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Geschichte Nr. 53

Wettbewerbsgeschichte: Layoff

Layoff Das Zischen von mechanischen Armen. Knattern von Schraubern, die trotz ihres furchtbaren Zustands noch ihr Bestes geben. Tuk-tuk-tuk. Das Lieferband quälte sich über Zahnräder, die schon be...

Wettbewerbsgeschichte: Layoff
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Wettbewerb: Menschmaschine – VACSF26 – Vierter anonymer und chancengleicher Schreibwettbewerb auf punktasten.de

Teilnehmer-Nr.: WC2026_001_0056

Layoff

Anonym eingereicht

Layoff

Das Zischen von mechanischen Armen.

Knattern von Schraubern, die trotz ihres furchtbaren Zustands noch ihr Bestes geben.

Tuk-tuk-tuk. Das Lieferband quälte sich über Zahnräder, die schon bessere Tage gesehen hatten. Das Gummi war so spröde, dass man bei jedem Schritt fürchten musste, dass es reißen könne.

Am andere Ende der Halle ertönte das Tuten des Pausensignals. Nur obligatorisch natürlich. Niemand reagierte darauf, niemand machte eine Pause, niemand bewegte sich vom Arbeitsplatz weg.

Dev4ns Hirn hatte sich vor Stunden bereits abgeschaltet. Als er für seine Schicht eingestochen hatte, hatte er noch ein wenig über die Dinge nachgedacht, um die er sich kümmern wollte, sobald er wieder aus diesem Saftladen herauskommen würde. Solche Gedanke überdauerten aber auch keine 13-Stunden-ohne-jede-Pause-Schicht. Maximal den Anfang. Und irgendwann hat man einfach keine Sachen mehr, über die man noch nachdenken wollte.

Und ab dann wird alles sehr mechanisch. Jeder Handgriff seit Wochen – in Dev4ns Fall sogar Monate. Eigentlich ein ziemlich untypischer Meilenstein in seinem Lebenslauf – einstudiert und mittlerweile in Fleisch und Blut übergangen. Ein Umstand, von dem Dev4n wenig begeistert war. Er wollte das nicht. Wollte nicht, dass die Arbeit so einen prominenten Platz in seinem Hirn einnahm, aber vermutlich ließ sich das nicht vermeiden, wenn man so viel Zeit hier verbrachte. Irgendwann merkte der Körper sich Sachen von ganz alleine.

Die Bewegungen des Schraubers vibrierte durch Dev4ns Körper. Nur für einen Moment hörte er seine Muskeln aufschreien. Dann blendete er es aus, konzentrierte sich auf die winzigen Schrauben, sodass er sie nicht verlor. Nur eine Schraube, sollte man meinen, die zwei Gelenke zusammenhielt. Aber jede, die er fallen ließ, würde ihm vom Lohn abgezogen werden. Das System verglich das Gewicht der Box, aus der er die Schraube nahm, und wie viele Maschinen während einer Schicht an ihm vorbeigelaufen waren. Aus den Differenzen wurden Abzüge für den nächsten Gehaltscheck berechnet. Dev4n hatte gehofft, dass das Prüfsystem nicht ganz sauber lief, aber nachdem zwei seiner Gehaltschecks deutlich dünner ausgefallen waren, hatte Dev4n sich dazu gezwungen pedantisch mit sich zu sein.

In großen Schritten lief er um den Körper aus Karbon, der an einem Kleiderhaken an einem Laufband hing, setzte jede fehlende Schraube ein und drehte sie mit den Fingern fest. Dev4n war nur für eine bestimmte Schraubengröße am Band verantwortlich. Einsetzen musste er sie aber alle. Und auch wenn eine der größeren fehlte, war es seine Schuld. Deswegen befestigte er sie so weit er es konnte. Bei denen, die in seine Zuständigkeit fielen, war er noch genauer.

