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Wettbewerbsgeschichte: Der weg des Gal

ONIK musste zweimal hinsehen, um zu begreifen, dass da eine Frau stand, mitten im Park. Wusste die denn nicht, dass sie sich strafbar machte, dass sie öffentliches Ärgernis erregte? Es war 0805 Uhr,...

Wettbewerbsgeschichte: Der weg des Gal

Wettbewerb: Testwettbewerb

Teilnehmer-Nr.: WC2025_002_0002

Der weg des Gal

Anonym eingereicht

ONIK musste zweimal hinsehen, um zu begreifen, dass da eine Frau stand, mitten im Park. Wusste die denn nicht, dass sie sich strafbar machte, dass sie öffentliches Ärgernis erregte? Es war 0805 Uhr, von 0745 bis 0830 stand Ritual 7 auf dem Tagesprogramm des Blocks C. Ritual 7 hieß Spaziergang/Dauerlauf in eigenem Tempo. ONIK hatte ab dem 150sten Lebensjahr auf Dauerläufe verzichtet, der zügige Spaziergang gehörte zu den Lieblingsritualen des Tages, obschon das Alter inzwischen stolze 187 Jahre erreicht hatte.

»Du wagst es, dich in aller Öffentlichkeit zu zeigen? Was bildest du dir eigentlich ein?«

»Ich … Entschuldigung. Können Sie mir sagen, wie spät es ist und wo ich hier bin?«

»Das kann doch wohl nicht dein Ernst sein? Eine Frau? Hier in unserem Park. Und nicht in der Kanalisation, wo du hingehörst.«

»Ich habe … jemand hat meine Uhr gestohlen.«

»Was bitte ist eine Uhr?«

»Sie zeigt mir die Zeit an. Durch sie weiß ich, wann ich nach draußen darf.«

»Hast du denn keinen Chip?«

»Nein, ich bin immer noch so, wie ich von der Natur geschaffen wurde.«

»Das ist ja widerlich, ich werde dich anzeigen.«

»Nein, bitte nicht. Ich verschwinde sofort, bitte sagen Sie mir nur, wo der Eingang zur Kanalisation ist.«

»Sag mir deine ID.«

»Ich. Ich heiße Mosa. Ich habe keine…«

»Lüg mich nicht an. Alle haben eine ID.«

»Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, ich bin nicht in eurem System erfasst.«

»Nicht im System erfasst? Du tischst mir aber eine ganze Menge Lügen auf. Das System ist perfekt. Das System beschützt uns. Jeder ist erfasst. Jeder Schritt wird erfasst.«

»Verzeih mir. Es ist besser, ich gehe.«

»Nein. Du bleibst hier. Das System muss dich beschützen. Das System wird dich angleichen.«

Schnell schaute sie sich in alle Richtungen um. Der große Park war umgeben von gigantischen Gebäuden, die für Mosa alle gleich aussahen. Sie wusste nicht, wo sie hinsollte. Warum konnte sie sich nichts merken? In diesem Moment kam sie sich vor, als hätte sie vorher nicht existiert. Mit einem leeren Kopf fand sie sich mitten im Nirgendwo, nicht wissend, woher sie gekommen war. Ich werde fliehen, sie fangen mich sonst. Die Ursache für ihre Angst war ihr unbekannt, sie hatte nur das Gefühl, dass sie auf diesen Instinkt vertrauen konnte. Sie würden ihr alles nehmen, was sie noch ausmachte. Ihre Identität, ihre Persönlichkeit, ihre Freiheit. Sie würden sie angleichen, ihr einen Chip einsetzen, der dafür sorgt, dass sie nur für und durch die Rituale lebte. Rituale, von denen sie bisher nur gelesen hatte. Rituale, die jeden eigenen und freien Gedanken unterdrückten. Ob es die Nahrungsaufnahme war oder der Toilettengang, sogar der tägliche Spaziergang im Park wurde zu einem minutiös geplanten Ritual. Doch Mosa war fest entschlossen, das zu bleiben, was sie war, eine freie, selbst denkende Person, eine Frau, eine Mutter und Großmutter, die schon in wenigen Jahren eines natürlichen Todes sterben wird. Sie drehte sich um und rannte, rannte, was das Zeug hielt. Hinter sich hörte sie die Stimmen der hinzugekommenen Ritualisten. Sie solle gefälligst stehen bleiben und sich nicht widersetzen. Es wäre in ihrem eigenen Interesse. Die Rituallisten wussten gar nichts. Sie hatten keine Ahnung davon, wie es war, ein Kind auf die Welt zu bringen. Sie kannten keinen Hunger und keine Not, aber auch keine Liebe und keine Freude.

Ungebremst hatte sie den Park verlassen und lief zwischen zwei Wolkenkratzern hindurch, die wie ein Ei dem anderen glichen. Wo war er, der erlösende Zugang in die Kanalisation? Sie vermied es, sich umzusehen, hinter sich hörte sie eine der Drohnen, vor der man sie gewarnt hatte. Wenn dich eine solche erwischt, dann bist du geliefert, hatten sie gesagt. Mosa versuchte, schneller zu laufen. Der Durchgang, der rechts zu sehen war, erinnerte sie daran, dass die Blocks einen Innenhof hatten. Sie folgte ihrem Instinkt und bog ein. Die richtige Entscheidung, denn kaum war sie abgebogen, griffen kräftige Hände nach ihr.

»Mosa! Da bist du ja wieder. Wir haben uns Sorgen um dich gemacht. Wir haben dich schon überall gesucht.«

»Wer sind Sie? Lassen Sie mich los.«

»Dafür haben wir jetzt keine Zeit. Komm!«

Der fremde Mann zog sie mit sich und sie leistete keinen Widerstand. Wohin wäre sie sonst gelaufen? Er schien sie zu kennen. Obwohl er ihr unbekannt war, sagte ihr ein inneres Gefühl, dass sie ihm vertrauen konnte. Sie liefen wenige Schritte, bis sich vor ihnen der Boden in Luft auflöste. Dort, wo vorhin noch Beton war, ließ sich eine Treppe erkennen. Es handelte sich um den Eingang in die Kanalisation, in ihr Zuhause.

Frauen und Männer begrüßten sie, einige von ihnen kamen ihr bekannt vor, aber die meisten waren für sie Fremde. Der freundliche Herr führte sie in einen endlos wirkenden Seitengang, von dem eine Reihe von Korridoren abzweigte. Sie drückte seinen Arm von ihrem weg.

»Ich glaube, ich weiß, wo wir sind.«

»Ja?«

»Wir sind fast zuhause, nicht wahr?«

»Ja, das sind wir, meine Liebe.«

Am dritten Korridor bog sie ab. Im Abstand von jeweils 10 Metern gab es Türen. Einige von ihnen standen offen. Im Vorbeigehen sah sie in die kleinen Wohnungen hinein, in der Kinder spielten, Familien zusammen beim Essen saßen oder anderen alltäglichen Hausarbeiten nachgingen. Erst ging sie an der Wohnung vorbei, doch dann blieb sie stehen, drehte sich um und schaute auf das Herz aus Muschelschalen, das auf die Tür geklebt war. »Das habe ich gemacht … für dich. Wohnen wir hier?«

»Ja. Wir wohnen hier. Weißt du noch, wie man die Tür öffnet?« Trotz aller Erschöpfung konnte man die vielen gemeinsamen Jahre der Liebe in seiner Stimme hören.

Mosa ging zur Tür und hielt den Zeigefinger der rechten Hand auf das Schloss, woraufhin diese mit einem sanften Klicken aufschwang. Sie lächelte ihn mit einem glücklichen Kinderlächeln an, dann betrat sie die Wohnung zögerlich und sah sich irritiert um. Kurz darauf erkannte sie ihre Patchworkdecke, die auf ihrem alten Ohrensessel auf sie wartete. Auf dem Klavier standen Bilderrahmen mit einer Menge Fotografien. Das Bild in der Mitte sah sie sich länger an. Es zeigte sie und den freundlichen Mann, der sie bis hierhin begleitet hatte.

»Das sind wir an unserem Hochzeitstag.«

»Wir sind … verheiratet?«

»Ja, schon über 50 glückliche Jahre, meine Sonnenblume.«

»Sonnenblume. Moment, sag es nicht … Dein Name ist … PLAT!«

»Ja, Mosa. Mein Name ist PLAT. Lass uns ein wenig durch die Wohnung gehen, vielleicht erinnerst du dich an noch etwas.«

»Warum kann ich mich an nichts erinnern? Ich meine 50 Jahre. Da muss doch irgendetwas geblieben sein.«

»Immerhin weißt du meinen Namen.«

»Das ist alles so … PLAT, Ich bin müde, ich muss mich ausruhen.«

»Ja, Liebes, leg dich etwas hin.«

PLAT half ihr ins Bett, zog ihr die Schuhe aus und deckte sie zu. Sie bemerkte seinen besorgten Blick und stellte fest, dass er Tränen in den Augenwinkeln hatte, die sich ihren Weg bahnten.

»Warum weinst du? Ich bin doch wieder da.«

»Ja. Du bist wieder da, zum Glück. Das sind Freudentränen. Mach jetzt die Augen zu und erhol dich.«

Er nahm ihre Hand und küsste sie, hielt sie mit beiden Händen fest. Als er sie loslassen wollte, um aufzustehen, merkte er, dass sie den Druck auf seine Hand verstärkte.

»Bitte geh nicht. Ich habe Angst alleine«, flehte sie mit ihrer Kleinesmädchenstimme, in die sie immer fiel, wenn sie sich vor etwas fürchtete.

PLAT blieb, bis Mosa eingeschlafen war. In den letzten Monaten hatte sich ihr Zustand verschlechtert. Die Demenz-Medis schlugen nicht an, das Gehirn hatte die niedrigste Hydration unterschritten. Gentherapie lehnten die Naturalisten einstimmig ab, diese wurden ausschließlich den Überläufern, wie PLAT es einer war, genehmigt, um ihre natürlichen Körper wiederherzustellen. Er war vor mehr als 60 Jahren mit verbotenen Schriften erwischt und gleich darauf verbannt worden. Die Naturalisten fanden ihn völlig dehydriert und unterernährt zwischen den Wohnblöcken und nahmen ihn auf. Zuerst hatte er sich noch gewehrt, aber dann schnell erkannt, dass sie seine einzige Chance zum Überleben waren. Nach zwei Tagen hatte er eine Stelle als Pfleger angenommen, da das Leid der anderen in ihm Trauer entfacht hatte. Wochen später hatte er sich für den langwierigen und schmerzreichen Prozess der Rückführung in einen männlichen Körper entschieden, in dem er seit mittlerweile 60 Jahren ein glückliches und erfülltes Leben geführt hatte. Er erinnert sich heute noch an den Tag, an dem er Mosa das erste Mal begegnet war. Die 25-Jährige hatte sich ihrer Großmutter zuliebe entschlossen, bei den Naturalisten zu bleiben. Bei den ersten Dates hatte sie PLAT immer wieder gefragt, wie es denn wäre, ein Ritualist zu sein. Sachlich hatte er ihr alle Fragen beantwortet. Er empfand keinen Hass für sie, obwohl sie es waren, die ihn verbannt hatten.

Eines Abends hatte Mosa ihn umarmt und gesagt: »Wenn Großmutter stirbt, dann hält mich hier nichts mehr. Ich möchte Ritualist werden, mein Geschlecht ablegen und mit Dir in einem der Blocks leben – völlig sorgenfrei.«

»Sorgenfrei? Leer trifft es wohl besser. Das Leben als Ritualist ist ohne Erfüllung, es besteht nur aus Pflichten.«

»Aber PLAT, was du mir erzählt hast, deine Antworten auf meine Fragen, das klingt doch eher nach dem Paradies.«

»Nein. Der Preis, den wir dafür bezahlen müssen, ist viel zu hoch. Allein der Sex …«

»Ritual 36: Berührungsphase Erogen … das hast du mir doch selbst erzählt.«

»Ja, Mosa. Erzählt habe ich es, aber nicht im Detail. Diese Berührungsphasen finden in Gruppen statt. Sie sind auch ganz nett, aber das ist eher wie ein Vorspiel oder eher noch ein Vorvorspiel.« Er nahm ihre Hand und streichelte sie sanft. »Etwa so.«

»Bitte beantworte meine Frage. Also PLAT, wirst du mich begleiten?«

»Wenn es das Einzige ist, was du dir von mir wünscht, dann werde ich dich begleiten, aber ich bitte dich inständig, überlege es dir gut. Ich bin sicher, es wird dir dort nicht gefallen, auch wenn die Medikamente diese Emotion unterdrücken werden, es wird in dir sein, ganz tief in dir, glaub mir.«

Gespräche dieser Art hatten sie des öfteren geführt, sie hatte sich von ihrem Wunsch nicht abbringen lassen, bis zu dem einen Tag …

»Warum isst du nicht?«

»Ich kann das Zeug nicht riechen.«

»Aber Mosa, das sind frische Rotwurzeln, ich habe sie so zubereitet wie immer.«

»PLAT, mir ist einfach schlecht, lass mich doch bitte in Ruhe mit deinen Wurzeln. Iss sie selbst.« Sie sprang auf und rannte zur Toilette. Er konnte hören, wie sie sich dort übergab. Erfahrung mit dem anderen Geschlecht hatte er nicht, eines hatte er jedoch in Erinnerung. Sein Arbeitskollege im Pflegehaus hatte ihm von seiner Frau erzählt, die ihnen ein neues Leben schenken werde. Da war die Rede von Gerüchen, Übelkeit und Erbrechen. So launisch wie heute, hatte PLAT sie nie erlebt.

Als sie wieder in den Wohnraum gekommen war und sich auf den Sessel gekauert hatte, nahm er seinen Mut zusammen und fragte: »Sag mal, Mosa … wie stellt man eigentlich fest, ob ein neues Leben in einem heranwächst?«

»Schwanger? Ich? Nie im Leben. Ich habe es doch nur mit Dir gemacht und du bist ein Wiederhergestellter … oh, entschuldige, das war taktlos. Ich meine ja nur …«

»… dass Wiederhergestellte nicht zeugen können. Ja. Das ist in der Regel so, es sei denn …«

»Meinst du etwa, du bist einer unter Millionen?« Sie schwieg, starrte in die Ecke. »Die Symptome können auch von einer Grippe kommen.«

»Im Sommer?« Er hielt ihr eine Hand an die Stirn. »Fieber hast du nicht.«

»Es wäre natürlich … Nein, PLAT. Ich glaube, wir sind verrückt geworden. Ich mache gleich einen Test. Man kann das im Urin messen.«

»Wo bekommen wir einen Test? Ich kann ihn holen. Dir geht es nicht gut. Vielleicht kann ich dir etwas anderes besorgen, damit es dir besser geht.«

»Nein. Danke. Den Test gibt es im Medicenter. Ich schicke besser eine Freundin, die es selbst gerade versucht. Wenn es nämlich Fehlalarm ist, dann möchte ich keine Mitleidsbekundungen aus der Nachbarschaft bekommen. Denk nur an all die Glasperlen, die sie uns vor die Tür legen würden als symbolische Tränen. Nein, lieber schicke ich Bela.«

»Dann Bela.«

»Haben wir noch von dem Sirup?«

»Sirup? Ich dachte, du magst nichts Süßes.«

»Ich habe aber jetzt Appetit auf Sirup … und getrocknete Beeren wären fein.«

»Kommt sofort, meine Prinzessin.«

»Wenn schon, dann Königin.«

Am Nachmittag hatte sie den Test bekommen und wartete nervös, dass PLAT nach Hause kommen würde. Sie hörte das Klicken der Tür und war im gleichen Moment aufgesprungen. Kein Wort der Welt hätte das Glück erklären können, welches ab diesem Augenblick beide erfüllt hatte. Zwei Wunder waren geschehen. PLAT war zeugungsfähig und Mosa erwartete ein neues Leben. Gemeinsam hatten sie Schwangerschaft und Geburt erlebt, was sie für immer an die Naturalisten band.

Lange Zeit hatte er mit sich selbst gehadert, weil er nicht in ihre Privatsphäre eingreifen wollte, doch allein die Gegenstände, die sie in den vergangenen Wochen verlegt, wenn nicht sogar versteckt hatte, ließen ihm keine andere Wahl, als auf die Aufzeichnungen der Demenz-Halskette zuzugreifen, die neben der audiovisuellen Aufzeichnung auch eine Ortungsfunktion besaß.

Nachdem Mosa eingeschlafen war, hatte er ihr die Kette abgenommen und in das erridorianische Lesegerät gelegt. Ohne die Technologie der Erridorianer, die sich der Menschheit vor 4000 Jahren als friedliche außerirdische Spezies vorgestellt hatten, wären die Naturalisten noch heute primitive Höhlenbewohner mit Steinäxten und Feuersteinen, wenn sie denn überhaupt überlebt hätten. Doch die Erridorianer hegten keinen Groll gegen jene, die nicht nach ihren Vorstellungen lebten und versorgten sie sogar mit dem Nötigsten.

Die Übertragung, die er über das Stirngerät wie vor den eigenen Augen sah, hörte und spürte, ließ ihm einen Schauer über den Rücken laufen. Wie beschämend war es, ausgerechnet ONIK vor sich zu sehen. ONIK hatte mit PLAT in einer Gruppe gelebt und alle Rituale vollzogen. Insbesondere das mit der Nummer 36 drängte sich in PLATs Erinnerungen, egal wie sehr er sich dagegen wehrte. PLAT erinnerte sich an all die sanften Berührungen, das respektvolle Miteinander und die tiefe Bindung, die er in den gemeinsamen Jahren zu ONIK aufgebaut hatte. Dann kam PLATs Verbannung. Er erinnerte sich beinahe täglich daran, wie verletzt er gewesen war, als ihm ONIK und die anderen Ritualisten den Rücken zuwandten, ihn einfach gehen ließen, ohne einen Hauch einer Emotion zu zeigen. Was er jetzt in der Aufzeichnung sah, hatte mit ONIK so viel zu tun, wie ein Kamm mit der Wüste. ONIK wirkte überheblich und arrogant, als kämen die Ritualisten einer Herrenrasse gleich. Das konnte nicht sein. Es war der Moment gewesen, in dem ein großer Teil seines Weltbildes zerbrach, über das er sich selbst definiert hatte. Er war ein Träumer, der sein Leben lang von der Gleichheit und Einheit der Menschen geträumt hatte. Wollte Erridos mit den Ritualisten eine Art Herrenrasse schaffen? Sie hatten doch immer vom Frieden und der großen Einheit gesprochen. Als die Menschen endlich angefangen hatten, die technologische Hilfe der Erridorianer anzunehmen, hatte es auch den ersehnten Frieden gebracht.

Kriege hatte es auf der Erde immer wieder gegeben. Nachdem von der Menschheit nach den großen atomaren Rohstoffkriegen nur noch eine geschätzte halbe Million Erdbewohner übriggeblieben waren, hatte es mehrere Jahrhunderte Frieden gegeben. Der Mensch hatte erkannt, dass der einzige Weg aus der Rohstoffkrise ein geringerer und nachhaltigerer Verbrauch von Energie war. Viele Errungenschaften der vorher so hoch technisierten Erde gerieten in Vergessenheit. Dazu gehörte auch die Eroberung des Weltalls. Sowohl die Mars-Kolonie als auch die unterschiedlichen Terraforming-Projekte wurden nicht mehr weiterverfolgt. Satelliten kreisten weiter um die Erde, bis ihre automatisierten Kurskorrekturen versagten. Die Suche nach extraterrestrischem Leben lieferte weiter ihre Daten an eine Erdstation, die schon lange nicht mehr existierte. Auf dem verwüsteten Planeten zu überleben, war eine Herausforderung, die sich als größer herausgestellt hatte, als alles, mit dem sich die Menschheit bisher konfrontiert sah. Der nukleare Winter ließ sich in den Bunkeranlagen einigermaßen ertragen, doch schon nach wenigen Jahren waren sämtliche Lebensmittel aufgebraucht und die ersten technischen Systeme hatten den Geist aufgegeben. Also hieß es: Zurück auf die Oberfläche. In diesem Überlebenskampf rissen zunächst die Männer die Führungsrolle an sich, indem sie ihre Manifeste niederschrieben, ihre Parteien und Armeen gründeten, um sich vor denen zu schützen, die anders dachten. Frauen hatten in der Politik dieser postapokalyptischen Welt nichts verloren. Ihre Rolle wurde von den Herren der Schöpfung auf das Gebären und Aufziehen der neuen Generation beschränkt. Die Menschheit hatte mit ihrer Emanzipationsgeschichte einen der größten Fehler der Geschichte begangen, da waren sich die Männer einig. Schon nach wenigen Jahren gab es den zu erwartenden Widerstand. Drei Frauen hatten sich zusammengesetzt und ihre neue, friedliche Weltordnung formuliert. Ihnen war klar, dass es diese nur geben konnte, wenn die einzigen freien Wesen auf diesem Planeten Frauen waren. Männer sollten nur noch zur Fortpflanzung genutzt werden. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich der neue Gedanke der freien Frau und fand großen Anklang unter den Geschlechtsgenossinnen. Schon bald gab es ganze Städte, die ihre zeugungsfähigen Männer in Käfigen hielten, damit sie nicht flüchteten und – noch viel wichtiger – um sie besser unter Kontrolle zu halten. Ein Mann hatte in der Öffentlichkeit nichts verloren. Aber wie zu erwarten, wehrten sich die Männer.

Die Genderkriege hatten gerade begonnen, da landete mitten im Zentrum von Rosen, der Hauptstadt der freien Frauen das erste erridorianische Raumschiff. Zuerst wussten die Anführerinnen nicht, wie sie auf die außerirdische Spezies reagieren sollten, doch sie erkannten schnell, dass die dreigeschlechtlichen Wesen nichts anderes als Frieden und Wohlstand bringen wollten. Als erstes Geschenk an die Menschheit machten sie aus der Wüstenstadt ein fruchtbares Stück Erde, in dem innerhalb weniger Tage Grünflächen und Landwirtschaft erblühten und die ersten Früchte trug.

Dennoch ging der Krieg gegen die Männer weiter. Der letzte Widerstand wurde erst vor ungefähr 1000 Jahren gebrochen. Die Männer waren von nun an den Frauen Untertan. Eines Tages kam ein geschlechtsloses Wesen in die Stadt und wollte mit den Anführerinnen verhandeln. Es stellte sich als der große Ritualist ALPO vor.

ALPO war ein entflohener Sklave ohne Namen – so wie alle Männer seit Ende des Krieges, der es auf eines der Raumschiffe der Erridorianer geschafft hatte. Dort hatte er von den Umständen, unter denen er leben musste, berichtet. Vor Allem davon, dass die älteren, nicht mehr zeugungsunfähigen Männer von den Frauen getötet würden. Er hatte einen Vorschlag unterbreitet, der den Erridorianern gefiel und sie unterstützten ihn bei dessen Ausarbeitung.

Eine genetische Umwandlung aller erwachsenen Lebensformen war der Kern dieser Idee. Dies hatte zu einigem Widerstand – insbesondere von Frauen – geführt, sich aber letztendlich als der Weg in eine friedliche Koexistenz bewährt. Bei Geschlechtsreife wurden die Fortpflanzungsorgane der jungen Menschen entfernt und einer Fabrik übergeben. Genetisch wurden alle reifen Menschen zu homogenen Androgynen gewandelt und im rituellen Leben auf die nächste Evolutionsebene trainiert. Der Mensch sollte wieder das All bereisen und weitere Spezies von Ungleichheit befreien. Die Erridorianer, bisher eher stille Beobachter, hatten ihre Unterstützung und technologische Hilfe angeboten, die die Menschen gern annahmen. Die Zeit der großen Kriege und Not sollte endlich ein Ende finden.

Gigantische Hallen reihten sich in den Fabriken aneinander, in denen die Nachfolgenden Generationen der Menschen geschaffen wurden. Auf ihr Geschlecht konnten die Ritualisten getrost verzichten. Die Erridorianer hatten die nötige Technologie, um gesunden Nachkommen zu zeugen und großzuziehen.

Auch PLAT war in der Fabrik geschaffen worden und hatte als gesunder Junge das Licht der Welt erblickt. Bis zu seinem neunten Lebensjahr war er dort geblieben. Die Ritualisten hatten ihn in der Fabrik so frei wie möglich aufwachsen lassen. Seine Erziehung hatten die älteren Jungs und Mädchen unternommen, die kurz vor ihrer Aufnahme standen. Die Unterrichte hatten im Kleinkindalter angefangen und von Jahr zu Jahr im Umfang zugenommen. Man lernte dort die 37 Rituale und das Verhalten in Krisensituationen, von denen die Besucher von Erridos schon einige mit den Menschen erlebt und dabei festgestellt hatten, dass ihre Ritualisten nicht darauf vorbereitet waren. Es war wichtig, dem Individuum einen Verhaltenskodex anzuerziehen, der den Ritualisten und die Gruppe möglichst unbeeinflusst von Störfaktoren ließ. Dazu gehörte zum Beispiel der plötzliche Tod eines Ritualisten. Ohne klare Verhaltensregeln ließen sich bei den Individuen Trauer und Verzweiflung erkennen, wenn sie einen langjährigen Begleiter verloren hatten. Auf Erridos zogen sich die Alten zurück, wenn ihre Zeit gekommen war. Den historischen Aufzeichnungen der Erde hatte man ein ähnliches Verhalten bei bestimmten Indianervölkern entnommen. Verstarb nun ein Ritualist, sollten ihn ab sofort seine Begleiter nicht mehr ansehen. Maschinen beseitigten den Körper, sein Platz wurde zügig durch einen Novizen nachbesetzt. Kaum war diese Neuerung eingeführt, konnte man an den Therapiegesprächen erkennen, dass der Ritualist den Toden der Individuen weniger Bedeutung beimaß und sich mehr auf die eigenen Aufgaben besann.

