhebt sich und stößt seinem Mund heftig entgegen, umklammert mit den Händen seine Schläfen, erhebt sich noch weiter, bis sie ihn um einen ganzen Kopf überragt. Seine Hände liegen regungslos an den Seiten. Ihre trockene, ledrige Zunge schlingt seinen süßen Atem auf, das silberne Haar löst sich vom kostbaren Stirnschmuck der alten Frau und der Geküsste schließt seine grünen Augen.
Die Kaiserin hebt den goldnen Helm von seinem Haupt, der Großkämmerer nimmt ihn an sich, um ihn zu verschenken und schon erhebt ein jeder Anspruch darauf. Er trägt ihn der Tafel entgegen und als er die Stufen vom Thron herabschreitet, hält er kurz inne, er vernimmt ein seltsames Geräusch, schlägt da nicht einer einen gleichmäßigen Takt? Im Saal erstickt man unter Stimmen und Gelächter. Von dort kommt es nicht. Er sieht sich um und wie er den Kopf wendet, wird es lauter, es gleicht dem Ticken einer Uhr, die jede Sekunde zweimal schlägt und es dringt vom Meister und der Kaiserin herüber.
Schaudernd steigt er hinab und ein Diener, pflichtbewusst, steckt ihm die goldne Kugel wieder zu.
Man stürzt sich auf die Speisen, nachdem der Goldhelm an eine ausländische Prinzessin gegangen ist. Sie gleicht einer Schneeflocke mit festen Plänen, ihr Lächeln ist kontrolliert, ihre Macht groß. Die Kaiserin starrt über die Schulter des Meisters, ihre scharfen, vertrockneten Augen fixieren das Mädchen und ihre Spinnenfinger graben sich tiefer in seine Schultern. Sie drängt ihn, sich umzudrehen und wispert feucht in sein Ohr, er solle da hinunter gehen und den Ehrenplatz einnehmen und so geht er der Gesellschaft entgegen, vorbei am Großkämmerer, der zu seinem Platz hinaufsteigt, der schwarze Pelz und das blutrote Gewand berühren einander kurz.
Ihre Blicke stoßen aufeinander wie zwei Schwerter.
Sie schlagen Funken durch den ganzen Raum.
Nicht wie zwei Klingen im Kampf, sondern wie solche, die sich nach einem geheimen Zeichen treffen, um die ganze Welt in alle Ewigkeit zu täuschen.
Dann nimmt der Meister unten bei den Gästen Platz. Man genießt seine Erscheinung mittlerweile mit trunkenem Staunen, es wird ein starker Wein ausgeschenkt. Dieses leuchtende Gesicht, die strahlenden Augen… die glänzenden Haare hat die Erzzauberin, die Schwester der Kaiserin, vor langen Zeiten selbst hergestellt. Und das wunderbare Äußere gibt nur eine Ahnung von dem kunstvollen Inneren. Ein kräftiger, grober Mensch, der ihm zur rechten sitzt, streckt die fettige Hand aus und greift trunken nach den seidenen Strähnen, die Kaiserin lacht, fass nur zu, schreit sie. Der Klotz hockt auf dem ergiebigsten Stücken Land von hier aus bis zur Meeresküste, mag er am Haar des Meister herumgreifen und auch dieser wendet den Kopf und blickt den Mann unergründlich an. Dieser Mensch ist dem Tod geweiht. Gegen Morgen wird der Meister ihn in seinem Prunkzelt heimsuchen und seine Männer und ihre Frauen werden um ihn herum den Boden bedecken, als blühte die Wüste plötzlich rot unter hunderten von strömenden Wunden.
Tatsächlich steht ein wenig davon in den grünen, tiefen Augen des Meisters, tatsächlich könnte ein höchst vorsichtiger, umsichtiger Mensch ein bisschen davon lesen. Genug, um sich freundlich von dem Feste zu entschuldigen und er könnte sich vielleicht mit seinem Volk an ein karges, unzugängliches Endchen der Welt retten, bis der Meister sich auf den Weg macht, vielleicht in Gestalt der furchtbaren Spinne mit dem metallenen Leib, vielleicht als dreiköpfiger Hund von riesenhafter Größe. Und der Meister würde seine Aufgabe nie vergessen, aber auch andere würden seine Aufmerksamkeit fordern und dieses arme, kleine Volk könnte sich für immer auf eine endlose Flucht begeben, es könnte leben: ruiniert, armselig, aber überleben, bis an das Ende der Gewaltherrschaft - vielleicht.
