Wettbewerbsgeschichte: Endlich ein Kind
Endlich ein Kind Thoben (40) und Jule (38) sind das perfekte Paar. Beide haben Spitzenpositionen in Bio-Technik Unternehmen. Sie wohnen im besten Viertel der Stadt in einem Penthaus. Heute ist es sowe...
Endlich ein Kind Thoben (40) und Jule (38) sind das perfekte Paar. Beide haben Spitzenpositionen in Bio-Technik Unternehmen. Sie wohnen im besten Viertel der Stadt in einem Penthaus. Heute ist es sowe...
Endlich ein Kind
Thoben (40) und Jule (38) sind das perfekte Paar. Beide haben Spitzenpositionen in Bio-Technik Unternehmen. Sie wohnen im besten Viertel der Stadt in einem Penthaus.
Heute ist es soweit. Endlich. Jahre habe sie es selbst versucht. Dann seit Wochen auf diesen Tag, die Ankunft von Miriam, gewartet. Alles ist vorbereitet. Das Babybett und die komplette Ausstattung für das erste Jahr wurden bereits geliefert und stehen bereit.
Jule und Thoben gehen auf die Terrasse. Ungeduldig schauen sie auf die Straße und immer wieder auf die Uhr. Ein weißer Kombi biegt um die Ecke und hält vor dem Haus. Eine Frau mit einer Babytragetasche steigt aus. Thoben und Jule eilen zum Aufzug und fiebern dem Öffnen der Tür entgegen. Die Frau übergibt die Tasche.
„Bitte hier unterschreiben für die Lieferung. Viel Freude damit. Bei Fragen oder Problemen sind wir immer für Sie da. Sonst bis nächstes Jahr am 30. Mai um zehn Uhr.“
Jule und Thoben beugen sich über die Tragetasche. Zwischen rosa Kissen lugt ein Köpfchen mit winzigen blonden Löckchen hervor.
„Unsere Miriam, wie süß.“
Das Baby streckt die Händchen vor, schlägt blaue Kulleraugen auf und maunzt wie ein Kätzchen.
„Schau, sie lächelt“, sagt Jule ganz begeistert.
Am Nachmittag gehen sie im Park spazieren. Sie treffen eine Nachbarin, die verzückt in den Kinderwagen schaut. Jule und Thoben sehen sich glücklich an:
„Unsere Kleine ist wirklich niedlich, es war die richtige Entscheidung.“
Die nächsten Wochenenden laden sie Freunde ein oder besuchen sie, um das Baby zu präsentieren. Alle sollen ihr Glück sehen und das ausnehmend hübsche Kind bewundern.
Miriam scheint es zu genießen. Nicht ein einziges Mal weint sie. Sie lächelt ein breites Babylächeln, strampelt mit den Beinen und gluckst vergnügt vor sich hin.
„Ihr seid zu beneiden“, sagen die Freunde. „Wo ihr doch bereits alles habt. Und jetzt noch ein perfektes Baby.“
„Nicht wahr“, pflegt Thoben dann zu sagen, „Miriam ist das Einzige, was uns noch gefehlt hat.“
Obwohl alles mitgebucht und geliefert wurde, lässt es sich Jule nicht nehmen, immer mal wieder ein besonders hübsches Jäckchen, eine Mütze oder eine Puppe zu kaufen. Thoben zieht sie auf:
„Bei deinen Einkäufen können wir bald eine Kita ausstatten. Dabei ist doch alles im Abonnement enthalten.“
„Lass mich, es macht mir so viel Freude“, sagt Jule und zieht Miriam vor dem Spaziergang zum dritten Mal um.
Am 30. Mai des nächsten Jahres findet pünktlich um zehn Uhr der Austausch statt.
Miriam ist jetzt ein pausbäckiges Kleinkind, das auf kurzen Beinchen umher tapst. Den Kinderwagen ersetzt ein schnittiger Buggy. Zur Feier des ersten Geburtstags fährt Jule mit Miriam zu einem neu angelegten Spielplatz. Von einer Bank winkt Anna Held, eine Mitarbeiterin aus Jules Abteilung.
„Hey Jule, das ist aber eine Überraschung dich hier zu treffen. Du hast ein Kind? Ist der süße Fratz wirklich deiner?“
„Ja, das ist unsere Miriam“, sagt Jule und setzt sich.
„Ich fasse es nicht. Man hat es dir nicht angesehen. Und ich dachte immer, für ein Kind sei in eurem Leben kein Platz.“
„Da siehst du wie man sich irren kann. Alles eine Frage der Organisation.“
Anna ruft: „Patrick komm her und spiel mit Miriam.“
Ein etwa Dreijähriger kommt angewackelt. Einen Lastwagen in der einen, einen gelben Plastikeimer in der anderen Hand.
