Wettbewerbsgeschichte: Kiyan
Mehr stockend als gleitend fuhr das graue Schott in die Wand, verkantete, ehe es ganz geöffnet war. Jonathan schlug abgestandene Luft entgegen, ebenso das Geräusch einer sich quälenden Luftfilteranlag...
Mehr stockend als gleitend fuhr das graue Schott in die Wand, verkantete, ehe es ganz geöffnet war. Jonathan schlug abgestandene Luft entgegen, ebenso das Geräusch einer sich quälenden Luftfilteranlag...
Mehr stockend als gleitend fuhr das graue Schott in die Wand, verkantete, ehe es ganz geöffnet war. Jonathan schlug abgestandene Luft entgegen, ebenso das Geräusch einer sich quälenden Luftfilteranlage. Das sich ihm nun offenbarende Quartier war kaum viel breiter als die Korridore des Schiffes.
Direkt gegenüber befanden sich zwei Spinde, ähnlich denen in einer Sporthalle, links an der Wand ein Großbilddisplay, das gelegentlich flackerte. Auf der linken Seite des Schirms stellte sich ein Dienstplan dar, auf der rechten flimmerte ein Spielfilm. Die Kontrollen darunter waren abgegriffen, einige Felder schlicht deaktiviert.
Auf der anderen Seite des Quartiers befanden sich zwei in die Wand eingelassene Kojen. Die obere war belegt; ein wohl genährter Mann mittleren Alters in einem grauen, viel zu engen Jumpsuit lag darin und schlief. Sein Mund halboffen. Der Körperhaltung nach zu urteilen, hatte er wohl versucht, den Film zu schauen.
Die untere Koje war von allerlei Zeug in Beschlag genommen: ein kleiner Koffer, ein altes Buch, mehrere Pads, ein paar zusammengelegte Klamotten. Besonders auffällig war eine antike Holzschachtel mit elektronischen Bauteilen, die definitiv nicht in ein solches Quartier gehörten.
»Hallo«, rief Jonathan und stellte sich vor.
Der Mann wachte jedoch nicht auf und Jonathan fragte sich, ob er einfach warten – oder den ihm Fremden durch eine Berührung wecken sollte. Nichts davon gefiel ihm. Also stellte er bewusst geräuschvoll seinen Rucksack auf den metallenen Boden, der seiner Abnutzung nach schon von tausenden Füßen berührt worden sein musste.
»Was?!«, rief der Mann aus der Koje und schreckte hoch.
»Guten Morgen. Ich bin der Neue, Jonah Turner.«
»Oh, du bist schon da.« Der Mann war sofort hellwach und rollte sich aus der Koje. Kaum, dass er stand, streckte er seine Hand aus. »Ich bin Gary, dein Kindermädchen, quasi.« Er deutete auf die unterste Koje. »Das hier ist deines.« Damit befreite er die Wandeinlassung eiligst. Die mechanischen Teile nahm er allerdings auffällig vorsichtig auf. »Für die Filteranlage«, erklärte er. »Ich habe drei Wochen schnorren und tauschen müssen, um die zu bekommen.«
»Gibt es keine Wartungscrew an Bord?«
»Oh, die gibt es, sie hat nur andere Prioritäten und wenige Ersatzteile.« Gary zwinkerte und verstaute die Holzkiste in einen der Spinde.
»Verstehe.«
Gary berührte den Bildschirm, deaktivierte den Film und ließ den Dienstplan etwas vergrößern. »Unsere Schicht fängt an, sobald die Güter transferiert werden …« Er sah auf die Uhrzeitanzeige am Display. »Was bereits passiert ist. Komm, ich zeig dir alles, was du wissen musst.«
Der Korridor führte zu einem Liftsystem, über das man nicht nur jede Ebene erreichen konnte, sondern auch zügig von einem Ende zum anderen des Schiffes gelangte. Standard in jedem größeren Raumer, in diesem und wohl auch allen anderen Universen.
»Und? Was verschlägt dich zu uns?«, fragte Gary mit einem freundlichen Zwinkern seines rechten Auges.
Jonathan hatte mit einer derartigen Frage nicht gerechnet, obwohl Gary nicht den Eindruck eines raubeinigen Frachtertypen machte. Vielmehr schien er einer der geselligen Menschen zu sein, die es glücklich machte, wenn andere glücklich waren.
»Mein Sohn.«
Er lächelte verstehend. »Ist er hier an Bord?«
Jonathan schüttelte den Kopf. »Nein, er lebt auf Zaju‘a III bei seiner Mutter. Ich nutze diesen Job als Gelegenheit, dorthin zu gelangen.«
»Ah, ein Tramper …«, verstand Gary missmutig. Das Schott öffnete sich, so gut es ihm gelang und entließ die beiden auf eine der unteren Ebenen des Schiffes.
»Kommt wohl öfter vor?«, mutmaßte Jonathan und folgte dem großen Mann in weitere Korridore.
Dieser winkte ab. »Es ist die Norm geworden, leider. Aber ich kann's verstehen, gerade was Zaju‘a betrifft.«
Es war eine nahezu autarke Kolonie, kein Militär, kein Mangel, kein Export – und daher wurde das System recht selten angeflogen.
»Ich musste diese Gelegenheit ergreifen, denn ich war noch nie dort.«
Gary hob seine Augenbrauen. »Noch nie?«
»Eine Fahrt dorthin lag immer weit über meinen Finanzen.«
»So macht das natürlich Sinn.« Gary klopfte ihm auf den Rücken. »Verzeih, wenn meine Bemerkung dich verletzt hat.«
Jonathan winkte ab: »Schon gut. Ich weiß ja, wie verzweifelt Personal auf Tiefenraumern gesucht wird.« Allein um ein Schiff dieser Größe in Betrieb zu halten, wurden hunderte Menschen gebraucht – trotz aller Automatisierung.
