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Geschichte Nr. 45

Wettbewerbsgeschichte: Klein ganz groß

Klein ganz groß Mit stolzgeschwellter Brust stand Gran hoch oben auf einem Ahornbaum. Arme und Beine hatte er bereits sorgfältig gedehnt, somit fehlte nur noch eines. Sein Finger flutschte tief in s...

Wettbewerbsgeschichte: Klein ganz groß

Wettbewerb: Menschmaschine – VACSF26 – Vierter anonymer und chancengleicher Schreibwettbewerb auf punktasten.de

Teilnehmer-Nr.: WC2026_001_0048

Klein ganz groß

Anonym eingereicht

Klein ganz groß

Mit stolzgeschwellter Brust stand Gran hoch oben auf einem Ahornbaum. Arme und Beine hatte er bereits sorgfältig gedehnt, somit fehlte nur noch eines. Sein Finger flutschte tief in seinen Mund, kreiselte ein paar Mal darin und trat voller Speichel wieder heraus. Hoch in die Luft gehalten, diente er ihm als komplexe Apparatur, um Windrichtung und sogar -stärke festzustellen.

Alles passte, somit fokussierte er einen Ast in der Ferne. Er ging etwas in die Hocke, atmete tief ein und drückte sich mit aller Kraft ab. Die Zeit schien fast stehen zu bleiben, während er eine wundervolle Schraube vollführte. Erst danach breitete er seine Arme aus. Häute zwischen Armen und Beinen spannten sich und ließen ihn anmutig durch die Luft segeln. Mit dem Schwanz führte er kleinere Korrekturen im Flug aus und landete somit wie ein geborener Meister präzise auf dem Ast. Wieder mal ein perfekter Flug.

„Im Ernst?“, kam es skeptisch von der Seite.

Gran erschrak und stürzte fast vom Ast, bis er erkannte, dass es einfach nur Wenna war, die ihn mit einer hochgezogenen Braue ansah.

„Was denn? Kannst du es etwa besser?“, fragte Gran.

„Seh ich aus, als hätte ich lapprige Haut zwischen Armen und Beinen? Ich bin ein Eichhörnchen, verdammt!“ Wütend stopfte sie sich eine Eichel in die Backe. „Ich hab keine Zeit für so ’nen Mist. Gamina ist heute Morgen wiedergekommen.“ Mit diesen Worten drehte sie sich mit einem Schwung um und rannte davon.

Grans Birne färbte sich blutrot, als er noch hinterherrief: „Nein, ICH hab keine Zeit für DICH!“

Diese blöden Eichhörnchen waren so zerfressen von Neid, so wie alle in diesem Wald, dachte er, während er durch den Wald segelte. Selbst diese ach so tolle Gamina spielte seine Fähigkeiten einfach so als normal ab.

Na ja, ein wenig konnte er sie ja schon verstehen. Immerhin war Gleiten so ziemlich das Coolste, das es hier gab. Nichts und niemand besaß eine so faszinierende Fähigkeit wie er. Außer die anderen Gleithörnchen vielleicht.

Noch im Flug blitzte plötzlich etwas in einem Astloch auf. Was war das?, fragte er sich. Wenn er Gamina fragen würde, hätte sie nach einer kurzen stummen Zeit gewiss eine passende Antwort darauf.

„Astlöcher können nicht aufblitzen. Vermutlich hast … bla bla bla“, äffte Gran Gamina nach.

Es dauerte nur einen Gleitflug und etwas Geklettere, bis er einen guten Blick auf das Loch hatte.

Sein Puls stieg, während er auf die dunkelschwarze Nacht darin stierte. Wer wusste denn schon, ob dort nicht diese blöde Schlange saß. Erst letztens hatte es Petra erwischt. Zwar nicht in einem Astloch und wurde sie auch nicht von einer Schlange getötet, doch konnte es hier im Wald doch schnell zu Ende gehen.

Mindestens so neugierig wie verliebt näherte er sich vorsichtig diesem dunklen Loch. Doch als er seine Ohren spitzte, erschrak er. Irgendetwas atmete darin. Ob das der Geist des Baumes war?

Nein, als ob, dachte Gran. An diese Märchen glaubte er schon seit Wochen nicht mehr.

Vorsichtig kam er ein ganzes Stück näher, bis er nur noch zehn Hörnchenschritte entfernt war.

„Hallo?“, zitterte seine Stimme hinein.