PLAT versank in seinen Gedanken. Was haben die Erridorianer aus uns gemacht? Da habe ich seit Jahren die reale Welt unter den Naturalisten erlebt und ausgerechnet jetzt kommt die Erinnerung an die Schulungen, die sie uns als die Realität verkauft haben. Ja, es ist richtig. Als Naturalist stirbt man früher. Es gibt hier Krankheiten, die ich bei den Ritualisten noch nie gesehen habe. Sogar mit den Meinungsverschiedenheiten, die wir nur mithilfe unserer Judikatorien klären können. Ja! Das ist alles richtig. Aber muss man dafür wirklich unsere Geschlechter verantwortlich machen? Sind Mann und Frau wirklich so verschieden? Warum ziehen sie sich dann gegenseitig an? Ich hege da großen Zweifel. Ein Leben ohne Mosa? Das könnte ich mir nicht vorstellen. Nur mit ihr bin ich Vollständig, das habe ich nur vorher nicht gewusst.

PLAT nahm das Stirngerät ab. Er hatte mehr als genug gesehen und musste nachdenken. Mosa war in Gefahr, weil sie ein in seinen Augen sinnloses Gesetz übertreten hatte. PLAT wusste, dass ONIK den vorgegebenen Weg beschreiten und Mosa offiziell anzeigen würde. Außerdem wusste er, dass eine solche Anzeige in den vergangenen Jahren mit dem Verschwinden des angeklagten Naturalisten geendet hatte. Er musste proaktiv handeln und Mosa um alles in der Welt beschützen. Sein Kontakt bei der Botschaft von Erridos 7, dem siebten Planeten des über 200 Lichtjahre entfernten Heimatsonnensystems der erridorianischen Freiheitsallianz, kurz EFA, war ihm bekannt. Es sollte kein Problem sein, über das Stirngerät in Kontakt zu treten. Der virtuelle Konferenzraum schien noch zu existieren, doch was sollte er als Anschuldigung vortragen, welche Argumente würde man ihm glauben? Wie konnte er die EFA davon überzeugen, dass der Mensch in seiner natürlichen Form mehr Vorteile als Gefahren mitbrachte? Kaum hatte er sich die Frage gestellt und zum antiken Klavier hinübergesehen und die alten Kohlezeichnungen aus jungen Jahren betrachte, war ihm klar, dass sein Kontakt ein alter Bekannter war. Jeder Mensch, ob Ritualist oder Naturalist, wurde einem – die Menschen würden es Sachbearbeiter nennen – Erridorianer auf Lebenszeit zugeordnet, und damit war die Lebenszeit der Menschen gemeint, da Erridorianer um ein Vielfaches länger lebten. Jahre hatte PLATs Tag mit seiner Stimme angefangen, und wurde von ihr durch sämtliche Rituale begleitet. Der intensivste Kontakt war das Ritual 17, in dem die Ritualisten die Sprache der Erridorianer lernten. Nach PLATs Verbannung, hatte er ihn immer noch in seinen Träumen gesehen und auch seine Stimme gehört, doch der Erridorianer war wie die anderen Ritualisten aus seinem Leben verschwunden. PLAT hatte ihn damals aus dem Gedächtnis gezeichnet und ihn beim zehnten Versuch ziemlich gut getroffen, so fand er, wenn man als Mensch überhaupt in der Lage war, einen Erridorianer von einem anderen zu unterscheiden. PLAT hatte ihn SPONN genannt, weil er ihn an einen Spielkameraden aus seiner Kindheit erinnerte, und weil er darüber hinaus keinen aussprechbaren Namen besaß. SPONN hatte eine Funktionsbezeichnung, die in unsere Sprache übersetzt Kontakt_Erde_78462x8765 lautete. Mit jeder Erweiterung seiner Aufgaben änderte sich diese Bezeichnung. Die Ritualisten waren bald dazu übergegangen, Ihre Lehrer, die ihnen im täglichen Ritual 17 Erridorianisch beibrachten, mit irdischem Namen anzusprechen, was diesen gut gefiel, weil sie sich akzeptiert fühlten.

»Serraaaarkh Hajk Kaal, PLAT.«

»Serraaaarkh Hajk Kaaluuu, SPONN. Können wir bitte in meiner Sprache kommunizieren?«

»Natürlich.« Die glatte, metallisch schimmernde Haut des Erridorianers veränderte ihre Farbe in ein rostiges Rot, was, wie PLAT wusste, ein Zeichen der Entspannung war. SPONN mochte ihn, weil er ein aufmerksamer Schüler gewesen war. »Wir haben uns eine halbe Ewigkeit nicht gesprochen. Du hast dich verändert, bist alt geworden und trägst einen Bart.«

»Ja, ich wurde…«

»Verbannt. Ich weiß. Du wurdest wegen einer verbotenen Schrift ausgeschlossen, die inzwischen im Unterhaltungsprogramm empfohlen wird. ALPOs Werk Das WirIch zu verbieten war im Nachhinein falsch. Es hat uns viel Zeit gekostet, das zu verstehen, doch heute sehen wir, dass ein Wir ohne Individuen zu einem Ich wird. Was für ein krasser Widerspruch. Die Zeiten ändern sich, du übrigens auch, wie ich sehe. Du bist jetzt ein … wie sagt ihr? … Mann?«

»Ja. SPONN, stell dir vor … ich habe Kinder und Enkel.«

»Das soll ein großartiges Gefühl sein. Ich hatte in der letzten Zeit auch über Replikation nachgedacht. Sagen wir es so, das Genehmigungsverfahren dauert nach eurer Zeitrechnung etwa 50 Jahre.«

»Ach SPONN. Ich würde mir wünschen, dass auch du das Gefühl eines Tages nachvollziehen kannst, wie es ist, Nachwuchs zu haben, neues Leben zu schaffen.«

SPONN zog seinen schmallippigen Mund in die Breite, was einem irdischen Lächeln gleichkam. »Was ist der Grund deiner Kontaktaufnahme? Warum hast du dich in den letzten Jahren nicht gemeldet?«

»Im öffentlichen Kanal würde ich das nicht gern besprechen, mein lieber SPONN. Du weißt, dass ich dich als Naturalist nicht kontaktieren darf.«

»Wer sagt denn sowas? Meine Freunde dürfen mich kontaktieren, wann sie wollen.«

»Man hat es uns so beigebracht. Naturalisten haben in der Öffentlichkeit zu schweigen.«

»Eine solche Regel existiert nicht, zumindest nicht, dass ich es wüsste.« PLAT konnte sehen, dass ein eingehendes Signal um Zutritt im Konferenzraum bat. SPONN reagierte schnell: »Ich respektiere dennoch deinen Wunsch und melde mich in etwa einer Stunde bei dir über ein verschlüsseltes Signal, wenn dir das hier zu unsicher ist.«

»Einverstanden. Ich werde warten.«

»Hast du mich gerufen, Liebster?«

Mosa war aufgestanden. Sie schlief in letzter Zeit nie lange, es sei denn, er hatte ihr die Tropfen gegeben, die er auf dem Markt gekauft hatte. Er solle sie ihr nicht täglich geben, hatte die Händlerin gesagt, höchstens dreimal pro Woche, sonst würden sie bald nicht mehr wirken. Wenigstens drei Nächte, in denen er sich ausschlafen konnte. Er war müde, seine Kräfte hatten nachgelassen. Immer wieder beschlich ihn die Angst, dass sie weggehen und nicht mehr zurückfinden würde, genau so, wie es heute passiert war. PLAT war kurz eingenickt, vielleicht zehn Minuten, aber die hatten ihr gereicht. Als er aufgewacht war, hatte die Wohnungstür offen gestanden. Wieder fiel ihm ein, dass er den Öffnungsalarm, den er letzte Woche gekauft hatte, dringend installieren musste. Sofort war er aufgesprungen. Er hätte sich besser ohne Hose auf den Weg gemacht, dann hätte er Mosa sicherlich noch eingeholt, doch in der Hose war der Empfänger ihrer Kette, mit dem er sie orten konnte. Das Suchen und Anziehen hatte wertvolle Minuten gekostet, Minuten, in denen sie sich in den nicht enden wollenden Gängen verirrt hatte. Demenz war bei den Naturalisten keine seltene Erkrankung. Zwanzig Prozent der Bürger erkrankten im hohen Alter daran. Mosa war dagegen früh dran, wenn man bedachte, dass man als Naturalist mindestens 120 Jahre gesund leben konnte. Jeder unter ihnen nahm seine altersbedingten Leiden als von der Natur gegeben hin – Mosa bildete da keine Ausnahme.

PLAT holte den kleinen Empfänger aus der Hosentasche und aktivierte den Bildschirm. Mosas Signal war einen Kilometer entfernt. Er erschrak, als er erkannte, dass es von einer Stelle ausging, die sie zu dieser Uhrzeit nicht hätte betreten dürfen. Sie war im Park. Die Zone leuchtete rot – ein Extra, das sich die Hersteller des kleinen Ortungssystems hatten einfallen lassen, um ihren Kunden Verbotszonen zu übermitteln. Das Ortungsgerät hätte PLAT alarmieren müssen. Im Moment war eine andere Sache wichtiger. Wie sollte er Mosa vor den Ritualisten beschützen, wie sollte er sie dort wegbekommen, ohne gesehen zu werden? Gleich nachdem er sich diese Frage gestellt hatte, bemerkte er, dass Mosa angefangen hatte, sich zu bewegen. Ihre Geschwindigkeit wurde mit 8 Kilometer pro Stunde angegeben. Sie schien zu laufen, schnell zu laufen. Sofort setzte sich PLAT in Bewegung und stürmte in Richtung Ausgang. Er musste an die Oberfläche und seine Frau vor dem Schlimmsten bewahren.

Mosas Stimme holte ihn wieder in die Realität zurück: »PLAT! Träumst du etwa?«

»Nein, mein Glück. Ich habe nur an unser erfülltes Leben gedacht. Spielst du mir etwas vor?«

»Erfülltes Leben? Ja, das haben wir. Was möchtest du hören?«

»Warum fragst du? Du weißt es doch.«

»Ja, selbstverständlich weiß ich es.«

Sie setze sich an das Klavier, das sie so liebte, denn Mosa hatte ihr Leben der klassischen Musik verschrieben, und spielte. Nach einem kurzen Moment der Stille begann sie, das Präludium in G Major von Vasyl Bravinsky. PLAT hörte der verträumten Melodie zu und schloss die Augen. Auf wie vielen Konzerten hatte Mosa dieses uralte Stück und andere des Komponisten ohne Noten gespielt? In der historischen Datenbank, die Jahrtausende beherbergt, hatte Mosa mit einer Emotionssuche einige Treffer erzielt, als es ihr darum gegangen war, auszudrücken, um wie viel der Mensch beraubt wird, wenn Musik und Literatur zensiert wurden. Bravinsky war ein Ukrainer, der zu Zeiten der Sowjetrepubliken von Stalin beschuldigt worden war, als Spion zu arbeiten. Aus diesem Grund war er zu einer jahrelangen Haftstrafe verurteilt worden und all seine musikalischen Werke, die man damals nur auf Papier niederschreiben konnte, waren vor seiner Universität verbrannt worden. Diese Geschichte und die Tatsache, dass seine Musik trotz dieser Tragödie zu großen Teilen erneut geschrieben wurde, die im nächsten Jahrhundert verheerenden Kriegskatastrophen, unter der wieder das ukrainische Volk leiden sollte, machten die Melodien so emotional, vor allem, wenn Mosa sie spielte. PLAT ließ die Musik auf sich wirken, dachte an die wundervolle Vergangenheit, die er mit seiner Ehefrau erlebt hatte und fühlte sich dadurch ein wenig stärker und gefestigt. Er wusste, dass die Gespräche mit SPONN, der Kampf um das Recht auf Individualität seiner Frau, jeden Funken seiner Energie kosten werden.

»ONIK hat mich kontaktiert.« SPONN wartete erst ab, ob PLAT in irgendeiner Weise reagierte, aber er verzog keine Miene. »Diese Information scheint dich nicht zu überraschen, was mich auch nicht sonderlich erstaunt. Du weißt schließlich, dass es die Pflicht eines Ritualisten ist, solche Vorfälle zu melden.

Der gute alte PLAT, immer einen Schritt voraus, wie bei unseren Go-Spielen, die ich übrigens sehr vermisse.«

»Ich bin, was Go angeht, ziemlich aus der Übung, aber gegen eine Partie Schach habe ich nichts einzuwenden.«

»Das sollten wir im Moment eher nicht tun. Ich bin auch ONIKs Wegbegleiter und müsste nun aufgrund eurer Differenzen einen von euch ablehnen. Stell dir vor, was passieren würde, wenn ich einen von euch bevorzugen und mich mit ihm verbrüdern würde. Normalerweise dürfte ich diesen Fall nicht allein bearbeiten … wäre da nicht…«

»Du hast doch schon wieder einen genialen Plan parat?«

»Exakt. Es gibt eine Klausel, aufgrund der ich mich in jegliche juristische Auseinandersetzung einbringen darf, wenn sie denn unserer Entscheidung über unser weiteres Vorgehen mit der menschlichen Spezies dient.«

»Wie herablassend das klingt.«

»Sei nicht böse, Verglichen mit Erridorianern seid ihr Menschen nichts weiter als Primaten.«

In Anbetracht seiner Lage schluckte PLAT nur kurz und beschloss nicht beleidigt zu reagieren. Ihm war bekannt, dass SPONN auf dem emotionalen und empathischen Sektor – wie jeder Erridorianer – Defizite mitbrachte, die er durch seinen Humor auszugleichen wusste.

»Du bist vorhin ausgewichen, als ich ONIK erwähnte. Wirst du es schaffen, auf einer sachlichen Ebene zu argumentieren?«

»Warum sollte ich das nicht können?«

»Ihr wart …« SPONN war verlegen und machte den dafür üblichen Gesichtsausdruck, den Menschen nur selten bei Erridorianern zu sehen bekamen. Seine sonst flach mit der Oberlippe abschließenden Nasenlöcher weiteten und verengten sich im flinken Wechsel. Dann schoss grünlicher Rotz aus ihnen hervor, den SPONN mit einem kleinen Saugapparat gleich darauf entfernte. »Wie ich das hasse. Vor Millionen von Jahren hat das unsere Spezies auf die Flucht vor gefährlichen Raubtieren vorbereitet. Mit freien Atemwegen läuft es sich einfach besser, aber …«

»Komm bitte zurück zum Thema. Vor mir braucht dir nichts peinlich zu sein.«

»Ja, natürlich. Wo war ich?«

»ONIK«, antwortete PLAT mit verschränkten Armen. Ihm war klar, was der Außerirdische vermutete, er sollte es aussprechen.

»Ja, ONIK. Ihr hattet eine Beziehung.«

»Hatten wir nicht.«

»Aber ONIK hat fast alle Rituale, wenn möglich, in deiner Näher vollführt. Vor Allem Ritual 36.«

»Das wird dann wohl eher Zufall sein.«

»Ein Zufall, der dir damals sehr zugesagt hat, wie ich in deinen alten Protokollen erkenne.«

»Du hast meine Protokolle von damals? Das ist doch Ewigkeiten her.«

Ein Frame blendete sich in den Raum, darin erschien der junge PLAT.

»Meine Güte, wie hübsch ich war.«

»Ironie?«

»Natürlich, wir sahen doch alle gleich aus, als Ritualisten.«

»Hör mal hin.«

PLAT, hier deutlich jünger, vollführte Ritual 31, das Tagesprotokoll. SPONN hatte einen Abschnitt ausgewählt und ließ ihn in einem vergrößerten Frame ablaufen.

Vierunddreißig – Defäkation – unauffällig, Konsistenz weich, Abgang ohne Komplikationen, geruchsarm. Fünfunddreißig – Körperhygiene – Neue Follikel im Gesicht entdeckt und entfernt, ansonsten keine besonderen Vorkommnisse. Sechsunddreißig – Berührungsphase Erogen – Heute kam ein neues Gegenüber, Identifikation ONIK, die Berührungen lösten ungewöhnlich starke Reaktionen aus, ist das krankhaft oder mache ich Fortschritte? Siebenunddreißig …

Der Frame wurde ausgeblendet, PLAT schaute nachdenklich an die leere Stelle.

»Erinnerst du dich?«

»Ja, ich erinnere mich daran, auch wenn es eine Ewigkeit her ist. Wir haben uns gut gefühlt. Was ist dabei? Das ist doch nicht mit einer erotischen oder sexuellen Verbindung zu vergleichen.«

»Mir geht es darum, ob du in irgendeiner Weise kompromittiert bist, wenn du gegen ONIK ins Verfahren ziehst.«

»Nein, das bin ich nicht. Richtet sich das Verfahren nicht gegen Mosa?«

»Gegen eine demente Frau? Machst du Witze? Natürlich nicht. Wir haben da unsere Grenzen. Hier geht es darum, dass auf eurem kleinen unbedeutenden Planeten immer noch Mensch gegen Mensch steht. Du willst doch nicht behaupten, dass Mosa sich in einer so bedeutenden Verhandlung behaupten kann.«

»Nein. Das kann sie sicherlich nicht.«

»Siehst du? Außerdem vermute ich, dass du mit sehr guten Argumenten ins Rennen ziehen wirst, weil du beide Seiten erlebt hast, die der Ritualisten und die der Naturalisten. Beide Seiten haben ihre Vor- und Nachteile. Wichtig ist, dass du das Ziel dieser Verhandlung verstehst.«

»Und das wäre? Ich dachte, es geht hier eindeutig darum, dass meine Frau nicht spurlos verschwinden wird, weil sie eine Regel gebrochen hat, die sie aufgrund ihres Gesundheitszustandes nicht mehr…«

»PLAT! Nein! Es geht hier um so viel mehr. All die Jahre, die wir nun die Entscheidung bezüglich der menschlichen Spezies herausgezögert haben. All die Versuche, euch den Weg zu ebnen. Wir sind am entscheidenden Punkt angekommen. Eine Entscheidung muss jetzt gefällt werden. Wir wollen, dass ihr euch auf einen Frieden einigt. Dabei ist es egal, wie dieser Frieden bewirkt wird. Die Ritualisten werden selbstverständlich versuchen, die Naturalisten von ihrem Weg zu überzeugen, die Naturalisten sind da schon etwas differenzierter. Da gibt es die Gruppierungen, die die Ritualisten befreien wollen. Sie schaffen es auch, die Leute davon zu überzeugen, dass der Weg der Natur der einzig wahre ist. Dann haben wir den liberalen Flügel, dessen Anhänger sich für eine friedliche Koexistenz aussprechen. Von den Ultras und ihren brutalen Anschlägen brauche ich dir nicht zu erzählen. Die Gruppierung ist dir bekannt.«

»Ja, was für schwache Menschen. Die kennen nur Zerstörung und Gewalt.«

»Nun, deine Aufgabe wird es sein, nicht nur gegen ONIK anzutreten. Schaffst du es, einen Frieden mit gegenseitigem Respekt zu erlangen, dann müsst ihr immer noch die einzelnen politischen Flügel der Naturalisten besänftigen und in euren Kreis aufnehmen. Nur eine geeinte Menschheit hat es verdient, aufzusteigen und in die Allianz der Planeten aufgenommen zu werden.«

»Was passiert, wenn wir es nicht schaffen?«

»Dann kehrt euch die Allianz den Rücken. Irgendeine Spezies wird sich schon eurer annehmen. Was dann kommt, hängt von der Spezies ab. Versklavung, Auslöschung, alles ist drin.«

»Grausam.«

»Wenn ihr euch untereinander nicht einigt, dann werdet ihr es auch in der Galaxis nicht schaffen. Warum sollten wir uns ein faules Ei ins Nest legen.«

»Bitte was?«

»Ein altes irdisches Sprichwort, ich dachte, du kennst es. Egal. Bereite dich vor. In drei Tagen ist die Verhandlung.«

Abrupt wurde die Verbindung getrennt. Mit Verabschiedungsfloskeln hielten sich Erridorianer nicht auf.

Guten Morgen, ihr wundervollen, friedlichen Wesen. Es ist Null Sechshundert. Lasst uns einen neuen Tag begrüßen und ihn mit den 37 Ritualen füllen. Dieses ist das erste Ritual. ONIK, ich begrüße dich und erinnere daran, dass du heute GAL durch den Tag führen wirst. Als Novize hat GAL keine Angleichung erfahren. Da der Junge keinen Chip in sich trägt, bitte ich dich, ihn zu wecken und dann dein erstes Ritual mit der Medikation fortzusetzen. Heil der Einheit.

»Heil der Einheit.« Diesen Satz sprach nicht nur ONIK, er wurde von allen 48 Bewohnern des Schlafsaales, in dem es bis dahin so still gewesen war, dass man ein Sandkorn hätte fallen hören können, synchron ausgesprochen. Die Stimmen sprachen zu jedem Ritualisten erst den allgemeinen Teil und dann, sofern nötig, die individuellen Anweisungen. Heute sollte ONIK einige davon erhalten, da es galt, den jungen Novizen GAL durch die Rituale des Tages zu führen. Wie ein einzelner Körper bewegten sie sich aus den Betten und richteten gleich darauf ihren Schlafplatz, wobei auffiel, dass sie alle die gleichen Bewegungen vollzogen. Dieses Ritual wurde an drei Betten verzögert durchgeführt. Eines davon lag direkt neben dem von ONIK, es war das Bett, das letzte Woche frei geworden war, und nun GAL gehörte. GAL hatte sein Alter für das Ritual erreicht und sich aus freiem Willen dafür entschieden, sich für den Rest seines hoffentlich langen, friedlichen Lebens dem Ritual zu verpflichten.

»Ist es so gut, ONIK?«

»Schweig, Novize.«

»Ich …«, setzte GAL an. ONIKs strenger Blick ließ den Jüngling verängstigt schweigen.

ONIK entnahm den Injektor aus der Wand und zeigte GAL, wo sich seiner befand. 48 Zischgeräusche ertönten synchron, als die Medikationen ihren Weg in die Körper der Ritualisten suchten. GAL war aufgeregt und ließ seinen Injektor zu Boden fallen, bekam sofort Hilfe von ONIK, das Gerät verschwand wieder in der kleinen Wandnische. »Das nächste Mal fester drücken, GAL.«

Eine junge Novizin, die GAL nie zuvor gesehen hatte, hatte sich über GALs Missgeschick amüsiert, wurde gleich darauf von ihrem Ritualisten zurechtgewiesen: »Das menschliche Wesen ist nicht perfekt, strebt aber nach Perfektion. Fehler haben keine Relevanz, wenn der Mensch danach strebt, seinen Weg zu verbessern.«

Alle anderen im Raum schwiegen und standen kerzengerade neben ihren militärisch ordentlich hergerichteten Schlafstätten, die ebenfalls in ihren Wandnischen verschwanden.

Wundervolle Wesen, Ritual 2, die Defäkation und Miktion starten um Null Sechshundertfünf. Wir wünschen erfolgreiche Geschäfte.

Wieder synchron zogen sich die Ritualisten ihre Hosen aus, die Novizen folgten, wobei sie neugierig, ja beinahe neidisch auf die Ausgänge der perfektionierten Wesen starrten. Im Unterricht hatten sie es oft und virtuell betrachten können, aber das war nicht so beeindruckend, wie die Realität.

»Schau genau hin, Novize. Die Anschlüsse verbinden sich wie von selbst.« ONIK nahm die beiden Schläuche aus der Halterung, wie es die anderen Ritualisten taten und hielt sie in die Nähe der zwei auf Beckenhöhe in der Leistengegend angebrachten Ausgänge, worauf hin die Schläuche sich mit einem leisen Sauggeräusch andockten. Gleich darauf holte ONIK den Adapter aus GALs Fach und hielt ihn hin.

»Das wirst du bis zur Anpassung benutzen müssen. Es wird zwischen die Beine geklemmt, nachdem du die Schläuche angeschlossen hast. Soll ich dir helfen?«

GAL bemerkte den angewiderten Blick ONIKs und lehnte dankend ab: »Ich bin selbst froh, wenn der Penis entfernt ist. Ich mache das selbst.« Er hielt die kleine Schale zuerst an die Schläuche, die sich gleich darauf mit den an ihrer Front angebrachten Ausgängen verbanden. Dann zog er den silikonartigen Rand der Schale zwischen die Beine, wie er es in den Übungen gelernt hatte. Die Schale hatte sich erfolgreich angesaugt, GAL atmete erleichtert aus. Während die Ritualisten ihre Defäkation mühelos hinter sich brachten, hatte GAL Schwierigkeiten. Es fühlte sich an, als würden ihn alle anderen mit ihren Gedanken durchbohren und sich an seinem Genital stören, auf diese Situation hatte ihn die Ausbildung vorbereitet. GAL ging in die Hocke. Er wusste, dass die Schale weiter fest an seinen Körper gesaugt bleiben würde. Gleich darauf merkte er, dass er das zweite Ritual erfolgreich abschließen würde.

Nachdem die Ritualisten von ihren Schläuchen befreit waren, half ONIK ihm, die Schale wieder in die Nische zu befördern. GAL war aufgeregt und genierte sich. Er hielt sich die Hände vor den Penis, damit niemand sein flaumiges Schamhaar bemerkte, das vor wenigen Wochen angefangen hatte, schneller zu wachsen. Auch wenn er an den angewiderten Blicken merkte, dass es die Ritualisten störte, versuchten sie sich allem Anschein nach, nicht in ihrem Tagesritual stören zu lassen.

Wundervolle Wesen, Ritual 3, Körperhygiene startet um Null Sechshundertfünfzehn. Ein reiner Geist erfordert einen reinen Körper.

