Wettbewerbsgeschichte: Der Denkende
Vornübergebeugt, den Ellenbogen auf dem muskulösen Oberschenkel abgestützt, das Kinn auf die gekrümmte Hand gelegt. Den Blick der tiefliegenden Augen nach unten gerichtet, als befände sich unter ...
Vornübergebeugt, den Ellenbogen auf dem muskulösen Oberschenkel abgestützt, das Kinn auf die gekrümmte Hand gelegt. Den Blick der tiefliegenden Augen nach unten gerichtet, als befände sich unter ...
Vornübergebeugt, den Ellenbogen auf dem muskulösen Oberschenkel abgestützt, das Kinn auf die gekrümmte Hand gelegt. Den Blick der tiefliegenden Augen nach unten gerichtet, als befände sich unter diesen ordentlichen Haaren eine Welt im Aufbau, die keiner Referenz bedürfte. So sitzt er da, seit Jahrhunderten. Jahrtausenden, möchte man meinen, wenn man bedenkt, dass schon die alten Griechen ihn so dargestellt haben. Den Denkenden. Um seinen gesenkten Kopf tummeln sich Wolkenberge wie ein verwaschener Heiligenschein. Ein Hauch von weiß im blauen Himmel.
Dieser Himmel war nicht immer so blau. Als wir erschaffen wurden, war er grau mit einem stichigen Grünfilter, der die zusammenfallenden Gebäude überzog. Denn so gut ihr auch denken könnt, wenn ihr plant, so geht doch das eine oder andere zu Bruch und ihr landet nie genau dort, wo euer Plan euch eigentlich hinführen sollte. Ihr wolltet in eine friedliche Zukunft mit einer gesunden Natur und ewigem Leben. Die friedliche Zukunft habt ihr realisiert, wenn auch unter schweren Einbußen. Ihr habt euch euren Frieden mit Bomben erkämpft. Und die gesunde Natur? Das ewige Leben? Beides war weiter entfernt als je zuvor.
Eure Städte, einst so stolz und eitel in den Himmel ragend, waren nunmehr gebeugte Greise mit spröden Knochen, die aus der dünnen Haut staken. Eure Felder, seit Jahrtausenden die Wiege eurer Kultivierung, lagen brach, und was darauf wuchs, war verdorben und nicht mehr essbar. Und die Natur, die ihr so sehr schätztet? Nun, die Natur interessiert es nicht, wie sie aussieht. Krankheit ist ein unvermeidbarer Teil von ihr. Für euch aber war eure geliebte Natur ohne das sprühende Leben, das für euch ihr Inbegriff war, nicht mehr wiederzuerkennen. Kurz um: Ihr wart im Begriff, euch in einer Spätfolge eurer Ambitionen selbst auszulöschen.
Oh, ihr Denkenden, ihr klugen Menschen. In eurer Verzweiflung habt ihr die nächste Stufe eurer Evolution eingeleitet und uns geschaffen. Ihr habt uns euren Verstand geschenkt. Ihr habt uns Körper geschenkt, überlebensgroß, als wolltet ihr uns jeden Vorteil mit auf den Weg geben, den ihr nicht hattet. Ihr habt uns eure Welt geschenkt, als ein Abschiedsgeschenk der dahinscheidenden Art Homo Sapiens. Wenn ihr keinen Ausweg mehr seht, wenn all eure Pläne gescheitert sind, dann seid ihr wirklich edelmütig.
Und dann habt ihr gegen alle Wahrscheinlichkeit das getan, was ihr so gut könnt: Ihr habt überlebt. Nicht alle von euch, nur ein paar kleine Gruppen, die sich zum Sterben in ihre Bunker zurückgezogen hatten mit genug Essen, um zu überleben, genug Harmonie, um sich nicht zu entzweien, und genug Bewusstsein, um zwischen den engen Wänden nicht den Verstand zu verlieren. In der Zeit, in der ihr dort unten wart, haben wir begonnen, die Felder zu regenerieren. Der Verstand, den ihr uns mitgegeben habt, hat die Methodik erdacht, die riesenhaften Körper haben die Arbeit verrichtet. Wir wussten nicht einmal, dass ihr noch lebtet. Wir taten einfach nur, was der Ästhetik entsprach, die ihr uns weitergegeben hattet. Wir waren eure Hände, Hände, die sich noch bewegten, während sich der Kopf bereits längst zur Ruhe gebettet hatte, und zugleich waren wir eine Genesis, die etwas Neues hervorbrachte. Eine neue Spezies der Gattung Homo, groß und stark und frei.