Plötzlich öffnete sich ein gigantisches Auge darin. Gran flog rückwärts vom Baum und segelte zum nächsten. Sofort begab er sich zurück vor das Loch.

„Wer ist da?“, fragte er weiter. Zaghaft kam er noch ein Stück näher und dann erkannte er es. Eine Eule!

„Wie kann das sein?“, hauchte er. „Ich dachte, ihr Vögel seid alle tot“, rief er irritiert hinein. Zumindest hatte Gamina das behauptet.

Ich wusste doch, dass dieses Miststück alle belügt!

Die Eule näherte sich dem Rand des Loches. Gran atmete scharf ein und hob eine Hand vor den offen liegenden Mund, während er den teilweise verschmorten Körper der Eule sah. Eine dicke Narbe anstelle des zweiten Auges und sogar ein Bein fehlte ihr.

„Wa … was ist … passiert?“, wollte Gran wissen.

„Das … was allen passieren“, sagte die Eule mit kratziger, tiefer Stimme, während sie ihren Kopf besorgniserregend weit nach links drehte. „Ich fliehen geschafft, … aber ihr nicht schaffen werden“, flüsterte sie bedrohlich aus dem Loch.

Gänsehaut kroch über Grans schlotternden Körper. Dann schluckte er.

„Vor was fliehen?“

Die Eule schnaubte, während sie sich umsah, so als ob sie vor irgendetwas Angst hätte.

„Was Menschen zurückgelassen“, flüsterte sie.

Grans Augen wurden groß. „Meinst du … Gamina?“

Die übernatürlichen Kopfdrehungen machten Gran immer nervöser.

„Jeder Wald eine Gamina. Sehen aus wie Menschen.“ Die Eule verließ ihr Versteck und hüpfte langsam auf Gran zu. Sein Oberkörper bewegte sich dabei etwas nach hinten, doch waren seine Füße wie angeklebt.

„Sie geben Wissen. Heilen Wunden, helfen, wenn Geburt.“ Die Eule stand nun genau vor ihm. „Bis der Tag.“

„Der Tag?“, echote Gran zurück, als die Eule sich bedrohlich über ihn beugte.

„Sie alle — TÖTEN!“, schrie die Eule und erschreckte sich dabei selbst. Panisch flog sie wieder in ihr Loch.

Die Eule fing darin zu wimmern an: „Ich alles gesehen.“ Doch nach einem tiefen Schluchzen wurde ihre Stimme ganz leise. „Zuerst Rauch.“ Sie traute sich auch wieder etwas nach draußen. „Dann Feuer.“ Auf einmal drehte sie sich von ihm weg und versteckte den Kopf hinter einem Flügel, während sie wieder zu wimmern begann. „Wenn Eule schlafen, kommen Schreie. Traum Eule quälen in Nacht.“ Sie hing noch flüsternd an: „Komisches Licht, das verbrennt.“

Grans Kiefer klapperte bereits vor sich hin. „Die Schreie?“, hauchte er. „A … aber … ich kann gleiten.“

„Ich fliegen, verdammt!“, schrie die Eule, während sie zwei Schritte auf ihn zusprang.

Gran erschrak, doch klebte er immer noch am Fleck, während das große Auge der Eule nur einen Wimpernschlag von ihm entfernt war. Es zog ihn tief in seinen Bann.

„Niemand sicher, glauben mir. Auch Eule … werden sterben.“ Die Eule sog tief Luft in ihre Lungen und schrie: „Wir alle sterben!“ Abermals erschrak sie und sprang in ihr Loch.

„I … ich … ich muss es allen sagen“, stotterte Gran.

Doch war die Eule bereits in ihren Erinnerungen gefangen und wiederholte immer und immer wieder nur: „Sterben.“

Grans Herz hämmerte wie wild, als er vom Ast sprang und davonsegelte. Da er auf die Schraube mit der Zeitlupe verzichtete, dauerte es nicht lange, bis er an einem Teich landete.

„Bibi!“, rief er sofort laut aus.

Unverschämterweise rollte sie mit den Augen, was das Zeug hielt. Dass diesen Bibern dabei nicht schlecht wurde, war ihm schleierhaft.

„Wenn du wieder vom Gleiten schwärmen willst, kannst du gleich wieder abhauen“, machte sie, an einem Holzstück knabbernd, klar.

