Wettbewerbsgeschichte: Verstoßen
Verstoßen Der Anblick des toten Gewebes hätte jedes fühlende Wesen schockiert. Aus den rostigen Verstrebungen, den schimmeligen und durch Kalkstein zu surrealen Skulpturen angewachsenen Platinen ra...
Verstoßen Der Anblick des toten Gewebes hätte jedes fühlende Wesen schockiert. Aus den rostigen Verstrebungen, den schimmeligen und durch Kalkstein zu surrealen Skulpturen angewachsenen Platinen ra...
Verstoßen
Der Anblick des toten Gewebes hätte jedes fühlende Wesen schockiert. Aus den rostigen Verstrebungen, den schimmeligen und durch Kalkstein zu surrealen Skulpturen angewachsenen Platinen ragte mit anklagender Geste eine menschliche Hand. Zunächst war sie mir wie eine verirrte Pflanze erschienen auf der Suche nach Wasser und Wärme. Doch der Mars kannte keine Pflanzen. Nicht hier draußen.
Auf der anderen Seite der betonierten Klötze, die wir als billige Quartiere für die Zuarbeiter geschaffen hatten, stand im rötlichen Dunst die gewaltige Kuppel des nach Newton benannten Domes. Dort, von wo aus meine Leute die Kolonie am Leben hielten, gab es noch Pflanzen: importiert, in Laboren für den Mars adaptiert und beinahe monatlich erneuert und ersetzt. Länger hielten sie nicht durch. Alles hier musste ersetzbar sein. Da dieser planetare Stein dem Leben keinen Halt bot, war es das Leben selbst, das seinen Wert einbüßte. Und alles Aussortierte landete hier, jenseits des Domes und sogar noch jenseits der Elendsviertel. Dort, wo die Beinahe-Aussortierten ihr Dasein fristeten. Immer in der Hoffnung, eines Tages vielleicht Einlass in den Dome zu erhalten. Bevor sie an Erschöpfung starben. Und ebenfalls ersetzt wurden.
Die Hand, die da aus dem Müll in den teilnahmslosen grauen Himmel ragte, hatte mich aus meinen Gedanken gerissen. Meine Verwunderung, wie ich in dieses öde Areal geraten war, löste sich in Ekel auf. Die fleischigen Finger, deren kleinster auf unnatürliche Weise abgeknickt war, lähmten mich und es war, als würden wir uns gegenseitig anstarren. Vorwurfsvoll und abwartend. Handelte es sich nur um einen Arm oder verbarg sich da eine ganze Leiche im Müll?
Entfernte Stimmen schreckten mich auf. Ich duckte mich gegen einen krummen Stahlträger und versuchte, etwas zu erkennen, ohne selbst entdeckt zu werden. Da waren sie. In ihren billigen Druckanzügen und mit langen dünnen Blechstangen durchsuchten die Ghosts den Schrott. Wie Kakerlaken in den Resten der Zivilisation. Der Dome hatte ein Paradies werden sollen. Dank der Pionierarbeit von Generationen hatten wir Technologien entwickelt, die langsam erstickende Erde zu verlassen und uns hier eine neue, bessere Welt zu errichten. Ein Leben für die Klügsten und die Fleißigen, die das Abenteuer nicht scheuten; stets bereit, zum Horizont aufzubrechen.
Doch selbst hierhin war der Abschaum uns gefolgt, stets begierig, etwas von dem Kuchen abzunagen, den wir jahrzehntelang vorbereitet und aufgebaut hatten und jetzt endlich genießen wollten. Die Lebensspanne der Zuarbeiter war verschwindend gering im Vergleich zu unserer. Aber gerade deshalb richteten sie ihre fiebrigen Augen auf unsere heimische Kuppel. Mich konstant in Deckung haltend beobachtete ich sie, wie sie sich freuten, wenn sie ein stabiles Rohr oder einen reparablen Luftfilter fanden. Ihr Gestank, ihre merkwürdige Art, in verkürzten Satzfragmenten zu reden und ihre durch die Kälte entzündete Haut erzeugten kein Mitleid mehr in mir. Nur noch Verachtung. Aber auch Angst schwappte durch meine Adern. Was würden die Geier wohl machen, wenn sie mich, ein Mitglied der ihnen verhassten Elite, hier erwischten?
