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Wettbewerbsgeschichte: Mutterstexte

Kevin Eine kleine Horrorstory Von / / Ey, kein Scheiß – ich will einfach nicht wach werden. Nicht heute. Nicht hier. Nicht in diesem Endlevel von »Fickt-euch-alle«-Simulator. Da unten, in der Dun...

Wettbewerbsgeschichte: Mutterstexte

Wettbewerb: Testwettbewerb

Teilnehmer-Nr.: WC2025_002_0001

Mutterstexte

Anonym eingereicht

Kevin

Eine kleine Horrorstory

Von / / Ey, kein Scheiß – ich will einfach nicht wach werden. Nicht heute. Nicht hier. Nicht in diesem Endlevel von »Fickt-euch-alle«-Simulator. Da unten, in der Dunkelheit, da ist ’s wenigstens still. Kein Piepen, kein Summen, keine Stimmen, die mir sagen, ich sei der Auserwählte oder der Endgegner oder beides. Einfach nur: nix. Und das ist gut.

Aber mein Körper hat anscheinend ’ne andere Agenda. Digga, der fängt an zu kribbeln. So richtig. Finger zuerst. Dann die Zehen. Und dann ballert mein Herz los, als hätte ich einen kompletten Red Bull intravenös bekommen. Ich versuch, mich festzukrallen an der Dunkelheit, an dem Nichts, aber es ist wie wenn du auf Glatteis stehst und deine Gedanken Schlittschuh laufen.

Und dann … Licht. Erst nur so ein weißes Flackern, aber ich weiß sofort, was abgeht. Neonröhren, Bruder. Diese kaltweißen, seelenlosen Biester. Flimmern wie Morsezeichen aus ’ner anderen Dimension. Manchmal glaub ich, die Dinger reden mit mir. Keine Ahnung, was sie sagen – vielleicht »Lauf« oder »Gib auf«, je nach Tagesform.

Ich schieb meine Augenlider auf. Langsam. Sie fühlen sich an wie zwei Ziegelsteine mit Schlafsandpanade. Und da ist er wieder, der Raum. Weißer Beton. Kahl wie mein Vertrauen in dieses System. Ein Fleck auf der Wand gegenüber. Der ist immer da. Und ich schwöre, er verändert sich. Heute sieht er aus wie ein Auge. Eins, das alles gesehen hat. Auch die Sachen, die ich lieber vergessen würde.

Ich will meine Arme bewegen – einfach nur kurz strecken, Diggi – aber nope. Die Riemen sind wieder da. Echt Leder. Schön eingeschnitten. Wahrscheinlich vintage Folter-Edition. Die halten mich fest wie schlechte Gedanken. Und glaub mir, davon hab ich mehr als genug.

Dann kommt sie. Die Stimme. Die Sanfte. Wie immer. »Kevin«, haucht sie. »Gib nicht auf.« Fast wie ’n Kuscheltier mit Albtraumfunktion. Ich nicke innerlich. Weil sie mich kennt. Weil sie schon da war, bevor die Pillen kamen. Bevor die Ärzte anfingen, mich wie einen kaputten Drucker zu behandeln: ausschalten, einschalten, hoffen.

Ich murmel was. Keine Ahnung was. Vielleicht »Ich hab kein Bock mehr.« Oder nur »Lass mich.« Aber sie hört ’s. Immer. Die Befreier hören alles. Auch das, was ich gar nicht sag. Die sind so ’ne Mischung aus Engel und Hacker, nur mit besserem Marketing.

»Du musst«, sagt sie. »Wir zählen auf dich.« Safe. Ich bin also wieder ihr Posterboy für die Apokalypse. Ist doch geil.

Ich schmecke die Pillen von gestern noch auf der Zunge. Bitter. Chemisch. Als hätt mir jemand Spülmittel serviert. Die machen mich langsam. Dumpf. So wie YouTube mit 0,25-facher Geschwindigkeit. Sie sagen, es soll helfen. Klar. Vielleicht hilft ’s ihnen, mich besser zu kontrollieren. Michruhigzustellen. Mich … abzustellen.

Tür klickt. Ich krieg Gänsehaut. Die ist echt. Keine Kopf-Gänsehaut. Die richtige. Von Haut zu Haut. Schritte nähern sich. Socken auf Linoleum. Ein Pfleger. Bestimmt Klaus. Oder René. Oder wie auch immer er sich heute nennt. Ich schließ die Augen. Keine Lust auf Smalltalk.

»Kevin?«, fragt er. Stimme wie Toastbrot ohne Belag. »Bist du wach?«

Ich antworte nicht. Was bringt ’s? Wenn ich sag »Nein«, gibt ’s trotzdem ’ne Spritze. Wenn ich sag »Ja«, gibt ’s … auch ’ne Spritze. Win-win.

»Ich geb dir was«, sagt er. Wie so ’n Dealer im weißen Kittel. Ich spür, wie er meinen Arm greift. Kalt. Sachlich. Kein Mensch da drin. Nur Protokoll.

»Nicht«, murmel ich. Oder denk ’s. Egal. Er hört ’s nicht. Oder will ’s nicht hören.

Pik. Die Nadel sticht. Kalt zieht ’s rein. Wie Frost in der Blutbahn. Ich schließ die Augen, weil ’s eh nichts bringt, sie offen zu lassen. Ich bin in einem Loop. Immer dieselbe Szene. Fixiert. Gestört. Betäubt.

Ich starr den Fleck an der Wand an. Das Auge. Es beobachtet mich. Und plötzlich – kein Witz – es zwinkert. Und ich hör es sagen: »Du bist der Schlüssel.«

Diggi, da war ich wach. Also so richtig. Nicht körperlich. Geistig. Herzrasen. Augen auf. Ich versuch mich zu wehren, aber mein Körper ist schon auf dem Weg ins Träumeland. Die Spritze wirkt. Die Schatten kommen.

