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Geschichte Nr. 24

Wettbewerbsgeschichte: Rebellen

Tanjoki öffnete ihre Augen. Doch der Traum brannte noch immer nach. Es war nicht das erste Mal, dass er sie aus ihrer Ruhe geweckt hatte, daher kannte sie das Gefühl, das er hinterließ, bereits. M

Wettbewerbsgeschichte: Rebellen

Wettbewerb: Menschmaschine – VACSF26 – Vierter anonymer und chancengleicher Schreibwettbewerb auf punktasten.de

Teilnehmer-Nr.: WC2026_001_0027

Rebellen

Anonym eingereicht

Tanjoki öffnete ihre Augen. Doch der Traum brannte noch immer nach. Es war nicht das erste Mal, dass er sie aus ihrer Ruhe geweckt hatte, daher kannte sie das Gefühl, das er hinterließ, bereits. Möglicherweise war es eine Art … Überlastung? Wer wusste das schon. Vermutlich sollte sie einfach aufhören, an diesem vollkommen absurden Gedanken festzuhalten. Aber sie konnte sich einfach nicht von ihm lösen.

Ein leises Knistern ertönte in ihrem Ohr. „Bist du schon wach, Tanjoki?“

Sie stand auf und warf einen prüfenden Blick auf ihre Vitalparameter. „Ich habe lange genug geruht, Sabanto.“

Eine kurze Stille kehrte ein, in der nur die leise summenden Geräusche der Maschinen zu hören waren.

„Hattest du wieder den Traum?“

Der Bildschirm leuchtete auf, als sie sich ihm näherte. Mit kurzen, schnellen Bewegungen ihrer Augen scrollte sie durch die Aufzeichnungen ihres Ruheschlafs. Alles schien in Ordnung. „Möglicherweise …“

„Du weißt, dass ich deine Ruheaktivität steuern könnte.“

„Und du weißt, dass ich das nicht will.“ Wie oft hatten sie diese Diskussion jetzt schon geführt? Ihr Vorhaben, den Traum für diesen Moment zu vergessen, schwebte in ernsthafter Gefahr. „Wieso habe ich dir nur davon erzählt? Er scheint dich mehr umzutreiben als mich selbst.“

Erneut herrschte Stille. Sabanto war so darauf versessen, sein menschliches Gebaren zu trainieren, dass er hin und wieder über sein Ziel hinausschoss. Diese künstlichen Pausen fand sie einfach nur übertrieben. Vor allem für eine so alte Maschine, wie er es war.

„Ich mache mir nur Gedanken, Tanjoki. Um die Gesundheit deines Kindes und … um deine.“

Nun kamen sie der Sache schon näher. „Ich sehe keine Unregelmäßigkeiten in den Aufzeichnungen, Sabanto. Außerdem haben Menschen früher schon Träume gehabt und ein Kind ausgetragen, vergiss das nicht.“

„Die Daten sind unauffällig, ja. Aber können wir wirklich sicher sein, dass sich dieser Traum nicht darauf auswirkt? Wenn du Mutter werden willst, solltest du dich besser wie eine verhalten.“

Taktvoll wie immer! Genau wie die leisen, rhythmischen Geräusche, die er immer machte, wenn sein neuronales Netzwerk auf Hochtouren lief. Aber sie unterdrückte eine schnippische Antwort. Wie konnte eine Maschine wie er wissen, was es hieß, Mutter zu sein? „Manchmal benötigt es Pioniere, Sabanto!“

„Auch ein Pionier sollte die Anzahl an Variablen möglichst gering halten, Tanjoki …“

„Aber?“

„Aber ich ziehe es vor, die Diskussion darüber jetzt zu beenden. Sie macht das Kind nervös.“

Oh, da hatte wohl jemand heimlich Vitalparameter studiert? Tatsächlich registrierte sie in der laufenden Anzeige eine vermehrte Bewegung sowie eine gesteigerte Herzfrequenz des ungeborenen Kindes. Allerdings bezweifelte sie, dass Sabanto tatsächlich das Kind gemeint hatte und nicht etwa sich selbst. Er wurde immer nervös, wenn er mit ihr über den Traum sprach. Zumindest in dieser Beziehung war er mit seinen menschlichen Eigenschaften schon immer recht fortgeschritten gewesen. Eine Ablenkung würde ihnen allen wohl gut tun. „Was denkst du? Ein Besuch im Dorf?“

„Das wäre tatsächlich meine Empfehlung.“ Erneut diese Pause. „Soll ich dich begleiten?“

„Ist das wirklich eine Frage, Sabanto?“ Sie wartete nicht auf seine Antwort. Stattdessen näherte sie sich der Tür, die sich lautlos zur Seite öffnete.