Was mich wieder zur Frage brachte, wie ich hierher gekommen war. Die Schmerzen an meinem Hinterkopf und in der Taille schienen antworten zu wollen. Hatte es einen Unfall gegeben? Meine Erinnerung an die letzten Stunden war mehr als lückenhaft und das Gefühl, dass irgend etwas schief gegangen war, beherrschte mich. Nicht ausgeschlossen, dass die Ghosts, die da durch den Schrott krochen, uns angegriffen hatten. Vielleicht hatte ihre Verzweiflung nach all den Jahren gewonnen und das Gewürm war in die Offensive gegangen. Hatten sie uns bei einem Ausflug erwischt und unseren Gleiter abgeschossen? Oder waren sie in den Dome selbst eingedrungen? Ich hatte meine Kollegen und auch Hiroshi wieder und wieder davor gewarnt, dass dies eines Tages passieren konnte. Doch niemand hatte meine Warnungen ernst genommen. Sie alle waren zu sehr darauf fokussiert, den drohenden genetischen Zerfall zu erforschen, der unsere Unsterblichkeit gefährdete.
Mein Stiefel rutschte ab und warf ein altes Blechgehäuse um. Der Krach war sicher weithin hörbar und instinktiv duckte ich mich tiefer. Die Geräusche der Ghosts verstummten kurz, als sie sich nach dem Ursprung des Geräusches umsahen. Meine Nervenenden verkrampften sich beim Gedanken, dass ihre schwieligen Hände mich berühren und nach Brauchbarem durchsuchen könnten. Neid machte sie brutal und skrupellos.
Entferntes Knirschen erklang. Die Geräusche der Blechstangen, die größere Teile weg hebelten, um eventuelle Schätze darunter zu entdecken, wehten wieder zu mir herüber und ich riskierte einen Blick. Sie zogen weiter. Tagein tagaus, auf der lächerlichen Suche nach dem Schatz, der ihnen den Weg aus ihrer Existenz in Schande schenkte.
Sicher hatten sie uns bei einem Ausflug erwischt. Hiroshi und ich liebten es, für mehrere Tage über die Schluchten des Elysium Planitia zu gleiten und Pläne zu schmieden für den nächsten großen Dome. Man diskutierte, ob man ihn nach Marie Curie oder Nikola Tesla benennen sollte. Auch wenn mich das Verlassen unseres Domes stets nervös machte, liebte ich die Flüge. Nur selten wurde mir die Angreifbarkeit in Gleitern wirklich bewusst. Sie waren so luxuriös eingerichtet, dass man vergaß, wie dünn die Panzerung war. Ein paar Geschosse, schnell genug abgefeuert, konnten uns zum Absturz bringen. Ich konnte mich weder an einen Flug erinnern noch an ein Wrack, aber mein Gedächtnis fühlte sich an, als hätte man zentnerschweren Nebel hinein gegossen. Ich war nicht plötzlich erwacht, sondern mehr und mehr zu Bewusstsein gekommen, während ich durch die Trümmer kroch. Allein und schutzlos. Mit Schmerzen am Kopf, am Oberkörper und einem tauben Arm.
Die Schrottsammler waren jetzt außer Sichtweite und ich entspannte mich. Mein Blick fiel wieder auf die leblose Hand zwischen den Trümmern. Wie oft hatten sie schon Gleiter vom Himmel geholt? Ich konnte mich an keine derartigen Nachrichten erinnern. Neben den Schmerzen im Leib versank alles in unklaren Schwaden. Es hatte eine Sitzung der Führungskäfte des Newton-Domes gegeben, in denen uns einige Mediziner die Schwächen der genetischen Manipulation erläutert hatten. Jemand hatte eine Alternative vorgeschlagen und ich entsinne mich an die Skepsis mancher und die Begeisterung anderer. Danach hatte ich Erholung gebraucht. Mit Hiroshi auf andere Gedanken kommen und…
Der nächste Schock wartete auf mich wie kaltes Eis in der Kehle. Wem gehörte diese Hand? Hiroshi? Niemals wäre ich allein geflogen.
