Wettbewerbsgeschichte: Krisen-Intervention
Ein Pop-up auf Jills Bildschirm erinnerte sie daran, dass es Zeit für eine Pause war. Sie drückte es weg, ohne den Text zu lesen. Sie wusste, was dort stand. Sie arbeiten seit längerer Zeit mit hoh...
Ein Pop-up auf Jills Bildschirm erinnerte sie daran, dass es Zeit für eine Pause war. Sie drückte es weg, ohne den Text zu lesen. Sie wusste, was dort stand. Sie arbeiten seit längerer Zeit mit hoh...
Ein Pop-up auf Jills Bildschirm erinnerte sie daran, dass es Zeit für eine Pause war. Sie drückte es weg, ohne den Text zu lesen. Sie wusste, was dort stand.
Sie arbeiten seit längerer Zeit mit hoher mentaler Belastung.
Bitte denken Sie daran: Kleine Pausen erleichtern es, langfristig aufmerksam und ausgeglichen zu bleiben.
Vielleicht hilft Ihnen gerade:
Ein kurzer Spaziergang an der frischen Luft?
Wasser, Tee oder ein Multivitamingetränk?
Der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen?
Sie wusste, was dort stand, weil es sich eingebrannt hatte. Weil jedes Wort sie verhöhnte. Weil sie jedes Mal, wenn sie mehr als drei Stunden Schlaf bekam, von diesen Worten träumte. Und davon, was passiert war, als sie ihnen Beachtung geschenkt hatte.
Janik, 19, der gegen halb drei das Studentenwohnheim verließ.
Janik, 19, der in ein fremdes Auto stieg.
Janik, 19, der tot am Seeufer lag.
Sie wünschte, die Bilder in ihrem Kopf hätten auch ein X in der Ecke, um sie wegzuklicken.
Damals hatte sie alle Namen mit I durchgearbeitet.
Sie hatte Indra angerufen. Sie hatte Inge angerufen. Sie hatte Irena, Ismet und Ivan angerufen.
Um zwei hatte sie mit ihren Kolleginnen und Kollegen eine Stunde Mittagspause gemacht. Dann hatte sie Janik angerufen, aber niemand war dran gegangen.
Jill arbeitete immer von A bis Z. Wenn sie bei Z angekommen war, waren bereits so viele neue Namen bei A aufgetaucht, dass sie von vorne anfangen konnte. Sie peilte einen Alphabetsdurchlauf pro Woche an. Jeden Abend plante sie eine Stunde ein, in der sie diejenigen anrief, die sie im Laufe des Tages nicht erreicht hatte. Aber auch abends war Janik nicht ans Telefon gegangen.
Jill nippte an ihrem Kaffee. Der Schlafmangel hielt die Emotionen fern, solange sie wach war. Das Koffein sorgte dafür, dass sie wach blieb. Es waren so viele Namen.
Die Uhr am Bildschirm zeigte 14:20. Sie war wieder bei J.
Sie rief Jaydon an. Sie rief Jennifer an. Sie rief Jeremy, Jessica und Jürgen an.
Sie arbeiten seit längerer Zeit mit hoher mentaler Belastung.
Sie dachte an Janik, der tot war, und all die Leute, die es nicht waren.
Wieder drückte Jill auf das X der Pausenbenachrichtigung.
Aus Gründen der Anonymität erhielten Mitarbeitende wie Jill nur die Vornamen ihrer Klienten. Seinen vollen Namen kannte sie aus einer reißerischen Schlagzeile auf ihrer Browser-Startseite.
Janik Breys Leiche nackt und stark alkoholisiert am Seeufer gefunden. Die Polizei sucht nach Zeugen. Der 19-Jährige wurde zuletzt gesehen, als er gegen halb drei das Studierendenwohnheim verließ und in ein fremdes Auto stieg.
Obwohl sie noch lange nicht bei P gewesen war, hatte sie die Polizei angerufen und ihnen die Informationen weitergeleitet, die sie aus dem System hatte. Aufgrund ungewöhnlicher Online-Käufe, schlechter werdender Noten im Campusportal und vermehrter Perioden mit hohem Puls hatte KIKI akutes Gefährdungspotential vorhergesagt.
Janik, 19, Verdacht auf substanzbezogene oder fremdverstärkte Selbstgefährdung.
Niemand hatte ihr Vorwürfe gemacht. Die Polizei hatte sich für die Informationen bedankt. Ihre Vorgesetzte hatte ihr psychosomatische Reha ans Herz gelegt. Volle Kostenübernahme vom Staat.