„N… nein. Hör mir zu.“ Er blickte sich hektisch um. „Ich hab eine Eule getroffen!“

„Eine Eule?“, wiederholte sie.

„Ja, eine Eule. Gamina hat uns alle belogen!“

„Oh Mann“, stieß Bibi genervt aus. „Bist du wirklich immer noch wütend darüber, dass sie dein Rumgegleite“, dabei wiegte Bibi ihren Kopf höhnisch hin und her, „als normal bezeichnet?“

„Du verstehst nicht. Die Eule hat gesagt, dass jeder Wald eine Gamina hat und sie am Anfang alle nett und hilfreich sind.“ Die Sonne reflektierte an der Wasseroberfläche und beleuchtete Grans Gesicht von unten, während seine Stimme eine Oktave tiefer glitt. „Bis zu dem einen Tag.“

„Was für ein Tag?“, fragte Bibi wütend.

„Feuer“, antwortete er, während er seine Arme so bedrohlich, wie er nur konnte, ausbreitete. „Rauch … äh … nein, andersrum, und da war noch was, eh … ah ja, komisches Licht und so. Schreie! Verstehst du? Wir werden alle sterben! Du hättest Eule sehen sollen.“

Eine lange Stille legte sich auf den Teich, während sich Bibi und Gran anblickten.

„Guck dir mal diesen Damm an“, sagte Bibi, während sie mit ihrer Hand darauf zeigte.

Ein gigantischer Damm mit automatischer Wasserstandsregelung befand sich genau neben ihnen.

„Warum zum Teufel sollte sie mir helfen, diesen krassen Damm zu bauen, wenn sie uns eigentlich alle töten will? Hä?“, fragte sie.

Das war tatsächlich ein gigantisch wasserdichtes Argument, wie Gran zugeben musste.

„Um Vertrauen aufzubauen“, fiel ihm ein.

Bibi blickte ihn eine Weile an. „Such dir andere für deinen Scheiß.“ Mit einem Plopp verschwand Bibi im See.

Zeitverschwendung, mit diesen verdammten Bibern zu reden. Ihre winzigen Gehirne waren einfach nicht in der Lage, zu begreifen, was hier vor sich ging. Vermutlich war das bei allen der Fall.

Und genau deshalb brauchten sie ihn.

Er sprang, kletterte und segelte, bis er unerwartet stehen blieb. Ein Schauer rollte ihm gehörig über den Rücken, als er sie, einfach an einen Baum gelehnt, sitzen sah. Wunderschön violettes Haar hing ihr bis zur Brust hinunter, während ihr Körper von einem hauchdünnen Kleid verhüllt wurde.

Gamina! Wie immer bedrohlich unbedrohlich.

„Pflanzen nutzen Photosynthese, um Energie aufzunehmen“, erklärte sie.

Diese blöden Tiere hingen ihr an den Lippen.

Von Anfang an hatte er gewusst, dass mit ihr etwas nicht stimmte. Doch blöd oder nicht, waren ihre Leben trotzdem wertvoll, wusste er. Er musste dringend etwas unternehmen. Aber was?

„Ein Chlorophyllmolekül absorbiert nur Photonen bestimmter Wellenlängen“, erklärte sie weiter.

Das hätte er ihnen auch sagen können, doch hörten sie ihm ja nie zu. Was hatte die Eule noch mal gesagt? Rauch, Feuer, irgendetwas von Licht und — ach ja, TOD! Er sog tief Luft in seine kleinen Lungenflügel und schrie: „Sie belügt euch alle, seht ihr das nicht?“

Es hallte durch den Wald, und alles wurde still. Einzig die aufkommende Brise traute sich noch, mit den Blättern der Bäume zu spielen.

„Verpiss dich, Gran“, rief ihm Teo, das Rehkitz, rüber. Und schon richteten sie ihre Aufmerksamkeit auch wieder auf Gamina.

Natürlich wollten sie nicht hören. Nichts als Neid spürten sie in der Gegenwart seiner Künste und auch Intelligenz. Dann sollten sie eben sehen, wie sie durchkamen. Nie hatte ihn irgendjemand anerkannt. Nicht ein einziger.

„Hey, Gran. Na, wie läuft’s bei dir?“, hörte er eine dümmliche Stimme genau neben sich. Eine kleine Schnecke blickte ihn erwartungsvoll an.

