Maschine und Gegenmaschine
Früher hat mich die Technik genervt. Aber nicht etwa wegen ihres Daseins. Sie trieb mich in den Wahnsinn, weil sie nie funktionierte Eine Wasserlache im Kühlschrank, eine stehengebliebene Digitaluhr - unfassbar, dass so etwas überhaupt möglich ist -, eine Netzunterbrechung mitten in der Innenstadt, ein Totalversagen des Notebooks, welches dessen Leben pünktlich zum Ablauf der Garantie terminierte. Um nur ein paar der Dinge zu nennen, mit denen ich mich täglich herumschlug. Heute ärgere ich mich über einen Bot am Telefon, der alles tut, außer mich mit einem denkenden Mitarbeiter der Firma zu verbinden, nachdem diese mir entweder eine falsche Sendungsverfolgungsnummer oder den falschen Versandanbieter mitgeteilt hat, während mein Päckchen aufgrund eines Zustellfehlers nicht ankommt. Dabei ist der Antistressknetball, den es enthält, exakt das Objekt, das mich jetzt nervlich entlasten könnte.
„Wie kann ich Ihnen weiterhelfen, Frau Otten?“ Endlosschleife, Dauerwiederholung, nun schon zum zwölften Mal.
„Ja, du mich auch!“, brülle ich außer mir.
„Wie bitte? Ich habe Sie nicht verstanden“, ertönt die blecherne Antwort.
„Dann hau endlich ab und hol mir einen Menschen ans Telefon. Verstehst du? Mensch. M-e-n-s-c-h. Homo sapiens. Existiert seit rund dreihunderttausend Jahren. Zeichnet sich durch natürliche Intelligenz aus, nicht durch künstliche.“
„Wie bitte? Ich habe Sie nicht verstanden.“
„Du blöde Maschine.“
„Sie beleidigen mich.“
„Ja, geh ruhig, hol deine Mami, die dich trainiert hat, mach, dass die mich zusammenscheißt, mach das ruhig, Hauptsache, ich kann endlich mit ihr sprechen.“
„Wie bitte? Ich habe Sie nicht verstanden.“
„Ich schmeiß dir ‘ne Bombe in die Elektronik, wenn du so weitermachst.“ Wilde Drohungen. Letztes Mittel. Auf irgendetwas muss sie doch reagieren.
„Wie bitte?“
„Ich spreng euren Laden in die Luft! Im Ernst! Macht euch drauf gefasst.“ Da kocht gerade die Wut über. Bittere Ironie, dass das mit meinem Antistressknetball wahrscheinlich nicht passiert wäre.
Kein Signal mehr. 2041! Zurück zu den Wurzeln, bitte! Im Jahr 1969 gab es eine Direktübertragung von der Mondlandung. Wie konnte dieser technische Rückschritt nur geschehen?
Wenige Minuten später verändert sich die Laufrichtung meines Lebens.
Ich vernehme ein Rumpeln an der Tür. Laut und deutlich. Ich erwarte keinen Besuch. Postzustellende würden sturmklingeln statt sturmtreten. Überhaupt würde Letzteres niemand mit seriösen Absichten tun. Wobei ich mich durchaus frage, was sich jemand von meiner Ein-Zimmer-Single-Wohnung in Neukölln erhofft. Künftigen Reichtum wohl kaum.
„Auf den Boden!“
Ich werde niedergerissen und meine Handgelenke landen zwischen unangenehm kaltem Metall. Das, was ich sehe, als ich den Kopf leicht hebe, sieht amtlich aus. Die Einbrechenden haben die perfekte Polizei-Verkleidung. Vor solchen Banden wurde in letzter Zeit eindringlich gewarnt. Inzwischen wird alles durchwühlt, Kleiderschrank, Sockenschublade, Geschirrvitrine, Backofen. Backofen? Wer wäre so dämlich, Wertgegenstände zwischen Tiefkühlpizzakrümelresten zu verstauen? Das wäre eher ein Versteck für etwas Illegales. Okay, mal angenommen, das wären echte Beamte. Schlagkräftig wie die sind, kämen sie dann wohl von einem Sondereinsatzkommando. Könnte es sein? Wenn ich mich recht erinnere, klang die Stimme des Bots am Telefon vorhin beim letzten „Wie bitte?“ nach meinem Ausraster irgendwie anders. Weniger blechern. Menschlicher. Ne, oder? Als ich ihn bedroht habe, hat der Bot tatsächlich seine „Mami“ gerufen, in Form des firmeneigenen Sicherheitsdienstes. Der hat sich im Anschluss postwendend an die Polizei gewandt. Ich habe mich provozieren lassen, bin zu weit gegangen und jetzt werde ich dafür zur Rechenschaft gezogen, weil ich mich versehentlich einem Menschen gegenüber so verhalten habe, wie ich es für die funktionsunfähige Maschine als richtig empfand. Ist das bereits die Entmenschlichung unserer Gesellschaft? Oder haben Menschen der Technik lediglich ihre eigenen, manchmal fragwürdigen Persönlichkeitsmuster gelehrt? Hinterhältige Petze. Erst ärgern, bis das Opfer überschnappt und dieses dann die Strafe kassieren lassen. Durchlaufen die Trainierenden der Künstlichen Intelligenz eigentlich im Vorfeld irgendwelche psychologischen und moralischen Tests?
