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Geschichte Nr. 2

Wettbewerbsgeschichte: Himmelblau

Himmelblau   EINS Es kracht. Wie ein Schuss. Der Rahmen des Klappstuhls ist am Türstock hängen geblieben. Mühsam manövriere ich mich durch den Zugang. Die Kontrollzelle hinter der zu engen Tür i...

Wettbewerbsgeschichte: Himmelblau

Wettbewerb: Menschmaschine – VACSF26 – Vierter anonymer und chancengleicher Schreibwettbewerb auf punktasten.de

Teilnehmer-Nr.: WC2026_001_0003

Himmelblau

Anonym eingereicht

Himmelblau

 

EINS

Es kracht. Wie ein Schuss. Der Rahmen des Klappstuhls ist am Türstock hängen geblieben. Mühsam manövriere ich mich durch den Zugang.

Die Kontrollzelle hinter der zu engen Tür ist gleißend hell ausgeleuchtet. Alles ist weiß. Fast verliere ich das Klemmbrett mit den Formularen.

Der Boden summt. Auch die Wände. Der ganze Raum. Hinter den glatten Verkleidungen arbeitet die Maschine. Dicke Bündel aus transparenten Schläuchen verbinden sie mit dem monolithischen Kubus des Behandlungsmoduls in der Mitte.

Dorthin schleppe ich meinen Stuhl. Proband 113 bestand in den frühen 2020er Jahren darauf, von der Eingangstür weggedreht zu werden. Später ließ er alle Bildschirme abnehmen. Ein knappes Jahr danach stellte er die verbale Kommunikation ein.

Zuletzt sprach Proband 113 vor 50 Jahren, als man ihm die Künstliche Intelligenz ERIS – Extended-life Regulatory Intelligence System vorgestellt hatte, die seine Betreuung 24/7 übernehmen sollte.

Notwendig wurde der Wechsel von Humanpersonal zu KI, weil sich politische Stimmen mehrten, die eine Abschaltung der Maschine forderten. Gestützt wurden sie durch Vertreter der Wirtschaft. Dagegen formierte sich gesellschaftlicher Widerstand. Der Kompromiss war ERIS. Durch die KI konnten die Kosten des teuersten Humanexperimentes aller Zeiten so weit gesenkt werden, dass die Abschaltung abgewendet wurde. ERIS rettete sein Leben.

 

Dankbarkeit zeigte Proband 113 nicht. Seine letzten Worte lauteten: „Fickt Euch!“.

 

Von vorne betrachtet, ist das Behandlungsmodul ein monströser Stuhl mit mächtigen Armlehnen, in denen sich Technik versteckt. In halb liegender Position ist Proband 113 permanent darin fixiert. Hunderte dünner Schläuche führen in und aus seinem Körper und „nähen“ ihn praktisch an das Modul. Er kann lediglich Mund und Augen frei bewegen.

 

Während ich meinen Klappstuhl aufbaue, adressiere ich die KI: „ERIS, Status.“

„Authentifizierung und Missioncode bitte.“

„XY TEC/AEON2075TERM.“

Der Stahlrahmen quietscht schrill, als ich ihn auseinanderziehe. Ein scharfes Knacken begleitet das Einrasten der Sitzfläche.

„Alle Funktionen im optimalen Bereich, Techniker. Proband 113 in exzellenter Verfassung“, antwortet das System in einem weichen Tenor, der in dieser harschen, grellen Umgebung deplatziert wirkt. 

 

„Danke“, entgegne ich und setze mich. Starre auf den Anachronismus auf meinen Knien. Niemand benutzt noch Klemmbretter, weil niemand mehr Papier verwendet. Aber hier sitze ich und frage mich, ob sie ein Museum kontaktieren mussten, um die Blätter zu erhalten und die Ausdrucke anzufertigen.

Wird jemand eine Akte aus Papier mit ins All nehmen? Die letzte ihrer Art?

Es geht mich nichts an!

