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Geschichte Nr. 52

Wettbewerbsgeschichte: Der Eingriff

Ich kämpfe mich nach oben, breche durch die Dunkelheit. Ein Atemzug. Dann legt sich wieder dieses bleierne Gewicht um meinen Knöchel und zieht mich zurück in die Tiefe. Eine Stimme sickert von der ...

Wettbewerbsgeschichte: Der Eingriff

Wettbewerb: Menschmaschine – VACSF26 – Vierter anonymer und chancengleicher Schreibwettbewerb auf punktasten.de

Teilnehmer-Nr.: WC2026_001_0055

Der Eingriff

Anonym eingereicht

Ich kämpfe mich nach oben, breche durch die Dunkelheit. Ein Atemzug. Dann legt sich wieder dieses bleierne Gewicht um meinen Knöchel und zieht mich zurück in die Tiefe.

Eine Stimme sickert von der Oberfläche zu mir hinab. Gedämpft. Verzerrt.

Und doch erkenne ich sie.

„Elijah?“ In meinem Kopf klingt sein Name klar, doch aus meinem Mund kommt nur ein heiseres: „Lijh?“

Sanfter Druck um meine Hand. Ich blinzele vorsichtig, einmal, zweimal, und warte auf das Brennen hinter meinen Augen. Es kommt nicht. Keine grellen Neonröhren. Stattdessen gedämpftes Gold irgendwo über mir.

Nicht nur das Licht ist falsch. Auch die Luft. Sie riecht nicht nach Desinfektionsmittel und kaltem Metall, sondern nach Holz und irgendetwas Süßlichem. Ich hebe den Kopf, doch schon die kleinste Bewegung schickt ein dumpfes Ziehen durch meinen Nacken. Einen Atemzug lang halte ich dagegen, dann lasse ich ihn wieder auf die Matratze sinken.

„Mach langsam“, flüstert Elijah.

Erst als ich stillhalte, höre ich es. Dieses leise, regelmäßige Piepen irgendwo neben mir. Vorsichtig löse ich die freie Hand von der Matratze. Jeder Zentimeter fühlt sich an, als müsste ich ihn gegen zähen Widerstand erkämpfen. Das Pulsoximeter klemmt kalt an meinem Zeigefinger. Direkt darunter die kleine schwarze Wellenlinie, die Tante Mia mir mit fünfzehn verboten hatte.

Wenigstens die ist noch da.

„Es gab Komplikationen, Clara.“

Etwas zieht sich hart in meiner Brust zusammen. Diesmal gelingt es mir, den Kopf zu drehen.

Elijah sitzt dicht neben meinem Bett, die Schultern hochgezogen, als würde er frieren. Dunkle Locken quellen unter seiner Kapuze hervor, länger, als ich sie in Erinnerung habe.

Komplikationen.

Das Wort setzt etwas in Gang. Eine Kette aus Möglichkeiten, eine schlimmer als die andere.

Vorsichtig taste ich zum Haaransatz über meinem rechten Ohr. Da. Unter meinen Fingern verläuft eine feine, versiegelte Linie durch die Haut. Darunter spüre ich eine kleine feste Wölbung, kaum größer als eine Münze.

Wenigstens haben sie es eingesetzt.

Jetzt muss ich nur noch herausfinden, ob es funktioniert.

Ich zwinge mich, sie mir vorzustellen. Moms schiefes Lächeln. Lippenstift auf den Zähnen. Silberne Ringe, die bei jeder Bewegung ihrer Hände kurz aufblitzen. Eine echte Zigarette zwischen ihren Fingern, viel zu teuer bezahlt bei dem Schwarzmarkthändler ihres Vertrauens. Rauch in ihrem schweren, dunklen Haar.

Ich warte auf das Ziehen in meiner Brust. Auf dieses bodenlose Absacken unter meinen Rippen.

Nichts.

Nicht einmal ein Stolpern.