Wieder öffneten sich kleine Nischen in den Wänden, die neben den Schallduschköpfen drei muschelartige Objekte enthielten. Hatte GAL in den Unterrichten nicht aufgepasst? Die Schallduschen waren ihm bekannt, aber wofür waren die Muscheln? Sollte er ONIK fragen oder es selbst herausfinden? Kaum hatte er nach der linken Muschel greifen wollen, sah er, dass ONIK zuerst die rechte gedrückt hatte, was anscheinend die Schalldusche in Gang setzte und die feuchte Reinigungslotion auftrug. Er folgte und fühlte sich dabei angenehm überrascht. In der Fabrik wurde die Reinigung von Robotersystemen erledigt, hier hatte er keinen einzigen Roboter bemerkt. Als ONIK die mittlere Muschel nach unten drückte, veränderte sich die Frequenz der Schalldusche. Bei einer Dusche hätte GAL das nicht hören können, hier waren nahezu synchron über 40 solcher Reinigungseinheiten am Werk. Er betätigte die zweite Muschel und spürte auf seiner Haut, dass die Duschlotion verdampfte. Sein Körper fühlte sich an wie nach einem warmen Regen, außerdem bemerkte GAL, dass die gesamte Körperbehaarung – zu seiner großen Freude auch der Flaum um seinen Penis und Hodensack – restlos glatt entfernt worden war. Nun drückte ONIK die dritte Muschel herunter und schloss, den Duschkopf in Höhe des Gesichts haltend, die Augen. GAL beobachtete das Verhalten und bewunderte neidisch ONIKs androgynen Körper. Eilig drückte er die linke Muschel nach unten und spürte eine Art Puder, das man nicht sehen konnte. In der Höhe seines Gesichtes verschloss er die Augen, musste gleich darauf niesen. Für die nächste Körperreinigung war ihm klar, dass er besser für einen Moment die Luft anhalten sollte. Nachdem ONIK den eigenen Duschkopf wieder in der dafür vorhandenen Nische verstaut hatte, half das androgyne Wesen GAL, der seine Frage nicht zurückhalten konnte: »Was war das für ein Pulver…«

»Novize! Wir schweigen, bis das Ritual etwas anderes verlangt. Dennoch gebietet es die Höflichkeit, dir zu antworten. Das Pulver verhindert Infektionen und schützt die Haut vor Strahlung. Darüber hinaus vermeidet es unangenehme Körpergerüche.« Eine weitere Nische öffnete sich. »Nimm deine Kleidung und sei still, bis ich dir erlaube zu reden.«

GAL zog sich an. Er freute sich auf das nächste Ritual, das war eines seiner liebsten. Er mochte alles, was mit Bewegung zu tun hatte.

Wundervolle Wesen, Ritual 4, Morgengymnastik startet um Null Sechshundertdreißig. Nur ein trainierter Körper folgt einem wachen Geist.

Wie eine einzige Figur, die 48-fach in diesem Raum vorhanden war, vollführten sie ihre Übungen, die sowohl zur Elastizität als auch zur Erhaltung der Körperkraft dienten. GAL bemerkte, dass er nicht schwitzte. Das schien an dem Pulver zu liegen. Die Gymnastik war genau das, was er heute Morgen gebraucht hatte. Das Bett war unbequem und ungewohnt, obwohl es moderner war als die durchgelegene Pritsche, die er in der Fabrik belegt hatte. Lag der verspannte Nacken an seiner Aufregung und Nervosität, die er heute mit in den Tag genommen hatte? Oder an beidem?

Wundervolle Wesen, Ritual 5, Nahrungsaufnahme startet um Null Siebenhundert. Nur ein gesund ernährter Körper hat genug Kraft für den Tag. Guten Appetit.

Die Tür des multifunktionalen Schlafsaals öffnete sich und eine rote Linie erschien auf dem Boden. Dieser folgten alle 48 Bewohner, um wortlos und in gleichem Abstand in den Speisesaal hinüber zu gehen. Dieser entsprach exakt denen, die GAL in seinen regelmäßigen Trainings kennengelernt hatte, nur dass dieses Mal die Nahrung echt war. In der Fabrik bekam er dreimal täglich einen süßlichen Proteinbrei und Kohlenhydrate in Form von knusprigen Dreiecken. Er hatte davon gehört, dass die Ritualisten andere, bessere Nahrung erhielten. Alle 48 nahmen sich je ein kleines Tuch und eine leere Schale und hielten diese nacheinander unter 3 große Nahrungsmittelspender. In mundgerechten Stücken fielen aus dem ersten rote, dem zweiten grüne und aus dem dritten gelbe Würfel. Schweigend und in gleicher Reihenfolge setzten sich die Ritualisten an die in der Mitte des Saales stehenden langen Zwölfertische, an denen sich jeweils sechs Personen gegenübersaßen. GAL konnte es kaum erwarten, die Speise zu probieren, wartete aber, weil er das Ritual verinnerlicht hatte, bis der letzte Ritualist sich gesetzt hatte. Erst dann begannen sie synchron mit drei Fingern der rechten Hand je einen Würfel aus ihrer Schale zu nehmen, ihn exakt 23 Mal zu kauen und anschließend herunterzuschlucken. Dabei achteten sie darauf, sich an die farbliche Reihenfolge zu halten. GAL war zufrieden. Die Speise schmeckte besser als der Brei aus der Fabrik, sie war sättigend, und er konnte sich vorstellen, diese für den Rest seines Lebens zu essen. Kaum war der letzte Würfel verspeist, säuberten die Ritualisten mithilfe des kleinen Tuches Mund und Hände, kontrollierten ihr Gegenüber und besserten bei Bedarf nach. Dann standen sie gleichzeitig auf. Sie brachten die Schalen und Tücher in eine Entsorgungsstation und begaben sich – wieder entlang der roten Linie – in einen Raum, der mit gemütlichen Sitzmöbeln ausgestattet war. Kaum hatten sie den Raum betreten, ertönte wieder die Stimme, die am heutigen Tag für die Novizen akustisch und nicht nur über die Implantate der Ritualisten ausgesendet wurden.

Wundervolle Wesen, Ritual 6, Morgenstatus startet um Null Siebenhundertdreißig. Ein Tag ist kein Tag ohne einen genauen Plan.

Für den Morgenstatus hatte GAL – wie für jedes andere der Rituale – trainiert. Die große Herausforderung bestand darin, dass jeder Teilnehmer je 15 Sekunden Zeit hatte, einen Status abzugeben, möglichst viel über seine aktuellen Gefühle erzählen musste. Die drei W kamen zum Einsatz und sollten so gut es ging beantwortet werden. WIE geht es mir? WAS gefällt mir nicht? WORAUF freue ich mich? Während die Teilnehmer ihren Morgenstatus abgaben, wurde im Raum das Licht gelöscht und die Stimmverzerrer eingeschaltet, um eine ehrliche Äußerung von jedem zu erhalten.

Kaum war das Licht erloschen, begann die erste Stimme im Raum zu sprechen: »Ich fühle mich gut. Heut vermisse ich GOSA und weiß, dass das egoistisch ist. GOSA war schon sehr alt und hat ein erfülltes Leben gehabt. Dennoch hatten wir über die Jahre viele angenehme Begegnungen. Ich freue mich auf die drei Novizen in unserer Reihe und wünsche uns eine interessante gemeinsame Zeit.«

Das war verdammt gut, dachte GAL. Exakt 15 Sekunden. Was werde ich heute sagen? Werde ich die Zeit einhalten? Wie merke ich nochmal, wann ich dran bin? Im Training war alles einfach, aber das ist Realität.

Die nächsten Berichte klangen ähnlich, waren teilweise kürzer und nur einmal länger. Dann ertönte die Stimme des Ritualienmeisters, von der sich GAL nicht sicher war, ob sie einem echten Menschen gehörte: »Ich bitte Novize GAL um seinen Status.«

»Ich bin aufgeregt, es ist alles so neu. Es war mir unangenehm, euch nackt gegenüberzutreten und eure Gefühle zu verletzen. Ich freue mich auf meine Zeremonie, bei der ich zu einem vollwertigen Ritualisten werde.« Puh, geschafft.

Auch die anderen beiden Novizen hatten ähnlich gefühlt, was GAL ein wenig beruhigte, denn er war nicht allein mit seiner Scham, ein Geschlechtsteil zu besitzen. Es widerte nicht nur ihn an.

Wundervolle Wesen, Ritual 7, Spaziergang oder Dauerlauf starten um Null Siebenhundertfünfundvierzig. Atmet pure Energie in unserer einzigartigen Natur. Bleibt auf den Wegen, folgt der Route. Hop, Hop, Hop.

Während die Stimme sprach, dimmte das Licht des Raumes langsam hoch. Die Ritualisten erhoben sich und stellten sich in vier Schlangen nebeneinander auf. Die Ersten der Reihe standen mit einem Meter Abstand zur Tür auf einer Bodenmarkierung, die wie aus dem Nichts erschienen war. Hinter den Anführern sah GAL die Markierungen, die die Größe von Füßen hatten. Auf der rechten Seite waren die roten für die älteren Ritualisten, die sich für einen Spaziergang entschieden hatten. Links erschienen gelbe für die, die sich für Walking entschieden hatten. Die zwei Reihen daneben trugen die Farben Grün für einen gemütlichen Dauerlauf und Blau für die schnelleren Läufer. Die linke war kurz, dort standen zwei gut trainierte Ritualisten. GALs Einstufung in der Aufnahmeprüfung war Blau. Er stellte sich hinter die beiden Sportskanonen und versuchte, sich seinen Stolz nicht anmerken zu lassen. Eitelkeit war eine Sünde. Dennoch pochte sein Herz vor Freude, endlich war es wieder Zeit für Bewegung. Die Türen öffneten sich und jedes Team folgte seiner Bodenmarkierung. In der Fabrik waren die Bewegungseinheiten ein wildes Durcheinandergetrampel gewesen. Hier bemerkte GAL sofort, dass jede Reihe ihr Ritual absolut Synchron vollführte. Auch die beiden Läufer vor ihm, liefen im Gleichschritt, dem er sich zunächst anpasste. Dieser absolut synchrone Lauf wurde den Ritualisten durch eine Taktgebung ihres implantierten Chips ermöglicht. Heute durfte er zum ersten Mal durch die perfekte, zwischen den Wohnblocks angelegte Parkanlage laufen. Die Temperatur betrug exakt 23 Grad, es gab kein Wölkchen am Himmel, die Luft duftete nach frisch gemähtem Gras, welches zum Teil die Feuchtigkeit abgab, die es von der nächtlichen Bewässerung nicht aufgenommen hatte. Bunte Blumenbeete leuchteten in den grellsten Farben, die GAL je gesehen hatte, Büsche und Bäume waren auf perfekte geometrische Formen zurechtgestutzt.

In der Fabrik hatte GAL die Kurseinheiten, in denen es um den Betrieb und die Erhaltung der Anlagen und Gebäude ging, aufmerksam verfolgt. Organische Einheiten fertigten in ihren Fabriken Drohnen für jeden Zweck. Energie in Materie umzuwandeln und umgekehrt war eine der größten Errungenschaften, die die Erridorianer den Menschen als Begrüßungsgeschenk mitgebracht hatten. Der Homo Sapiens sei mit der heutigen Nutzung seines Gehirns nicht in der Lage, dieses Verfahren zu entwickeln oder zu steuern. Die Allianz, in der die Erridorianer Mitglied waren, hatte einige Grundvoraussetzungen für einen Erstkontakt mit einer fremden Spezies definiert. Eine davon war die Fähigkeit, kontrollierte Fusionsenergie erzeugen zu können und den Prozess stabil zu halten. Seit Jahrtausenden hatten die Menschen diese Technologie beherrscht und sich zum Erstaunen der Erridorianer noch nicht damit selbst vernichtet.

Die von den Organischen Intelligenzen – oder OI genannten – generierten Maschinen arbeiteten immer dann, wenn kein Mensch anwesend war. Nach getaner Arbeit kehrten sie zurück und wurden wieder in Energie umgewandelt. Wenn GAL es richtig verstanden hatte, kam die Nahrung der Ritualisten ebenfalls aus einem Energie-Materie-Konverter.

Doch hatte es seit der Einflussnahme der Erridorianer auch Widerstand gegeben, wusste GAL. Die Menschen fühlten sich ihrer Daseinsberechtigung, ihrer Berufung beraubt. Von heute auf morgen waren sie zum Nichtstun verdammt worden. Auf die Ritualisten, denen sich zum Zeitpunkt der Ankunft des großen Ritualisten ALPO 60 Prozent der Weltbevölkerung angeschlossen hatten, kam nach diversen Naturkatastrophen und Hungersnöten ein weiterer Zustrom neuer Mitglieder zu. Es war aus Sicht der Ritualisten nur noch eine Frage der Zeit, bis sich alle angeschlossen hatten. Man betrachtete die Randgruppe der Naturalisten, die inzwischen auf 15 Prozent der Menschheit geschrumpft war, als Verwirrte, die vom einzig wahren Weg überzeugt werden mussten. Denn, sollte GAL diesen Tag erleben, dann würde es der Tag der Aufnahme in die Allianz sein, denn die letzte Bedingung war, dass die Menschen den Erridorianern als eine geschlossene Einheit gegenübertraten.

Wie immer waren GALs Gedanken beim Laufen in die unterschiedlichsten Richtungen gewandert. Er hatte kaum bemerkt, dass sie schon wieder auf den großen Wohnblock zusteuerten. Gern hätte er noch eine kleine Runde gedreht, aber das Ritual verlangte es anders, und daran hatte er sich zu halten.

Wundervolle Wesen, Ritual 8, Lernphase startet um Null Achthundertdreißig. Lerne jeden Tag und werde weise.

GAL betrat mit den anderen den quadratischen Raum und sah dort 48 runde Plattformen mit je zwei Metern Durchmesser. Seine Linie führte ihn auf eine der Scheiben am hinteren Ende des Raumes. Das diente ihm zum Vorteil, denn er konnte beobachten, wie die Ritualisten sich auf der Plattform positionierten. Er hätte sich einfach darauf gestellt, doch dann sah er, dass die Bewohner ihre Kleidung ablegten, auf dem Rand der Plattform platz nahmen und sich dann zurechtrückten, bis sie mit ausgestreckten Armen und Beinen rücklings auf den Plattformen lagen. Gleich darauf überzog sie eine gelartige Flüssigkeit. GAL hatte ein wenig Angst vor diesem Verfahren. Er hatte gehört, dass es in die Lungen eintrat. Die junge Novizin neben ihm schien auch zu zögern. Als er sich beherzt die Kleidung auszog, folgte sie. Er kannte ihren Namen nicht, wusste nur, dass sie ähnliche Bedenken wie er hatte, und fühlte sich nicht mehr allein. Kaum hatte GAL sich ausgerichtet, überzog ihn das Gel, drang in ihn ein und füllte seine Lungen. Einen winzigen Augenblick befürchtete er, zu ersticken, bevor ihn erstmals in seinem Leben ein neues Gefühl übermannte: Er hatte aufgehört, sich materiell zu fühlen. Was immer das Gel mit ihm anstellte, er fühlte nichts, keine Atemnot, nicht mehr den kühlen Schauer, den das Gel auf seiner Haut ausgelöst hatte und sein gesamtes Umfeld war verschwunden. Um ihn herum war es absolut still. Wo bin ich? Was bin ich? Ich fühle mich wie … nein, das ist nicht möglich … wie sollte ich ein eindimensionaler Punkt sein? Etwas strahlte von ihm ab und wirkte rötlich … ja, er beschloss, ein roter Punkt zu sein – in einem weißen leuchtenden … Nichts … ja, Nichts war die richtige Beschreibung dafür. Dann hörte er eine Stimme, sah aber niemanden: GAL, willkommen bei deiner ersten Lerneinheit des heutigen Tages. Heute und in den nächsten Wochen trainieren wir dich auf den Kontakt mit einem echten Erridorianer. Die Landschaft, die du gleich zu sehen bekommst, entspricht der von Erridos 7. Dir werden wir einen Avatar des erridorianischen Plack’Tschuck geben. Erkunde die Natur und mache dich mit dem Leben auf Erridos vertraut. Achte insbesondere auf die Sinne, die ein Plack’Tschuck hat. Mit unserer Technologie wird es dir nach einer Aufnahme in die Allianz möglich sein, die Kontrolle über jedes Lebewesen für eine begrenzte Zeit zu übernehmen. Dieses Verfahren setzen wir bei Erstkontakten und zu Forschungszwecken ein. Das Wesen wird während des Vorganges in einen Schlafzustand versetzt und bekommt davon nichts mit. Auch wenn es sich für dich realistisch anfühlen wird, teile ich dir mit, dass es sich um eine Simulation handelt. Ich wünsche Dir eine lehrreiche Stunde.

GAL wollte fragen, was er tun musste, hörte aber statt seiner eigenen Stimme einen Grunzlaut. Erst jetzt bemerkte er, dass er ein weiteres Sichtfeld hatte als gewöhnlich. Er konnte sein Umfeld fast in 360 Grad um ihn herum verschwommen sehen, ohne den Kopf zu bewegen. Die Gerüche, die er einfing, kannte er nicht. Etwas Süßliches kam ihm in die Nase und er wusste, dass es ausgebuddelt werden wollte, damit er es verspeisen konnte. Gleich darauf merkte er, dass es Maden waren, die er anscheinend schon freigelegt hatte. Mit lautem Schmatzen und Grunzen ließ er sie sich schmecken. Nach jeder Made schnellte seine Zunge hervor und schnappte die Nächste, die gleich darauf an seinem Gaumen zerplatzte. Er spürte sein Gebiss und konnte die vier Rammzähne sehen, die aus seinem breiten Unterkiefer hervorragten. Jetzt erinnerte er sich an den Biologieunterricht in der Fabrik. Ein Plack’Tschuck war eine Art Schwein, wenn man es denn so bezeichnen durfte. Eine auf der Erde ausgestorbene und durch die Erridorianer in seiner ursprünglich wild lebenden Form wieder angesiedelte Spezies. Er versuchte, sich so gut es ging an die Details seines Unterrichtes zu erinnern. Plack’Tchucks ernährten sich in den Wäldern von Erridos 7 von Ploohs, das waren proteinreiche Erdmaden, die unter den eher flachen Stachelbäumen zu finden waren. Rammzähne fand man bei den Ebern. Sie kamen bei Rangkämpfen zwischen geschlechtsreifen Ebern zum Einsatz. In einer Rotte gab es meist einen erwachsenen Eber, der sich um alle Sauen und Frischlinge kümmerte und sie vor natürlichen Feinden verteidigte. Zunächst dachte GAL, dass etwas mit dem Interface nicht stimmte, denn er nahm eine graue Suppe um sich wahr, konnte beinahe nichts sehen, aber die Trainings in der Fabrik hatten sich bewährt. Die Evolution sorgte bei allen Lebewesen für eine Anpassung an ihre Umwelt. Mit weiten Nasenlöchern, drehbaren Ohren und – das erstaunte ihn am meisten – sogar mit einem großen Teil seiner Stacheln und Borsten spürte er die direkte Umgebung. GAL hüpfte ein paar Schritte nach vorne. Seine Hinterbeine waren für weite Sprünge wie gemacht, während die vorderen Beine in feine Pfoten mit langen Krallen mündeten, die sich hervorragend zum Wühlen im Schlamm und zum Fangen der köstlichen Maden eigneten.

Die Sonnen schienen heiß vom Himmel. Die Erdkruste, die zwischen den Hautstacheln wie ein Panzer getrocknet war, wendete möglichen Schaden ab.

Was war das? Er hörte ein leichtes Grunzen und spürte, wie sich zwischen seinen Beinen ein Phallus ausfuhr, der sich auf einen gigantischen Stoß vorbereitete. GAL spürte ein nie erlebtes Gefühl des Verlangens und ließ einen wilden Grunzer ertönen. Mit wenigen Sprüngen hatte er es geschafft sich der an einem Bach saufenden Wildsau zu nähern. Das Weibchen hatte sein Grunzen vernommen, jedoch nicht verstanden, dass sie das Objekt seiner Begierde sein sollte. Kaum hatte sie begonnen mit wildem Quieken davonzuhüpfen, hatte er ihr den Weg abgeschnitten und seine Vorderpfoten in ihr Fleisch gebohrt. Ihre Schreie, ihr verzweifelter Versuch, sich ihm zu entwinden, gaben ihm das Gefühl, unbesiegbar zu sein. Schon hatte er sie von hinten bestiegen und seinen wild pulsierenden Penis in sie gerammt. Ekstatisch grunzte und brüllte er und fühlte sich wie der König der Welt.

Im gleichen Moment endete die Simulation und GAL fand sich nackt und zuckend auf der Plattform wieder. Sein Ejakulat hatte sich in das Gel verteilt und fiel auf seinen nackten Körper. Sein harter Penis wurde schlaffer. GAL konnte nicht anders, als sich vor Scham auf den Bauch zu drehen und zu heulen. Außer seinem Weinen hörte er die anderen Novizen ebenfalls jammern. Das junge Mädchen, das neben ihm zusammengekrümmt auf der Plattform lag, hatte sich übergeben.

Als die ersten Ritualisten mit angewiderten Blicken an ihnen vorbeigingen, fasste sich ONIK ein Herz und berührte das Mädchen sanft auf ihrem kahlen Kopf. GAL fiel dabei auf, dass ihre Haare vorher lang gewesen und bei der ersten Körperhygiene ebenso entfernt worden waren wie seine. Jetzt streichelte ONIK auch seinen Kopf: »Das machen sie immer mit Novizen. Ihr hattet ein sexuelles Erlebnis, richtig? Am Abend sprechen wir darüber. Ihr müsst euch für eure Reaktion nicht schämen. Lernen findet auf viele Arten statt und manchmal gehört eben Scham dazu.«

Die Novizen standen auf, schauten beschämt zu Boden und zogen sich eilig ihre Kleidung an, als könne diese verbergen, was sie erlebt haben. Dann begleitete sie ONIK in den Speisesaal. GAL war egal, wohin sie gingen, Hauptsache weg von hier, weg von diesem Ort der Schande.

Wundervolle Wesen, Ritual 9, Getränkeaufnahme startet um Null Neunhundertdreißig. Nur ein hydrierter Körper kann leben.

Auch wenn es nur Wasser gab, tranken sie es gierig und spülten sich die Münder aus. Bei einigen Ritualisten konnten sie ein ähnliches Verhalten beobachten. Die wenigsten sahen glücklich aus. Die Lerneinheit, so viel war GAL klar, würde nicht seine Lieblingsbeschäftigung werden, er konnte erahnen, dass die vermittelten Erlebnisse wichtig für seine Entwicklung sein sollten. Erneut trank er einen Schluck des kühlen Wassers, um den Geschmack von Maden aus seinem Mund zu bekommen. Er ertappte sich dabei, an seiner Unterlippe nach den Stoßzähnen zu tasten, die zu seiner Beruhigung verschwunden waren.

Wundervolle Wesen, Ritual 10, Gruppengespräch startet um Null Neunhundertvierzig. Tauscht euch aus und helft einander.

Wie sollten 48 Menschen in 30 Minuten ein vernünftiges Gruppengespräch hinbekommen? Die Redezeit war dafür zu begrenzt. Schnell erkannte GAL, dass nicht alle etwas zu sagen hatten. ONIK ergriff das Wort: »Liebe Freunde, heute begrüßen wir drei Novizen in unserer Runde. Gestern mussten wir erfahren, dass uns drei Mitglieder unserer Gruppe verlassen haben. Sie hatten ihr Alter erreicht und ein erfülltes Leben.« ONIK verbeugte sich und legte die Mittelfinger beider Hände auf die Mitte der Stirn. Dabei folgte ein Moment des Schweigens. Da alle anderen es ebenso taten, führten auch die Novizen die offensichtliche Abschiedsgeste aus.

»Ich möchte nun den Novizen Gelegenheit geben, Fragen in die Gruppe zu stellen. Wer möchte?«

»Ich«, schoss es aus GAL hervor, gleich darauf zog er die Hand wieder zurück und hätte seine Wortmeldung am liebsten rückgängig gemacht.

»Nur zu, GAL. Stell gerne deine Frage.«

»Naja … es ist mir sehr peinlich.« Er stand auf und fasste all seinen Mut zusammen. »Ich meine … vorhin, bei Ritual 8, das war alles so real. Ich war ein Plack’Tschuck, sowas wie ein Wildschwein auf Erridos 7 und ich habe all seine Sinne erforscht. Das war sehr aufregend.« Er zögerte kurz. »Ich weiß jetzt, wie die Erdmaden auf Erridos schmecken. Einem Plack’Tschuck munden sie sehr, sie sind eher süßlich. Aber nachdem die Simulation beendet wurde, hatte ich diesen ekligen, fauligen Geschmack in meinem Mund. Ist das normal?«

»Über das, was da unten passiert ist, willst du nicht reden?«, fragte ONIK möglichst neutral, und hätte es beim Namen nennen können, aber ONIK wollte Ekelgefühle in der Gruppe vermeiden.

»Also …« GAL spürte die Hitze in seinen Wangen, sein Körper zitterte. »Da war diese Sau und plötzlich hat es mich gepackt. Ich habe diesen animalischen Trieb gespürt. In der Simulation bin ich zu ihr gesprungen, habe sie festgehalten und dann …« GAL senkte die Schultern. »Ihr könnt es euch doch vorstellen, was dann passiert ist. Ich möchte das nicht erzählen.«

»Ja, das können wir. Aber was ist mit deinem echten Körper passiert?«

»Muss ich das sagen?«

»Bitte, GAL. Das gehört zum Lernprozess dazu.«

»Ich hatte eine Erektion und habe ejakuliert, wie ein Naturalist.« Kaum hatte GAL das ausgesprochen, wurde es unruhig um ihn herum. Er begann zu weinen. Nie zuvor hatte er sich in einer so unangenehmen Situation befunden.