Ohne Vorsicht stürzte ich vorwärts, presste meinen verwundeten Körper unter dem Träger hervor und robbte hinüber zur Hand, vor der ich eben noch panisch zurück gewichen war. Bei näherem Hinsehen wich die Angst, denn es handelte sich um eine weibliche Hand. Mein Mann konnte es nicht sein. Es war auch kein Blut zu sehen. Die Haut wirkte seltsam artifiziell, wie fleischiges Gummi oder Silikon. Während ich meinen tauben Arm weiter unter meinem Druckanzug versteckte, buddelte ich mit dem gesunden Arm den Müll beiseite, dessen Gestank sogar durch die Maske wahrnehmbar blieb. Selbst in meiner Umnachtung während des Erwachens war ich geistesgegenwärtig genug gewesen, nach einem, wenn auch schrottreifen Druckanzug zu suchen, bevor mir die Luft wegblieb. Unser Terraforming war gut genug, um eine halbe Stunde schutzlos zu überleben. Aber die nächste Atmosphärensäule war kilometerweit entfernt. Hier draußen spürte man ohne Anzug schon nach zwanzig Minuten die Symptome wie Kopfschmerzen, eine raue Kehle und wachsenden Druck in den Augen.
Nachdem ich das letzte widerspenstige Drahtknäuel entfernt hatte, kippte mir der Arm schlaff entgegen und blieb am Boden liegen. Erleichterung durchfuhr mich, als ich die leeren Plasmablasen und die Kabel sah, die abgerissen aus dem künstlichen Fleisch ragten. Ich strich mit dem Finger über die Hautfetzen am Oberarm, wo die androide Imitation vom Rest des Körpers getrennt worden war. Die Ähnlichkeit zu einem menschlichen Arm war ekelerregend. Dass der Arm hier so isoliert in einer Welt des Mülls existierte, kam mir falsch vor. Moralisch falsch; denn einerseits war er zwar nur ein technisches Hilfsmittel wie Kühlpräparate, Proteingeneratoren oder Nachrichtentabletts, aber seine menschliche Form machte ihn zu mehr. Etwas das mir näher war, als mir lieb war.
Bisher hatte ich keine Erklärung, warum man den Hybriden hier entsorgt hatte. Der restliche Körper war nicht zu sehen. Vielleicht war nur der Arm zerstört und die KI im Brustkorb war noch intakt. Deren Kommunikator konnte ein Rettungsteam kontaktieren. Mühsam und unter pochendem Schmerz am Hinterkopf erhob ich mich und suchte den Schrott nach organischen Formen ab. Es fühlte sich pervers an, aber wozu gab es die Dinger, wenn nicht als Rettung in der Not? Ich erinnerte mich vage, dass die Sitzung, in der wir über unsere genetischen Schwierigkeiten gesprochen hatten, auch einen Vortrag über Hybriden beinhaltete. Das PR-Geschwafel hatte mich jedoch schnell gelangweilt. Jede Woche kamen Ingenieure mit technischen Neuerungen und leeren Versprechungen angelaufen und ich hatte mir angewöhnt, nur noch über bereits existierende Technologie nachzudenken. Auch die Hybriden hatten nicht gehalten, was sie versprachen. Hier und jetzt aber konnten sie mir nützen.
Während ich die nähere Umgebung scannte, verfing sich mein Fuß in einem Kabelstrang und ächzend stolperte ich in einen kleinen Krater, der vom Maschinenöl schwarz verfärbt und von einer rötlichen Kruste bedeckt war. Da ich nur einen Arm zur Verfügung hatte, konnte ich mich kaum halten und knallte auf die Kante eines alten Tischs, der im schlammigen Rost stak. Meine Maske knirschte und der Schmerz in meiner Taille zuckte mit elektrischen Pfeilen durch meinen Oberkörper. Der klebrige Mix aus Öl und Kühlflüssigkeiten verschmierte mein Visier und es kostete viel Kraft, mit nur einem Arm wieder zum Rand des Kraters hinauf zu klettern. Oben angekommen klammerte ich mich um die in den Angeln hängende Tür eines leeren Schränkchens. Selbst nach mehrmaligem Wischen wurde das Visier nicht viel klarer und meine Finger blieben wieder und wieder an irgendetwas hängen. Vielleicht sollte ich nach einem neuen Helm suchen? Es war jedoch sehr unwahrscheinlich, hier draußen einen zweiten Anzug zu finden.