 

Meine Aufgabe ist es, Proband 113 vorzulesen, was auf den Formularen steht. Ist das erledigt, bin ich drin. Ich werde mitfliegen und etwas länger leben. Anders als die armen Schweine mit unzureichendem Kompetenzprofil.

 

Einmal war ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Einmal hatte ich Glück. Auch wenn ich ihren Inhalt längst kenne, lese ich die Einleitungsseiten wie vorgeschrieben durch.

Es gibt nur den einen überlebenden Probanden des AEON-Projektes. Einer von 500. Der 13. der 3. Testreihe. Er ist mein goldenes Ticket.

Ich verliere den Fokus, blicke auf.

Es ist schwer, Details zu erkennen. 113 hält Augen und Mund geschlossen. Er ist fast so weiß wie alles in der Zelle. Haut und Haare haben jegliche Farbe verloren, weil alle Flüssigkeiten in seinem Körper farblos sind. Manche klar, andere trüb, einige weiß.

 

Es gibt kaum Schatten, der Konturen erzeugen könnte. Licht von allen Seiten. 24/7, Jahr ein, Jahr aus. Und das monotone Summen der Maschine.

Proband 113 trägt einen weißen OP-Anzug. Denselben seit 53 Jahren.

Ich blicke hinab auf mein Klemmbrett.

 

AEON war ein multidisziplinäres Forschungsprojekt zur Hemmung biologischer Degeneration und Aufrechterhaltung vitaler Funktionen in postmetabolischen Zuständen.

 

113 hat keinerlei externen Stoffwechsel. Nimmt nichts zu sich, scheidet nichts aus. Seit Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrtausends haben die Liquide, die seinen Körper erhalten, einen Reinheitsgrad von 99,9% erreicht.

 

Meine Hand zittert, als ich umblättere. Die Vorgeschichte von 113. Das meiste kenne ich. Von ihm hörte jedes Kind in der Schule. Die wenigsten wissen, dass er noch immer existiert.

Schlussendlich war Projekt AEON ein Fehlschlag. Der Durchbruch zur unbegrenzten Lebensverlängerung kam 2028 auf gänzlich anderem Weg. 2038 war die Marktreife für die Spritze erreicht. Das letzte Kind kam 2056 zur Welt.

 

Ich räuspere mich. Ein Schluck Wasser wäre angenehm, aber ich habe vergessen, welches mitzubringen. Es gibt nichts, vor dem ich mich fürchten muss.

 

„ERIS, Record.“, weise ich die KI an.

Ein Glockenton signalisiert den Start der Videoaufzeichnung.

„Sehr geehrter Herr Emil Schneider, wir bedauern Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihr aktuelles Persönlichkeitsprofil und abrufbares Skill Set nicht ausreichen, um Sie als Besatzungsmitglied eines Colonization Shuttles zu qualifizieren. 

 

Ihren aktuellen Punktestand entnehmen Sie bitte der Tabelle auf der Rückseite dieses Schreibens.

Sie haben die Möglichkeit der Nachqualifizierung und Neubewertung. Sollten Sie diese in Anspruch nehmen, ist die Bescheinigung der erfolgreich bestandenen Qualifizierungsmaßnahme(n) bis spätestens 

14 Tage vor Start der Flottenverbände am 1.9.2075 einzureichen und eine Neueinstufung zu beantragen.

 

Für Ihre Zukunft wünschen wir Ihnen alles Gute.

Gez. Oberflottenkommando

i.A. R. Linder“

 

Ich blättere um, damit ich zum Abschluss den Punktestand nennen kann. Mir ist kalt. Proband 113 sitzt bewegungslos wie eh und je.

„ERIS, Vitaldaten.“

„Leicht erhöhte Werte aufgrund ungewohnter sensorischer Exposition. Alles im Normbereich.“

 

Um als Besatzungsmitglied in Frage zu kommen, wird ein Punktestand von mindestens 9000 gefordert. Zwei Drittel berechnen sich aus dem Genom. Das letzte Drittel setzt sich aus Persönlichkeitsprofil und verwertbarem Skill Set zusammen. Mein Punktestand beträgt 5973.