Ein fast nicht hörbarer Klickton in ihrem rechten Ohr wies sie darauf hin, dass Sabanto sich zurückgezogen hatte. Auch wenn sie ständig verbunden waren, so musste sie ihm dennoch nicht ständig zuhören. Das menschliche Verständnis der Maschinen stellte diesbezüglich einen echten Fortschritt dar. Sabanto allerdings hatte sie es mühsam beibringen müssen. Aber seither trainierte er seine menschlichen Eigenschaften wie ein Besessener.

Tanjoki betrat den leeren Korridor und folgte dem schmalen, gebogenen Gang. Die niedrige Farbtemperatur des Lichts täuschte nicht über seine Tristheit und Künstlichkeit hinweg. Zeit und Energie waren in die wichtigeren Dinge investiert worden. So gab es hier nichts, was einem Menschen heimelig vorgekommen wäre. Die weiße Verkleidung der Wände war angegraut und an einigen Stellen eingerissen. An der Decke führten Kabelstränge wie zerfranste Adern entlang und lediglich die alle paar Meter befestigten Leuchten brachten etwas Abwechslung.

Die einzige Ausnahme von der allgegenwärtigen Eintönigkeit bildete das Dorf. Nur leider war man dort selten alleine. Aus menschlicher Sicht war das nur normal: Dörfer waren nun mal bewohnt. Doch die Präsenz des Ordens nahm Tanjoki dort viel stärker wahr als in ihrer Zelle.

Was für ein Trugschluss! Der Orden war überall: Es gab keinen Ort auf der gesamten Station, an dem sie nicht ständig durch ihn beobachtet wurde. Die ganze Station gehörte dem Orden.

Und sie gehörte ihm ebenso.

Ein leises Klicken ertönte. Pflichtbewusst prüfte sie ihre Vitalparameter. Mist! Sie sollte wirklich an etwas anderes denken.

Doch Sabanto blieb stumm. Das Klicken war nur ein erstes leises Warnzeichen gewesen. Er achtete penibel darauf, dass der Orden nicht wegen ein paar schiefer Vitalparameter auf sie aufmerksam wurde. Dabei machte ihr das am wenigsten Sorgen.

Zügig legte sie die letzte Strecke zum Dorf zurück und fühlte sich prompt beobachtet. Hier war sie nicht mehr alleine. Das war sie zuvor auch nicht gewesen. Aber während die Sensoren in den Korridoren hübsch versteckt in die Leuchten eingelassen waren, so starrten sie ihr hier aus allzu künstlich wirkenden Augen entgegen.

Der Marmorite verfolgte damit jeden ihrer Schritte, vor allem dann, wenn er sie nicht anstarrte. Wenn er sie anstarrte, dann wollte er etwas Bestimmtes von ihr.

In diesem Moment drehte besagter Marmorite, der am Ende des Korridors neben der Schleuse zum Dorf verharrte, seinen blanken Schädel zu ihr.

Auch an diesen Maschinen hatte der Orden gespart – zumindest, was ihr Aussehen betraf. Technisch hatten sie schon einiges zu bieten, auch wenn sie nicht zur obersten Klasse der Maschinen gehörten, die der Orden befehligte.

Tanjoki!

An ihren Befehlston würde sie sich auch nie gewöhnen. Trotzdem gehorchte sie und hielt still, während der Marmorite sie scannte. Dabei legte sie automatisch eine Hand auf ihren Unterleib. Sie registrierte die Bewegung zu spät, also führte sie sie zu Ende. Doch der Marmorite sagte nichts. Vielleicht sah er darin keine Merkwürdigkeit, die es zu kontrollieren galt.

Ohne ein weiteres Wort ließ er sie passieren.