„Stehen Sie jetzt endlich auf?“, fragt einer der in Schutzkleidung eingehüllten … Moment. Menschen?
Das sind nicht einmal Menschen! Das sind Blechkästen. Genauso wie der Telefonmitarbeiter, den ich beschimpfen wollte. Die Stimme klingt zwar relativ menschlich, aber da liegt so etwas leicht Falsches im Tonfall. Es klingt wie ein Dialekt, den es gar nicht gibt. Künstliche Intelligenz, welcher der technische Fortschritt inzwischen einen Auftritt in Menschengestalt erlaubt.
Ich bin als Gefahrenobjekt - eigentlich Subjekt, aber so sicher bin ich mir da nicht mehr - wohl hoch genug eingestuft, um keine Lebewesen in meine Nähe zu bringen.
Tief durchatmen. Viermal ein. Siebenmal halten. Achtmal aus. Eigentlich kann mir gar nichts passieren. Viermal ein. Ich habe nichts zu verbergen. Siebenmal halten. Sie nehmen sich meinen Computer vor. Achtmal aus. Irgendwas mache ich falsch. Mir sollte von der Anti-Panik-Atemtechnik nicht schwindlig werden.
Habe ich etwas Versteckenswertes auf meinem PC? Was irgendwelche Sprengpläne angeht, bin ich bombensicher. Die gibt es nämlich nicht. Ich habe noch nicht einmal in dieser Richtung recherchiert. Ich atme entspannt aus.
„Festnehmen“, tönt es aus einem der Geräte in Menschenform.
„Wie bitte?“, entfährt es mir.
„Sie haben das Recht zu schweigen. Alles, was Sie sagen, kann und wird vor Gericht gegen Sie verwendet werden.“ Mit diesen krimibekannten Worten klärt mich mein Aufpasser, der mir zuvor bereits die Handschellen angelegt hat, hinter meinem Rücken auf.
„Was wird mir vorgeworfen?“
„Sie sollten schweigen“, sagt ein anderer der vier maschinellen Beamten. Seine sogenannte Stimme klingt wohlwollend, fast sanft.
Erneute Wut kocht in mir hoch. „Ernsthaft? Man hat euch das Spiel „Good Cop - Bad Cop im Training beigebracht?“
Er lächelt milde.
Ich schüttele den Kopf. Viermal einatmen. Siebenmal halten. Achtmal ausatmen. Erneuter Schwindel lähmt meine Gehirnwindungen. Um mich wird es schwarz.