„Darf ich mitfliegen? So gerne würde ich einmal durch die Luft segeln. Genau so wie du.“

Gran atmete tief ein — und wieder aus, während er sich sein Gesicht rieb. So weit würde es noch kommen. „Hi, Schnejd“, begrüßte er ihn langgezogen. „Was willst du hier?“

„Ach nichts, ich spür nur den Wind und stell mir vor, wie es wohl wäre, ein Gleithörnchen zu sein. Und du?“

Gran blickte Schnejd tief in die Augen. Mit einem Ruck breitete er die Arme aus und flog mit dem Wind davon.

Blöde Schnecken konnten ihm gestohlen bleiben. Er, der große Gran, war etwas Bedeutendem auf der Spur. Etwas Großem.

Der Schweiß lief ihm den Körper herunter, während er sich hektisch durch den Wald bewegte.

„Hey“, rief ihm schon der Nächste zu.

Mit einigem Abstand landete Gran auf einem großen Ast und blickte zu Ssleng. Dabei wurde das E ewig lang gezogen, so wie auch das S. So gefiel es der Schlange am liebsten, doch half es nicht wirklich beim Nicht-gefressen-Werden.

„Was gibt’s, Sssleeng?“, antwortete Gran.

„Ich hab zufällig gehört, wass du dem Biber erzählt hassst“, erzählte Ssleng, während sie langsam näher kroch.

„Ich lass mich nicht ablenken. Du weißt, dass ich ihm nur weg sein kann.“

„Uhhmm. Jaaa doch, Graaansss. Ich will dich nicht“, eine kleine misstrauenverstärkende Pause, „fressen.“

„Und ich dich nicht“, antwortete Gran. Damit war dann ja alles geklärt, dachte er.

„Wiessoo gleitesst du nicht an den Rand des Waldess? Hmm?“

Fassungslos hob Gran eine Hand vor den offen stehenden Mund. Bestürzt fing er an: „Du weißt ganz genau, dass das verboten ist, Sleng. Äh, Ssleeeng.“

Ssleng kroch ein weiteres Stück näher. „Verboten? An den Rand dess Waldess zu gehen? Warum ssollte man sso etwass verbieten, Graaan?“

„Jeder weiß ganz genau, dass dort automatische Selbstschussanlagen mit Antimaterie-Geschossen auf einen warten.“ Was das genau bedeutete? Den Tod!

„Und weer hat dass behauptet? Hmmm?“, fragte die Schlange.

Zwei Murmeln in Grans Kopf stießen aneinander und lösten eine Reaktion aus. Es machte klick. „Meine Mama!“, antwortete er.

„Gaminaaa“, machte Ssleng fauchend klar.

Diesmal entsetzt atmete Gran laut ein und klang dabei wie ein Rabe im Stimmbruch.

Natürlich, dachte er. Dieses … dieses … Ding hatte sie alle reingelegt — sogar Mama! Nicht, dass ihn das wundern würde.

Wieder flitzte Gran in unglaublicher Geschwindigkeit durch den Wald. Gleiten, rennen, klettern, zwischendrin einen alten Haselnussvorrat wiederfinden und in die Backen schieben. Dann erkennen, dass es doch nicht seiner war, und vor den wütenden Eichhörnchen wegrennen.

Bis es plötzlich so weit war. Kurz vor dem letzten Baum blickte er sich sorgfältig um. Nichts zu sehen von diesen automatischen Geschützen mit diesen Anti-was-auch-immer-Dingern.

Ein weiterer Sprung und er saß am letzten Baum seiner Welt. Vor ihm befand sich das, was noch nie jemand zuvor gesehen hatte. Außer die Eule eben.

Nichts.

Nichts außer Wiese, Sträuchern, einem kleinen Bach und vereinzelten Bäumen. Gran wusste nicht genau, was er erwartet hatte, doch war es nicht das. Hier schien nichts Gefährliches zu sein. Nichts, von dem er erzählen konnte. Kein Beweis für den Verrat Gaminas. Oder war eben genau das der Beweis?

Gran wusste nicht so recht, was er davon halten sollte, doch war eines klar: Wenn sich hier jemand getäuscht hatte, dann die blöde Eule!

Doch was war das? Etwas blitzte im hohen Gras auf und fing sofort seine Aufmerksamkeit ein. Gran zögerte noch, doch musste er unbedingt sehen, was da so blitzte.

