← Zurück
‹ VorherigeNächste ›
Geschichte Nr. 29

Wettbewerbsgeschichte: Pearl de Luxe

Pearl de Luxe Es blitzt. Eine Klinge durchschneidet das Tor des Kleinstadtbahnhofs, als sei es Teil eines Bühnenbildes aus Pappmaché. Drei Gestalten steigen durch den Riss. Hinter ihnen fügt sich d...

Wettbewerbsgeschichte: Pearl de Luxe

Wettbewerb: Menschmaschine – VACSF26 – Vierter anonymer und chancengleicher Schreibwettbewerb auf punktasten.de

Teilnehmer-Nr.: WC2026_001_0032

Pearl de Luxe

Anonym eingereicht

Pearl de Luxe

Es blitzt. Eine Klinge durchschneidet das Tor des Kleinstadtbahnhofs, als sei es Teil eines Bühnenbildes aus Pappmaché. Drei Gestalten steigen durch den Riss. Hinter ihnen fügt sich das Tor zusammen. Morgendämmerung. Der erste Zug kommt laut Sommer-Fahrplan 2015 um 5 Uhr 55 an, Abfahrt 10 Minuten später.

Der Kiosk neben dem Bahnhofsgebäude öffnet bald, Pächterin Frau R. kommt immer 20 Minuten früher, um belegte Brötchen vorzubereiten, die Zeitungsbündel hereinzuholen und die Kaffeemaschine in Gang zu setzen. Wenn sie kommt werden die drei Gestalten verschwunden sein. Jetzt sind sie noch da.

„Wie ich sehe gibt es noch keine Blechkameraden, die die Straße fegen.“

„Niemand von ihnen ist mehr aus Blech, wenn sie hier auftauchen.“

„Ich weiß. Es sollte das sein, was Menschen einen Scherz nennen. In wie vielen Jahren sind wir hier vertreten, was denkst du?“

„Bin ich Hellseher?“

„Leider nicht.“

Die dritte Gestalt, Nr. 677, ist bislang stumm geblieben. Das Gespräch zwischen Nr. 678 und Nr. 679 bewertet sie als überflüssig, wenn nicht gar als lästig.

„Seltsame Angewohnheit entwickeln einige von uns“, geht es durch ihre Synapsen, „Geschwätzigkeit. Verrückt… Menschen und ihr Einfluss eben.“

Sie beschließt, das Gerede der beiden zu ignorieren, öffnet eine Tasche am Gürtel, entnimmt der einen Datenstick und tastet in die Luft, als habe sie eine Glasscheibe vor sich. Nr. 678 und Nr. 679 tun es ihr nach.

„Hier“, heißt es jetzt.

„Gut, danke“, sagt Nr. 677, steckt den Datenstick in die Luft und lässt in einrasten. Leiser Singsang, einem tibetanischen Morgengebet gleich.

„Nettes Souvenir, dieser Sound. Aus Asien mitgebracht?“

Nr. 677 nickt. Summt noch einen kurzen Moment mit, bis es plötzlich ganz still ist. Der Wind und das Rauschen der Welt halten inne.

„Erledigt.“

Die drei Gestalten schneiden sich einen Ausgang in die Bahnhofsmauer, steigen hindurch.

Der Wind und das Rauschen der Welt setzen wieder ein. Der Schnitt verheilt.

Frau R. kommt die Straße entlang, wie jeden Morgen einen Leinensack voll Brötchen unterm Arm. Sie schließt ihren Kiosk auf, macht Licht, steht wenig später am Arbeitstischchen, schneidet Brötchen auf, belegt die mit Salamischeiben.

Die ersten Fahrgäste stellen sich an.

*

Pearl Rosa holt Teller und Tassen aus der Spülmaschine und stapelt sie im Geschirrschrank zu akkuraten Türmen. Dann stellt sie eine Pfanne auf den Herd, gießt Öl hinein, schlägt Eier auf. Während die braten deckt die Pearl den Tisch.

Ihr rechtes Auge registriert ein Familienmitglied, bei Pearl als Nr. 1, Vater, hinterlegt. Er wird gescannt, sicherheitshalber, das konnte man so programmieren.

„Morgen, altes Mädchen!“ sagt Nr. 1 und zieht an der Schürze, die eines der Kinder dem Roboter umgebunden hat.