Erst da lockert sich die Spannung in meiner Brust.

„’s hat ’klappt“, hauche ich.

Elijahs Finger verkrampfen sich um meine Hand. „Clara...“ Seine Stimme bricht kurz weg. „Du bist nach dem Eingriff nicht mehr aufgewacht.“

„Oh.“

Er starrt mich an, als hätte er mit etwas anderem gerechnet. „Oh?“, wiederholt er tonlos. Sein Griff wird fester. Erst jetzt bemerke ich, wie kalt seine Finger sind. „Du warst wochenlang weg.“

Wochen. Mein Blick wandert zu seinen Haaren. Den Locken, die ihm fast bis über die blassblauen Augen fallen. Die dunklen Schatten darunter.

„Ich musste Mia anrufen“, sagt er leise.

Sofort klappen meine Zähne aufeinander. Die Spannung zieht bis hinunter in die Zehenspitzen.

„Sie hat dich hierher verlegen lassen.“

Natürlich. Der Raum fühlt sich plötzlich nicht mehr falsch an. Nur teuer genug für eine Privatstation.

Draußen fällt irgendwo eine Tür ins Schloss. Sofort hebt er den Kopf, verharrt reglos. Wie ein Reh beim ersten Rascheln im Unterholz. Schritte nähern sich. Elijah lässt meine Hand los. Viel zu schnell. Der Druck seiner Finger bleibt auf meiner Haut zurück.

Die Tür öffnet sich einen Spalt breit. Eine junge Frau im dunkelblauen Kasack steckt den Kopf herein, das helle Haar zu einem straffen Knoten gebunden. „Du musst jetzt gehen.“

Elijah nickt müde. „Fünf Minuten“, murmelt er.

„Du hast zwei.“ Die Tür schließt sich wieder. Stille.

Elijah zieht die Kapuze tiefer ins Gesicht. Von der Kordel hängt nur noch ein ausgefranstes Ende herab, das er um seine Finger wickelt. Loslässt. Wieder aufwickelt. „Mia lässt nach mir suchen.“ Sein Blick zuckt zurück zur Tür. „Jede Minute hier ist ein Risiko.“

Erst jetzt begreife ich. „Weil du mir geholfen hast“, bringe ich langsam hervor.

Plötzlich sehe ich es wieder vor mir. Elijahs zitternden Finger über dem leuchtenden Display. Sekundenlang schwebt er reglos über der Einwilligung, wie jemand an der Kante eines Sprungbretts, bevor er springt.

Dann seine digitale Signatur. Tintenschwarz auf sterilem Weiß unter all den Warnhinweisen, die wir beide nicht richtig gelesen haben.

„Danke.“ Ich versuche mich zu erinnern, ob ich das schon gesagt habe, doch die Antwort liegt irgendwo unter trübem Wasser, zwischen Sand und Schlick. „Danke für all-“

„Jetzt, wo du wieder...“ Elijah fällt mir ins Wort, bricht aber selbst ab. Sein Blick bleibt an seinen Händen hängen. „Ich tauch erstmal unter. Wir werden uns länger nicht sehen.“

„Wie lang?“ Die Worte rutschen aus mir heraus, bevor ich überhaupt weiß, was ich sonst sagen soll.

Ein Schulterzucken.

„Aber du kommst wieder?“

Er hebt den Blick. Zum ersten Mal sieht er mich wirklich an. Seine Augen wirken seltsam leer, als hätte jemand dahinter das Licht ausgeschaltet. „Kommt drauf an.“

Langsam steht er auf. „Nur eine Frage, Clara.“

Ich weiß sofort, welche. Die einzige, die wirklich zählt.

