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Geschichte Nr. 46

Wettbewerbsgeschichte: Paul und Cleo

Paul und Cleo Einem aufmerksamen Beobachter wäre aufgefallen, dass sich Cleos Roboterhund selten so verhielt, wie sich ein gewöhnlicher Roboterhund verhalten würde; wie sich ein Roboterhund verhalt...

Wettbewerbsgeschichte: Paul und Cleo

Wettbewerb: Menschmaschine – VACSF26 – Vierter anonymer und chancengleicher Schreibwettbewerb auf punktasten.de

Teilnehmer-Nr.: WC2026_001_0049

Paul und Cleo

Anonym eingereicht

Paul und Cleo

Einem aufmerksamen Beobachter wäre aufgefallen, dass sich Cleos Roboterhund selten so verhielt, wie sich ein gewöhnlicher Roboterhund verhalten würde; wie sich ein Roboterhund verhalten würde, der einem „echten“ Hund nachempfunden wäre. Doch die meisten Menschen waren keine aufmerksamen Beobachter. Die meisten Menschen sahen zwar, doch sie beobachteten nicht. Sie bemerkten nicht, dass Cleo nicht in einer Art und Weise mit Paul sprach, wie andere Menschen mit einem Roboterhund sprechen würden. Nie gab sie ihm Kommandos, nie ließ sie ihn Stöckchen holen oder einen Ball apportieren. Manchmal spielten sie mit einem kleinen Fußball auf den Gängen der Station, schossen sich den Ball hin und her. In sehr seltenen Fällen bekam sie Kommentare von Passanten, wie gut sie ihren „Hund“ trainiert hätte. Cleo lächelte dann nur und ging weiter. Einige wenige hielten es vielleicht für seltsam, dass sie mit ihrem „Hund“ sprach wie mit einem Menschen. Hielten sie für seltsam. Die meisten Stationsbewohner gingen einfach an ihr vorbei, vertieft in die Informationsströme ihrer Datenbrillen, und nahmen Paul und Cleo gar nicht war. Niemand bemerkte jedenfalls oder ahnte auch nur, was sie getan hatte.

* * *

Mit einem Zischen glitt die Tür zu ihrem kleinen Apartment zur Seite. Cleo verharrte im Türrahmen, betrachtete ihren Schatten auf dem grauen Fußboden des einzigen Zimmers. Ihr Blick scannte den Raum, wanderte von der winzigen, unaufgeräumten Küchenzeile zur kleinen Essecke, verharrte kurz auf dem Regal mit alten Erinnerungsstücken, fand schließlich das Bett hinter dem halb geöffneten Vorhang. Mit einem wehmütigen Seufzer schritt sie über die Schwelle.

Hinter ihr schloss sich die Tür und es wurde dunkel. Nur das fahle Glitzern und Funkeln einzelner Sterne war durch das Fenster erkennbar.

„Computer. Licht. Aber nicht so hell.“

Cleo sackte merklich zusammen, die Anspannung wich aus ihrem Körper wie Dampf aus einem Ventil. Sie riss sich die Schuhe von den Füßen, warf sie beiseite und schlurfte zu ihrem Bett. Ihre Jacke überließ sie achtlos den Gesetzen der Schwerkraft.

Ein weiterer lauter Seufzer, dann ließ sich Cleo rücklings auf die Matratze fallen.

„Ich will nicht mehr,“ fluchte sie in die Leere des Raumes.

Auf der anderen Seite des kleinen Apartments, in seiner Lieblingsecke, hob Paul verschlafen den Kopf, richtete sich von seiner Decke auf und tippelte leise surrend zu ihr hinüber. Dort angekommen blickte er sich kurz um, ganz so als ob er Angst hätte, jemand könnte ihn beobachten und für sein Verhalten tadeln. Dann stellte er sich auf die Hinterbeine und schob seinen viel zu großen Robohundekopf über die Bettkante, bis seine kalte Nasenspitze Cleos Ellenbogen berührte. Sie zuckte leicht zusammen, drehte sich auf den Bauch und vergrub ihren Kopf unter dem Kissen.