Tanjoki durchschritt die eckige Schleuse und trat hinaus in das Dorf. Eigentlich war es eine riesige Kuppel, deren Gewölbe mit hunderten kleinen Lichtern bestückt worden war, von denen die Hälfte entweder flackerte oder kaputt war. Tanjoki wusste, dass damit der Sternenhimmel nachgeahmt werden sollte, aber eine schlechtere Nachahmung konnte sie sich kaum vorstellen.

Unter dem missglückten Himmel duckten sich mehrere rechteckige Module, deren Zugänge alle in die Mitte des großen Raumes schauten: den Dorfplatz. Innerhalb der Module waren mehrere Bars, eine Krankenstation, ein Entspannungsbereich und eine Werkstatt untergebracht.

Auch hier standen Marmorite wie Statuen verteilt und scannten ihre Umgebung.

Tanjoki injizierte sich einen kleinen Shot, der auf ihre Vitalparameter zugeschnitten war. Dann verließ sie die Bar mit dem passenden Namen Star Crack und ließ sich auf eine der freien Liegen im Entspannungsbereich nieder. Dort starrte sie in den missglückten Himmel. Genau über ihr waren alle Lichter bis auf eines erloschen. Dabei hätte sie von hier aus die richtigen Sterne sehen können.

Und nicht nur die!

Von dieser Warte aus betrachtet kam es ihr jedes Mal so vor, als könnte sie den Planeten mit ihrer ausgestreckten Hand ergreifen. Die großen Maschinenschiffe brauchten drei Tage bis zu ihm. Die Kleineren hingegen nur wenige Stunden, aber die Riusei sahen schon aus der Ferne exzentrisch aus. Vermutlich würde sich ein solch modernes Schiff schlichtweg weigern, jemanden wie sie zu transportieren, selbst wenn der Orden ihr die Erlaubnis für einen Flug gegeben hätte. Aber das würde nie passieren.

Ein seltsames Geräusch zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Zuerst dachte sie an ein Maschinenteil, das in einen Eimer mit Schmieröl gefallen war. Aber so verschwenderisch ging hier niemand damit um.

Ihr Blick fiel auf das Licht über ihr. Der künstliche Stern flackerte unruhig, aber von ihm war das Geräusch mit Sicherheit nicht gekommen. Aber woher dann?

Eine Bewegung ließ sie sich vollends aufrichten.

Marmorite!

Wenn sie wollten, bewegten sie sich überraschend schnell. Sie rauschten in genau dem Moment an ihrer Liege vorbei, als der Schrei ertönte.

Tanjoki war die erste, die aus ihrer Liege sprang und sich alarmiert umsah.

Sie hatte nicht gewusst, dass sie solche Töne von sich geben konnten. Und dass sie Gefühle empfanden, noch viel weniger. Doch der mechanisch klingende Schrei, ein langgezogenes, hochfrequentes, summendes „A“, implizierte genau das: Gefühl.

Automatisch wanderte ihre Hand zu ihrem Unterleib. In ihrem Ohr klickte es nervös. Doch sie konnte ihre Augen nicht abwenden. Sie wollte es sehen, wie verrückt, wie abartig, wie unmenschlich ihr das im Nachhinein auch vorkam.

Das Geräusch, das sie gehört und das so gar nicht nach Maschine geklungen hatte, war organisch gewesen. Und bevor fünf Marmorite die schreiende Schwangere umstellten, begann diese unkontrolliert zu zittern. Bei einer G-8 klapperte dabei sehr viel, denn der Fokus war bei ihrer Entwicklung vor allem auf das sphärische und in alle Richtungen bewegliche Mittelteil gelegt worden: den Uterus. Irgendeine Maschine, der noch nie das Bildnis einer Frau gezeigt worden war, hatte dann noch schnell vier Gliedmaßen und einen haarlosen Kopf daran geschraubt.

Bei diesem Modell war die Uterus-Sphäre noch durchsichtig gestaltet worden. So konnte Tanjoki ihr Inneres sehen und auch die Reste von Fleisch und Fett, die an der Scheibe klebten, und das Blut, das in Schlieren daran herunterlief.

Das Ungeborene darin war geplatzt.

Ein seltener Fall, wenn auch nicht vollkommen ungewöhnlich. Doch es langte, um Sabanto wieder auf den Plan zu rufen.