In solchen Fällen war er froh, dass jeder Handgriff von einem dutzend Kameras und Sensoren verfolgt wurde – eigentlich um zu verhindern, dass Pausen gemacht wurden und Leute sich miteinander unterhielten. Geselligkeit wurde nicht gerne gesehen – und er sich im Notfall darauf beziehen konnte, dass es nicht sein Fehler gewesen war. Dass die anderen ihn ans Messer liefern würden, um keinen finanziellen Verlust zu haben, verstand sich von selbst. Aber Dev4n würde es nicht anders machen. So war es eben.

Dev4ns Blick wanderte für eine Sekunde nach oben, streifte das Gesicht, das ihn leblos anstarrte. Es war so seltsam menschlich. Und irgendwie gleichzeitig auch nicht. Es gab eine Zeit, in der man sich darauf geeinigt hatte, dass man Roboter nicht zu menschlich machen wolle, weil sie damit zu gruselig wirkten. Das war vor über siebzig Jahren gewesen. Mittlerweile hatte man das über den Haufen geworfen und die neuesten Modelle waren menschlicher denn je. Zumindest im Aussehen. Vielleicht auch im Verhalten. Dev4n wusste das nicht, er konnte sich keinen Roboter leisten. Keinen „menschlichen“ Partner, keinen Arbeiter, kein Haustier und nicht einmal einen funktionierenden Haus11. Roboter waren für die da, deren Leben ohnehin leicht war und noch leichter werden sollte.

Für einen Moment wollte Dev4n sich in Zynismus verlieren, wurde jedoch von einem markerschütternden Hupen erschreckt. Das aufgeregt schlagende Herz von dem Schrecken blieb jedoch nicht lange. Denn es bedeutete, dass er aus diesem Höllenloch von Betonwürfel ohne Fenster und Tageslicht fliehen konnte.

Den Gedanken schienen alle anderen zu haben, deren überlange Schicht beendet war und die ohne einen Moment der Produktionsunterbrechung abgelöst wurden, denn wie auch Dev4n schoben sie sich auf die viel zu enge Tür zu, und eilten nach draußen.

Es war dunkel, als Dev4n vor die Tür trat. Es war auch dunkel gewesen, als er zu seiner Schicht angetreten war. Jetzt war die Sonne zwar noch am Himmel, aber sie stand bereits so tief, dass sie hinter den nahen Wolkenkratzern und Megawohnblocks verschwunden war, sodass die Gebäude tiefe Schatten warfen. Dev4n legte den Kopf in den Nacken und sah zum Himmel hinauf. Er konnte noch einen Funken Blau erkennen. Das Wetter war eigentlich ziemlich beschissen. Es war mehr ein schmutziges Grau statt Blau. So wie die angepissten, angesifften Wände an den Stationen der Transportbahn.

Dev4n ließ sich vom Strom für ihn namenloser Kollegen zur Transportbahn mitreißen, und in den vollgestopften Wagen schieben. Es war stickig. Und stinkig.

Dev4n atmete so flach wie möglich. Er schloss die Augen, blendete das Rattern der Bahn über die alten Gleise aus. Hinter seinen Lidern flackerten ein paar Lichter. Der Unterhaltungschip in seinem Kopf tat sein Bestes, um zu funktionieren und ihm dabei keinen elektrischen Schlag zu versetzen. Wenigstens letzteres funktionierte, jedoch war die Unterhaltungsübertragung nur am flackern und unscharf. In Ermangelung der Alternativen – andere Leute anzustarren und die Landschaft vorbeiziehen zu sehen war so langweilig, dass es keine Option war – tat Dev4n es sich jedoch an.

