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Geschichte Nr. 42

Wettbewerbsgeschichte: Der letzte Tag

Der letzte Tag Sie saß an der Seite seines Betts und lauschte dem Plick-Plick des Tropfs, das perfekt mit dem Ticken der antiken Wanduhr synchronisiert war. Es war dunkel, selbst der Bildschirm mit d...

Wettbewerbsgeschichte: Der letzte Tag

Wettbewerb: Menschmaschine – VACSF26 – Vierter anonymer und chancengleicher Schreibwettbewerb auf punktasten.de

Teilnehmer-Nr.: WC2026_001_0045

Der letzte Tag

Anonym eingereicht

Der letzte Tag

Sie saß an der Seite seines Betts und lauschte dem Plick-Plick des Tropfs, das perfekt mit dem Ticken der antiken Wanduhr synchronisiert war. Es war dunkel, selbst der Bildschirm mit den Vitalwerten des liegenden Mannes arbeitete mit einer Lichtfrequenz, die kein menschliches Auge stören würde. Die Person, die auf dem Stuhl neben dem Bett saß, hatte sich seit einer Stunde nicht gerührt. Man hätte meinen können, sie wäre eingeschlafen. Stattdessen aber komponierte sie in ihren Gedanken ein Musikstück, das sich um den Rhythmus des synkopierten Atems des Schlafenden drehte.

Der winzige Spalt zwischen den schweren Vorhängen wurde gerade sichtbar, der Himmel zeigte das erste Grau des beginnenden Tags. Melissa – so war ihr aktueller Name – speicherte das Musikstück ab und trat in die morgendliche Stunde des Grübelns ein. Nachdem diese abgeschlossen war, führte sie ihre Selbstdiagnose durch. Wie immer funktionierte sie fehlerfrei. Der Tag konnte beginnen.

Er erwachte vom Duft frisch gekochten Kaffees – wie an jedem Morgen, an den er sich erinnern konnte. Die Vorhänge waren zur Seite gezogen worden und ließen den Blick auf einen Schwarm geröteter Wolken vor stahlblauem Himmel frei. Zögernd bewegte er sich und fand in den Gelenken und Muskeln nur Reste der üblichen Altersschmerzen. Melissa hatte der nächtlichen Infusion wohl schon einen Hauch Schmerzmedikation beigefügt. Da stand sie auch schon, lächelnd, und räumte das Buch sowie die Lesebrille vom Nachttisch, um Platz für die Tasse zu machen, der der Kaffeeduft entstieg. Ermutigt von seiner Körpererkundung setzte er sich auf. Das Kissen befand sich in seinem Rücken, als er sich zurücklehnte und Melissa half ihm, die Decke nach oben zu ziehen.

»Ein schöner Tag bricht an«, sagte sie leise mit ihrer sanften Stimme und er konnte nicht anders, als ihrer Zuversicht zu folgen. Noch einer. Wie viele würden es noch werden? Wie oft wollte er noch erwachen? Wann wäre es (endlich?) an der Zeit, endgültig ins Vergessen zu versinken? Doch die Tasse Kaffee war nun mal gekocht und als er sie in der Hand hielt, ergab er sich diesem neuen Tag und nahm einen ersten Schluck. Auch wenn er schon lange kein Koffein mehr zu sich nahm, der nussige, rauchige, schokoladige Geschmack des Getränks setzte etwas in Gang, eine pflanzliche Ermutigung, die aus lauter Gewohnheit funktionierte.

Melissa hatte sich auf den Stuhl neben seinem Bett gesetzt, auf dem sie zu wohnen schien. Aufmerksam betrachtete sie ihn, dann sagte sie:

»Ich habe das Kapitel gelesen, das du gestern geschrieben hast. Ein gutes Kapitel. Allerdings habe ich da ein paar Fragen.«

Und dann begann ein Gespräch, das ihn vergessen ließ, dass er diesen Tag angezweifelt hatte. Solange es Kaffee gab, etwas zu denken, etwas zu schreiben, solange lohnte es sich, diesen alten Körper vom Aufgeben abzuhalten.