„Durst, Mama Durst.“
Anna holt ein Trinkpäckchen Apfelsaft aus der Tasche, steckt einen Plastikhalm hinein und reicht es Patrick.
„Magst du auch eins? Ich habe genug mit“, fragt sie Miriam.
Die schüttelt den Kopf.
„Wie alt ist Miriam?“
„Ein Jahr.“
„Erstaunlich, so wie sie läuft und sich verhält wirkt sie deutlich älter.“
„Nicht wahr. Sie ist ziemlich weit für ihr Alter. Ein kluges Kind. Ganz der Vater.“
Während sich die beiden Frauen unterhalten sitzt Miriam im Sandkasten und schippt Sand in einen Spieleimer. Wenn der Eimer voll ist kippt sie ihn aus und beginnt von neuem. Patrick kriecht inzwischen brummend und hupend mit dem Lastwagen umher und will, dass Miriam Sand auf die Ladefläche schaufelt. Aber sie reagiert nicht. Schließlich läuft er zu seiner Mutter.
„Doofe Miriam.“
Morgen ist Miriams dritter Geburtstag. Jule und Thoben hatten überlegt Kinder aus der Nachbarschaft und vom Spielplatz einzuladen. Aber sie trauen sich nicht. Erwachsene und größere Kinder finden Miriam nett und wohlerzogen, aber kleinere Kinder mögen sie überhaupt nicht leiden.
Es klingelt. Jule öffnet. Vor der Tür stehen ihre Eltern.
„Mama, Papa, das ist aber eine Überraschung. Wo um alles in der Welt kommt ihr her und warum habt ihr nicht angerufen?“
„Ach weißt du Kind, das ging alles so schnell. Dein Vater ist von jetzt auf gleich für einen erkrankten Kollegen eingesprungen und vertritt ihn am Montag bei einem Vortrag auf dem Kongress in Wiesbaden.“
Jules Vater ergänzt: „Wir konnten dessen Flug nach Frankfurt übernehmen und nun sind wir hier. Es gab nicht viel Zeit zum Überlegen. Ich hatte gerade mal einen Tag, um meine Unterlagen zusammen zu suchen.“
„Alles musste schnell gehen. Nicht mal ein Geburtstagsgeschenk für unser Enkelkind konnte ich besorgen“, sagt Jules Mutter. „Das werde ich nachholen. Wo ist die süße Maus?“
„Sie macht noch ihren Mittagsschlaf, ich hole sie gleich.“
Thoben führt seine Schwiegereltern ins Wohnzimmer. Jule kommt mit Miriam an der Hand.
„Schau Süße, da sind deine Oma und dein Opa, Oma und Opa.“
„Oma und Opa“ wiederholt die Kleine. Jules Mutter nimmt sie in den Arm.
„Bisschen schüchtern und steif. Ist sie immer so … so zögerlich?“
„Das gibt sich“, sagt Thoben. „Ihr seid für sie Fremde. Überlegt mal. Wann hat sie euch das letzte Mal gesehen?“
„Nun ja, zwei Jahre ist das her. Es war kurz nach ihrem ersten Geburtstag.“
„Eben, da nutzt auch Skypen nicht viel.“
Beim Nachmittagskaffee sitzt Miriam in der Spielecke auf dem Boden und hantiert mit Bauklötzen. Als Jule sie ruft, setzt sie sich zwischen Oma und Opa aufs Sofa, sieht aufmerksam von einem zum anderen und lacht manchmal vor sich hin. Jules Mutter reicht ihr ein Plätzchen.
„Lass das bitte,“ sagt Jule. „Das möchten wir nicht. Süßes ist ganz schlecht für Kinder.“
Für den Abend haben die Eltern Jule und Thoben zum Essen ins Hotel eingeladen.
„Könnt ihr so ohne weiteres weg oder habt ihr einen Babysitter“, fragt Jules Mutter.
„Da haben wir kein Problem. Miriam schläft fest durch. Und für den Katastrophenfall hat die Nachbarin den Schlüssel und das Babyphon.“
Am nächsten Tag ist strahlend schönes Wetter. Jule hat die Eltern für elf Uhr zum Brunch eingeladen. Der Tisch ist auf der Terrasse gedeckt, Brötchen, Platten mit Aufschnitt und Käse, Obst und Kuchen stehen auf der Anrichte bereit. Sie sieht nervös aus dem Fenster. Es ist schon zehn Minuten nach zehn. Ungeduldig wartet sie auf den Austausch.