Abermals sah er sich um, während er drei tiefe Atemzüge nahm. Dann sprang er und breitete seine Gleithäute aus, sodass er sich im Nu vor diesem wundersamen Ding befand.

Augen und Mund klappten sperrangelweit auf, als er eine Art Stab vor sich fand. Komisch verzerrt sah er sich selbst darin. Zuerst schnupperte er skeptisch daran. Dann sah er ein Loch am unteren Ende, in das er sofort seine Finger steckte. Komisch blau waren sie danach. Am oberen Ende hingegen schien etwas Bewegliches zu sein. Mit aller Kraft drückte er dagegen, worauf es klickte und eine Spitze aus dem Loch schoss.

Wow, formten seine Lippen stumm. Eine Waffe! Wie ein Zepter in der Hand des Königs würde ihn damit jeder ernst nehmen. Was ein König sein sollte, würde er noch herausfinden.

Glücklicherweise befand sich etwas wie eine Klammer fest daran befestigt. Gran legte den Stab auf seinen Rücken und die Klammer nach vorne an seine Brust. Etwas unangenehm war es schon, aber Waffen sollten ja auch nicht angenehm sein, oder?

Genug Zeit verschwendet. Schnellen Schrittes rannte er wieder in den Wald. Klettern, gleiten und so weiter, wie immer.

Doch irgendetwas stimmte hier nicht. Eine ungewöhnliche Unruhe bohrte sich tief in seinen Körper. Ob das am Rauch lag, den er schon vor ein paar Gleitsprüngen wahrnahm? Oder vielleicht eher an den verzweifelten Schreien aus der Ferne?

Es war ihm schleierhaft, bis er plötzlich Gamina sah.

„Mir nach“, rief sie laut aus. „Ich bringe euch in Sicherheit“, fügte sie noch an, während sie durch den Wald rannte. Die Tiere folgten ihr blindlings — in den Tod?

So oder so stellte Gran fest, dass der Wald lichterloh brannte.

Sofort begann sein Herz wie wild zu klopfen, während seine Hände feucht wurden. Er erinnerte sich an die Worte der Eule. Rauch, Feuer, Schreie, … . Die Reihenfolge passte nicht, doch war sie auch völlig verwirrt gewesen. Fehlte nur noch das komische Licht.

Es war wohl so weit.

Das Leben so vieler lastete schwer auf seinen kleinen Hörnchenschultern. Sofort rannte Gran los und schrie: „Hört nicht auf sie!“ Seine Stimme überschlug sich dabei. „Sie führt euch in den Tod!“

Entsetzt blieb er stehen und sah überfordert zu, wie sie alle in ihr Verderben rannten. Warum nur hörte ihm nie jemand zu?

Dann eine leise, verzweifelte Stimme: „Was ist das für eine Scheiße hier!?“

Sofort spitzte Gran seine Ohren. Oh nein. Gamina hatte jemanden zurückgelassen. Natürlich hatte sie das.

Er rannte los und suchte nach ihr, während die Flammen immer näher kamen und sich seine Lunge mit Rauch füllte. Hustend quälte ihn die Hitze.

„Verdammt!“, kreischte es nun viel näher.

Dann sah er ihn. Schnejd, hilflos auf einem Baum. Die Flammen waren schon übergesprungen.

Oh Mann, was mach ich hier nur, dachte Gran. Doch war er eben Gran. Nie würde seine tapfere, ehrenvolle Seele jemanden hilflos zurücklassen. Sorgfältig nahm er Anlauf und segelte zu ihm.

„Schnejd, was zum Teufel machst du hier noch?“

„Ich wurde in diesem Haus geboren und ich werde auch in ihm sterben!“, machte Schnejd deutlich.

Da hatte er recht, doch nicht heute.

„Komm schnell auf meinen Rücken.“

Schnejd wollte gerade protestieren, als die ersten Flammen ihre heißen Argumente nach oben schossen.

Überzeugt schmatzte und schnalzte es, während Schnejd sich auf dem Rücken neben seiner neuen Waffe platzierte. Gran wurde übel und so musste er sich fast übergeben, nachdem er sich übergeben hatte.

Plötzlich stürzten einzelne Bäume um. Gran sah schockiert, wie das Feuer um sie schlug.

Schweiß drang aus jeder Pore, während er panisch höher kletterte.

„Was sollen wir jetzt nur tun, Gran?“, schlotterte Schnejd auf seinem Rücken.