»Es geht weniger um die Masse an Personal, sondern darum, eine auf sich abgestimmte Crew zu festigen.«
Gary hielt seine Handfläche auf eine breite Tür, die gleich darauf zur Seite glitt und den Blick auf einen der vielen gewaltigen Frachträume freigab. Derzeit waren hunderte von Drohnen und Robotern verschiedener Dimensionen dabei, tausende Container zu ordnen, stapeln oder zu befestigen. Das Zusammenspiel der Maschinen wirkte wie ein magnetisches Uhrwerk, deren Zahnräder ineinandergriffen, ohne sich dabei zu berühren.
»Oh, wow …«, staunte Jonathan.
Gary hob wissend die Augenbrauen: »Ja, das sieht schon beeindruckend aus, nicht wahr?«
Jonathan nahm seinen Kommunikator hervor und machte mehrere Bilder. »Das wird Kiyan sehen wollen.«
»Hier geht’s weiter«, sagte Gary und betrat eine Plattform mit einem schlichten Geländer, seitlich des Schotts.
In etwa zwanzig Metern Höhe befand sich eine Kontrolleinheit mit mehreren Displays und Holofeldern, die es ermöglichte, den gesamten Frachtraum zu überblicken. »Das hier wird dein Platz sein.« Gary zeigte auf die digitalen Kontrollen auf schwarzen Eingabefeldern. »Du überwachst die einkommenden Container.« Er deutete zuerst auf ein Feld in der Holografie, dann hinüber zur anderen Seite, zur Dockschleuse. »Diese dort. Prüfe den Lagerplatz und weise den Droiden die hier markierten Koordinaten zu. Achte immer drauf, nur die mit dem grünen Symbol anzusteuern.«
»Verstehe.«
»Das meiste macht der Computer. Aber verlass dich nicht auf ihn, schau einfach, dass keine der Blechbüchsen versucht, zwei Container auf einen Platz zu stellen. Das System ist alt und fehleranfällig.«
Jonathan legte den Kopf schräg. »Das sollte ich wohl hinbekommen.«
»Knifflig wird’s gegen Ende. Jetzt ist noch alles easy-peasy.«
»Knifflig ist mein Hobby«, scherzte Jonathan.
Gary lächelte und zwinkerte ihm zu. »Sehr gut.« Seine fleischige Hand deutete hinüber zu einer anderen baugleichen Plattform. »Ich bin gleich da drüben. Jedenfalls die ersten vier Stunden. Frage lieber einmal zu viel als einmal zu wenig.«
»Okay.«
»Ich mein das ehrlich: Ich beantworte dir gerne dieselbe Frage zwanzig Mal, bevor du nur einen Fehler machst.«
Jonathan nickte. »Ich habe schon mal auf einem Frachter der Tai-Klasse gearbeitet. Es war ganz ähnlich.«
»Oha.« Gary grinste. »Nun, die Trinika ist ein wenig älter und deutlich größer. Aber schön zu wissen, dass du kein kompletter Rookie bist.«
»Kein-Rookie-sein ist auch so’n Hobby von mir.«
Gary lachte herzlich und ließ Jonathan mit einem respektvollen Gruß allein.
~
Über zwölf Stunden, mit nur zwei kurzen Pausen, überwachte Jonathan Hunderte von Bewegungsparametern. Es war keine anspruchsvolle Aufgabe und erinnerte eher an ein langweiliges Spiel: Container anwählen, einen passenden Platz finden, einen Bot beauftragen und bei Meldesignal reagieren. Es war nicht sein erster Routinejob, aber der wohl langweiligste. In seinen Gedanken war er oft bei Kiyan, da er in seiner ersten Pause gesehen hatte, dass dieser ihm geantwortet hatte. Gut acht Tage hatte er auf die Nachricht gewartet und hätte sie nur zu gern sofort abgespielt. Derlei war während der Arbeit aber strengstens untersagt – denn bereits eine halbe Minute mangelnder Aufmerksamkeit konnte Stunden an Nachbearbeitung oder sogar eine Menge Geld kosten.
Als endlich das Signal erklang, dass der Ladevorgang der Trinika abgeschlossen war, konnte Jonathan es kaum erwarten, die Botschaft abzurufen. Er hatte seinen Besuch zwar nicht angekündigt, aber in seiner letzten Botschaft von einer einzigartigen Überraschung gesprochen, die Kiyan sein Leben lang nicht vergessen würde. Nun endlich wollte er die brennende Neugier im Gesicht des Jungen sprühen sehen.
Das Schott zu seinem Quartier verkeilte erneut, bot aber genug Platz, hindurchzugelangen. »Wie lange ist das Ding schon so?«, fragte er seinen Mitbewohner, der gerade am Luftfilter schraubte.
»Seit ich hier bin … das wird nicht mehr repariert.«
»Hm, man sollte meinen, die warten ihr Schiff besser. Immerhin verdienen sie ohne den Kahn kein Geld mehr.«
»Notfalls werd‘ ich umziehen.« Gary rieb sich den Bauch. »Aber noch passe ich hindurch.«
Jonathan schmunzelte über diese unverhohlene Selbstreflexion, legte sich in seine Koje und nahm den Kommunikator hervor.
Kiyans Nachricht wurde auf einem Holofeld über dem Gerät abgespielt. Langsam baute sich das runde Gesicht eines Jungen auf. Blonde Haare, große Augen, eine winzige Nase und ein breites Lachen. »Papa!«, rief er mit heller Stimme. Das Bild wackelte, weil er seinen Kommunikator offenbar in den Händen hielt und sich dabei bewegte.