„Liebst du mich noch?“

 

„Das Ding wurde für Soldaten entwickelt, Clara. Für Soldaten.“

Als sie mich ein paar Tage später entlassen, wartet Mias Wagen bereits vor dem Seiteneingang. Im Inneren riecht es nach Leder, Regen und ihrem Parfum. Eine schwere, pudrige Note, die sofort ein Bild in mir aufreißt: Mia neben mir am Schreibtisch, auf ein Knie gesunken, ihre Hand über dem StudyPad, der spitz gefeilte Nagel mit dem einzelnen Diamanten haarscharf auf einen Fehler im Code gerichtet.

Ich sitze tief eingesunken in den beheizten Rücksitz, den Kopf gegen die getönte Scheibe gelehnt, während die Stadt draußen in verwaschenen Streifen vorbeizieht.

„Für Soldaten, die im Cyberkrieg funktionieren mussten“, fährt Mia fort. „Und für danach. Damit sie weiter funktionierten, wenn der Einsatz vorbei war und sie endlich begriffen, was sie gesehen und getan hatten.“

In der Klinik war sie betont fürsorglich gewesen, die Stimme auf Besuchslautstärke gedimmt.

Wie geht’s dir, Liebes? Brauchst du noch was, Liebes? Ruh dich aus, Liebes.

Liebes, Liebes, Liebes.

Hier im Fond des Wagens ist das anders. Die Scheibe zum vorderen Bereich ist dunkel und geschlossen, schallisoliert, blickdicht.

Hier bin ich wieder Clara. Nicht Liebes.

„Und jetzt bringt Apimilo es auf den zivilen Markt.“ Bei dem Namen verzieht Mia den Mund, als hätte sie auf etwas Bitteres gebissen. „Für ein Leben ohne überwältigende Gefühle“, zitiert sie. „Sanfte Entlastung bei Trauer, Angst und Schmerz.“

Ihr Lachen ist kurz und völlig humorlos.

„Sanft! Kein seriöses Zentrum macht so etwas an Zivilisten. Nicht in diesem Stadium. Nicht ohne Langzeitdaten. Und ganz sicher nicht an Minderjährigen.“

Draußen huscht eine Reihe kahler Bäume vorbei, schwarz und dünn hinter dem Regenfilm auf der Scheibe. Kein seriöses Zentrum. Ich weiß, was sie meint. Hinterzimmerklinik. Billige Geräte. Flackerndes Licht. Irgendein Mann mit schwitziger Stirn, der sich Doktor nennt, barfuß im OP steht und auf seinen Socials zwischen blutigen Vorher-Nachher-Bildern vor geliehenen Sportwagen posiert.

Aber so war es nicht. Es war sauber, teuer und nur aus einem Grund unseriös: Mias Name hatte nicht auf dem Logo gestanden.

„Schau mich an, wenn ich mit dir rede!“ Die glänzende Spitze ihres Pumps trifft meinen Turnschuh, dort, wo sich die Sohle schon leicht löst. Mein Blick springt hoch, schneller, als ich ihn zurückhalten kann. Alles an Mia ist makellos: blondierter Bob, der Ansatz weich verblendet, die Spitzen wenige Millimeter über der Schulter, präzise wie mit dem Laser gezogen. Auf den Lippen Pre-Collapse Red, ihr Signature-Ton. Ein Etuikleid, das an ihr sitzt wie eine zweite Haut.

An ihrer Halskette hängt der kleine goldene Tischtennisschläger, den Mom ihr geschenkt hat, als Mia die Firma übernommen hat.

Einen Augenblick lang warte ich darauf, dass etwas in mir nachgibt.

Aber da ist nur der Anhänger, gold und still.

„Du sagst das, als wärst du noch original“, erwidere ich.

Mias Augen verengen sich. Natürlich sieht sie nicht gemacht aus. Das würde sie niemals zulassen. Sie sieht nur aus wie immer. Seit Jahren.