Niemand hatte ihr Vorwürfe gemacht, außer der Person, mit der sie tagtäglich zusammen leben musste. Hätte sie nur noch diesen einen Anruf erledigt, statt in die Mittagspause zu gehen …
Wegklicken. Wegklicken. Wegklicken.
Jill nahm sich gerade genug Zeit, um ihre Jacke zusammenzuknüllen und in den Stoff zu schreien.
Dann rief sie Kai an.
K steht für Kaffee.
Sie rief Kerstin an.
K steht für Krise.
Sie rief Komir, Kris und Kyrill an.
K steht für KIKI steht für Krisen-Interventions-KI.
KIKI war eine von Polizei und Justiz unabhängige Instanz zur Prävention psychologischer Notfälle. Auf Grundlage digitaler Nutzungsdaten erstellte die KI ein Vorhersagemodell und gab gefährdete Kontakte an Mitarbeitende wie Jill weiter. Das Ergebnis war eine proaktive Hilfehotline.
Dabei erhob KIKI keine eigenen Daten, sondern wertete nur die aus, die ohnehin gesammelt wurden. Ein neues Gesetz hatte private Tech-Giganten wie Google, Meta, Amazon und Co. dazu verpflichtet, diese der Regierung zur Verfügung zu stellen. Alles war verschlüsselt und streng geheim. Nicht einmal die Leute, die sie programmierten, bekamen die rohen Nutzungsdaten zu sehen. Was bei Jill ankam, war Vorname, Alter, Risikokategorie und eine grobe Zusammenfassung dessen, worauf der Verdacht fußte, damit sie den richtigen Ton für das Gespräch treffen konnte. Jemanden, der einen Jahresvorrat apothekenpflichtiger Medikamente bestellte, begrüßte sie anders, als jemanden, dessen Apple Watch seit einem Monat weniger als 300 Schritte pro Tag aufzeichnete.
Ihre Aufgabe war es, ein offenes Ohr anzubieten, auf Hilfsangebote hinzuweisen und in akuten Bedrohungsfällen die Polizei zu alarmieren. Letzteres war zum Glück selten nötig. Es war erstaunlich, wie vielen Menschen geholfen war, wenn mal jemand zuhörte.
Sie rief Laila an.
Laila, 31, Verdacht auf extreme physiologische Stressbelastung, fragte Jill, ob man nicht mal mehr in Ruhe für einen Marathon trainieren dürfe und erklärte, dass Jill sich gefälligst aus ihrer Privatsphäre verpissen solle. Jill entschuldigte sich höflich, markierte den Fehler im System und strich dankbar einen weiteren Namen von der Liste.
KIKI lag nicht immer richtig.
Aber meistens.
Deswegen kippte Jill einen weiteren Espresso und wählte die nächste Nummer.
Sie rief Leon an.
Leon, 13, Verdacht auf Gefährdung im Elternhaus. Jills Finger zitterten nicht nur wegen des Koffeins. Sie hasste Fälle, bei denen es um Kinder ging. Es waren die Wichtigsten.
„Hallo?“, fragte es am anderen Ende der Leitung.
„Hallo, hier ist Jill von der Krisen-Interventionsmaßnahme. Leon, richtig?“
„Ja …?“
„Wie fühlst du dich heute?“
„Gut.“ Der Junge räusperte sich. Als er weiter sprach, stellte er die Stimme tiefer, als versuche er, erwachsener zu klingen. „Vielleicht haben Sie sich verwählt?“
„Das ist möglich. Aber wenn ich schon mal hier bin, gibt es vielleicht etwas, über das du reden möchtest, Leon? Ganz egal was. Schule, Eltern, Freunde, ich höre zu. Das Gespräch ist kostenlos und vertraulich. Wir ergreifen keine Maßnahmen, um die du uns nicht bittest.“
Langes Schweigen.
Jill befürchtete, er würde auflegen. Das kam regelmäßig vor, aber immerhin konnte sie sich beim Einschlafen dann einreden, sie habe es versucht.
„Kann ich zurückrufen? Ich kann jetzt nicht … Ich ruf einfach zurück, okay?“
„Natürlich. Unsere Nummer ist Tag und Nacht besetzt.“
Jetzt wäre der Zeitpunkt, ihm zu sagen, dass sie eigentlich um 17 Uhr Feierabend machte und ihre Kollegen und Kolleginnen ihm ebenso zuhören würden. Stattdessen sagte sie:
„Falls jemand anderes den Anruf annimmt, frage nach Jill.“
Sie würde ohnehin da sein.