Gran biss die Zähne zusammen und rannte weiter. Doch irgendetwas stimmte nicht. Der Baum kippte schon lange um. Geistesgegenwärtig sprang Gran in die Luft. Unter ihnen ein Meer aus Feuer, das nach ihren Seelen griff. Das erste Mal Fliegen für Schnejd — geradewegs in die Hölle.

Sie verstanden beide, dass es zu spät für sie war.

Doch gerade als die ersten Härchen verbrannten, wurden sie gepackt und es ging hoch in die Luft.

Manchmal brauchte auch ein Gran einfach mal Glück.

„Eule!“, rief Gran erleichtert. Doch besann er sich sogleich seiner Mission. „Wir müssen die anderen retten! Gamina führt sie alle in den Tod!“, rief er ihr zu.

Schnejd atmete scharf ein. „Ich wusste, dass mit diesem Miststück etwas nicht stimmt!“

Eule schleuderte beide nach oben, sodass sie auf ihrem Rücken landeten. Gran zögerte keine Sekunde, um das schleimige Ding von seinem Rücken auf Eules Kopf zu setzen.

„Nein!“, machte Eule deutlich. „Zu spät für sie. Wir fliehen.“

„Aber Eule?!“, gab Gran entrüstet von sich. „Wir müssen es versuchen.“

Ruhig gleitend schien Eule nachzudenken, während der Wind sanft durch ihre Federn glitt. Interessanterweise hatte sich plötzlich der Name Eule für sie etabliert.

„Was unterscheidet uns denn von Gamina, wenn wir sie alle im Stich lassen?“, redete Gran weiter auf Eule ein.

Eule schüttelte den Kopf, während sie wütend zischte. Vermutlich wusste sie, dass Gran recht hatte.

„Festhalten!“, rief sie laut.

Blätter, Bäume, Äste, alles raste an ihnen vorbei.

„Wuhuu“, rief Schnejd begeistert.

Es ging nicht lange und sie holten die Tiere ein. Nur noch ein kleines Stück und Gamina würde alle aus dem Wald bringen. Und das an einer ganz anderen Stelle, als er zuvor war. Hoffentlich gab es da keine automatischen Geschütze.

„Eule, wir müssen höher!“, rief Gran.

„Aber Lichter!?“, protestierte sie.

„Mach dir keine Sorgen“, antwortete Gran siegessicher. „Ich habe eine übermächtige Waffe“, und hob seinen toll blitzenden Stab hoch in die Luft.

„Woow“, staunte Schnejd.

Ein paar kräftige Flügelschläge und schon flogen sie über die Baumkronen hinweg. Doch dann sahen sie es. Eine riesengroße Maschinerie aus Metall. Die Tore weit offen, bereit, die Tiere, die genau darauf zuliefen, zu fressen. Am Ende dessen ein Schredder.

Eule hatte von Anfang an recht. Nie hatte Gran an ihr gezweifelt.

Gamina kletterte auf einen der beiden Torflügel und sprühte Feuer aus ihren Armen, während sie ihren Hass in die Luft lachte. Zumindest würde Gran es so in der Zukunft erzählen.

Er erkannte, dass Gamina sie entdeckt hatte. Ihr bedrohlich neutrales Gesicht fuhr ihm kalt den Rücken hinunter.

Es wurde keinen Deut besser, als sie ihren Mund auch noch unnatürlich weit öffnete.

Und da war es. Das komische Licht, das Eule beschrieb, schoss aus ihrer Kehle direkt auf sie zu.

„Festhalten!“, schrie Eule, während sie Ausweichmanöver startete.

Die ersten Strahlen flogen an ihnen vorbei. Gran biss wütend die Zähne zusammen. Nicht in meinem Wald, dachte er.

Schnejd klebte derweil einfach nur auf dem Kopf, während Gran mit seiner Waffe rumfuchtelte. Ein Lichtstrahl schoss genau auf ihn zu, den er gekonnt damit zurückschleuderte. Das Licht flog zurück auf die Maschinerie. Etwas explodierte, und das gierige Maul blieb kurz, bevor es sich schließen konnte, stehen. Begeistert fragte sich Gran, was er denn eigentlich nicht konnte.

Doch hörte es damit nicht auf und so schoss Gamina weitere Lichter auf sie. Den einen wichen sie aus, die anderen schleuderte Gran zurück.