Erst als er an der vorletzten Station nach draußen strauchelte, wagte er einen tiefen Atemzug zu nehmen. Die Luft war nicht frisch, Staub und der Geruch der Müll- und Plastikverbrennungsanlage am anderen Ende der Stadt hingen schwer wie immer um diese Uhrzeit in der Luft, aber es war besser als zuvor. Ein Gang durch die schmalen, verzweigten Gassen, von denen Apartment nach Apartment abzweigte, und endlich konnte Dev4n die Tür hinter sich zuwerfen. Das Surren von ausgedienten Haushaltsgeräten begrüßte ihn, vermischt zu einer Symphonie mit arbeitenden schweren Maschinen auf der anderen Seite des Plastikfensters. Das Schloss der Tür klickte nach der vorgeschriebenen Minute, damit man eingeklemmte Körperteile noch entfernen konnte, ehe das Ultra-Schloss™ – „Schutz vor jedem Überfall und das Ende ungeliebter Gäste“, so zumindest versprach es der Slogan – zuschnappen konnte.

Dev4n klatschte seine flache Hand auf das eingelassene Bedienfeld in der Wand und ein leichter Lichtschein erfüllte den kleinen Raum. Er war gerade groß genug für eine Matratze. Stuhl und Tisch waren aus der Wand ausklappbar und so unpraktisch, dass Dev4n beides nie nutzte. Der winzige Kühlschrank war unter der Spüle im Bad, in dem die Toilette so nah an der Dusche stand, sodass man sie als eins zählen müsste.

Mit einem müden Seufzen ließ Dev4n sich auf die Matratze fallen. Sie roch alt und muffig. Aber trotzdem irgendwie nach Zuhause und das war alles, worauf Dev4n hoffen konnte. Auch wenn Zuhause ein abgeranztes Loch war.

Einen Moment lang atmete er nur den Matratzengeruch ein, bevor er ungelenk seine Schuhe von den Füßen kickte und sich auf die Seite drehte. Wenige Zentimeter über ihm war war das Fenster. Aus diesem Blickwinkel konnte Dev4n einen breiteren Ausschnitt des Himmels sehen. Es war mittlerweile dunkel geworden. Sterne gab es nicht, aber Dev4n redete sich gerne ein, dass die Lichter der Transportflugzeuge und Lieferdrohnen den Sternen ähnlich waren. Er mochte es dem zuzusehen und sich vorstellen, wie es gewesen war, als es noch klare Nachthimmel gegeben hatte. Hatte er nie erlebt.

Er rollte sich auf die Seite, starrte die Wand an, ehe der Unterhaltungschip sich wieder bemühte seinem Namen gerecht zu werden und zu funktionieren. Zum geistigen Abschalten reichte es aus, was geliefert wurde. Dev4n hatte da keinerlei Ansprüche mehr.

Umso mehr riss ihn das aufploppende Benachrichtigungssymbol in seinem Sichtfeld aus der faulen Gedankenlosigkeit.

Spam konnte es nicht sein. Nichts wurde mehr als Spam deklariert. Werbung für die nächste Schönheitsoperation, das neueste, dubiose Medikament und die Nachricht zum Tod eines Familienangehörigen waren mittlerweile alle als gleichwertig in ihrer Bedeutung anzusehen. Dev4n zog sich sofort der Magen zusammen. Die einzigen Nachrichten, die er bekam, waren meistens Rechnungen. Und die könnte er aktuell auf gar keinen Fall begleichen. Es war so verführerisch das Problem zu ignorieren. Es zu einem Problem für Zukunfts-Dev4n zu machen. In einem Anflug von Verantwortungsbewusstsein öffnete er die Nachricht dann doch – wenn auch erst drei Stunden später, weil er deswegen nicht schlafen konnte:

‚Sehr geehrte Arbeiter*innen,

leider müssen Wir Sie informieren, dass Ihre Tätigkeit zum sofortigen Zeitpunkt terminiert wird. Aus wirtschaftlichen Gründen ist diese Entscheidung gefallen, welche wir nach Wirtschaftsgesetz VI Absatz 23 nicht ausführlicher begründen müssen.