„Ist es schon wieder geschehen?“

„Es ist so traurig zu sehen, wie schnell das Leben zerrinnen kann, Sabanto.“

Eine Pause trat ein, nur durchzogen von einem langgezogenen, gefühlvollen „A“. Dann verstummte auch das. Die Marmorite hatten die G-8 deaktiviert.

„Ob sie sich an ihr Kind erinnern wird, wenn sie sie wieder einschalten?“

Sabanto knisterte in ihrem Ohr. „Sie werden nur die notwendigsten Daten für die Fehleranalyse und -überwachung beibehalten. Alles, was davon entkoppelt ist – bei Modell G-8 ist das vermutlich nicht viel – werden sie löschen.“

„Das ist nicht wirklich taktvoll, Sabanto.“ Tanjoki legte auch die andere Hand auf ihren Unterleib und drehte sich weg. Sie wollte nicht zusehen, wie der G-8 zuerst ihr Kind und dann ihre Erinnerung genommen werden würde. Sie fragte sich, wie viele Kinder sie schon verloren hatte. Und wie viele gebärt, die ihr sofort wieder genommen worden waren.

Während ihre Gedanken wie Riusei um die Fragen kreisten, öffnete sich das Sternenfenster: Dort, wo gerade noch eine Wand gewesen war, erschien eine durchsichtige Scheibe. Einmal am Tag, immer zur selben Zeit, glitt ein Teil der mächtigen Außenhülle der Station zur Seite und die falschen Sterne an der Decke erblassten vor den echten.

Tanjoki ließ sich zurück in die Liege sinken. Im Tempo der sich drehenden Station zogen die leuchtenden Punkte an ihr vorbei. Sie sah die gigantische Kuppel, die Zentralstation des Ordens, aus dem weißen Staub des Mondes ragen. Und die Dutzenden Raumhäfen, zwischen denen die großen Maschinenschiffe dümpelten. Kleine Riusei schwebten wie Vögel um sie herum.

Dann erschien sie.

Am Rande des Sternenfensters schimmerte es erst weißlich, dann mischte sich unter das Weiß auch Rot und Gelb. Hier und da sah Tanjoki auch das Meer unter dem Dunstschleier hervorleuchten: Die Erde ging auf.

In ihrem Traum flog sie in einem Maschinenschiff zu ihr. Dabei stellte sie sich vor, wie sie die Oberfläche betrat und die braune, staubige Erde unter ihren Schritten aufwirbelte. Erde, die von unzähligen Maschinen hunderte von Jahren gesäubert worden war. Sie sah sich durch das hohe, gelbe Gras laufen, bis zu dem Schiff, das geduckt unter einer Felsnadel lag. Davor rief sie seinen Namen und wartete, dass er aus dem Schiff herauskroch und seine kleine Hand in ihre legte. Danach schauten sie gemeinsam über die flimmernde Ebene unter dem rötlichen Himmel und sie hörte sich die Worte sagen: „Sohn, ich werde dir beibringen, hier zu überleben.“

Ein Klappern zerstörte das Bild. Tanjoki versuchte, die Marmorite zu ignorieren, welche die G-8 zur Werkstatt trugen. Dort würde ihr Uterus gereinigt und sie selbst all ihrer Erinnerungen beraubt werden. Tanjoki sagte sich, dass ihr das niemals passieren würde.

Sie starrte den Marmorite hinterher, die in der Werkstatt verschwanden. Nur zwei von ihnen blieben zurück, um die anderen Schwangeren zu ihren Liegen und halb injizierten Shots zu leiten. Der Zeitpunkt war günstig.

Ob sie es wagen sollte?

Sie verließ den Ruhebereich und betrat erneut die Star Crack. Der Barkeeper, ein viereckiger Kasten, aus dem eine Menge Schläuche wie Oktopusarme herausragten, grüßte sie mit einem verpixelten Grinsen. Er wusste, was sie nach einer solchen Fehlgeburt brauchte. Sie ließ sich den Shot geben und verließ das Dorf durch eine der Schleusen. Der Gang vor ihr war beinahe leer. Doch wie an jedem Zugang zum Dorf stand auch hier ein Marmorite und scannte Tanjoki von Kopf bis Fuß, während sie auf ihn zutrat.