„Danke.“ Er legte auf.
Jill schloss die Augen.
Die meisten riefen nicht zurück. Die meisten suchten nur eine höfliche Ausrede, um den Anruf zu beenden. Sie hoffte, dass Leon nicht war wie die meisten.
Sie rief Lianne, Lisa und Lothar an.
Sie las Ludmillas Nummer laut vor, während sie die Zahlen abtippte. Sie drückte aus Versehen die Neun statt der Null. Sie suchte die Löschtaste. Sie löschte eine Zahl zu viel. Sie verrutschte in der Zeile.
Sie arbeiten seit längerer Zeit mit hoher mentaler Belastung.
Bitte denken Sie daran: Kleine Pausen …
Sie klickte auf das X.
Sie blinzelte, bis sie den richtigen Namen wieder fand und schreckte hoch, als jemand neben ihr auftauchte.
„Hey Jill.“
„Hey.“ Sie riss den Blick vom Bildschirm. Ihr Kollege stellte eine Tupperdose vor ihr ab und legte eine Gabel darauf.
„Hab dich in der Mensa vermisst. Dachte, ich pack dir ne Portion ein.“
„Danke Fred.“
„Nichts zu danken. Ist inzwischen kalt, aber ich kam nicht früher vom Schreibtisch weg.“ Er lachte trocken. „Weißt ja, wie das ist.“
„Hm.“ Jill nickte.
„Nudeln mit Calabresepesto.“ Er nickte zur Tupperdose. „Fand's echt lecker, aber war nicht sicher, ob du Paprika magst?“
„Doch. Ich mag Paprika.“
Fred musterte sie einen Moment lang.
„Hast du nicht auch gleich Feierabend? Du warst jedenfalls vor mir da und ich hab um acht angefangen.“
Jill blinzelte zur Uhr in der unteren Bildschirmecke. 17:30.
„Bin kurz vor dir reingekommen“, log sie.
Ihrer Chefin erzählte sie, sie finge um acht an. Normalerweise war sie spätestens um halb sieben im Büro. Ihre Kolleginnen und Kollegen wussten, dass sie Überstunden machte und Pausen übersprang, aber niemand wusste, wie viel genau. Im Zeiterfassungssystem vergaß sie regelmäßig, sich ein- oder auszuloggen.
„Mach nicht mehr zu lange“, sagte Fred und meinte es gut.
Jill zwang ein Lächeln auf ihre Lippen und deutete zum Fenster. „Ab 18 Uhr kann man sich hier eh nicht mehr konzentrieren.“
„Stimmt.“ Fred verdrehte die Augen. „Ich hatte letztens eine von denen am Telefon. Mann, war die sauer. Meinte, es sei ihr gutes Recht, eine Flasche am Tag zu trinken und wenn sie sich was antun wollte, dann nur, um unsere ach so heilige Erfolgsquote zu ruinieren.“
Er lachte trocken.
„Oh Mann“, sagte Jill.
Wieder sah Fred sie schweigend an.
Jill wünschte, er würde gehen.
Sie musste Ludmilla anrufen. Verdacht auf altersassoziierte Isolation und Verwahrlosung. Die halb abgetippte Nummer blinkte in dem Eingabefeld. Der Fernseher der 76-Jährigen hatte eine Nutzungsdauer im oberen 2%-Quantil verzeichnet. Die Anzahl ein- und ausgehender Telefonanrufe lag weit unter dem Altersdurchschnitt. Vor einem Monat hatte Ludmilla ihren Pflegedienst gekündigt und sich nie um einen Neuen gekümmert.
„Hattest du heute Anrufe, über die du gerne sprechen möchtest?“, fragte Fred ruhig.
Hey, hier ist Fred von der Krisen-Interventionsmaßnahme. Ich habe ein offenes Ohr für Sie. Lass uns mit etwas Banalem einsteigen, um das Eis zu brechen. Magst du gerne Paprika? Dann erzähle ich eine kurze, emotionale Anekdote aus meinem Leben, um ein Vertrauensverhältnis zu imitieren. Weckt das vielleicht eine Assoziation, über die Sie gerne reden möchten?
Jill biss sich auf die Zunge. Sie zwang sich, ihr Lächeln echter aussehen zu lassen.