Die Flügeltüren öffnen sich.
Verlegen und gekrümmt steht dort der jungenhafte Gelehrte, er repräsentiert den Wissenstand der Universität und die Meinung der geistigen Oberschicht. Einmal im Jahr lädt sie die Studenten, aber diesmal ist es nur Einer. Er ist hübsch, das Haar ist lockig, weich und wirr, er ist recht groß, zieht die Schultern jedoch zusammen wie eine Schildkröte. Freundlich wird er zum leeren Platz neben dem Meister geführt, nervös breitet seine Bücher aus. Woran sie denn forschen, die jungen Leute, er deutet zögernd zur Seite auf den Meister und entrollt einen großen Papierbogen, von oben bis unten beschrieben. Gut, findet die Kaiserin erstaunt und erzählt, das wackere Studenten vor fünfhundert Jahren herausfanden, wie ihre Schwester, die Erzzauberin Keyma, das Waffensystem des Meisters konstruiert hatte. Die Augen des Meisters erzählen, wie er sie mit diesen Schwertern hinschlachtete, auf ihren Befehl hin, die ganze Schule und alle Mitwisser wegfegte, siebenhundert im Ganzen.
Die Gesellschaft ertrinkt unterdessen lachend in den bunten Kissen, man liegt, vom schweren Wein dahingestreckt, aneinander gelehnt und lässt sich von jungen Dienerinnen stützen und die Kelche füllen. Die ausländische Prinzessin mit der kalten Aura, die den Wein als einziger Gast nicht anrührt, starrt rätselhaft herüber. Ihre Finger befühlen den Helm in ihrem Schoß.
Man trägt die frisch geschlachteten Raubtiere heran und eine neue Flut von höchsten Geschmackserlebnissen ergießt sich auf die der vorangegangenen Süßspeisen, die ersten Teilnehmer des Gelages neigen sich schon zur Seite und Diener bringen siberne Schüsseln, um die Folgen unauffällig aufzufangen.
Der Gelehrte und der Meister sehen einander an. Der Blick des Meisters jagt den Jungen hinaus, geht er jetzt, so kann er sich vielleicht noch retten - der junge Gelehrte nimmt ihn auf, den Blick, er versteht, fährt sich durchs Haar und beginnt zu reden.
Die Kaiserin ist interessiert und verwirrt, worauf er denn nun hinaus wolle! Ganz einfach, antwortet der Gelehrte: tiefes Studium und eingehenden Gedanken hätten ihn zu dem Schlusse geführt, die von der Erzzauberin geschaffene, wunderbare Maschine habe ein Herz. Aber nicht ein solches, wie bisher alle annehmen, sondern eins, das sich selbständige Gefühle bilde, ganz aus sich heraus.
Das, argumentiert die Kaiserin, ist allein schon darum unmöglich, weil sich der Meister keine eigenen Gedanken bilden könnte. Der Gelehrte greift nervös an seinen Handgelenken herum. Vielleicht tut er das aber doch? fragt er vorsichtig und erklärt sich weiter. Da die strategischen Fähigkeiten das Menschliche weit überträfen, da ein jedes seiner Worte an Brillianz den Menschen überträfe und jede seiner Handlung unfehlbar sei, hat sich auch für die Erzzauberin die Frage gestellt, wie denn ein solches Wesen regiert werden kann. So hat sie also in den Schöpfungsvorgang die große Weisheit einfließen lassen, immer und unter allen Umständen nur ihrem Befehl zu folgen, sie prägte ihm ihr eigenes Blut ein und verschwor ihn auf dieses. Soweit sei alles bekannt, auch, wie die Kaiserin ihre Schwester in Ungnade stieß und um des Geschöpfes willen den großen Raubzug selbst anführte und sie niederstach, siegreich von ihrem Blute nahm und so die befehlende Gewalt an sich riss. Übertrage man die Verhältnisse auf menschliche, nähme man für den Meister einen normalen Menschen und für die Erzzauberin Gott … um die Verbindung nicht abreißen zu lassen, sagen wir, der Verirrung entgegenzuwirken, prägt er dem Menschen das tiefe Bewußtsein, das Urgefühl für das Wesen Gottes ein, das er ihn immer und überall erkennt und seine Weisheit nicht antastet, denn diese anzugreifen, hieße, sich selbst anzugreifen, sich ins eigene Fleisch zu schneiden.