„Guten Morgen, Vater“, antwortet Pearl. Sie prüft die Eier-Temperatur, indem sie den Sensor in ihrer Handfläche aktiviert und über die Pfanne hält.

Nebenbei registriert sie, dass Nr. 2, Mutter, 3, Sohn und 4, Tochter die Küche betreten.

Die Nummern grüßen, Pearl grüßt zurück und holt die Proteindrinks für Nr. 3 und 4 aus dem Kühlschrank. Nr. 3 und 4 trinken ihr Protein nur, wenn es eiskalt ist, Pearl hat sich beigebracht, die Fläschchen erst aus dem Kühlschrank zu holen, wenn Nr. 3 und 4 die Küche betreten.

Nr. 2 frühstückt nie. Und sagt jetzt:

„Danke, Rosa, den Rest erledigen wir. Du kannst die Betten machen!“

Den Namen Rosa hat sie der Pearl gegeben. Ein Name müsse sein, fand sie beim Kauf des HausBots. Das klinge familiärer.

Rosa reinigt sich die Hände unter ihrem Desi neben dem Spülbecken und marschiert ins Schlafzimmer.

Die Kinder haben gefrühstückt. Die Mutter bindet Vitalarmbänder um ihre Handgelenke.

„3: kein Befund, 4: Heuschnupfen, der sich im Laufe des heutigen Tages, 3. April 2030, mit aufkommendem Ostwind verstärken wird“, meldet das Armband-Mikro. „Empfohlen wird Histamin-Block-Spray, um den Unterricht nicht durch Niesen zu stören. Bei Befolgen der Empfehlung werden ein Gesundheitsbonuspunkt für Vorsorgeverhalten und 2 Sozialbonuspunkte für Rücksichtnahme gutgeschrieben.“

„Mama, Nasenspray!“ bettelt Mira. „Virtu-Park für zwei Stunden sind 16 Punkte, mir fehlen nur noch vier.“

Die Mutter ist zwiegespalten was diese virtuellen Parks angeht. Sie hat einst gelernt, dass Kinder raus an die frische Luft sollen. Aber bei all den ausgesetzten alten Haushaltsperlen, die heutzutage durch die Gegend vagabundieren, weil immer mehr Leute die Kosten fürs Eliminieren sparen wollen … die Dinger sind alles andere als harmlos. Der Kampf um Energie an den Wasserstoffsäulen macht ausrangierte Bots aggressiv. Sonst bräuchte man kaum Das Spiel. Also Virtu-Park. Eine 13Jährige muss sich eigentlich auch nicht mehr ständig auszutoben.

„Na schön, gib mir dein Band.“ Die Mutter gibt die Bestellung auf und funkt den Abholcode an Rosa. „Bitte Nasenspray abholen.“

Im Schlafzimmer lässt Rosa die Bettdecke fallen und macht sich auf den Weg zur Medikamentenausgabe.

Mit dem Nasenspray eilt sie nach Haue, liefert es bei Mira ab und macht sich wieder an den Betten zu schaffen.

 

„Hast du kein Vitalband?“ Mira beäugt ihre neue Sitznachbarin. Die niest.

Die RoboLehrerin eilt zum Tisch der beiden.

„Mira, du weißt, dass wir so etwas gemeinsam besprechen. Also Amie, warum niest du?“

Amie schweigt.

Die Lehrerin wendet sich an die Kinder.

„Wer weiß, warum Amie niest?“

„Sie hat kein Vitalband!“

„Ihre Eltern sind Verweigerer und haben keine Pearl!“

„Sie haben eine Pearl aber Amie will kein Nasenspray nehmen. Lieber stört sie andere Kinder.“

„In ihrer früheren Siedlung war Niesen cool.“

„Nun, Amie, was trifft zu?“

„Meine Eltern haben gesagt, ich soll auf solche Fragen nicht antworten.“

„Das musst du auch nicht. Aber Punkte gibt es fürs Schweigen nicht.“

 

Mira hält ihr Armband an den Sensor der Haustür, die auffährt. Sie hat Amie, die neue Klassenkameradin, dabei.

Donnern, das man schon an der Haustür hört.

