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Geschichte Nr. 43

Wettbewerbsgeschichte: Der doppelte Richtspruch

Der doppelte Richtspruch Die Schiebetür glitt zischend zur Seite. Zedernduft drang in die Transportkapsel und verteilte sich bis in ihre hintersten Winkel. Die Fahrgäste um Pandorian herum nahmen ti...

Wettbewerbsgeschichte: Der doppelte Richtspruch

Wettbewerb: Menschmaschine – VACSF26 – Vierter anonymer und chancengleicher Schreibwettbewerb auf punktasten.de

Teilnehmer-Nr.: WC2026_001_0046

Der doppelte Richtspruch

Anonym eingereicht

Der doppelte Richtspruch

Die Schiebetür glitt zischend zur Seite. Zedernduft drang in die Transportkapsel und verteilte sich bis in ihre hintersten Winkel. Die Fahrgäste um Pandorian herum nahmen tiefe Atemzüge und lächelten. Zedernduft galt als beruhigend und harmoniefördernd. Einzelne Fahrgäste gaben einander zum Abschied die Hand und traten pfeifend ins Freie.

Pandorian dagegen atmete nur flach. Er mochte keinen Zedernduft.

Als letzter Fahrgast stieg er aus der Transportkapsel. Ein warmer Wind strich über seine Haut. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel und versprach einen heißen Sommertag. Allerdings gab es keinen Grund, die Hitze zu fürchten. Obwohl sich Pandorian mitten in der größten Metropole der Welt befand, wuchsen so viele Bäume und Sträucher aus der Erde, dass überall angenehmer Schatten herrschte. Selbst die Hauswände waren begrünt.

Hinter ihm glitt die Tür wieder zu. Das typische Sauggeräusch erklang, als sich um die zylinderförmige Kapsel ein Vakuum bildete. Dann jagte das Fahrzeug durch die transparente Kunststoffröhre zur nächsten Station davon.

Mit erwartungsvoller Spannung schritt Pandorian auf den riesigen Turm zu, der sich fünfzig Schritt vor der Röhrenstation in den Himmel bohrte. Sternenturm nannte man ihn wegen der sechs Balkone, die nahe dem Kuppeldach aus der mächtigen Säule herausragten und wie eine sternenförmige Krone wirkten. Eine poetischere Deutung dieser Bezeichnung besagte, dass die Menschen mit dem Wissen, das in diesem Turm gehortet wurde, nach den Sternen greifen konnten.

Pandorian betrat den Turm. Es gab keine Sicherheitsschleuse, die er durchschreiten musste. Wieso auch? Seit die allwissenden Neun mit gerechter Hand in der Stadt regierten, gab es keine Verbrechen mehr. Alle Menschen waren zufrieden und sahen sich nicht genötigt, den Weg der Tugendlosigkeit einzuschlagen.

Fast alle Menschen.

Pandorian war nicht überzeugt davon, dass die zelebrierte Form der Gerechtigkeit wirklich gerecht war. Jemand wie er, der in höheren Größenordnungen träumte, sollte auch die Möglichkeit haben, mehr zu bekommen als andere, die weniger leisteten. Schließlich hatten alle Menschen Vorteile davon, wenn er viel erreichte. Er erzielte höhere Gewinne und konnte dadurch seine Preise senken. Zumindest um so viel, wie er für angebracht hielt.

Seine Schritte hallten durch den marmornen Eingangsbereich und mischten sich unter das rhythmische Fußtrommeln der anderen Herumeilenden. Worte konnte er jedoch keine vernehmen, nicht einmal geflüsterte, obwohl sich an die hundert Menschen in der riesigen Eingangshalle tummelten. Es herrschte eine andächtige Stimmung, fast wie in einem Tempel.

Und genau wie die Tempel mit Bildnissen oder religiösen Sätzen geschmückt waren, die den Besucher bilden sollten, fanden sich auch hier Kurztexte an den Wänden. An der Stirnseite der Halle, genau gegenüber dem Eingang und flankiert von zwei Fahrstuhlröhren, stand der bedeutendste von ihnen.

„Wenn nicht beides zusammenfällt, die Staatsgewalt und die Philosophie, gibt es für die Staaten keine Erholung von dem Übel“, las eine Stimme in Pandorians Kopf die Worte vor.