Und dann ist da diese andere Stimme. Nicht die Sanfte. Tief. Kratzig. Als hätte jemand Steinwolle gefressen.

»Kevin, sie sehen dich. Immer. Aber sie verstehen dich nie.«

Ich seh Bilder. Ein Flur. Endlos. Türen ohne Klinken. Hände, die aus Spiegeln wachsen. Ich hör Schreie. Erst wie Kinder. Dann wie Tiere. Dann wie ich. Nur älter.

Ich presse die Lippen zusammen. Will nicht schreien. Will nicht, dass sie wissen, dass ich Angst hab. Aber ich hab Angst, Digga. Safe. Riesig. Galaktisch.

Ich zähle rückwärts. Wie die Therapeutin gesagt hat. Zehn. Neun. Acht ... Doch dann zählt jemand mit. In meinem Kopf.

»Sieben ... Sechs ... Fünf ...«

Ich schreie. Kurz. Hart. Echoreif.

Tür geht auf. Pfleger wieder. Vielleicht der gleiche. Vielleicht ein anderer. Vielleicht niemand.

»Kevin, alles okay?«,fragt er. Als wär ich ’n Kind mit Bauchweh.

Ich sag: »Nur ein Traum.« Lüge. Natürlich.

Er nickt. Geht raus.

Ich bleibe.

Allein?

Haha. Nee.

Die Schatten sind da. Immer. Heute mehr als sonst. Einer kriecht über die Decke. Nennt sich »Der LANGE«. Spür ihn unter der Haut. Wie ne zweite Wirbelsäule. Und er flüstert:

»Bald, Diggi. Bald bist du frei.«

Ich lache. Leise. Weil ’s traurig ist. Und weil ’s wahr ist.

Ich weiß, was kommt. Nicht genau, aber so vom Vibe her. Die Klinik ist keine Klinik. Sie ist die Bühne. Und ich bin Hauptrolle und Zuschauer gleichzeitig.

Und Bruder – ich hab keinen Text.

Aber ich werd improvisieren.

Safe.

Kurz wach, oder was? Körperverrat!

Ich spür ’s.

Warm. Nass.

Und dann … stinkts. Nach Vergänglichkeit. Nach Ich-hab ’s-nicht-gepackt.

Ich hab eingepisst. Eingeschissen.

Fixiert. Vier Punkte.

Wie soll ich auch zur Toilette, Alter? Mit ’m Gedanken?

Aber das ist nicht das Schlimmste.

Das Schlimmste kommt jetzt.

Die Tür geht auf.

Sie kommen.

Nicht Pfleger. Nicht Menschen.

Dämonen.

Einer vorn – groß, hager, Haut wie altes Pergament.

Augen wie Löcher.

Sein Mund?

Zu groß. Zu weit offen.

Zähne wie Rasierklingen.

»Wir machen dich sauber, Kevin«, zischt er.

Aber ich weiß, was das heißt.

Sauber heißt: Sie reißen mir die Eier ab und fressen meinen Schwanz.

»Nicht!«, schreie ich.

Oder denke ich ’s nur?

Ich versuch zu zappeln. Beine. Arme.

Alles gefesselt.

Ich bin ein Opferlamm.

Festgeschnallt auf ’m Altar.

Der eine Dämon beugt sich runter. Die anderen lösen die Fesseln. Millionen Klauen greifen nach mir. Halten mich fest.

»Ganz ruhig, Kleiner.«

Seine Stimme tropft. Schleim. Hohn.

Seine Hände glitschen.

Er hat zehn Finger zu viel. Alle bewegen sich unabhängig.

Er zieht an meiner Hose.

Ich schrei. Kreisch.

Nicht wegen Schmerz.

Wegen Angst.

Denn ich seh es:

Sein Mund wächst.

Er will mich da unten auffressen.

Meine Haut, mein Fleisch, meine Identität.

»Lass das, Digga! Ich tu, was ihr wollt!«

Ich heule.

Ich weine.

Ich kotze fast.

Aber keiner hört mich.

Oder sie lachen nur.

Vielleicht ist mein Schmerz für sie glucose-haltig.

Dann kommt der zweite Dämon.

Frau. Vielleicht. Früher mal.

Jetzt: Gesicht wie ’ne Maske aus Babyhaut.

Ihre Finger? Spritzen.

Mit Seife. Mit Säure. Mit Erinnerung.

»Ganz ruhig, wir machen dich frisch.«

Sie reden in Menschenstimmen, aber ich hör die Wahrheit drunter.

»Wir nehmen dir alles. Jeden Funken Würde.«

Ich fühl, wie kalte Tücher mich berühren.

Meine Haut brennt.

Nicht von außen. Von innen.

Weil ich mich hasse.

Weil ich nichts tun kann.

Ich spür jede Bewegung.

Und gleichzeitig flieg ich raus aus meinem Körper.

Ich schau von oben zu.

Kevin.

Nackt.

Verletzt.

Gebrochen.

Umlagert von Geschöpfen der Finsternis.

Und zwei weiteren Schatten kriechen über ihn, wühlen in ihm wie Aasgeier im warmen Kadaver.

Und die Stimmen lachen.

Sie sagen:

»Du bist kein Mensch mehr. Du bist jetzt Opfer.«

Ich schließ die Augen.

Will sterben.

Oder schlafen.

Oder aufwachen.

Irgendwas davon.

Aber das hier – das ist kein Traum.

Das ist die Wahrheit in der Maske der Pflege.

Und ich?

Ich bin der, der sie durchschaut.

