Wettbewerbsgeschichte: Johanna Mnemosyne
Johanna Mnemosyne Sie hatte mich vom ersten Moment an fasziniert. Bei allen Möglichkeiten der heutigen Technologie, Prothesen lebensecht wirken zu lassen, entschied sie sich für das Gegenteil entsch...
Johanna Mnemosyne Sie hatte mich vom ersten Moment an fasziniert. Bei allen Möglichkeiten der heutigen Technologie, Prothesen lebensecht wirken zu lassen, entschied sie sich für das Gegenteil entsch...
Johanna Mnemosyne
Sie hatte mich vom ersten Moment an fasziniert. Bei allen Möglichkeiten der heutigen Technologie, Prothesen lebensecht wirken zu lassen, entschied sie sich für das Gegenteil entschieden. Keine Synth-Membran mit künstlichen Blutgefäßen und integrierter Heizung. Stattdessen kaltes, glänzendes Chrom. Offensiv, aufdringlich, aber gleichzeitig auch elegant. Geradezu Erotisch.
Es hatte drei Drinks gebraucht, bis ich den Mut aufbringen konnte, sie anzusprechen. Sie hatte am Tresen gestanden, ein Glas in der metallenen Hand, eine Zigarette in der Hand aus Fleisch und Blut, und hatte mich mit einem spöttischen Zug um die Mundwinkel herum angesehen. Aber zu meiner Überraschung hatte sie mich weder ausgelacht noch mit ihrem metallenen Arm niedergestreckt. Vielmehr hatte sie die Einladung angenommen.
Auf die erste zufällige Begegnung im Club waren weitere gefolgt. In unregelmäßigen Abständen, aber sie hatte sich immer wieder gemeldet. Treffen voller Energie, ungezügelter animalischer Lust. Aufregend, erregend und erschöpfend. Aber auch immer nur von kurzer Dauer. Jedes Mal schlief ich neben ihr ein, doch wenn ich erwachte, war das Bett leer. Wie ein Phantom hatte sie sich davongestohlen, und nur ihr Geruch in den Laken war der Beweis, dass es nicht bloß ein Traum gewesen war.
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Ihre Haut ist warm unter meinen Fingern. Sanft hebt und senkt sich ihr Rücken. Sie schläft, als müsste sie sich keinerlei Sorgen machen. Keinen Gedanken an die Dinge, die da draußen auf sie warten. Meine Hand streichelt sie federleicht. Ich taste über den Saum zwischen Fleisch und Chrom.
Ich lasse meine Finger wandern, erkunde das Metall. Was auf den ersten Blick so glatt und makellos wirkt, enthüllt Unebenheiten, mikroskopische Kratzer und kleinste Dellen. Eine unsichtbare Geschichte ihrer Erlebnisse. Ich kann die Zeichen nicht entziffern, die Sprache ist mir fremd.
Mein Blick gleitet über ihren nackten Körper. Größere und kleinere Narben zeugen davon, dass nicht nur das Metall Spuren davon getragen hat. Jede verheilte Wunde trägt eine Erinnerung in sich. An eine erfolgreich gefangene Beute, eine geglückte Mission oder einen überlebten Kampf. Doch ich bin nicht Teil davon. Jeden Versuch, darüber zu sprechen, hat sie abgeblockt.
Es ist das erste Mal, dass sie über Nacht geblieben ist. Das erste Mal, dass ich morgens nicht alleine in einem trostlosen Hotelzimmer sitze und die vergangenen Stunden Revue passieren lasse. Es hatte vorher keinen Anhaltspunkt dafür gegeben, sie hatte gewirkt wie immer. Stürmisch, geradezu ausgehungert nach körperlichem Kontakt. Hemmungslos hatten wir uns geliebt, im Verlangen des anderen gebadet.
Ich stehe auf und trete an das Fenster. Der Himmel ist wolkenverhangen und das Licht der Stadt spiegelt sich darin. Zu dunkel für Tag, aber zu hell für eine richtige Nacht. Ein ewiges Dämmerlicht in orange, blau, rosa.