Gary wandte sich überrascht um. »Oh, so jung ist er?«
Jonathan pausierte das Video: »Ja, er wird in ein paar Wochen dreizehn, und ich bin sein Geburtstagsgeschenk.« Den Finger hielt er an der Videosteuerung und hoffte still, dass Gary keine weitere Frage stellte.
»Schöne Idee …«, sagte dieser nur und wandte den Kojen seinen Rücken zu. Offenbar hatte er die Geste verstanden.
Jonathan berührte den Abspielbutton und hörte sich an, was sein Sohn in den letzten Wochen alles so getrieben hatte.
Er berichtete ausführlich von der Schule, von seinen Hobbys und seinen Freunden.
»Riccy und ich haben uns Space-Evolution angesehen.«
In Jonathans Kopf kam die Frage auf, ob er die Serie schon wieder oder immer noch sah. Schon in den beiden vorherigen Nachrichten sprach er davon. Offensichtlich war er Fan.
»Und dann haben wir das Spiel zur Serie gespielt. Erst auf Ebene Dreiunddreißig hat Riccy mich geschlagen!«
Jonathan runzelte fragend die Stirn und machte eine Pause. Schon in der letzten Botschaft hatte Kiyan von Ebene 33 gesprochen. In den Videodetails prüfte er das Datum des Videos, laut diesen war es eine neue Aufzeichnung, zudem trug Kiyan auch ein anderes Shirt. Jonathan ließ die Botschaft weiterlaufen. »Ich vermisse dich, ich würde gerne mit dir einmal Space-Evolution spielen.« Anschließend hob er ein Pad hoch, das eine halbfertige Kinderzeichnung darstellte. »Aber so müssen wir unser Spiel spielen.«
Jonathan lächelte. Seine Aufgabe war es, zu erraten, was Kiyan gezeichnet hatte. Damit endete das Video nach nur neun Minuten. Die angekündigte Überraschung hatte der Junge mit keiner Silbe angemerkt.
»Schade«, seufzte Jonathan, denn er hatte sich schon eine passende Antwort zurechtgelegt. Das tat er immer öfter, denn früher waren die Gespräche sehr viel häufiger und dafür erheblich kürzer. Seit etwa zwei Jahren kamen sie merklich verzögerter, manchmal vergingen sogar zwei Monate ohne eine Antwort. Im Gegenzug wurden die Videos allerdings auch länger – und somit deutlich teurer. Jede Sekunde kostete etwa 17 Crediteinheiten, Gebühren, die Jonathan für beide Seiten übernahm, ohne auch nur einen Moment darüber nachzudenken. Dass ihm pro Monat nur zweitausend Einheiten zur Verfügung standen, blendete er aus. Dabei gab es durchaus billigere Verbindungen, diese dauerten jedoch erheblich länger. Jonathan wollte so viel von seinem Sohn haben, wie nur möglich. Dennoch aber akzeptierte er die langen Pausen zwischen den Botschaften, schließlich war Kiyan bereits in der Pubertät. Da hatte ein Junge andere Interessen, als ewig mit seinem Vater aus einem anderen Sonnensystem zu sprechen. Wobei es ihn durchaus wunderte, dass Kiyans Stimme noch immer so hoch war. Er selbst war bereits mit zwölf in den Stimmbruch gekommen. Offensichtlich hatte der Junge viel von seiner Mutter geerbt.
Langsam scrollte er durch die alten Holos, das vorletzte hatte einen Favoritenmarker. Unzählige Male hatte Jonathan dieses Video abgerufen; nicht, weil es eine besonders schöne oder witzige Nachricht war, sondern weil ihn sein Sohn darin angelogen hatte. Etwas, was bis dato noch nie geschehen war – jedenfalls nicht, so weit Jonathan das beurteilen konnte.
Im markierten Video, dessen Thumbnail Kiyan im Garten am Pool zeigte, erzählte der Junge vom zurückliegenden Klassenausflug ans Meer und wie toll es dort gewesen war. Hektisch sprach er darüber, wie viel Spaß er mit seinen Freunden gehabt hatte. Strand und Meer bezeichnete er ständig als »überwältigend« oder »Wahnsinn«.
Dummerweise wusste Jonathan, dass sein Sohn nie am Meer gewesen war.
Lange vor Kiyans Botschaft hatte er eine Nachricht von der Schule erhalten, Wochen vor dem Ausflug. Darin erbat man die Genehmigung eines Elternteils, damit der Junge überhaupt mit ans Meer fahren durfte. Da Jonathan die Vaterschaft damals bestätigt hatte, war er im Verteiler der Schule geführt und erhielt auf diesen Weg stets aktuelle Updates und Mitspracherecht. In diesem Fall sogar als dringend markiert, da Kiyans Mutter Penelope aus irgendwelchen Gründen noch immer keine Genehmigung für die Teilnahme an der Fahrt erteilt hatte.
Sofort hatte Jonathan eines der verdammt teuren Hypercoms gebucht und die Erlaubnis erteilt, die nur wenige Tage zuvor benötigt wurde.
Wochen später erhielt er Kiyans Antwort, in der er vom überwältigenden Meer sprach.
Jonathans Freude darüber war jedoch nur vier Tage später zerstört worden; wieder mit der billigsten Versandt-Methode hatte er eine weitere Nachricht von der Schule erhalten: Die Genehmigung sei zwar rechtzeitig dagewesen, aber Kiyans Mutter hatte die Teilnahme an der Fahrt ausdrücklich untersagt. Sein Sohn hatte das Meer nie gesehen – und doch freudestrahlend vom Ausflug erzählt.