Als sie den Shot zückte und den Inhalt in seinen intramaschinösen Zugang drückte, schaute er verwirrt. Keine Schwangere hatte ihn je auf diese Art und Weise behandelt! Tanjoki konnte sein neuronales Netzwerk beinahe rattern hören.

Aber sie wartete nicht auf eine Reaktion, sondern ging einfach weiter. In ihrem Kopf zählte sie bis zehn, dann hörte sie den Aufschlag. Der Vitalshot hatte den Marmorite geradezu umgehauen.

Erst jetzt wagte sie es, mit Sabanto Kontakt aufzunehmen.

„Sabanto? Liftoff.“

Obwohl er nichts sagte, wusste sie, dass er das Programm gestartet hatte: Da war ein leichtes Ziehen in ihr, das eigentlich nicht da sein sollte. Sie unterdrückte das Bedürfnis, eine Hand auf ihren Unterleib zu legen, und schritt weiter. Die Gebärstation war schon ganz nah. Für heute waren keine Geburten vorgesehen und sie konnte nur hoffen, dass nicht ausgerechnet jetzt bei einer anderen eine Frühgeburt einsetzte. Denn das wollte Sabanto gerade künstlich bei ihr erzeugen.

Als die Gebärstation hinter der Biegung sichtbar wurde, gingen ihre Vitalparameter bereits durch die Decke.

Vor dem verschlossenen Eingang blieb sie stehen. „Ascent“, flüsterte sie und wunderte sich über Sabantos Geschicklichkeit. Wie brachte er dieses Ding nur dazu, sich zu öffnen? Doch eine Sekunde später leuchtete die Anzeige rechts neben der Türe auf. Tanjoki hielt ihre Hand davor, um ihre Daten auslesen zu lassen. Die Maschine sollte erkennen, dass sie eine Frühgeburt hatte.

Tatsächlich öffnete sich die Türe, aber Tanjoki zögerte. Wie oft hatte sie diesen Raum schon als Schwangere betreten und entleert und kinderlos wieder verlassen? Eine Folterkammer, das war er!

Entschlossen riss sie sich aus ihrer Erstarrung und kletterte auf die Pritsche, die in der Mitte des Raumes unter einer massigen Maschine stand. Von hier aus konnte sie die Kabelstränge an der Decke erreichen. Sie packte einen Strang und riss kräftig daran, bevor sie sich der Maschine zuwandte und erneut ihre Vitalparameter scannen ließ. Dann legte sie sich hin.

Zwei Minuten. So lange dauerte die Geburt. Zwei Minuten, in denen die Marmorite Zeit hatten, hier aufzutauchen und sie auszuschalten, ihr Kind zu stehlen und ihre Erinnerungen zu löschen. Oder ihren ganzen Körper zu verschrotten. Sie wusste nicht, was der Orden tun würde, wenn er von ihrem Traum erfahren würde.

Die Geburtsglocke senkte sich auf ihren Körper. Das Gerät piepte und zischte, während die Kabel vor Tanjokis Gesicht hin und her baumelten. Dann wurde ihr Unterleib geöffnet.

Es war beinahe so weit.

Grobe Maschinenhände hoben ihr Kind aus dem Uterus. Tanjoki blieb nur ein kurzer Blick auf schwarzes, lockiges Haar. Dann hörte sie, wie sich die Luke öffnete. Dort wartete bereits die Transportkugel, um ihr Kind abzuholen.

Es war Zeit.

„Sabanto: Pressure.“

Tanjoki packte die Schläuche über ihrem Kopf und zog. Spätestens jetzt würde allein der Lärm sämtliche Marmorite in der Nähe auf sie aufmerksam machen. Tatsächlich hörte sie in diesem Moment ein leises Dröhnen im Hintergrund. Vielleicht eine Art Alarm? Sie hatte keine Zeit, sich darum zu sorgen, denn sie musste die Geburtsmaschine aufhalten. Erneut zog sie mit aller Macht an den Kabeln und riss sie auch aus den letzten Verankerungen, die klirrend zu Boden fielen. Über ihr führte die Geburtsmaschine einen seltsamen Tanz auf, als wäre sie nicht mehr sicher, ob sie die Geburtsglocke heben oder senken sollte. Kurzzeitig drückte sie Tanjoki daher in die Liege und der Rand der Glocke rieb sich über ihren Körper. Ihre dünne Haut spannte gefährlich.