Es war eine neue und hochgelobte technische Errungenschaft, dass ein Chip im Hirn jeden gelesenen Satz in gesprochene Worte umwandelte. Auch Pandorian war beeindruckt von der Wirkung. Lediglich mit der samtenen Stimme, die zu ihm sprach, konnte er sich nicht anfreunden. Aber bald, so das Versprechen des Herstellers, würde es eine breitere Auswahl an Sprechern geben. Es stand sogar die Idee im Raum, die echte Stimme des jeweiligen Autors zu verwenden. Dank der modernen Technologie reichte ein einziges aufgenommenes Wort, um eine Stimme einen ganzen Roman sprechen zu lassen.

Im konkreten Fall würde sich das Aufnehmen der Autorenstimme allerdings schwierig gestalten. Wie der Name auf dem Sockel einer strahlendweißen Büste unter den verschnörkelten Lettern verriet, handelte es sich beim Urheber des Satzes um den antiken Philosophen Platon.

Mit dem gleichen nervtötenden Lächeln, das so viele von Pandorians Zeitgenossen auf dem Gesicht trugen, blickte der steinerne Philosoph auf ein Mosaik im Boden, in dessen Zentrum eine weitere Inschrift verewigt war. „So regiere denn das Wissen, befreit von aller Schwäche des Menschen“, sprach die Stimme in Pandorians Kopf, obwohl seine Augen den Satz nur kurz streiften.

Der Unmut darüber, dass die Technik eben doch noch nicht ganz so ausgereift war, wie sie sein sollte, entlockte Pandorian ein leises Knurren. Er konnte die betreffenden Worte nicht mehr hören. Schon mehrmals hatte er sich gefragt, ob den anderen Besuchern des Sternenturms diese pathetische Glorifizierung der Herrscher genauso zuwider war wie ihm. Wenn ja, dann zeigte es niemand offen.

Dabei war diese Regierung des Wissens nicht so allmächtig, wie sie dargestellt wurde. Als Pandorians Tochter krank geworden war, hatte alles Wissen der Menschheit nicht gereicht, um sie zu retten. Genauso wenig hatte es dabei geholfen, seine Geliebte davor zu bewahren, sich aus Trauer über den Verlust des jungen Mädchens selbst das Leben zu nehmen.

Auch die lächelnden Traumwandler würden früher oder später erfahren, dass Leid und Trauer an diesem Ort noch immer zum Leben gehörten. Wer das bestritt, der täuschte sich selbst. Aber jeder Mensch entschied selbst, wie er mit Leid umging. Pandorian hatte seinen Weg darin gefunden, den ständig an seinem Herz nagenden Schmerz mit den Streben nach Reichtum und Anerkennung zu betäuben. Er war erfolgreich damit. Und bald würde er noch viel erfolgreicher sein.

Ungeduldig schaute sich Pandorian in der Eingangshalle um. Minea hätte schon längst hier sein müssen. Pandorian hatte bisher nie Zweifel gehabt, dass die Computeringenieurin seinen Auftrag zu seiner vollen Zufriedenheit erfüllen würde. Sie war die beste ihres Fachs. Versagen gab es bei ihr nicht. Ihr Ausbleiben machte ihn jedoch nervös.

Da nahm er eine Bewegung in einer Nische neben dem linken Fahrstuhl wahr. Tiefe Erleichterung durchflutete ihn, als er Minea erkannte, die dort aus dem Schatten trat und direkt vor der Tür der transparenten Röhre stehen blieb.

Beim Anblick ihrer eng um den Körper geschlungenen Arme schwand Pandorians Freude aber schnell. Inmitten der allgemeinen Heiterkeit wirkte ihre verhärmte Miene wie eine dunkle Gewitterwolke. War sie etwa doch gescheitert?

Entschlossen ging er auf die zierliche Frau zu. „Hat es funktioniert?“, fragte er angespannt.

Einige Köpfe drehten sich zu ihnen um, als hätte das simple Sprechen etwas Frevelhaftes an sich.

Sobald die unwillkommenen Beobachter weitergezogen waren, nickte Minea.