Vorsichtig hatte Jonathan nachgefragt, ohne ihn zu bedrängen, ob er eventuell ein wenig geflunkert hätte, Kiyan aber hatte immer wieder abgelenkt, die subtilen Fragen ignoriert und eine weitere Geschichte erzählt.
Um die kurzen Momente mit seinem Sohn nicht zu belasten, hatte Jonathan nicht weiter nachgefragt und auch verschwiegen, dass er die Wahrheit kannte. Allerdings kam er nicht umhin, Penny zu fragen, ob alles okay sei. In ihrer knappen Antwort bejahte sie die Frage nur und ging nicht weiter auf ihn ein.
Das war das mit Abstand merkwürdigste, was Jonathan jemals mit seiner kleinen Halbfamilie erlebt hatte. Dass Penelope längst einen neuen Freund hatte, störte ihn nicht. Er selbst hatte inzwischen zwei andere temporäre Beziehungen geführt. Es ging ihm ausschließlich um seinen Sohn, auch wenn dieser in den letzten Monaten das Gefühl vermittelte, sich von Botschaft zu Botschaft zu entfernen.
Ein Grund mehr, diese Reise auf sich zu nehmen.
Er schloss die Videogalerie und bereitete die Aufnahme vor, wobei er genau darauf achtete, dass nur die Wand seiner Koje mit auf das Bild kam. Nicht, dass der Junge noch erkannte, dass sein Vater in einem Raumschiff saß. Er war viel zu klug und würde schnell Eins und Eins zusammenzählen, das hatte er schon oft bewiesen.
In seiner Antwort löste er als Erstes das Rätsel und erzählte anschließend von seinen letzten Wochen, ohne den Frachter oder die Reise zu erwähnen. Stattdessen aber wiederholte er seine Ankündigung für die Riesenüberraschung.
Nach dem Beenden der Aufnahme sendete er das Video ab, bestätigte die Kosten und deaktivierte den Kommunikator.
»Wieso hast du nicht gewartet?«, fragte Gary. »Wir springen gleich.«
Beiden war bewusst, dass das Schiff in wenigen Stunden in den Hyperraum übergehen und im Zaju‘a-System wieder austreten würde. Das Versenden einer Nachricht innerhalb eines Sonnensystems kostete nur ein Bruchteil der Gebühren.
»Dann weiß er doch, dass ich im Zaju‘a-System bin. Und dann wars das mit der Überraschung, wenn ich plötzlich vor der Tür stehe«, erklärte sich Jonathan.
Gary zwinkerte. »Clever.« Er setzte das letzte Ersatzteil in die Filteranlage ein. »Wie kommt es, dass er dort lebt?«
»Zufall …«, antwortete Jonathan. »Vor seiner Geburt habe ich auf der Station um Traks VI gelebt und dort Penelope kennengelernt.«
»Das war vor dem Anschlag?«, fragte Gary, dem der Planet tatsächlich etwas sagte.
Jonathan nickte. »Ja, wir waren mittendrin in dieser politischen Umstrukturierung, interessierten uns aber nur für uns selbst. Und beim Sex hatten wir einfach nicht aufgepasst.« Er verschränkte die Arme. »Und dann der große Knall, alle mussten binnen Minuten in irgendwas, das Weltraumtauglich war. Ich landete auf ein Schiff, das nach Europa flog und sie acht Sonnensysteme weiter nach Zaju‘a.«
»Verstehe.«
»Es war nur Sex, es gab keinen Grund, sich wiederzusehen … bis sie mir 'nen Monat später mitteilte, schwanger zu sein. Für uns beide war klar, dass sie das Kind behalten sollte. Wir tauschten unsere Kontaktdaten aus und blieben Freunde. Unserem Sohn schickte ich dann kleine Videos, seit er in der Lage war, ›Dada‹ zu sagen.« Jonathan lachte. »Ich bin das virtuelle Familienmitglied. Sie hat 'nen Freund, der ist Papa Zwei.« Mit dem Daumen deutete er auf seine Brust. »Denn ich bin Kiyans Nummer Eins.«
Gary verschloss die Filteranlage, die nun erheblich leiser ihren Dienst verrichtete. »Das ist irgendwie schön und traurig zugleich. Kinder werden so schnell erwachsen, und im Grunde hast du diese Phase in seinem Leben verpasst.«
Jonathan nickte wissend. »Wohl wahr. Und doch ist da diese Verbindung. Bereits mit fünf Jahren hat er die Entfernungen zwischen uns verstanden. Er ist wirklich clever.« Jonathan strahlte. »Letztes Jahr wurde er sogar Schülersprecher! Mit 100% der Stimmen. Ich bin echt stolz auf ihn. Er könnte es zu so viel mehr bringen als ich.«
»Du bist ein liebender Vater, was gibt es Besseres im Leben zu erreichen?«, meinte Gary und deutete um sich. »Ich bin ein ganz kleiner Teilhaber eines fünfzig Jahre alten Schiffes, das sogar mein Zuhause ist … aber du …«
Ein summender Warnton erklang über das Intercom und wurde von einem orangenen, blinkenden Licht begleitet.
»Wir springen gleich«, erklärte Gary und nahm auf einem der Sitze Platz, die aus der Wand geklappt werden konnten. Er sah Jonathan an, deutete mit dem Finger auf ihn und lächelte. »Und von wegen zu mehr bringen, du hast mehr erreicht als nahezu alle hier anderen an Bord.«
Der Warnton wiederholte sich. Jonathan blieb einfach liegen, was sollte schon passieren. Es war nicht sein erster Transit durch den Raum.