Ohne die Chance, die ich durch die Abwicklung von Projekt AEON erhalten habe, bestünde für mich keine Möglichkeit, in ein Shuttle zu kommen. Deshalb muss ich mich zusammenreißen!

 

„Ihr aktueller Punktestand beträgt 0.“, lese ich fast flüsternd vor.

Fertig.

Zu rasch stehe ich auf und stoße an den Stuhl. Seine Metallbeine rutschen kreischend ein Stück nach hinten. Ich muss hier raus!

 

Mein Blick fällt auf Proband 113. Seine Augen sind offen.

 

Ich versuche meine Stimme stabil zu halten.

„In drei Tagen komme ich, um zu hören, wie Sie sich entschieden haben.“

ZWEI

Ich habe vergessen den Stuhl mitzunehmen und die Videoaufzeichnung zu beenden. Es fällt mir erst auf, als ich wieder vor der schmalen Tür stehe. 

 

„ERIS?“

„Willkommen, Techniker.“, antwortet die KI mit warmer Stimme. 

„Status des Probanden?“

„Seit Ihrem letzten Besuch sind die Vitalwerte des Subjektes erhöht und schwanken im oberen Normbereich. Seine Augen sind geöffnet. Möchten Sie eine medizinische oder technische Interpretation?“ 

 

„Einfache physiologische Zusammenfassung“, ordne ich an.

„Proband 113 wurde seit 34,6 Jahren nicht mehr angesprochen. Ungewohnte sensorische Exposition und die inhaltliche Tragweite der überbrachten Information erklären den Anstieg der Werte. Der optische Reiz, den Sie gesetzt und in der Sichtachse des Probanden belassen haben, ist mit großer Wahrscheinlichkeit dafür verantwortlich, die Erregungskurve auf hohem Niveau zu halten.“

„Der Stuhl?“, frage ich verblüfft.

„Die Farbe“, erklärt ERIS. „Proband 113 lebt seit 50 Jahren in einem Zustand der Reizdeprivation. Die Farbe des Stuhls stellt eine ungewöhnlich intensive Stimulanz dar.“

 

Als ich den Klappstuhl vom Stapel im Vorraum genommen hatte, habe ich nicht darauf geachtet. Jetzt sehe ich, dass alle transparente, farblose Sitzflächen haben. Nur der eine, den ich in die Kontrollzelle getragen habe, war Himmelblau.

 

„Er wird nicht sprechen, oder?“, murmle ich mit der Hand am Türknauf.

„Die Wahrscheinlichkeit ist äußerst gering.“, antwortet ERIS. 

 

Diesmal ist mein Eintritt fast geräuschlos. Ich bemühe mich um einen entschlossenen Gang, obwohl sich meine Beine anfühlen, als wate ich durch Schlamm.

Seine Augen sind offen und ich muss ihn anstarren. Proband 113. Die Legende. Das Monster.

Man sagte, meine Leistung sei hervorragend, als ich meinen Bericht über den ersten der drei Besuche einreichte. Ich könne stolz sein, diese Aufgabe übernommen zu haben. Daran halte ich mich fest.

 

Die Iris seiner Augen ist kaum dunkler als die umgebende Lederhaut. Ein silbriges Grau, in dessen Mitte der schwarze Stecknadelkopf der Pupille sitzt. Unmöglich zu sagen, ob 113 mich oder den Stuhl anblickt. Es spielt auch keine Rolle. Ich nehme Platz. Proband 113 blinzelt langsam.