Pandorian atmete tief durch und klopfte ihr auf die Schultern. „Gut gemacht.“

Es war eine rein kameradschaftliche Geste. Pandorian vermutete, dass Minea Gefühle für ihn hegte. Sonst wäre sie niemals eine so willige Dienerin gewesen. Nicht für den Lohn, den er ihr bot. Natürlich könnte er sie in sein Bett locken, dann müsste er ihr gar nichts zahlen. Aber obwohl der Tod seiner Geliebten schon zwei Jahre zurück lag, ekelte ihn die Vorstellung noch immer, in den Armen einer anderen zu liegen.

In diesem Moment war allerdings keine Begierde in ihrem Blick auszumachen. „Wo ist meine Bezahlung?“

Pandorian zuckte zusammen. Mineas Stimme war kratzig und rau.

„Hast du etwa ein bisschen über den Durst getrunken?“, fragte er, obwohl er wusste, dass das nicht die Erklärung für die seltsam verunstaltete Stimme der Computertechnikerin sein konnte. Er hatte noch nie einen derartigen Klang gehört, außer bei Menschen, die eine verpatzte Operation am Kehlkopf hinter sich hatten.

„Habe ich nicht“, röchelte sie erwartungsgemäß.

„Was ist dann mit dir los?“

„Man kann die Menschmaschinen nicht einfach umprogrammieren“, erklärte sie. „Der Zugriff auf ihr Bewusstseinssystem ist zu gut geschützt. Um die geplante Änderung vorzunehmen, musste ich manuell im Hauptserver tätig werden.“

Pandorian verstand nicht, worauf sie hinauswollte. „Ich bin sicher, so etwas hat dich nicht vor Probleme gestellt“, tat er ihre Erklärung ab.

Minea fixierte ihn mit ihren kleinen, harten Augen. „Um die enorme Menge an Daten in Echtzeit zu verarbeiten, ist eine riesige Spannung nötig. Als ich die Elektroden berührte, um die Schaltkreise neu zu verknüpfen, wäre ich beinahe gestorben.“

In Pandorian erwachte jähes Mitleid. Er hatte kein Problem damit, Menschen auszunutzen. Dennoch betrübte es ihn zu seinem eigenen Erstaunen, Minea so stark gezeichnet vor sich zu sehen.

„Glücklicherweise bist du heil davongekommen“, versuchte er, sie aufzubauen. „In wenigen Wochen bist du wie neu.“

„Meine rechte Lunge ist dahin“, stellte Minea klar. „Also, was ist mit meiner Bezahlung?“

Der Anflug von Mitleid war vorbei. „Du bekommst sie, sobald ich mich davon überzeugt habe, dass du auch wirklich Erfolg hattest.“

Minea ballte die Fäuste. Nach einem kurzen Blick auf die Menschenmenge in der Eingangshalle schien sie jedoch zum Schluss zu kommen, dass hier der falsche Ort für das Ausfechten eines Streits war, und trat zur Seite.

Pandorian tätschelte ihren Arm und stieg in den Fahrstuhl.

Im Inneren der Kapsel formten seine Lippen die Zahl Siebenundzwanzig. Schnell blieb die Eingangshalle unter ihm zurück. Obwohl solche Fahrten zu Pandorians Alltag gehörten, hatte er jedes Mal das Gefühl, dass sein Magen im Erdgeschoss zurückblieb, wenn der Fahrstuhl in die Höhe jagte. Wer war nur auf die Idee gekommen, selbst den Boden dar Kapsel transparent zu gestalten?

Nach dem Ausstieg musste Pandorian erst einen Augenblick verschnaufen. Sobald er sicher war, dass er sein Frühstück bei sich behalten konnte, gab er dem Türsteher ein Zeichen, ihn in den Gerichtssaal zu lassen.

Der eine oder andere Pilaster mit geriffelten Kapitellen zeugte noch davon, dass die Erbauer dieses Turms einen ausladenden Geschmack gehabt hatten. Ansonsten war aus jener Zeit, die gemeinhin als die Verruchte bezeichnet wurde, nicht mehr viel übrig. Vier goldene Feuerschüsseln, die auf schulterhohen Säulen ruhten, waren die einzigen Gegenstände, die im weitesten Sinne als Schmuck bezeichnet werden konnten.