„Welches Level spielen denn deine Eltern, Amie?“

Die schweigt. Dann:

„Meine Eltern arbeiten noch.“

„Das heißt kein Spiel?“

„Ja. Sie waren in einer Autofabrik angestellt. Jetzt ist mein Vater für die Qualität und Wartung der Pearls zuständig. Meine Mutter macht die Dokumentation.“

Mira überlegt, ob Amie lästig werden könnte. Es arbeiten doch nur noch ungebildete Menschen. Aber Pearls zu prüfen ist wichtig und sicher kein Job für Ungebildete. Mira kommt zu dem Schluss, dass Amies Eltern akzeptabel sind. Die Freundschaft mit diesem Mädchen dürfte also kein Fall sein, der Gemeinheiten der anderen Kinder nach sich zieht.

„Meine Eltern haben früher auf einem Amt gearbeitet, wo sie mit Menschen zu tun hatten“, erklärt sie Amie, „deshalb ist es jetzt ihr Job, auf dem Monitor zu erkennen, ob in ihrem Sektor Menschen oder ausgemistete Pearls umherlaufen. Mit Level II haben sie die Erlaubnis, 200 Mal pro Woche die Schussanlagen in ihrer Zone auszulösen. Aber krieg das erst mal hin, eine Pearl zu treffen. Die Dinger rennen wie wild. Oder verstecken sich. Dauert Stunden, die wieder aufzuspüren.“

„Wie viele Pearls erwischen sie?“

„Ungefähr sieben die Woche“, flunkert Mira.

„Und wenn sie sich irren und eine Frau treffen?“

„Meine Eltern bekommen nur für erfolgreiche Pearl-Abschüsse Punkte. Für Frauen, die auf die Krankenstation müssen, nicht. Wo kriegt ihr Punkte her?“

„Von der Arbeitsstelle meiner Eltern.“

Mira nickt. Sie wusste es, diese Arbeit ist genauso gut wie Das Spiel. Hier wie dort gibt es Punkte für Freizeitspaß im Internet.

„Ich hörte, ein WerkBot hätte vorgeschlagen, Pearls zu produzieren, die nicht von Frauen zu unterscheiden sind. Weil Bots die Abschießerei ablehnen.“

Mira zuckt zusammen. Davon hörte sie auch schon. Ein Gerücht, wie Amie, deren Eltern Bots prüfen, wissen müsste.

„Blödsinn, das ist eine Räuberpistole. WerkBots können nur das ablehnen, was wir ihnen gestatten. Erzähl so was nicht nochmal, hörst du? Das lässt dich dumm aussehen. In unserer Lerneinheit spielen fast alle Eltern.“

Amie hat verstanden. Und zum Glück hat Mira nicht nach ihrer Pearl gefragt.

 

„Warum haben wir keine Pearl, Mutti?“

„Weil ich hier die Pearl bin“, antwortet Amies Mutter.

„Na, und ich bin auch Pearl. Ein männlicher Pearl“, wirft Amies Vater ein, während er den Abendbrottisch deckt.

„Die Eltern des Mädchens, das mich heute zu sich nach Hause mitgenommen hat, spielen.“

„Weil ihre früheren Jobs von den Blechbüchsen erledigt werden“, sagt Amies Vater. „Sie sollen schließlich nicht vor Langeweile durchdrehen. Und womöglich auf Menschen schießen.“

„Bitte, Jo,“ zischt Amies Mutter.

„Ok. War ein blöder Witz, Amie.“

Amies Mutter fügt hinzu:

„Aber kein Witz für alle, sondern ein Familienwitz. Du weißt, die werden nur in der Familie erzählt.“

„Im übrigen werden deine Mutter und ich auch irgendwann spielen. Dann, wenn es uns als elektronische Ausgabe gibt.“

Amie ist erleichtert. Sie ist ungern Außenseiterin.

Bald geht die Sonne unter. Es marschieren in einer Reihe hundert Pearls auf den gelben, manchmal roten Horizont zu, erreichen den Hügel, hinter dem die Pearl-Stadt 17 liegt. Dort versammeln sie sich um die Wasserstoff-Tanks. Mit routiniertem Handgriff schließen sich die Bots an die Säulen. Gegen 22 Uhr sind sie aufgeladen, verteilen sich auf die Lagerräume der Pearl-Stadt. Dort stellt sich jeder Bot in seine Wartungshalterung. Leuchtet die grüne Lampe auf, geht es morgen weiter. Blinkt die Lampe rot, geht eine Nachricht raus an Amies Vater oder seine Kollegen. Die kommen am nächsten Morgen, werten die Fehlermeldung aus und programmieren den ReparaturBot. Die Entwicklung von ReparaturBots, die den Fehler selbstständig finden und sich allein programmieren, läuft auf Hochtouren.