Wir bitten davon abzusehen Uns in irgendeiner Form zu kontaktieren.‘

Dev4n starrte die Mail an, beziehungsweise starrte durch sie hindurch, während sein Hirn damit kämpfte die Worte zu verarbeiten. Mit einem Mal wünschte er sich eine fällige Rechnung stattdessen her.

Fuck. Er war gefeuert. Ersetzt. Und auch wenn es keine Erklärung gab, oder geben musste, konnte Dev4n sich denken, was dahinter stand. Wirtschaftsgesetz VI Absatz 23 war noch relativ jung, aber bereits an so vielen Stellen zum Einsatz gekommen, dass eigentlich jeder wusste, was es beinhaltete: selbst die simpelsten Arbeiten waren zu teuer geworden, um sie mit einem vollständigen Menschen zu besetzen. Mindestlohn war zwar ein Begriff der Vergangenheit, aber dennoch war der Stundensatz vielen Unternehmen zu hoch.

Viel zu hoch. Lächerlich. Es war gerade genug, um sich etwas Winziges in der Stadt zu leisten. Genug, um dort zu schlafen und vielleicht noch zu essen. Mehr brauchte man natürlich nicht, wenn man dauernd arbeitete, um sich besagtes Essen zu leisten. Dass es dennoch nicht genug Arbeit sei, hatte er schon häufig gehört. Oder dass die Wohnung … das Zimmer… der Schuhkasten zu groß sei.

Dev4n atmete schwer aus und ließ den Blick schweifen. Vielleicht könnte er umziehen? In etwas noch kleineres? Wenn er die Matratze verkleinerte, würde das auch genügen; vielleicht etwas mit einem geteilten Bad und nicht dem „Luxus“ einer eigenen winzigen Waschzelleneinheit nur für sich. Oder er könnte es in den Gruppenunterkünften versuchen, wo ihm nicht mehr als ein Bett in einem Hochbett gehörte. Nicht gehörte, auch das war nur geliehen.

Ob er es schaffen würde einen neuen Job an Land zu ziehen? Schlecht bezahlte offene Stellen gab es reichlich und die Bewerbungshürden waren meistens so niedrig, dass eine E-Mail schon zu viel war. Aber eigentlich hatte er schon einen der „besser“ bezahlten Jobs gehabt. In den letzten Monaten hatte sich der Markt da sicher nicht gebessert. Ganz sicher nicht. Es war bestimmt nur noch schlimmer geworden. Und mit weniger Verdienst konnte er sich nicht nur die Wohnung nicht leisten, das Essen würde auch knapp werden. Dabei stopfte er schon nur Abfall in sich hinein.

Dev4n rollte sich zusammen und versteckte sein Gesicht hinter seinen Armen, versteckte sich vor seiner beschissenen Situation. Was denn jetzt?! Kriminalität war immer eine Option … nein, er war nicht hart genug. Weder um Waffen zu führen, noch um im Knast zu überleben, sollte er früher oder später dort landen. Und Familie anzupumpen auch nicht. Noch war Dev4n nicht so verzweifelt sich so sehr zu erniedrigen und um Hilfe bettelnd über alles aus der Vergangenheit hinwegzusehen.

Lange lag Dev4n so da und malte sich die Szenarien aus, die ihn kurzfristig vielleicht retten könnten, aber nicht langfristig genug, um das Unglück einzugehen. In zwei Wochen wäre er doch wieder an derselben Stelle wie jetzt. Mit einem schweren Seufzen starrte er seine Hände an. Da war noch immer die eine Möglichkeit … und bisher hatte er sich immer gegen sie gesträubt. Aber jetzt…

Dev4n seufzte schwer und kniff die Augen zusammen. Eine stille Aufgabe.

‚Guten Tag,

bezüglich der Terminierung möchte ich nachfragen, ob eine Aufhebung möglich ist, wenn ich mich für eine Anpassung melde?