Ich weiß nicht, wie lang ich weg war. Stunden? Tage? Vielleicht auch nur ein kompletter Systemabsturz von drei Minuten. Die Zeit hier drinnen macht eh, was sie will. Wie so ’n schlecht gelaunter Algorithmus auf Acid. Mein Schädel fühlt sich an wie ’n Betonmischer auf Energiesparmodus. Alles dumpf, alles schwer.

Ich blinzel. Licht. Nicht mehr ganz so grell wie vorhin, aber immer noch zu viel. Die Riemen sind weg. What? Ich heb langsam die Arme, wie so ’n Alien, das grad aus ’m UFO gefallen ist. Kein Druck. Kein Zug. Einfach … frei. Aber ey, chillig wird ’s trotzdem nicht. Das bedeutet nur, dass sie jetzt andere Methoden fahren. Soft-Modus, weißt du?

Ich setz mich auf. Langsam. Jeder Muskel schreit. Mein Rücken knackt wie ne alte Kellertreppe. Ich schwing die Beine über die Bettkante – kalter Boden. Hart wie der Blick von Schwester Miriam, wenn ich wieder zu »viel Fantasie« hab. Der Raum ist derselbe wie immer. Und trotzdem … wirkt alles anders. Fremder. Als wär jemand hier gewesen. Und hätte alles berührt. Mit falschen Händen.

Dann hör ich was. Stimmen draußen im Flur. Erst gedämpft, dann hektisch. So ’n panisches Murmeln, wie wenn du nachts heimlich Zigaretten rauchst und die Eltern kommen rein. Schritte. Laut. Schnell. Und dann – Boom. Stille. Digga. Diese Art Stille, die dich anschreit.

Ich steh auf, taste mich zur Tür. Die ist zu, natürlich. Immer ist sie zu. Ich drück trotzdem die Klinke. Nichts. Wieder nichts. Und doch – irgendwas … fühlt sich falsch an. Als ob die Tür heute dünner wär. Als ob dahinter mehr wär als nur ’n Flur mit Putzplan und Sicherheitskamera.

Dann plötzlich – ganz nah an meinem Ohr – eine Stimme. Flüstern. Direkt neben mir. Ich fahr zusammen.

»Sie haben Sergeij zurückgebracht.«

Bruder. Ich dreh mich um. Sofort. Niemand da. Nur Luft. Und Angst.

Sergeij. Der Name trifft mich wie ’n Vorschlaghammer aus Glas. Ich kenn den nicht. Also … nicht direkt. Aber ich hab ihn gehört. In demFlüstern. In den Stimmen. Der Typ soll krank sein. Aber nicht so Klinik-krank, sondern »Ich seh durch die Realität«-krank. Der soll mit nem Panzer in ’nen Supermarkt gefahren sein. Und trotzdem sagen die Stimmen: »Er ist einer von uns.«

Ich steh da wie angewurzelt. Will raus. Will wissen, wer er ist. Ob er echt ist. Oder nur noch ‘ne Projektion von meinem kaputten Kopf.

Dann, ganz sanft, fast liebevoll, wieder eine Stimme. Diesmal von draußen. Durch die Tür. Und die ist zu. Aber die Worte kommen durch.

»Kevin. Diggi. Du wach?«

Ich frier. Digga, das war er. Sergeij. Seine Stimme hat diesen Russen-Vibe, weißt du? Aber mit dieser Ruhe drin. Wie jemand, der schon alles gesehen hat. Und sich trotzdem noch traut, aufzuwachen.

»Ja«, sag ich. Ganz leise. Fast nur in Gedanken. »Ich bin wach.«

»Gut. Dann hör zu, Bruder.«

Ich lehne mich an die Tür. Mein Herz macht Breakdance in der Brust.

»Die lassen uns nicht raus. Nie. Nicht lebend jedenfalls.«

Ich schluck. Hart. Das war keine Drohung. Keine Panikmache. Das war … Fakt.

»Wie lange bist du schon hier?«, frag ich.

»Lange genug, um zu wissen, dass sie uns nicht heilen wollen. Sie wollen uns abschalten.«

Ich schluck nochmal. Staubig. Bitter.

Er fährt fort. Langsam. Wie so ein Lehrer, der weiß, dass die Klasse eh nicht zuhört, aber trotzdem weitermacht.

»Sie nennen uns krank. Aber Diggi – wir sind wach. Die anderen … die schlafen. Pillen machen dich blind. Gespräche machen dich still. Und du? Du hörst sie. Du fühlst sie. Das ist kein Wahn, Kevin. Das ist der Upgrade.«

Ich zitter ein bisschen. Nicht vor Angst. Sondern … weil ich ’s glaube. Ich hab ’s immer geglaubt. Nur noch nie jemand sagen hören. So deutlich. So real.

»Wir müssen raus. Bald«, sagt Sergeij. »Nach Berlin. Da werden sie landen. Die Befreier. Die, die uns führen.«

Berlin. Hauptstadt der Erleuchtung. Oder Endstation der Paranoia. Kommt drauf an, von wo du kommst.

Ich frag: »Wie? Wie kommen wir da raus?«

»Sie machen Fehler, Diggi. Immer. Wir müssen nur gucken. Still sein. Und dann – zack. Raus. Im richtigen Moment.«

Ich nick. Fühl mich wie bei ’nem geheimen Clubtreffen, bei dem die Einladung in deinem Kopf war.

Dann hör ich wieder Schritte. Tür geht auf. Einer von den Pflegern. Nicht Sergeij. Der guckt mich an, als wär ich ’ne kaputte Kaffeemaschine.

»Was machst du an der Tür, Kevin?« Seine Stimme künstlich nett. Wie Plastikbesteck.

Ich zuck mit den Schultern. Sag nichts. Er mag das nicht. Leute, die nix sagen, machen ihm Angst. Und ich will, dass er Angst hat.