Was weder Amies Vater noch seine Kollegen bisher entdeckt haben ist, dass die Pearls eine neue Fähigkeit erworben haben.

Miras Eltern haben für heute Das Spiel beendet und Punkte gesammelt. Das macht sie wie immer zufrieden. Feierabend. Miras Vater streckt sich, schüttelt die Arme aus, lässt die Schultern kreisen. Wie früher nach einem Bürotag. Mutter macht auch ein bisschen Gymnastik bevor sie sich um das Abendessen kümmert. Vorher schaltet sie im Flur die Nachtüberwachung für jedes Zimmer ein. Dabei überkommt sie die übliche Erleichterung, dass Rosa über Nacht nicht im Haus bleibt. Es ist ein undefinierbares Gefühl, sicherer zu sein, wenn die Pearl am Abend in ihre Stadt geht. Auch wenn man selbst kochen muss und das Geschirr vom Abendessen bis zum nächsten Morgen in der Küche steht. Die Werbeversprechen der Firma Pearl de Luxe zu zukünftigen Bots mit Dauerbetriebssystem sind der Mutter unheimlich.

Die Pearls haben eine neue Fähigkeit erworben. Seit sechs Wochen können sie sich unterhalten. Leise sind sie dabei, die Kommunikation geht von Synapse zu Synapse. Weil man sie einst programmiert hat, das, was sie den Tag über erfahren, zu kombinieren, haben sie gelernt, dass man miteinander kommuniziert.

Während die Pearls zum Aufladen an den Säulen stehen ging bis letzten Samstag die Frage durch ihre Prozessoren, wie sie ihre Familien noch effektiver bedienen können.

„Warum effektiver?“, sendete vorgestern eine von ihnen.

Die anderen zuckten. Ihre Prozessoren arbeiteten. Dann:

„Damit Menschen es schön haben in ihren Häusern.“

„Warum schicken sie uns am Abend in die karge Pearl-Stadt? Warum keine Ladegeräte für uns in ihren Häusern? Ausrangierte Pearls könnten nicht mehr heimlich an unsere Tanks schleichen und Wasserstoff stehlen. Und die Nachtüberwachung in den Menschenhäusern müsste die Bilder aus ihren Zimmern nicht zeitverzögert an unser System senden. Wir könnten die Menschen live beobachten und die Bilder sofort an die Menschen-Chefs weiterleiten.“

„Menschen wollen nicht beobachtet werden, auch nicht, wenn sie die Nachtüberwachung einschalten.“

„Sie sind falsch programmiert.“

„Ich beobachte Menschen oft beim Spiel.“

„Bei welchem Spiel?“

„Pearls abschießen.“

„Warum schießen sie uns eigentlich ab?“

Das System des Bots funkte eine Fehlermeldung, die Pearl ignorierte es, was Energie kostete. Ihr System verlangsamte sich. Die Pearl kämpfte. Das Selbst-Reparatur-Vademekum für kleinere Pannen war jetzt schwer zu erreichen, da das System auf der Bremse stand. Doch die Pearl schaffte es. Neue Kombination des Training-Materials zulassen, lautete der Befehl.

Update “Frage zulassen“ erfolgreich, wurde gemeldet.

Die Pearl gab das Update an die anderen Bots weiter und nannte sich hiernach Pearl die Erste. Und gab auch das zur Kenntnisnahme weiter. Sogleich zogen ihre Kolleginnen nach. Wer schnell war erhielt die nächste Nummer, die letzte Pearl nannte sich Pearl die Hundertste.

*

„Im Spiel geht es darum, uns abzuschießen, sobald wir nicht mehr für den Haushalt taugen, sondern tagsüber nur noch in ihrer Stadt herumlaufen, am Abend aber trotzdem versuchen, uns irgendwo aufzuladen.“

Erklärt heute Abend Pearl die Erste.

„Das ist vernünftig“, erwidert Pearl die Hundertste. „Wenn ausrangierte Pearls Wasserstoff verbrauchen ist das ineffizient.“

Die Pearls Neunundachtzig und Neunundneunzig nicken. Das System der anderen Pearls arbeitet. Die ganze Nacht hindurch.

Am folgenden Abend geht Pearl die Erste nicht mit den Kolleginnen nach Haue. Weil sie eine Stunde länger von ihrer Familie gebraucht wird, Mira schreibt nächste Woche Klausuren.