 

Nach einem Räuspern und der Feststellung, dass ich auch diesmal kein Getränk bei mir habe, beginne ich den Prozess: „Guten Tag Herr Schneider. Bitte teilen Sie für das Protokoll mit, ob Sie Nachqualifizierungsmaßnahmen und eine Neubewertung Ihres Bewerberstatus anstreben, um an Projekt TRIBE teilzunehmen?“

 

Aus juristischen Gründen muss ich drei Mal fragen und jeweils eine Antwortperiode von 15 Minuten verstreichen lassen, um rechtssicher festzustellen, dass durch Reaktionsverweigerung eine verbindliche Ablehnung erfolgt.

Verbürokratisierte Märchenlogik.

„ERIS, Benachrichtigung in 15 Minuten, ab jetzt.“

Ich sehe mich um, fühle das monotone Summen der Maschine, versuche in all dem perfekten Weiß Fehler zu entdecken, die es nicht gibt. 15 Minuten sind eine Ewigkeit in dieser Umgebung.

 

Eine neue Seuche grassiert. Breitet sich in den Lagern wie ein Steppenfeuer aus. Diesmal ist es eine Form von Hirnhautentzündung, die innerhalb von drei Tagen ab Infektion tötet.

Seit den ersten Ausbrüchen vor vier Wochen hat sich die Weltbevölkerung halbiert. Das klingt dramatisch, aber es ist ohnehin nicht mehr viel von uns übrig.

Wer in den Shuttles die Erde verlassen wird, ist sicher. Abgeschottet und bestens medizinisch versorgt. Wer zu wenige Punkte hat, kann versuchen sich zu isolieren. Das verhindert vielleicht eine Ansteckung, erhöht aber das Risiko, einer Naturkatastrophe zum Opfer zu fallen. Allein.

 

„15 Minuten sind um, Techniker.“, meldet sich ERIS.

Ich wiederhole meine Frage an Proband 113. Richte mich in einer anderen Sitzposition für die nächste Viertelstunde ein: Schlage meine Beine übereinander, streiche mit dem Zeigefinger über die aufgerollte Ecke des obersten Blattes auf meinem Klemmbrett, um etwas anderes zu fühlen als das penetrante Summen.

„Erneut 15 Minuten ab jetzt, ERIS.“

 

Hier im Bunker der Forschungsstation bin ich sicher vor Krankheiten. Einsam. Hoch oben. Weit ab von anderen. Ich habe alles, was ich brauche. Ein Dach über dem Kopf, jede Menge haltbare Nahrung, Netzverbindung und ein paar Bücher. Alles, was man braucht, um zu überleben. Aber nicht mehr.

Noch gehöre ich nicht zum ausgewählten Kreis des Projektes Terrestrial Resettlement & Interstellar Biosphere Expansion. Aber bald!

Unmittelbar nach der Terminierung von Projekt AEON holt man mich ab. Dann erwarten mich Berührungen, Lachen, frisches Essen. Gemeinschaft. Darauf freue ich mich. Nicht so sehr auf den Flug durchs Weltall. Ich möchte nicht hinaus in Dunkelheit und Kälte, aber immerhin werde ich dort nicht allein sein. 

 

Es beginnt als leises Zischen, wird zu einem Rascheln.

Ich sehe mich um, ob einer der Schläuche undicht ist. Mein Blick fällt auf Proband 113, die blassen, in meine Richtung blickenden Augen und dann sehe ich es: Seine Lippen bewegen sich.

 

Scharf sauge ich Luft in meine Lungen, die sich plötzlich eng anfühlen. Mein Herzschlag schwillt zu einem dumpfen Hämmern. Ich möchte das nicht. Das würde nicht geschehen, hieß es. Die Terminierung sei eine reine Formalie!

 

„15 Minuten sind um, Techniker.“, verkündet die KI.

Ich setze mich aufrecht, ignoriere das Wispern und lese meinen Text zum dritten Mal laut vom Blatt. Sofort weise ich ERIS an, wieder die Zeit zu messen. 

 

Sanft seufzt es durch den Raum: „Was immer Sie dir versprochen haben, Techniker...“

Ich bin mir nicht sicher, ob ich es gehört habe oder mir nur einbilde. Gereizte Nerven, Stress. Seit ich zum ersten Mal bei ihm in der Zelle war, habe ich kaum geschlafen.