„Ach Paul, lass mich einfach“, tönte es gedämpft darunter hervor.

„Was hast du denn, Cleo?“, fragte das kleine Geschöpf aus Metall und Elektronik mit besorgter, leicht scheppernder Stimme.

„Einfach nur müde”, kam die erwartete Antwort.

„Dann lasse ich dich besser schlafen“, antwortete Paul und zog seine Nase zur Bettkante zurück. Ein Ritual, in dem er viel Übung hatte.

„Nein, warte.“

Er verharrte in seiner Position. Sie schnaufte ein paar Mal unter dem Kissen, schob es beiseite, setzte sich auf, als wäre es die mühsamste Sache der Welt, zog die Beine an ihr Kinn heran und legte den Kopf darauf ab, als trügen ihre schmalen Schultern die ganze Last des Universums.

„Das sieht schlimm aus.“

Cleo grunzte zustimmend.

„Ganz schlimm.“

Erwartungsvoll schaute er sie an.

Cleo atmete tief ein und sagte: „Ich werde auf eine neue Stelle versetzt.“

„Aber das ist doch eine gute Nachricht!“, freute er sich aufrichtig. „Du wolltest doch eine Veränderung.“

„Ja, schon, aber …“

„Aber?“

„Es ist dort draußen.“

Paul folgte ihrem Blick zum Fenster.

„Oh, dort draußen. Ich verstehe.“

Er ließ sich auf seinen Robohundehintern fallen und wackelte nachdenklich mit den Ohren, so gut ein kleiner Robohund eben mit den Ohren wackeln konnte.

„Aber das ist doch großartig“, verkündete er schließlich, stolzierte zur Tür und sprach: „Du kannst dich nicht ewig in deinem Zimmer verstecken, Cleo. Du musst raus. Neue Menschen kennenlernen. Du könntest ein paar zusätzliche Freunde gut gebrauchen.“

„Ich habe gar keine Freunde mehr, Paul.“

Er kam zurück, neigte seinen Kopf zur Seite und schaute sie mit seinen großen Augen an.

„Eben.“

„Danke.“

Cleo versteckte den Kopf zwischen ihren Armen.

„Ich habe Angst. Unvorstellbare Angst.“

Mit einem kräftigen Satz sprang er zu ihr aufs Bett und legte sich neben sie.

„Wovor hast du Angst?“

„200 Menschen, Paul. 200 Menschen, die ich nicht kenne. Mit denen ich in einem Team zusammenarbeiten muss. Jeden Tag. Jeden verdammten Tag.“

Sie ließ ihre Hand auf seinen Rücken gleiten, strich zärtlich über die glatte Oberfläche.

„Wie soll ich mich verhalten? Ich habe Angst, etwas falsch zu machen. Was, wenn mich niemand leiden kann?“

„Du bist der liebenswerteste Mensch, den ich kenne, Cleo.“

„Wie viele andere Menschen hast du in den letzten anderthalb Jahren getroffen, Paul?“

„Eigentlich nur dich“, musste er gestehen.

„Eben.“

Paul streckte und rekelte sich. Drehte sich halb auf den Rücken und wieder zurück.

„Ich kenne dich schon mein ganzes Leben, Cleo. Du brauchst keine Angst zu haben. Vor niemandem. Alles wird gut.“

„Ich wünschte, ich hätte deinen Optimismus. Darum habe ich dich immer beneidet.“

„Und ich dich um deine Fähigkeit, dich völlig in eine Sache zu vergraben. Darum, wie gut du dich mit alter Technik auskennst. Und darum, wie du Mum und Dad immer zum Lachen gebracht hast.“

„Das ist lange her, Paul.“

„Vermisst du sie?“

„Sehr.“

„Cleo, es gibt nichts, was du nicht schaffen kannst. Das meine ich ernst.“

Er hatte sich nun vor ihr aufgestellt und schaute ihr direkt ins Gesicht. Hastig wich sie seinen Blicken aus und begann, nervös mit den Fingern auf den verschränkten Armen zu trommeln.