„Ich lasse Gewebe erneuern, Clara. Keine Gefühle. Ich lasse niemanden an dem herumschneiden, was mich menschlich macht.“ Ihr Blick rutscht zu der Stelle über meinem rechten Ohr, an der sie die Narbe vermutet. Ohne nachzudenken ziehe ich eine Haarsträhne nach vorn, bis sie mein Ohr verdeckt. Mias Lippen öffnen sich, doch statt der nächsten Zurechtweisung kommt nur ein leiser Atemzug.

„Deine Menschlichkeit ist das, was dich auszeichnet.“

„Und Falten nicht? Altersflecken? Praktisch, dass Menschlichkeit bei dir erst unter der Haut anfängt.“

Bevor Mia etwas darauf erwidern kann, bremst der Wagen so heftig, dass mein Magen nach vorn kippt. Mias Hinterkopf schlägt dumpf gegen die Kopfstütze. Vor der Scheibe taucht ein Gesicht auf, verzerrt durch das getönte Glas. Für einen Augenblick sehe ich nur einen offenen Mund, nasse Haare, eine Hand an der Scheibe. Dann schiebt sich ein Plakat davor.

MENSCHEN SIND NICHT

Der Wagen macht einen Satz nach vorn, und das Plakat rutscht von der Scheibe. Mia drückt auf einen Knopf. Die Trennscheibe gleitet leise surrend hinab. Über der Rückenlehne des Fahrersitzes werden eine Dienstmütze und ein paar drahtige, graue Haarbüschel sichtbar, die darunter hervorlugen.

„Lanning, wollen Sie mich verarschen?“

Ich ziehe scharf die Luft ein. Lanning ist seit Jahrzehnten im Dienst der Familie. Manchmal frage ich mich, ob Mia aus Loyalität an ihm festhält oder aus demselben Grund, aus dem Mom ihre Zigaretten geraucht hat: wegen dieses Hangs zu längst überholten Dingen aus grauer Vorzeit.

„Ich bitte um Verzeihung, Madam“, sagt er. „Es war keine Demonstration angekündigt.“

Das passiert, wenn man auf Menschlichkeit setzt, Mia. Fehler.

Von vorn hämmert jemand mit einem Schild auf die Motorhaube. Mein Blick springt von einer Scheibe zur anderen, doch egal, wohin ich sehe, der Wagen ist von Menschen umringt. Dunkle Regenjacken, Kapuzen tief ins Gesicht gezogen. Die Scheiben wirken plötzlich viel zu dünn. Meine Lunge zieht sich zusammen.

Das Schild von eben taucht wieder an der Seitenscheibe auf.

MENSCHEN SIND NICHT

Ich blinzele, um die Schrift darunter scharf zu bekommen.

ERSETZBAR

„Fanatiker“, presst Mia zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Zwischen den Kapuzen tauchen stahlblaue Uniformen auf, glänzend vor Regen. Polizisten drängen die Demonstranten vom Wagen zurück. Hände heben sich, Schilder kippen, nasse Schultern weichen zurück. Der Wagen setzt sich langsam wieder in Bewegung.

Erst als die Körper von den Scheiben zurückweichen, findet meine Lunge wieder Platz. Ich lehne mich näher ans Fenster, plötzlich begierig darauf, die Plakate zu lesen.

NIEDER MIT BRIGGS ROBOTICS

KEINE MENSCHEN AUS MASCHINEN

MIA BRIGGS SPIELT GOTT

Daneben ist eine Karikatur von Mia abgebildet: streng geschnittener Bob, gefaltete Hände, ein Heiligenschein über dem Kopf, der bei genauerem Hinsehen aus winzigen Zahnrädern besteht.

Ein amüsierter Laut rutscht mir heraus.

Mia fixiert mich. Drückt auf den Knopf. Die Trennscheibe fährt wieder hoch.