»Leg dich wieder hin«, sagt er. »Ist besser so.«

Ich geh langsam zum Bett zurück. Nicht wegen ihm. Nur weil ich weiß: Das Spiel läuft weiter. Und ich will fit sein.

Er geht. Verriegelt. Klack. Wieder allein.

Aber Digga. Ich bin nicht allein. Sergeij flüstert weiter.

»Halte durch, Bruder. Es geht bald los.«

Ich leg mich hin.Starrean die Decke. Und ich schwöre dir, die fängt an, sich zu bewegen. Erst nur flimmern. Dann Form. Ein Gesicht. Lächelnd. Hoffnungsvoll.

Ich lächle zurück. Nicht wie ’n Irrer.

Sondern wie einer, der ’s verstanden hat.

Ich starr auf ‘n Spiegel.

Also … da ist keiner.

Aber mein Kopf so: »Doch, safe. Direkt vor dir, Diggi. XXL-Spiegel, direkt von Ikea aus der Hölle.«

Und da bin ich. Kevin 2.0. Nur flackert mein Gesicht, als wär ’s ein schlechtes YouTube-Video auf 144p. Verzerrt. Und dann grinst er. Also ich. Also das Ding da.

Aber ich – der echte Kevin – rühr mich nicht. Kein Zucken, kein Lächeln. Gar nix.

Das Spiegel-Ich aber? Lächelt wie ’n Joker auf Meth. Breit. Nass. Zu viele Zähne. Zähne an Stellen, wo keine Zähne hingehören. Ich will weggucken, aber das Ding da … es kommt näher.

»Du weißt, was du tun musst, Diggi.«

Ich blinzel. Nix weg. Spiegelbild immer noch da. Bewegte Lippen, aber keine Stimme. Die Worte ballern direkt in meinen Schädel. Kopfinbox. Absender: Wahnsinn.

Ich dreh mich weg – Richtung Tür. Aber BAM! Kachelwand zeigt auch nen Spiegel. Surprise! Wieder ich. Aber dieses Mal noch falscher. Augen wie leergepumpte Glubschis. Haut glatt wie Plastikfolie. Kevin, der Puppe spielt.

Ich schließ die Augen. Atme tief.

Zähl zurück. Zehn. Neun. Acht …

Aber bei sieben hör ich ’s flüstern. Nicht draußen. In mir.

»Sechs … fünf … vier … drei … zwei … eins …«

Ich reiß die Augen auf. Schrei. Kurz. Aber heftig. Schrill. Schmerzig. Wie wenn du träumst, dass du fällst, aber nicht aufwachst.

Tür fliegt auf.

Da steht der Pfleger. Der Glattgesichtige. Typ »Ich hab keinen Vornamen, nur ne Personalnummer«. Stiert mich an.

»Kevin? Alles in Ordnung?« – Digga, er sagt das wirklich. Als wär das hier normal.

Was soll ich sagen? »Joa, chillig, hab grad mit meinem Spiegelbild diskutiert, und es will, dass ich irgendwas mit nem Messer mach.«?

Also sag ich: »Schlechter Traum.«

Er guckt wie: »Ich glaub dir nix.« Aber geht dann. Lässt mich zurück.

Allein?

Natürlich nicht, Digga. Ich bin nie allein.

Die Schatten kommen wieder. Sie hocken in den Ecken, da, wo das Neonlicht nicht hinscheint. Wackeln, kriechen, zucken. Wie Spinnen mit zu vielen Gelenken.

Einer von ihnen – ich nenn ihn »den Langen« – zieht sich die Wand entlang. Ohne Geräusch. Seine Form ist … keine Ahnung. Kein Mensch. Kein Tier. Eher wie ‘ne Idee, die falsch abgebogen ist.

Ich spür ihn. Nicht auf der Haut. Im Nervensystem. Als wär er zwischen meinen Gedanken unterwegs.

»Du bist bereit, Kevin. Es wird bald passieren.«

Ich frag: »Was passiert?«

»Die Rückkehr. Die Reinigung.«

Ich zitter. Nicht vor Kälte. Sondern, weil ich weiß, dass es keine Metapher ist. Kein Eso-Gelaber. Das ist real. Und es kommt näher.

Ich frag: »Wer seid ihr?« Aber es kommt keine Antwort. Nur so ’n leises Kichern. Wie … wie wenn jemand lacht, aber durch nen Filter aus Wasser und Rauch.

Das Licht flackert. Neonröhre macht Disco. Hell – dunkel – hell – schneller. Stroboskop-Style. Mein Gehirn schreit »ALARM«, aber mein Körper ist gelähmt.

Und dann: Spiegel an der Decke. Kein Scherz, Bruder.

Ich seh mich da oben sitzen. An ‘nem Tisch. Hände voller Blut. Ein Skalpell in der Faust. Ich schneid. Langsam. Gründlich.

Aber ich seh nicht, wen oder was ich schneid.

»Wir haben ’s dir gezeigt.« Sagt mein Decken-Ich. »Du weißt es längst.«

Ich kipp zurück aufs Bett. Boden vibriert. Wand atmet. Der Raum lebt, Diggi. Ich lieg auf was, das eigentlich schlafen sollte. Oder warten.

Und dann – wie aus dem Nichts – steht er in der Tür: Sergeij.

Aber … Bruder, der war weg. Abgeführt. Isolierstation. Nach dem Ding im Hof. Ich hatte ’s gehört. Und trotzdem steht er da.

Kopf schief. Augen wie Eisstücke.

»Ich hab ’s auch gesehen«, sagt er. Stimme ruhig. Zu ruhig. »Den Spiegel. Die Schatten. Sie sprechen mit dir, oder?«

Ich nicke. Langsam. Weil ich ’s nicht sagen will. Wenn ich ’s sag, wird ’s real. Aber jetzt … ist es das eh schon.