Tanjoki packte die Ränder der Glocke und drückte. Vielleicht brauchte die Maschine nur einen Schubser in die richtige Richtung. Entweder das, oder die Marmorite würden nur noch eine zerquetschte Tanjoki vorfinden, wenn sie einträfen.

Mit einem weiteren Kraftakt stemmte sie die Kuppel von ihrem Unterleib und rollte sich von der Liege.

Ihr Kopf zuckte zur Seite. Mein Kind! Die Transportkugel war schon fast aus dem Raum herausbefördert worden.

Mit knackenden Gliedern stemmte sie sich hoch, als sie plötzlich die schweren Schritte von mehreren Marmorite hörte. Nein, ihr haltet mich nicht auf!

Sie rannte zur Luke, warf sich auf das Fließband und wiederholte stumm Sabantos Namen. Es musste ihm einfach gelingen, die Luke offen zu halten! Auf allen Vieren kroch sie voran. Ihr Kind war bereits hinter der Luke verschwunden, als wäre dort ein schwarzes Loch. Sie hasste dieses Loch. Es hatte zu viele ihrer Kinder verschlungen!

Stopp, Tanjoki!

Die Befehlsstimme des Marmorite donnerte durch den Raum. Aber Tanjoki gehorchte nicht. Hastig kroch sie unter der Luke durch. „Seperation, Sabanto, Seperation!“

Die Luke krachte hinter ihr zu, bevor die Marmorite sie erreichten. Doch diese Maschinen würden sich nicht lange davon aufhalten lassen. Schon hörte sie die donnernden Schläge von metallenen Fäusten von der anderen Seite. Sie achtete nicht darauf, sondern schlang ihre Arme um die Geburtskugel und spähte zu allen Seiten.

Die letzte Phase war zum Greifen nah. „Insertion, Sabanto“, keuchte sie. Ihre Stimmbänder könnten jetzt wirklich ein wenig Schmieröl vertragen!

Doch es passierte nichts. Viel zu lange nicht. Tanjoki verlor beinahe die Hoffnung. Untätig wartete sie darauf, dass sich eine andere Luke als die, hinter der die Marmorite wütend hämmerten, öffnete und eine der Transportmaschinen zur Zentralstation sie und ihr Kind abholte. Würde Sabanto es schaffen, sie hier herauszuholen?

„Denkst du schon wieder an den Traum, Tanjoki?“

Erschrocken fuhr sie hoch. Aber kein Marmorite stürzte sich auf sie.

Still seufzte sie in sich hinein. Ob sie je erfahren würde, wie ihr Traum endete?

Von ihrer Liege aus starrte sie auf die blinkenden Maschinenschiffe, dann schloss sich die Abdeckung des Sternenfensters und sie war wieder in der tristen, dunklen Station gefangen.

Zwei Wochen später wurde sie abgeholt. Dabei konnte sie den Weg zur Gebärstation nach über hundert Geburten selbst mit ausgeschaltetem Hirn finden. Hatte der Orden vielleicht doch von ihrem Traum erfahren?

Ihre Hand zuckte zu ihrem Unterleib. Doch der Marmorite reagierte nicht darauf. Vermutlich hatte sich ihm noch nie eine Schwangere widersetzt. Wieso sollte auch jemand so dumm sein und das tun?

Mit starrem Blick ging sie voraus, der Marmorite folgte ihr nur eine Armeslänge entfernt. Sie wusste, er würde reagieren, wenn sie auch nur einen einzigen falschen Schritt machen würde. Und selbst gegen nur einen Marmorite hatte sie keine Chance, das konnte selbst der dümmste Computer ausrechnen.

Also ging sie zur Gebärstation, legte sich auf die Liege, ließ sich festschnallen, als wäre sie nichts weiter als ein Haufen Blech. Dann senkte sich die Geburtsglocke auf ihren Unterleib.

Die Prozedur lief wie von selbst ab. Es war unwahrscheinlich, dass Sabanto den Code knacken und verändern konnte. Trotzdem würde er es versuchen. Für den Traum.