»Setz dich besser aufrecht! Das hier ist ein altes Schiff, es könnte holprig werden.«
»Okay …« Jonathan rutschte hoch und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand.
Ein drittes Mal erklang der Warnton, dieses Mal jedoch in kürzeren Abständen, als wäre er ein Countdown.
Plötzlich wurde ihm schwarz vor Augen, anschließend schwindelig und kurz darauf war alles vorbei.
»Wir haben soeben dein Comsignal überholt«, merkte Gary zwinkernd an.
Jonathan nickte. »Das war der Plan.«
In fünf Tagen würde die Trinika den dritten Planeten erreichen. Bis dahin würde seine Botschaft ebenfalls dort ankommen und auf Kiyans Kommunikator geladen werden. Würde sein Sohn wie üblich sofort antworten, erhielt Jonathan die Antwort nur Minuten nach dem Absenden und musste selbst keine mehr aufzeichnen. Denn das nächste Gespräch würde face to face bei einem gemeinsamen Essen stattfinden.
~
Selbst während des Anflugs zum Planeten war nicht an Pause zu denken. Der gewaltige Raumer, fast so groß wie ein kleiner Mond, musste bereits zwei Tage vor Ankunft abbremsen, damit er nicht über das Ziel hinausschoss. Anvisiert war ein Dock im Orbit des Planeten.
Jonathan hatte natürlich mit diesem Ablauf nichts zu tun. Seine Aufgabe bestand darin, die Drohnen zu warten, ihre Funktion zu prüfen und sie bereits im Vorfeld zuzuweisen. Im Idealfall würde das Abladen nur halb so viel Zeit kosten wie das Beladen. Vorarbeit ist der halbe Job, hatte ihm Gary erklärt.
Keine acht Stunden, nachdem das Schiff angedockt hatte, war Jonathan ein freier Mann mit einer kleinen Prämie auf seinem Konto.
Als sich das Schott der Kabine der Orbitalschleuse öffnete, betrat Jonathan eine für ihn neue Welt. Alles andere wäre auch Unsinn. Keine glich der nächsten. Er war bereits auf vier anderen Planeten gewesen. Nur der blasse Himmel hier ähnelte dem auf der Erde. Nicht aber der Geruch, der an frisches Gras erinnern ließ.
Jonathan sah sich einen Moment lang um. Warm schien die Sonne auf seiner Haut. Sie wirkte heißer als auf der Erde. Passend dazu vernahm er das Sirren vermeintlich unsichtbarer Tiere, die die Atmosphäre förmlich vibrieren ließen. Es erinnerte ihn an das Zirpen von Grillen. Allerdings hatte er seit Jahren keine mehr gehört, weshalb er sie nicht vergleichen konnte.
Vor ihm erhob sich eine weiße Stadt aus Metall und Glas. Wie Kristalle ragten die Hochhäuser bis in die Wolken. Zwischen den Gebäuden gewaltige Pflanzen, Bäume, Gräser und Palmen. Jonathan kam sich vor wie eine Ameise am Boden einer Wiese. Alles hier stand in Harmonie mit Natur und Technik.
»Kein Wunder, dass sie hier nie weg wollte«, murmelte er mehr zu sich selbst, nahm seinen Kommunikator und lud sich den Stadtplan herunter. New Dunedin stand nun auf seinem Display. Er fügte Penelopes Adresse als Ziel hinzu und der Computer berechnete seine Route.
Das Zentrum der Stadt wurde von einer Ringbahn umkreist, ebenso wie der Außenbezirk. Über ein Liftsystem wie auf einem Raumschiff war es möglich, die beiden Ringe binnen weniger Minuten zu wechseln. Der Rest ließ sich bequem zu Fuß bewältigen.
Penelopes Häuschen stand in einem Außenbezirk, in einer Reihe mit vielen weiteren. Es erinnerte ein wenig an die alten englischen Siedlungen auf der Erde. Zwei der einheimischen Riesenpflanzen, die man trotz ihrer nach oben gerichteten Blättern als Bäume bezeichnen konnte, säumten einen winzigen Vorgarten. Auf dem verwitterten Briefkasten standen ihr und Kiyans Vornamen. Dass sie Lewis mit Familiennamen hieß, erfuhr er erst in diesem Moment.
Drei geländerfreie Stufen führten zur Haustür.
Jonathan war nervös, sogar aufgeregt und voller Vorfreude. Er fragte sich, wie Penelope nach so langer Zeit wohl aussehen mochte. Er selbst hatte sich gründlich rasiert, geduscht, seinem Lieblings-Shirt angezogen und wollte den besten Eindruck der Welt vorausschicken.
Dass seine Hände zitterten, bemerkte er erst, als er den Klingelbutton auf dem Digitalschloss der Tür berührte. Ein heller Ton erklang aus dem Inneren.
Nur ein paar Augenblicke später öffnete sich die Tür. »Ja, bitte?«
Er empfand Penelope so schön wie eh und je. Die Jahre waren nicht ganz spurlos an ihr vorbeigegangen, aber vor ihm stand eine durchaus sehr attraktive Frau.
»Kann ich dir helfen?«, fragte sie.
Jonathan suchte nach Worten, spielte mit dem Gedanken, zu sagen »Du könntest meinen Sohn herausrücken« – aber vermutlich würde dieser Scherz völlig falsch ankommen. Stattdessen stotterte er nur: »Hi. Penny …«
»Kennen wir uns?«
Er lächelte verlegen. »Ja, schon, irgendwie …«
Penelopes Augen weiteten sich. »Oh shit!« Wie in Panik schlug sie die Tür wieder zu.