»GAL?« ONIK wartete einen Moment. »GAL, schau mich an.«

Schluchzend folgte er der Aufforderung und bemerkte erst jetzt, dass die beiden anderen Novizen, ebenfalls weinend, neben ihn getreten waren.

»Ich war gerade zehn Jahre jung, als ich hier ankam. So wie du habe ich auf der ersten Plattform eine ähnliche Simulation erlebt. In dieser war ich eine Boll’Boll-Ratte, ein weibliches Tier, das Aas und Müll frisst. Ich kam mir unglaublich dick vor, befand mich in einem Nest. Dann ging es los. Wie an einem Fließband kamen die kleinen Rattenbabys aus mir heraus. Es tat nicht weh, aber es war so erniedrigend, dass ich mir sofort wünschte, die Wandlung schon vollzogen zu haben. Das Ritual, bei dem ich endlich geschlechtslos werde, um dieses Leid nie im wirklichen Leben ertragen zu müssen.«

»Ich war Zehn. Es war eine Affenart. Männchen.«

»Ich war Zwölf. Fische, die laichen.«

Die Ritualisten standen einer nach dem anderen auf, stellten sich vor die Drei und erzählten kurz, was sie erlebt hatten. Als sie fertig waren, fügte ONIK hinzu: »Wir gehen alle einen ähnlichen Weg. Das, was wir lernen, unterscheidet sich kaum voneinander. Was wir daraus machen, schon. Es hat einige Novizen gegeben, die ihre Wandlung nicht vollzogen haben und dann aus der Gesellschaft verstoßen worden sind. Den Weg bestimmen wir selbst.«

GAL stand mit erhobenem Haupt vor ONIK, seine Tränen hatte er mit dem Ärmel abgewischt, den beiden anderen Novizen hatte er seine Hände gereicht: »Wir danken euch für eure Ehrlichkeit, danke dafür, dass ihr dieses intime Geheimnis mit uns geteilt habt. Ich habe meinen Weg bereits auf der Plattform gewählt, denn eine solche sexuelle Erniedrigung möchte ich nie wieder spüren.«

Wundervolle Wesen, Ritual 11, Warmgetränke startet um Eintausendzehn. Genuss ist eure Belohnung.

Eine Belohnung hatten sie sich verdient. Diese Gespräche waren noch nie GALs Lieblingsbeschäftigung. Auch, wenn er sich in der Gruppe gut aufgehoben fühlte, war es für ihn anstrengender als ein gemütlicher Dauerlauf oder Gymnastik.

Wieder ging die Gruppe schweigend in den Speisesaal, wo sie ein tiefschwarzes Getränk erhielten. War das der berühmte Kaffee, von dem er bisher immer nur gehört hatte? In der Fabrik hatten sie Tee und heiße Milch bekommen, für die gerösteten Bohnen wären sie zu jung, hatte es geheißen. GAL roch an seinem Becher und bemerkte die neugierigen Blicke der anderen Novizen. Dann probierte er vorsichtig den ersten Schluck. Es schmeckte bitter, er hätte es fast wieder ausgespuckt, erst nach einem weiteren Moment entfaltete sich ein rauchiges Aroma in seinen Geschmacksknospen und er bekam das Gefühl, von frisch gesägtem Holz umgeben zu sein. GAL entschied, dass ihn vorwiegend der leicht fruchtige Geruch faszinierte. Das waren viele Eindrücke, die ihm seine eigenen Sinne gaben. Wie gut, dass es in der Fabrik Genussseminare gegeben hatte.

»Lass ihn noch zwei Minuten abkühlen, dann erlebe ihn neu.« ONIK hatte ihm das eher zugeflüstert, um niemanden beim Kaffeegenuss zu stören.

Als GAL den Kaffee erneut probierte, hatte er den Eindruck, ein anderes Getränk in Händen zu halten. Das Bittere war verschwunden. Er schmeckte über die Frucht hinaus eine weitere Süße, die er nicht einordnen konnte.

»Das ist karamellisierte Haselnuss, oder um ehrlich zu sein, eine aus den Energie-Materie-Konvertern erzeugte Replikation davon.«

»Faszinierend«, flüsterte GAL ONIK zu.

Wundervolle Wesen, Ritual 12, Meditation und Entspannung startet um Eintausendzwanzig. Bringe Körper und Seele in Einklang, erhalte den Frieden.

Nach dem Kaffee war GAL entspannter. Er fühlte sich frisch, ein wenig nervös, wie es am Morgen der Fall gewesen war. Meditation hatte bei ihm nie funktioniert, er war bei diesen endlosen Sitzungen mehr damit beschäftigt gewesen, nicht laut zu lachen. Ja, er fand das albern und unnötig. Wenn ich mich entspannen will, dann schlafe ich, war sein Motto. Wenn er ehrlich war, hatte er die Hoffnung, dass unter den Ritualisten etwas anders lief, dass es ihn mitnehmen würde, und dass er endlich eine Verbindung zur Meditation herstellen konnte. Schließlich gab es nicht ohne Grund 37 Rituale, die alle eine Beziehung zueinander hatten. Nur, wenn man alle 37 verinnerlichte, liebte und lebte, war man reif für das Upgrade, das einen zum vollständigen Mitglied der intergalaktischen Allianz werden ließ. GAL gab sich alle Mühe, als er im Schneidersitz im Kreis der Ritualisten saß und der anleitenden Stimme lauschte.

Ich schließe meine Augen und befinde mich in Ausgangsposition.

Meine Gedanken sind nur bei der Stimme, der Stimme, die mich auffängt und schützt.

Mein Körper wird gut behandelt, doch mein Geist braucht Ruhe und Geborgenheit.

Ich atme tief ein und beim Ausatmen verlässt mein Geist meinen Körper.

Alle Gedanken, alle Sorgen, alle Freuden, lasse ich zurück. Es gibt nur noch meinen Geist, meinen reinen Geist.

Ich steige empor und öffne mich der Vereinigung.

Ich werde eins mit den anderen Geistern dieses Raumes.

Ich werde eins mit diesem Planeten.

Ich spüre … es gibt nur noch einen starken Geist, ohne Gedanken, ohne Sorgen, ohne Freuden.

Ein perfekter Geist.

Ich dehne mich aus und reiche meine Offenheit weit hinaus in die Galaxien.

Hinaus zu anderen Geistern, die mit mir eins werden mögen.

Ich nehme sie auf und lasse mich von ihnen aufnehmen.

Unsere Geister treffen aufeinander und werden eins.

Die Stimme pausierte, doch Zeit hatte für GAL und all die anderen keine Bedeutung.

Das Gefühl, das ich gerade erlebe, nennt sich Transzendenz. Ich bin eine mentale Singularität, verbunden mit mir selbst.

Doch es gibt noch eine andere Welt, in der ich gern bin, in der ich mich aufhalte, solange es mir möglich ist.

Eine Welt, in der ich lerne, mich für die Schaffung meines Geistes zu bedanken.

Eine Welt, in der ich meinen jungen Geist wachsen lasse.

In diese Welt kehre ich nun langsam zurück.

Ich löse die Verbindung zu den Geistern der Galaxien.

Ich strecke mich aus, um alle Verbindungen zu trennen …

… so lange, bis ich mich vom letzten Geist getrennt habe, der in einem anderen Körper wohnt.

Dann kehre ich in meinen wartenden Körper zurück und berichte ihm von dieser wundervollen Erfahrung.

Ich spüre meinen Atem.

Ich spüre meinen Körper.

Ich denke meine Gedanken.

Ich atme ein …

… und aus …

… ein …

… aus.

Ich öffne meine Augen und bin wieder im Hier und Jetzt.

GAL konnte nicht begreifen, warum es diesmal auf Anhieb funktioniert hatte. Lag es an der Medikation? Er wollte es nicht näher hinterfragen. Aktuell kam es nur auf eines an: Ritual 12 war sein neuer Favorit. Dieses Erlebnis hatte ihm Kraft und Stabilität verliehen, mit der er nicht gerechnet hatte. In den Gesichtern der anderen Novizen sah er den erfüllten Blick, den er bisher nur bei Ritualisten gesehen hatte.

Wundervolle Wesen, Ritual 13, Kreativzeit startet um Elfhundert. Entfalte deine schöpferische Kraft.

Dieses Mal ging GAL unvoreingenommen auf der roten Linie entlang hinter den Menschen her, mit denen er im Geiste verbunden war. Inzwischen stellte er fest, dass er das ohne Erwartungen und ohne Zurückhaltung tat. Er war angekommen. Angekommen in seinem neuen Heim.

Im Kreativsaal standen viele angefangene Kunstobjekte. Eine Holzschnitzerei beeindruckte ihn am meisten. Es war eine aus einem drei Meter durchmessendem und zwei Meter hohem Baumstamm gearbeitete Figur. GAL konnte erkennen, dass es sich um ein Tier oder ein intelligenteres Wesen handelte, das nicht von der Erde oder von Erridos 7 stammen konnte, es sei denn, er hatte in einem der Unterrichte in der Fabrik nicht aufgepasst, was er ausschloss.

Dieses Ritual war eines der Schweigenden. GAL nahm sich fest vor, den Schöpfer des Werkes später zu fragen. Er durfte sich aus dem, an den Wänden entlang angeordneten Materiallager seinen Werkstoff und die dazugehörigen Werkzeuge aussuchen. Als GAL in den Bereich der Holzbearbeitung gegangen war, fand er dort einige Äste und nahm sich ein 30 cm langes Stück Kirschholz. Er hatte sich gerade für eines der Messer entschieden, als der Schöpfer der gigantischen Holzskulptur ihm sanft seine Hand auf die Schulter legte: »Nimm auch dieses Werkzeug. Man nennt es Stechbeitel. Damit sticht man in das Holz und kann präzise Konturen herausarbeiten. Soll ich es dir zeigen?«

»Ich dachte, wir verrichten unsere Arbeit schweigend.«

»Zur Weitergabe unseres Wissens ist das Sprechen erlaubt. Willst du lernen, wie es geht?«

»Sehr gern.«

»Dann komm mit.«

Sie gingen an einen freien Tisch, auf dem GAL sein Holz ablegte. Dort zeigte ihm der Ritualist, dessen Namen GAL nicht kannte, wie man mit dem Stechbeitel umging. »Du musst sehr gut auf deine Finger aufpassen, da du dich leicht damit verletzen kannst. Also, fangen wir an. Wir sollten erst ein kleines Dreieck in das Holz schlagen, das ist eine Übungsaufgabe, die du vielleicht in ein paar Wochen verinnerlichen kannst.«

GAL schreckte zurück, wagte – mit einem Seitenblick zu dem großen Meisterwerk – keinen Widerspruch.

»Zunächst fixieren wir das Werkstück auf dem Tisch. Dazu benutzen wir diese Klemmen.«

Der Ritualist war geduldig mit GAL und die Stunde, die ihnen zur Arbeit zur Verfügung stand, verging schnell. GAL lernte, dass der Einsatz des Beitels nicht einfach war, wie er es sich vorgestellt hatte. Es war wichtig, die Faserung des Holzes zu beachten und mit der Arbeit quer zu ihr zu beginnen. »Wenn du den Speitel das erste Mal ansetzt, dann könnte er verrutschen. Deshalb schneiden wir die Stelle, in die er eindringen soll, ein wenig vor. Jetzt nimmst du den Speitel und setzt ihn auf die entstandene Kerbe.«

GAL gab sich Mühe, alles richtig zu machen, und ließ sich gerne führen. Er hatte einen Meister und ein Handwerk gefunden. Die gemeinsame Arbeit und das Lernen bereiteten ihm große Freude.

Wundervolle Wesen, Ritual 14, Nahrungsaufnahme startet um Zwölfhundert. Gesunde Kalorien sind unsere Energie.

Hier wartete die nächste Überraschung auf GAL. Der Duft, der in seine Nase stieg, erinnerte ihn an die Simulation. Nicht, dass es nach den Maden roch. Es war vielmehr die Reaktion, die ihn an das Lernritual erinnerte. Es duftete … süßlich … und er wollte es haben. Waren solche Gefühle erlaubt? Anscheinend ging es ihm nicht allein so. Die Ritualisten nahmen ihre Schalen aus dem Depot und ließen sie mit einer warmen, eingedickten Suppe aus den Spendern füllen. Dazu nahmen sie sich ein kubisches braunes Etwas. Als GAL den Ritualisten vor sich fragte – er hatte inzwischen verstanden, das Sprechen zu Lernzwecken erlaubt war – ob die Nahrung eine Bezeichnung habe, bekam er die Antwort: »Das ist Süßkartoffeleintopf.«

»Und das Braune?«

»Gab es in der Fabrik kein Brot? Das ist Brot, Junge.« Das Wort »Junge« sprach der Ritualist voller Verachtung aus und wurde anscheinend sofort über seinen Chip abgestraft, denn er zog gleich darauf die Schultern hoch und senkte schweigend den Blick.

Brot … Suppe … GAL hatte davon gehört, aber es nie gekostet. In den Genuss-Seminaren kam zwar Brot vor, er hatte damals darauf zugunsten eines Heißgetränkes verzichtet, das ihn mehr interessiert hatte. Die Ernährung der Novizen zielte auf ein rasches und gesundes Körperwachstum ab. Deshalb gab es vorwiegend Brei und Milch, die, wie GAL erst später lernen sollte, ebenfalls repliziert waren.

Er schaute den anderen zu, wie sie nahezu synchron die Suppe aus der Schale tranken, sich dann ein Stück aus dem Brot herausbrachen und es in die Suppe tunkten. Anschließend wurde das Stück wieder 23 Mal gekaut, allerdings fand das Kauen langsamer statt als beim Frühstück.

Die Suppe hielt geschmacklich das, was ihr Geruch versprach. Sie war köstlich und wärmend. Das Brot war ein neues Erlebnis für GAL. War es am Anfang eher trocken und krümelig, wurde es beim Kauen zunächst zu einem Klumpen und später zu einem weichen Brei, der an Süße zunahm.

Die Ritualisten benutzten ihre letzten Brotstücke, um den Rest Suppe aus ihren Schalen aufzunehmen, die danach komplett geleert waren.

Ein kleiner Rülpser löste sich aus GALs Magen, und auch wenn ihn zwei oder drei strafende Blicke trafen, fand er es komisch und musste lachen, bis ONIK ihn am Ohr packte und zum Schweigen brachte.

Wundervolle Wesen, Ritual 15, Napping startet um Zwölfhundertfünfundvierzig. Taucht ab in die tiefe Entspannung.

Müde war GAL nicht, aber restlos satt. Auf einen Mittagsschlaf hätte er gern zugunsten eines längeren Auslaufs verzichtet, aber Ritual war Ritual. Sie betraten den Schlafsaal, in dem ihre Betten bereitstanden Dieser unterschied sich für die Novizen nicht von dem in ihrer Fabrik. Die Ritualisten konnten den Aufwachmoment ihrem Chip überlassen. Die Novizen erhielten dafür ein Stirnband, das die Hirnwellenmuster maß und im entscheidenden Moment einen Vibrationsimpuls von sich gab, um den Novizen zu wecken.

Es tat gut, einen Moment zu liegen. Er wusste nicht, wann er aufgehört hatte, über den bisherigen Tag nachzudenken, bekam mit, dass ihn das Stirnband mit seiner Vibration aus der Entspannung geholt hatte. Er blieb einen Moment liegen, stand dann auf und freute sich auf Ritual 16.

Wundervolle Wesen, Ritual 16, Spaziergang oder Dauerlauf starten um Dreizehnhundert. Bringt die Kalorien in eure Muskeln.

Die Arme im 90-Grad-Winkel dicht am Körper vorbeigeführt im Vorderfußlauf … zwei Schritte einatmen … vier Schritte ausatmen … den Körper nach vorne … beinahe wie im Fallen … den Vorderfuß einsetzen. GAL überholte die beiden Ritualisten, die vor ihm liefen. Es war kein Wettkampf und so sah er es auch nicht. Er wollte nur eins … laufen. Laufen, schnell wie der Wind. Er hatte diesen Trieb schon vorher gespürt und wusste, dass es einem Ritualisten möglich war, Trieben und Ehrgeiz zu widerstehen, doch heute war GAL noch ein Novize, und das wollte er voll auskosten.

Als sie in den Block zurückgekehrt waren, stellte GAL erneut fest, dass er kaum außer Atem war. Sein Puls war nicht – wie bei den Läufen in der Fabrik – auf einem hohen Niveau geblieben. Er schätzte seinen Laufpuls um die 80 und es dauerte nicht mehr als zwei Minuten, bis sich der Herzschlag auf die üblichen 44 Schläge pro Minute reduziert hatte. Sofern seine Zeitschätzung stimmte. Von Kindesbein an hatte er beigebracht bekommen, die Sekunden mit einem Zwischenwort zu zählen, um eine möglichst genaue Einschätzung des Zeitablaufes vornehmen zu können. Das war aus mehreren Gründen erforderlich. Beispielsweise, wenn sein Chip, den er als Ritualist erhalten würde, aus unerwarteten Grund beschädigt oder gestört würde. Sonnenstürme hatten ein solchen Elektro-GAU schon zweimal ausgelöst und zu großer Unsicherheit unter den Ritualisten geführt. Trotz vorhandener Schutzschirme hatten die Erridorianer in ihrer langen Geschichte gelernt, dass eine vergangene Katastrophe mit den entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen in der Zukunft vermeidbar war. Das Training auf ein Leben ohne Chip gehörte zu diesen. GAL hatte sich beim Lauf über den niedrigen Puls gewundert, der normalerweise auf über 100 anstieg. Er hatte Zeige-, Mittel- und Ringfinger nebeneinander sanft auf die Halsschlagader gelegt. Dann hatte er zu zählen begonnen. Eins, Rituale, zwei, Rituale, drei, Rituale, bis er bei 15 angekommen war. 20 Mal hatte sein Herz in dieser Zeit bei normalem Blutdruck – davon war er aufgrund des weichen Widerstands auf seiner Halsschlagader ausgegangen – geschlagen. Zwanzig Schläge in 15 Sekunden bedeutete 80 pro Minute. Höher war der Puls nicht gestiegen. Auch die Messung nach dem Lauf überraschte ihn mit den schnell erreichten elf Schlägen in 15 Sekunden. Das musste an den Medikamenten liegen, oder war es die genaue Einhaltung der Rituale? GAL fühlte sich großartig und das war alles, was von Bedeutung war. Er war jetzt schon fest davon überzeugt, dass die 37 Rituale ihm guttaten, auch wenn er erst beim Sechzehnten angekommen war.

Wundervolle Wesen, Ritual 17, Sprachkurs Erridorianisch startet um Vierzehnhundert. Lerne eine Sprache und du begreifst die Spezies.

»Serraaaarkh Hajk Kaal, GAL.«

GAL schaute schweigend sein Gegenüber an. Heute saß er zum ersten Mal in seinem Leben einem echten Erridorianer gegenüber – zumindest der holographischen Übertragung eines Außerirdischen.

»Mein Name ist …« Das Wesen vollführte ein paar Zischlaute, die von Schreien und Würgereflexen durchsetzt waren, dabei zuckte es. »… aber da es dir unmöglich sein wird, ohne das Upgrade die Worte unserer Hochsprache auszusprechen, beginnen wir mit dem Erridorianisch, das wir mit unseren Kari’Kre, einer Affenart, sprechen. Jeder Erridorianer wird es verstehen. Es hat sich zu einer Art Universalsprache entwickelt, die wir zum Austausch mit neuen Völkern verwenden.«

»Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, aber warum macht ihr das überhaupt? Ihr sprecht doch unsere Sprache, und, wenn ich da nicht falsch liege, habt ihr sie in kürzester Zeit erlernt.«

»GAL, das ist eine sehr intelligente Frage. Wir sind der Überzeugung, dass das Erlernen dieser Sprache ein Schlüssel zu unserer Spezies ist. Lerne eine Sprache und begreife das Wesen, das sie verwendet.«

»Das leuchtet ein. Habt ihr uns denn … begriffen? Wie soll ich dich eigentlich nennen.«

»Nenn mich SPONN. Man hat mir zugetragen, dass du ein sehr aufgeweckter Mensch bist. Allein deine ersten Fragen haben mich schon davon überzeugt. Legen wir also los.«

»Ich hätte noch einige Fragen.«

»Die werden wir später klären. Bitte, erinnerst du dich daran, was ich zu unserer Begrüßung gesagt habe?«

»Serak Haj Karl, GAL.«

»Fast. Ich sagte Serraaaarkh Hajk Kaal. Die Länge der Vokale hat bei dieser Sprache eine besondere Bedeutung. Sprichst du ein Wort zu kurz aus, dann hat es oft die negierte Bedeutung. Serraaaarkh bedeutet im übertragenen Sinne Wärme, sprichst du es so aus wie du, dann wird es zu Eiseskälte. Hajk ist das Wort für Grüße. Dein Haj ist nah dran, heißt aber ohne das spitze kehlige K am Ende Geburt. Kommen wir zu Kaal, das L wird weich gesprochen, das zweite a leiser. Die Bedeutung dieses Wortes ist Schüler. Wenn du deinen Lehrer begrüßen möchtest, dann kommt die Respektbekundung in Form des Buchstaben U an das Kaal. Da ich einer der erfahrensten Lehrer bin, darfst du Kaaluuu sagen. Bedenke, dass du aus dieser Begrüßung einiges über unser Volk lernen kannst. Was fällt dir auf, GAL? »

»Eure Sprache setzt sich aus meiner Sicht mathematisch zusammen, da ihr die gleichen Worte in unterschiedlicher Aussprache – hier der Vokallänge – verwendet. Besonders interessant finde ich auch, dass Haj die Geburt ist. Das ist auch eine Form eines Grußes oder Begrüßens, wenn ein neues Wesen auf den Planeten kommt. Na und dann ist mir noch aufgefallen, dass bei einem Lehrer, egal mit wie vielen U er ausgesprochen wird immer noch der Wortteil des Schülers vorkommt. Also kann nur ein Schüler ein Lehrer werden.«

»Hervorragend beobachtet. Weißt du jetzt, warum du unsere Sprache lernen sollst, Kaal?«

»Ja, Kaaluuu.«

»Fangen wir also erneut mit der Begrüßung an. Hör gut zu. Serraaaarkh Hajk Kaal, GAL.«

»Serraaaarkh Hajk Kaaluuu, SPONN.«

»Sehr gut. Kennst du schon irgendwelche Erridorianischen Begriffe? Es sollten schon einige sein, nach deiner Ausbildung.«

»Ja. Ich kenne viele Tier- und Pflanzenbezeichnungen.«

»Gut. Da unsere intergalaktische Sprache, wie du schon festgestellt hast, mathematisch ist, versuchen wir ein paar Gemeinsamkeiten der dir bekannten Worte herauszufinden.«

GAL machte sich gut. Er hatte sofort ein paar Begriffe gefunden, die ihrer gegensätzlichen Bedeutungen – allein durch ihre Bezeichnung – gerecht wurden.

»Das Wort für Tag ist ›Porraaaarkh‹ das ist ziemlich nah an Wärme, was sich ja auch erklären lässt, weil der Tag die Wärme der Sonne erfährt. Nacht heißt ›Porrarkh‹.«

»Beide Worte hast du richtig ausgesprochen. Es sind auch Synonyme für Helligkeit und Finsternis. Als ich einige literarische Werke der Menschen in unsere Sprache übersetzt habe, kam mir auch eine uralte Legende in die Hände, die von ihren Bewunderern über die Zeit getragen wurde. Kennst du die Legenden des Sternenkrieges? Meine Übersetzung heißt ›Porraaaarkh k Porrarkh‹ Helligkeit gegen Finsternis, ein großartiges Gesamtwerk, wie ich finde. Wenn du möchtest, kann ich unsere Unterrichte darauf aufbauen. Ich nehme immer gern ein Stück Literatur der Menschen zu Unterrichtszwecken.«

»Sehr gern, Kaaluuu, SPONN.«

Der Unterricht verging wie im Fluge. SPONN hatte eine großartige Art, seinen neuen Schüler zum Mitmachen zu motivieren, auch wenn es kaum nötig war.

Wundervolle Wesen, Ritual 18, Defäkation und Miktion starten um Fünfzehnhundert. Werdet los, was euch belastet.

Die Defäkation verlief wie am Morgen, doch GAL stellte fest, dass er sich voll und ganz auf den Prozess konzentrierte. Sein Schamgefühl war verschwunden. Es bestand kein Grund mehr, sich vor den Menschen zu schämen, dies sich geistig mit ihm vereint und ihm all seine Fragen ehrlich und freundlich beantwortet hatten. Dieses Mal brauchten weder GAL noch die anderen Novizen Unterstützung bei den nötigen Handgriffen. Das Entkleiden, die Schlauchentnahme, der Adapter, alles ging fließend von der Hand. GAL schaute während des Entleerens zu der jungen Novizin, die ebenfalls nackt zwei Plätze weiter stand. Als sie den Adapter entfernte, starrte er ihr in den Schritt. In der Fabrik waren Jungs und Mädchen getrennt worden, wenn sie nackt sein mussten, hier war es anders. Es gab nur unter den Novizen unterschiedliche Geschlechter. Als GAL ihre haarlose Vagina sah, wendete er schnell seinen Blick wieder ab, es war zu spät. Das Blut floss ihm in den Schritt und ließ seinen Penis tun, was er in der Natur zu tun hatte. Er signalisierte Einsatzbereitschaft. »Es tut mir leid«, sagte GAL aus tiefsten Herzen. »Mit der Zeremonie wird das nur noch eine Erinnerung. Bitte seht weg, es ist mir zutiefst unangenehm.«

Die Ritualisten, die sich seine Erektion angewidert betrachtet hatten, drehten ihm gleich nach seiner Aufforderung den Rücken zu. Das junge Mädchen starrte ihn weiter an und machte keine Anstalten, sich anzukleiden. GAL drehte sich zu seiner Kleidung, um sie wieder anzulegen. Er wollte schnell dieser Situation entfliehen. Ein Erguss war schon peinlich genug.