„Wie beruhigend“, bemerkt sie. „Dein Sinn für Humor scheint intakt.“

Ich verdrehe die Augen. „Womit hast du die Leute jetzt schon wieder gegen dich aufgebracht?“

Mia wendet den Blick ab und sieht aus dem Fenster. „Mit Fortschritt. Das reicht meistens.“

In den ersten Tagen nach meiner Rückkehr geht Mia mir aus dem Weg. Sie verschwindet früh, kommt spät zurück und hinterlässt im Penthouse Spuren so dünn und kalt wie Atem auf Glas: eine Espressotasse mit rotem Lippenstiftrand, den Abdruck ihrer Hand auf dem Glas der Terrassentür, eine Notiz auf dem Küchendisplay – Denk an deine Module!

Die Erinnerung hätte es nicht gebraucht. Ich nehme den Unterricht auch so wieder auf. Mein StudyPad zeigt mir offene Aufgaben, verschobene Prüfungsfenster und Warnhinweise meines Tutorsystems. Wenn ich diesen Learning Cycle nicht wiederholen will, muss ich funktionieren.

Also funktioniere ich.

Ich arbeite die Lektionen ab. Eine nach der anderen. Wahrscheinlichkeitsrechnung. Biomedizinische Grundlagen. Ein Erklärvideo zeigt Bronchien, die sich verengen, bis kaum mehr Luft hindurchpasst. Früher hätte mich spätestens da das Bild von Mom erwischt: barfuß neben meinem Bett, die Haare offen, den Inhalator in der Hand, ihre Stimme ruhig, obwohl ihre Finger zitterten.

Dann wäre alles wieder da gewesen: das Vermissen, die Wut, die Frage, warum sie gegangen ist, ohne mir zu sagen, was ich falsch gemacht habe. Ob ich zu oft widersprochen habe. Zu oft krank war. Zu oft mein Spray irgendwo liegen gelassen habe. Besser in der Schule hätte sein müssen.

Jetzt bleibt es still. Ich denke an Mom, und wieder ist da kein Absacken, kein Ziehen. Nicht einmal ein Stolpern.

In den Lernpausen öffne ich manchmal den Chat mit Elijah. Keine neuen Nachrichten. Natürlich nicht. Mia lässt weiter nach ihm suchen, und jeder Versuch der Kontaktaufnahme wäre eine Spur. Nur seine Frage bleibt in meinem Kopf. Liebst du mich noch? Ich starre auf das leere Eingabefeld und warte. Nicht auf Schmerz diesmal. Auf Wärme, Sehnsucht. Irgendeinen Beweis.

Es kommt etwas. Aber es ist klein und weit weg.

Nicht genug, um dem nachzugeben.

Stattdessen scrolle ich mich durch die News der letzten Wochen. Ich suche nach der Demo.

Proteste gegen Briggs Robotics sind nichts Neues. Bei jedem Modelllaunch werfen Menschen mit Farbe, blockieren Zufahrten, schreien, dass Maschinen keine Seelen haben. Als Briggs das erste Vomisa-Modell vorstellte, einen lebensechten Pflegehumanoiden mit Puls und Körperwärme für die gesetzliche Regelversorgung, legten Pflegekräfte ihre Namensschilder auf den Asphalt vor dem Haupteingang. Mia nennt das bis heute den Moment, in dem sie verstanden hat, dass Menschen nicht entlastet werden wollen. Sie wollen unersetzlich bleiben.

Normalerweise finde ich in Sekunden heraus, welches Modell den neuesten Aufstand ausgelöst hat. Doch diesmal finde ich nichts.

Der Verdacht ist nicht neu: Mia filtert die Welt, bevor sie bei mir ankommt.

Also durchsuche ich ihr Arbeitszimmer. Ohne große Hoffnung. Wenn dort etwas wäre, hätte Mia die Tür nicht offen gelassen. Aber da ist diese verschwindend geringe Chance, dass sie sich zu sicher fühlt. Dass sie mich unterschätzt.

