← Zurück
‹ VorherigeNächste ›
Geschichte Nr. 63

Wettbewerbsgeschichte: Sophies Bistro

Zwei Stockwerke über Admiral Kitanos Büro hielt der Lift und gab den Weg frei. ›Dachterrasse und Bistro.‹ Misstrauisch trat Ann durch die Tür und hielt den Atem an. Vor ihr erstreckte sich eine...

Wettbewerbsgeschichte: Sophies Bistro

Wettbewerb: Menschmaschine – VACSF26 – Vierter anonymer und chancengleicher Schreibwettbewerb auf punktasten.de

Teilnehmer-Nr.: WC2026_001_0066

Sophies Bistro

Anonym eingereicht

Zwei Stockwerke über Admiral Kitanos Büro hielt der Lift und gab den Weg frei.

›Dachterrasse und Bistro.‹

Misstrauisch trat Ann durch die Tür und hielt den Atem an. Vor ihr erstreckte sich eine naturbelassene Wiese unter strahlend blauem Himmel. Hier und da standen Gruppen von Sonnenschirmen, darunter Loungesessel und Tischchen.

Rückgriff, ist das freier Himmel?

Das System antwortete.

Das ist das erste Mal seit dem Tannhäuser Tor, dass ich wirklich im Freien bin.

Ein paar Meter abseits des Lifts befand sich ein von Pergolen umrahmter Eingang, über dem ›Sophies Bistro‹ zu lesen war. Sie ging darauf zu, blieb aber unentschlossen davor stehen, legte den Kopf in den Nacken und sog den herrlichen Himmel in sich auf. Leichter Wind zauste ihr Haar.

Unvermittelt begann Anns Sichtfeld zu vibrieren. Auch die Umgebungsgeräusche kamen nur noch summend bei ihr an, während in ihrem Sichtfeld ein starkes elektromagnetisches Störfeld aus westlicher Richtung vermeldet wurde. Sie wandte den Kopf dorthin.

Was für Kolosse die heutzutage fliegen lassen können!

Ist das echt, Rückgriff?

Das System antwortete.

Das ist der Wahnsinn!

Unter Anns Anflug von Euphorie mischte sich noch ein anderes Gefühl, aber sie konnte es nicht zuordnen. Vielleicht war es die Erinnerung an ihr Elternhaus, dessen Garten Sommers ähnlich sonnengeplagt war. Auch ihre spätere Zeit im Institut mischte sich unter die vagen Empfindungen. Der dortige Garten, innerhalb der unterirdisch gelegenen Stockwerke, kannte keine Trockenheit, war immergrün und langweilig. Im Gegensatz zu hier, hatte es dort keine Schmetterlinge gegeben.

Ann querte den schmalen Pfad, der zum Bistro führte und blickte sich um. Hier ließ es sich aushalten. Das Areal wirkte größer als es der Grundriss vermuten ließ. Sie ging langsam, spürte jedem Schritt nach, obwohl nur wenige Daten erfasst wurden, die einer natürlichem Empfindung nahe kamen. In der Ferne flirrte ein Glanzlicht, das dort nicht hingehörte.

›Terrassenrand: Zwei Meter.‹

Verdammt! Die Ferne ist ja gar nicht echt!

Ann streckte den Arm aus und ging noch zwei vorsichtige Schritte, bis sie mit den Fingerspitzen in eine statische Membran zu tauchen schien.

›Bewegungsvorgang unterbrochen.‹

Erst jetzt realisierte Ann, dass sie kaum zehn Zentimeter vor dem Abgrund stand. Nur das Geländer von Panzerglas befand sich noch vor ihr. Sie blickte nach unten und alles begann sich zu drehen.

›Standstabilisierung aktiviert.‹

Gut hundertfünfzig Meter freien Falls trennten sie vom Boden auf dem das gewaltige Gebäude ruhte.

Sie ging rückwärts, und suchte am Himmel nach dem fliegenden Kasten, doch der war längst nur noch ein kleiner Punkt unter vielen.

Ob auch ich eines Tages einen Flug zum Mars absolvieren muss?

›Standstabilisierung aufgehoben.‹

Nicht heute. Kitano hatte gesagt, Ann dürfe sich Zeit lassen und dies beanspruchte sie nun für sich.

Sie wandte ihren Blick zum Bistro. Es saßen nur wenige an den Tischen. Ein Kellner räumte im hinteren Bereich des Freiluftbistros einen Tisch ab und ließ dabei ein Glas fallen.

›Netzwerkanfrage abgewiesen.‹

So wie der Typ gekleidet ist, kostet alles auf der Karte ein Vermögen. Und wieso hat der ’ne Skibrille auf? Ich dachte, Wintersport wäre längst passé.

Gleichzeitig mit der Antwort des Rückgriffs, die ›Servicekraft Sophie‹ lautete, spürte Ann eine Berührung an ihrer Schulter und fuhr alarmiert herum. Vor ihr stand Sophie: ein Mann um die Vierzig, der eine Skibrille trug.