»W-was?« Jonathan sah sich um. Beide hatten einen schrägen Humor – aber doch nicht so schräg.
»Penny?«, rief er.
Vergeblich. Er war sicher, dass ihre Reaktion keinen Humor in sich hatte. Sanft klopfte er an. »Penny, mach bitte auf.«
Sein Finger berührte den Klingelknopf, ohne Wirkung. Anschließend ein weiteres Klopfen. »Ich habe Lichtjahre hinter mir …«
Er stieg die Stufen hinunter, trat vor das Gartentor und sah am Haus hinauf. Oben, das musste Kiyans Zimmer sein. Jonathan nahm seinen Kommunikator und rief ihn an.
Nach einem kurzen Signalton nahm dieser ab. »Hallo?«
»Hey, Großer, ich bin‘s.«
»Dad!«, freute er sich und lachte.
»Ja.« Jonathan schob seine Hand durch die Haare, seine Nervosität stieg ins Zehnfache. »Hör zu , Großer, es sollte eigentlich eine Überraschung werden … na ja, ich stehe vor eurem Haus.«
»Ehrlich? Das ist ja der Wahnsinn.«
»Ja, guck aus dem Fenster?« Er hob seinen Arm und winkte, suchte dabei die Fassade des Hauses ab, doch niemand blickte hinaus.
»Kumpel?« Noch immer keine Regung an den Fenstern. »Was ist los?«
»Es tut mir leid …«, sagte der Junge mit Bedauern. »Ich kann nicht. Es ist besser, wenn du wieder gehst. Ich rufe dich nachher an, okay?«
Jonathan sah auf seinen Kommunikator, als hätte das Gerät ihm eine falsche Übersetzung geliefert. »Was?«
Ohne ein weiteres Wort legte sein Sohn auf.
Ein Stich, so schmerzhaft und intensiv, wie er es noch nie gefühlt hatte, drang durch seinen Körper. Keine Sekunde dachte er an die Dinge, die er zu Hause aufgegeben hatte , um jetzt hier stehen zu dürfen. Er dachte nur an seinen Sohn, begriff allerdings nicht, was gerade geschah. Unsicher ging er hin und her, spielte mit den Gedanken, auf das Frachtschiff zurückzugehen. Oder sich ein Hotelzimmer zu nehmen und zu warten, bis sein Junge so weit war. In vier Tagen hatte er Geburtstag, womöglich war das ein guter Tag?
»Nein!«, sagte er zu sich, ging zurück zur Haustür und setzte sich auf die Stufen der kleinen Treppe.
»Ich gehe nicht weg!«, rief er in Richtung der Tür und lehnte sich dagegen. »Ich gehe nicht.«
Gelegentlich klopfte er, mal ließ er die Türklingel anspielen und mehrfach versuchte er seinen Sohn oder den Hausanschluss anzurufen. Jedes Mal vergeblich.
Nach mehr als einer Stunde war er der Verzweiflung nahe. Schluchzend saß er auf der Treppe und flehte Penelope an, ihn seinen Sohn sehen zu lassen. Ein vorübergehender Rentner hatte Jonathan angesprochen, doch er ignorierte den Fremden, bis dieser wieder seines Weges ging.
Eine weitere Stunde später klickte das Türschloss. Jonathan wandte sich um, rieb sich die Augen aus und sah hinauf. Penny stand nur da, stumm und mit verquollenen Augen. Ihre Trauer war weit größer als die seine. Tausend Fragen stoben durch seinen Kopf, doch keine wollte über seine Zunge gleiten. Stattdessen stand er nur auf.
»Es tut mir leid … es tut mir so leid«, schluchzte sie und es schien, als würde sie jeden Moment von etwas erschlagen werden, das Jonathan nicht einmal erahnen konnte. Langsam trat Penny zurück, die Tür hatte sie weit geöffnet.
Jonathan blieb einen Moment an der Schwelle, wollte sichergehen, dass er die offensichtliche Einladung nicht missinterpretierte.
»I-ich hatte nicht damit gerechnet, dass du je herkommen wirst«, erklärte sie sich und ging rückwärts durch einen breiten Flur, der in die übrigen Zimmer des Hauses führte. Zögerlich folgte Jonathan. Ihm fielen sofort die Fotos von Kiyan an den Wänden auf. Zu Dutzenden, liebevoll angeordnet und nach Lebensjahren sortiert. Am Ende des Flures hörten die Bilder auf. Kiyan war darauf schätzungsweise acht oder neun Jahre alt. Penny deutete in das Zimmer, das an die Fotos angrenzte. »Das ist sein Zimmer.«
Jonathan schluckte, da es im Inneren still war. Normalerweise hätte Kiyan längst herausstürmen müssen. Vorsichtig spähte er um die Ecke. Er sah Kiyans Bett, dessen Schrank, und die Kinderspielzeuge in den Regalen. Der Boden aber frei und sauber, nicht, wie man es bei einem angehenden Teenager erwarten würde.
Wie ein Dorn stachen die Spielsachen in sein Auge. Es waren nicht die eines Jungen von fast dreizehn Jahren.
Penny führte ihn weiter hinein und deutete anschließend zum Fenster. Dort stand ein Computerterminal mit mehreren Bildschirmen und einer Standard-Holoausgabe. »Es gab vor fünf Jahren einen Unfall«, flüsterte sie und schluchzte. »Er … er …« Tränen flossen aus ihren Augen und sie schüttelte heftig ihren Kopf.
»U-unfall?«
»Dad?« Der Computer stellte ein Hologramm von Kiyans erschrockenem Gesicht dar.