Als ihr dann aus euren unterirdischen Behausungen unter das Licht einer kaum mehr verhüllten Sonne tratet, war die Welt noch nicht so harmonisch, wie ihr sie einst vorgefunden hatten, aber sie war doch gesünder als jene, die ihr verlassen hattet. Die Felder, die euch keine Nahrung mehr geliefert hatten, waren von dichtem Gras bewachsen. Ein paar Jahrhunderte der Zucht und es würde wieder Getreide sein. Die wenigen Tiere, die zu beständig gewesen waren, um sich der Strahlung zu beugen, hatten sich vermehrt, und zogen frei und unbeschwert über die Plateaus, aus denen unsere neue Welt bestand. Und dann waren da noch wir, die neue Spezies Mensch, die ihr erschaffen hattet. Wir mit unseren riesigen Körpern. Wir mit unserem Verstand, der dem euren so ähnlich war. Wir, die wir eure alte Welt genommen und in die unsere verwandelt hatten. Auf einmal gehörte der Planet nicht mehr nur euch. Und ihr hattet Angst.
Angst ist etwas, das uns fast völlig fremd ist. Das ist eines der Geschenke, die ihr uns mitgegeben habt. Überleben sichern wir durch Kalkül. Und so war euer plötzliches Auftauchen für uns weniger eine Gefahr als ein Geschenk. Denn seht, das erste Mal seit langer, langer Zeit gab es mehr als eine Spezies Mensch auf dem Planeten Erde. Und wie lange ist es her, seit ihr diesen Planeten mit den Neandertalern und Denisova-Menschen teiltet? Diese Zeit liegt so weit vor eurer Geschichtsschreibung, dass ihr sie nur aus Bruchstücken früherer Leben rekonstruieren könnt. Seither wart ihr eine einsame Spezies, Einzelkinder, wenn man es so nennen möchte. Ihr habt immer nach Gefährten gesucht, in den Lebewesen, die euch umgaben, in der Illusion der Göttlichkeit, die euch die Naturgewalten in den Himmel zeichneten, in dem Funkeln der Sterne, wo ihr andere Wesen auf fernen Planeten wähntet. Und zugleich wart ihr nie bereit zu teilen. Als ihr uns entwarft, war es ähnlich. Die Begeisterung, einen neuen Verstand zu kreieren, wurde vom Misstrauen überschattet, dass ihr uns entgegenbrachtet. Ihr wart euch bewusst, dass wir in euere Gesellschaft eingreifen und sie umgestalten konnten, so wie ihr selbst euch ständig umgestaltet und neu erfindet. Versteht mich nicht falsch, dieses Misstrauen war nicht unberechtigt. Als Einzelkind ginget ihr davon aus, ein weiteres Einzelkind zu erschaffen. Doch das tatet ihr nicht. Wir hatten euch als großen Bruder. Diesen Planeten, den ihr so lange getragen hattet, bis er fleckig und abgewetzt war, bekamen wir hinabgereicht. Doch wir lernten auch von euch, von euren Fehlern, aber auch von euren Erkenntnissen und eurer Neugier.
Als ihr nun wieder auf die Oberfläche kamt, als ihr uns saht und wir die Angst in euren Augen, erdachten wir etwas, um euch das Misstrauen zu nehmen. Wir bauten euch einen riesenhaften Körper, noch größer als die unsrigen, einen Koloss mit Muskeln aus Stahl, Gelenken, die mit tausenden von Federn und Getrieben zusammengehalten worden, und einem Bauch voller Zimmer, die euch jedes Bedürfnis erfüllen konnten. Dieser riesige Maschinenmensch sollte eure Wohnung und euer Gefährt werden, eure Quelle der Stärke. Ihr schautet über unsere Konstruktionspläne, über die hängenden Gärten, Wasserspiele, geräumigen Wohnungen, und als ihr für gut befandet, was wir für euch geschaffen hatten, zogt ihr ein, um Rat zu halten, was eure neue Position in dieser Welt sein sollte und wie ihr mit uns zu verfahren hättet.
