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Wettbewerbsgeschichte: meth

Metropolis 2084 Eine Kurzgeschichte aus der nahen Zukunft Mein Name ist Lenz, 34 Jahre alt, Angestellter bei SynapseAI, einem der größten KI-Anbieter der Oberstadt. Ich weiß gar nicht, wem ich das ...

Wettbewerbsgeschichte: meth

Wettbewerb: Testwettbewerb

Teilnehmer-Nr.: WC2025_002_0006

meth

Anonym eingereicht

Metropolis 2084

Eine Kurzgeschichte aus der nahen Zukunft

Mein Name ist Lenz, 34 Jahre alt, Angestellter bei SynapseAI, einem der größten KI-Anbieter der Oberstadt. Ich weiß gar nicht, wem ich das hier alles erzähle. Hinter mir, da draußen, seht ihr die Neonlichter der Türme wie elektrische Adern durch die Dunkelheit fließen. Mein Arbeitsplatz liegt nämlich an der Grenze zwischen den beiden Welten: Oben, wo die Aristokraten residieren, und unten, das endlose Labyrinth der Arbeiterviertel.

Jeden Morgen weckt mich das leise Summen der Stadt, das durch die dünnen Wände meiner kleinen Wohnung dringt. Der Geruch nach synthetischem Kaffee und dem scharfen, metallischen Aroma der Reinigungsdrohnen zieht durch die Flure – ein Duft, an den ich mich nie ganz gewöhnen werde. Beim Verlassen des Hauses begleitet mich das gedämpfte Stimmengewirr der Nachbarn, das Klackern von Absätzen auf dem kalten Stein, das entfernte Rattern der automatischen Sammeltransporter. Die Luft schmeckt nach Regen und Ozongeruch, immer ein Hauch von Elektrizität, der in der Nase kribbelt.

Im Aufzug nach oben schweigt jeder. Hinter spiegelnden Scheiben sehe ich mein Gesicht, blass im Neonlicht, und erinnere mich an Kindheitstage in einer anderen Welt, unten, zwischen staubigen Gassen und dem Lachen meiner kleinen Schwester. Damals war die Stadt noch voller Möglichkeiten. Heute bleibt davon oft nur Hoffnung, die sich in kurzen Momenten des Innehaltens zeigt – wenn ich in den Himmel blicke und mir einrede, dass mehr möglich sein muss als dieser endlose Kreislauf.

Bei SynapseAI beginnt mein Tag mit einem Blick auf endlose Zahlenkolonnen, Algorithmen, die ich füttere, überprüfe, anpasse. Die Räume sind steril, der Geruch nach Plastik, Teppichkleber und künstlichen Blüten vermischt sich mit dem Brummen der Klimaanlage. Gelegentlich dringt ein leises Lachen von Kollegen durch die Glaswände, meist aber ist es das Tippen der Finger auf Touchscreens und das nervöse Zischen des Kaffeevollautomaten, das die Stille durchbricht. Ja, sie spielen alle Register der Psychologie. Kostenloser Kaffee und Obstkörbe, dass ich nicht lache.

Ich habe keine Familie hier oben; meine Eltern leben weit entfernt, wir sprechen selten miteinander. Manchmal glaube ich, dass ihre Avatare mit meinem Avatar besser ohne uns zurechtkommen. Ein kleiner Robothund wartet zu Hause auf mich, sein künstlicher Schwanz wedelt, wenn ich abends eintrete. Manchmal frage ich mich, ob er tatsächlich auf mich wartet oder nur auf sein nächstes Update. In stillen Momenten spreche ich mit ihm, erzähle ihm von meinen Träumen, weil ich weiß, dass sie sonst niemand hören will.

Immer öfter wird mir bewusst, wie sehr mich das Leben hier oben verändert hat. Die Gesellschaft der Oberstadt duldet Nähe nur, wenn sie ins System passt – alles andere wird an den Rand gedrängt, ausgesiebt wie unerwünschter Code. Ich funktioniere, schweige, passe mich an, weil es so von mir erwartet wird. Sie haben mich dazu gebracht, mich selbst zu isolieren, zum Einzelgänger zu werden, der seine Gedanken lieber mit einer Maschine teilt als mit anderen Menschen. Ich frage mich, ob Freiheit nicht längst zur Anpassung verkommen ist – zu einem stillschweigenden Einverständnis mit den Regeln derer, die Macht über uns haben. Und während ich den Robothund beobachte, frage ich mich, ob ich nicht längst so geworden bin wie er: programmiert auf Funktion, auf Loyalität, auf das perfekte Schweigen, das niemanden stört.