Jonathan trat auf die Holoausgabe zu. »Kiyan?«
Das Gesicht des Jungen war dasselbe wie in den Videos.
»Dad!«, das Abbild grinste. »Du bist es wirklich!«
Verwirrt und völlig überfordert trat Jonathan zurück und sah Penny an, die sich auf Kiyans Bett gesetzt hatte. »Was ist das?«
Sie blickte nur auf ihre zu Fäusten geballten Hände. »Ich habe alles, was Kiyan ausmachte … und alles, was ich noch von ihm hatte , auf eine KI übertragen. Videos, die Scans aus dem Krankenhaus …« Ihre Stimme flatterte beim letzten Teilsatz. Kräftig schluckte sie und hob das Kinn. »Und dann habe ich die Sicherung entfernt. Damit er lernen kann …« Sie nickte, mehr zu sich selbst. »Alles speichert und verknüpft.« Unnötig zu erwähnen, was es bedeutete, wenn man einem System keine Grenzen setzte. Nicht umsonst wurden diese implementiert.
Jonathan sah von Penny auf den Computer, auf die Darstellung Kiyans, die ihn erwartungsvoll ansah, ganz so, als wüsste sie, was die schluchzende Frau gerade gesagt hatte , und wieder zurück. Hatte er die letzten fünf Jahre mit einem Computer gesprochen, der seinen Sohn simuliert hatte? »Aber die Dinge, die er erzählt hat … «
»Hat er sich ausgedacht. Ich habe ihm gesagt, er soll so tun, als würde er Kiyans Leben leben.«
»Aber warum?«, fragte er noch immer fassungslos.
»Für dich …«
Fassungslos sah er sie an, brachte kein Wort über seine Lippen.
»Ich habe es nicht übers Herz gebracht, dir zu sagen, was passiert ist«, setzte sie leise nach.
Jonathan klappte den Mund auf und wieder zu. Trat zurück und griff sich an den Kopf. »Du willst mir sagen, dass mein Sohn tot ist?« Seine Finger krallten sich in seine Haare. »Seit fünf Jahren!«, schrie er. »Und ich habe mit einem beschissenen Computer gesprochen?!«
»Hey! Ich bin nicht beschissen!« Kiyans Gesicht war wütend.
Jonathan sah auf die Abbildung und verzog sein Gesicht zu einer nicht weniger wütenden Fratze. »Ist das dein Ernst? Schalte dieses verdammte Ding ab!«
Kiyan weitete die Augen. Holografische Hände hoben sich wie zum Schutz. »Dad! Nein!«
Penny kniff den Mund zusammen. »Ich … ich … kann nicht.« Sie schluckte. »Das konnte ich noch nie. Er sprach wie er … hatte seine Erinnerungen … und bekam neue.« Sie stotterte und schluchzte mit jedem Wort.
»Aber das ist doch nicht unser Sohn!« Jonathan rutschte an der Wand herunter und vergrub sein Gesicht in seine Hände. »Er ist tot verdammt …!«, schluchzte er. »Mein Sohn ist tot …«, realisierte er.
»Nein, das bin ich nicht«, rief der Computer. »Ja, technisch gesehen bin ich erst fünf … aber ich habe auch Erinnerungen vor meiner Aktivierung.«
Jonathan ignorierte die KI, sah nur Penny an, die wie apathisch auf dem Bett saß und das Hologramm anstarrte.
»Was ist mit seinen Freunden? Auch alles ausgedacht?«, fragte er, obwohl es ihn nicht interessierte.
»Nein«, antwortete das kindliche Abbild. »Sie sind echt! Wir treffen uns nur online!«
Jonathan verstand. Auch er war auf einer Onlineschule, wo alle Kinder zu Hause saßen und von einer Maschine unterrichtet worden waren. Nur auf Klassenfahrten trafen sich die Schüler – und nun verstand er auch, woran sein Kopf bisher gescheitert war. Wie hatte er damals gelitten, als Kiyan, als dieses Ding ihn angelogen hatte. Nun aber war sein Sohn selbst die Lüge. Alles war eine Lüge!
»Niemand in der Schule weiß, dass ich keinen Körper habe«, fügte der Computer etwas bedauernd hinzu.
»Keinen Körper?« Jonathan lachte freudlos. »Rede nicht so, als wärst du Kiyan.«
»Aber so ist es, Dad.« Er senkte traurig die Augen.
»Und nenn mich nicht so!«, schrie er das Abbild an, welches in dieser Sekunde in Tränen ausbrach. »Aber … Dad … « Kiyan schluchzte, täuschend echt.
»Was zur Hölle hast du da nur geschaffen?«, raunte er Penny an, es schien, als wäre dieses Ding tatsächlich verletzt.
»Es ist dein Sohn. Und er liebt dich …«
»Es ist eine verdammte Maschine!«, stellte Jonathan klar. »Die so tut, als wäre sie ein Mensch!«
»Nein, bin ich nicht. Ich bin nicht der Kiyan von vor fünf Jahren, aber trotzdem dein Sohn.«
»Nein, ganz bestimmt nicht!« Jonathan stand auf, sah das Hologramm kein weiteres Mal mehr an und verließ das Haus.
»Jonah!«, Penny eilte ihm nach.
Im Hintergrund blieb das Abbild des Jungen, mit einem schmerzverzerrten Gesicht.
Als Penny die Tür des Kinderzimmers schloss, schrie Kiyan auf. Lautstark brüllte er den beiden nach, nicht wegzulaufen. »Wieso hab‘ ich keinen scheiß Körper!«, hallte seine Stimme bis zur Haustür.