„Danke Fred. Wirklich. Ich will noch diesen Anruf schaffen, bevor die Demo losgeht. Dann mach ich mich auf den Weg und genieße die Nudeln zum Abendessen.“
„Klingt gut“, sagte Fred. „Lass uns doch morgen bei ner Runde im Park etwas plaudern.“
„Klingt gut“, sagte Jill. „Schönen Feierabend!“
„Danke, dir auch.“
Es dauerte einige Minuten, bis Ludmilla ihre Skepsis überwand. Jill erfuhr, dass sie Paprika gerne mochte, aber nicht wusste, was Calabrese war. Dann erfuhr sie auch den Rest von Ludmillas Leben. Sie legte den schwer gewordenen Kopf auf dem Tisch ab, stellte hin und wieder Rückfragen und nutzte sämtliche Kraftreserven, um nicht einzuschlafen. Erst, als der Lärm der Demonstration durch das gekippte Fenster drang, wurde es leichter, die Augen offen zu halten.
Seit drei Wochen versammelten sie sich jeden Abend pünktlich um sechs vor dem Gebäude.
Ludmilla berichtete von ihren Schwiegersöhnen und -töchtern.
„KIKI, 1, Verdacht auf Machtmissbrauch und Privatsphärenverletzung!“, grölte die Masse.
Ludmilla erzählte von ihrem verstorbenen Ehemann.
„KIKI sieht! KIKI hört! KIKI sagt!“
Jill schloss das Fenster.
Ludmilla gestand, dass sie nicht traurig über dessen Tod war. Manchmal fand sie sogar, er hätte es verdient.
„KIKI tut nix, KIKI will nur helfen!“, klang es gedämpft durch das geschlossene Fenster.
Ludmilla weinte und sagte, das sei das erste Mal, dass sie es so offen ausspräche.
Die Gruppe sang den abgewandelten Refrain eines Alligatoah Songs:
„Vielleicht geht’s mir suuuper schlecht, aber Datenschutz ist mein guutes Recht!“
Jill empfahl ihr ein Seniorencafé, das jeden zweiten Donnerstag Kniffelabende veranstaltete. Außerdem hatte Ludmilla erwähnt, dass sie mit ihren Enkeln früher gerne schwimmen war. Jill wechselte in einen zweiten Browser-Tab und las die Termine eines Aquafit-Kurses im örtlichen Schwimmbad vor.
Ludmilla bedankte sich von Herzen. Jill schicke der Himmel. Sie bezeichnete sie als Schutzengel und wisse nicht, was sie ohne sie getan hätte.
„Ich bin sicher, ihre Kinder und Enkel würden sich auch über einen Anruf freuen“, meinte Jill freundlich und beendete das Gespräch.
Sie starrte lange auf das Pop-up Fenster.
Sie arbeiten seit längerer Zeit.
Die Worte verschwammen vor ihren Augen.
Bitte denken Sie.
Sie presste die Finger an ihre Schläfen und massierte in kreisenden Bewegungen.
Langfristig. Ausgeglichen. Multivitamingetränk.
Sie stand auf, schwankte zum Fenster und blickte auf die bunte Menschenmasse unter ihr. Die Leute reckten Papp-Schilder und selbstbeschriebene Plakate in die Höhe.
Hans Kasper: 'Propaganda ist die Kunst, den Teufel mit zwei gesunden Füßen zu fotografieren' , stand auf einem von ihnen in blutroter Schrift.
Ein blonder Mann im Anzug stieg schwerfällig auf die Steinmauer, die den Parkplatz begrenzte. Er zog ein blaues Megafon hervor.
Die Parolen verstummten.
„Wir haben Minority Report gesehen!“, rief er in das Megafon. „Heute heißt es Intervention, morgen Inhaftierung!“
Jill öffnete das Fenster. Die übersteuerten Vokale halfen dabei, sie wach zu halten.
„Sie sagen: Keine Maßnahmen, um die wir nicht bitten. Aber wer versichert uns, dass es dabei bleibt? Heute geht es um die persönliche Sicherheit. Morgen um die Staatssicherheit! Übermorgen nennen sie es Stasi!“
Die Menge kreischte zustimmend.
Jill griff nach Tupperdose und Gabel und begann, stehend vor dem Fenster, die Nudeln zu essen.
Eine Frau mit grauem Dutt und kariertem Kleid kletterte auf die niedrige Mauer und übernahm das Megafon.
„KIKI steht für …?“, rief sie hinein.
„Koordinierte Institutionelle Kontrollinstanz!“, schrie die Menge den auswendig gelernten Slogan.
„KI steht für …?“
„Krisen Instrumentalisierung!“, schrien sie synchron.