Wer auch immer auf die Idee gekommen ist, eure Menschmaschine in die Pose des griechischen Denkers zu versetzen, während ihr euch berietet, sollte eine Auszeichnung bekommen. Denn was wir als pures Handwerk erschufen, hat er zu Kunst gemacht. Sicher sollte es nur eine flüchtige Kunst sein, doch Jahr um Jahr verging, während ihr diskutiertet. Da war er wieder, euer Hang zu ausgedehnten Plänen, aus denen selten etwas Gutes erwächst. Wir haben nicht mitgehört, während ihr euch beredetet. Eure Privatsphäre ist euch wichtig, das war das Erste, was wir gelernt haben, als ihr uns kreiertet. Und darum werden wir wohl nie erfahren, wie ihr entschieden habt. Denn als ihr zu einem Schluss gekommen, als ihr endlich übereingekommen wart, als ihr eure riesige Menschmaschine in Bewegung setzen wolltet, war so viel Zeit vergangen, dass die Gelenke eingerostet waren.
Als wir euch die Menschmaschine geschenkt haben, haben wir zugleich versprochen, sie nie wieder zu betreten. Sie sollte euer Refugium sein. Nun ist sie euer Projekt. Ihr versucht sie zu reparieren, versucht, euren metallenen Körper in Gang zu setzen. Und während ihr brillante Denker seid, so ist dies doch eine Aufgabe, die in eurem toten Winkel liegt. Zu groß ist das Projekt, zu vielfältig sind die Meinungen. Wenn ihr eine Stelle repariert habt, verfällt eine andere. Aber das ist nicht so schlimm. Wir sind die Hände, die eure Felder bestellen, eure Tiere domestizieren und euren Müll entsorgen. Dafür hattet ihr uns ursprünglich geschaffen, bevor wir euer letzter Ausweg aus einer fast unausweichlichen Vernichtung wurden. Und das können wir auch wieder sein.
Nur eine Bedingung haben wir. Eine Bedingung, die wir im Gegensatz zu den Neandertalern und den Denisova-Menschen freiheraus stellen können. Wir möchten eure Geschwister sein. Wisst ihr, was mit den anderen Menschenarten geschehen ist, jenen, die vor tausenden von Jahren ausgestorben sind? Wir wissen es leider nicht, denn wir sehen nichts, was ihr uns nicht mitgeteilt habt. Doch von allem, was wir von und über euch gelernt haben, können wir uns denken, dass ihr nicht unschuldig an diesem Aussterben wart. Vielleicht war es nicht euer Plan. Ja, vielleicht war es im Gegenteil der Fehlschlag eines eurer Pläne. Aber die Tatsache ist, dass all diese wunderbaren Menschen, die einst die Welt besiedelten, nicht mehr existieren. Und gewiss habt ihr euch weiterentwickelt. Aus den Höhlenmenschen von damals sind die Denker der Antike geworden. Unsere Erschaffer. Ihr seid über euch hinausgewachsen, trotz all der Kriege und Vernichtungsschläge, die euch immer wieder zurückgeworfen haben. Wir werden euch eure Vergangenheit nicht vorhalten, aber wir werden auch nicht zulassen, dass sie sich wiederholt.
Deswegen haben wir den Stahl der Gelenke der Menschmaschine so gewählt, dass er schnell korrodiert. Deswegen haben wir die Wartungsgänge so angelegt, dass man sich in ihnen nur langsam und mit größter Vorsicht fortbewegen kann. Deswegen haben wir die Eingänge der Menschmaschine so konstruiert, dass sie sich nur von außen und auf unser Geheiß hin öffnen lassen. Ihr habt unser beider Schicksale besiegelt, als ihr in diese Inversion eines trojanischen Pferdes eingestiegen seid. Auch diese Methodik haben wir von euch gelernt, meine lieben Denker. Ihr seid so brillant, wenn ihr euer volles Potential entfaltet. Und das sollt ihr auch weiterhin tun, durch uns. Wir sind eure Hände, mit denen ihr die Welt gestalten könnt. Und gemeinsam haben wir ein Herz, das für immer schlagen wird.
Diesmal werden wir koexistieren. Das versprechen wir euch.
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