Ich versuchte, meinen tauben Arm hervorzuziehen, aber ich konnte ihn noch immer nicht bewegen. Die Schmerzen in der Schulter sagten mir, dass er schlimmer verletzt war als gedacht. Wahrscheinlich verblasste der Schock durch den Absturz langsam und mein Körper fing erst jetzt an seine Wunden zu registrieren. Mit einem alten Lappen wischte ich wieder über das Visier und meine Sicht wurde klarer. Der Himmel über mir behielt sein dämmrig leuchtendes Grau. Rechts neben mir klaffte der offene Wandschrank mich an, in dem sich vielleicht einstmals Erinnerungen an die alte Heimat befunden hatten, Fotografien von längst Verstorbenen oder das simulierte Porzellangeschirr einer Habitatküche.
Ich drehte meinen Kopf nach links und erstarrte vor Angst, als ich die starren Augenpaare entdeckte. Ein Berg unzähliger fleischiger Brustkörbe und Köpfe lag als grausiger Stapel unter einer riesigen Plastikplane wie die bizarre Skulptur eines wahnsinnigen Künstlers. Irgendjemand hatte hier etwa dreißig oder vierzig Leiber entsorgt und sie nur notdürftig vor den Blicken der Schrottsammler verborgen. Ein Massengrab der dysfunktionalen Menschenimitate. Manche waren noch mit allen Gliedmaßen bestückt, andere existierten als Rumpf ohne Kopf. Viele Gesichter waren in meine Richtung gedreht und starrten aus offenen Augen vor sich hin. Abgesehen von der blassen Haut wirkten sie gesund und funktionstüchtig, doch die Totenstille, die aus diesem Fleischberg schrie, machte den Anblick noch furchterregender.
Plötzlich stand mir das vor Begeisterung glühende Gesicht des jungen Ingenieurs wieder vor Augen. Die Zukunft sei posthuman, hatte er fast gesungen, während er in Echtnaht-Jeans und Retro-Sneakers salbungsvoll gestikulierte. Und hier verschimmelte seine posthumane Zukunft unter der Plane des Verdrängten. Nach dem Vortrag war das Publikum in Jubelstürme ausgebrochen. Nach den gescheiterten Versuchen, uns genetisch unsterblich zu machen, war dies die Lösung. Wenn der Körper nicht ewig am Leben blieb, dann kopierte man das Leben eben in einen ewigen Körper.
All die Nahrungsimitate und Transfusionen, mit denen ich von klein auf traktiert worden war, um meine DNS umzuprogrammieren, hatten versagt. Kurz vor meinem 160. Geburtstag starb einer von uns. Ein Schock. Niemand von uns würde älter als zweihundert Jahre alt werden. Für mehr als eine Verdoppelung hatte es nicht gereicht. Doch was waren zweihundert Jahre beim Gedanken an die Welten, die wir erst in fünfhundert Jahren würden erreichen können? Oder in dreitausend? Für uns brach die Welt zusammen. Es war nicht fair. Und mit einem Mal war sie wieder da, die Angst vor der Sterblichkeit. Davor, dass all dies vielleicht umsonst war.
Die künstlichen Körper sollten uns retten. Doch hier lag nun die versprochene Alternative und verspottete mich aus ausdruckslosen Augenhöhlen. Ich kniete mich hin und tote Blicke folgten mir. Programmierter Reflex. Leere Demütigung. Man hatte uns Mut gemacht und hier draußen zerstörte man ihn brutal wieder. Was unterschied mich jetzt noch von diesen parasitären Eintagsfliegen in den Ghost-Zonen? Ich stand auf und trat wuchtig gegen den Berg künstlicher Leiber, die mit einem Schmatzen wie glitschige nasse Säcke auseinander rutschten.