Als ich in der Gefängniszelle sitze, denke ich voller Beklemmungen an den Mann meines Herzens. Was wird er wohl davon halten, wenn ich mich plötzlich nicht mehr bei ihm melde? Er wird mich verfluchen. Bestimmt wird er vermuten, ich hätte mich von meinen Freundinnen manipulieren lassen. Die behaupten, er wolle mich nur ausnutzen, sich über mich ein besseres Leben erschleichen, und das nur, weil er Kenianer ist. Wenn das sein Plan wäre, hätte er mich um Geld gebeten oder von einer romantischen, baldigen Hochzeit in Deutschland geschwärmt. Doch in unserem gesamten Chatverlauf fiel bisher keine derartige Andeutung. Wir haben überhaupt noch nicht über eine gemeinsame Zukunft philosophiert. Wir sind reine Internetverliebte. Und das macht mich nun traurig. Ich will, dass er herkommt, im Besuchszimmer meine Hand hält, damit ich das hier - was auch immer es ist - besser durchstehe. Ich habe ihn auf einem Forum für soziale Gerechtigkeit kennengelernt. Internationaler Austausch ist bei diesem Thema unvermeidlich in einer wirtschaftlich total globalisierten Welt. Ironischerweise ist er Teil des Systems, das mich gerade gefangen hält. Er agiert als Ausgebeuteter auf der dunklen Seite. Sein Durchschnittslohn ist für das Land, in dem er lebt, okay. Was er dafür tun muss, ist für ihn weniger okay. Denn er sitzt Tag für Tag vor einem Computerbildschirm, um sich die grausigsten Gewalttaten und Verbrechen gegen die Menschlichkeit durchzulesen, anzuschauen und anzuhören. Anschließend erklärt er der Künstlichen Intelligenz, dass diese Dinge verwerflich sind und als Straftaten gelten - und dass sie außerdem nicht einfach öffentlich gezeigt werden dürfen. Mein geliebter Heri schützt uns vor dem, was er selbst jeden Tag erdulden muss, ohne jegliche psychologische Betreuung.
In Gedanken gehe ich unsere stundenlangen, tiefgründigen Gespräche durch. Auf einmal kapiere ich, warum ich hier bin. Ich versuche, meiner einsetzenden Schnappatmung entgegenzuwirken. Viermal ein. Siebenmal halten. Achtmal aus. Erneut wird es dunkel in meinem Kopf.
Das Vernehmungszimmer ist schlicht, grau, schallgedämpft und sieht so solide aus, dass ich befürchte, darin einen um das Gebäude herum ausbrechenden Krieg nicht wahrnehmen zu können. Ich bin absolut sicher, während die Menschen da draußen vor mir sicher sind, vor mir, der kleinen Gefahr für ihre heile Welt.
Mir gegenüber sitzt - zum ersten Mal, seit ich mit dem Gesetz in Konflikt geraten bin - ein echter Mensch. Meine Hände sind an den Tisch gefesselt, die Füße durch Ketten mit einer Schelle unter dem Stuhl verbunden. Trotzdem steht neben dem Polizisten aus Fleisch und Blut zur Sicherheit noch einer der Blechkästen, die mich aus meinem Zuhause entführt haben.
„Wissen Sie, warum Sie hier sind?“, fragt mich der namenlos gebliebene Vernehmer.
„Eigentlich beginnt man ein Gespräch mit einer kurzen Vorstellung“, entgegne ich trotzig.
„Das ist nicht notwendig. Die KI hat bereits all ihre Daten eingesehen und auf Richtigkeit überprüft. Meinen Namen brauchen Sie nicht zu wissen. Denn auch die Polizei besitzt mittlerweile ein Recht auf den Schutz ihrer persönlichen Daten. Das hat die Gewerkschaft in jahrelangem Kampf erfolgreich durchgesetzt.“
„Was ist mit meinem Persönlichkeitsrecht?“
„Es liegt eine Straftat vor. Außerdem werden Ihre Daten ja nicht an Außenstehende weitergegeben.“
„Ach ja? Dann verraten Sie mir doch endlich einmal, was ich eigentlich verbrochen haben soll.“ Ich stelle mich blöd. Und der Blechkasten weiß das, denn sein Blick durchbohrt mich förmlich.
Der Polizist beobachtet ihn dabei und nickt ihm anerkennend zu.
„Das würde ich gerne von Ihnen hören, wenn es recht ist“, fährt er fort.
„Ich möchte einen Anwalt.“
„Den kann sie sich nicht leisten“, mischt sich die Künstliche Intelligenz in Menschengestalt ein.
Ja, wenn schon Daten überprüft werden, dann richtig. Mit Bankauskunft und allem Drum und Dran. Hundertdreiundzwanzig Euro dreiundvierzig im Minus, nicht kreditwürdig. Nach Jahren als alleinerziehende Mutter hetze ich nun einem Gelegenheitsjob nach dem nächsten hinterher. Ich würde sogar darauf wetten, dass selbst meine schwarz bezahlten Überstunden in diesem Raum bereits bekannt sind.
Der Polizist grinst. Ich bin gefundenes Fressen für ihn. Momentan kann ich mich nicht entscheiden, wem ich mehr misstraue, ihm oder der Maschine neben ihm.