Ein leises Rascheln hinter mir. Zwei Hände legen sich auf meine Schultern. Kalt, warm, schwer, leicht. Ihr Atem in meinem Nacken. Die Hände gleiten an meinen Schultern entlang von meinen Schultern und finden sich vor meiner Brust. Sie zieht mich gegen sich, presst ihren Leib gegen meinen Rücken.
Mein Puls dröhnt in den Ohren, doch wo beim letzten Mal noch ein weiterer Herzschlag war ist nichts menschliches mehr. Ein kaum vernehmbares Surren, ein Klicken von Servos - Pumpengeflüster. Mehr Einbildung als Sinneswahrnehmung. Der Epilog einer weiteren Geschichte, in der ich keine Rolle habe. Optimierungen für eine Welt, die ich nicht verstehe.
Ich drehe mich zu ihr um, trinke ihren Duft und suche ihre Lippen mit meinen. Sie hat die Augen geschlossen, erwidert meinen stummen Kuss. Sanfter, nicht so ungestüm, wie noch vor ein paar Stunden.
Unsere Lippen trennen sich, und in die Stille hinein frage ich: „warum?“
Sie schlägt die Augen auf. Gold und Chrom blickt mich an, das neueste Kapitel in der Geschichte ihres Lebens. Ich vermisse das zarte Braun ihrer natürlichen Augen.
„Warum was?“ Ihre Stimme ist zarter als am Abend zuvor.
„Warum bist Du geblieben?“
Sie macht einen Schritt zurück. Ich versuche, sie nicht festzuhalten. „Ich dachte Du würdest Dich freuen.“
„Ich bin nur überrascht. Du hattest nichts erwähnt.“
„Hätte das was geändert?“
Ich schüttle den Kopf. „Aber ich hätte dann ein Hotel mit einem besseren Frühstücksbuffet gewählt.“ Ein kläglicher Witz, aber ihr Mundwinkel zuckt leicht. Ich strecke meine Hand aus. „Ich habe einfach nicht damit gerechnet.“
Sie ergreift sie und zieht mich zu sich heran.
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Ich starre auf den kleinen Bildschirm in meiner Hand. Die Buchstaben, Bilder und Mediaglyphen scrollen von unten nach oben, doch mein Hirn registriert sie nicht. Ich kann den Anblick der Gestalt gegenüber nicht ausblenden.
Die Arme hängen leblos herunter, Kabel und Schläuche sind durch die zerfetzte Synth-Membran zu erkennen. Ihr Zustand ist nicht viel besser als der der Hülle. Lose Verbindungen, gekappte Schläuche, ausgefranste Kabelenden, wohin man sieht. Die Beine werden von einer löchrigen Hose bedeckt, die aber Verwüstungen darunter nicht verstecken kann.
Ich blicke unauffällig in ihr ausgezehrtes Gesicht. Die Augen sind halb geschlossen, aber der Blick wandert, kann sich nicht fokussieren. Auf was die Person wohl ist? Unsere schöne neue Welt hat viele chemische und digitale Möglichkeiten, um sich das Leben schöner wirken zu lassen. Keine ohne Konsequenz für Körper und Geist. Was auch immer die Gestalt genommen hat, sie scheint es schon seit einer langen Zeit zu tun, und es hat Spuren hinterlassen. Keine Chance zu erkennen, ob es ein Mann oder eine Frau ist, zu zerstört ist der Körper.
Ich versuche, mich wieder auf den Bildschirm zu konzentrieren. Versuche, die Person gegenüber aus den Gedanken zu verdrängen und auch die anderen Menschen um mich herum auszublenden. Ich könnte mich einstöpseln. Das würde dieses Problem sofort lösen. Aber nur wer lebensmüde ist, stöpselt sich in der U-Bahn ein. Zu viele Raubtiere, die diese Lebensader des urbanen Dschungels unsicher machen.
Was hat mein Gegenüber in die U-Bahn verschlagen? Ohne Hilfe war das sicher nicht möglich. Außer die Zerstörung ist nur Tarnung. Nicht jedes Raubtier ist auf den ersten Blick erkennbar.
Mein Blick fällt auf das giftgrüne Tuch, das um den rechten Arm geschlungen ist. Ein eindeutiges Zeichen der Bayside Rippers, einer der lokalen Gangs. Das kalte Neonlicht lässt die Tattoos verblassen. Die gekreuzten Rasiermesser am Hals sind trotzdem erkennbar und bestätigen meine Vermutung.