Pandorian fand das heuchlerisch. Ein Herrscher leistete viel und könnte sich deshalb ruhig etwas Pomp gönnen. Zumal das Volk Pomp liebte. So bekamen die einfachen Menschen zumindest zu sehen, was sie selbst gerne hätten.

Mit dieser Meinung stieß Pandorian auf wenig Zustimmung. Noch nicht. Mit einem aufgeregten Kribbeln im Bauch schritt er zwischen hölzernen Bänken zu den zwei schlichten Tischen, die im vorderen Teil des Raums für die Vertreter der beiden Streitparteien bereitgestellt worden waren.

Der Platz der Gegenseite war bereits besetzt. Mit eingesunkenem Rücken saß Vittimus auf seinem Stuhl und verfolgte, wie sich Pandorian näherte. Die Lippen des alten Agronomen zeigten ein zuversichtliches Lächeln. Am Zucken seiner Augen und den verkrampften Händen konnte Pandorian jedoch deutlich Verunsicherung und Anspannung zu erkennen.

Sobald auch er sich gesetzt hatte, fuhr ein blauer Vorhang nach oben, wodurch Euridia auf ihrem weißen Marmorthron sichtbar wurde: die Herrin über Recht und Gesetz. Die widerwärtige Roboterfrau strahlte auf Pandorian mehr Dekadenz aus, als es alle goldenen Relikte und kunstvollen Schnitzereien der früheren Herrscher hätten tun können.

Drei Meter groß war sie, mit einer Waage in der einen und einem Füllhorn in der anderen Hand. Eine Binde verdeckte ihre Augen. Ganz nach griechischer Tradition war sie in eine Tunika gekleidet, auch wenn Pandorian nicht verstand, weshalb das nötig war. Sie war eine Maschine. Wenn es etwas gab, das man lieber nicht offen zur Schau stellen wollte, dann sollte man es einfach nicht bauen.

Streng genommen waren sowieso alle neun Herrscher geschlechtslos. Pandorian hatte noch nie gehört, dass sich Maschinen geschlechtlich fortpflanzen konnten. Dass man ihnen trotzdem das Aussehen von vier weiblichen, vier männlichen und einem androgynen Humanoiden gegeben hatte, lag wohl einzig daran, dass der Mensch sich selbst in den Herrschern wiedererkennen wollte.

„Wer steht vor mir?“, fragte die Herrscherin mit weicher Stimme.

„Pandorian Gredig, Eure Exzellenz.“

„Vittimus Grauling, Eure Exzellenz“, sprach der alte Agronom am Nebentisch.

„Wer von Euch ist der Ankläger?“, wollte Euridia wissen.

„Ich, Eure Exzellenz“, antwortete Pandorian.

„Was also ist Euer Anliegen, Pandorian Gredig?“, fragte die göttergleich gestaltete Roboterfrau.

Pandorian wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als ihn ein Geräusch an der Tür unterbrach. Ein Blick über die Schulter offenbarte ihm, dass Minea in den Saal getreten war und in einer der hinteren Reihen Platz nahm.

Pandorian konnte es ihr nicht verdenken, dass sie sich selbst vom Resultat ihrer Arbeit überzeugen wollte. Falls sie tatsächlich Erfolg hatte, wäre es eine der einschneidendsten Veränderungen, die es in dieser Stadt seit der Fertigung der neun Herrscher gegeben hatte.

Damals waren einige verblendete Idealisten zum Schluss gekommen, dass die Menschen ihre Entscheidungen immer in Bezug auf ihre persönlichen Interessen fällten. Deshalb hatte man die Herrschaft neun Robotern übertragen, deren Datenspeicher mit dem gesamten Wissen der Menschheit gespeist wurden. Man hatte die Hoffnung gehegt, dass die Maschinen vollkommen gerecht und weitsichtig regieren würden, weil sie viel besser als jeder Mensch alle verfügbaren Informationen für ihre Entscheidungsfindung berücksichtigen konnten. Die aktuelle Gesellschaft wurde als Beweis betrachtet, dass das System funktionierte.

Dabei ging jedoch vergessen, dass die Träume der Einzelnen durch den Zwang, stets im Sinne des Gemeinwohls zu handeln, gnadenlos unterdrückt wurden. Wenn alles immer nur zum Wohl der gesamten Menschheit geschah, war es nicht mehr möglich, gewagte Neuerungen zu entwickeln. Denn Fortschritt war immer mit Risiko und Investition verbunden, Dinge, welche die neun Herrschermaschinen ablehnten. Die Stadt befand sich dadurch in einem lächelnden Dornröschenschlaf.