Shelley folgt mir hinein. Natürlich tut sie das. Sie folgt mir seit meiner Rückkehr von Raum zu Raum, lautlos bis auf das künstliche Schnurren, das Mia einmal als „emotional naturgetreu“ bezeichnet hat. Abwesend streiche ich ihr über das mit dunklen Flecken getüpfelte, goldbraune Fell am Rücken, ohne dass ein Haar an meinen Fingern hängen bleibt.

Ich ziehe die Schubladen ihres Schreibtisches auf. Ladekabel. Reinigungstücher. Ein versiegelter Datenreif. Ein Stapel hauchdünner Displayfolien. Shelley springt auf den Sessel und sieht mir dabei zu, als hätte Mia sie genau dafür programmiert. Ihre Augen sind so grün und klar wie geschliffenes Glas. Ich sehe mich darin, winzig und gestochen scharf, ohne das geringste Zittern an den Rändern.

„Sei kein Creep, Shell“, sage ich, doch sie legt bloß den Kopf schief. Wahrscheinlich hätte Mia auch das anders programmieren können. Weniger Starren. Mehr Blinzeln. Ein gelegentliches Fauchen, damit man vergisst, dass selbst ihre Unberechenbarkeit nur eine Einstellung ist.

Ich suche weiter. Hinter dem Wandpaneel, unter der Tischplatte, in den Schränken. Dann pingt der Rechner auf Mias Schreibtisch. Ich zucke zusammen, schaue zum dunklen Bildschirm. Wirklich, Mia? Shelley hebt den Kopf. Ich sollte gehen. Stattdessen bewege ich die Maus.

Das Display erwacht, nur weit genug, um die Vorschau einer Nachricht zu zeigen.

Von: Apimilo Legal

An: Mia Briggs

Betreff: Letzte Fristsetzung

Zu den im Rahmen der Implantation an Ihrer Nichte dokumentierten Befunden bieten wir weiterhin eine vertrauliche Lösung an. Ohne fristgerechte Rückmeldung behalten wir uns...

Ich starre auf die Zeilen, bis der Bildschirm wieder schwarz wird und ich mein Gesicht in der dunklen Fläche gespiegelt sehe.

Die Wörter summen wie ein Schwarm Bienen durch meinen Kopf. Ich bekomme sie nicht zu fassen. Nur ein paar bleiben hängen: Befunde. Frist. Implantation. Meine Finger wandern zu der Stelle über meinem Ohr. Unter der Haut sitzt die kleine, feste Wölbung.

Es gab Komplikationen, hatte Elijah gesagt. Und ich hatte nicht gefragt, welche. Solange das Implantat funktionierte, hatte ich die Lücke gelassen, wo sie war.

Jetzt reißt sie auf.

Am nächsten Morgen stehe ich wieder im Empfangsraum der Klinik, in der sie mir das Implantat eingesetzt haben. Hinter dem Glas sitzt dieselbe Frau wie damals, der Rücken gerade, das helle Haar zu einem glänzenden, tiefen Dutt gedreht. Die, die uns geduldig durch die Einwilligung geklickt hatte, während Elijah neben mir mit jedem neuen Warnfenster blasser wurde.

Ich nenne ihr meinen Namen. Sie erkennt mich nicht. Oder sie tut nur so.

„Ich war Patientin hier“, sage ich. „Ich möchte meine Patientenakte einsehen.“

„Dazu muss ich Ihre Identität verifizieren.“

Ich lege die Hand auf den Scanner unter dem Glas. Ein Lichtstreifen fährt über meine Finger. Dann piept es.

„Das ist leider nicht möglich. Die Dokumentation zu Ihrem Fall ist gesperrt.“

„Hören Sie, ich weiß, dass es Komplikationen gab. Und ich weiß, dass bei dem Eingriff etwas gefunden wurde.“

Ihr Lächeln bleibt, doch ihre Mundwinkel wirken plötzlich angespannt. „Ich darf Ihnen keine Auskunft geben“, beharrt sie.