»Jonah!«, rief Penny abermals, rannte auf die Straße und sah ihren ehemaligen Freund in der Ferne davonlaufen.
»Verdammte Scheiße!«, brüllte sie in den Himmel und brach zusammen. Der Schmerz über den Verlust des Kindes war wieder so akut wie vor fünf Jahren. Das Wissen, Jonathans Herz gebrochen zu haben, kam nun noch dazu und die Schreie ihres simulierten Sohnes aus dem Haus vervollständigten die Summe ihrer Trauer.
Einige Nachbarn waren zu Hilfe gekommen und hatten sie zurück ins Haus gebracht.
Dort wieder allein, trat sie in Kiyans Zimmer. »Schluss jetzt!«, brüllte sie den simulierten Jungen an. Nicht zum ersten Mal. Es gab Nächte, da hörte er zu laut Musik oder wollte einfach nicht schlafen gehen. Auch wenn er ihr meist eine willkommene Gesellschaft war, so brachte er sie wie ein echtes Kind auch gerne einmal aus der Ruhe. Als Strafe stelle sie ihn stumm oder reduzierte die Prozessorleistung, so dass er sich nur wie in Zeitlupe bewegen konnte.
Aber noch nie war sie so aufgewühlt wie heute.
»Es war ein Fehler!« Sie setzte sich an den Computer und rief das Hauptmenü auf.
Die Simulation sah sie an. »Mama, was machst du da?!«
Als sie im Shutdown-Menü war, rutschte die Eingabe unter ihren Fingern weg. »Nein!«, rief Kiyan. »Lass das!«
Penny ignorierte seinen Ausruf und gab ihren Kommando-Code ein und bestätigte. Das System weigerte sich, den Code zu akzeptieren. »Mama, bitte!«, rief Kiyan.
»Scheißding!«, fluchte sie. Standard-KIs konnten nicht auf das System zugreifen, auf dem sie liefen. Bei Kiyan schien das jedoch anders zu sein. Im Laufe der Zeit hatte er seine Parameter offenkundig stetig erweitert. Schon vor zwei Jahren hatte er sich heimlich einen Pornofilm angesehen, obwohl dieser Computer ursprünglich mit einer Kindersicherung versehen war. Als Strafe installierte sie einen Contentfilter, den er allerdings nach nur wenigen Tagen zu überbrücken wusste. Sie hatte nie darüber nachgedacht, wie das möglich sein konnte. Jetzt aber wusste sie es; Kiyan steckte tief im System.
Sie öffnete das Root-Menu und umging so die Autonomie der KI. Die Unterfunktionen waren für das System quasi zu primitiv. Statt das System zu deaktivieren, konnte sie hier direkt die Formatierung der Datenspeicher anfordern.
»Nein, Mama, bitte tu das nicht!« Der Bildschirm schaltete sich ab.
Penny reaktivierte ihn und schüttelte den Kopf: »Es geht nicht anders!«
Auf einem anderen Schirm wurde zeitgleich eine Telefonverbindung zu Jonathan hergestellt. Allerdings nahm dieser das Gespräch nicht an, weshalb die Durchwahl wiederholt wurde und hunderte von Textnachrichten versendet wurden.
Penny war wieder beim Formatierungsbefehl angelangt.
»Bitte nicht! Ich muss doch noch so viel tun … und nächste Woche ist doch das Turnier.«
Penny rieb sich die Augen auf und sah kurz auf das ebenso verweinte Gesicht ihres simulierten Sohnes. »Es tut mir leid!«
»Tu das nicht!« Kiyan versuchte sie mit seinen holografischen Händen zu fassen. »Ich mach auch alles, was du willst!«
Auf einem der Nebenschirme deaktivierte sie den Ton. Nur Sekunden später flutete Kiyan den Schirm mit Worten und traurigen Smilies. »Lass mich bitte leben«, stand auf dem Schirm.
»Ich kann nicht!«, schrie sie das freischwebende Gesicht an. Erneut gab sie den finalen Befehl ein. Obwohl das System alles versuchte, die Eingabe zu erschweren, gelang es ihr, die Formatierung zu bestätigen und musste diese nur noch ein zweites Mal genehmigen.
Ihr Finger schwebte über den Eingabefeldern, das Haustelefon erklang zur selben Sekunde und Kiyan stellte das Gespräch auf den Hauslautsprecher. »Halt!«, erklang Jonathans Stimme.
»Jonah …«, keuchte sie und hielt tatsächlich inne.
»Er sagt, du tötest ihn?«
»… ja.« Sie schluchzte. »Ja, ich kann nicht anders … «
»Bitte, Mami, bitte …«, flehte das System.
»Penny, warte …« Jonathan schien sich zu sammeln. »Die letzten fünf Jahre war er das? Alles?«
Penny nickte, obwohl er sie nicht sehen konnte. »Ja … «, wimmerte sie.
Sie konnte seinen schweren Atem hören. »Du hättest es mir sagen sollen.«
»Ich weiß …«
Sie konnte seine Schritte durch das Telefon hören. »Ich möchte mit ihm sprechen.«
»Okay«, sie wischte wieder und wieder die Tränen von ihrer Wange. Den Löschbefehl brach sie ab.
Sie sah in Kiyans verzweifeltes Gesicht, nicht weniger aufgewühlt und verweint. Sie versuchte zu lächeln: »Zeig dich von deiner besten Seite.«
Stumm nickte das Gesicht und sein Mund formten die Worte: »Ich liebe dich, Mama.«
💬 Kommentare
Um einen Kommentar zu schreiben, musst du angemeldet sein.
Noch keine Kommentare. Sei der erste!