»Guten Tag. Sophie der Name, wir hatten noch nicht das Vergnügen. Nehmen Sie Platz, wo Sie möchten. Darf ich Ihnen etwas bringen?«

Der Rückgriff gab keinen Aufschluss darüber, welche Preisklasse hier aufgerufen wurde.

»Kann ich mir das leisten?«

»Das lässt sich schnell herausfinden«, sagte Sophie und tippte etwas in die tragbare Kasse ein, die zuvor an seinem Gürtel gehangen hatte.

Ann bestätigte die erneute Netzwerkanfrage.

»Sie sind Nocharge. Sie können sich alles leisten.«

»Das überrascht mich. Aber was soll’s, damit kann ich leben. Was bedeutet Nocharge eigentlich genau? Im Zusammenhang mit der USSF, meine ich? Könnte ich mir damit zum Beispiel einfach ein Skiff kaufen und mich der Marsflotte anschließen?«

Sophie gluckste. »Käufe solcher Kaliber muss Admiral Kitano genehmigen. Aber angesichts Ihres Lächelns unterschreibt er Ihnen bestimmt so ziemlich alles, was Sie wollen.«

Na der geht ja ran.

»Dann und wann einen Kaffee für Lau - das genügt mir voll und ganz.«

»Und, was darf es sein, Ma’am?«

»Ich glaube, ich nehme einen Latte macchiato, Sophie. Mit Hafermilch oder so?«

»Kommt sofort. Und ich kann Sie beruhigen. Wir führen keine tierischen Erzeugnisse.«

Ann wählte einen Sitzplatz, von dem sie freien Ausblick auf die flirrende Wiese hatte. Da kam auch schon Sophie herbei, als schwebte er ein paar Zentimeter über dem Boden.

»Ein Latte macchiato für Ann«, sagte er und stellte das Glas etwas zu forsch auf eine Serviette vor ihr ab. Milchschaum lief seitlich am Glas herunter und sammelte sich darauf.

»Bitte verzeihen Sie das Missgeschick, Ann. Möchten Sie auch ein Gläschen für das?«, fragte er und deutete auf die Sojasu-Flasche in ihrer Hand.

»Ähm, nein, ich hatte ohnehin schon mehr, als mir guttut. Ein Geschenk vom Admiral persönlich.«

Sophies Gesichtsausdruck verriet Ann nichts, und weil er keine Anstalten machte, etwas zu sagen, entschied sie, den Moment zu übergehen. »Danke sehr. Äh, hören Sie, ich möchte nicht unhöflich sein, Sophie, aber-«

»Mein Name irritiert Sie, stimmt’s? Ist doch immer das Gleiche.«

»Wie? Was sollte mich denn daran stören? Sophie ist ein schöner Name. Ich wollte Sie fragen, warum Sie diese Brille tragen?«

»Ach das. Das ist ein VR-Brille. Damit kann man aus verschiedensten Szenerien wählen, die auf die Glasflächen am Rand der Terrasse projiziert werden. Die gesamte Ebene ist davon gesäumt. Möchten Sie es ausprobieren?«

Noch während er sprach, drückte Sophie auf ein Rechteck in der Mitte der Tischplatte, das sich einige Zentimeter hob und als Aufbewahrungsfach entpuppte.

Diesmal ließ Ann die Netzwerkanfrage durch Sophie zu.

»Ach, Sie sind ja supermodern. Sie müssen die Maske gar nicht aufsetzen. Pingen Sie mich gerne an, sollten Sie etwas brauchen.«

Sophie wandte sich zum Gehen und hielt ruckartig inne. Seine Hand zuckte, machte mehrmals hintereinander dieselbe schmerzhaft aussehende Bewegung.

»Etwas brauchen. Brauchen. Brrraaau-au-au-cheäää.«

Ach du liebe Zeit! Sein System stürzt ab.

Ann las Sophies öffentliche Sysinfo über den Rückgriff aus. Die Verbindung stand sofort und listete seine offen abrufbaren Basisdaten auf:

›Inhaber: USSF-HQ

Sysop: F. Johansson

›Klasse: Dienstleistung

›Name: Mr Sophie Duchesne

›Typ: Non-Human

»Ach ja, Sophie, ich habe mir erlaubt, Ihre Sysinfo abzurufen. Ist es ihnen recht, wenn ich Ihre Motorik resette?«

»Ich wäääre Ihnen-en-en dankbar.«

Nachdem Ann den Reset ausgelöst hatte, richteten sich Sophies Gliedmaßen zuckend aus.

»Danke, ich gerate immer wieder in diese Schleiiiifen. Der Reset ist mir nicht zugänglich.« Er lächelte, zuckte kurz und ging wieder zum Tresen, um zu tun, was man als Kellner eines Bistros eben zu tun beauftragt war.