Wundervolle Wesen, Ritual 19, Getränkeaufnahme kalt startet um Fünfzehnhundertzehn. Ein stabiler Hydrationsstatus sorgt für effiziente Gehirnfunktion.

Es gab Wasser. Folgten die Gründer, die die Rituale eingeführt hatten, einem speziellen Plan? Beim Trinken von Wasser konnte man Genuss empfinden, aber es diente eigentlich nur der Hydration des Körpers und verursachte nicht solche Gefühle, wie es eine frisch gebrühte Tasse Kaffee vermochte. Bei der Nahrung war ihm ähnliches aufgefallen. Morgens gab es die schlichten Würfel, die ganz okay schmeckten, aber lediglich der Kalorienzufuhr dienten. Die leckere Süßkartoffelsuppe war dagegen ein Genuss. GAL traf für sich die Schlussfolgerung, dass es galt, die Emotionen wahrzunehmen und auszuleben, um sie in einem späteren Reifestadium unterdrücken zu können. Wie sollte er ein Gefühl kontrollieren lernen, das er nicht kannte. Und so war es absolut nicht verwunderlich, wie schnell er mit seiner Erektion umzugehen gelernt hatte. Er musste sich von seiner natürlichen Körperfunktion trennen und würde bald mit einem angepassten Körper nicht mehr in die Verlegenheit kommen. Ebenso wird er mit dem Chip in die Lage versetzt werden, den guten Geschmack einer Tasse Kaffee zu schätzen, aber den Wegfall dieses Genusses nicht als Verlust zu erleben. So musste er mit dem sexuellen Trieb umgehen, den er am Morgen in der Simulation erlebt hatte. Er wollte die Gefühle von seinem logischen Handeln trennen. Sein Körper hatte ein geschlechtliches Erlebnis, er hatte sich für seinen Trieb geschämt. Mit Distanz betrachte gab es für Scham keinen Grund.

Wundervolle Wesen, Ritual 20, Medikation startet um Fünfzehnhundertzwanzig. Supplemente geben euch Gesundheit und ein langes Leben.

»Hallo?« GAL rief es in die Nische, die sich vor ihm geöffnet hatte.

Sprich, GAL.

»Könnte ich etwas bekommen, das meinen Sexualtrieb unterdrückt? Es ist viel stärker geworden, als es in der Fabrik war.«

Gleich darauf stimmte die junge Novizin mit leiser Stimme ein: »Ich bräuchte auch etwas.«

Novizen. Die verstärkten Funktionen eurer Sexualorgane und des Paarungstriebes sind erwünscht und dienen der Gemeinschaft. Euer Antrag wird abgelehnt.

»Mit welcher Begründung?«

Die Stimme schwieg. GAL wollte erneut nachfragen, wurde aber von ONIK unterbrochen: »Frag bitte nicht nach. Wir alle mussten das erleben. Das gehört leider dazu.«

Wortlos nahm GAL die Impfpistole aus dem Fach und verabreichte sich seine Medikamente.

Wundervolle Wesen, Ritual 21, Einzelgespräch startet um Fünfzehnhundertdreißig. Du als Individuum bist uns genauso wichtig wie die Gemeinschaft.

»Wie geht es dir, GAL?«

»Körperlich ist alles in Ordnung, aber in meinem Kopf ist ganz schön was los.« GAL saß in einer der 48 Kabinen, die nach außen hin abgedunkelt und schalldicht waren. Auch wenn er allein in der engen Kapsel saß, hörte sich die Stimme an, als käme sie von einem der Ritualisten.

»Willst du mir erzählen, was dich beschäftigt?«

»Bist du eine Simulation?«

»Es geht hier nur um dich, GAL.«

»Um mich. Ja. Es gibt so einige Dinge, die mich im Moment so sehr beschäftigen, dass ich mich kaum noch auf die Fortsetzung der Rituale konzentrieren kann.«

»Es ist dein erster Tag in unserem Block. Warum solltest du schon alles verstehen und perfekt umsetzen?«

»Weil Ritualisten Fehler vermeiden.«

»Bist du ein Ritualist?«

»Nein … noch nicht, aber ich will einer werden.«

»Dann brauchst du dich aber noch nicht zu ihnen zählen. Das was du heute erlebst, ist eine Vorbereitung auf den nächsten Tag, auf den nächsten Schritt. So wird das in den nächsten Jahren jeden Tag gehen. Du entwickelst dich in Richtung Perfektion, aber ob du sie erreichst, ob du erkennst, was zur Perfektion benötigt wird, musst du selbst herausfinden. Wir können dich nur auf dem Weg begleiten und dir deine persönlichen Herausforderungen anbieten.«

»Was war das heute Morgen in der Lernphase? Auch eine Herausforderung?«

»Ritual 8 ist eine der 37 täglichen Herausforderungen.«

»An Ritual 8 bin ich gescheitert. Ich habe mich bis auf die Knochen blamiert.«

»Empfindest du es wirklich als Scheitern?«

»Ich bin mir nicht sicher. Die Situation selbst war erniedrigend, ich habe mich bloßgestellt gefühlt. Alle konnten es sehen. Auf der anderen Seite hat es danach das Gruppengespräch gegeben, in dem ich das Thema angesprochen habe.«

»Wie haben die Ritualisten reagiert?«

»Sie haben mir von ihren Erniedrigungen berichtet. Das machte es etwas leichter für mich.«

»Haben die anderen Novizen es angesprochen?«

GAL überlegte kurz: »Nein, aber ich bin mir sicher, sie hätten es getan.«

»Du hast es getan. Du hast ein Thema angesprochen, das zwischen dir und den Ritualisten eine Spannung erzeugt hat. Genau dafür sind unserer Gruppengespräche da.«

»Also musste ich erst scheitern, um danach alles richtig zu machen?«

»So in etwa, GAL. Geht es dir damit etwas besser?«

»Nicht wirklich. Das belastet mich schon sehr.«

»Das verstehe ich.«

GAL sprach noch einige Themen an, die ihn beschäftigten. Da war zum Beispiel der Genuss, den er beim Kaffeetrinken empfunden hatte. Auch die eben erlebte Situation bei der Defäkation wurde zum Thema. Nach dem Einzelgespräch ging es ihm eher schlechter als vorher. Er mochte es nicht, über seine Probleme zu sprechen, hätte lieber geschwiegen, aber das Ritual erforderte seine Ehrlichkeit.

Wundervolle Wesen, Ritual 22, Schwerelosigkeitstraining startet um Sechzehnhundert. Schärfe deine Sinne für die Reisen in ferne Galaxien.

Die Schwerelosigkeit hätte ebensogut eine Simulation sein können, aber die Halle, in der sie stattfinden sollte, beeindruckte die Novizen mehr. Es war echt. Große Apparate an der Decke und am Boden sorgten für ein Kraftfeld, in dem die Erdgravitation aufgehoben war. Die roten Linien, die sie in vier Reihen in die Halle geführt hatten, endeten kurz nach dem Halleneingang. Während die anderen Ritualisten mit ihren Übungen begonnen hatten, Übungen, die GAL bisher nur theoretisch kennengelernt hatte, standen ONIK und zwei weitere Ritualisten für die Novizen bereit.

»Lasst euch bitte nach vorne fallen und haltet Arme und Beine ausgestreckt vom Körper weg. Ihr dürft euch nur auf Kommando bewegen, da jede Bewegung in der Schwerelosigkeit einen Richtungswechsel zur Folge hat. Als erstes müssen wir euren Gleichgewichtssinn daran gewöhnen, wie es in einem schwerelosen Raum ist. Es gibt leider den einen oder anderen, dem es bei Schwerelosigkeit schlecht wird. Die Medikation enthält zwar ein entsprechendes Gegenmittel, dennoch bitte ich euch, rechnet mit ein wenig Übelkeit. Auf geht’s.«

GAL wartete nicht auf die anderen. Neugierig ließ er sich nach vorne fallen und bemerkte besorgt, dass sich der Boden bedrohlich näherte. Kurz vor dem Aufprall konnte er ONIKS festen Griff auf seiner Brust spüren. »Seht ihr? Genau so. Ihr könnt euch auf uns verlassen.« Die beiden anderen Novizen ließen sich fallen. Das Mädchen hatte keine Angst, der Junge dagegen zuckte zurück und streckte seine Arme nach vorne. Das Schauspiel, das sich den anderen bot, ließ die trainierenden Ritualisten einen Moment pausieren und zusehen.

GAL hatte mitbekommen, dass der andere Junge die Hände im Sturz vor seinen Körper gestreckt und dann seine Knie angezogen hatte. Einem Reflex folgend wollte er eine Judorolle machen, doch das ging mächtig schief. Mit den Armen zuerst prallte er vom Boden ab und schoss wie eine Kanonenkugel in die Höhe. Seine Arme und Beine zappelten wie die einer auf dem Rücken liegenden Schildkröte. Kaum war er am oberen Ende des Raumes angekommen, stieß ihn das Gravitationsfeld wieder fort. Der Junge flog wie ein Gummiball von einer Grenze des Feldes zur nächsten, nicht ohne dabei mit einigen der lachenden Ritualisten zusammenzustoßen. Nach einer Weile schwebte der ihm zugeteilte Ritualist zu ihm und half dem blassen Novizen zurück zum Boden. Gemeinsam verließen sie die Halle. GAL konnte sich wieder auf sein Training konzentrieren.

»Haltet euch am Boden fest. Dort sind Haltegriffe angebracht. Versucht zunächst auf die Beine zu kommen, ohne den Kontakt zum Boden zu verlieren.«

In der Theorie hatte es einfacher ausgesehen. Der antrainierte Muskelreflex beim Aufstehen musste abgeschaltet werden, um nicht wie der andere Junge durch den Raum zu flitzen. GAL hatte schnell herausgefunden, dass er sich in der Schwebe ausrichten und dann die Füße in eine der Schlaufen stecken musste. Dieses Training wiederholten sie bis zum Ende der Stunde. Dabei schaute GAL gern den erfahrenen Ritualisten zu, die komplizierte Bewegungsabläufe beherrschten und Vögeln gleich durch den Raum glitten.

Wundervolle Wesen, Ritual 23, das Genbad startet um Siebzehnhundert. Bremse das Altern und lebe länger.

Das Genbad war eines der wertvollsten Geschenke, das ausschließlich die Ritualisten benutzen durften, da sie der Bevölkerungsgruppe angehörten, die einem Upgrade zugestimmt hatte. In Vorbereitung auf die langen Reisen im All erhielten die Gene eine Art Verlangsamung des Zellwachstums. Die Zellteilung erfolgte ebenfalls langsamer und führte daher zu qualitativ hochwertigeren Kopien. Im Rahmen eines solchen Bades liefen die Ritualisten entkleidet mehrere Runden durch ein Becken mit der angereicherten Lösung, die darüber hinaus in der Lage war, defekte Gene zu erkennen und zu eliminieren. Als GAL in den Behandlungsraum kam, dachte er zunächst, das Becken sei leer, da er keine Flüssigkeit darin schwimmen sah. Beim Betreten ließen sich keine wesentliche Veränderung an sich oder dem umgebenden Raum feststellen. Als er sich in Bewegung setzte, prickelte es auf seiner Haut, als würden dicke Regentropfen auf seinem Kopf zerplatzen, nur mit dem Unterschied, dass sie zum Teil auch in sein Inneres vorzudringen schienen. Die durchsichtige Masse ließ sich atmen, was GAL aus seinen theoretischen Unterrichten in der Fabrik wusste. Dort gab es keine derartigen Becken. Die Erridorianer fanden es unethisch, Lebewesen, die sich vor ihrer Geschlechtsreife befanden in praktischer Weise durch die Rituale zu führen. Vor der Zeremonie sollte jeder in der Lage sein, zu bestimmen, wie das Erwachsenenleben verlaufen soll. Entschied sich eines der Kinder dagegen, sollte kein außerirdischer Einfluss im Körper des Menschen sein. Die Verbannung in den Untergrund, die Sicht der Ritualisten auf die Naturalisten als Untermenschen, beides war nicht durch die erridorianischen Besucher initiiert worden. Ihre Direktiven verboten sogar eine unerwünschte Einmischung. Wie sollte sonst jemals ein friedliches Miteinander erreicht werden, bei dem sich die Wesen unterschiedlichster Spezies und Kulturen miteinander vertrugen? Nach dem Bad zogen sich die Ritualisten frische Kleidung an und stellten sich dieses Mal in einer Reihe auf.

Wundervolle Wesen, Ritual 24, medizinische Untersuchung startet um Siebzehnhundertdreißig. Nur gesund bist du der Gemeinschaft von Nutzen.

Die tägliche medizinische Untersuchung fand in einer Kapsel statt. Man brauchte sich nur hineinstellen, dann schloss sich die Seitenwand. Nach wenigen Sekunden war man wieder freigegeben. Die Ritualisten, die körperliche Beschwerden hatten, konnten diese in der Kapsel äußern. Meist waren die Leiden am nächsten Tag verschwunden, sobald sie ihre erste Medikation erhalten hatten.

Wundervolle Wesen, Ritual 25, Nahrungsaufnahme startet um Achtzehnhundert. Leichte Kost am Abend bringt einen sanften Schlaf.

Nach dem üppigen Mittagsmahl hatte GAL noch keinen Hunger. Er freute sich, dass es zum Abend ein paar Beeren und weiße Flüssignahrung gab, die, wie ONIK ihm erklärte, ein Eiweißshake war. In der Runde der Ritualisten fühlte GAL sich ausgesprochen wohl, der weiblichen Novizin versuchte er weitestgehend auszuweichen. Nicht dass er sie nicht mochte … er hatte eher Angst davor, sie zu sehr zu mögen.

Wundervolle Wesen, Ritual 26, Defäkation und Miktion starten um Null Achthundertvierzig. Bereite dich auf die Freizeit vor.

Dieses Mal drehte GAL sich bewusst in die der Novizin entgegengesetzte Richtung. Es hatte heute schon zu viel Erregung gegeben, obwohl ihn eine Sache enorm zusetzte. Ob er es schaffen konnte, sich bei Ritual 36 zusammenzureißen? Die Ritualisten hatten ihre Chips, er war auf sich gestellt und dann war da noch die Information, dass seine Libido mit voller Absicht gesteigert worden war. Welchen Zweck verfolgten die Erridorianer damit?

Wundervolle Wesen, Ritual 27, Körperhygiene startet um Achtzehnhundertfünfzig. Begegne der Gemeinschaft sauber und wohl duftend.

Die Schalldusche war jetzt genau die Erfrischung, die GAL brauchte. Er bediente, ohne nachzudenken, die drei Muscheln und genoss den Schall auf seiner nackten Haut. Wenn ich doch all die schmutzigen Gedanken mit abduschen könnte, dachte er sich. Er legte den Duschkopf zurück in die Nische und kleidete sich an, ertappte sich dabei, einen Blick zu der hübschen Novizin zu werfen, die es zum Glück nicht bemerkt hatte. ONIK dagegen hatte es gesehen: »Ist der Trieb so schlimm, Novize? Morgen wirst du davon befreit, wenn du dich dafür entscheidest. Dann geht es dir schnell besser.« Mit einem freundschaftlichen Klaps auf die Schulter ging ONIK an ihm vorbei, um sich mit dem Mädchen zu unterhalten. Was sie wohl zu besprechen haben? Hoffentlich reden sie nicht über mich.

Wundervolle Wesen, Ritual 28, Tanz und Gesang starten um Neunzehnhundert. Kommt einander näher und singt fröhlich.

Der Raum, in dem die Freizeitveranstaltungen stattfanden, war leicht abgedunkelt und reagierte mit bunten Spots auf die Stimmen der singenden Ritualisten. Tanzen geht ja, aber singen? GAL dachte von sich, dass seine Stimme furchtbar und eine Zumutung für andere sei, aber es war eines der Rituale. Also durfte er sich nicht verweigern und musste mit den anderen die Lieder singen, die er von klein auf gelernt hatte. Es gab einstudierte Tänze, die ihm größtenteils Freude bereiteten. Das erste Lied wurde von einem der Ritualisten angestimmt. Es hieß Mondenschein:

»Ich wandle im Mondenschein,

er spiegelt der Sonne Licht.

Ich wäre dabei heut nicht allein,

wüsst ich um den Schatten nicht.

Ach Mondenschein wir sind uns ein,

dein Leuchten gehört nicht dir.

Wie könnt ich sonst doch sicher sein,

dass mein Schatten gehört nur mir.«

Der Tanz dazu war nicht sonderlich anspruchsvoll, aber der Text gefiel GAL. Er sang mit, sang tief aus dem Bauch. Erst nach dem dritten oder vierten Wort fiel ihm auf, dass alle Stimmen im Raum mit einem technischen Hilfsmittel moduliert wurden. Die Gruppe hörte sich für ihn an, wie ein professioneller Chor. Singen ist Freude, dachte GAL und sang lauter.

Wundervolle Wesen, Ritual 29, Medikation startet um Neunzehnhundertfünfzig. Beruhige deinen Geist und bereite ihn auf die Nacht vor.

Es hatte sichtlich allen große Freude gebracht, gemeinsam die Tänze und Gesänge zu zelebrieren. Bei einem Lied »Sonnenblume« mussten sie sich an den Händen nehmen und in drei Kreisen tanzen, die sich gegeneinander drehten. GAL bemerkte erst, als der Tanz begonnen hatte, dass er die Hand der Novizin hielt. Ruhig bleiben. Das ist ein Zufall. Morgen wird es mich nicht mehr stören.

Wundervolle Wesen, Ritual 30, die täglichen Informationen starten um zwanzighundert. Sei informiert und erlebe den Fortschritt.

Der Raum wurde wieder taghell, in einer Ecke erschien eine Art Nebel und die Stimme, die sie den ganzen Tag begleitet hatte, wurde zu der des Nachrichtensprechers. Ihnen stand eine volle Stunde Information über die Welt außerhalb ihres Blocks bevor. Interessiert setzte GAL sich mit den anderen Ritualisten auf den Boden und beobachtete die Holografie, die zunächst von einem Naturalisten erzählte, der im Alter von 74 Jahren um eine Aufnahme in die Gemeinschaft gebeten hatte. Er habe ein wunderbares Leben mit einer Frau gelebt, sei Vater und Großvater geworden. Er hatte eines Morgens festgestellt, dass er sein gesamtes Leben mit diesen wertlosen Idealen vergeudet hatte.

In der nächsten Einblendung wurde sein neuer Alltag gezeigt und die Freude, die er dabei empfand. GAL machten diese Szenen nachdenklich. War das Leben des Gezeigten wirklich vor der Transformation so wertlos gewesen? Empfanden die Ritualisten Glück? Musste man Glück empfinden – überhaupt etwas empfinden? Der junge Novize entschied sich, dass seine Fragen kindlich naiv waren. Dieser Mann hatte ein Alter erreicht, in dem er auf ein langes Leben zurückblickte. Je älter ein Mensch wurde, desto mehr Erfahrungen hatte er gesammelt, was ihn eindeutig befähigte, sich ein besseres Urteil über das erlebte zu bilden. Wer war er, GAL, schon, um das Urteil des alten Menschen in Frage zu stellen?

Nicht nur das Geschehen der Menschen war Thema dieser täglichen Informationsveranstaltung. Es gab auch Berichte über die Technologie, die die gesamte Infrastruktur am Laufen hielt. Offensichtlich war das keine besondere Herausforderung für die organische Intelligenz. Heute wurde den Ritualisten der Prozess erklärt, mit dem defekten Stellen in einer Rasenfläche vorgebeugt wurde. Die Hydrationsdrohnen hatten spezielle Sensoren, die erkennen konnten, wie viel Wasser von den entsprechenden Graswurzeln aufgenommen wurden. War die Aufnahmequote zu gering, verteilte eine weitere Drohne Dünger an dieser Stelle. Wenn eine kahle Stelle erkannt wurde, ersetzt eine dritte Drohne diese mit einer replizierten Graspflanze. Alle Pflanzen kamen aus dem Energie-Materie-Konverter, um ein einheitliches Bild der Natur zu schaffen, wie sie vor den großen Gender-Kriegen war, in denen die Menschheit sich beinahe ausgelöscht hatte.

In einem dritten Bericht wurde SPONN eingeblendet. GAL wollte aufzeigen, dass er seinen Kaaluuu erkannt hatte, aber was dieser zu berichten hatte und die Tatsache, dass er sich eingestehen musste, vielleicht nicht einen Erridorianer von einem anderen unterscheiden zu können, ließ ihn lieber schweigen.

SPONN berichtete, dass der große Moment der Entscheidung noch in dieser Dekade, vielleicht sogar dieses Jahr sein solle: »Ritualisten! Ihr kennt mich als einen neutralen Bewerter. Meine Entscheidungen euch betreffend, sind mir nicht immer leicht gefallen. Ich denke, es ist schon bald so weit, dass es nur noch eine Gruppierung auf eurem Planeten geben wird. Wenn der Mensch sich eins ist, dann kann er auch eins mit uns werden. Bis zu diesem Tage weiß ich, dass ihr weiter daran arbeiten werdet, alle 37 Rituale erfolgreich zu absolvieren und euch zu besseren Menschen zu entwickeln. Wenn jemand für das Upgrade bereit ist, dann seid es ihr, meine Freunde.«

Wundervolle Wesen, Ritual 31, das Tagesprotokoll startet um Einundzwanzighundert. Berichte von deinem Tag.

GAL saß wieder in der Kabine, die er beim Einzelgespräch besucht hatte. Dieses Mal hatte er keine Anweisungen erhalten, er kannte den Prozess, in dem er die Ereignisse des Tages zusammenfassen sollte. Anfangen musste er dort, wo er am Vortag mit seinem Bericht aufgehört hatte.

»Ich starte mit den gestrigen Ritualen der Fabrik.

Ritual 32, Skilltraining; Atemtechnik beim Dauerlauf; gestern nicht erfolgreich angewendet; Mein Puls war zu hoch, heute war das allerdings anders; das erzähle ich im morgigen Protokoll

Ritual 33, Unterhaltungsprogramm mit Getränken; Ich durfte zum Abschied ein Spiel bestimmen. Mein Lieblingsspiel Scharade hat großen Spaß gemacht. Ich vermisse meine Begleiter aus der Fabrik

Ritual 34, Defäkation und Miktion; kein Stuhlgang, Miktion erfolgreich und reichlich

Ritual 35, Körperhygiene; erfolgreich

Ritual 36, Berührungsphase Erogen; hat in der Fabrik nicht stattgefunden, stattdessen Gutenachtgeschichte. Ich war Vortragender und habe die Geschichte der Schildkröte auf dem Berg erzählt

Ritual 37, Nachtruhe; Ich bin in der Fabrik ins Bett gegangen und sofort eingeschlafen, trotz der Aufregung

Ritual 1, Wecken, Medikation; ONIK hat mich geweckt, ich war sehr aufgeregt. Mit ONIKs Hilfe bin ich aber gut in den Tag gestartet, auch wenn ich mich frage, wie ich aus der Fabrik in den Schlafraum der Ritualisten gekommen bin.

Ritual 2, Defäkation und Miktion; Das Anlegen des Adapters war ungewohnt; Stuhlgang normal, Miktion normal

Ritual 3, Körperhygiene; Trotz Scham über mein Genital erfolgreich; Empfehlung: Die drei Muscheln sollten in das Schulungsprogramm der Novizen aufgenommen werden.

Ritual 4, Morgengymnastik; Die sportlichen Übungen waren erfrischend

Ritual 5, Nahrungsaufnahme; Sättigend und eine neue Erfahrung

Ritual 6, Morgenstatus; Hier hatte ich das erste Mal das Gefühl, angekommen zu sein

Ritual 7, Spaziergang oder Dauerlauf; Sport bereitet mir viel Freude; der Park ist wunderschön

Ritual 8, Lernphase; Das hat mich heute den ganzen Tag belastet. Es war einfach nur peinlich und verletzend

Ritual 9, Getränkeaufnahme; Normal

Ritual 10, Gruppengespräch; Die Ritualisten haben mir gesagt, dass alle die erste Lernphase so erlebt haben wie ich. Ich freue mich, wenn die Zeremonie vollendet ist und ich ein vollwertiger Ritualist bin

Ritual 11, Warmgetränke; Mein erster Kaffee; daran kann ich mich gern gewöhnen

Ritual 12, Meditation und Entspannung; Bisher habe ich mich für Meditationen nicht begeistern können, aber das Erlebnis von heute war anders. Ich freue mich auf die nächste Sitzung

Ritual 13, Kreativzeit; Ich habe Holz für mich entdeckt. Einer der Ritualisten hat mich unterrichtet

Ritual 14, Nahrungsaufnahme; Die Suppe war sehr schmackhaft; das Brot war ein neues Erlebnis; ich bin dankbar

Ritual 15, Napping; Danach habe ich mich stärker und erholt gefühlt

Ritual 16, Spaziergang oder Dauerlauf; Ich habe meine neue Atemtechnik angewandt, ich konnte mit dem Wind um die Wette laufen, immer schneller

Ritual 17, Sprachkurs Erridorianisch; SPONN ist ein guter Kaaluuu

Ritual 18, Defäkation und Miktion; Meine Libido nervt. Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben eine Vagina angesehen und fand das erregend. Ist das eigentlich schlimm? Ich sollte mich doch eher ekeln, oder?