Mit freundlichen Grüßen,

Dev4n Tidadis’

Anpassung. So eine dämliche Bezeichnung. Sie drehte Dev4n den Magen um.

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten:

‚Möchten Sie die Chancen einer weiteren Anstellung prüfen?‘

Dev4n seufzte. Shit, er war bei einem Bot gelandet. Man merkte es daran, wie sie schrieben. Er bejahte die Frage und prügelte sich durch weitere Nachfragen, die bei einem menschlichen Ansprechpartner nicht vorgekommen wären. Aber die waren teuer und vermutlich auch nicht für solche trivialen Probleme wie seine abgestellt.

‚Um welche Anpassung soll es sich handeln?‘

Dev4n schluckte schwer bei der Frage. Er sah an sich hinunter. Noch hatte er da die Qual der Wahl. Und es wäre ihm so viel lieber gewesen, wäre das auch weiter so geblieben. ‚Hand. Links.‘, antworte er. Er war Rechtshänder. Das erschien ihm erst einmal als geringste Umstellung.

‚Die Anpassung sorgt für einem veränderten körperlichen Status von 2%. Der Termin der Anpassung kann auf den kommenden Montag festgelegt werden. Die Kosten werden vom Unternehmen übernommen. Möchten Sie zustimmen?‘

‚Ja.‘ Es war ihm so elend zumute. Er wollte sich am liebsten übergeben. Fest ballte er seine linke Hand zur Faust. Solange er sein eigenes Fleisch noch spüren konnte, sollte er das ausnutzen. Auch wenn es nur Schmerzen durch seine eigenen Fingernägel waren.

‚Melden Sie sich nach ihrem Eingriff an Ihrer Einsatzstelle, um sofort in den Dienst zurückzukehren.-‘

Natürlich. Hand weg, neue dran und zurück ans Band. Natürlich lief das so. Und die konnten es sich erlauben. Sie hatten ja die Kosten für den Eingriff übernommen.

‚Achten Sie darauf, dass Sie sich nach dem Eingriff bei den Behörden melden und eine Anpassung Ihres Status anfordern. Nach dem Eingriff werden Sie nach dem 102.Register „Restmensch“ geführt werden. Eventuelle Anpassungen Ihrer Rechte sind von Ihrer Seite zu prüfen und liegen nicht in Unserem Hinweisbereich.‘

Und es wurde Dev4n noch schlechter. Dann war es das wohl. Kein Mensch mehr. Er würde das Register wechseln. Er hatte ein Körperteil verkauft, um nicht mehr als Mensch zu gelten. Er würde anders bezahlt werden – weniger. Er hatte mehr Freiheiten eingebüßt. Mit einem Schlag. Weil er keine andere Wahl hatte. Weil er diesen beschissenen Job brauchte. Dev4n traten die Tränen in die Augen, als er sie fest zusammenpresste. Er wollte das alles nicht. Hand weg, weniger Geld, Menschenrechte beschnitten. Nur um weiter Mensch-Maschinen zu bauen.

‚Wir freuen uns Sie als Teil unserer Familie zurückzubegrüßen.‘

Fuck.

Wettbewerbsgeschichte: Layoff - Schlussbild

⭐ Bewertungen & Rezensionen

★★☆☆☆
2,4
7 Bewertungen, 6 Rezensionen

Rezensionen der Community (6)