Ann stellte die Sojasu-Flasche auf den Tisch und ließ sich unter einem Sonnenschirm nieder. So freundlich Kitano zu ihr gewesen war, so einsam fühlte sie sich hier im Hauptquartier der USSF. Mit dem ersten Eindruck wirkte die Atmosphäre in diesem Hause paradoxerweise friedlicher und zivilisierter als im Institut. Sie musste unwillkürlich grinsen.

Mal sehen, ob das auch so bleibt.

Sie nahm einen vorsichtigen Schluck des Kaffees und sog Luft durch die halb geöffneten Lippen, um den angenehm bitteren Geschmack ein wenig zu verstärken. Es funktionierte sogar, doch das Ergebnis entsprach nur annähernd dem, was sie von früher kannte. Was ihre Rezeptoren an den externen Quantenrechner weiterleiteten und wie er die Daten interpretiere, kam nicht an menschliches Geschmacksempfinden heran.

Liv kam ihr in den Sinn, die mit Kaffee so gar nichts am Hut gehabt hatte. Sie wollte entweder stilles Wasser oder irgendwelche Tees. Tee – wie scheußlich. Rum mit Tee war einzusehen, den mochte Ann gerne, aber umgekehrt? Der arme Rum.

Es war zum aus der Haut fahren, wie schwierig es sich für Ann erwies, ihre Gedanken auf Liv zu fokussieren. Warum nur, fielen ihr kaum irgendwelche Ereignisse aus ihrer gemeinsamen Vergangenheit ein? Und, wie so oft, beschlich sie das schmerzhafte Gefühl, ihren Gegenpol, Liv – ihr Vorbild sogar – ein zweites Mal verraten zu haben. Nicht nur, weil Ann die Kleine in Unwissenheit gelassen hatte, dass sie ihrem Leben ein Ende hatte setzen wollen, nein, sie hatte es nun auch geschafft, der DMD und deren Zerstörungskraft zu entkommen. Etwas, das sich Ann ebenso für Liv ersehnt hatte. Sie hätte es verdient, zu leben, besonders deshalb, weil sie so sorgsam mit ihrem Eigenen umgegangen war, sah man von ihren gelegentlichen Extravaganzen leichtsinniger Natur mit dem E-Rolli ab. Keine Ungerechtigkeit dieser verdammten Krankheit hatte Liv je so sehr aus der Fassung gebracht, ihr Dasein abzulehnen, geschweige denn, sich ihm durch eigene Hand zu entledigen, wie es Ann vorgehabt hatte.

Sie blickte auf die windbewegte Wiese, lauschte dem Säuseln und Flirren, den sägenden der Zikaden. All die Gedanken über Liv waren so mühsam. Sich präzise zu erinnern, war Arbeit. Sie ließ ihren Blick schweifen und sah Sophie, der ein leeres Schnapsglas auf einen unbesetzten Tisch stellte.

Aus nächster Nähe rollte tiefer Donner durch die Luft und ließ das halbvolle Glas lauwarmer Latte erzittern. Irritiert sah sich Ann nach der Ursache der Erschütterung um. Im selben Moment, als der Rückgriff ihr zur Kenntnis gab, dass es sich um ein Transportschiff der Sternenkammer-Klasse handelte, und sie eine schematische Darstellung vor ihrem inneren Auge erblickte, hob sich ein leibhaftiges dieser gigantischen Transportschiffe über die Projektionswände des Dachgartens. Es war gut dreihundert Meter lang. Nur wenige seiner Containerträger waren leer.

Sternenkammer, dachte Ann und spürte, wie das Wort in ihr nachklang, tief und langgezogen, wie ein Ton, der kein Ende nahm. Der Begriff verlangte Ehrfurcht. Wovor, konnte Ann nicht mit Worten erfassen, doch eröffnete es ihr einen ganzen Kosmos aus Empfindungen, intensiver noch, als ein einziger flüchtiger Gedanke an die unendliche Weite ihrer Seele.

Der Koloss bewegte sich so gemächlich über den Dachgarten hinweg, dass selbst Mel Brooks aus den Latschen gekippt wäre. Er schwebte fast lautlos, gewann an Höhe und drehte sich mit unzähligen Lagekontrolldüsen seinem Zielvektor zu, bevor die Triebwerke losfauchten und die Sonnenschirme für einen Augenblick wie Segel maritimer Schiffe aufblähten. Ein letzter hitziger Stoß wirbelte über die Dachterrasse, dann schoss es den Sternen entgegen.

Könnte Liv dieses Ungetüm nur sehen.

Eine Träne lief über Anns Gesicht. Die Zukunft sah von hier so vielversprechend aus, so aufregend und beklemmend zugleich. Das bedeutsamste allerdings, war Liv. Ohne sie fühlte sich all dies schlicht und einfach unnütz an.

Wettbewerbsgeschichte: Sophies Bistro - Schlussbild

⭐ Bewertungen & Rezensionen

★★★☆☆
3,0
1 Bewertungen, 1 Rezensionen

💬 Kommentare

💭

Noch keine Kommentare. Sei der erste!

← Zurück
‹ VorherigeNächste ›
Punktasten Logo