„In Anbetracht der Lage, in der Sie sich befinden, wird Ihnen ein Anwalt gestellt werden. Allerdings wird dieser erst bei der Gerichtsverhandlung in Erscheinung treten. Das Verhör müssen Sie bedauerlicherweise alleine überstehen.“ Schadenfreude durchläuft das Gesicht des Polizisten.
„Dann habe ich bis zur Gerichtsverhandlung nichts zu sagen.“ Ich verharre auf meinem Standpunkt.
Rechte die abgeschafft wurden, müssen erneut erkämpft werden. Klein beigeben ist nicht meine Art.
„Sie wollen also weiterhin behaupten, keine Programmierung vorgenommen zu haben, welche die öffentliche Ordnung gefährdet?“
Ich verschränke die Arme und schweige, tue, was der künstliche Good Cop mir geraten hat.
„Heri, hilf mir“, denke ich, während ich in meine Zelle zurückgeführt werde.
Ich hätte nicht auffällig werden dürfen. Eine nicht ernst gemeinte Bombendrohung an ein lebloses Objekt mit einprogrammierten Denkstrukturen zu schicken, war unfassbar dumm. Meine kurze Zündschnur hat mir vielleicht die gesamte Zukunft kaputtgemacht. Am meisten Sorge habe ich aber, dass Heri mit hineingezogen werden könnte. Ich wünschte, ich könnte ihn warnen, damit er die Spuren unseres Herzensprojektes beseitigt, bevor es uns beide ins Unglück jahrelanger Gefangenschaft stürzt.
Es war meine Idee, aber ohne ihn hätte ich sie niemals umsetzen können. Er ist das technische Genie von uns beiden - gezwungenermaßen dank seines furchtbaren Jobs. Und nur dieser wiederum hat mich überhaupt darauf gebracht. Eine Notwendigkeit aus dem Elend heraus. Doch die Umsetzung hätte erneut dazu geführt, dass Menschen leiden. Bittere Ironie. Ich bin als Pazifistin offensichtlich nicht standhaft genug, um eine für alle friedliche Lösung zu finden. Es gibt diese empfindsamen Menschen, es gibt diese Kinder, die durch unser Vorgehen traumatisiert werden könnten. Es gibt diese Menschen wie Heris Kollegin, die damit nicht klarkam. Möge sie in Frieden ruhen. Ihr Freitod beschäftigte mich Tag und Nacht. Heri und ich haben so viele Stunden damit verbracht, um sie zu trauern. Sie, die Schöne, sie, die Unschuld in Person, sie, die Liebenswerte. Seine Worte. Es gibt diese Menschen wie mich, die vermeintlich schuld sind, nur weil sie in ihrem Leben unbehelligt von den Scheußlichkeiten bleiben. Sie sollten aufwachen. Begreifen. Verändern. Alle. Es gibt diese Klassen durch Geburt, durch soziale Herkunft, durch das Wo und Wann. Die wenigsten tragen daran eine Schuld. Es gab diese Menschen, die Gesetze geschaffen haben, um uns in den Grenzen unserer Möglichkeiten zu halten. Jetzt gibt es diese vom Menschen geschaffene Technik, die uns in eben diesen Grenzen festpinnt. Der Ausbruch aus eingespeicherten Denkstrukturen wird immer schwerer, Meinungen wie Heris und meine immer unsichtbarer. Wir dürfen sie äußern, diese Freiheit ist ein hohes und heiliges Gut, doch können wir das niemals tun ohne Zurechtweisung von anderer Instanz. Wehe uns, wenn wir verwirklichen, sichtbar machen wollen, welches Leid andere durchmachen.
„Sie haben ein Programm erschaffen, dessen Ziel es ist, Gewaltdarstellungen durch einen Filter der öffentlich zugänglichen Medien und Chatprogramme zu schleußen.“
Vor lauter Denken habe ich, Mensch mit mechanisch und automatisch einprogrammierten Bewegungsabläufen, gar nicht bemerkt, dass ich bereits mitten in der Gerichtsverhandlung angekommen bin. Ich habe die Realität ausgeblendet, um Zeit für meinen Entschluss zu gewinnen. Es gibt diese Menschen wie Heri, die Rache wollen. Düstere, finstere Rache an denen, die von seinem Leiden und dem Leiden seiner Geliebten profitieren. Und es gibt diese Menschen wie mich, die das erst begreifen, wenn ihr Leben bereits ruiniert ist. Aber ich muss nicht weitermachen. Das ist keine Automatik. Ich kann stoppen, was ich anrichten wollte.
„Ja, das habe ich.“
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