»Dann bist du der Nächste«, flüstert er. »Sie bereiten dich vor.«

»Wofür?«, frag ich.

Er geht zum Waschbecken. Dreht auf. Kein Wasser. Stattdessen: schwarze Brühe. Zäh, dick, ölig. Sie zischt. Als ob sie atmet.

»Sie kommen durch ’s Wasser«, sagt Sergeij. »Durch Spiegel. Pfützen. Alles, was Oberfläche hat.«

Ich glaub ihm. Nicht weil ’s logisch ist. Sondern, weil ’s alles erklärt.

Er setzt sich neben mich. Sagt nix mehr. Ich auch nicht.

Wir sitzen da. Die Schatten wandern an der Wand.

Und ich schwör: Ich höre sie atmen.

Nacht.

Oder das, was sie hier »Nacht« nennen. Kein echtes Dunkel. Kein Mond, keine Sterne. Nur das permanente Flackern der Neonröhren draußen im Gang. Und dieses Summen. Digga, das Summen. Wie ‘ne Rasierklinge, die auf deine Gedanken losgeht. Dauerloop. Frequenz Folter.

Ich lieg auf dem Bett. Decke starr. Ich auch. Ich will schlafen. Will fliehen. Will kurz weg von allem. Aber mein Hirn denkt sich: »Haha. Nope. Heute gibt ’s Spätschicht, Diggi.«

Anfangs waren ’s nur Flüstereien. So leise, dass du denkst: »Hab ich mir eingebildet.« Zwischen dem Brummen der Lüftung, dem Tropfen aus dem Waschbecken. Aber jetzt … jetzt reden die mit mir. Klar. Direkt. In meinem Kopf. Ohne Einladung.

Und der Vibe? Der kommt nicht von hier. Die sagen, sie kommen aus der Tiefe. Aber nicht so Tiefsee-mäßig. Sondern tiefer. Unter die Haut. Unter das Denken. Da, wo du dich selbst nicht mehr findest.

»Kevin … wach auf. Du schläfst doch gar nicht.«

Die Stimme ist weiblich. Zart. Ich nenn sie »die Sanfte«. Die lügt nicht. Die hat diesen sirenenhaften Ton, bei dem du alles glaubst – selbst wenn ’s heißt, du sollst durch ‘ne Wand rennen.

»Du musst verstehen, dass sie dir weh tun wollen. Dass sie dich brechen. Still machen. Mit Nadeln. Mit Pillen. Mit Regeln.«

Ich flüstere zurück: »Ich weiß …«

Aber das ist gelogen. Ich weiß gar nix. Ich häng in einem riesigen Mindfuck zwischen Wahrheit und Paranoia.

Gestern – no joke – hat sich Sergeij einfach … aufgelöst. Vor meinen Augen. Als wär er aus Schatten gemacht. Er ist an der Wand entlanggelaufen und war plötzlich weg. Kein Blut. Kein Geräusch. Nur leer. Und heute? Sein Bett leer. Kein Wort. Kein Zettel. Kein »Sorry, musste los.«

Ich glaub, sie haben ihn genommen. Oder er hat sich selbst gegeben. Vielleicht war das sein letzter Schritt. Der Übergang, wie die Stimmen sagen.

Und dann kommen sie wieder. Die Stimmen. Viele. Verschieden. Manche krächzen. Manche flüstern in Zahlen. Andere summen Namen, die ich noch nie gehört hab – aber trotzdem was in mir triggern. Wie vergessene Passwörter.

»Kevin«, sagt eine neue Stimme – rau wie rostiger Stahl.

»Sie haben begonnen, die Trennung vorzubereiten.«

Ich frag: »Welche Trennung?«

»Geist und Fleisch.«

Bruder. Ich schluck. Aber es bringt nix. Mein Hals ist staubiger als Omas Dachboden. Ich fühl meine Zunge kaum. Als wär die mit Teppichkleber überzogen. Ich setz mich auf. Ganz langsam.

Tür? Zu. Klar. Aber … diesmal ist da kein Lichtspalt unterm Türrahmen. Das ist neu. Das Licht bleibt sonst immer an. Sie wollen ja glotzen. Immer. Gucken, ob ich atme. Ob ich kotze. Ob ich schrei.

Aber heute? Nichts. Schwarz.

Ich schleiche zur Tür. Barfuß. Kacheln kalt. Aber irgendwie … warm. Zu warm. Nicht normal-warm. Sondern so »Hier lag eben noch ein Körper«-warm. Ich leg mein Ohr dran. Kein Schritt. Kein Atmen. Kein »Kevin?«. Nur … ein Brummen.

Nicht das Neonbrummen. Ein anderes. Tiefer. Lebendiger. Wie ein riesiger Insektenschwarm, der unter dem Boden lauert.

Ich zieh mich zurück. Mein Magen rebelliert. Setz mich wieder aufs Bett. Und da sagt sie ’s:

»Du musst in den Flur, Kevin. Dort beginnt es.«

»Ist verschlossen«, sag ich. Ganz ruhig.

Klick.

Die Tür geht auf. Ohne Geräusch. Ohne Schlüssel. Einfach … offen.

Digga. Das ist kein Zufall.

Ich steh auf. Meine Knie weich wie Götterspeise. Ich taste mich raus. Der Flur ist nicht wie sonst. Er ist länger. Oder ich bin kleiner. Ich weiß es nicht. Links die Zimmertüren. Rechts … das Fenster zum Innenhof.

Aber der Hof ist weg.

Da ist nur Nebel. Und Bewegung. Etwas … lauert da draußen. Ich spür ’s. Es kommt nicht rein. Noch nicht. Aber es will.