„Da ist noch etwas anderes, oder? Ich kenne dich gut genug …“

„Ich kann dich nicht mitnehmen, Paul“, platzte es schließlich aus ihr heraus. „Dass ich dich überhaupt habe … Was ich mit dir gemacht habe … Wie ich dich programmiert habe … das würde Probleme geben.“

„Ich verstehe.“

„Wirklich?“

„Ich denke schon.“

Paul erhob sich, lief eine Runde um den kleinen Tisch in der Mitte des Zimmers, wobei er mehrmals stehenblieb, den Kopf hob, sie mit seinen roten Leuchtdiodenaugen ansah, nach unten schaute, weiterlief, eine zweite Runde, eine dritte, eine vierte. Die fünfte brach er schließlich ab und marschierte unter dem Tisch hindurch geradewegs auf sie zu.

„Es wird Zeit für mich zu gehen, Cleo.“

Erschrocken fuhr sie zusammen.

„Was meinst du? Wo willst du hin?“

Er tippelte zum Fenster und blickte hinaus, hinauf zu den Sternen.

„Es wird Zeit für mich, dorthin zu gehen, wo ich hingehöre.“

Er drehte seinen Kopf zu ihr, sah sie einen Moment an, dann wandte er sich wieder dem Sternenhimmel zu.

„Ich gehöre nicht mehr in diese Welt, Cleo. Ich bin kein Hund. Ich bin auch kein Mensch mehr. Nur noch ein … Gespenst.“

„Nein! Geh nicht!“

Sie sprang auf, rannte zu ihm, schloss ihn in die Arme und drückte ihn an sich.

„Du darfst mich nicht verlassen, Paul“, schluchzte sie. „Was soll ich denn ohne dich?“

„Leben … du sollst endlich wieder leben. Frei sein.“

„Ich glaube nicht, dass ich das kann“, brachte sie unter Tränen hervor. „Du bist alles, was mir noch geblieben ist.“

„Aber ich bin nicht real. Ich bin nur eine Illusion, Cleo. Ein Schatten der Vergangenheit.“

„Für mich bist du alles, was ich noch habe.“

Paul antwortete nicht. Seine Augen weiteten und verengten sich abwechselnd, er dachte sorgfältig über seine nächsten Worte nach.

„Es ist besser so. Ich habe mich entschieden.“

Cleo suchte hilflos nach Worten, doch ihre Kehle war wie zugeschnürt.

„Leb wohl, Cleo.“

Das Leuchten seiner Augen erlosch. Das leise Surren der Motoren verstummte. Für immer.

* * *

Cleo saß einfach nur da, die leblose Maschine in ihren Händen. Sie war nun völlig allein, zum zweiten Mal in ihrem Leben. Ihr Blick wanderte durch ihr kleines Zimmer, zum Tisch mit dem Computer, zur kleinen Küchenzeile neben der Tür, ihrem schmalen Bett, der Tür zum Badezimmer dahinter. Ihr kleines Reich. Ihre ganze Welt.