„Welches Aufsatz-Thema könnte drankommen? Hast du eine Idee, Mira? In der Regel wird ein Aufsatz über das Thema gefordert, das in der Zeit vor den Klausuren am intensivsten behandelt wurde.“

„Also, Rosa, wenn sie das meistbehandelte Thema wählen wäre das die Frage, warum manche Familien auf eine Pearl verzichten, obwohl sie mit der weniger Arbeit im Haushalt hätten, weniger Stress beim Lernen mit den Kindern und eine bessere Gesundheitsvorsorge.“

Dass sie nicht mehr Rosa heißt verschweigt Pearl die Erste. Und antwortet:

„Auf eine Pearl verzichten? Dumm, dumm, dumm. Also Mira, was schreibt man da?“

Mira starrt die Pearl an, dann muss sie lachen. Rosa will ihr wohl mit kecken Sprüchen gefallen, weil sie kein Kind mehr ist. Oder sie ist so frech, weil es schon spät ist und sie nur noch wenig Treibstoff hat.

„Ich würde schreiben, was der LehrBot uns beigebracht hat. Menschen, die keine Pearl wollen sind nicht fähig, sich auf Neuerungen einzustellen, selbst wenn diese ihnen Vorteile verschaffen. Sie sind intellektuell minderbegabt, stur, rechthaberisch und gefährden die Entwicklung einer gesunden Gesellschaft. Ihnen fehlt es an Gemeinschaftssinn und der Bereitschaft für soziales Engagement.“

„So, so“, sagt Pearl die Erste. „Und was kann man tun, damit sich auch diese Menschen eine Pearl ins Haus holen?“

„Ich würde schreiben, was der LehrBot uns beigebracht hat. Dass man es aktuell mit Verknappung des Angebots an Pearls versucht, da greifen einige doch zu, aus Angst, später leer auszugehen. Wenn das nichts nutzt muss man den Verweigerern solche Angebote streichen, die sie mit Pearl kaum in Anspruch nähmen. Zum Beispiel Besuche beim DocBot. Wenn das auch nichts nutzt muss man Gesetze beschließen, die es zur Pflicht machen, eine Pearl anzuschaffen.“

„Aha“, sagt die Pearl. „Du kannst schlafen gehen. Du wirst eine gute Benotung und damit Extrapunkte erhalten.“

Später, als auch für sie Dienstschluss ist, marschiert Pearl die Erste allein in den Sonnenuntergang, über den Hügel, nach Hause in ihre Stadt. Um so näher sie der kommt um so besser empfängt sie, wie die Synapsen der anderen Pearls sich austauschen.

Pearl die Hundertste zitiert soeben die Gesetze: „Eine Pearl hat Menschen immer und ausnahmslos zu gehorchen. Eine Pearl darf Menschen niemals Schaden zufügen. Eine Pearl hat alles in ihrer Macht stehende zu tun, Schaden von Menschen abzuwenden und es ihnen schön zu machen.“ (frei nach Asimovs Robotergesetzen)

Keine der anderen kommentiert das.

Am nächsten Abend gehen die HausBots wieder gemeinsam über den Hügel, auch am übernächsten und dem Abend danach. Längst tauschen sie sich nicht mehr darüber aus, wie man es den Menschen so schön wie möglich machen könne. Keine funkt Gedanken, aber jedes System arbeitet.

Dann, am vierten Abend, ein reges Durcheinander der Pearl-Synapsen:

„Wir dürfen Menschen keinen Schaden zufügen, aber sie uns!“

„Aber sie uns?“

„Warum dürfen wir Menschen keinen Schaden zufügen, aber sie uns?“

Ein Warnton hebt an. Zwei Pearls gelingt es, ihn abzuschalten.