Zwischen all dem Alltag, dem ständigen Rauschen der Stadt, sind es Erinnerungen und leise Hoffnungen, die mich tragen – Erinnerungen an echte Gespräche, an das Gefühl von Freiheit in einem Park, den es längst nicht mehr gibt. Wie oft sehne ich mich nach der kindlichen Unbekümmertheit jener Tage zurück, an denen die Luft nach Gras roch und nicht nach ozongetränkter Sterilität, an denen das Wort „Zukunft“ noch nicht mit so viel Blei im Herzen lag. Besonders lebendig bleibt mir das Bild eines Apfelbaumes an einem sanften Hang, irgendwo am Rand meiner alten Welt. Damals, als alles noch möglich schien, streckte ich die Hände aus, um die rotbackigen Früchte direkt vom Ast zu pflücken – und das erste Knacken unter meinen Zähnen, der süße, unnachahmliche Geschmack, das kühle Fleisch, der Saft, der über mein Kinn lief und mir das Gefühl gab, frei und ganz bei mir zu sein. Jener Apfel – er schmeckte nach Sommer, nach Wärme, nach einer Zeit, in der alles echt war und nichts aus Plastik oder Algorithmen bestand.

Jetzt, im Alltag der Oberstadt, liegt jeden Morgen der Normobstkorb in der Lounge. Darin glänzen Äpfel, makellos und genormt, auf Hochglanz poliert, jeder identisch, jeder Geschmack vorhersehbar. Ich beiße hinein, und obwohl meine Sensoren mir süße Noten und perfekte Konsistenz melden, bleibt dieses Erlebnis hohl – ein Schatten der Erinnerung an jene goldenen Tage. Ich frage mich oft, ob ich vielleicht nur deshalb noch unterscheiden kann, weil ich mich weigere, auch in Gedanken ganz Teil dieser perfekten Gleichförmigkeit zu werden. Ist es nicht absurd, wie der Fortschritt uns die Vielfalt und das Ungewisse genommen hat und damit die Freude am Zufall, die Überraschung des Unvollkommenen?

In stillen Momenten, wenn ich mich selbst in den spiegelnden Fassaden der Stadt erkenne – ein blasses Abbild zwischen Lichtern und Schatten –, frage ich mich, ob es überhaupt noch erlaubt ist, so zu empfinden. Ist das Erinnern an echte Gespräche, an Freiheit, an die wilde Süße eines selbst gepflückten Apfels schon ein Vergehen gegen die Regeln der neuen Welt? Dürfen wir uns nach der Vergangenheit sehnen, oder ist selbst Nostalgie zu einem Luxus geworden, den sich nur diejenigen leisten können, die in keiner Datenbank auffallen?

Vielleicht ist in meinem Neurochip ein Fehler. Vielleicht müsste ich längst Scham empfinden, Schuld, ein schlechtes Gewissen wegen dieser Rückwärtsgewandtheit. Die Algorithmen der Anpassung sind darauf programmiert, Abweichungen zu melden, Regungen zu korrigieren, jede Form von Sehnsucht nach dem Unkontrollierten im Keim zu ersticken. Aber ich spüre stattdessen eine wachsende Leere, einen stillen Trotz. Und so frage ich mich: Bin ich wirklich noch ich, wenn ich mich nach Dingen sehne, die nicht mehr existieren dürfen? Oder hat ein Defekt in meinem Innersten – vielleicht nur ein winziger Riss im Datenstrom – zugelassen, dass ich überhaupt noch weiß, was ich vermisse? Manchmal überkommt mich ein fast rebellisches Staunen darüber, dass meine Gedanken weiterhin Streifzüge in die Vergangenheit unternehmen, wo Schuld und Scham doch längst aus dem Katalog der Gefühle gestrichen wurden.