Pandorian hatte sich vorgenommen, das zu ändern. Zu diesem Zweck hatte Minea an Euridias System Änderungen vorgenommen, damit ihre Entscheidungen nunmehr von Ehrgeiz und Erfolgsstreben geleitet wurden.

„Gemeinsam mit meinen Arbeitern bestelle ich Ackerland außerhalb der Stadt“, begann Pandorian, sobald wieder Ruhe im Saal eingekehrt war. „Bedauerlicherweise fließt durch meine Parzelle kein Wasserlauf, weshalb ich das benötigte Wasser aus einem Fluss heranschaffen muss, der das Land meines Nachbarn Vittimus Grauling durchfließt. Um meinen Aufwand zu minimieren, wollte ich eine Wasserrohrleitung bauen. Herr Grauling aber wehrt sich gegen mein Vorhaben.“

„Ich verstehe nicht, wieso wir erneut darüber reden müssen“, beschwerte sich der Angeklagte. „Wir hatten den Fall bereits behandelt.“

Das war korrekt. Damals war Pandorians Begehren abgelehnt worden.

„Hat der Ankläger neue Beschwerden vorzubringen?“, fragte das elektrische Götterabbild.

„Die habe ich.“ Das war gelogen. Aber womöglich würde Euridia die alten Beschwerden nun anders beurteilen. „Wie ich bemerkt habe, nutzt Vittimus Grauling den Fluss kaum. Somit schöpft er auch das Potenzial seines Bodens nicht aus. Offenbar ist er zu alt, um den Erfordernissen, die die Bewirtschaftung seiner Parzelle mit sich bringt, noch gerecht zu werden. Ich beantrage deshalb, dass mir das Recht zur Nutzung seines Landes und damit auch des Flusses zugesprochen wird, damit ich zum Wohl der Stadt und all ihrer Bewohner meine und seine Felder noch effizienter bewirtschaften kann.“

Für einen Moment herrschte Stille.

„Was hast du zum Vorwurf zu sagen, du würdest dein Land nicht bestmöglich bewirtschaften?“, fragte die Richterin endlich.

Pandorian frohlockte. Diese Frage war neu. Es funktionierte. Kurz drehte er sich zu Minea um. Sie erwiderte sein angedeutetes Lächeln mit starrer Miene.

„Ich mache genau das, was ökologisch sinnvoll ist“, beteuerte Vittimus. „Würde ich den Plänen von Herrn Gredig zum Bau einer Hochdruck-Wasserrohrleitung zustimmen, würde das Ökosystem rund um den Fluss massiv gestört. Zuerst einmal würden unzählige Tiere in die Röhre gezogen und kläglich verenden. Dann würde auch der Wasserpegel empfindlich absinken, was das Austrocknen flacher Buchten zur Folge hätte. Dadurch würde Lebensraum für Amphibien, die den Fischen als Nahrung dienen, zerstört. Und die Fische selbst verlören ihre Laichplätze.“

„Laichplätze!“ Pandorian lachte. „Hier geht es um die Erzeugung von Nahrung für die Bewohner unserer Stadt, nicht um irgendwelche schleimigen Kleintiere.“

Bestürzt schaute der Alte zur Richterin, die aber keine Anstalten machte, den ungebetenen Einwurf zu rügen.

„Alles in der Natur ist Teil eines einzigen großen Kreislaufs“, beharrte er, an Pandorian gerichtet. „Fällt auch nur ein Element davon weg, und mag es noch so unscheinbar wirken, werden auch wir über kurz oder lang die Konsequenzen spüren.“

„Du sagst also, mein Weizen kann nicht gedeihen, wenn es keine Fische mehr gibt, die ihm beim Wachsen zuschauen können?“

Vittimus verzog den Mund. „Versuch nicht, meine Aussage ins Lächerliche zu ziehen. Ich sage, dass die Fische beispielsweise als Nahrung für Vögel dienen, und diese …“

„Ich wäre froh, wenn es weniger Vögel gäbe, die mir meine reifen Körner vom Feld picken“, unterbrach ihn Pandorian.