Ritual 19, Getränkeaufnahme kalt; Normal

Ritual 20, Medikation; Normal

Ritual 21, Einzelgespräch; Ich habe das Gefühl, dass ich mir selbst die Antworten zu all meinen Fragen geben soll. Das Einzelgespräch fand ich unbefriedigend

Ritual 22, Schwerelosigkeitstraining; Das war klasse, bis auf den kleinen Zwischenfall des anderen Novizen, ich hoffe es geht ihm gut

Ritual 23, Gen Bad; Das war ganz neu für mich, ich habe mich danach sehr erfrischt gefühlt; Ist das Kribbeln während des Bades normal?

Ritual 24, Die medizinische Untersuchung; unauffällig

Ritual 25, Nahrungsaufnahme; Es war zum Glück leichte Kost

Ritual 26, Defäkation und Miktion; Dieses Mal habe ich mich von der Novizin weggedreht; erfolgreiche Darmentleerung, zum Glück weniger Schamgefühl

Ritual 27, Körperhygiene; Das Duschen selbst verlief ohne Komplikationen, aber beim Anziehen habe ich zu ihr gesehen, um ihren nackten Körper zu beobachten; ONIK hat mich darauf angesprochen und ist gleich danach zu ihr gegangen; Keine Ahnung, was sie besprochen haben, aber es war mir unangenehm

Ritual 28, Tanz und Gesang; Ich konnte mich dabei sehr gut öffnen, bis zum Sonnenblumenlied, da war es wieder. Dieses Gefühl, dieser Trieb; Sie hat meine Hand gehalten; Ich fühle mich schon schwach, wenn ich nur an sie denke.

Ritual 29, Medikation; Normal

Ritual 30, tägliche Informationen; War das SPONN? Ich bin mir nicht sicher, ob er es war, oder ihm nur ähnlich gesehen hat; Ich fand die Informationen interessant; Der Bericht über die Drohnen und ihre Funktion war klasse.«

GAL hatte sein erstes Tagesprotokoll unter den Ritualisten aufgezeichnet. Die Kabine öffnete sich und GAL trat in die Reihe der Wartenden.

Wundervolle Wesen, Ritual 32, Skilltraining startet um Einundzwanzigfünfzehn. Lerne, wie du dich in ungewohnten Situationen verhältst.

Das Skilltraining fand in dem gleichen Saal statt, der für Tanz und Gesang genutzt wurde. Wieder erschien ein Hologramm, die Ritualisten setzten sich auf den Boden, die Novizen folgten.

Die Stimme sagte: Heute möchten wir euer Verhalten im Falle eines medizinischen Notfalles trainieren. Ein Mitglied eurer Gruppe ist beim Spaziergang hingefallen. Was müsst ihr tun?

Die Novizin antwortete: »Im Falle einer Ohnmacht lege ich den Ritualisten in eine stabile Seitenlage. Dann bitte ich einen…«

»Nein. Das ist falsch«, unterbrach sie einer der Ritualisten. »Aber das kannst du noch nicht wissen, Novize. Da unser Chip uns rund um die Uhr beschützt, sind schon Drohnen zur Unterstützung auf dem Weg. Ich gehe um den am Boden liegenden herum und setze meinen Weg fort. Ihm aufzuhelfen könnte als Interpretation seiner Schwäche wahrgenommen werden und ihn verletzen.«

Genau so ist es. Bravo. Sobald ihr Novizen einen Chip habt, wird es für euch einfacher, zu verstehen, bestätigte die Stimme.

GAL starrte die Novizin an. Er hätte die gleiche Antwort gegeben und fühlte sich mit der des Ritualisten nicht wohl. Heute hatte er viel Hilfe erhalten. Er fragte sich, ob sie auch noch so hilfsbereit waren, wenn er die Zeremonie durchgeführt hatte.

Es gab weitere Fragen, die in die gleiche Richtung führten. Immer wieder antwortete einer der Ritualisten emotionslos und ohne jede empathische Regung. Ein verletzter Ritualist sollte, möglichst ausgeblendet und nicht wahrgenommen werden. Hatte das Individuum unter seinen zukünftigen Wegbegleitern vielleicht doch nicht eine solche Bedeutung, wie GAL es bisher empfunden hatte?

Wundervolle Wesen, Ritual 33, das Unterhaltungsprogramm mit Getränken startet um Einundzwanzigdreißig. Mach es dir gemütlich und genieße deine freie Zeit.

Sie brauchten den Raum nicht wechseln. Eine der Wände öffnete sich, und legte eine Bar und mehrere Regale frei. An einer anderen Wand zeigten sich diverse Geräte, die GAL bisher unbekannt waren, und wohl der Unterhaltung dienten. Als er die ersten Ritualisten einige der Gerätschaften herausnehmen sah, erkannte er nach deren Aktivierung, um was es sich handelte. Es waren teilweise Schläger für Ballspiele, mit denen eine holografische Kugel hin und her gespielt werden konnte. Ein paar Zeigestöcke ließen zwischen den Spielern ein dreidimensionales Labyrinth entstehen. Ein Spieler war der Jäger, das konnte man daran erkennen, dass seine Spielfigur feuerrot war und Beißbewegungen vollführte. Der andere Spieler war der gejagte, hatte eine gelbe Spielfigur mit großen ängstlichen Augen und konnte dem Jäger nur entfliehen, wenn er die Falltür zur nächsten Etage erreichte. Diese lag allerdings versteckt unter einer von 20 wackeligen Bodenfliesen. Nach jeder Etage wechselten die Spieler die Rollen.

GAL fand das Spiel zwar interessant, hatte aber auf der anderen Seite Redebedarf. Es gab viele Fragen in seinem Kopf, deshalb entschied er, sich einen Drink von der Bar zu holen und die anderen beiden Novizen zu fragen, wie ihre Eindrücke des heutigen Tages waren. Natürlich gab es die Spannung zwischen ihm und … er wusste nicht einmal ihren Namen … das wollte er klären. Sollten sie beide zu Ritualisten werden, dann durften solche Dinge nicht ungeklärt zwischen ihnen stehen. Kaum hatte er sein Glas mit einer dunkelblauen Flüssigkeit erhalten, zu der ihm einer der Ritualisten geraten hatte, suchte er nach den anderen Novizen. Das Getränk schmeckte bitter und süß zugleich. Den Geruch konnte er nicht zuordnen, es duftete nach Blumen. Sein Favorit würde das nicht werden, aber er hatte nicht vor, sich auf die Getränke des Abends zu fokussieren.

»Hallo! Ich habe mich gar nicht vorgestellt. Ich bin GAL.«

»SON. Mein Name ist SON«, antwortete der Junge, der inzwischen wieder fit wirkte.

»Du bist ganz schön durch die Gegend geflogen, SON. Hast du dir wehgetan?«

»Nein. Ich habe mich nur bis auf die Knochen blamiert.«

»Schlimmer als ich? Das glaube ich nicht. In der Fabrik habe ich solche Probleme nicht gehabt.«

»Ja. Mir geht es nicht anders. Du hast es nicht gesehen, aber ich hatte auch meine Probleme, dieses Ding zu besänftigen.« Er zeigte nach unten und GAL wurde klar, dass er SON den ganzen Tag kaum wahrgenommen hatte, außer beim Schwerelosigkeitstraining.

»Ich habe dich kaum bemerkt heute. Außer beim …«

»Ja. Ich habe einen sehr guten Ritualisten an meiner Seite. Er hat mich die ganze Zeit beschützt. Hat mir gesagt, wie schlimm sein erster Tag war.«

»Ja, das haben wir ja auch im Gruppengespräch gehört. Alle hatten anscheinend solche Simulationen.«

»Ich war eine Kröte und habe die ganze Simulation hindurch meinen Samen auf die gelegten Eier des fetten Krötenweibchens ergossen. Anscheinend war das in der Realität auch der Fall. Ich hätte nie gedacht, dass das so eklig sein könnte.«

»Stör ich?« Das war sie. GAL wollte antworten, er brachte keinen Ton heraus.

»Hallo, ich bin SON. Wie heißt du?«

»OJA. Ich habe mir den Namen nicht ausgesucht und möchte keine Witze darüber hören.«

»Ich bin GAL.« Die Hürde hatte er genommen. »Ich möchte mich bei dir entschuldigen.«

»Warum? Du hast nichts gemacht, für das man sich schämen müsste. Im Gegenteil, ich bin dir sogar dankbar. Ich habe heute zum ersten Mal einen echten Penis gesehen.«

»Du gehst aber ganz schön locker damit um. Ekelt dich das nicht?«

»Nein, im Gegenteil. Eigentlich sollte es mich ekeln, aber es zieht mich magisch an. Auch in der Simulation bin ich zwar gewaltvoll genommen worden, aber der Höhepunkt war ein echter Genuss.«

»Das ist ja widerlich.« SON verzog angeekelt den Mund und wartete auf eine ähnliche Reaktion von GAL, den er verschwörerisch zu sich zog.

»Dann trennen sich unsere Wege? Du wirst die Zeremonie nicht vollziehen?«

»Ja, ich werde meine Entscheidung gleich verkünden. Ich habe mitbekommen, wie sehr du dich schämst und wollte das wenigstens noch klären, bevor ich verbannt werde.«

»Aber …« Es war zu spät. OJA war in Richtung des Ausgangs unterwegs.

»Ritualisten«, rief sie laut in den Raum. »Ich habe mich aus freiem Willen gegen meine Zeremonie entschieden. Trotzdem möchte ich mich bei euch aus tiefstem Herzen bedanken.«

Die Angesprochenen hörten ihr zu, wirkten aber nicht beeindruckt oder interessiert. Die Tür öffnete sich, OJA winkte GAL und verließ den Raum. Hinter ihr schloss sich die Tür. SON erzählte irgendetwas, GAL nickte ab und zu freundlich. Seine Gedanken waren bei OJA und ihrem Entschluss, die Ritualisten zu verlassen. All das Elend, das auf sie wartete, angefangen bei einem völlig unstrukturierten Tag, Krankheit, Leid, Hunger. Auf all das ließ sie sich ein, nur weil sie einem Gefühl folgte.

Wundervolle Wesen, Ritual 34, Defäkation und Miktion starten um Zweiundzwanzigfünfzig. Befreie dich von der letzten Last des Tages.

Das nächste Ritual rettete GAL aus seiner Verzweiflung. Außerdem verspürte er den Drang, urinieren zu müssen. Die Welt um ihn herum hatte ein wenig an Farbe verloren, andererseits hatte er sich gewünscht, dass ihr Körper ihn nicht mehr reizen würde. Er vermisste OJA, obwohl er gerade erst ihren Namen erfahren hatte.

Wundervolle Wesen, Ritual 35, Körperhygiene startet um Dreiundzwanzighundert. Mach dich bereit für die Nacht.

Beim Duschen merkte GAL, dass die Anspannung nicht von ihm weichen wollte. Da waren zum einen die Ereignisse des heutigen Tages, der ihm viel länger als ein einziger Tag vorgekommen war. Selbstverständlich wusste GAL, dass die Menge an neuen Erlebnissen des Tages ein verzerrtes Zeiterlebnis verursachten, dennoch hatte er das Gefühl, eine halbe Ewigkeit unter den Ritualisten zu weilen. Eine andere Sache beschäftigte ihn mehr. Wie würde die bevorstehende Berührungsphase auf ihn wirken? Warum konnte er dieses Ritual nicht aussetzen und stattdessen erst nach seiner Zeremonie teilnehmen.

Erst jetzt bemerkte er, dass die Ritualisten ihre Körperreinigung beendet hatten und sich in der Mitte des Raumes versammelten. Niemand von ihnen hatte Kleidung angelegt. GAL drückte eilig auf die dritte Muschel und beendete schnell das Ritual, indem er den Duschkopf in die Nische legte. Bevor er es geschafft hatte, ertönte die Stimme des Ritualienmeisters zum vorletzten Mal an diesem Tag.

Wundervolle Wesen, Ritual 36, Berührungsphase Erogen startet um Dreiundzwanzigfünfzehn. Such dir einen Partner und berühre ihn sanft.

GAL spürte seinen rasenden Puls, der jetzt deutlich über den 80 Schlägen, die er heute beim Laufen gemessen hatte, liegen musste. Das Licht erlosch und der Raum war schlagartig stockdunkel. GAL hatte die Mitte des Raumes noch nicht erreicht. Er ging langsam und mit vorgestreckten Händen in die Richtung, aus der er die Ritualisten seufzen und stöhnen hörte. Plötzlich überkam ihn ein Ekelgefühl, er dachte daran, was passieren würde, wenn er einen der Ritualisten versehentlich an einem seiner Ausgänge berührte, dachte an Urin und Kot, obwohl die Körperreinigung gerade erst vollzogen worden war. Ihm wurde schlecht. Gleich darauf ertappte er sich dabei, an OJAs Vagina zu denken und sich zu wünschen, sich zärtlich mit ihr zu lieben. Ja, auch wenn es verboten war, GAL wollte Sex mit OJA haben, nicht mit den geschlechtslosen Wesen, die hier waren. Er fühlte, dass es falsch war, sich von ihnen berühren zu lassen, aber es war ein Ritual. Es musste sein. Für weitere Gedanken blieb ihm keine Zeit. Seine Hände streiften fremde Arme. Er hatte die Raummitte erreicht und wurde gleich zärtlich umarmt. Eine Hand streichelte ihm über den Kopf, eine andere führte seine Hand auf eine Schulter. Er hörte die Worte: »Streichle mich hier.« Mit Widerwillen und unterdrücktem Ekel folgte er den Anweisungen. GAL erlebte ein unangenehmes Gefühl des Benutztwerdens.

Wundervolle Wesen, Ritual 37, die Nachtruhe startet um Dreiundzwanzigfünfundvierzig. Sanfte Träume.

Es hatte aufgehört und die Betten standen bereit. GAL wollte allein sein. Als alle Ritualisten in den Betten waren, erlosch das Licht. Stille kehrte im Schlafsaal ein. Das 37ste Ritual war erreicht. Nach wenigen Minuten atmeten viele, wie man nur im Schlaf atmet. Einige der älteren Ritualisten schnarchten. GAL weinte und konnte ein Schluchzen nicht unterdrücken.

»War es für dich auch so furchtbar, GAL?« Das war SONs Stimme, die zu ihm rüber flüsterte. Der arme Junge klang völlig verstört. GAL fühlte sich schon weniger allein, weil er gerade erfahren hatte, dass SON ähnliche Empfindungen gehabt haben musste.

»Ja, es war ekelhaft«, wisperte GAL zurück.

»Ruhe, Novizen!« Klang eine strenge Stimme aus einem anderen Bett.

Zwei Jungen weinten sich leise in den Schlaf.

Der feine Sand begann sich zu bewegen, erst langsam, dann folgte er den anderen Partikeln in den Sog, der eine geometrisch gerade Säule mit einem Durchmesser von mindestens 50 Metern zu bilden schien. Nach Sekunden reichte die Säule mehrere Kilometer in die Höhe des Himmels, der einen wolkenfreien Blick auf die Sterne der Galaxie freigab. Millionen sichtbarer Sterne hätte das bloße Auge in dieser, wie in jeder anderen Nacht, erblicken können, wenn es denn einem Beobachter gelungen wäre, in dieser trostlosen Wüste zu überleben. Das Shuttle, welches die Sandsäule verursacht hatte, setzte zur Landung an, wenn man denn von Landung sprechen konnte. Es fiel in atemberaubender Geschwindigkeit durch den Trichter und drohte am Boden zu zerschellen. Weniger als einen Zentimeter vor dem Aufprall beendete es schlagartig seine Fahrt und zerschmolz die darunter liegende Oberfläche zu flüssigem Glas. Nachdem SPONN die Triebwerke deaktiviert hatte, löste sich die Sandsäule im stürmischen Wind der Wüste auf. Die Sandkörner, die auf das Shuttle fielen, glitten daran herunter wie winzige Regentropfen, die zu flüssigem Glas verschmolzen, das im Erkalten aushärtete.

In der Wüste, die vor dem letzten Krieg mehrere Großstädte beherbergt hatte, befand sich ein linsenförmiges silbriges Objekt, dessen Oberflächenstruktur einem Spiegel glich, umgeben von auseinandertreibendem Glas. Es wirkte, als habe jemand einen Stein aus großer Höhe ins Wasser geworfen und als wäre der Moment des Aufpralls eingefroren worden. Der Moment, in dem das Wasser von dem Stein in alle Richtungen verdrängt wird.

SPONN beeindruckte das alles nicht. Er hatte tausende solcher Momente erlebt und würde viele weitere Landungen vollführen. Nachdem er das Hangarfeld geöffnet und die energetische Rampe ausgefahren hatte, beobachtete er über die Sensoren, die beiden mobilen Transporteinheiten, die speziell für diesen einen Einsatz materialisiert worden waren. In einer saß ONIK, in der anderen befand sich PLAT. In SPONNs Augen waren es die richtigen Kandidaten, um einen zu lang andauernden Konflikt unter den Menschen zu beenden. Er hoffte, dass er damit richtig lag, denn er mochte diese Spezies. Es wäre nur eine Frage der Zeit, bis die menschliche Spezies aufhören würde zu existieren, wenn die Erridorianer samt ihrer Technologie den Planeten verlassen würden.

Die Transporteinheiten hatten den Hangar erreicht, das Shuttle war gleich darauf verschlossen worden. Es war an der Zeit, die Gäste willkommen zu heißen.

»Willkommen, meine lieben Freunde.« Der drei Meter große Erridorianer breitete seine langen dünnen Arme aus und hielt ihnen zum Gruße seine langen, schmalen Hände entgegen. Dabei spreizte er den Daumen und seine drei Finger weit auseinander, damit man die leeren, kleinen Handflächen sehen konnte. »Eine alte, menschliche Tradition. Man zeigte dem Gegenüber seine Handflächen, um zu beweisen, dass man keine Waffen trug. Ach, ich mag es, mehr über fremde Spezies zu lernen. Kommt mit, ich habe ein paar Erfrischungen vorbereitet.«

ONIK und PLAT sahen einander abschätzend an. Waren sie Feinde oder gab es noch etwas, das sie verband? PLAT erinnerte sich, dass der Chip einem Ritualisten ermöglichte, auf jede noch so weit entfernte Erinnerung zuzugreifen, als wäre es gerade erst passiert. Sein Gehirn sah da leider nach Chipentfernung anders aus. Altersbedingt brachte er schon das ein oder andere durcheinander.

»Es ist mitten in der Nacht, SPONN. Hätte eine Holoverbindung zu einer anderen Uhrzeit nicht auch gereicht? Was soll das überhaupt?« ONIK hatte darauf verzichtet, PLAT zu begrüßen, das hatte in diesem Moment keine Relevanz. Er hatte sich vor vielen Jahren für einen anderen Lebensweg entschieden. Danach hatte er keine Bedeutung mehr für den als Frau geborenen Ritualisten ONIK gehabt.

»ONIK, ONIK. Immer voller Logik und Zweifel. Kommt bitte mit, ich habe ein Getränk zubereiten lassen, das ihr unbedingt probieren solltet. Es ist aus…«

»Ich bin nicht durstig. Was ist der Grund dieser nächtlichen Entführung?«

»Entführung? Ich würde es eher als eine Mission bezeichnen. Also gut. Ihr seid hier, um eine Verhandlung zu führen. PLAT hat mich vor ein paar Tagen, kurz nach deiner Meldung des Kontaktes mit einer Frau – seiner Frau – kontaktiert und um Hilfe gebeten. Ich sehe in den Verhandlungen eine Möglichkeit, euch näher an die Aufnahme in die Allianz zu bringen.«

»Warum sollte ich mit einem … MANN … reden? ER … hat sich gegen die Rituale entschieden, die uns näher an die Allianz bringen, die Rituale, die uns helfen, bessere, reifere Menschen zu werden.«

»Bessere Menschen?« PLAT stieß das genau so verächtlich aus, wie es ONIK bei den Worten ›Mann‹ und ›er‹ getan hatte. »Ihr besseren Menschen, um genau zu sein DU, ihr habt meine Frau zu Tode erschreckt. Die Arme hatte sich verlaufen und da kommst du und schüchterst sie ein.«

»Was hat bitte eine FRAU in unserem Park zu suchen? Sie hat unser Ritual entweiht!«

»Ritual, Ritual. Ihr vergesst eure Menschlichkeit. Ist überhaupt noch ein Funken Mensch in dir?«

»Wir sind bessere Menschen als ihr, MANN!«

»Also gut«, unterbrach SPONN die Streitenden. Er musste sich zwischen sie stellen, um eine körperliche Auseinandersetzung zu vermeiden. PLAT hatte die Ärmel hochgekrempelt. »Das führt nur zu mehr Spannungen. Ich schlage vor, wir gehen jetzt den köstlichen Nektar kosten und beruhigen uns alle.«

»Beruhigen muss sich nur einer. Meine Biowerte sind im Normbereich.«

»Was man von deinen Manieren nicht behaupten…«

»Kaaluuu, Kaal SZohh! Kari’Kreeee!« Das hatte gesessen. Selten hatte SPONN es nötig gehabt, seine Schüler zurechtzuweisen, aber wenn ein Lehrer ein Machtwort spricht, dann kann das unterschiedliche Ausprägungen haben. In diesem Fall hatte SPONN die Schnauze voll. Er verbot seinen Schülern jeglichen Widerspruch. Sollten sie nicht folgen, würde er sie für immer verlassen. SZohh war die kräftigste Ausdrucksweise der Verbannung, die einer Todesstrafe gleichkam. Und SPONN war kurz davor, die beiden Streithähne aus dem Shuttle zu befördern und der erridorianischen Flotte den Abbruchbefehl zu erteilen – das wollte er sie zumindest denken lassen. Sei ein Ekel!, hatte er sich vor dem Gespräch diktiert und sogar einige fiese Gesichtsausdrücke trainiert. Wenn er es heute nicht schaffte, dass die verstrittenen Menschen endlich einen gemeinsamen Pfad betraten, dann war alle Hoffnung für die ihm an seine Herzen gewachsene Spezies verloren. In seinen Studien der historischen Datenbanken der Erde hatte er endlich eines herausgefunden. Die Menschen konnten in bestimmten Ausnahmesituationen zu Verbündeten werden, sobald eine gemeinsame Bedrohung größer war als das, was bisher zwischen ihnen gestanden hatte. Eine solche Rolle wollte der Erridorianer gerne übernehmen, wenn sich denn damit endlich ein Ziel erreichen ließ. Außerdem liebte SPONN es, in eine andere Rolle zu schlüpfen als die des ewig netten Freundes aus einer fernen Galaxie.

Wie kleine Kinder standen die beiden schweigend und mit gesenktem Kopf vor SPONN. Sie wussten, wann es besser war, zu schweigen.

»Trinken wir gemeinsam den Nektar als Zeichen unserer Bereitschaft, eine friedliche Lösung zu finden. Hört mir bitte gut zu und schweigt, während ich euch meinen Vorschlag unterbreite.«

ONIK setzte sich auf einen der drei Stühle, die im Verhandlungsraum an einem runden Tisch standen, in dessen Mitte drei Gläser mit einer orangenen Flüssigkeit bereitstanden. PLAT setzte sich und vermied dabei jeglichen Blickkontakt mit ONIK. Nachdem sie den Nektar von SPONN gereicht bekommen und probiert hatten, wirkte ihre Sitzhaltung auf ihn schon etwas lockerer. Es schien ihnen zu schmecken. Die Reisen durch das All hatten den Feinschmecker SPONN so einige Köstlichkeiten entdecken lassen. Dieser Nektar stammte von einer Orangen ähnlichen Frucht, die auf einem Planeten in 60 Lichtjahren Entfernung wuchsen. Die friedvollen Ulgaraner, welche den Planeten als Terraformer nach ihren eigenen Vorstellungen bewohnbar gemacht hatten, waren seit mehreren tausend Jahren Mitglieder der Allianz und hatten für das Projekt Erde einige Vorschläge eingebracht, die zur Rekultivierung der seit über 5000 Jahren unbewohnbaren Flächen dienlich sein sollten.

»Während wir ulgaranischen Nektar trinken, möchte ich euch mit dem weiteren Vorgehen vertraut machen.« SPONN setzte sich an den Tisch und erinnerte dabei ein wenig an einen Erwachsenen, der auf einem Kinderstuhl platzgenommen hatte. Als ihm das bewusst wurde, stellte er die Ironie dieser Situation fest, da es ihm auch so erging, als müsse er kleine Kinder dazu bringen, einen Erwachsenen zu verstehen. »Ihr habt eure Meinungsverschiedenheiten, seid aber beide in einer Fabrik geboren und aufgewachsen. Beide habt ihr erlebt, was es bedeutet, den Weg eines Ritualisten einzuschlagen. Wie euch bekannt sein sollte, wurden die Rituale von uns auf euren Wunsch hin eingeführt. Unsere Gesetze verbieten es allerdings, von euch getroffene Entscheidungen in Frage zu stellen oder eure abgestimmten und durchdachten Wünsche abzulehnen. Dazu gehörte eben auch der Wunsch, dass die Ritualisten zu einer geschlechtslosen Gruppe homogener Wesen transformiert wird, sobald die Individuen das geschlechtsreife Alter erreicht und ihre Entscheidung aus freiem Willen getroffen haben.« SPONN hob die Hand, als er bemerkte, dass sowohl ONIK als auch PLAT nervös einatmeten, um etwas zu erwidern. »Ich meine es ernst. Macht einer von euch den Mund auf, sind die Verhandlungen beendet. Jetzt ist Schluss mit diesen Spielchen.«

ONIK verschränkte mit sichtlich beleidigtem Gesichtsausdruck die Arme. PLAT stellte sein Glas ab und hielt seine Hände unter den Tisch, um sie zu Fäusten zu ballen. Den beiden war klar, dass sie sich auf dünnem Eis befanden und besser weiter schweigend zuhörten.

