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Geschichte Nr. 5

Wettbewerbsgeschichte: Willkommen auf Mechanica

Willkommen auf Mechanica »Willkommen auf Mechanica«, begrüßte eine wohlklingende feminine Stimme die Neuankömmlinge, nachdem diese durch die Schleuse in die Ankunftshalle eingetreten waren. Sie s...

Wettbewerbsgeschichte: Willkommen auf Mechanica

Wettbewerb: Menschmaschine – VACSF26 – Vierter anonymer und chancengleicher Schreibwettbewerb auf punktasten.de

Teilnehmer-Nr.: WC2026_001_0008

Willkommen auf Mechanica

Anonym eingereicht

Willkommen auf Mechanica

»Willkommen auf Mechanica«, begrüßte eine wohlklingende feminine Stimme die Neuankömmlinge, nachdem diese durch die Schleuse in die Ankunftshalle eingetreten waren. Sie schien von überall herzukommen, in der Luft der weiträumigen Halle zu hängen. Tatsächlich jedoch hörten sie sie, jeder für sich, über ihre Implantate. Niemand sonst weit und breit, abgesehen von der kleinen Gruppe, schien sie wahrzunehmen, und so war es auch.

Natürlich war den Neuankömmlingen diese Tatsache bewusst. Es war das allgemein übliche Procedere, nicht nur hier auf Mechanica. DirectSpeach wurde seit langem ebenso in der Werbung verwendet, individuell auf den Consumer abgestimmt, ließ sich bei Unterhaltungsmedien aktivieren, um andere Anwesende nicht durch die Rezeption einer Show zu stören, et cetera.

»Bitte nehmen Sie noch einen Augenblick in Wartebereich C platz«, sagte die Stimme weiter. »Ihre Kontakteinheit wird in wenigen Minuten eintreffen.«

»Na toll«, entfuhr es Trish Sunday, die an Als Seite ging, gefolgt von Vince Dorn und zwei Security Units der Company. Zwei weitere Units bildeten die ›Vorhut‹. »Man scheint uns ja nicht besonders wichtig zu nehmen, wenn man uns warten lässt!«

Al Denhoff quittierte die Bemerkung lediglich mit einem Brummen. Hinter dieser Behandlung steckte zweifellos Strategie. Als alter Hase begegnete ihm diese nicht zum ersten Mal – Trish offensichtlich schon. Sie war keinesfalls ein Newbie, doch die Company, von der sie vor einem Standardjahr zu Beyer & Denhoff Enterprises gewechselt war, tummelte sich eher in einem beschaulichen Teich denn im großen Haifischbecken.

»Mehr hast du dazu nicht zu sagen, Al?«

Es war Dorn, der stattdessen antwortete. »Für die Synths von Mechanica sind wir Fleischbeutel eine unterentwickelte Spezies, Trish. Die spielen in einer ganz anderen Liga als die Modelle, die wir auf Terra oder in den Kolonien gewohnt sind.«

»Und auch in einer anderen Liga als wir, oder was?«

Trish war ganz offensichtlich auf Krawall gebürstet. Sie war schon auf dem Flug hierher missgelaunt gewesen. Al hatte nicht nachgehakt, aus welchem Grund. Vielleicht etwas Privates, hatte er vermutet und es daher gut sein lassen. Jetzt aber schien es ihm doch angebracht zu intervenieren, damit das Ganze nicht eskalierte.

»Ja«, beantwortete er ihre Frage. »Sie sind uns tatsächlich in Einigem voraus. Deshalb sind wir schließlich hier.«

Trish Sunday schnaufte. »Das ist noch lange kein Grund, uns herablassend zu behandeln.«

Ein in der Luft schwebendes illuminiertes ›C‹ zeigte ihnen an, dass sie den angegebenen Wartebereich erreicht hatten. Sie setzten sich an einen Tisch, den vier Stühle umstanden. Die SecUnits blieben jedoch stehen, die Blicke wachsam in die Umgegend gerichtet.

Für einen Moment herrschte Schweigen, dann murmelte Denhoff, mehr zu sich selbst: »Faszinierend«, und strich sich dabei über seinen zunehmend ergrauenden Bart.

»Faszinierend? Was findest du faszinierend, Al?«

»Na, schau dir mal all die Leute hier an, Trish. Wie viele von denen, denkst du, sind tatsächlich Menschen?«

Trish wandte einmal den Kopf von links nach rechts und sagte dann: »Keine Ahnung. Drei Viertel?«

Denhoff schmunzelte und schüttelte den Kopf. »Ich schätze eher, wir sind die einzigen hier.«

Trish sah ihn ungläubig an. »Bei aller Liebe – das scheint mir doch ziemlich übertrieben, Al. Wie kommst du darauf? Ich meine, das ist der zentrale Spaceport Mechanicas. Da sind doch zweifellos eine Menge Touristen unterwegs.«

»Nicht zu dieser Zeit, Trish. Die Mechanicer haben touristische Besuche streng saisonal geregelt. Und wir sind außerhalb einer solchen Saison hier. Die Synths sind gerne unter sich.«

»Aber …«

»Gewiss, die Leute hier gleichen nicht nur körperlich uns Menschen, bis auf bewusst gemachte Ausnahmen – das tun unsere Modelle auch.« Er wies mit dem Kopf auf eine ihrer SecUnits. »Darüber hinaus verhalten sie sich auch verblüffend menschlich. Wirken gehetzt oder gelangweilt, nachdenklich, fröhlich, traurig – das ganze Spektrum menschlicher Emotionen. Die Simulation ist perfekt. Wie ich schon sagte, die Synths hier spielen in einer ganz eigenen Liga. Wie sonst hätten sie auch erfolgreich ihre Unabhängigkeit vom Human Commonwealth durchsetzen können?