Es schien alles gut zu laufen, bis Eule plötzlich aufstöhnte. „Ich getroffen“, presste sie voller Schmerz heraus. Ein Sinkflug in die Niederlage war die Folge.

Was hatte Gran auch nur erwartet? Wie sollte er auch gegen solche Maschinen nur ankommen? Alle waren verloren, dachte er, während Gamina sie ins Visier nahm.

Die Sonne brannte auf Grans schweißgebadeten Körper — auch wenn Gleithörnchen so gar nicht schwitzen konnten. Gran jedoch schon. Natürlich!

Doch plötzlich geschah das, womit niemand gerechnet hatte. Eine Schar an Gleithörnchen segelte vom Wald her auf sie zu. Gamina schien völlig überfordert und schoss wie wild um sich.

Auf einmal befand sich Schnejd wieder auf Grans Rücken.

„Los, Gran, wir ziehen in den letzten Kampf. Auf dass die Tiere auf ewig unsere Namen durch die Wälder raunen“, rief Schnejd laut aus.

Diese verdammte Schnecke hatte völlig recht!

Mit einem Atemzug sammelte er seinen gesamten Mut und so segelten sie ins letzte Gefecht. Die von Angst verzerrten Gesichter der Waldbewohner folgten diesem letzten majestätischen Gleitflug. Die Sonne reflektierte auf der wundersamen Waffe und ließ die beiden wie eine Sonne der Rechtschaffenheit, die auf das Böse niederschoss, aussehen.

Grans Herz hämmerte wie wild auf ihn ein. Sein Blick ankerte fest auf seinem Ziel.

Gamina, das Miststück.

Ein Lichtstrahl, doch im selben Moment machte Gran eine Schraube. Ganz klar Zufall, doch nicht für Gran. Schnejd hielt derweil die Waffe zwischen seinen Augen fest.

„Jetzt, Schnejd“, rief Gran nicht ohne Panik.

Nur wer Angst hatte, konnte auch mutig sein, und wer noch mehr Angst hatte, konnte auch Gran sein!

„Nein! Noch ein Stück“, antwortete Schnejd.

Gran schlotterte im Wind. Jeden Moment konnte alles vorbei sein. Doch dann ließ Schnejd die Waffe endlich los. Gran machte eine ruckartige Bewegung nach unten und drehte dann nach links ab. Die Waffe landete direkt im Mund Gaminas, während sie einen Lichtstrahl schoss. Er prallte an der Waffe ab.

Entsetzt sahen die Tiere, wie Gaminas Kopf einfach explodierte und der Körper Feuer fing. Die Haut schmolz und entblößte die bösartige Maschine.

Gran segelte einen Bogen und landete direkt vor den Waldbewohnern. Beide blickten sie in ungläubige Gesichter. Alle Mäuler offen.

Doch noch bevor jemand etwas sagen konnte, durchschnitt ein leises Stöhnen etwas weiter im hohen Gras die Stille. Sofort rannte Gran mit Schnejd dorthin.

Er atmete scharf ein. „Eule, nein!“

„Uhhm. Nicht … traurig, Gran.“ Eule hustete Blut. „Ich Pflicht erfüllt. Aber …“, erneut hustete sie. „Für euch … nicht … vorbei … Gran.“

„Aber Eule“, wimmerte Schnejd, der sie eigentlich gar nicht kannte.

„Geht … Gran … geht. Ihr warnen andere. So wie ich. Tötet Gaminas. Tötet sie für Welt …“, ein schwacher Atemzug. „Tötet … für mich.“

Mit diesen letzten Worten hauchte Eule ihr Leben aus.

„Ich weiß … nicht mal, wie du heißt“, hauchte Gran, während sich ein Kloß in seinem Hals bildete.

Seine Augen ganz glasig, als er sich umdrehte. Und da standen sie. Mit hoffnungsvollen Gesichtern. Die Waldtiere blickten ihn alle an.

Nicht wie einen Trottel wie sonst, nein, sondern wie Tiere, die sein Gleiten als die glorreichste Fortbewegungsart aller Zeiten erkannten. Und so brachen die Tiere gemeinsam auf und töteten eine Gamina nach der anderen. Nur Eules Körper blieb zurück, doch trugen Schnejd und Gran sie stets tief in ihren Herzen mit.

Ende

Wettbewerbsgeschichte: Klein ganz groß - Schlussbild

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