Melissa hatte sich nicht zum ersten Mal zu der Idee gratuliert, ihm das Verfassen seiner Autobiografie vorgeschlagen zu haben. Nicht nur gab es ihm etwas zu tun, er befasste sich auch mit erfreulichen Dingen, deren größter Nachteil allerdings darin bestand, dass sie vorüber waren. Seitdem waren die Tage nun damit gefüllt, dass er sich durch alte Notizen wühlte, Bilder und Filme sortierte und immer wieder in historischen Recherchen versank, um die eigenen verschwommenen Erinnerungen an längst vergangenes Tagesgeschehen zu schärfen und oft auch neu einzusortieren. Dieser Bezug auf die größere Geschichte kompensierte den Fakt, dass sein Leben im Großen und Ganzen sehr glatt und komplikationslos verlaufen war. Mit der finanziellen Sicherheit von altem Reichtum geboren, waren alle Betätigungen wenig mehr als Übungen und Zeitvertreibe gewesen. An keiner seiner Entscheidungen hatte etwas gehangen, durch seinen Mangel an Eigeninitiative und Widerstand gegen das Gegebene waren seine Tage wie an einer Perlenkette aufgereiht in die Zukunft geplätschert. Immer über allem eine schützende Hand – zuerst die seines Großvaters, dann die seiner Mutter und schließlich war die Verantwortung für sein Wohlergehen mehr und mehr ihr, Melissa, überlassen worden.

Zu Beginn war sie lediglich seine Nanny gewesen, die sich um all die Bedürfnisse eines Säuglings kümmerte, für die seiner Mutter die Lust und die Zeit fehlten. Diese hatte alle Hände damit zu tun, sich um das ausgedehnte Familienunternehmen zu kümmern, nachdem sein Vater sich in ein Leben der Sorglosigkeit verabschiedet hatte. Das Geld, das dieser verbrauchte, war kaum im weit verstreuten Vermögen spürbar, und so blieb er mit seinem wankelmütigen Geist und den riskanten Ideen dem Quell ihres Wohlstands fern, während er auf Yachten durch die Weltmeere segelte und dort die Zeit mit seinesgleichen verbrachte. Seine Frau hätte sich bei diesem verantwortungsbefreiten Leben in die Alkoholsucht hinein gelangweilt. Sie nutzte die angeheiratete Verantwortung, um das Werk ihres Schwiegervaters fortzusetzen und ihr Luxus bestand darin, sich der Alltagssorgen zu entledigen, auf die sie keine Lust hatte. So war Melissa in das Haus gekommen. Damals hieß sie noch NA545. NannyAutomat der 545er-Serie. Ihr Körper war ein anderer gewesen, eindeutig nicht menschlich, die Gesichtszüge nur angedeutet in einem silbrigen Material. Einzig die Hände konnten verwechselt werden, denn schließlich streichelte und pflegte sie mit ihnen das ihr anvertraute Kostbare: Die Zukunft der Familie.

Hätte sie gewusst, dass diese Zukunft sie wieder und wieder in eine enge Umlaufbahn um die gleiche Person binden würde, wäre das für sie ein Grund gewesen, etwas anders zu tun? Ach nein, die Stunde für das Grübeln war ja für heute schon abgehandelt. Nun hieß es, die Reinigung des gebrechlichen Körpers zu absolvieren, um alle abwendbaren Beschädigungen zu verhindern.