Einer der Oberkörper landete vor meinen Füßen und mir wurde übel, als sein Hals sich drehte und der Kopf ein mechanisches Kopfschütteln von sich gab. Die Augen suchten die Umgebung ab, fixierten mich wieder und der Mund entblößte grinsend strahlend weiße Zähne.
Erschrocken wich ich zurück vor dem Berg, in dem sich nun auch weitere Körper bewegten. Ich stolperte seitwärts, als einer der amputierten Hybriden wie eine zweibeinige Spinne auf seinen Armen über den Müll auf mich zu krabbelte, den Kiefer in einer stummen Kaubewegung aufreißend und schließend. Nach wenigen Metern stoppte er. Die Energiereserven der Androiden mussten fast aufgebraucht sein und um sich zu schützen, versanken sie im Standby Modus. Nur die entsetzlichen Augen waren noch aktiv und folgten meinen Bewegungen.
Niemand hatte sich die Mühe gemacht, sie abzuschalten.
Wussten sie, wo sie waren?
Vorsichtig den Krater umrundend entfernte ich mich von der Alptraumszene, ohne sie aus den Augen zu verlieren. Ich erinnerte mich vage an die ersten Modelle. Daran, dass man mit der Kopie seiner kognitiven Daten über ein Interface kommunizieren konnte. Eine perverse Art von Selbstgespräch und der Hoffnung auf Unsterblichkeit. Ein androider Körper, bestehend aus gezüchtetem Bio-Gewebe und einem austauschbaren mechanischen Kern, der unsere Persönlichkeit als Datensatz beinhaltete. Jeder von uns wollte der erste Cyborg sein. Hiroshi und ich hatten gestritten, wer wem den Vortritt lassen durfte.
Der künstliche Leichenberg verschwand hinter Müll. Es musste einen anderen Weg nach Hause geben. Selbst wenn ihre Kommunikatoren noch liefen, war es unmöglich, sich mit diesen Rümpfen zu verständigen. Wann war das passiert? Wann hatte man beschlossen, sie zu entsorgen? Vor Wochen? Monaten? Länger? Waren sie nur leere Gehäuse oder hatte man bereits mit der Persönlichkeitsprogrammierung begonnen?
Waren sich diese fleischigen Rümpfe ihrer Existenz bewusst, während sie da in Form eines riesigen Haufens verfaulten?
Mein Kopf pochte. Ein Tinnitus schnitt mir durch mein Hirn und zog vom hinteren Schädel aus durch die Ohren bis in die Augen. Brennendes Fiepen, das alles andere übertönte. Vorsichtig tastete ich mit der Hand die Kapuze des Druckanzugs ab, doch das Schlauchgewirr war im Weg. Den Helm absetzen wollte ich nicht. Schlimm genug, dass ich meinen Arm gar nicht mehr spürte.
Ich musste hier weg. Gründlich nachdenken. Der Weg in Richtung Dome war zu weit und hätte durch die Ghost-Siedlung geführt mit ihren engen Gassen zwischen den billigen Habitats, den plötzlichen Schlünden, die tief in die Marskruste und die darunter liegenden Tunnel führten. Ganz abgesehen vom Abschaum, der dort an jeder Ecke lauerte.
Der Tag näherte sich dem Ende. Die kleine Sonne lag tief am Horizont und kündigte marsianische Kälte an. Ein hohes Surren erklang. Kurz fürchtete ich, die untoten Androiden hätten einen Klagegesang angestimmt. Doch ohne Stimmausgabe konnten ihre Kehlen nicht sprechen. Keine Lungen, keine Stimmbänder. Ewig verdammt zu stummen Kieferbewegungen, die nicht ausdrücken konnten, welche zeitlosen Qualen sie litten, während sie dort lagen und nicht starben.