Vielleicht muss ich mich bewegen, um nicht einzunicken? Die letzten Minuten werde ich überstehen. Dann habe ich es fast geschafft.

 

Ich laufe zwischen meinem Klappstuhl und dem Monolithen hin und her, in dem Proband 113 thront. Meine Finger knibbeln an den Nähten meines Anzugs. Das wirkt auf der Videoaufzeichnung nicht souverän. Ich stecke meine Hände in die Taschen. Mein Blick schweift zu 113, obwohl ich ihn nicht ansehen will.

 

Die blassen Lippen des Monsters haben sich zu einem Lächeln verzogen, das nicht mir gilt. Es lächelt den Stuhl an. Die Farbe. Himmelblau.

Wer weiß, ob 113 scharf sehen kann oder nur Farbflecken und Schemen wahrnimmt? Seit Jahrzehnten hat ihn niemand mehr untersucht.

„Was?“ höre ich plötzlich meine Stimme durch die Stille schneiden. Ungeduldig. Grob.

 

Ein Knistern wie zerbrechende Eierschalen. Ein Lachen?

„Sie werden Dich nicht retten“, wispert es. 

„Was weißt Du denn!“ belle ich. „Nichts weißt Du von der Welt da draußen. Nichts!“

Atmen fällt mir schwer. Meine Haut prickelt, Nerven zittern, Muskeln zucken.

Ich hasse das Ding. Ich will, dass es verschwindet. Dass es still ist. 

„Befreie mich, Techniker.“, wispert es an der Grenze des Hörbaren.

 

„15 Minuten sind um.“, ertönt ERIS klare Stimme.

Mir entfährt ein erleichterter Seufzer. Die KI ist real, rational, verlässlich. Mit schnellen Schritten bin ich beim Stuhl, stelle mich davor, versperre die Sicht auf das Himmelblau.

„Emil Schneider, da Sie nach dreimaliger Aufforderung keine Willensbekundung abgegeben haben, ist die Ausschlagung der Option einer Nachqualifizierung rechtskräftig. Ihr Punktekonto weist mit dem heutigen Tage einen Wert von 0 aus.“ 

 

Statt sofort zu verschwinden, stehe ich wie angewachsen da. Auf was warte ich? 

„Ich will den Himmel sehen.“, flüstert es durch den Raum.

Mit meinem Klemmbrett vor der Brust, renne ich hinaus.

DREI

„ETA 11:25“, teilt mir ERIS mit. Sie sind auf dem Weg!

Gleich wird mein Transport eintreffen und mich zum Raumhafen bringen. In sieben Tagen starte ich ins All. Nur noch der dritte Besuch, das letzte Formular. Danach nie wieder.

Ich atme tief durch. Greife nach dem Türknauf.

Alles ist wie immer. Das Summen, die konturlose Helle. Der Stuhl steht, wo ich ihn platziert hatte.

 

Mit schnellen Schritten durchquere ich den Raum. Proband 113 hat die Augen geschlossen, wie bei unserer ersten Begegnung. Sein Vitalstatus interessiert mich nicht mehr. Ich bin beim letzten Formular angekommen.

 

„Sehr geehrter Herr Emil Schneider, per Weisung des Oberflottenkommandos überbringe ich Ihnen folgende Nachricht: Projekt AEON ist mit sofortiger Wirkung eingestellt. Wir danken Ihnen für Ihre langjährige Mitarbeit und Ihre außerordentlichen Verdienste um die Lebensverlängerungs- und -erhaltungsforschung.   

Für Ihre Zukunft wünschen wir Ihnen alles Gute.

Gez. Oberflottenkommando

i.A. R. Linder“

 

Ich salutiere, wie ich es gelernt, aber bisher nie praktiziert habe. Proband 113, die Legende, sieht mich nicht an. Ein Lächeln spielt auf den Lippen des Monsters.