„Hör auf, immer nur von deinem Weizen zu sprechen. Mit Weizen allein kann kein gesunder Kreislauf funktionieren.“

„Natürlich nicht. Aber all deine geliebten Tiere könnten ja außerhalb unserer Felder einen Platz für sich finden.“

„Und wo? Überall wird nur noch gebaut und natürlicher Boden eingestampft. Meine Fläche ist eine der wenigen, auf denen die Tiere noch lebensfreundliche Bedingungen vorfinden.“

Pandorian schnaubte verächtlich. „Es ist nicht deine Aufgabe, auf dem Land, das dir die Stadt zur Verfügung gestellt hat, gute Bedingungen für Tiere zu schaffen, sondern Getreide für unsere Mitmenschen anzubauen. Habe ich nicht recht, Eure Exzellenz?“

Es folgte eine längere Stille. Pandorian spürte sein Herz schlagen. Früher hatte Euridia nie so lange gebraucht, um eine Antwort zu geben. Hatte Minea sie beschädigt?

Pandorian wollte sich schon zur Computeringenieurin umdrehen, als die Maschinenfrau sprach: „Welchen Nutzen hat die Stadt, wenn sich auf Eurem Land Fische und Amphibien tummeln?“

„Sie sind Teil des Kreislaufs der Natur und tragen dadurch zu einem gesunden Ökosystem bei. Davon profitieren wir alle.“

Euridia richtete ihr Gesicht direkt auf Vittimus, als könnte sie ihn durch die Augenbinde hindurch ansehen. „Unsere Stadt profitiert von Amphibien?“

„Indirekt, ja“, erklärte der Agronom mit strammem Rücken. Die zuvor hörbare Überzeugungskraft aber war deutlich schwächer geworden.

„Haben wir auch einen direkten Nutzen von den verschiedenen Wasserbewohnern, die Ihr mit so viel Inbrunst schützt?“

Vittimus schluckte leer. „Nicht unbedingt …“

„Ihr gebt also zu, dass Ihr das Land der Stadt für Eure persönliche Überzeugung missbraucht?“

Das Gesicht des Agronomen wurde aschfahl. „Ich produziere den ganzen Ertrag, zu dem ich vertraglich verpflichtet bin. Lediglich das Land, welches hierzu nicht notwendig ist, belasse ich naturnah.“

„Ihr habt bemerkt, dass Euer Land mehr einträgt, als wir zum Zeitpunkt unserer Vereinbarung mit Euch geglaubt hatten, und habt dennoch keine Notwendigkeit gesehen, diesen Umstand zu berichtigen oder wenigstens zu melden?“

Vittimus setzte zu einer Antwort an, schien aber keine passenden Worte zu finden.

Pandorian hätte innerlich jubilieren sollen. Es lief alles wie geplant. Doch sorgte Euridias zorniger Unterton selbst bei ihm für leichte Übelkeit.

Dieses Gefühl verstärkte sich, als die Maschine mit langsamen Bewegungen die Waage und das Füllhorn zu Boden legte. Pandorian verkrampfte sich. Was hatte sie vor?

Sie tat das, was Pandorian am wenigsten erwartet hätte. Sie nahm ihre Augenbinde ab.

Der Alte stöhnte auf, als sich die Richterin erhob und ihre leblosen Augen auf ihn richtete.

„Vittimus Grauling. Ihr habt Euch des Betrugs schuldig gemacht. Euer Land wird eingezogen und Ihr selbst werdet in die Unterstadt gebracht. Als Gefangener werdet Ihr dort am Wiederaufbau Eures eigenen Gefängnisses mitwirken.“

Ein erstickter Schrei entfuhr dem Mund des alten Agronomen. „Ich habe nichts Falsches getan!“, versuchte er noch zu erklären.

Doch die Richterin setzte sich bereits wieder auf ihren Thron, das unmissverständliche Zeichen, dass die Urteilsverkündung beendet war.

Zwei Wachmänner traten zögerlich nach vorn und führten den jammernden Alten weg.