Ich schließe die Augen. Erinnere mich. An Elijahs Knie, das unter dem Tisch wippte. An seine Finger, die die ausgeleierten Ärmel seines Hoodies immer wieder über das Handgelenk zogen. Irgendwann hatte die Frau den Ton gewechselt. Nicht viel. Nur genug, dass ihre Stimme nicht mehr nach Klinik klang.

Ihr Sohn war Soldat gewesen. Cyberkrieg. Einsatzstabilisierung. Dasselbe Implantat, ältere Version.

Elijah hatte sofort aufgehört, an seinem Ärmel zu ziehen. „Und?“, hatte er gefragt.

„Er schläft wieder“, hatte sie erwidert.

„Aber... fühlt er noch etwas?“

Da hatte sie gelacht. Nur kurz, aber es hatte gereicht, um den Menschen hinter der Funktion sichtbar zu machen. „Ja. Er fühlt. Nicht alles auf einmal. Nicht immer mit derselben Wucht. Aber er ist noch er.“

Ich öffne die Augen.

„Wenn es um Ihren Sohn ginge“, flüstere ich, „würden Sie dann nicht wissen wollen, was sie gefunden haben? Ob etwas schiefgelaufen ist?“

Zum ersten Mal verrutscht ihr Lächeln. Nur um einen Millimeter, doch ich kann sehen, wie sie dahinter die Zähne zusammenbeißt.

„Sie müssen mir keine Auskunft geben. Sagen Sie mir nur, ob es am Implantat liegt.“ Ich senke meine Stimme noch ein Stück. „Blinzeln Sie einmal für Ja und zweimal für Nein.“

Die Frau sieht kurz zur Kamera über der Tür. Dann zu mir. Wieder zur Kamera. Unter ihrem Kiefer zuckt ein Muskel. Schließlich blinzelt sie.

Zweimal kurz hintereinander.

Zurück auf der Straße weiß ich nicht, wohin mit mir. Der Regen hängt als feiner Film in der Luft, legt sich auf meine Haare, meine Wimpern, den Kragen meiner Jacke.

Ich lasse mich vom Strom der Passanten mitreißen. Über unseren Köpfen surren Lieferdrohnen. Es ist ewig her, dass ich zu Fuß in der Innenstadt unterwegs war. Nach drei Kreuzungen weiß ich wieder, warum. Überall Screens. An Hochhäusern, Haltestellen, Brückenpfeilern. Werbung für Zellauffrischung, Lernimplantate und synthetische Haustiere: schneeweiße Raben, Miniaturfüchse, Schlangen mit Diamantmuster, garantiert zahm, garantiert legal. Stimmen fallen von den Fassaden, überlagern sich, schleifen einander ab, bis nur noch ein helles Rauschen bleibt.

Wenn es nicht am Implantat liegt, muss es etwas sein, das vorher schon da war. Vielleicht bin ich krank. Vielleicht haben sie beim Einsetzen des Implantats einen Tumor entdeckt. Einen Fehler in den Zellen. Etwas, das irgendwann anfängt, Erinnerungen zu fressen. Vielleicht hat Apimilo längst ein Heilmittel und erpresst Mia, weil Mia eher zahlt, als zuzugeben, dass sie etwas nicht kontrollieren kann.

Plötzlich flackert Rot am Rand meines Blickfelds auf. Erst auf einem Screen, dann auf allen. Die Werbung bricht ab. Ein Newsfeed übernimmt die Fassaden. An den unteren Rändern läuft ein Ticker: SONDERMELDUNG.

Ich bleibe mitten auf dem Gehweg stehen.