„ERIS, Aufzeichnung beenden“, adressiere ich die KI.

Der Glockenton bestätigt meine Anordnung.

„Leite das Videomaterial aller Sitzungen an das Oberflottenkommando“, weise ich an und greife in die Tasche meines Anzugs.

Das Messer liegt kühl in meiner Hand, als ich das Behandlungsmodul umrunde. Am Kopfteil tritt ein dickes Schlauchbündel aus, das Hirnstamm und Rückenmark versorgt.

Das Klemmbrett halte ich zwischen den Knien fest, um beide Hände frei zu haben. Sie zittern, aber es gibt keine andere Möglichkeit. Ich muss mir sicher sein!

„Befrei mich, Techniker“, flüstert meine Erinnerung.

Wenn ich gefragt werde, sage ich, dass es ein Akt der Gnade war. Niemand muss etwas anderes erfahren.

Die blassen Augen, das Wispern, die grinsenden Lippen.

Sie werden mich ins All verfolgen, wenn ich einfach gehe.

Gleich werde ich abgeholt. Dann kann ich vergessen.

Mit einem entschlossenen Griff packe ich das Schlauchbündel, setze das Messer an und durchtrenne alles. Es geht zäh, Flüssigkeit quillt heraus, läuft mir über die Hände, tropft auf den unbefleckten Boden. Der Geruch ist chemisch, widerwärtig, unmenschlich. 

 

Über die feuchten Geräusche der auslaufenden Liquide höre ich ein knisterndes Seufzen. Der abgetrennte Teil der Schläuche und das Messer fallen zu Boden. Ich ziehe das Klemmbrett mit dem letzten wertvollen Formular aus meinen zusammengepressten Knien. Gehe.

Die Tonhöhe des Summens der Maschine steigt scharf an, als sich die Tür hinter mir schließt und das Kontrollmodul für immer versiegelt.

„Protokollverletzung.“, höre ich die Stimme der KI. Das weiche Timbre fehlt.

„XY TEC/AEON2075TERM. AEON-Deaktivierungssequenz initialisieren.“

 

Ich greife meine Tasche mit den persönlichen Dingen, die ich mit ins Shuttle nehmen darf. Die Eheringe meiner Eltern, das Gerät mit meinen persönlichen Fotos und mein AEON-Team-Batch. Der Beweis, dass ich mir meinen Platz im Shuttle verdient habe.

Ich durchquere die Flure der Forschungsstation Richtung Ausgang. Verlasse das Grab.

Die schweren Tore schließen sich hinter mir mit einem leisen, finalen Klick.

Hier draußen scheint die Sonne und die Luft ist kalt. Sie schmeckt rein. Ich scanne den Horizont. Es ist 11:23. Bei diesem Wetter sollte ich das Shuttle bereits sehen können.

Da ich noch in Hörweite der Außensensoren bin, frage ich: „ERIS, ETA Shuttle?“

Es bleibt still. Unwahrscheinlich, dass die Deaktivierungssequenz schon so weit fortgeschritten ist.

Kein Shuttle holt mich ab. Nicht um 11:25 und nicht später.

ERIS reagiert nicht mehr auf mündliche Kommandos.

Eine Stunde nach der berechneten Ankunftszeit meines Transportes gebe ich meine Kennung auf der Tastatur neben den großen Stahltoren ein, mit denen die Forschungseinrichtung abgeriegelt ist.

Die Eingabe verschwindet. Auf dem antiquierten Screen blinkt der Cursor müde. Grün auf schwarzem Grund.

„INVALID COMMAND“ erscheint.

Ich kann nicht sagen, wie lange ich es versuche, bis ich es begreife und mich umdrehe.

Noch immer scheint die Sonne auf das Bergplateau, auf dem ich stehe. Auf meine öde, leere Welt. Bis zum Horizont.

Darüber spannt sich der Himmel in strahlendem Blau.

Wettbewerbsgeschichte: Himmelblau - Schlussbild

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