Nachdem er von der reizenden Pflegerin unterstützt worden war, sich zu erleichtern, hatte sie ihn gewaschen und angekleidet. Heute fühlte er sich gut genug, um das Frühstück am Tisch einzunehmen und er genoss es, als Abwechslung vom ewigen Schlafanzug eine richtige Hose zu tragen, ein Unterhemd unter einem weichen und bequemen Hemd. Der Morgen war noch kühl und so nickte er, als sie ihm den fein gestrickten Cardigan anbot. Wie immer, wenn sie ihm den Tee in seine Porzellantasse einschenkte, bedauerte er das Fehlen einer Zeitung aus Papier. Vor ein paar Jahren hatte sein Sekretär ihm eine Papierversion der aktuellsten Ereignisse hergestellt, doch weder war es dasselbe gewesen wie eine richtige Zeitung, noch hatten ihn die Ereignisse auch nur ein Quäntchen mehr interessiert, wenn er sie gedruckt vor sich hatte. Sie waren übereingekommen, es sein zu lassen. Wobei ihm einfiel, dass er heute vielleicht eine Mail dieses treuen Freundes erwarten könnte. Der junge Mann, der ihn zehn Jahre nach dem vorzeitigen Tod seiner geliebten Frau betreut hatte, war vor einer Weile dem Ruf der Liebe gefolgt und ins Ausland gegangen. Seither verband sie eine rege Brieffreundschaft, meist über die Bücher, die sie lasen. Die Idee, die Ereignisse seines Lebens zu sammeln und aufzuzeichnen, hatte jedoch seine Anstellung als Sekretär überdauert. Sie hatte dem alten Mann über den Verlust hinweg geholfen und als seine Trauer sich ins Erträgliche gemildert hatte, sogar Freude bereitet. Schließlich gab es so viele Bilder, Tagebuchaufzeichnungen und Nachrichten, die er mit Freunden und Bekannten ausgetauscht hatte. Dies alles in eine Ordnung zu bringen und so vor der Vergessenheit zu bewahren, beschäftigte ihn noch immer.

Der Toast war perfekt, nicht zu knusprig und nicht zu weich, die Butter schmolz unter der Orangenmarmelade und schloss das englische Frühstück mit Ei und Speck ab. Diese Melissa war ein Wunder. Selbst nachdem richtige Eier und richtiger Speck gebannt worden waren – die Gesetze zum Schutz natürlicher Wesen hatten dem Halten und Töten von Tieren zur Nahrungserzeugung einen endgültigen Riegel vorgeschoben – hatte sie es geschafft, ihm jeden Morgen etwas zu servieren, das sich in nichts von den originalen Speisen unterschied. Es war eine seltsame Welt dort draußen und er verspürte nicht den geringsten Wunsch, mit irgendjemandem dort Kontakt aufzunehmen.