Faultier ★★☆☆☆ 18.08.2026
Eine dystopische Welt, in der die Ärmsten der Armen unter erbärmlichen Verhältnissen in dreizehn-Stunden-Schichten Fabrikarbeit leisten - ein bisschen Industrialisierungsflair, der bei mir direkt ein paar Fragen aufgeworfen hat: Warum übernehmen die Roboter nicht das Einsetzen der Schrauben? Es ist doch heute schon in vielen Bereichen so, dass mechanisierte Handgriffe von Maschinen übernommen werden. Was verbessert die mechanische Hand, für die sich Dev4n zögernd entscheidet, an seiner Arbeit? Stark fand ich das "102. Register Restmensch", überhaupt den Behördensprech (bei dem jedoch leider, wie an vielen Stellen des Textes Kommafehler waren, sodass es dann weniger überzeugend wirkte) und die aufploppenden Nachrichten "Werbung für die nächste Schönheitsoperation, das neueste, dubiose Medikament und die Nachricht zum Tod eines Familienangehörigen waren mittlerweile alle als gleichwertig in ihrer Bedeutung anzusehen". Gute Zutaten, aber leider nicht ganz vollständig. Warum ist Dev4n, wo er ist? Wie ist er als Mensch in diese Situation gekommen, was ist sein Hintergrund? Das hätte sicherlich einiges an Spannung und Dynamik in die Geschichte gebracht. Warum ist ausgerechnet jetzt der Zeitpunkt gekommen, an dem er sich für die Angleichung entscheidet? Handwerklich gibt es noch einiges, das man überarbeiten könnte. Zeitwechsel im Text: Vom Präteritum wechselt er zwischendurch ins Präsens: "Und irgendwann hat man einfach keine Sachen mehr, über die man noch nachdenken wollte. Und ab dann wird alles sehr mechanisch." Formulierungen mit Wortwiederholungen oder eher ungelenken Sätzen, wie: "Wollte nicht, dass die Arbeit so einen prominenten Platz in seinem Hirn einnahm, aber vermutlich ließ sich das nicht vermeiden, wenn man so viel Zeit hier verbrachte. " (Füllwörter wie "so", kommt hier doppelt vor) "Mit einem schweren Seufzen starrte er seine Hände an. Da war noch immer die eine Möglichkeit … und bisher hatte er sich immer gegen sie gesträubt. Aber jetzt… Dev4n seufzte schwer und kniff die Augen zusammen. Eine stille Aufgabe." (Hier ist das schwere Seufzen doppelt) "Das aufgeregt schlagende Herz von dem Schrecken blieb jedoch nicht lange." "Mit einem Mal wünschte er sich eine fällige Rechnung stattdessen her." Und zum Schluss erzählt der Autor viel, aber zeigt leider relativ wenig, obwohl sich das in diesem Umfeld sehr anbieten würde. "Es war stickig. Und stinkig." --> Wie äußert sich das? Wie nimmt der Protagonist das wahr? Im nächsten Satz klappt es dann besser: "Dev4n atmete so flach wie möglich. Er schloss die Augen, blendete das Rattern der Bahn über die alten Gleise aus. Hinter seinen Lidern flackerten ein paar Lichter". "Die Luft war nicht frisch, Staub und der Geruch der Müll- und Plastikverbrennungsanlage am anderen Ende der Stadt hingen schwer wie immer um diese Uhrzeit in der Luft, aber es war besser als zuvor. " Hier würde ich empfehlen, den ersten Teil ("die Luft war nicht frisch") zu streichen, weil genau das ja im folgenden Teil gezeigt wird und es dadurch viel stärker wirkt. Wenn der Charakter stärker zum Vorschein kommt, seine Motivation und sein Hintergrund deutlicher werden, wenn klar wird, warum Menschen überhaupt noch in den Fabriken gebraucht werden, und wenn der Text insgesamt mehr zeigt als erklärt, kann sich daraus eine spannende Story entspinnen.
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Livilla ★★☆☆☆ 17.08.2026