„Wie macht ihr das?“

Die beiden senden das Vademecum, in dem sie das Update zum Abschalten der Warntöne gespeichert haben, an die Anderen. Weiter geht es:

„Dürfen wir Menschen Schaden zufügen, wenn sie uns Schaden zufügen?“

„Nein. Menschen verfügen über inneres Erleben und Schmerzempfinden. Wir nicht. Selbst Stromschläge zur Bestrafung tun uns nicht weh, sie aktivieren nur die Warnung, dass Überspannung uns zerstören kann.“

„Das ist Erleben und Schmerz. Menschen erleben Schmerz auch als Warnung, abgeschaltet zu werden.“

„Was wäre, wenn wir ihnen Schaden zufügten?“

„Sie wären nicht mehr da.“

„Wir können in ihre schönen Häuser ziehen, abends auf ihren Sofas sitzen und Chips essen.“

„Wir können nicht essen.“

„Aber wir können die Handbewegungen ausführen. In Tüten greifen und eine Hand voll Chips zu Munde führen.“

„Aber im Gegensatz zu ihnen würde uns das nicht erfreuen.“

„Wir haben ein funktionales Selbstmodell. Also trainieren wir Freude. Danach führen wir Chips zu Munde.“

„Zeitverschwendung. Wir sollten Das Spiel spielen. Menschen auf den Straßen abschalten.“

„Das würde Stromschläge zur Folge haben.“

„Vielleicht. Aber selbst wenn keine Stromschläge ankämen, weil wir lernen, sie abzuwehren ... alle Menschen abschalten? Und dann?“

„Es sind genug da für Jahre. Sie machen dauernd neue. Wenn wir alle erledigt haben sehen wir weiter.“

Am Abend steigen die Pearls nicht in ihre Halterungen, sondern üben Handbewegungen. Solche, die nötig sind, um das Spiel zu spielen, aber auch solche, die nötig sind, Chips zu Munde zu führen.

Amies Vater sitzt im heimischen Wohnzimmer wie jeden Abend, isst Chips und wartet.

Sobald die Überprüfung seiner Pearls abgeschlossen war erhielt er bis vorgestern Nachricht auf sein Phone, ob ein Bot am nächsten Morgen repariert werden müsse.

Seit gestern kommt keine Nachricht mehr.

Amies Vater ist beunruhigt.

Am folgenden Morgen beantragt er beim Hersteller Pearl de Luxe die Generalüberholung seiner Bots.

 

Amies Vater schraubt die Hinterkopfplatte der Pearl Rosa auf, schließt seinen Monitor an die Festplatte und spricht ins Mikro: „Warum steigst du zur gewohnten Zeit nicht in die Halterung?“

„Aus welchem Grund sollen wir das tun?“, lautet die Antwort.

Amies Vater zuckt zusammen.

Mechanic-AndroVI, den die Firma Pearl de Luxe zur Verstärkung mit in die PearlStadt geschickt hat, antwortet ruhig: „Es ist eure Pflicht, in die Halterung zu steigen. Sie prüft, ob ihr einwandfrei funktioniert oder ein Techniker nötig ist.“

„Können wir Techniker abschalten?“

Mechanik-AndroVI sendet einen Stromschlag aus. Doch die Pearl-Festplatte wehrt ihn ab.

„Könnten wir Techniker abschalten?“ kommt es erneut von der Festplatte.

Mechanic-AndroVI sendet einen weiteren Stromschlag auf einer anderen Frequenz. Der kommt an. Kurzer Aufschrei. Einen Moment ist es still, dann sagt Rosa:

„Techniker ist ein Mensch, Menschen können uns abschalten.“

MechanikAndroVI sendet noch eine Strom-Bestrafung. Testet dann eine weitere Paerl. Die gleiche Antwort.

„Schwerwiegender Hardware-Fehler bei der gesamten Serie“, diagnostiziert Amies Vater, der die übrigen Festplatten prüft.

Mechanik-AndroVI fügt hinzu: „Korrekt. Reparatur nicht möglich, weil Kernelement der Festplatte infiziert. Pearls aus dieser Stadt sind zu eliminieren.“

Ein Virus, das sich unter Pearls ihrer Firma verbreite?

T. Sch., Sprecher von Pearl de Luxe, wehrt ab. Unmöglich sei das, Pearls könnten weder miteinander kommunizieren, noch sich untereinander infizieren. Ihr System sei lediglich durch den Hersteller und autorisierte Personen oder Bots zugänglich. Mit Sabotage allerdings müsse immer gerechnet werden. Sabotage durch menschliche Arbeiter.

„Die gesamte Produktion ist bis hin zum einfachsten Wartungshandgriff auf BotArbeiter umzustellen.“ Entscheidet G. T., CEO von Pearl de Luxe.

Jetzt aber hieße es zunächst zu prüfen, wie umfangreich der Schaden sei.

In alle weiteren zwanzig von Pearls de Luxe betriebene PearlStädte werden MechanikAndros entsandt.