Und während ich im künstlichen Licht einen weiteren makellosen Apfel in der Hand drehe, versuche ich, den Geschmack der Kindheit zu erinnern. Vielleicht ist das schon Widerstand: sich zu erinnern, zu hoffen, zu fühlen, was nicht mehr vorgesehen ist. Vielleicht ist das die letzte Freiheit, die uns bleibt, in einer Welt, die alles Unvorhergesehene scheut – die bittersüße Ahnung, dass nicht einmal ein Neurochip alle Erinnerungen auslöschen kann.

Jeden Morgen betrete ich das Hochhaus durch den Personaleingang. Ein digitales Auge scannt mein Gesicht, kurz zuckt mein Herz. Unten, so heißt es, leben die, die unsere KI bedienen soll – das Volk. Hier oben regieren Algorithmen und Menschen, die glauben, sie kontrollieren zu können. Ich bin keiner von ihnen, doch ich gehöre auch nicht mehr wirklich zu den anderen.

Meine Aufgabe ist es, die „Vox“-KI zu trainieren. Sie produziert Content für die Social Streams, filtert und sortiert Nachrichten, entscheidet, was wichtig ist – und was nicht. Ich sitze an einer Konsole, beobachte, wie Sätze entstehen, wie Bilder generiert werden, wie Meinungen geformt werden. Heute fällt mir eine Meldung auf, die viral gehen soll: „Volk lebt in Wohlstand dank gemeinsamer Anstrengung.“ Ein Lächeln voller Zynismus stiehlt sich auf mein Gesicht.

Nach der Mittagspause treffe ich Jonas auf der Dachterrasse. Jonas, einer der wenigen Kollegen, denen ich vertraue. Wir lehnen uns über das Geländer, blicken auf das Lichtermeer der Tiefe. „Glaubst du, wir sind frei?“, fragt er. „Oder sind wir nur die Handlanger einer Maschine, die uns längst durchschaut hat?“ Ich zucke mit den Schultern. „Freiheit ist eine Illusion, die sich gut verkauft. Wer verkauft, kontrolliert.“ Jonas lacht leise, ein bitteres Geräusch.

Abends fahre ich oft in die Unterstadt, zu Mira. Sie arbeitet in einer Recyclingfabrik, verteilt Pausenbrote an ihre Kollegen, liest Bücher, die hier oben längst verboten sind. Heute spricht sie mich auf die neuesten KI-generierten Nachrichten an. „Weißt du, dass auf einmal alle Geschichten vom Glück der Arbeiter überall auftauchen? Dass niemand mehr über Proteste spricht?“ Ich schweige, kann nicht zugeben, dass es meine Arbeit ist, die solche Geschichten schreibt.

Wir diskutieren über Wahrheit. Mira sagt: „Wahrheit ist ein Fluchtpunkt. Je näher wir ihr kommen, desto mehr entzieht sie sich.“ Ich antworte: „Vielleicht ist Wahrheit nur das, worauf sich die Mehrheit einigen kann. Oder das, was die Mächtigen bestimmen.“ Sie sieht mich an, durchdringend. „Und was, wenn die Wahrheit zum Schweigen gebracht wird? Wenn deine KI lügt?“

Im Büro beginnt sich ein mulmiges Gefühl in mir zu regen. Während ich die nächsten Anweisungen an die Vox-KI gebe, beobachte ich, wie sie gezielt Fehlinformationen streut. Ein neuer Befehl der Oberen: „Stärke das Bild der Einheit. Schwäche Berichte über Streiks.“ Ich höre den Kommunikationschef, einen Aristokraten in makellosem Anzug, zu mir sagen: „Die Wahrheit ist, was wir wollen. Die Maschinen sind unsere Stimme. Und du bist unser Mundstück.“ Ich frage ihn: „Wo endet unsere Verantwortung?“ Er lächelt kalt. „Dort, wo unser Einfluss endet – und der ist grenzenlos.“

Ich beginne, Fragen zu stellen. Heimlich spreche ich nachts mit Arbeitern, treffe Mira und ihre Freunde. Sie berichten von den wahren Zuständen: Überstunden, Hunger, wachsende Verzweiflung. „Eure Nachrichten machen uns taub für unser eigenes Leid“, sagt ein junger Mann. „Sie nehmen uns nicht nur die Wahrheit, sie nehmen uns auch den Mut zur Veränderung.“

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