Langsam stand sie auf, stellte den silbergrauen Hund vorsichtig zurück in seine Lieblingsecke, ging zurück zu ihrem Bett und nahm das Foto von der Wand. Paul und Cleo, Bruder und Schwester, Arm in Arm, daneben Mum und Dad. Zwei Wochen vor dem Unfall. Sie lachten zusammen, freuten sich gemeinsam über seinen Abschluss. Dann waren die drei einfach aus Cleos Leben verschwunden, ohne Vorwarnung, von einem Tag auf den anderen. Hatten ein schwarzes Loch in ihrem Herzen hinterlassen, ein Gefühl der Ohnmacht, eine tiefe Traurigkeit. Die kleine Maschine, die sie einen Monat später unter einem Haufen Schrott hervorgezogen, repariert, neu programmiert und mit allen Daten gefüttert hatte, die sie von Paul hatte – Mails, Chatnachrichten, Videobotschaften – war ihr Ankerpunkt geworden, ihr letzter Halt. Nun war er, der sie schon einmal gerettet hatte, von ihr gegangen, um sie erneut zu retten. Um sie zurück ins Leben zu schicken. Sie wusste nicht, ob sie es schaffen würde, wie sie es schaffen sollte. Aber sie schuldete ihm einen Versuch, diese letzte Chance. Ein neues Leben wartete dort draußen auf sie, möglicherweise.

„Leb wohl, Paul. Du fehlst mir.“

* * *

Einige Jahre später näherten sich zwei Gestalten der Urnenwand des Friedhofs. Eine Frau und ein Mann. Nein, kein Mann – ein Androide. Ein Arbeitsroboter des Typs WR67, einem Menschen nachempfunden. Vor der Platte mit der Nummer 96345 blieben die beiden nebeneinander stehen und ihr Gespräch erstarb.

Cleo ergriff die Hand des Androiden, hielt ihren ID-Chip an den Sensor der Platte. Auf dem Display ihrer Datenbrille erschienen die Namen ihrer Eltern und ihres Bruders sowie das Todesdatum.

Der Android fuhr sachte mit den Fingern seiner freien Hand über die eingravierte Zahl auf der Platte.

„Liegt hier deine Familie?“

Ein kaum merkliches Nicken. Sie griff in die Brusttasche ihrer Uniform, zog das alte Familienfoto heraus und reichte es ihm. Seine mechanischen Hände ergriffen es behutsam wie ein zerbrechliches, lebendiges Wesen, einen kostbaren Schatz.

„Wie lange ist es her?“

„Sieben Jahre.“

Sie drehte den Kopf zur Seite, damit er die Träne nicht bemerkte, die langsam an ihrer Wange herunterlief.

„Ich war ewig nicht mehr hier. Danke, dass du mitgekommen bist.“

„Nein, ich danke dir, dass du mich mitgenommen hast“, entgegnete er mit einfühlsamer Stimme. „Ich weiß, wie viel dir deine Familie bedeutet hat. Vor allem dein Bruder.“

„Er war mein bester Freund. Wir waren unzertrennlich.“

Schweigend standen sie eine Weile nebeneinander.

„Kannst du mir etwas versprechen?“, unterbrach sie schließlich die Stille.

„Was soll ich dir versprechen?“

„Versprich mir, dass du mich niemals im Stich lassen wirst!“

Feierlich nahm er Haltung an, ballte seine rechte Hand zur Faust und legte sie an seine linke Brust.

„Ich verspreche dir hiermit, dass ich dich niemals im Stich lassen werde!“

„Danke. Du bist ein echter Freund.“

Sie legte ihren schweren Kopf auf seiner starken Androidenschulter ab.

Einem aufmerksamen Beobachter wäre in diesem Augenblick das geheime Lächeln aufgefallen, das ihre Lippen umspielte. Kein spontanes, erfreutes Lächeln. Ein dünnes, ein wissendes Lächeln.

Denn auch ohne sein Versprechen wusste sie, dass er sie niemals im Stich lassen würde, niemals im Stich lassen konnte, selbst wenn er wollte. Nicht heute, nicht morgen, nicht in ferner Zukunft. Dafür hatte sie gesorgt, hatte ihren Code geschickt in einem der unzähligen Sicherheitsupdates versteckt. Niemals wieder würde sie in dieser Welt allein sein. Und dieses geheime Wissen gab ihr Frieden.

Wettbewerbsgeschichte: Paul und Cleo - Schlussbild

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