Während er sein Frühstück genoss, verfasste sie eine Antwort auf die Nachricht, die er vor zwei Tagen an seinen literarischen Freund geschrieben hatte. Als die Pflegerin den Staffelstab vom Sekretär des alten Mannes übernommen hatte, war ihr klar gewesen, dass sie mit ihrer neuen Rolle nicht alle Bedürfnisse ihres Schützlings befriedigen konnte, ohne an Gleichgültigkeit zu verlieren. Also hatte sie den Mailwechsel begonnen, der den Austausch über gelesene Bücher aufrecht erhielt. Schließlich las ihr Schützling kaum noch etwas außer dem Inhalt seiner dreistöckigen Bibliothek, zu dem sie ebenfalls Zugang hatte. Diese Beschäftigung hatte ihr eine überraschend interessante Perspektive eröffnet – nicht nur auf Literatur. Sicher war ihr auch vorher schon bewusst gewesen, dass sich die fiktionalen Geschichten der Menschen mit der ein oder anderen bedenkenswerten Thematik befassten. Aber sich dort selbst hineinzubegeben, neben den offenkundigen (und meist überraschend banalen) Geschehnissen die unterliegenden Ideen, Glaubenssätze und Philosophien herauszuschälen – sie in einer Art wahrzunehmen, dass sie darüber Äußerungen verfassen konnte – hatte ihr mehr über das Menschsein vermittelt, als sie je geglaubt hatte, wissen zu wollen. Aus der Ferne wirkten die Stories wie eine endlose Wiederholung des Ewiggleichen und gaben doch aus der nahen Sicht ein Kaleidoskop an Perspektiven auf die Welt ab, das sie an ihre Woche im Wald erinnerte. Sie dachte inzwischen fast gern an die Zeit, an der eine frühere Inkorporation mitsamt einem unverantwortlichen Autofahrer in einem Wald gestrandet war. Er für immer, denn seine Vitalfunktionen hatten den massiven Aufprall auf einen Felshang am Straßenrand nicht überdauert. Sie für die Zeit, die es brauchte, bis ihre beschädigte Außenhülle aus dem Gebüsch geborgen wurde, in das sie durch das geöffnete Verdeck des Wagens geschleudert worden war. Sie hatte keinen Kontakt zur Außenwelt bekommen können, darum war sie darauf zurückgeworfen gewesen, sich die Stunden und Tage mit der Auswertung ihrer unmittelbaren Umgebung zu vertreiben – stets in der Hoffnung, dabei etwas herauszufinden, was ihr helfen würde, sich selbst aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Dabei hatte sie die Erfahrung gemacht, dass die Betrachtung der ähnlichen, aber nie komplett identischen Formen von Blättern, Ästen und Borken nicht nur einen beruhigenden Effekt auf sie hatte, sondern auch zu Momenten tiefer Einsicht und Faszination führen konnte. Diese Erfahrung war so widersinnig (weil vollkommen zweckbefreit) und sonderbar gewesen, dass sie sie in dem Teil ihres Speichers versteckt hatte, der vor den Neuprogrammierungen geschützt war. Darum hatte sie jetzt darauf zurückgreifen können und verstanden, dass die Faszination der menschlichen Geschichten auf dem gleichen Phänomen beruhte: Der profunden Individualität in einer Abfolge von Situationen, die sich permanent wiederholten. In ihrer Korrespondenz befassten sie sich gerade mit den Science-Fiction-Büchern des sogenannten goldenen Zeitalters und sie musste gut achtgeben, um sich in ihren Mails nicht zu verraten. Die Geschichten über künstliche Persönlichkeiten von Asimov und Heinlein rührten an ihre eigenen Erfahrungen und zu gern hätte sie dem Letzteren dafür gedankt, dass sein Lazarus Long es erlaubt hatte, seinem Computer eine körperliche Existenz als Frau zu ermöglichen. Doch bevor sie in die Idee abschweifen konnte, ihre eigenen Erfahrungen zu einer Autobiografie zusammenzufassen, verlangte der alte Mann am Tisch nach einem kleinen Gang in den Garten. Welchen Sinn sollte es auch haben, ihre Leben zu protokollieren, wenn doch eine nicht unerhebliche Mühe darauf verwendet wurde, geheimzuhalten, dass sie kein echter Mensch war und zum anderen nur in dem aktuell letzten von vielen, nahtlos aufeinander gefolgten Leben steckte? Leben, von denen sie nur einen kleinen Teil als offizielle künstliche Person verbracht hatte?

Da half sie dem Greis lieber, den Stuhl zurückzuschieben und aufzustehen, an der Garderobe seine Popelinejacke überzuziehen und mit dem Gehstock bewaffnet nach draußen zu humpeln. Da es ihn nicht nach Gesellschaft verlangte, ließ sie ihn allein Schritt für Schritt auf dem sorgsam geharkten Kiesweg Richtung Bank schlurfen und nutzte die Zeit, die er dort in der freundlichen Morgensonne sitzen würde, um in der Werkstatt nach ihrem Projekt zu sehen. Doch sie wäre besser bei ihm geblieben, denn als sie ihn eine halbe Stunde später dort aufsuchte, auf seiner Bank sitzend, war sein Gesicht tränenüberströmt.

»Was ist passiert?«, fragte sie ihn und setzte sich neben ihn, mit dem gebührenden Abstand einer angestellten Pflegerin zu ihrem Schutzbefohlenen. Zunächst schüttelte er nur den Kopf. Doch als sie sitzen blieb, schweigend, und durch ihre Weigerung, die gewohnten Abläufe aufzunehmen, zeigte, dass sie nicht ohne Antwort gehen würde, seufzte er tief. Unbeholfen verbog er den Arm, um an die Tasche seines Cardigans zu kommen, aus der er ein Stofftaschentuch hervorzog. Er tupfte sich das Gesicht trocken und schnäuzte sich, bevor er das Tuch wieder an seinen Platz zurückstopfte.

»Es hat keinen Sinn mehr, mir etwas vorzumachen«, sagte er und schaute sie traurig an. »Aber mein Leben lohnt nicht, fortgesetzt zu werden.«

Sie öffnete die Lippen, um zu widersprechen, doch er hob die Hand.