Endlich kommt der weiße Kombi. Jule fällt ein Stein vom Herzen. Der Fahrer betätigt die Hydraulik, lädt einen sperrigen Karton auf die Sackkarre und rollt damit ins Haus. Jule empfängt ihn am Aufzug und lässt den Karton am Ende des Flures abstellen. Sie gibt dem Fahrer ein Trinkgeld und händigt ihm die Retoure aus.
Schnell reißt sie die Klebefolie vom Karton und klappt dessen Vorderseite herunter.
Es klingelt. Jule ruft: „Thoben komm, es hat geklingelt.“
„Ich kann jetzt nicht. Bin unter der Dusche.“
Mit einem leise gemurmelten Fluch geht Jule den Flur entlang und öffnet die Tür. Ihre Eltern.
„Hallo Jule“, sagt der Vater. „Entschuldige, wir sind zu früh. Das schöne Wetter hat uns geweckt. Wir hatten vergessen, die dunklen Vorhänge zuzuziehen.“
„Nun seid ihr ja da“, sagt Jule. „Kommt einfach rein und setzt euch auf die Terrasse.“
Die Mutter hängt ihre Jacke an die Garderobe.
„Sag mal, als wir kamen haben wir die Anlieferung eines großen Kartons beobachtet. Das ist doch sicher ein Geburtstagsgeschenk für Miriam. Eine Rutsche? Da möchten wir uns gerne beteiligen, oder das Geschenk ganz übernehmen.“
„Wir haben nichts bestellt, das war bestimmt für die Leute auf der dritten. Die lassen sich alles schicken.“
Puuuh, denkt Jule. Das war knapp. Warum sind die auch so früh unterwegs. Betont fröhlich sagt sie: „Jetzt gehen wir aber auf die Terrasse.“
Sie dirigiert die Eltern durch das Wohnzimmer nach draußen.
„Es ist alles vorbereitet, nur der Kaffee fehlt noch.“
Ihre Mutter sieht sich um. „Wo ist denn das Geburtstagskind?“
„Die ist noch mit Thoben im Bad. Sie werden gleich kommen.“
Jule atmet tief durch. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren.
Bisher scheinen die beiden nichts gemerkt zu haben. Der Flur geht über die ganze Breite der Wohnung und endet vor der Küche. Der Karton steht in der Ecke neben der Küchentür. Die Vorderseite ist bereits abgeklappt, aber weiter ist Jule nicht gekommen.
Endlich sitzen die Eltern auf der Terrasse am Tisch. Wo Thoben nur bleibt, denkt Jule. Der muss mich jetzt dringend ablösen, damit ich schnell auspacken kann. Sie ruft:
„Thoben, Miriam wo bleibt ihr? Oma und Opa sind da.“
„Wir kommen.“
Sie geht in die Küche und stellt die Kaffeemaschine an.
Die Mutter folgt ihr.
„Ach da sitzt ja das Geburtstagskind. Wie ein kleines Haus ist der Karton. Da kannst du fein spielen. Herzlichen Glückwunsch mein Liebes.“
Sie kniet sich auf den Boden, umarmt Miriam. Die rührt sich nicht, bleibt steif und unbewegt mit gesenktem Kopf im Karton sitzen. Verwirrt hält Jules Mutter inne. Sie greift nach Miriam. Drückt ihren Arm. Einmal, zweimal. Zieht sie halb heraus. Ihre Augen weiten sich. Sie greift nach dem Flyer, der daneben liegt, und liest mit zunehmendem Entsetzen:
‚Das Rundum-Sorglos-Kind. Komplett mit Ausstattung, Bring- und Abholdiensten. Jährlicher Wechsel. Bei Nichtgefallen Umtausch und Rücknahmegarantie. Regelalter ein bis zwölf Jahre. Auf besonderen Wunsch und gegen Aufpreis auch mit kürzeren Intervallen ab Babyalter. Altersgemäße Lerneffekte. Absolut perfekte Anpassung. Mitwachsendes Sprachzentrum. Nahezu unbegrenzte Speicherkapazität.‘
Ihr Gesicht verzerrt sich. Aus der Tiefe ihrer Brust löst sich ein markerschütternder Schrei, unterbrochen von lauten Schluchzern. Tränen stürzen aus ihren Augen.
„Das ist doch … Wie könnt ihr nur …“
Sie ergreift ihre Handtasche, reißt die Jacke von der Garderobe und zerrt ihren Mann vom Stuhl.
„Raus hier, bloß raus.“
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