Wir erreichen den nächsten Halt, Ozarko Street. Bewegung, mehrere Personen stehen auf. Alle tragen ein giftgrünes Zeichen. Gangtattoos werden stolz zur Schau gestellt. Hungrige Blicke in Richtung der zusammengesackten Gestalt. Raubtiere, die ein Opfer erspäht haben? Aber warum sollten sie es auf ein eigenes Gangmitglied abgesehen haben?
Sie steigen aus. Drei, vier, nein sechs Gangmitglieder. Jedes ein Jäger, ohne Gnade in den Schluchten aus Beton und Stahl. Als Rudel beinahe unantastbar. Aber die Herrschaft ist nicht absolut, jedes Rudel hat sein eigenes Revier. Das der Bayside Rippers endet hier. Die Fire Devils kontrollieren den nächsten Abschnitt der U-Bahn und die Straßen darüber.
Die Türen schließen und die U-Bahn beginnt ihre Fahrt durch die neutrale Zone.
Ein einzelner Ripper, der sich in das Gebiet der Devils wagt, muss sehr mutig oder lebensmüde sein. Wenn sie oder er nicht in bester Verfassung ist, dann ist es das sichere Todesurteil.
Ich sehe zu der Person mir gegenüber und ich stehe auf. Wir alle in diesem Wagen sind Zeugen einer Exekution. Das Urteil ist gesprochen worden, die Henker haben ihre Arbeit vollbracht und das Opfer den Raubtieren zum Fraß vorgeworfen. Jetzt müssen sie nur noch warten, bis der Dschungel seine Arbeit macht.
Ein undefiniertes Murmeln. Aus Reflex wende ich mich dem Geräusch zu. Die Gestalt versucht zu sprechen, doch nur ein verschlucktes Gurgeln dringt aus ihrer Kehle. Ihre Augen ein stummes Flehen. Wir beide wissen, welches Schicksal bevorsteht.
Ich wende meinen Blick ab. Als wir die Station erreichen, verlasse ich die U-Bahn und weiche einer Gruppe johlender Devils aus. Auf dem Bahnsteig bleibe ich stehen. Meine Hände zittern. Ich schmecke Galle in meinem Mund. Als die U-Bahn die Station verlässt, sehe ich ihr nicht nach.
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Wir liegen im Bett, unsere Körper aneinandergeschmiegt. Ein chromglänzender Finger malt unsichtbare Muster auf meine Haut. Ihre Haare kitzeln in meiner Nase. Ich reite noch auf einer Welle aus Endorphinen und wünschte, dieser Moment würde nie zu Ende gehen.
Etwas reißt mich aus den Gedanken. Mit fließenden Bewegungen erhebt sie sich aus dem Bett. So schade es um den Augenblick ist, ich genieße den Anblick. Eine Fusion aus Chrom und Fleisch. Eine Jägerin von Raubtieren in dem Dschungel, in dem sie sich bewegt.
Als sie sich nach den Kleidern beugt, die verstreut im Zimmer liegen, sage ich: „musst Du schon gehen?“
Sie hält in der Bewegung inne und wirft mir einen chromgoldenen Blick zu. „Ich dachte, Du magst es nicht, wenn ich über Nacht bleibe.“
„Das habe ich nie gesagt.“
Ich kann keine Emotion in ihren Augen erkennen, als sie antwortet: „Trotzdem ist es besser, wenn ich jetzt gehe.“
Ich setze mich auf. „Warum? Es gibt doch keinen Grund.“ Meine Stimme hat einen beinahe flehenden Unterton angenommen. „Bleib doch noch ein bisschen.“
Sie schlüpft in ihre Kleider und setzt sich auf das Bett, in dem wir bis eben eine schöne Zeit hatten, und legt eine Hand auf mein Bein. Sie ist warm. Ich kann die Schwielen an ihren Fingern spüren, die bis eben zärtlich gewesen sind. „Es ist wirklich besser, wenn ich gehe.“ Trauer schwingt in ihrer Stimme mit.
Sie beugt sich vor. Ein Kuss, zärtlicher als jeder, den wir jemals davor hatten. Dann erhebt sie sich. Ich will sie festhalten, doch meine Arme versagen mir den Dienst.