„Nach anhaltenden Protesten gegen Briggs Robotics wächst der Druck auf Konzernchefin Mia Briggs“, sagt eine Stimme überall gleichzeitig. „Auslöser ist die geplante Markteinführung einer neuen Generation humanoider Modelle, die nicht nur aussehen, sondern fühlen sollen wie Menschen. Kritiker sprechen von einem Tabubruch.“

Das ist es also. Die Plakate von der Demo tauchen vor meinem inneren Auge auf. Mias Roboter ersetzen Menschen längst. Bisher hat man nur gemerkt, wo die Naht sitzt: an der Stelle, an der jemand mehr sein müsste als nützlich. Jetzt will Mia auch diese Naht verschwinden lassen.

Als wäre Gefühl nur ein Update.

„Zu den Entwicklungen äußert sich nun erstmals Tara Briggs, Schwester der Konzernchefin. Sie hatte den Kontakt zu Mia Briggs bereits vor Jahren abgebrochen. Nach den aktuellen Vorwürfen, so heißt es, wolle sie nicht länger schweigen.“

Der Screen wechselt.

Und da ist Mom.

Nicht als Erinnerung. Nicht als Geruch von Rauch in dunklem Haar. Nicht als Stimme, die mich nachts an meinem Bett tröstet.

Mein Körper erkennt sie schneller als ich. Irgendwo tief in mir setzt ein Alarm ein, aber er wird gedämpft, bevor er laut werden kann. Wie eine Tür, die man schließt, bevor der Sturm sie aufdrücken kann.

Ein Passant rempelt mich an, doch ich kann den Blick nicht abwenden. Ihr Haar ist kürzer und von grauen Strähnen durchzogen. Um ihre Augen und ihren Mund haben sich feine Linien in die Haut gegraben. Aber ihre Stimme ist dieselbe. Rau. Warm. Einfach Mom.

„Das Gefährliche ist nicht, dass meine Schwester Maschinen menschlicher machen will“, sagt Mom auf dem Screen. „Das Gefährliche ist, dass sie an keiner Grenze stehen bleibt. Sie wird diese fühlenden Modelle nach Menschen formen, die es gegeben hat. Tote Menschen. Mit ihren Gesichtern, ihren Stimmen, ihren Nachrichten, ihren Erinnerungen, mit allem, was von ihnen gespeichert wurde. Sie wird es Rückkehr nennen und an Menschen verkaufen, die verzweifelt genug sind. Aber eine Kopie ist keine Rückkehr.“

Die Interviewerin fragt etwas, doch ihre Worte gehen in der aufheulenden Sirene eines vorbeirasenden Krankenwagens unter.

„Wer glaubt, dass das neu ist, der irrt“, sagt Mom. „Es gab schon vor Jahren einen Prototyp.“ Sie sieht kurz zur Seite. Als müsste sie sich zwingen, weiterzusprechen. Dann blickt sie wieder in die Kamera. „Nachdem meine Tochter gestorben war.“

Der Regen läuft mir kalt in den Kragen. Für einen Moment bin ich wieder unter Wasser. Dunkelheit. Dieses bleierne Gewicht um meinen Knöchel.

Auf dem Screen spricht Mom weiter, aber ich höre sie nicht mehr. Ich sehe nur ihren Mund, wie er einen Namen formt.

Den Namen des Mädchens, das ich ersetzt habe.

Wettbewerbsgeschichte: Der Eingriff - Schlussbild

⭐ Bewertungen & Rezensionen

★★★★☆
4,0
1 Bewertungen, 1 Rezensionen

💬 Kommentare

A
Anonym
15.07.2026 10:52
Meisterhafte Science-Fiction mit Gänsehaut-Garantie

Eine Rezension zu „Clara“
​Manchal stößt man auf Kurzgeschichten, die sich anfühlen wie ein perfekt geschlifener Diamant kompakt, scharfkantig und aus jedem Blickwinkel faszinierend. Diese Geschichte ist ein solches Juwel. Was als atmosphärischer Cyberpunk-Thriller beginnt, entpuppt sich als eine tief schmerzhafte, philosophische Parabel über Identität, Trauer und das, was uns letztlich menschlich macht.
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