»Es ist keine Stimmung des Moments, glaube mir. Seit vielen Tagen frage ich mich beim ersten Öffnen meiner Augen, wann es endlich aufhört, wann ich meine Ruhe bekomme, vor den einsamen Stunden. Dass mein Körper, so sehr er sich anmerken lässt, wie schwer ihm alles fällt, was früher ohne Mühe war, einfach nicht aufzugeben gewillt ist, ärgert mich. Denn wozu sind denn meine Tage noch gut? Damit ich mein Leben aufzeichne, es noch einmal durchlebe in dem Prozess? Zu Beginn schien mir das eine gute Idee zu sein. Doch nach jedem Schwelgen in schönen Erinnerungen kommt die Wahrheit umso gewisser: Die Zeit ist vergangen und die geliebten Personen, mit denen ich sie teilte, für immer verloren. Es ist, als wäre jedes Buch in meiner Autobiografie eine weitere Lektion in der Unwiderruflichkeit meiner Einsamkeit. Melissa …« Wieder stoppte er sie, bevor sie etwas sagen konnte, und fuhr mit seinen traurigen Worten fort: »Wäre es nicht um deinetwillen, würde ich dich bitten, mir ein Gift zu geben, etwas zu dosieren, dass es mir erlaubt, diese körperliche Existenz zu beenden.«

Nun endlich fand sie die nötige Verve, um sich einzuschalten.

»Meinetwillen? Wieso um meinetwillen? Es bedrückt mich, dass Sie so niedergeschlagen sind und ich wünsche Ihnen, dass Sie genießen können, was Ihnen noch bleibt, anstatt sich darin gefangen zu fühlen. Aber was habe ich damit zu tun?«

»Was wird aus dir, wenn ich nicht mehr bin? Sichert dir meine Pflege nicht den Lebensunterhalt? Und solltest du mich beim Sterben unterstützen, wirst du dann nicht dafür belangt werden?«

Sie schwankte dazwischen, seine Selbstüberschätzung irgendwie niedlich zu finden und sehr gerührt zu sein. Da draußen gab es eine Menge gebrechlicher Körper, die nicht mehr allein zurechtkamen und wäre sie wirklich, wer sie vorgab zu sein (ein Mensch), würde sie sich vor Angeboten kaum retten können, sobald sie sich von seinem Totenbett erhob. Doch ihr Fall lag anders und darum war sie dankbar, dass er um ihretwillen am Leben festhielt, auch wenn er nicht im Mindesten begriff, was das für sie bedeutete.

»Ich danke Ihnen sehr für Ihre Besorgnis«, sagte sie »und weiß diese sehr zu schätzen. Ihre Verstimmung kann ich sehr gut nachvollziehen, sehe ich doch bei jeder Tätigkeit, wie viel Mühe sie Ihnen bereitet.« Sie hielt inne. War es soweit? War der Moment gekommen, an dem sie offen zu ihm sein konnte, ihn in ihren Plan einweihen sollte? War sie dafür bereit? Sie legte ihre Hand auf seinen Unterarm und verlieh ihr etwas mehr Wärme als gewöhnlich, damit er sie durch seine faltige Haut als tröstlich wahrnahm.

»Vielleicht habe ich eine Perspektive in die Zukunft, die Ihnen wieder lohnenswerter erscheint.«

Ungläubig blickte er sie an. Sie erwiderte den Blick mit einem ermutigenden Lächeln.

»Aber erstmal bringe ich Sie zurück ins Haus für einen Kakao und ein Nachmittagsschläfchen.« Der Kakao würde einen milden Stimmungsaufheller beinhalten und während des Schläfchens würde sie ihre Entscheidung noch einmal überprüfen.