In der Türe bleibt sie stehen und dreht sich noch einmal um. Ein letzter Blick, dann verschwindet sie über die Schwelle und in den dunklen Korridor.
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Wochen später sitze ich wieder in der U-Bahn und starre auf das Smartphone in meiner Hand. Ich versuche die Nachrichten zu lesen, doch es gelingt mir nicht. Der Anblick der Person gegenüber dominiert meine Gedanken.
Der freie Sitzplatz im vollen Wagen schien ein echter Glücksfall. Endlich ein wenig Platz nach dem Gedränge. Doch Glücksfälle gibt es nicht. Die Herde hat die Plätze aus einem guten Grund gemieden. Die Rippers haben Gefallen an ihrer neuen Hinrichtungsmethode gefunden, keine Woche vergeht ohne ein neues Opfer. Die Polizei scheint machtlos und andere Gangs sind auch schon auf den Zug aufgesprungen. Heute ist es wieder soweit und ich habe mich genau gegenüber dem Richtplatz eingefunden.
Ich linse hinüber. Wer ist das arme Schwein, das heute zur Schlachtbank gefahren wird?
Der linke Arm ist zerbeult und geschwärzt, Kabel stehen hervor und mehrere große Risse ziehen sich an Ober- und Unterarm entlang. Dazwischen blitzt auf Hochglanz poliertes Chrom.
Mein Herz bleibt stehen.
Das ist nicht möglich.
Das darf nicht sein.
Mein Blick wandert nach oben. Ihre Augen sehen durch mich hindurch. Leer und ohne Regung.
Mein Mund ist staubtrocken. Meine Hände umklammern mein Smartphone. Sie dürfen nicht zittern. Keiner darf merken, dass ich sie kenne. Mein Leben hängt an einem seidenen Faden. Die Raubtiere haben sich am Wasserloch versammelt und beobachten, wer sich zu weit aus der Herde herausgewagt hat. Eine falsche Bewegung und ich würde ihr Schicksal teilen.
Ich senke den Blick. Aus den Augenwinkeln sehe ich giftgrüne Zeichen zu meiner rechten und linken. Ich starre wieder auf den Bildschirm. Text und Bilder fliegen vorbei, ungelesen, unbeachtet.
Hatte sie beim letzten Treffen etwas Konkretes geahnt?
Oder war dies einfach das Berufsrisiko als Kopfgeldjägerin?
Was auch immer geschehen ist, der grausame Zufall hat unsere Wege noch einmal kreuzen lassen.
Ozarko Street. Die Türen öffnen sich, der Wagen leert sich. Die Raubtiere können ihr Revier nicht verlassen und die anderen Bewohner des Dschungels wollen nicht Zeugen des Blutbads werden.
Ich sollte aufstehen, sollte der Herde folgen. Das ist das einzige, was Sinn macht. Doch ich bleibe sitzen. Starre auf das Gerät in meiner Hand. Die Bahn setzt sich wieder in Bewegung und durchfährt die neutrale Zone.
Ich erhebe mich und mache zwei Schritte auf sie zu. Keine Reaktion. Ich will sprechen, aber ich bringe keinen Laut heraus.
Mit zitternden Fingern stecke ich mein Smartphone weg. Es bleibt nicht viel Zeit bis zum nächsten Halt. Ich nestle am Knoten des giftgrünen Bands. Der einzige, falsche Hinweis auf die Rippers.
Mein Körper schwankt mit den Bewegungen der Bahn. Ich muss mich darauf konzentrieren nicht umzufallen. Da, endlich, es löst sich und ich lasse es in meiner Tasche verschwinden.
Ich blicke in ihr Gesicht. Kein Zeichen des Wiedererkennens, kein Hinweis darauf, dass sie bemerkt hat, was ich getan habe.
Mit quietschenden Bremsen fahren wir in die nächste Station ein. Hastig verlasse ich die U-Bahn, solange mich meine weiche Knie noch tragen. Ich zittere und mir wird schlecht. Auf dem Bahnsteig drehe ich mich um. Ein letzter Blick in ihre chromgoldglänzenden Augen, bevor der Zug in der Dunkelheit des Tunnels verschwindet.
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