„K steht für …?“
„Korruption!“
„I steht für …?“
„Invasiv!“
Die Caprese schmeckte gut. Besonders auf Jills leerem Magen. Sie beobachtete, wie eine dritte Person auf die Mauer hüpfte und das Wort an sich nahm. Jill kannte die ersten beiden aus den letzten Wochen. Die dritte Person war neu. Kurze braune Haare rahmten das androgyne Gesicht. Die Person drehte das Megafon eine Stufe leiser, sodass es nicht mehr übersteuerte.
„Sucht die Probleme in eurem System, nicht in unseren Daten!“
Die Menge applaudierte.
„Warum zahlt der Staat unsere Überwachung, aber nicht unsere Therapie? Warum ist Platz für Callcenter, statt für Kurorte? Warum sind sie 24/7 erreichbar und ich warte fünf Monate auf einen Platz beim Psychologen?“
Die Demonstrierenden grölten.
Jill wünschte, sie könnte diese Fragen beantworten. Jill wünschte, sie könnte Ursachen bekämpfen, statt Symptome. Jill wünschte, sie könnte den Leuten da draußen versichern, dass ihre Daten nie missbraucht würden und KIKI für immer nur der Krisen-Intervention diente. Nichts davon konnte sie. Sie konnte nur Risikokategorien lesen und Nummern wählen.
Das Telefon klingelte. Sie schloss das Fenster.
„Hallo, hier ist Jill von der Krisen-Interventionsmaßnahme, wie kann ich für Sie da sein?“
„Hi.“
Ihr Herz machte einen Satz der Erleichterung. Das war effektiver als Espresso.
„Hier ist Leon.“
Sie blendete die Geräusche der Demo aus und konzentrierte sich auf das Gespräch.
„Gut, von dir zu hören, Leon. Passt es für dich jetzt besser?“
„Ja. Vorhin war meine Mutter nebenan. Da wollte ich nicht … Sie wissen schon.“
„Ich verstehe. Es ist nicht immer leicht mit deiner Mutter, kann das sein?“
Jill hielt ihren Ton geübt sanft. Darin durfte keine Unterstellung liegen, keine Neugier, keine Aufdringlichkeit. So, wie sie es in der Ausbildung trainiert hatten.
„Kann man so sagen.“ Er lachte unsicher.
Jill scrollte nach oben und überflog die Zusammenfassung neben seinem Namen. Unstimmigkeit zwischen Symptomatik und geschildertem Unfallhergang in der elektronischen Patientenakte. Smart-Home-Sprachassistent zeichnet wiederholt verdächtige Geräuschmuster auf. In letzter Zeit übermäßiges Hören von Risikogruppen-korrelierter Musik.
In der nächsten halben Stunde erfuhr sie die ganze Geschichte und jeder Satz brach eine weitere Scherbe aus ihrem zertrümmerten Herzen. Aber er war nicht Janik. Denn ihn hatte sie erreicht.
Jill hatte Mühe, ihre eigenen Tränen zu unterdrücken.
Sie sprach mit Leon das Standardprotokoll für diese Fälle durch. Schlimm genug, dass sowas oft genug vorkam, dass es einen Standard brauchte. Noch schlimmer, dass sie ihn auswendig kannte.
Sie bot an, was sie allen Gewaltbetroffenen anboten: Alle fallrelevanten Daten, inklusive dieses Gesprächs, an die Polizei zu übermitteln. Leon würde schnellstmöglich bei seinem Vater oder einer Pflegefamilie untergebracht werden. Die Wahl läge bei ihm.
Der Junge schwieg eine ganze Minute lang. Dann stimmte er zu.
Es war kurz nach acht, als Jill den Arbeitscomputer herunter fuhr. Nach dem Gespräch mit Leon hatte sie die nötigen Schritte eingeleitet und versucht, den nächsten Namen zu wählen. Doch sie hatte die Nummer in die Suchleiste eingegeben, statt in das Wahlfeld. Beim zweiten Versuch war sie beim regelmäßigen Ton des Freizeichens eingenickt und mit dem Kopf auf die Tischkante gefallen. Niemand hatte abgenommen.
Ihr Kopf tat weh. Sie konnte die Augen nicht lange genug offen halten, um den nächsten Namen zu lesen.
Mit gesenktem Blick schlurfte sie an den Demonstrierenden vorbei. Sie riefen ihr Beleidigungen und Flüche hinterher, aber Jill war viel zu müde dafür. Um neun fiel sie ins Bett und träumte von Janik. Um halb sechs klingelte ihr Wecker. Um halb sieben saß sie wieder am Schreibtisch.