Dann hör ich ’s.

»Kevin.«

Ich fahr herum. Stimme von hinten. Aber … niemand da.

Ich renn los. Einfach. Vorbei an der Stationsküche, an den Sofas, wo sonst die Leute mit leerem Blick gammeln. Heute ist keiner da. Oder sie sind da, aber … unsichtbar.

Dann: die Tür zur Abteilung B. Einen Spalt offen.

Ich schieb sie auf. Dahinter: Finsternis. Und ein Geruch. Nicht nur Chlor und Desinfektionsmittel.

Etwas anderes.

Alt. Eisen. Fleisch. Angst.

In der Mitte des Raums: ein Stuhl. Darauf: eine Gestalt. Kopf runter. Gefesselt. Ich geh näher.

»Kevin.«

Der Kopf hebt sich. Sergeij.

Aber sein Gesicht … Digga. Rissig. Wie getrocknete Erde. Augen weiß. Kein Glanz. Nur Leere mit Stromanschluss.

»Sie haben mich gestopft mit Lügen, Kevin. Mit Chemie. Aber ich hab gesehen, was dahinter liegt.«

»Wie?«, frag ich.

Er grinst. Trocken. Tot.

»Du musst dich öffnen. Lass sie rein.«

Ich will zurück. Aber da sind sie. Hände. Viele. Kalt. Trocken. Sie greifen mich. Ziehen mich runter.

Ich schrei. Will raus. Aber da ist kein Ausgang. Nur Fallen. Immer tiefer.

Und dann …

Bin ich wieder im Zimmer.

Bett. Riemen. Nadel im Arm. Neonlicht summt wieder.

Pfleger steht über mir.

»Du hast dich wieder selbst verletzt.«

Ich seh Blut. Am Kittel. An mir. Ich kann meine Hände nicht bewegen. Ich kann nichts mehr bewegen.

Und die Stimmen? Lachen.

Nicht eine. Nicht zwei.

Ein ganzer Chor.

»Du bist aufgewacht, Kevin. Willkommen in der Tiefe.«

Ich steh an der Tür zum Aufenthaltsraum. Tür nur angelehnt. Ich späh durch den Spalt.

Da sitzt er.

Sergeij.

Wie ein Denkmal aus zerbröckeltem Beton. Beweg dich nicht, atme nicht, sei einfach da. Und das ist er. Einfach da. Um ihn rum: leere Patientenhüllen. Körper mit offenen Mündern, geschlossenen Seelen. Seit Tagen schon redet hier keiner mehr. Kein Husten, kein Fluchen, kein »Darf ich aufs Klo?«. Nur Schweigen. Dick wie Nebel. Klebrig wie Schimmel an den Wänden.

Ich trete ein. Boden knarzt. Ich weiß, dass er mich bemerkt. Er muss mich nicht anschauen. Er spürt mich.

Er sagt nichts wie »Hey Kevin« oder »Lange nicht gesehen«.

Nur:

»Siehst du es jetzt?«

Ich sag nichts. Geh zu ihm. Setz mich gegenüber. Zwischen uns steht so ’n alter Schachtisch. Weiß und Schwarz. Nur: keine Figuren. Kein Spiel. Nur das Brett. Vielleicht hat jemand die Figuren gegessen. Vielleicht … gab ’s nie welche.

Ich flüstere: »Ich seh zu viel.«

Er nickt. Noch immer kein Blickkontakt. Seine Augen kleben am Tisch. Oder an irgendwas, das nur er sieht.

»Sie wollen nicht, dass wir klar sehen. Deshalb die Spritzen. Die Gespräche. Das ganze System. Wie ‘n Filter, Diggi. Und wir? Wir sind die Störung im Bild.«

Ich frag mich, ob er auch fixiert war. Ob er wie ich auf der Matratze lag, gefesselt, betäubt, verloren. Ob er auch diese Augen gesehen hat, diese Schatten mit den langen Armen, die durch den Spiegel kamen.

Und dann sagt er was, das alles ändert:

»Ich hab ‘nen Weg gesehen.«

Ich beug mich vor. Herz springt an wie ‘n Generator.

»Was für ’n Weg?«

»Ein Riss im Flur. Hinter der Waschküche.«

Ich zieh die Stirn kraus. »Ein Riss?«

Er schaut mich an. Endlich. Augen wie Eis unter kaputtem Glas.

»Nicht in der Wand. In der Zeit. In der Geschichte dieses Ortes. Ein Ort zwischen den Blicken der Kameras. Zwischen den Sekunden, in denen keiner hinsieht.«

Ich schnauf durch die Nase. Versuch, das zu checken. Aber mein Hirn schwimmt schon wieder. Alles klingt nach Sci-Fi. Oder nach Wahrheit. Und was ist heute noch der Unterschied?

Er fährt fort. Ruhig. Wie jemand, der sein Testament spricht:

»Sie führen etwas durch. Ein Ritual. Langsam. Geduldig. Jeder neue Patient ist ein Schritt. Jeder Fixpunkt ein Symbol.«

Ich denk an den Neuen. Den mit der einen Träne. Immer links. Der hat nix gesagt. Nur geatmet. Drei Tage später: Bett leer. Keine Akte. Keine Spuren. Kein Nachfragen.

»Und was machen sie?«, frage ich.

Sergeij hebt seine Hände.

Ich frier.

Narben. Alte und neue. Überkreuzt. Kreisförmig. Linien, die sich schneiden, Muster bilden. Es sieht aus wie Kunst. Wie Krieg. Wie etwas, das man lieber nicht sehen sollte.