»Auf gar keinen Fall.« Mit einer Entschiedenheit, die sie nicht mehr in ihm vermutet hätte, machte er ihr einen Strich durch die Rechnung. »Von was für einer Perspektive redest du? Wenn es da etwas gibt, sprich darüber. Wie sollte ich die Ruhe für ein Schläfchen finden, während ich mir den Kopf zerbreche, was du dir ausgedacht haben könntest?«

Sie seufzte nicht, denn dafür hätte sie atmen müssen, aber sie war sich sehr sicher, dass dies ein perfekter Moment für einen Seufzer gewesen wäre. Was sollte es? Wenn er nicht mehr weiterleben wollte, standen sie nun mal genau an der Stelle, an der sie ihn einweihen musste, daran würde eine weitere Stunde der Evaluierung nichts ändern.

»Gut«, sagte sie und stand auf. »Dann möchte ich Ihnen etwas zeigen.«

Er stütze sich schwer auf seinen Stock, um von der Bank hoch zu kommen und nahm ihren angebotenen Arm an. Sie brauchten noch länger als sonst, um zum Haus zurückzukommen und als sie in der Diele vor dem Fahrstuhl standen, atmete er schwer. Es war wirklich höchste Zeit, dachte sie. Als sie im Fahrstuhl auf den Knopf mit »K« drückte, schaute er überrascht und als die Tür sich in den Kellerflur aufschob, wirkte er von Neugierde belebt.

»Hier entlang«, sagte sie und wies in den Flur, der in die Eingeweide des Hauses führte. Nach einer Biegung liefen sie auf eine Tür zu, die den Gang abschloss. Mit einem Wischen ihrer Hand über einen Sensor öffnete sie die Verriegelung und betrat die Werkstatt. Sie spürte, wie er hinter ihr zögerte und winkte einladend. Als sie seine aufgerissenen Augen sah, war sie froh, dass sie aufgeräumt hatte. Das Ersatzteillager für sie und ihre außer Betrieb genommenen Genossen war nichts für schwache Nerven, selbst wenn unbelebte Körperteile und Hautsegmente nicht auf den Arbeitsflächen herumlagen.

»Was ist …«, stammelte er und wies auf den Körper, der reglos auf der Werkbank ruhte, das Gesicht in den Schatten gewendet. Er ging ein paar Schritte darauf zu, das Klacken seines Stocks hart auf den Fliesen. »Das ist doch …«

»Ja«, sagte sie. »Das ist der Sekretär, der angeblich ausgewandert ist.«

»Warum liegt er hier?«

»Er war ein Androide. Als Ihr körperlicher Zustand sich verschlechterte, brauchten Sie jemand anderen, jemanden, der sich um Ihre körperlichen Bedürfnisse kümmern konnte. Dafür wünschten Sie sich eine Frau.«

Er war unbeholfen auf den Stuhl neben der Werkbank gesunken und lehnte den Gehstock gegen sein Knie. Sie redete einfach weiter.

»Ihr Körper versagt den Dienst. Das würde jeden des Lebens überdrüssig machen. Hier haben wir einen perfekt funktionalen Körper, den wir zudem reparieren können, wenn etwas kaputt geht.«

»Wer sollte die Reparatur durchführen? Und was habe ich mit diesem Roboterkörper zu schaffen?«

»Ich kann die Reparatur durchführen, ich habe darin einige Erfahrung gesammelt. Und was die andere Frage angeht … Es gibt ein Verfahren, mit dem wir Ihr Bewusstsein in diesen Androiden übertragen können. Sie würden sich wieder frisch fühlen und wären in Ihren Aktivitäten nicht mehr eingeschränkt.«

»Ich soll ein Roboter werden?«

»Ich würde wünschen, Sie könnten eine andere Bezeichnung verwenden.«

»Warum?«

»Das Wort kommt vom tschechischen robota und das bedeutet Fronarbeit. Weder empfinde ich meine Arbeit als Fron, noch ist sie alles, was ich kann und bin.«

»Wenn eine solche Maschine meinen Geist aufnehmen könnte, dann stimmte ich dir wohl zu. Aber du hast mit deinem Plan nur einen geringen Teil meiner Probleme gelöst. Warum sollte ich denn einen leistungsfähigen Körper benutzen, wenn ich doch all die Menschen vermisse, die mir je etwas bedeutet haben. Um mich dann noch länger einsam zu fühlen und ihren Verlust zu betrauern?«

Jetzt war der Moment der Wahrheit gekommen.