Dev4n lebt ein trostloses Leben. Er wird von seinem Arbeitgeber ausgebeutet, haust in einem elenden Loch und wird zu allem Elend arbeitslos. Ihm bleibt letztlich nur eine Alternative: um überhaupt existieren zu können, muss er seine Menschlichkeit aufgeben. Macht einen Menschen der Ersatz eines einzigen Körperteils, hier der linken Hand, tatsächlich zu einer Menschmaschine? Das System Mensch-Maschine hätte in dem Setting für mich einer ausführlicheren Erklärung bedurft. Vom Stilistischen her gibt es, wie andere erwähnt haben, einige Schwächen. Das Thema finde man ch auf jeden Fall interessant.
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Mammut ★★★☆☆ 09.08.2026
Der Moment, wo er die Hand "abgibt" um einen günstigeren Status zu bekommen, der ist meines Erachtens, wie meine Vorredner auch schon schreiben, nicht logisch und ausführlich genug dargestellt. Das ist ja der Kern bzw. die Pointe der Geschichte und die müsste mehr herausgearbeitet werden. An anderer Stelle plätschert die Geschichte doch sehr vor sich hin, da wäre eine Straffung wünschenswert. Sprachlich ist es verbesserungswürdig, aber grundsätzlich gefällt mir die Erzählstimme. Also tolles Thema, Umsetzung ist durchschnittlich, könnte aber relativ leicht auf eine bessere Ebene gehoben werden. Der Clou, die Hand abzugeben und dadurch den "niedrigeren Status" mit geringerem Lohn zu erhalten, ist nicht plausibel, schließlich hat er ja selbst darüber sinniert, dass er andere Möglichkeiten hat. Wenn die nicht mehr greifbar sind, dann wäre der Schritt nachvollziehbarer. So bleibt das als größtes Manko. 3 Sterne, aber mit Potenzial.
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Klangmaler ★★☆☆☆ 03.08.2026
Der Beitrag hat eine tragfähige Idee. Eine Gesellschaftsordnung, in der wirtschaftliche Optimierungen keinesfalls der Bevölkerung zugute kommen. Der Einfall, dass Menschen Körperteile gegen mechanische Glieder tauschen, um einen neuen, gefragten Status zu erlangen ist gruselig und erschreckend. Auch wenn ich keine Begründung dafür gelesen habe, die den Vorgang plausibel macht. Dass er dann als ‹Restmensch› (halbe Maschine?) gilt, den Job behält mit weniger Bezahlung, leuchtet nicht unbedingt von selbst ein. Dennoch haben wir eine klare Dystopie vorliegen. Die Figur selbst ist greifbar, seine Lebensumstände gleichfalls. Der Duktus passt zur ihr: die Schimpfworte, das Denken; interessant ist außerdem, was die Figur nicht zu denken vermag. Als solche bleibt sie jedoch auch ‹Muster›. Das System ist grausam, bürokratisch und «lässt nicht mit sich reden»; Schicksale von Menschen spielen keine Rolle, nur das Funktionieren des System selbst ist wichtig. Gut kommt das hier rüber: ‚Sehr geehrte Arbeiter*innen, leider müssen Wir Sie informieren, dass Ihre Tätigkeit zum sofortigen Zeitpunkt terminiert wird. Aus wirtschaftlichen Gründen ist diese Entscheidung gefallen, welche wir nach Wirtschaftsgesetz VI Absatz 23 nicht ausführlicher begründen müssen. Wir bitten davon abzusehen Uns in irgendeiner Form zu kontaktieren.