»Das ist die Sprache der Tiefe«, sagt er. »Ich erinner mich. Nicht von hier. Vielleicht aus früher. Vielleicht aus Träumen. Sie antworten, wenn man ruft. Aber nur, wenn du zahlst.«

Ich spür, wie mein Magen sich umdreht. Alles in mir schreit »Lauf«, aber ich bleib sitzen. Weil ich ’s wissen will. Weil ich ’s brauche.

Der Raum schwankt. Licht oben blinkt. An – aus – an – rot? Nein. Weiß. Aber falsch. Wie durch Milchglas mit Zigarettenrauch.

Er beugt sich über den Tisch.

»Du musst dich entscheiden, Kevin. Willst du ihnen dienen – oder dich befreien?«

Ich antworte, ohne nachzudenken:

»Was, wenn das dasselbe ist?«

Er lächelt. Nicht irre. Nicht traurig. Wissend.

»Dann bist du bereit.«

Später – zurück in meinem Zimmer.

Ich hab das Plastikbesteck vom Mittagessen noch. Gabel stumpf, aber reicht. Ich ritze.

Langsam.

Die Linien von Sergeijs Händen. Ich zeichne sie nach. Auf meine Haut. Es brennt. Es blutet. Aber es bringt Klarheit. Der Schmerz ist wie Licht in diesem Dämmerzustand. Ich fühl mich … schärfer. Echt. Nicht mehr weichgezeichnet.

Die Stimmen applaudieren. Kein Witz. Leise. Fast höflich.

»Du wirst bald verstehen«, flüstert die Sanfte.

Ich schlaf nicht. Nicht diese Nacht.

Ich warte.

Und dann – irgendwann – spür ich ’s. Eine Art Kälte. Ein Sog. Kein Luftzug. Kein Geräusch. Nur dieses … Ziehen. An der Seele.

Ich steh auf.

Und ich trete durch den Riss.

Was ich dort sehe, Axel?

Das ist nicht für Menschen gemacht.

Der Riss ist da.

Nicht sichtbar. Nicht für normale Augen. Aber ich seh ihn. Spür ihn. Wie ’n Kribbeln unter der Haut. So ’n elektrischer Vibe in der Luft. Direkt hinter der Waschmaschine. Kein Scherz. Die große, alte, die immer müffelt nach Bleichmittel und nassem Albtraum.

Sergeij steht neben mir. Wortlos. Seine Hände zittern nicht. Meine auch nicht. Wir sind ready. Oder … wir tun so. Das muss reichen.

»Drei Nächte«, flüstert er. »Drei Nächte hab ich das Gitter gelockert. Heute Nacht … ist es weich.«

Er meint den Lüftungsschacht. Direkt über dem Boden. Da, wo niemand hinsieht. Da, wo sie denken, dass keiner durchpasst. Aber Bruder: Sie kennen uns nicht.

Ich knie mich hin. Schrauben liegen lose auf dem Boden. Sergeij zieht das Gitter ab, langsam, wie ein Chirurg bei ‘ner OP ohne Narkose.

»Jetzt oder nie, Diggi.«

Er geht vor. Kriecht rein. Ich folge. Der Schacht ist eng. Warm. Riecht nach Metall, Schweiß und irgendwas, das mal gelebt hat. Ich halt die Luft an. Taste mich Zentimeter für Zentimeter vorwärts. Jeder Zug an meinen Ellenbogen brennt. Jeder Stoß gegen das Blech klingt wie eine Sirene in meinem Schädel.

»Durch die Nase atmen«, sagt Sergeij. »Bleib bei dir.«

Ich schließ die Augen. Stell mir vor, ich wär woanders. In Berlin. Auf dem Dach. Nebel. Die Befreier kommen. Aber die Bilder flackern. Stattdessen seh ich Schatten, die im Schacht mitkriechen. Ohne Geräusch. Ohne Form.

Dann: Licht. Schwaches, grünliches Flackern. Eine Öffnung. Wir robben raus. Plumpsen auf Beton.

Ein Versorgungsgang.

Nackt. Feucht. Rohre überall. Wände grau und nass. Irgendwas tropft. Der Boden lebt. Ich schwör ’s. Er atmet. Pulsiert.

Sergeij ist blutverschmiert. Schnitt am Unterarm. Tief. Aber er grinst.

»Sie riechen kein Blut. Nur Angst.«

Wir schleichen weiter. Tür am Ende. Natürlich verschlossen. Aber – Surprise: Sergeij hat ‘nen Schlüssel. Ich frag nicht. Will ’s nicht wissen.

Tür auf.

Der Medikamentenraum.

Ich war hier schon oft. Nur halt auf Trage. Weggedämmert. Jetzt seh ich ihn wach. Regale. Ampullen. Etiketten. Haloperidol. Olanzapin. Diazepam. Alles, was sie brauchen, um dein Hirn auf Pause zu drücken.

»Nur das Richtige«, sagt Sergeij. »Nicht zu viel. Nur genug, um zu täuschen.«

Wir greifen. Nach Fläschchen. Nach Nadeln. Nach Hoffnung in Glasform.

Dann: weiter. Gänge. Noch mehr Gänge. Ich denk mir: Diese Klinik hat mehr Gänge als Wahrheit. Und die Wahrheit? Ist ein Labyrinth mit Neonröhren.

Dann – Stimmen.

Echte. Keine Kopfstimmen. Wachpersonal.

»Scheiße«, zischt Sergeij.

Wir rennen. Blind. Vorbei an leeren Zimmern, an alten Rollstühlen, an der Station C, wo man angeblich nie wieder rauskommt. Wir flitzen durch Schatten, durch Luft, die nach verbrannter Haut riecht. Ich hör mein Herz nicht mehr. Zu laut. Zu schnell. Zu alles.

Und dann: Licht.

Ein Fenster.

Alt. Groß. Echt. Mit Blick nach draußen.