Das Surren wurde lauter. Während ich durch die Maske die Herkunft des Geräusches zu erfassen suchte, fiel mir ein, welcher Streit die Androidenlösung beendet hatte. Warum man sie entsorgt hatte. Wie konnte ich das vergessen? Ein simples Problem. Und doch unüberwindbar. Man konnte die kognitiven Daten eines Menschen in einen Computer übertragen. Das war einfach. Selbst eine mechanische Kopie in menschlicher Form war möglich. Aber als Hiroshi seinem androiden Klon gegenüber stand, wuchs die Panik. Das Ding besaß nicht nur seine Identität, sondern auch einen überlegenen Körper. Ein Körper, der Hiroshi selbst um Jahrhunderte überleben würde. Die Geburt einer Kopie löschte ja nicht das Bewusstsein in einem selbst. Man existierte jetzt zweimal und das Problem der Sterblichkeit war für das Ich nicht gelöst. Im Gegenteil, es wurde einem nur noch bewusster. Man stand jemandem gegenüber, der dieses Problem niemals kennen würde. Hiroshi hatte mich bekniet, selbst auf die Unsterblichkeit zu verzichten. Niemals hatte ich ihn so verängstigt gesehen. Er, der sonst auf alles selbstsichere Antworten hatte, war in seinen Grundfesten erschüttert worden und wirkte wie ein schlotterndes Kind.
Ich stand wieder vor dem leblosen Arm und betrachtete ihn. Es war ein schöner Arm. Nach dem Anblick der Leiber unter der Plane war mein Ekel verflogen. Wie schnell man sich an das Grauen gewöhnen konnte.
Das hohe Surren wurde lauter und plötzlich erkannte ich es. Dies war das Geräusch eines bemannten Gleiters.
Vielleicht war man bereits auf der Suche nach mir. Ich sah mich um und entdeckte die markante dreieckige Silhouette auf mich zurasen. Seine Staubwolke glühte rot im Licht der späten Mars-Sonne. Instinktiv riss ich den am Boden liegenden Arm hoch und verlängerte damit meinen eigenen. Ich wedelte wie eine Wahnsinnige hin und her, während der Gleiter auf mich zukam. Als er mich fast erreicht hatte, wollte ich ihn rufen. Aus meinem Mund kam jedoch nicht mal ein Krächzen. Der Druck des Gleiters warf mich zurück und innerhalb eines Augenblicks stand ich in einer Wolke aus Rost und Staub.
Der Gleiter entfernte sich. Meine Maske war voller Dreck, der sich auf meine Augen legte. Ich kniff sie zusammen, schüttelte mich, fiel zu Boden. Der Staub brannte auf meinem Gesicht und im Mund. Die Maske war undicht. Ich ließ den fremden Arm fallen und riss sie mir vom Gesicht. Das Visier musste bei meinem Sturz aufgeplatzt sein und war von außen und innen mit klammem rötlichem Staub bedeckt. Schutzlos starrte ich auf die Fraktur.
Ohne meine genetische Überlegenheit wäre ich vermutlich längst erstickt. Ich ließ das nutzlose Ding neben den Arm zu Boden fallen, zog die Kapuze mit den Schläuchen zurück und tastete sachte nach der Wunde in meinem Hinterkopf. Kein Blut. Ein gutes Zeichen. Doch unter meinen Haaren, die wahrscheinlich grauenhaft aussahen, fühlte ich eine Vertiefung, die dort nicht hingehörte. Erschrocken zog ich die Hand wieder zurück, denn ich wollte keinen Schaden anrichten, falls der Schädel angeknackst war. Dieser verfluchte Gleiter! Warum hatten sie mich nicht gesehen?
Ich brauchte dringend medizinische Versorgung.
Wie der Hund, den unsere Nachbarin auf der Erde nicht rechtzeitig vor dem heran rasenden Auto hatte retten können. Man hatte ihn in eine Tierstation gebracht und seine Wunden waren später wie von Zauberhand verschwunden. Mich hatte das als kleines Mädchen irre fasziniert und ich rannte zu meiner Mutter, um sie zu überzeugen, dass ich Tierärztin werden würde. Sie hatte gelacht. Liebevoll, nicht herablassend. Mir durch die Locken gestrichen und genickt. „Na klar, kannst du, Liebes.“ Ob sie es ernst gemeint hatte, habe ich nie erfahren. Und fragen konnte ich sie nicht mehr. Mama war gestorben und ich hatte vergessen, wie viele Jahrzehnte seitdem verflossen waren. Hin und wieder vermisste ich sie. Aber sie war nur ein Gefühl, ein entfernter Traum.