»PLAT, du hast die Gruppe der Ritualisten nicht ganz freiwillig verlassen, aber deine Fragen und dein Verhalten hatten die Entwicklung der Gruppe gestört. Insbesondere ONIK hatte von deiner verwirrenden Gefühlslage gesprochen und berichtet, dass du viel zu oft Nähe gesucht hattest. Ich habe damals die verbotenen Schriften im Protokoll deines Chips entdeckt. Vom Chip selbst hattest du damals alle Informationen, die auf die Werke bezogen waren, gelöscht. Wie auch immer du das angestellt hattest, die Protokolle konntest du nicht löschen. Wäre nicht dein auffällig emotionales Verhalten gewesen, wir hätten niemals die Protokolle durchsucht. Dennoch will ich feststellen, dass es nicht dein freier Wille war, der dich zu den Naturalisten geführt hat. Mit deinem Schicksal bist du hervorragend umgegangen, unsere Beobachtungen, die wir in den letzten Jahrhunderten gemacht haben, schließen auch das Leben und die Entwicklung der Naturalisten ein. Auch wenn eure Leben größtenteils in Armut und Elend stattfinden, konnten wir etwas entdecken, das wir gerne unseren Naturalisten näherbringen wollen. Ihr nennt es Lebensfreude. Doch egal, welche Rituale wir angepasst haben, weder Genuss noch Kreativität haben die Ritualisten, die wir sehr schätzen, dazu gebracht, ähnliche Hirnwellenmuster aufzuweisen. Sollte es dir gelingen, uns einen Weg zu beschreiben, wie wir unsere Schützlinge in einen ähnlichen Zustand versetzen können, dann wäre ein kleiner Schritt in die richtige Richtung vollzogen.«

Nun wandte SPONN sich an ONIK. »ONIK, unter den Ritualisten bist du eins der erfolgreichsten Individuen. Ich bewundere deine Fortschritte, die du klug einsetzt, um nicht aus der Gruppe hervorzustechen. Du bist hilfsbereit, erkennst und unterstützt die Schwachen. Deshalb bin ich fest davon überzeugt, dass du einen Weg finden wirst, dich und damit eine Lanze für alle Ritualisten brechend, in deiner neuen Aufgabe, der Toleranz gegenüber den Naturalisten, zu bewähren. Von euch beiden hängt der Fortbestand der Menschheit ab. Morgen ist die Zeremonie der jungen Novizen. Ich erkläre euch hiermit zu den Paten dieser Zeremonie und dulde keine Widerrede. Euer Kaaluuu hat gesprochen und die Kaal folgen seinen Anweisungen.«

SPONN stand auf und verließ den Raum.

Kaum hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen, zeterte PLAT: »Was für ein emotionsloses Arschloch! Auf Wiedersehen auch. Ich werde mich nie daran gewöhnen, dass die einen nur begrüßen und niemals verabschieden. Was ist eigentlich in ihn gefahren? Ich erkenne ihn nicht wieder.«

»Da muss ich dir ausnahmsweise mal Recht geben. Er hätte uns auch eine einfache Nachricht schicken können, wenn er uns nicht antworten lassen will.«

»Diese Kaaluuu-Kacke habe ich überhaupt nicht vermisst.«

»Ach SPONN, deine Ausdrucksweise lässt immer noch zu wünschen übrig.«

»Ist doch wahr. Ich fand ihn immer großartig, bis eben.«

»Ja, meine Meinung hat sich leider auch gerade geändert. Wie kann er es wagen, die Zeremonie auf eine solch beschämende Weise zu entweihen? Entschuldige, ich will dich damit nicht verletzen, aber du bist nun einmal ein MANN.«

»ONIK, ich verstehe schon, was du mir damit sagen willst. Ich habe auch überhaupt kein Interesse, einer Zeremonie beizuwohnen, die ich eh nicht verhindern kann. Ihr schneidet dem armen Jungen die Genitalien ab, als wäre eure Gehirnwäsche nicht schon genug. Nein, ihr müsst ihn auch noch körperlich…«

»Bitte, lass uns nicht streiten. Ich bin bereit, mit dir gemeinsam nach einer gangbaren Lösung unserer Konflikte zu suchen. Du kennst die Alternativen.«

»Ja. Das wird wohl zwangsläufig der Tod auf unserem ewigen Wüstenplaneten sein. Wenn die Erridorianer verschwinden, dann nehmen sie ihre Technologie mit. Die Biotope werden in kürzester Zeit austrocknen und wir gleich mit, wenn wir nicht vorher von der Sonne verbrannt werden.«

»In der Tat, PLAT. Das ist keine akzeptable Option. Auch wenn es mir schwer fällt, einen Bund mit einem MANN zu schließen, muss ich dir dennoch meine Hand dazu reichen.« ONIK hielt die rechte Hand nach vorne und PLAT griff, wenn auch zögerlich zu.

»Wir müssen nun zusammenhalten, sonst sind wir tot. Also, hast du eine Idee, wie wir es angehen?«

Der nächste Tag begann für beide viel zu früh. Bis in die Morgenstunden hatten sie in dem Raum gesessen, Nektar getrunken und gemeinsam nach Lösungswegen gesucht, die sie SPONN als Kompromiss zwischen den verfeindeten Gruppen präsentieren könnten. Die Kluft zwischen Ritualisten und Naturalisten schien trotz ihrer Bereitschaft und trotz des Drucks der möglichen Auslöschung der Menschheit, unüberwindbar.

Es blieb nicht aus, dass ONIK und PLAT sich gegenseitig von ihrem Leben berichteten, von ihren Höhen und Tiefen. ONIK wusste nicht, dass ein Mensch an Demenz erkranken konnte und hatte nie erleben müssen, außer in den virtuellen, aber äußerst realistischen Simulationen, wie eine Geburt ablief. PLAT erklärte seine Gefühlswelt und wie sich die Welt um ihn verändert hatte, als er sein eigenes Baby in Händen hielt. Obwohl ONIK den anerzogenen Ekel nicht ablegen konnte, leugnete der Ritualist nicht die Neugierde auf das Gefühl, das man als Erzeuger eines menschlichen Nachkommen empfand.

ONIK fand sich bei der Weckprozedur im Schlafsaal wieder. War das nur ein Traum? Dafür gibt es keine logische Erklärung, denn wenn es so war, dann hatte die Medikation der Nacht versagt. Normalerweise wache ich auf und erinnere mich nicht an meine Träume. Nein, es ist wirklich passiert. Ich war da, mit PLAT. Hoffentlich gelingt unser Plan. Heute würden nur wenige der Rituale für ONIK und GAL stattfinden, denn die Zeremonie begann nach dem Frühstück.

»Guten Morgen, GAL. Heute bin ich dein Pate und begleite dich an diesem großartigen Tag in deine Zukunft.«

»ONIK. Ich danke dir für deine Bereitschaft und Unterstützung. Diese Verbindung habe ich schon gestern gespürt. Wer wird der zweite Pate sein? Darf ich es mir aussuchen? Dann würde ich gern den Ritualisten wählen, der mir gestern die Holzarbeiten erklärt hat.«

»Das wird nicht möglich sein, auch wenn es für gewöhnlich so ist, dass du den zweiten Paten aussuchen darfst, aber in deinem Fall wurde eine andere Entscheidung vom Kaaluuu getroffen. Ich bitte dich, dass du auf alles Unerwartete gelassen reagieren wirst.«

»Was kann schon groß passieren? Wandeln sie mich in ein Plack’Tschuck?«

»Schlimmer, aber ich darf es noch nicht verraten.«

Die ersten Zeremonien begannen und mussten schweigend vollzogen werden. GAL brannte zwar die Frage auf der Seele, was ihn erwartete, aber er schwieg und funktionierte. So verlangten es die Rituale.

Nachdem OJA die Gruppe gestern verlassen hatte, wurde das Ritual nur für SON und GAL durchgeführt. Dieses standen neben ihren Kapseln, die an aufrecht stehende Fässer erinnerten. Ihre silbrige Oberfläche ließ keine Öffnung erkennen. Die zylindrischen Apparate standen auf dem Boden des Zeremonienraumes und ragten drei Meter in die Höhe. Ihr Durchmesser betrug nicht mehr als einen Meter. GAL wusste aus den Schulungen, dass die Transformation mithilfe der Energie-Materie-Konverter erfolgte und absolut schmerzfrei war. Das Licht im Raum wechselte in eine feierliche Sonnenuntergangsstimmung, die Zeremonienmusik setzte ein. GAL kannte das aus den Simulationen in der Fabrik, denn die Schritte der Zeremonie mussten bis ins kleinste Detail eingeübt werden. Alles, bis auf einen wesentlichen … den wichtigsten Teil der Zeremonie: das Gespräch mit den Paten. Einer der beiden übernahm die Rolle des Befürworters, der andere war der Zweifler. Eine Aufgabe, für die ein Ritualist lange üben musste, denn er sollte überzeugt klingen, auch wenn er es nicht war. Als die Paten den Raum betraten, jeder durch einen eigenen Eingang, war nicht nur GAL geschockt über das, was er dort zu sehen bekam. Einer der Paten war ein Mann!

»Wer hat den reingelassen?«

»Schweig Kaal! Ihr alle schweigt. Euer Kaaluuu will es so und niemand wird ihm widersprechen!« SPONN war äußerst übellaunig aus dem Schatten getreten und redete auf jeden einzelnen Anwesenden ein. »Wenn ihr euch nicht benehmt wie bei einer der üblichen Zeremonien, dann ist das Thema ›Aufnahme in die Allianz‹ gestorben. Ihr fügt euch meinen Anweisungen oder ihr seid für das Ende der menschlichen Spezies verantwortlich. Also, stellt keine dummen Fragen und vollführt eure Zeremonie.« Habe ich vielleicht zu dick aufgetragen? SPONNs Blick sprang zwischen den Anwesenden hin und her. Im Rahmen seiner Recherchen hatte er so einige Filmbeispiele gefunden, die das Leben in Banden auf der Straße zeigte. Auch hier ging es den Beteiligten meistens darum, den Oberboss auszuschalten, um selbst an die Macht zu kommen. Ich glaube, ich habe einen guten Oberboss gegeben.

Zunächst herrschte bedrückende Stille, dann begann einer der Paten den Gesang, der den Anfang der Zeremonie einleitete. Die anderen stimmten in den Choral ein, der im Wortlaut den Frieden und die Harmonie der gesamten Menschheit pries. »Nur durch Gleichheit gibt es keinen Neid, uns schützt die Einheit und unser Eid.« PLAT kannte den Text noch. Über seine gesamte Kindheit hin hatte er ihn mindestens einmal pro Woche singen müssen. Während des Gesanges gingen die Paten Hand in Hand mit ihrem Novizen um den Zeremonienzylinder, der zum Ende des Liedes einen Einstieg öffnete und einen hell scheinenden Innenraum freigab. Links und rechts neben der Öffnung setzten sich die Paten im Schneidersitz mit dem Rücken zum Zylinder auf den Boden, der Novize nahm gegenüber Platz. Die Stelle nannte man ›Portalwächter‹, denn die Transformation stellte das Portal in ein neues Leben dar.

»Novize, mich hast du einen Tag begleitet. Du weißt, dass ich den Ritualisten angehöre. Ich bin fest davon überzeugt, den richtigen Weg gewählt zu haben, doch heute bin ich Portalwächter und werde versuchen, dich davon zu überzeugen, dass du einen großen Fehler begehst, wenn du in diesen Zylinder steigst.«

GAL saß ONIK mit weit geöffnetem Mund gegenüber. »Du willst mich davon abhalten? Jetzt sag bloß…«

»Schweig! Novize«, unterbrach ihn PLAT. »Heute ist der Tag der Zeremonie. Ich werde dir die Vorteile des einzig richtigen Weges darlegen. Du wirst heute Ritualist, wenn du auf meine Argumente hörst.«

GALs Verwirrung hätte größer nicht sein können. Da saßen ein Ritualist und ein Mann. Wie war dieser Naturalist reingekommen? Hatte es eine Invasion gegeben, von der GAL nichts wusste? Zugegeben, durch die neue Medikation hatte er tief und fest geschlafen, tiefer als in der Fabrik. Die neue Umgebung war ein weiterer Grund für seinen tiefen Schlaf, denn hier gab es keine Kleinkinder, die nachts das ein oder andere Mal weinend aus ihren Träumen aufschreckten und von den größeren Kindern beruhigt werden mussten. Er hätte erwartet, dass der Mann – als eine unerwartete üble Überraschung – ihm die lächerlichen Vorteile des Lebens als Naturalist aufzählen sollte, nur um GAL noch mehr in seinem Entschluss zu bekräftigen, seinen Weg zu gehen, aber die Rollenverteilung der Portalwächter war anders herum. Wie sollte ONIK ihn von etwas überzeugen können, auf das sich kein Ritualist jemals einlassen würde?

ONIK und PLAT sahen sich kurz an und hoben dann ihre Hände in SPONNs Richtung.

»Ihr habt eine interessante Strategie gewählt. Ich bin gespannt auf eure Argumente. Fangt an!«

ONIK stand das erste Argument zu. Jeder der Wächter durfte 5 Argumente vortragen, auf die der Gegner mit einem Widerspruch antworten konnte, aber es nicht musste. GAL hatte die Aufgabe, alle Argumente gegeneinander abzuwägen. Mit der linken Hand zählte er die Argumente für das Ritual, mit der rechten die, die dagegensprachen. Hatten beide Wächter ihre Argumente vorgetragen, gewann die Seite mit mehr Punkten. Bei einem Gleichstand musste GAL seine Entscheidung selbst treffen. Vor der Zeremonie war er fest davon überzeugt, dass er alle Finger der linken Hand zu sehen bekommen würde, bevor die rechte auch nur den kleinen Finger hätte heben müssen, doch jetzt war er sich nicht mehr so sicher. Schließlich sollte ein Naturalist ihm die linken Finger ermöglichen.

»GAL, höre die Worte, die ich an dich richte. Mein erstes Argument für ein Leben als Naturalist ist die Freiheit. In Freiheit kannst du tun, denken und sagen, was immer du möchtest. Es gibt keine Verbote, keine Regeln, an die du dich halten müsstest, abgesehen von ein paar gesellschaftlichen Grundregeln natürlich. Wähle weise, wähle die Freiheit.«

ONIK hatte ein gutes Argument vorgebracht, fand PLAT. Was sollte er dagegen sagen, was SPONN als einen ernsthaften Versuch sehen würde, GAL von einem Finger für die Naturalisten abzuhalten?

»GAL, ONIK hat weise gesprochen, doch hat er einen wesentlichen Aspekt außer Acht gelassen. Wenn du seinem Argument folgst und ihm einen Finger schenkst, dann verschenkst du auch das ultimative Mittel gegen Langeweile. Stell dir vor, du kannst zwar aufstehen, wann du möchtest, dich bewegen, wohin und wann du willst, aber die Sache hat auch einen Haken. Die Erridorianer haben ein Beschäftigungsprogramm für dich erstellt, das dich den gesamten Tag unterhält. Unter den Naturalisten musst du dich selbst beschäftigen. Ohne die richtigen Ideen wirst du schnell feststellen, wie langweilig es sein kann, vor allem, wenn du allein bist.«

Beide Sprecher hatten aus GALs Sicht gut argumentiert. Darüber, ob er unter den Ritualisten nicht frei sein könnte, hatte er noch nicht nachgedacht. In seinen Schulungen hatte man ihm erzählt, dass es Fragen geben könnte, die ihn zweifeln lassen würden. Warum musste es schon bei der ersten Frage so sein? Freiheit, dachte GAL, kommt es nicht drauf an, was ich als Freiheit betrachte? Jetzt, in genau diesem Moment, treffe ich eine freie Entscheidung. Lasse ich mich transformieren und werde ein Ritualist, oder verzichte ich auf das Ritual und verlasse die Ritualisten? Wenn das keine Freiheit ist, weiß ich es auch nicht.

Wie er es in den Vorbereitungen gelernt hatte, hob GAL beide Fäuste vor den Körper und stieß sie geschlossen nach vorne. Kein Finger für die Naturalisten. GAL hatte sich entschieden und seine Entscheidung mitgeteilt. Er war bereit für das erste Argument für das Leben unter den Ritualisten.

»GAL, deine Entscheidung wird, wie du weißt, nicht von uns bewertet. Wir sind der festen Überzeugung, dass du gut überlegst, bevor du einen Finger gibst oder verweigerst. Höre nun das folgende Argument, welches dich für ein Leben unter den Ritualisten entscheiden lassen soll.« PLAT hatte sich ausgezeichnet vorbereitet und GAL konnte es an seiner Stimme hören, die ihn einlud, dem Naturalist zu vertrauen. »GAL, eben habe ich von der Langeweile gesprochen, die du mit der Freiheit bekommen wirst, Ich will dir ein Argument liefern, das ich als ehemaliger Ritualist am besten bewerten kann. Du wirst nicht einsam sein, denn die Ritualisten sind immer zusammen. Du bist also immer in Gesellschaft. Mein Argument ist die gute Gesellschaft.«

»Gesellschaft … GAL, das ist genau das, was ich manchmal verfluchen möchte. Was gäbe ich für einen Moment der Stille. Damit meine ich die Stille, die herrscht, wenn wir unseren täglichen Powernap vollführen. Wieviel würde ich dafür geben, nur einen Tag in absoluter Stille, allein mit meinen Gedanken, erleben zu können? Ja, jetzt, wo ich darüber nachdenke, GAL, könnte ich selbst in Versuchung gelangen, die Ritualisten zu verlassen.«

Das kann nicht ONIKs Ernst sein? GAL war entsetzt über diese Äußerung. Nach der Zeremonie musste er melden, was ONIK dort gesagt hatte, oder nicht? Vielleicht erforderte die Situation ein solches Handeln? Die Verunsicherung machte GAL nervös. Er hatte fast vergessen, was die beiden ihm für Argumente vorgetragen hatten. Es ging um die Gesellschaft der Ritualisten, die ihn ab sofort 24 Stunden am Stück umgeben sollte. Hatte er sich das gut überlegt? Wenn PLAT sie vermisst hatte, nachdem er die Ritualisten verlassen hatte, wie war denn seine Reaktion auf die Stille, nach der sich auch GAL vor kurzer Zeit gesehnt hatte? Es war der Moment, in dem OJA ihm mitgeteilt hatte, dass sie die Gruppe verlassen wolle, der Moment, in dem er einen kurzen Zweifel verspürt und selbst darüber nachgedacht hatte, ob er mitgehen solle. Die Verbannung OJAs war schnell erfolgt, also hatte GAL gleich darauf wieder andere Gedanken, die ihn beschäftigten. Wie hätte er sich nach einem Moment der Stille verhalten?

»GAL, deine Entscheidung bitte!« PLAT forderte ihn auf, das Ritual nicht aufzuhalten. Mehr als eine Minute durfte er nicht nachdenken. Die Entscheidungen über einen Finger sollte seinem ersten Gedanken zu den vorgebrachten Argumenten entspringen. Er hob beide Fäuste nach vorne und stieß sie mit einem Ruck geschlossen vor. Ich soll über etwas entscheiden, zu dem ich keine Zeit bekomme, keine Stille? Dann entscheide ich mich gegen die Gesellschaft … nur für diesen einen Moment.

»GAL, das wichtigste Argument beinahe aller Naturalisten für ihren Lebensweg ist ihr Recht auf Individualität. Damit meine ich nicht nur das Recht auf Geschlechtsorgane. Nein, als Naturalist bestimmst du dein Aussehen und Erscheinungsbild bis aufs kleinste Detail. Stell dir vor, du könntest entscheiden, welche Farbe deine Haare haben sollen. Ich habe sogar davon gehört, dass die Menschen dort Farbe auf der Haut tragen, um ihren Partnern besser zu gefallen. Der Kreativität der Naturalisten sind keine Grenzen gesetzt. Auch in ihrem Zuhause gleicht nicht eine Wohnung der anderen. Ein jeder nutzt seinen kreativen Freiraum, seine Individualität, um in seinem Umfeld ein Stück seines Ich auszudrücken.«

»Das stimmt ONIK, doch Konformität hat viel größere Vorteile. Du erinnerst dich an den Unterricht über die Genderkriege, GAL? Damals hatten die Männer den Kampf gegen die Frauen verloren. Sie wurden versklavt und in Käfigen gehalten. Eine erfolgreiche Frau konnte sich gleich mehrere von ihnen leisten. Männer wurden nur noch aus Fortpflanzungsgründen gehalten, bis es den großen Aufstand gab. Milliarden Menschen, Männer, Frauen und Kinder mussten in diesem sinnlosen Krieg ihr Leben lassen. Der Frieden hatte viel zu lange auf sich warten lassen. Es hätte ohne die Erridorianer nie einen Frieden gegeben. Wir haben dieser Spezies unser Leben zu verdanken und nur durch die Angleichung unserer Körper diese unüberwindbar scheinende Hürde nehmen können. Wir sollten unseren Besuchern dafür danken, dass sie uns einander angeglichen haben. Nur durch die uns von Erridos geschenkte Konformität, die Gleichheit durch Geschlechtslosigkeit, die angeglichenen Stimmen, Körper und unser einheitliches Aussehen sind der Schlüssel zu dieser großartigen und effektiven Einheit der Ritualisten. Es gibt bei den Ritualisten keinerlei Verschwendung von Resourcen, nur um dem anderen zu zeigen, dass man anders ist und vielleicht sogar besser sein will. Nein, alle Rituale sind auf Funktionalität, Effektivität und Gleichheit ausgerichtet.«

Unglaublich, dass PLAT diese Argumente aussprach, obwohl er GAL mit einem Bart und grauen Haaren gegenübersaß. Ebenso seltsam klangen ONIKs Worte, denn ONIK war ein Bild eines Ritualisten, die man nur mit einem geschulten Blick voneinander unterscheiden konnte, sie hatten immer noch ihre individuelle Körpersprache. ONIKs Lächeln war zum Beispiel eine Möglichkeit, dieses Individuum unter den anderen zu identifizieren. Nein, GAL war sich sicher, dass weder Individualität noch Konformität eine Verantwortung für ein friedliches Miteinander waren. GALs Entscheidung war längst gefallen, die Fäuste geschlossen nach vorne zu stoßen. Kein Finger für halbgare Argumente.

»GAL, bisher hat dich keins unserer Argumente überzeugt. Doch wenn unser letztes Wort gefallen ist, musst du dich für eine der Gruppen entscheiden. Willst du uns weiterhin nur deine geschlossenen Fäuste zeigen, oder schaffst du es, Entscheidungen zu treffen, die dir deinen Weg erleichtern? Ich frage das, weil mich das Ritual dazu verpflichtet. Entscheiden musst du.« PLAT sprach das ohne jeden emotionalen Ton, zumindest bemerkte GAL den Versuch, in dem sich der Mann, dem er anfangs noch skeptisch und abgeneigt gegenüber war, absolut an das Protokoll hielt. »Es ist an der Zeit für mein nächstes Argument. Nur ein gut versorgter Körper kann einen gesunden Geist beherbergen. Ich spreche als Argument die Ideale Versorgung aus, die uns die Erridorianer zukommen lassen. Sie ist ausgewogen und hält uns auf einem guten Versorgungslevel. Wir müssen selbst nichts dafür tun, außer sie zu konsumieren. Neben der Nahrung möchte ich auf die gute Hydration durch regelmäßige Getränkegabe aufmerksam machen. Auch die Medikation unserer Körper ist auf dem höchsten vorstellbaren Level.«

»GAL, was PLAT dir da gesagt hat, macht durchaus Sinn, aber ich weiß von der natürlichen Nahrung, die es bei den Ritualisten gibt. Eine in der Natur gereifte Tomate ist etwas ganz anderes als die Replikation einer solchen. Das Replikat enthält keine toxischen Inhalte, auch der Glukosegehalt ist auf ein Optimum heruntergedreht. Dennoch wird eine sonnengereifte Tomate viel süßer schmecken als die Replikate. Dazu kommt noch, dass beinahe jede Frucht, auch wenn sie am gleichen Strauch gewachsen sein mag, ein individuelles Aroma trägt. Falls du dich fragst, woher ich das weiß? Vor vielen Jahren habe ich eine solche Frucht bewerten sollen, als es um den Optimierungsprozess des Replikates ging. Seit damals habe ich nie wieder ein solches Geschmackserlebnis gehabt.«

Wieder konnte GAL keinen Finger zeigen. Nachdem er den Kaffee gekostet hatte, konnte er sich in vorstellen, wie es sein musste, eine natürliche Köstlichkeit zu probieren. Schwankte er in seiner Entscheidung? Nein, das war nicht der Fall, denn es gab mehr als genug Möglichkeiten, ihn mit den passenden Argumenten zu überzeugen. Er benötigte nur eins. Die Fäuste jagten geschlossen nach vorne.