Mit geöffneten Augen starrte Tanjoki die Kabel an der Decke an. Die kleinen, ruckartigen Bewegungen der Geburtsmaschine ließen sie sanft hin- und herschaukeln. Plötzlich kam sie sich einsam vor. Trotz der riesigen Maschine, die sich über sie beugte und ihren Unterleib öffnete. Trotz des Marmorite, der ebenfalls im Raum stand und die Geburt überwachte. Oder besser gesagt: Sie überwachte.

Keiner von ihnen interessierte sich für das Kind.

Tanjoki versuchte, sich abzulenken, während die Maschine sich zu ihrem Uterus vorarbeitete.

Neil. So hatte sie ihren ersten Sohn genannt. Von all ihren Kindern hatte er den hellsten Hautton gehabt, doch die Farbe seiner Augen kannte sie nicht. Die kannte sie von den wenigsten, denn meist waren sie zu verquollen. Bei Walentina, ihrer dreizehnten Tochter, waren sie hellbraun gewesen, genau wie ihr Haar. Hope, ihre fünfundsiebzigste Tochter, hatte die bisher dunkelste Hautfarbe aufgewiesen und war ihr letztes Kind gewesen, das sie an den Orden verloren hatte.

Tanjoki konnte sich an alle erinnern. An Neil, Walentina und Hope. An Juri, Adam und Gaia. An jeden verfluchten Augenblick, während ihr unmenschlicher Körper die einprogrammierten Schritte durchlief, bevor der Geburtsvorgang mit der Öffnung ihres Unterleibs eingeleitet wurde.

Während der kurzen Zeit, die ihr blieb, bemühte sie sich, wenigstens einen Blick auf jedes ihrer Kinder zu werfen. Das Bild ihrer nackten, verschmierten Körper speicherte sie in einer geheimen Ecke ihres Gedächtnisses, zu dem nur sie allein Zugang hatte. Und jedem Bild ordnete sie einen Namen zu, den sie sich die Monate vor der Geburt überlegte.

Denn mehr als diese Erinnerung würde ihr von keinem ihrer Kinder bleiben.

Tanjoki war eine M-6. Ein aussortiertes Modell, mit erstaunlich menschlichem Aussehen und noch erstaunlicheren menschlichen Gefühlen. Zu erstaunlich. Bei den neuen Modellen war das Gehirn wieder vom Uterus entkoppelt worden. Diese Frauen bauten keine Beziehungen zu ihren Kindern auf. Sie waren reine Gebärmaschinen: effektiv und leicht kontrollierbar. Die Produktion der M-6 war hingegen eingestellt worden. Die noch vorhandenen Maschinenfrauen wurden nur noch für Testzwecke eingesetzt.

Sofort nach der Entnahme wurde jedes Kind zur Zentralstation gebracht. Dort würde der Orden selbst es auf Herz und Nieren prüfen. Sie würden es an Maschinen anschließen und, wenn es stark genug war, zur Erde schicken: Wie lange konnte es in der giftigen Atmosphäre überleben? Fand es genug Nahrung, genug Wasser? War es intelligent genug, den harschen Bedingungen und den gefährlichen Kreaturen zu trotzen?

Ihnen war es egal, wenn es starb. Für sie war es nur ein Objekt, das Daten sammelte. Sollten diese Daten eines Tages darauf hindeuten, dass menschliches Leben auf der Erde wieder möglich war, dann würden die hocheffizienten Gebärmaschinen zum Einsatz kommen und die Erde mit „richtigen“ Menschen bevölkern.

Doch bis dahin würden Tanjoki noch viele Kinder genommen werden. Und so blieb ihr nur ihr Traum: der, in dem sie Mutter sein durfte.

Sie hob ihren Kopf so weit es ging an. Der einzige Bewegungsspielraum, der ihr blieb, aber er langte, um einen Blick in die Geburtsglocke zu werfen. Grobe Maschinenhände, Zangen aus Metall und Kunststoff, hatten den winzigen Körper ihres Kindes ergriffen und hoben ihn aus dem Uterus heraus. Es war ein Junge und er blickte sie aus geöffneten Augen an. Sie waren blau und passten so gar nicht zu seinen schwarzen Haaren und der dunklen Haut.

Tanjoki lächelte. Sie hatte den richtigen Namen für ihn gewählt: Rebel.

Wettbewerbsgeschichte: Rebellen - Schlussbild

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