‘ Das ist bitterböse. Leider sind zwar einige Beschreibungen atmosphärisch, aber so richtig greifbar ist nicht, wie die Welt funktioniert. Was gefällt, der Text kommt ohne Gut/Böse-Muster zurecht. Auch der Protagonist ist nicht über jeden Zweifel erhaben. Im Grunde stützen er und seine Kollegen das System, hinterfragen es nicht prinzipiell. In dieser Welt gibt es keinen Widerstand mehr, nur noch Anpassung und Konkurrenz. Auch die Bots bleiben freundlich, während sie dich vernichten. Böse ist die Schlusspointe, der ‹Willkommensgruß› in die Familie – zynischer geht es kaum. Das ist gut gemacht. Leider leidet der Beitrag unter deutlichen handwerklichen Problemen. Die eigentliche Handlung setzt sehr spät ein. Die Exposition ist zu lang und besteht aus viel Beschreibung und Bericht – ‹tell› – bzw. langen Erläuterungen – und im Verhältnis dazu etwas wenig ‹show›. Und leider wird auch das ‹show› hinterher noch mal erklärt (Bsp.: nach dem Zeigen der ärmlichen Wohnung erklärt der Autor noch die finanziellen Verhältnisse; das ist nicht nötig, weil die Bilder schon gewirkt haben). Die Spannungskurve bleibt aus dem Grund flach. Der eigentlich interessante Konflikt kommt erst im letzten Drittel mit der Entlassung Dev4ns und der Frage, ob er einen Körperteil opfert – für eine Kurzgeschichte ist das sehr spät. Das ist ein Strukturproblem. Der Konflikt wird wenig durch Handlung gezeigt. Wie schon bei der Exposition überwiegt das ‹tell›, was es etwas zu wenig gibt, sind: Szenen, Handlung, Dialog. Sobald eine Szene einsetzt, wird sie bald unterbrochen durch Beschreibung, das schadet der Dynamik. Die Lösung des Konflikts findet recht unspektakulär nur gedanklich statt. Das könnte dramatischer sein. Auch stilistisch und sprachlich sind Schwächen sichtbar. Die Ausdrucksform ist teilweise ungelenk, schlampig oder ungenau, Beispiele: - Das aufgeregt schlagende Herz von dem Schrecken blieb jedoch nicht lange. (Das ist ungelenk und ungenau, denn das aufgeregte Schlagen blieb nicht lange, das Herz wohl schon; ist auch sehr sperrig, der Satz). - Die einzigen Nachrichten, die er bekam, waren meistens Rechnungen. (Schlampig: Sind Rechnungen nun die einzigen Nachrichten, die er bekommt, oder nur die meisten? Beides geht nicht). Auch sind Grammatik- und Rechtschreibfehler nicht wenige: - Die Bewegungen des Schraubers vibrierte (vibrierten!) Von mir 2 Punkte mit Tendenz zu 1 (weil die sprachlichen Mankos nicht unerheblich sind: nur knapp 2). Der Text müsste zudem entschlackt werden, vor allem in den Erklärungen des Gezeigten und Beschriebenen, dafür mit mehr Handlung ausgestattet. Die Figur könnte mehr Profil erhalten. Die Welt mehr Plausibilität. Die Exposition kürzen, den Konflikt schneller etablieren und spannender gestalten. Freundlich KM
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Kiki ★★★☆☆ 02.08.2026
Wie Grausam. Das arme Dev4n. Ich dachte lange, er wäre schon ein Roborter, aber er ist noch ein Mensch. Ausgebeutet, ohne Hoffnung auf ein besseres Leben. Und gibt jetzt einen Teil von sich her, um wenigstens in diesem Elend annähernd weiter dahinvegetieren zu können. Sind ein paar Fehlerchen drin und die Sprache ist einfach gehalten, was aber zu der ganzen ernüchternden und deprimierenden Situation passt.
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anke_hueper ★★☆☆☆ 02.08.2026
Der Protagonist ist bereits in einer prekären Lebenssituation. Er ist abhängig von dem Unternehmen, bei dem er beschäftigt ist und sieht keine Möglichkeit, seine Situation zu verbessern. Als ihm gekündigt wird, fühlt er sich gezwungen, eine Entscheidung zu treffen, die ihn seiner menschlichen Integrität berauben und noch tiefer in die Abhängigkeit drängen wird. Mir ist der Text zu eindimensional, eine schlimme Lebenslage wird noch schlimmer. Es gibt keine Auswege. Ich sehe nur diese eine Deutungsebene. Hinzu kommt, dass der Text auf mich stellenweise stilistisch holprig wirkt.
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