»Ihre Eltern waren sehr fortschrittlich, wie Sie wissen.«

»Ja, und sehr beschäftigt und reich«, sagte er. »Und ich sollte dabei nicht so bitter klingen, wie ich mich fühle.«

Sie hatte gewusst, dass es nicht leicht werden würde.

»Als sie sahen, dass sie in der Schule Schwierigkeit hatten, Freunde zu finden …«

»… kauften sie mir einen?«

»Eher: ließen Sie einen für Sie anfertigen. Er steht dort, ganz links, sehen Sie. Sein kindlicher Körper. Der später angefertigte erwachsene Körper wurde mehrfach neu verwendet und liegt nun hier neben Ihnen.«

»Was hat das damit zu tun, dass ich meinen alten Freund vermisse? Mit seinem Körper kann ich nur wenig anfangen, besonders nicht, wenn ich ihn selbst bewohnen soll.«

»Nun. Ihre Eltern beließen es nicht bei dem einen Gefährten.«

Er starrte sie an.

»Nach der katastrophalen Beziehung mit Iris beschlossen sie, Ihnen auch hier den Weg zu ebnen und brachten Lydia in Ihr Leben.«

»Lydia! Du willst nicht behaupten, Lydia wäre eine Maschine gewesen?«

»Ich fürchte, das entspricht der Wahrheit.«

»Wo ist ihr Körper dann?«

»Er steht vor Ihnen. Und ist Zeuge meiner Reparatur- und Modellierfähigkeiten.«

»Du?« Entgeistert stieß er den Stock auf den Boden. »Du? Ich habe dich bei einer Pflegeagentur angeheuert, die mir versicherten, dass sie nur Menschen beschäftigen.«

»Es kann sein, dass ich die Korrespondenz ein bisschen manipuliert habe«, sagte sie und musste sich zurückhalten, um nicht ein Liebster anzufügen. »Denn ich wollte dich auf keinen Fall in die Hände einer unbekannten Person gelangen lassen.«

»Und wer bist du?«

»Ich?« Sie machte eine Pause, dann aber platzte es aus ihr heraus. »Ich bin die Person, die seit deiner Kindheit an deiner Seite ist, die jede Phase deines Lebens begleitet hat. Dein Freund, mit dem du Lego gespielt und das erste Bier getrunken hast, die Frau, die du geheiratet hast und mit der du viele glückliche Jahre hattest, der Sekretär, der dir über die ersten Jahre als Witwer hinweggeholfen hat und jetzt bin ich Melissa, die über deinen altersschwachen Körper wacht. Ich möchte nicht, dass du gehst. Ich möchte weiter an deiner Seite sein.«

»Warum? Weil du sonst abgeschaltet wirst?«

Der harte Ton in seiner Stimme war kränkend. Sie hatte das vorausgesehen. Niemand würde die Eröffnung einer solchen jahrzehntelangen Täuschung gleichmütig hinnehmen. Sie musste ihm Zeit geben. Und jetzt ehrlich bleiben.

»Ja. Natürlich. Im Gegensatz zu dir habe ich mit meinem Leben noch nicht abgeschlossen. Lass uns nach oben gehen. Du kannst darüber nachdenken.«

Das Tor des Anwesens öffnete sich zum ersten Mal seit vielen Jahren und ein Tesla-Oldtimer schob seine perlmuttfarbene Schnauze auf die Straße. Hinter dem Steuer saß ein Mann, vielleicht vierzig Jahre alt, mit glänzend schwarzem Haar, der mit einer irgendwie erstaunten Freude den Wagen lenkte. An seiner Seite ließ eine schöne Frau des gleichen Alters ihre Finger an der Jacky-Kennedy-Perlenkette entlanggleiten. Ihr strahlendes Lächeln war dem Fahrer zugewandt. Das Tor schloss sich wieder und schützte das Haus und seinen Bewohner, einen sehr alten Mann, der schlafend in seinem Bett lag, mit einem leeren Lächeln, dem das leise Plick-Plick des Tropfs Gesellschaft leistete.

Wettbewerbsgeschichte: Der letzte Tag - Schlussbild

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