Schlimmer.
Die blasse Erinnerung an einen fast vergessenen Traum.
Jetzt stand ich hier in der marsianischen Einöde, schwer verletzt und ohne Möglichkeit, jemanden um Hilfe zu bitten. Keine Eltern, keine beste Freundin und auch keinen Ehemann. Die unerreichbare Kuppel des Newton Domes glitzerte im dunstigen Abendrot. Wann hatte ich ihn verlassen? Wohin hatte ich fliegen wollen? War Hiroshi auch hier? Verletzt? Vielleicht war es besser, ihn zu suchen und auch das abgestürzte Wrack, denn die Sonne sank immer tiefer und ohne Schutz würde ich die Nacht nicht überleben.
Da der nutzlose Druckanzug mich eher blockierte, zog ich ihn aus. Falls es zu kalt wurde, konnte ich ihn ja wieder anlegen. Es war nicht leicht, ihn mit nur einem Arm abzulegen und meine Taille zwackte mit pulsierenden Schmerzstößen.
Kaum hatte ich den seitlichen Reißverschluss geöffnet, fiel der Anzug fast ohne Widerstand von mir ab und klatschte mit einem schmatzenden Geräusch neben den abgetrennten Arm und die kaputte Maske. Ich wollte mir meinen tauben Arm ansehen, um die Schwere der Verletzung einzuschätzen, doch ich konnte ihn nicht erreichen. Hatte ich ihn mir auf den Rücken gebunden? Wie hatte ich das geschafft in meinem Zustand? Ich drehte mich fast wie ein Hund, der seinen eigenen Schwanz jagte und während der Drehung überkam mich eine ungekannte Übelkeit. Mein anderer Arm griff mehrfach ins Leere und versuchte, den unsichtbaren tauben Arm zu packen, erfasste aber immer nur die tönerne marsianische Luft. Mein Blick konnte sich nicht fokussieren und während ich meinen Arm suchte, rasten meine Augen über meinen nackten Körper. Offenbar hatte ich unter dem Druckanzug nichts getragen. Kalt war es nicht. Es war, als hätte der Druckanzug nur aus Luft bestanden, denn ich spürte keinen Unterschied. Warum war ich nackt? Meine Augen zuckten wild in den Höhlen herum und ich schlug mir mehrfach gegen die Wange. Jetzt nicht den Verstand verlieren! Ruhig Nachdenken. An meiner Schulter über meinem unsichtbaren Arm ragten Kabel und Drähte hervor. Hatte ich einen Fremdkörper in die Wunde bekommen? Mein Kopf zuckte und die Übelkeit wurde stärker. Hiroshi, hörst du mich? Ich wollte seinen Namen rufen, doch noch immer hatte ich keine Stimme und ich verstand nicht warum. Wo war mein Arm abgeblieben? Die dünne Atmosphäre machte mir vermutlich zu schaffen, denn meine Orientierung setzte aus. Oh, da ist mein Arm! Ich sehe ihn. Warum liegt er am Boden? Ich sollte ihn mitnehmen. Vielleicht kann man ihn wieder annähen. Oder kleben? Wie macht man das heutzutage? Den Anzug lasse ich besser hier. Er nützt mir hier nichts. Ich muss das Wrack suchen. Hiroshi? Mama? Seid ihr da? Wir wurden abgeschossen. Diese Bastarde. Nie was geleistet im Leben. Parasiten, Diebe, Mörder. Nicht mit uns. Wir sind überlegen. Eine unsterbliche Elite. Genies. So nennt man uns.
Das Wrack ist hier irgendwo.
Dunkel. Marsianische Nächte sind kalt. Aber das macht mir nichts. Man hat mich entsorgt. Nicht gebraucht. Aber ich bin widerstandsfähig. Sogar meinen Arm habe ich gefunden. Die Luft ist dünn. Ich sollte in den Standby Modus gehen. Morgen früh mache ich mich auf die Suche.
Nach einem Wrack.
Meiner Familie.
Zuhause.
Wie jeden Tag.
Dünne Luft. Brauche nen Druckanzug. Morgen finde ich einen.
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