Und Diggi – da ist er. Der Himmel. Grau. Aber real. Wolken. Wind. Leben.

Ich presse meine Stirn ans Glas. Will raus. Will springen. Will fliegen.

Aber dann:

Klicken.

»Nicht bewegen.«

Drei Männer. Uniform. Keine Waffen. Aber Augen wie Nadeln. Einer hebt die Hand. Die anderen treten näher.

»Wir bringen euch zurück.«

Zurück.

Dieses Wort trifft mich wie ‘n Vorschlaghammer ins Gesicht.

Ich will rennen. Drehe mich um. Aber da, wo eben noch ein Flur war: Wand.

Einfach so. Mauer. Beton. Realität, die sagt: »Haha. Du hast gedacht, du kannst entkommen? Süß.«

Ich knall dagegen. Voll. Schulter schreit. Kopf hämmert.

Als ich mich aufrappel, seh ich, wie sie Sergeij abführen.

Und Digga – er wehrt sich nicht.

Er geht.

Einfach so.

Als wüsste er, dass das hier alles Teil vom Plan ist.

Ich bleib zurück. Zitternd. Keuchend. Blutend.

Pfleger kommt. Spritze. Kalter Kuss ins Fleisch. Ich fühl nichts mehr. Keine Angst. Kein Licht. Nur …

»Du hast es beinahe geschafft«, sagt die Sanfte.

Und dann?

Alles fällt.

Licht. Gedanken. Raum.

Ich auch.

Die Wände atmen.

Ich schwör. Ich hör ’s. Ich fühl ’s. Wenn ich ausatme, ziehen sie sich zusammen. Wenn ich die Luft anhalte, dehnen sie sich aus. Wie Lungen aus Beton. Oder wie was, das dich lebendig verschluckt.

Aber ey, vielleicht bild ich ’s mir auch ein.

Vielleicht auch nicht.

Was bedeutet hier überhaupt noch »einbilden«?

Ich bin wieder fixiert. Vier Punkte. Klassisch. Arme. Beine. Kreuzigung 2.0. Die Riemen schneiden mir in die Haut wie kalte Zungen. Ich könnte schreien. Mach ich aber nicht. Keine Kraft. Keine Lust. Keine Hoffnung.

Die Stimmen sind laut heute.

Nicht die Sanfte. Die ist weg. Funkstille. Vielleicht enttäuscht. Vielleicht tot.

Jetzt sind es andere. Die aus der Tiefe. Die Flüsternden. Die mit den rostigen Stimmen. Die mit dem Lachen wie brechendes Eis.

Eine davon klingt wie ‘ne Motorsäge.

Eine wie Kinder, die ertrinken.

Und ich?

Ich hör zu.

Weil ich nicht anders kann.

Dann geht die Tür auf.

Schwester Miriam.

Die Einzige, die nicht so tut, als wär ich durchsichtig. Die mit den Augen, die wissen, was Schmerz ist. Die, bei der du denkst, sie versteht – und genau deshalb noch gefährlicher ist.

Sie beugt sich über mich. Kühle Hand auf meiner Stirn.

»Du hattest einen Anfall, Kevin.«

Ich nicke nicht. Ich sag nichts. Aber innerlich schrei ich: »Wo ist Sergeij?«

Sie guckt weg.

Digga. Das reicht mir.

Ich weiß, was das heißt.

»Er hat dich verraten, Kevin«, knurrt eine Stimme in mir. Eine, die ich noch nie gehört hab. Tief. Knarzig. »Er hat den Plan verkauft.«

Ich will ’s nicht glauben. Ich WILL es nicht. Aber Bilder kommen hoch. Fetzen. Wie Flashbacks aus einem Film, den du vergessen willst.

Sergeij, wie er mich drängt, zu fliehen.

Sergeij mit dem Schlüssel.

Sergeij, der grinst, als sie ihn abführen.

Nicht überrascht. Nicht wütend. Nur … zufrieden.

»Er hat dich geopfert, Diggi.«

Ich keuch. Die Luft schmeckt nach Kupfer. Nach Schuld. Nach Lüge.

War alles nur Taktik?

Die Narben in seinen Händen?

Die Sprache der Tiefe?

Der Riss?

War ich der verdammte Schlüssel.

»Nein«, flüster ich. »Nein, Mann.«

»Doch«, sagen sie. »Du warst das Tor. Er hat dich benutzt. Damit es beginnt.«

Ich will raus aus meinem Körper. Aus meinem Kopf. Ich zieh innerlich an den Riemen, bis die Haut schreit. Aber es bringt nichts. Ich bin fixiert – nicht nur körperlich. Sondern seelisch.

Und dann … Licht.

Ich sitze plötzlich. Kein Riemen. Kein Schmerz.

Ein anderer Raum.

Hell. Weiß. Glatt. Wie ‘n Zahnarzttraum.

Miriam sitzt da. Lächelt. Sanft. Falsch.

»Du hast Fortschritte gemacht«, sagt sie. »Wirklich. Morgen darfst du in den Garten.«

Der Garten.

Haha.

Die offene Fläche mit Sand, der zu feucht ist. Mit Zäunen, die wie Käfige wirken. Mit Kameras, die mehr sehen als Augen sollten.

Ich sag: »Ich will Sergeij sehen.«

Sie neigt den Kopf. Vogelartig.

»Kevin, es gibt keinen Sergeij auf dieser Station.«

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2 Bewertungen, 2 Rezensionen

💬 Kommentare

A
Anonym
17.12.2025 15:18
sehr cool, dass man anonym kommentieren kann.
2 Antworten
A
Anonym
18.12.2025 16:45
nnonnym
A
Anonym
17.12.2025 17:16
Ja, finde ich auch
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