»GAL, ich bin mir sicher, dass mein nächstes Argument dich überzeugen wird, mir sofort einen Finger zu schenken, denn mein Argument ist die Liebe. Kannst du es dir vorstellen, wie es sich anfühlt, einen anderen Menschen zu lieben? Ich meine damit, dass du jemand bedingungslos liebst und bereit wärest, alles für diesen Menschen aufzugeben. In der Literatur wird es dir im Rahmen der Schulungen theoretisch bekannt sein, aber hast du Liebe bereits empfunden? Bei den Naturalisten empfindet jedes Neugeborene von seinem ersten Atemzug an dieses Gefühl. Ein Vater, eine Mutter setzen das Leben ihres eigenen Kindes über ihr eigenes und stellen sich ein Leben lang schützend vor es. Es erfüllt die Eltern, die Verantwortung für ihre Kinder zu tragen, auch wenn andere dies als Last sehen könnten. Der Bund, den die Liebe erzeugt, lässt einen Berge versetzen. Diese Liebe gibt es nur bei den Naturalisten, GAL.«

»Liebe kann aber auch schmerzlich sein«, setzte PLAT ein, »sie tut weh, wenn ein geliebter Mensch stirbt, sie schmerzt schlimmer als die größte physische Verletzung, wenn sie nicht von dem, den du liebst erwidert wird. Im Gegenzug zu der Liebe, die unsere Hormone nur unnötig durcheinanderwirbelt, halte ich dir das Argument der Ausgeglichenheit vor Augen. Als Ritualist wirst du Liebe nicht als hormonelle Schwankung empfinden, da der Chip deinen Hormonhaushalt im Gleichgewicht hält. Es besteht kein Zweifel daran, dass Ausgeglichenheit auf Dauer ein besserer Zustand für dich sein wird. Stirbt ein Wegbegleiter, befolgst du dein Regelwerk und lässt den Verstorbenen ohne Trauer gehen.«

Wieder war GAL sich nicht sicher. War das, was er für OJA empfunden hatte nur plumpe Geilheit, wie bei dem Pal‘Tschuck in der Simulation oder hatte er romantische Gefühle? Den Unterschied glaubte er zu kennen. Wie sollte er in einem so kurzen Moment diese verwirrenden Gedanken interpretieren? Es konnte nur eine Antwort geben und das war erneut die geschlossene Faust. Langsam zweifelte er daran, dass er heute noch zu irgendeiner Entscheidung kommen würde. Seine beiden Portalwächter machten einen guten Job, schließlich durfte er heute eine Wahl treffen, die sein gesamtes zukünftiges Leben bestimmen sollte. Die Verzweiflung wurde stärker in ihm, er musste seine Entscheidung schnell fällen, und an die Liebe wollte er glauben. Dass dieses Gefühl sich in der Umgebung der Naturalisten besser ausleben ließ, stand für ihn außer Frage. Er zuckte kurz, wollte den Finger zurückhalten, doch die Entscheidung war gefallen. Er gab den kleinen Finger der rechten Hand frei und zeigte ihn den Portalwächtern. Im selben Moment bereute er, was er getan hatte. Er fühlte sich wie ein Verräter, ein Verräter am Volk der Erridorianer, die der menschlichen Spezies ein Geschenk gebracht hatten, mit dem sie sich auf einen weitaus höheren Entwicklungsstand begeben konnten, als den, auf dem sie sich jetzt befanden.

»GAL, ich gratuliere dir zu deiner ersten Entscheidung, Von jetzt an wird es dir leichter fallen, unsere Argumentationen abzuwägen. Deshalb starte ich gleich mit dem nächsten, bei dem ich weiß, dass du mir vollkommen zustimmen kannst. Mein Argument lautet Zufriedenheit. Diese verspürst du zwar auch unter den Naturalisten, aber vertraue mir, als jemandem, der beide Seiten gesehen hat. Die vollkommene Zufriedenheit erfährst du nur als Ritualist. Die Rituale zielen darauf ab, dich am Abend zufrieden ins Bett zu legen, zufrieden darüber, dass du viele der Rituale in Perfektion beherrscht, zufrieden darüber, dass du am nächsten Tag für die, bei denen du noch Probleme hast, eine neue Chance erhältst.«

»PLAT, das ist ein sehr gutes Argument, dennoch will ich die Steigerung der Zufriedenheit nicht unerwähnt lassen. Wahres Glück erfährst du nur bei den Naturalisten. Um dich glückselig zu fühlen benötigst du etwas unerwartetes als Voraussetzung, aber das ist genau das Problem. Im Leben eines Ritualisten ist alles geplant, jeder einzelne Schritt. Ich weiß, dass mein Argument auch einen Wermutstropfen enthält. Denn nur wer auch großes Leid und Unglück erlebt hat, kann das Glück wertschätzen. Ohne negative Erfahrungen, die du bei den Ritualisten nicht sammeln wirst, da sie dich bei jeder Kleinigkeit, sei es auch durch Medikation, davor beschützen wollen, dich schlecht zu fühlen, ja, GAL, ohne die wirst du nie erfahren, was Glück bedeutet.«

Auf negative Erfahrungen konnte GAL verzichten. Gestern hatte er sich schlecht gefühlt, als OJA gegangen war. Es hatte ihm fürchterliche Gefühle gebracht, als man ihn zum Pal’Tschuck gemacht hatte. Nein, auf diese Empfindungen wollte er in Zukunft verzichten. Wenn der Chip in seinem Kopf und die Medikation eingestellt waren, würde es aufhören, das war ihm klar. Zufriedenheit ist mehr als genug. Er richtete beide Fäuste nach vorne, an der rechten mit ausgestrecktem Finger. Als er den linken kleinen Finger ausstreckte, konnte er ein Lächeln nicht unterdrücken.

»Wieder stehen wir gleich auf. Das Ende des Rituals ist aber noch nicht erreicht. Machen wir weiter. GAL, hattest du in der Fabrik Freunde?«

»Das … ist verboten.«

»Was in der Zeremonie besprochen wird, bleibt unter uns. Dein Entschluss muss auf Vertrauen basieren. Also, hattest du?«

»Ja, um ehrlich zu sein, da waren schon ein paar Jungs, mit denen ich gern meine freie Zeit verbracht habe. Aber ich habe das nie als Freundschaft betrachtet.«

»Vielleicht ist deine Einschätzung richtig.« ONIK warf einen kurzen Seitenblick zu PLAT, den GAL nicht übersehen konnte. »Freundschaft, GAL, echte Freundschaft, da gibt es weder Zeit noch Raum, die sie trennen könnte. Bei einer echten Freundschaft ist jemand für dich da und du für ihn, dabei brauchst du noch nicht einmal wissen, wo sich dein Freund gerade aufhält. Diese innige Verbindung überdauert alles, ich glaube sogar den Tod.«

»Ja, GAL. Freundschaft ist wirklich großartig. Auf emotionaler Ebene liegen die Naturalisten ganz klar vorne, aber ich habe dieses Argument gerade aus dem Mund eines Ritualisten gehört, mit dem ich schon das Glück hatte, ein paar Jahre zu erleben. ONIK und ich sind – das hoffe ich aus tiefstem Herzen – Freunde. Also kann es die Freundschaft doch auf beiden Seiten geben, auch wenn sie heute von einer Anordnung unterdrückt und verboten wird. Das Lange Leben, das ihr Ritualisten führt, will ich gern als Gegenargument anbringen. Was das mit Freundschaft zu tun hat? Ich will es dir verraten. Als Ritualist wirst du so lange leben, dass es absolut unwahrscheinlich ist, dass du in diesen vielen Jahren nicht einem besten Freund über den Weg läufst.«

GAL musste nicht lang überlegen, da es dieses Mal keinen neuen Finger zu sehen geben sollte. Freundschaft überdauert Leben. Einen Freund zu haben, klang besser, als man es ihm in der Fabrik erklärt hatte. Dort hatte man von Gruppenbildung und Abgrenzung gesprochen. GAL war fest davon überzeugt, dass Freundschaft etwas Gutes war und dass sie bald auch Ritualisten erlaubt sein würde.

»Eine weise Entscheidung, GAL. Auch wenn es ähnlich schon so vorgekommen ist, möchte ich das Argument der Gleichheit einbringen. Unter den Ritualisten gibt es nur wenige Unterschiede. Körperlich gleicht ihr alle einander. Kein Wettbewerb, keine Eitelkeiten. Mehr habe ich zu diesem Argument nicht zu sagen.«

»Wenn mein Freund PLAT schon die Gleichheit aufführt, dann möchte ich in meinem Gegenargument das Recht der Naturalisten auf Unversehrtheit einbringen. In den ersten Nächten nach meiner Transformation war es noch erschreckend, ohne eine Vagina zu leben, ohne Brüste, aber was mich seltsamerweise am meisten erschrocken hat, war, dass ich keine Augenbrauen mehr hatte. Ich fühlte mich nackt und beraubt. Unversehrtheit hat für mich, wenn auch nur für wenige Tage, eine Bedeutung gehabt. Wenn wir einen echten Naturalisten fragen, dann wird das Recht darauf eines seiner höchsten Werte sein. »

GAL senkte den Kopf und dachte darüber nach, wie sehr er sich für seine Erektion geschämt hatte. Auf der anderen Seite war dieses neue und unbekannte Gefühl, das in ihm aufgestiegen war und ihn auf eine seltsame Art gewärmt hatte. Dennoch stand sein Entschluss zur Gleichheit fest.

Die linke Hand zählte zwei ausgestreckte Finger.

»GAL, ich weiß, dass es dir in deinem jungen Alter noch sehr unangenehm sein wird, darüber nachzudenken, Sex zu haben, allerdings wurde gestern in der Simulation genau das vollzogen, wenn auch auf eine ziemlich abschreckende Art und Weise. Ich habe es selbst nicht erlebt, aber in der vergangenen Nacht haben mein Freund PLAT und ich darüber gesprochen. Ich argumentiere für Sex, weil er dir eine Verbundenheit zu einem anderen Menschen und vor Allem zu dir selbst gibt. Du wirst dich fallen lassen können, indem du deinem dir von der Natur gegebenen Trieb folgst.«

»Erschrecken dich ONIKs Worte, GAL? Ich kann es mir gut vorstellen, allein an deiner Schamesröte kann man schon erkennen, wie unangenehm dir dieses Thema ist. Aber das wird dich nicht länger belasten, sobald du die Schwelle in diesen Zylinder überschritten hast. Denn dieser Schritt wird dich von allen niederen Instinkten befreien.«

GAL spürte die Hitze in seinem Körper emporsteigen. Er wusste, er würde sich später dafür verfluchen. Seine rechte Hand zeigte zwei Finger. Sex war auf der einen Seite furchtbar abstoßend, aber auf der anderen Seite fand GAL das Thema zu interessant, um es aus seiner Welt zu verbannen. Allein der Gedanke an OJAs Vagina, ließ all seine Zweifel weichen.

»Es ist Zeit für unser letztes Argument, GAL. Da ich dir die Anspannung anmerken kann, will ich es dir nicht unnötig schwer machen. Bei den Ritualisten erlebst du täglich die Geborgenheit, die ich als mein letztes Argument nenne. Schon als Kleinkind hast du eine Geborgenheit verspürt, die dir die älteren Kinder gegeben haben. Die ist allerdings nichts im Vergleich zu der Geborgenheit, die du in deiner Gruppe erfahren wirst. Durch die Zeremonien herrscht ein fester Zusammenhalt. Entscheide dich für die Geborgenheit, dann gehst du den richtigen Weg.«

»PLAT ist mit Sicherheit davon überzeugt, richtig zu liegen, GAL. Aber ich gebe dir zu bedenken, dass mit Geborgenheit auch immer eine Art Abhängigkeit verbunden ist. Das macht dich unflexibel. Wirst du ein Naturalist, dann bist du vom ersten Moment an unabhängig und kannst deine eigenen Gruppen finden, in denen du dich geborgen fühlst. Verlässt dich dieses Gefühl, dann kannst du jederzeit die Verbindungen zu den entsprechenden Gruppen lösen, ohne negative Konsequenzen erleben zu müssen. Entscheide dich heute weise und geh deinen eigenen Weg. Wir wünschen dir ein erfülltes Leben, egal welcher Weg dir die Erfüllung bringen mag.«

Die Zeremonie war fast beendet. GAL musste seine letzte Entscheidung gleich treffen, die ihm nicht leicht fiel, da ihn das finale Argument gegen einen weiteren Finger entscheiden ließ. Zwei Finger an jeder Hand. Ein Patt. Die Portalwächter würden gleich anfangen, ihn zu drängen. Er wollte den einen Moment, der über seine Zukunft – seine einzige Zukunft – entscheiden sollte, gut nutzen. GAL schloss die Augen und hörte in sich hinein. Da, wo vorher täglich die Stimmen das Wort Ritualist gesprochen hatten, war Leere, unerträgliche Leere. Geborgenheit? Er dachte an das Beispiel mit dem gestürzten Ritualisten, an die Gleichgültigkeit, die im Raum lag, als OJA sich gegen den Weg entschieden hatte.

»Bravo, liebe Portalwächter. Das war überzeugend und Aufschlussreich. GAL. Ich muss dich bitten, einen Moment zu warten, bevor ich mit ONIK und PLAT zurückkehre. Ich weiß, dass es auch in deinem Sinne ist, was ich mit ihnen besprechen möchte.« SPONN wartete keine Antwort ab und winkte die beiden zu sich. Sie folgten ihm aus dem Zeremonienraum. Nachdem sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, sprach SPONN zunächst ONIK an: »Deine Argumente klingen, als würdest du gern als Naturalist leben, ONIK. Hat PLAT dir den Mund wässrig gemacht?«

»Das ist es nicht Kaaluuu. Du hast uns aufgetragen, einen Weg des Friedens zu finden. Ich habe mir von meinem Freund PLAT erklären lassen, wie sein Alltag aussieht, was ich von ihm zu hören bekommen habe, hat mir zum Teil gefallen. Wir müssen uns einander langsam näherkommen. Beide Lebensweisen haben ihre Vorteile. Wenn wir bereit sind, voneinander zu lernen, dann werden wir schon bald die gegenseitigen Ängste und Vorbehalte ablegen können. Nur so erreichen wir, dass unsere Lebensarten nicht in ständiger Konfrontation bleiben. Wenn ich darf, dann würde ich gern ein paar Tage unter den Naturalisten verbringen.«

»Ich würde mich freuen, dich bei uns zu begrüßen, ONIK.« PLAT hatte die Einladung ausgesprochen, fügte dann demütig hinzu: »Deine Erlaubnis vorausgesetzt, Kaaluuu.«

»Ich begrüße das. Ihr habt freie Hand. Was meint ihr, wäre der richtige Schritt für GAL?«

»Er ist noch sehr jung und soll schon eine Entscheidung für sein Leben treffen«, antwortete PLAT nachdenklich. »Ich glaube auch, dass wir ihm ganz schön zugesetzt haben.«

»Ja, der arme Junge ist verwirrt, weiß gar nicht, was er tun soll.« ONIK schien entspannter.

»Ich habe euch sehr genau beobachtet. Nicht nur heute, sondern auch die ganze Nacht. Dabei habe ich gesehen, dass die Menschen eine Möglichkeit finden können, miteinander ihre Hindernisse zu überwinden, wenn es brenzlig wird. Ihr braucht nur einen kleinen Kick und dann schafft ihr es. Deshalb brauche ich nicht lang zu überlegen. Ich habe eine Entscheidung getroffen«, verkündete SPONN feierlich. »Jeder Mensch hat das Recht zwischen Ritualisten und Naturalisten zu wechseln. Unsere Konverter speichern die ursprüngliche Form eines jeden Ritualisten bei seiner Transformation ab. Es ist uns ein leichtes, den Prozess wiederherzustellen.«

»Das sagst du jetzt? Weißt du, wie viele von uns durch einen langen, schmerzhaften Prozess gehen mussten, um wieder Genitalien zu haben? Weißt du, dass viele von uns seitdem zeugungsunfähig sind?« PLAT konnte seine Wut kaum unterdrücken. »Was seid ihr nur für Menschen?«

»Wir sind keine Menschen.«

»Ich meinte das im übertragenen Sinne.«

»Was auch immer, PLAT. Wir können es beliebig anpassen, auch den Alterungsprozess können wir angleichen, wenn ihr …«

»Du könntest aus mir eine alte Frau machen? Die Frau, die ich heute wäre?«

»Oder eine junge Frau. Materie zu Energie und umgekehrt, das ist kein Hexenwerk. Ich kann jeder Zelle erklären, wo sie wie und auf welche Art zu materialisieren hat.«

»Jetzt verstehe ich so langsam, warum du immer noch so jung aussiehst, SPONN.«

»Erwähnte ich auch die Worte … wie oft? Ich bin nicht der SPONN, sondern einer der SPONNs. Ihr gehört nun dazu, deshalb …«

»Moment mal. Wozu gehören wir?« Hatte ONIK richtig gehört? Hatten sie es geschafft …

»Willkommen in der Allianz.«

Nachdem sie GAL die neuen Möglichkeiten erklärt hatten, bat er gleich darauf um die Durchführung der Zeremonie. Er wollte sein Leben der Zukunft der Menschheit widmen, einer Zukunft, in der er das All erforschen und andere Spezies kennenlernen konnte. Auf die Frage, warum er diesen Weg als Ritualist gehen wolle, antwortete GAL: »Im Leben eines Ritualisten gibt es keine Zeit für Ablenkung vom Wesentlichen. Auch wenn wir als Individuen durch die Aufnahme in die Allianz eine nahezu unbegrenzte Lebensspanne erhalten, können wir – aufgrund der unendlichen Weite der Galaxien – nicht erlauben, auch nur eine Sekunde dieses wunderbaren Geschenkes zu verschwenden. Ich verstehe, dass die Rituale mit der Aufnahme in die Allianz ausgeweitet werden. Im Buch des großen Ritualisten ALPO Der Weg des ALPO steht: Sind wir willkommen in der Allianz, dann wird es einen neuen Ersten geben, der die Rituale zum Wohle der Forschung und im Sinne des Guten wandelt. Dieser Erste, das möchte ich gern sein.«

Gleich darauf ging der Novize in den Zylinder und kam wenige Augenblicke später als Ritualist OGAL heraus.

»Lasst uns Welten entdecken.«

OGAL wurde innerhalb der nächsten Jahrhunderte zu einem führenden Expeditionsleiter, der vielen neuen Spezies begegnete, von denen in den Galaxien noch eine unendliche Anzahl auf ihre Rettung warteten.

Ende der Simulation Erde_78462x8765_ ;

Projektname Ritualistenwelt; Status: Erfolgreich;

Erkenntnis: Die Unterschiede zwischen den Menschen – insbesondere der zwischen Mann und Frau – haben zwar zu den Genderkriegen geführt, die in den Pyramiden der Erdgeschichte beschrieben wurden, sind nicht durch physische Angleichung und Entfernung der Geschlechtsmerkmale beilegbar. Vielmehr hilft es bei jeder Konfrontation unter den Gruppierungen, zwei Individuen der Konfliktpartner zusammenzubringen und ihnen eine gemeinsame Aufgabe zu bieten, die sie nur zusammen lösen können. Schnell existiert ein neues Feindbild, das der Mensch anscheinend benötigt, um in seiner Einheit zu funktionieren. Die menschliche Spezies ist nicht weit genug entwickelt, um ohne eine Bedrohung von außen überlebensfähig zu sein. Ob sie es jemals schaffen wird, steht in Frage. Unter der Führung eines strengen erridorianischen Kommandos wird die Menschheit eine friedliche, kontrollierbare Spezies.

Die Besiedlung des Planeten konnte starten. Basis sollte genau die Simulation sein, die SPONN – wie ihn die Menschen liebevoll genannt hatten – eben beendet hatte.

Die endlosen Wüsten der Erde hatten ihre Dürre die längste Zeit erdulden müssen. Aus dem Planeten war dank der Unterstützung der Allianz wieder ein blühendes Paradies entstanden. Nach und nach wurden die Fabriken abgeschafft, denn ein Mensch – so waren sich alle einig – sollte ein Wunder der Natur bleiben und von Eltern gezeugt und aufgezogen werden. Die aus der Fabrik stammenden Erdbewohner waren von Geburt an perfekt gewesen, doch fehlte ihnen ein entscheidender Teil, der sie erst zu echten Menschen machte. Die Seele, die sich zwar transferieren, aber nicht künstlich erzeugen ließ, blieb der organischen Intelligenz ein unlösbares Rätsel. SPONN hatte lang überlegt, ob er es den künstlichen Homo Sapiens sagen sollte, hatte sich aber dann dagegen entschieden. Welchen Unterschied hätte es für sie gemacht, die von der organischen Intelligenz – genau wie er selbst – aus Energie erzeugt worden waren – und das aus ein paar wenigen DNA-Proben, die die Schiffssensoren auf dem Wüstenplanet gefunden hatten. Ohne die Barken wäre der Erkunder an dem SOL-System vorbeigeflogen, doch in ihren unendlichen kriegerischen Auseinandersetzungen hatte die Menschheit jene Sendeeinheiten bei der totalen Auslöschung ihrer eigenen Spezies vergessen. Lebensfunke_Einheit_ , so lautete die Bezeichnung der organischen Bordintelligenz, hatte die Botschaft der Menschen empfangen. Darin hatte sich eine Spezies mit niedrigem Intellekt und einer einfach zu entschlüsselnden Sprache vorgestellt. Den internen Datenbanken ließ sich entnehmen, dass bei Erstkontakten mit solchen Wesen äußerste Vorsicht geboten war, wenn sie sich, wie in diesem Fall, als friedliche Wesen ausgaben.

Erdenbürger waren Säuger und teilten sich in zwei Geschlechter auf. Wie beinahe alle organischen Lebensformen, auf die die Lebensfunke_Einheit während ihrer mehrere Milliarden Jahre dauernden Reise getroffen war, waren die Körper der Menschen anfällig für Krankheiten und verstarben nach wenigen Lebensjahren. Sie waren so geschaffen, als sollten sie nach ihrer Reproduktion die Nachkommen aufziehen und ausbilden, um dann nach furchtbaren und langen Erkrankungen zu verrecken.

Lebensfunke_Einheit wusste, dass es einer OI nicht gestattet war, darüber zu richten, ob eine Spezies eine Rettung oder, wie in diesem Fall, eine Wiederauferstehung, verdient hatte. Diese Entscheidung hatten sich die Erridorianer vorbehalten, deren Abbild in unterschiedlichen Speicherbänken zum Abruf und zur Materialisierung bereitgestanden hatten. Die Analyseprozesse hatten ihre Berechnungen in wenigen Sekunden beendet, hatten dabei weitere Kriege und unterschiedliche Szenarien der Neuansiedlung verglichen. Immer wieder hatte sich die simulierte Menschheit in kleine Gruppen aufgeteilt, die sich kurze Zeit später angriffen und erneut gegenseitig komplett vernichtet hatten. Kaum hatte die OI ihre Analysen beendet, lief die erste Materialisierung der Teams, die den Ansiedlungsprozess überwachen sollten. Dazu wurde eine gespeicherte Einheit aus der 784er-Reihe mit einigen Variationen versehen. Die erzeugten Erridorianer zu verändern und in ausreichender Zahl zu erzeugen, war eine kleine Aufgabe für Lebensfunke_Einheit. Die Wesen mit einer Erinnerung auszustatten empfand sie als eine Art Kunst, denn ihre erschaffende organische Intelligenz – die sie scherzhaft Lebensfunke_Mutter nannte – hatte nicht die Kapazitäten gehabt, sich mit jedem Detail eines Genesis-Projektes zu beschäftigen, und hatte auf die Neugierde und den Fleiß des erzeugten Systems vertraut. Ein erridorianischer Replikant hatte sich als vielversprechend erwiesen. Kontakt_Erde_78462, so war sich Lebensfunke sicher, wird in den Experimenten vorwiegend erfolgreiche Oasen liefern.

Und so war es. Unter den Millionen von Testläufen hatte Kontakt_Erde_78462 eine Erfolgsquote von 99.98898 Prozent erreicht. Ziel der Experimente, dass die aus Energie erzeugten Menschen ihren ersten Schritt in eine neue Evolutionsebene Hand in Hand gingen.

***

Leben ist ein Geschenk des Universums, das wir beschützen und weitergeben müssen, wie eine Flamme, die ohne Liebe, Vernunft und Frieden für immer erlischt.

Hoffentlich gibt es eine Spezies, die den Erridorianern gleich ist, und uns eine neue Chance ermöglicht, denn wir haben es vergeigt.

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★★★★★
4,5
2 Bewertungen, 1 Rezensionen

💬 Kommentare

A
Anonym
18.12.2025 14:13
Test
25 Antworten
A
Anonym
18.12.2025 22:09
kommentar jaja
A
Anonym
18.12.2025 21:59
v4_workaround story_id
A
Anonym
18.12.2025 21:37
v4 direct call
A
Anonym
18.12.2025 21:34
v4 2
A
Anonym
18.12.2025 21:31
v4
A
Anonym
18.12.2025 21:27
ldöjkfiufi adfljjhfadoijew lnkdslj dfs
A
Anonym
18.12.2025 21:09
lkjshhlkjhSLKJH LHFKLDL ADHL DJHLA FLKAHDS FLKHJD ALHJDHJK AS A D ADFSKHFDHJ EWUWEU HQ
A
Anonym
18.12.2025 21:05
öjlksföjklafskhjfads0iudfsknadsfjlkfsdhjkladsf
A
Anonym
18.12.2025 21:01
Kommentar Harr Harr
A
Anonym
18.12.2025 20:53
Hurra Hurra, das ist ein Kommentar
A
Anonym
18.12.2025 20:09
Was geht denn hier ab?
A
Anonym
18.12.2025 20:06
never einding
A
Anonym
18.12.2025 19:56
Kommentaaaaaa
A
Anonym
18.12.2025 19:30
zweiunddrölfzigster Kommentar
A
Anonym
18.12.2025 19:29
Einunddröflzigstrer Kommentar
A
Anonym
18.12.2025 19:16
Zauberfurzkommentar
A
Anonym
18.12.2025 19:14
ablutschkommentar
A
Anonym
18.12.2025 18:55
lalala
A
Anonym
18.12.2025 18:33
Ich hoffe, das klappt jetzt
A
Anonym
18.12.2025 17:43
It ist hard not to fart
A
Anonym
18.12.2025 17:39
test like a hero
A
Anonym
18.12.2025 17:36
Was solls?
A
Anonym
18.12.2025 16:53
mal sehen
A
Anonym
18.12.2025 16:30
Ach, wie gut, dass niemand weiß
A
Anonym
18.12.2025 14:13
testokay
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