Pandorian war versucht, möglichst unauffällig aus dem Saal zu schleichen. Die Situation schien aus dem Ruder zu laufen. Niemals hätte er damit gerechnet, dass die Maschinenrichterin auf die Idee kommen könnte, die Katakomben, in denen früher die Arbeiter wie Sklaven gelebt hatten, mit Gefangenen neu zu bevölkern.

Gleichzeitig war er so nah am Ziel, dass er jetzt nicht einfach den Schwanz einziehen wollte. Was hatte er ohne einen Ankläger gegen sich schon zu befürchten?

Also wartete er, bis Vittimus’ Weinen von der Saaltür ausgeschlossen wurde, und erhob sich.

„Eure Exzellenz“, ergriff er das Wort. „Sofern Ihr jemanden braucht, der den erlittenen Verlust mit seinem Fleiß auszugleichen gewillt ist, so wisset, dass ich gerne das freigewordene Land übernehmen und in Eurem Sinne bestellen würde.“

Die unnatürlichen Glasaugen richteten sich auf ihn. „Was plant Ihr mit diesem Land?“

„Ich würde zuerst eine Hochdruck-Wasserleitung bauen lassen, damit das Flusswasser für die Bewässerung der gesamten Agrarfläche eingesetzt werden kann. Dann würde ich die unnützen Sträucher und Bäume auf Vittimus Graulings Land entfernen und so die bestellbare Fläche vergrößern.“

„Das ist viel Aufwand.“

„Ein Aufwand, den ich gerne leiste.“

Stille.

Noch längere Stille.

„Ihr beschäftigt neun Arbeiter, ist das korrekt?“

Pandorian stockte.

„Antwortet.“ Die künstliche Frauenstimme klang ruhig. Durch die übergenaue Aussprache war die Drohung dennoch unüberhörbar.

„Ja, Eure Exzellenz.“

„Und Ihr bezahlt ihnen achthundert Metrien im Monat.“

Pandorian kratzte sich unsicher am Hinterkopf. Er wusste, dass es keinen Zweck hatte, die Maschine zu belügen. „Ja, Eure Exzellenz.“ Seine Stimme klang fast so brüchig wie diejenige der verletzten Computeringenieurin.

„Das ist wenig.“

„Wie ich den Kontrolleuren mitgeteilt hatte, kann ich mir leider nicht mehr leisten. Aber mit dem neuen Land würde sich das ganz bestimmt ändern.“

Die Glasaugen lösten sich von Pandorian. Zuerst verwirrte ihn das Verhalten der Maschine. Dann verstand er. Sie rechnete.

„Wenn ich den verkauften Ertrag Eurer Ernte in Betracht ziehe, dann habt Ihr allein im letzten Jahr fast dreihunderttausend Metrien Umsatz gemacht“, bestätigte sie diese Vermutung.

Hilfesuchend drehte sich Pandorian zu Minea um. Sie aber schüttelte ängstlich den Kopf und zeigte auf ihre Lunge. Pandorian musste einsehen, dass sie die Maschine nicht zurückprogrammieren konnte. Hilfe würde sie genauso wenig suchen. Gäbe sie zu, dass sie in das System der Herrscher eingegriffen hatte, würde sie die Todesstrafe erwarten. Ihm selbst erginge es nicht besser.

„Ich hatte Ausgaben. Für Maschinen …“, stammelte er.

„Ihr betrügt Eure Arbeiter.“

„Nein! Ich habe gespart, um meinen Betrieb vergrößern und dadurch noch mehr für die Stadt leisten zu können.“

„Wer seine Arbeiter betrügt, ist auch bereit, die Stadt zu betrügen.“

„Das würde ich niemals machen!“

Die Richterin erhob sich. „Pandorian Gredig, Euer Land wird eingezogen.“

„Nein!“, schrie Pandorian mit aufgerissenen Augen.

„Ihr selbst werdet in die Unterstadt gebracht. Als Gefangener werdet Ihr dort am Wiederaufbau Eures eigenen Gefängnisses mitwirken.“

„Ich bitte Euch, hört mich an!“

Sein Flehen blieb unerhört. Während sich der Vorhang vor der Richterin senkte, traten zwei Wachmänner an Pandorian heran. Er glaubte, dass sie weniger mitleidvoll aussahen als jene, die Vittimus abgeführt hatten.

Wettbewerbsgeschichte: Der doppelte Richtspruch - Schlussbild

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