Während sie ihre Frühstücksbrezel auspackte, wählte sie bereits die erste Nummer.
Das System verteilte die Namen fair auf alle Mitarbeitenden. Den genauen Algorithmus dahinter kannte Jill nicht. Sie wusste, dass die Art der Gefährdung eine Rolle spielte. Zum Beispiel durften Mitarbeitende Kategorien angeben, die sie nicht behandeln wollten. Bei bestimmten Fällen spielten Alter und Geschlecht eine Rolle. Die Arbeitszeiten der Mitarbeitenden sowie die Erreichbarkeit der Klienten wurden ebenfalls einberechnet. Wer Nachtschicht machte, bekam natürlich keine Klienten, die nur tagsüber erreichbar waren.
Heute kam Jill gut voran. Sie hatte so viel geschlafen wie lange nicht mehr und war um 16:30 bereits mit M, N und O durch. Fred stellte eine Tupperdose mit kalten Kartoffeln und Gemüse auf ihren Tisch.
Sie rief Patrick an. Sie rief noch einen Patrick an. Sie rief Pia, Piet und Polly an.
Es war kurz nach sechs. Q würde schnell gehen.
Draußen waren nur zwei Silhouetten auf der Mauer. Heute fehlte die Frau mit dem karierten Kleid.
Sie rief Quentin an.
Jill hörte dem 54-jährigen Obdachlosen eine Dreiviertelstunde lang beim Weinen zu. Er ließ sich den Namen einer Suchtklinik diktieren. Sie wies darauf hin, dass gemeinnützig geförderte Programme die Kosten übernahmen und es viele Hilfsangebote gab, wenn er bereit war, sie anzunehmen.
Dann klickte sie die Pausenbenachrichtigung weg.
Ihre Arbeit rettete Menschen. Pause zu machen, rettete keine Menschen.
Vor dem nächsten Anruf überflog sie Rahels Falldaten und öffnete einen neuen Tab, um nach Selbsthilfegruppen für Zwangserkrankungen zu suchen. Nach der Hälfte der Eingabe brach sie ab.
Ihr Blick hing an einer der Artikelschlagzeilen auf der Startseite ihres Browsers.
KIKI-Demonstrantin nach Intervention verhaftet! Steht K für Kriminell oder zu laute Kritik?
Der Eintrag war vier Stunden alt. Oben prangte das Foto einer Frau, die in Handschellen von der Polizei abgeführt wurde. Ihr Gesicht war mit einem schwarzen Balken zensiert, aber Jill wusste, wer sie war.
K steht für kariertes Kleid.
In einem Interview ließ sie es klingen, als hätte die Intervention ihrer geäußerten Systemkritik gegolten.
K steht für Klatschpresse.
Jill hätte Genugtuung empfinden können, aber stattdessen empfand sie gar nichts.
K steht für Kindeswohlgefährdung.
Sie starrte aus dem Fenster.
„Privatsphäre ist ein Menschenrecht, kein Täterschutz!“
Sie beobachtete die wütende braunhaarige Person auf der Mauer. Heute war das Megafon voll aufgedreht.
„Hier geht es um digitale Selbstbestimmung! Es geht um staatlichen Machtmissbrauch und das Verletzen von Persönlichkeitsrechten!“
Sie schob sich eine Kartoffel in den Mund.
„KIKI nutzt die Opfer des kaputten Systems als Rechtfertigung für ein noch kaputteres System!“
Die Person wurde lauter.
„So, wie sie Vorfälle wie diesen als Rechtfertigung nutzen wird. Also! Wenn noch irgendjemand hier ist, um die eigenen Verbrechen zu vertuschen, dann reiß ich euch eigenhändig den Arsch auf!“
Die eine Hälfte der Menge lachte, die andere jubelte.
Jill dachte nicht über kaputte Systeme und kaputte Menschen nach. Sie dachte nicht über ihren Platz in dem Ganzen nach. Sie dachte überhaupt nicht nach.
Sie rief Rahel an. Sie rief Rebecca an. Sie trank einen Espresso. Sie rief Reinhart, Renée und Rike an.
Das Telefon klingelte.
Jill nahm ab und hörte nur weißes Rauschen.
Das Telefon klingelte immer noch.
Erst da fiel ihr auf, dass das Geräusch aus ihrer Handtasche kam, nicht vom Arbeitstelefon.
„Hallo?“, fragte sie.
„Hey, hier ist Fred.“
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