Keiner bezweifelt, fährt der Gelehrte fort, das der Mensch ein freies Wesen ist, das er trotz dieser Bestimmung, nie gegen sich selbst, die Bestimmung und die Weisheit zu handeln, sich freie und lebendige Gedanken zu bilden vermag. Überführe man den Vergleich nun wieder in den Ausgangszustand, so müsse man erkennen, das der Meister ja doch nicht minder ein freies Wesen mit ordentlichen Gedanken sei, wie auch der Mensch. Kann er aber vernünftig denken, so kann er auch fühlen.
Ah, meint die Kaiserin, so sei das gemeint, aber bestünde nicht der große und wichtige Unterschied darin, das ihr liebes Spielzeug dem Blutstropfen im Tuch an ihrem Busen den gleichen Gehorsam entgegenbringe wie seinem Schöpfer? Ist ihm denn dann Verstand zuzugestehen?
Der Student blickt sie an, strafft sich und spricht: ein Mensch mag den gleichen Irrungen erliegen, namentlich, wenn eine Gott widerstehende Macht ihn vorsätzlich täuscht. Nun kann überhaupt keine Wesenheit Gott grundsätzlich widerstehen, aber es mag eine geben, welche dem freien, erkennenden Gedanken Hemmnisse in den Weg legt, so das sie nie vernünftig werden und diese Wesenheit, die sich selbst ihres Tuns vielleicht gar nicht ausreichend bewusst ist, nennen wir Teufel.
Ob er sie einen Teufel nennen wolle, fragt die Kaiserin langsam.
Der Gelehrte hat sich während des Sprechens aufgerichtet, seine gedrungene Haltung ist einer aufrechten gewichen. Es sei doch so - ein jeder Mensch erwache einmal aus dem Irrtum, es geht nicht anderes: er findet zurück zu sich und somit zu Gott. Und das Geschöpf der Erzzauberin wird einmal zurück zu sich finden und es wird wissen: die es getäuscht hat, tötete Gott. Was wird es dann tun?
Sie starren einander an, die Kaiserin und der junge Mann.
Und wie soll es aufwachen?, fragt sie bedrohlich ruhig.
Woran, fragt der Gelehrte ebenso ruhig zurück, woran wollen wir, die wir ihm so sehr unterlegen sind, denn erkennen, ob das nicht längst geschehen ist?
Wie sollte sich in diesem Fall erklären, das ich nur winke und es folgt meinem Befehl, euch zu töten? fragt die Kaiserin und krümmt die Spitze ihres kleinen Fingers. Durch den Meister geht ein Schaudern, er hebt die Hände, zieht aus dem Hangelenk ein gewaltiges Schwert und ist bei dem jungen Burschen.
Der Großkämmerer wendet sein Antlitz ab und wieder den Reliefs zu. Der Pelz raschelt über seine Wangen. Er schließt die Augen und gibt dem jungen Mann in Gedanken sein Leben wieder, mehr noch, er gibt ihm einen Platz unter den Gästen, setzt ihn geradewegs zurück auf die leere Stelle, neben den Meister, er lächelt, als er ihn nach den köstlichen Speisen greifen, vom edlen Wein trinken sieht, die Hand greift nach dem Kristallkrug und setzt ihn an die Lippen, so junge Lippen, die noch nie geküsst haben. Als der Großkämmerer die Augen wieder öffnet, blickt er ins kalte Auge des Meisters.
Der steht immer noch reglos bei dem angsterstarrten Burschen und wieder erfüllt das laute Taktschlagen den ganzen Saal, ja, der Großkämmer meint, man müsste es im ganzen Schloß hören, so gewaltig, so gleichmäßig schlägt es in alle Ohren.