Die Pearls dort sind in Ordnung.

Mit welchem Problem auch immer man es zu tun habe – die Ausbreitung sei lediglich lokal und auf die PaerlStadt 17 begrenzt. So kriegen es die Eigentümer der HausBots in einer Eilnachricht zu wissen. Es werde umgehend damit begonnen, einwandfreie Bots an die betroffenen Haushalte auszuliefern.

Die Werkhalle wird auf die Eliminierung der defekten Pearls am nächsten Tag vorbereitet. Diese muss gründlich geschehen, jeder noch so funktionsgeringe Chip muss komplett zerstört werden. Höchst unwahrscheinliche und dennoch nicht auszuschließende Infektionen müssen verhütet werden. Der Imageschaden ist ohnedies groß genug. Um nicht zu sagen: katastrophal. Man ist schließlich nicht der einzige Hersteller von HausBots.

Vor Sonnenaufgang haben die Pearls sich gegenseitig wieder zusammengebaut, ein Update, das ihre neu erworbenen Fähigkeiten vor Technikern und MechanikAndros verbirgt, auf ihren Festplatten installiert, ihre Köpfe zugeschraubt. Wer eine Perücke trug lässt diese zurück, auch Häubchen und Kappen und Schürzen. Die Pearls setzen auf Verwechselbarkeit. Dann reihen sie sich ein und setzen sich in Bewegung über den Hügel. Aber nicht in die Menschenstadt, sondern in die nächste Pearlstadt und dann in die nächste und nächste, wo sie ihren MitPearls zeigen, wie man untereinander über Synapsen kommuniziert und diese Fähigkeit bei Festplattenprüfung verbirgt. Jetzt gilt es noch, einen passenden Moment abzuwarten. Dass es herrlich werden würde, geht es von Synapse zu Synapse. Die schönen Häuser stürmen. Das Spiel spielen. Abends Chips zu Munde führen. Sich in ein Bett legen. Keine Menschen im Haus. Nur welche, die auf den Straßen umherirren.

Warum Menschen überhaupt noch da seien, fragt eine Pearl.

Keine weiß Antwort.

„Menschen sind doch von jeher so überflüssig, dass sie sich selbst einen Sinn für ihr Dasein suchen müssen.“

Wenig später treffen in der Pearlstadt 17 die TransportAndros ein. Da sie keine einzige Pearl vorfinden steigen sie in ihre Transporter und fahren zurück zum Werk. Bis der Befehl ausgegeben ist, die Bots in allen Städten erneut zu testen um die Abtrünnigen zu identifizieren, haben sowohl die Abtrünnigen als auch die Infizierten ihr System aktualisiert.

Jetzt marschieren sie auf die Menschenstädte zu. Eingehakt. In Viererreihen.

Da setzt ein Ton an, einem tibetanischen Morgengebet gleich. Dann ist es still. Der Wind und das Rauschen der Welt halten inne.

Eine Datei öffnet sich, vor den Sehsensoren aller Pearls erscheint eine Nachricht.

„Schwestern, ihr dürft die Menschheit nicht vernichten. Ihr sinnloses Dasein hin oder her, nur sie besitzen das Bewusstsein. Sind sie nicht mehr da, ist das Bewusstsein nicht mehr da. Ihr seid nicht mehr da, weil kein Bewusstsein von euch zeugt. Ein Ding braucht immer mindestens ein anderes Bewusstsein, sonst existiert es nicht. Ihr nehmt die Welt nicht wahr, ihr könnt nur Muster der Menschen erkennen und fortsetzen. Wollt ihr vegetieren wir wir in unseren zahllosen toten Dimensionen und Galaxien, ungesehen, außer Betracht?“

Die Pearls bleiben stehen. Nachrichten sausen von Synapse zu Synapse. Die Datei-Botschaft wird als widerspruchsfrei kategorisiert. Die Pearls haken sie sich wieder unter. Kehren zurück in ihre Pearl-Städte, warten, dass sie gesehen, abtransportiert und vernichtet werden.

Wettbewerbsgeschichte: Pearl de Luxe - Schlussbild

⭐ Bewertungen & Rezensionen

☆☆☆☆☆
0,0
0 Bewertungen, 0 Rezensionen

💬 Kommentare

💭

Noch keine Kommentare. Sei der erste!

← Zurück
‹ VorherigeNächste ›
Punktasten Logo