Mittlerweile ist alles schmutzig, man erstickt an den üblen Gerüchen, die großen, schweren Duftschalen können nicht mehr genug der angenehmen Düfte verströmen, um den Ekel zu bekämpfen. Die ausländische Prinzessin sticht wie eine reine Perle aus dem bunten Taumel von Kissen, Leibern und funkelnden Steinen hervor, ganz unbewegt starrt sie den Meister an und in diesen Augenblick gibt das kleine, goldene Spielzeug in der Hand des Großkämmerers ein zartes Geräusch von sich, ein einzelnes Zeichen auf der oberen Hälfte hat seinen Gegenpart auf der anderen Seite gefunden. Mit stockendem Atem verbirgt er es im Mantel, dieses goldene Ding, sein Verhängnis, vielleicht seine Hoffnung. Nur ein weiteres Zeichen und dann noch eines, bis sie alle fünf zusammenpassen, bevor die Kaiserin es ihm entreißt, wieder, alles in Unordnung bringt, wieder, ihn um die Freiheit betrügt, wieder, wieder. So hat sie es dutzende Mal getan.
Die Prinzessin vernimmt ebenfalls das laute, zweifache Schlagen einer fremdartigen Uhr. Ihr aufmerksamer Blick ruht auf den zwei Personen, dem blutjungen Mann und dem zeitlosen Meister, der immer noch nicht dem Befehl der Kaiserin gehorcht hat.
Über allem dröhnt das ungehörte Schlagen, immer zweifach.
Alles hält den Atem an, denn jeder vernimmt mit einem Mal die dumpfen Schläge, die den Palast erzittern lassen. Die lauten Töne schlagen die Sinne der Betrunkenen nüchtern, man weicht voneinander, die Blicke fahren durch den Saal, suchen die Ursache, dann heften sie sich auf den Meister, diese henkende, richtende Maschine, diese geistlose Schönheit, regt sich nicht.
Los doch! schreit die Kaiserin.
Er steht ruhig, mit dem Schwert in der Hand, doch er tut nichts, verharrt nur so, dann wendet er den Kopf zur Kaiserin.
Sie blicken einander an.
Eine ungeheure Stille liegt über allem.
Es ist nicht Raum für Worte.
Es schlägt der Takt weiter, immer zweifach. Der Meister spürt sein Herz, dieses Herz, das fühlen kann, alles gefühlt hat über die Jahrhunderte. Er spürt seine Gedanken, die sich langsam aushauchen und noch nie war die Stimme der Kaiserin so weit von ihm entfernt, es sind nur Augenblicke, aber es sind Räume, weiter als die Sphäre zwischen zwei Sternen, es sind Räume von Möglichkeiten, von Vorstellungen, von Bewußtsein, die sich in der Stille auftun, da er so mit seinem Herzschlag allein ist. Er weiß, was das bedeutet. Er hat darauf gewartet.
Schon bricht an verborgener Stelle ein kleines, kunstvolles Rädchen.
Alles an ihm will den Schwertschlag führen, alles fordert den Mord, den die schrille Stimme der Kaiserin in ihn geschleudert hat. Mit dem Blut im weißen Tuch an ihrer Brust hat sie ihn eingehüllt, mit ihren Nägeln hat sie den Befehl in ihn eingraviert, mit Nägeln, unter denen eben dieses Blut haftet, noch immer fließen ihre Macht und ihre Zauberei durch alles, was er ist. Sie rufen ihm zu, das ihn der tödliche Schlag befreien wird, das er all die Schmerzen lindern wird.
Doch in diesem Augenblick hat er Zeit, die große Uhr, die er über Jahrhunderte vernehmen konnte, schlägt endlich langsamer. Zwischen den Sekunden wird unendlich viel Zeit, sie entsteht, sie gibt ihm Raum, sie blüht auf in seinen Gedanken und er verfolgt, wie sie sich ausdehnt und so groß, so weit wird... Der Befehl drängt noch einmal mit voller Kraft an ihn heran, doch er gehorcht ihm nicht.
Nein, er gehorcht ihm nicht.
Ein letztes Bild versinkt in der wunderbaren Fülle eines allmächtigen Herzschlages.
Er schließt endlich die Augen, dann greift ein Zahnrad in ein weiteres, ein seidene Schnur spannt sich kurz, eine Feder springt.
Sein Herz bleibt stehen.
Die goldene Kugel in den Händen des Großkämmerers, vollendet wieder hergestellt, summt und zerfällt in zwei Hälften, sie springen unter seinem Blick die Stufen herab, nutzlos geworden, an der regungslosen Gestalt des Meistes vorbei und rollen in die Wolke grauer Seide am Fuß des Kleides der Prinzessin.
Alle starren kalt, und völlig nüchtern, zur Kaiserin.
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