Falls außer uns in diesem Gebäude tatsächlich noch weitere Menschen anwesend sein sollten, so kaum mehr als eine Handvoll. Delegierte mit offiziellem Auftrag, wie wir. Keine Touristen.«

Trishs Gesichtsausdruck wirkte konsterniert. Sie wusste allerdings nichts darauf zu sagen. Kam sich irgendwie dumm vor.

»Tröste dich, Trish«, sagte nun Vince Dorn. »Wäre das nicht mein Fach, ich wäre darüber ebenso erstaunt wie du.«

Plötzlich kam Leben in die SecUnits. Ihre synthetischen Muskeln spannten sich sichtbar an und sie wandten ihre Blicke beinahe synchron in eine Richtung.

»Die Personenschaften von B&D Enterprises, nehme ich an?«

Ein junger Mann von vielleicht zwanzig, allerhöchstens fünfundzwanzig Jahren, war in einem Sicherheitsabstand vor der Gruppe stehengeblieben, der die SecUnits zu keinen weiterführenden Handlungen veranlasste. Natürlich war er kein wirklicher ›Mann‹, und sein Alter war unbestimmbar. Er konnte sowohl ein als auch hundert Jahre alt sein. Er war lediglich als Twen konstruiert worden.

Eine hervorragende Arbeit, dachte Al. Vince, seines Zeichens Kybernetiker, dürfte das Gleiche durch den Kopf gegangen sein. Al bejahte und gab den SecUnits einen Wink, woraufhin diese sich wieder entspannten.

»Ich bin Dirk Van. Administratorin Cheronian persönlich hat mich Ihren Diensten zugewiesen. Ich hoffe, Ihren Ansprüchen zu genügen.

Ach ja, und entschuldigen Sie bitte meine Verspätung. Ich bin untröstlich. Aber der Verkehr um diese Tageszeit … Sie wissen.«

Was für ein Filou, dachte Al. Aber gut, was hatte er anderes erwartet?

»Wenn Sie mir dann bitte folgen wollen?« Während sie sich zu einem der Ausgänge der Halle bewegten, fragte Van: »Soll ich Sie zunächst zu Ihren Unterkünften führen, damit Sie sich ein wenig frischmachen können? Oder möchten Sie gleich mit der Administratorin sprechen?«

»Sofern die Administratorin auf einen sofortigen Termin eingerichtet ist, würden wir Letzteres vorziehen«, sagte Al. »Auf dem Flug hierher hatten wir ausreichend Gelegenheit auszuruhen. Und uns zu erfrischen

»Gut«, antwortete der Synth mit einem Lächeln.

Eine komfortable Schwebelimousine, fast schon ein Kleinbus, aber mit mehr Chic, brachte sie innerhalb von weniger als zwanzig Standardminuten zum Administrationsgebäude, einem Bau in Form einer mayanischen Stufenpyramide.

Die Fahrt war ohne verkehrstechnische Komplikationen abgelaufen. Soviel zu Dirk Vans ›Entschuldigung‹. Natürlich gab es auf ganz Mechanica so gut wie nie Probleme bezüglich des Verkehrs, denn dieser wurde zentral koordiniert und jede Transporteinheit fügte sich ohne die kleinste Abweichung in das Netzwerk.

Die Limousine landete auf dem abgeflachten ›Dach‹ der Pyramide, welches auch nicht wesentlich mehr Platz bot als für dieses eine Vehikel. Was darauf hindeutete, das es eigens für dieses Fahrzeug gedacht war.

»Lassen Sie ihr Gepäck ruhig hier im Gleiter«, sagte Dirk. »Er bringt Sie nachher auch in Ihr Hotel. Um das Gleiche möchte ich Sie bezüglich ihrer Security Units bitten.« Als er dafür von den Menschen einen skeptischen Blick erntete, fügte er lächelnd hinzu. »Keine Sorge. Wenn wir bösen Synthetischen Ihnen etwas zuleide tun wollten, würden diese vier Ihnen auch nicht helfen können.«

Du bist mir ja ein Herzchen, dachte Al. Aber der Synth hatte recht. Eigentlich waren die SecUnits hier auf Mechanica mehr ein Statussymbol denn wirksamer Schutz. Also folgten sie der Anweisung und ihrem ›Guide‹ hinaus nach draußen. Dort trat dieser an den Rand der Plattform.

»Folgen Sie mir bitte.«

Als die drei ebenfalls am Rand angelangt waren, machte Dirk einen Schritt nach vorn – ins offensichtlich Leere! Aber er fiel nicht, sondern stand vor ihren Augen in der Luft.

»Eine Energieplattform!«, entfuhr es Al, sichtlich beeindruckt.

»Korrekt, Herr Denhoff. Eine mobile Energieplattform, sozusagen unser Lift zur übernächsten Etage, wo Administratorin Cheronian Sie bereits im Konferenzraum erwartet. Ich kann mir vorstellen, dass Ihr Thalamus als Reaktion auf die Unsichtbarkeit Unbehagen bei Ihnen auslöst, doch seien Sie versichert, dass dieses Transportmittel absolut sicher ist.«

Mit gemischten Gefühlen gesellte sich das Trio zu ihrem Führer. Es war seltsam, sie hatten tatsächlich auf taktiler ebene den Eindruck, mit ihren Füßen auf festem Boden zu stehen. Von der Optik her jedoch …

Die Plattform setzte sich sanft nach schräg unten in Bewegung. Das gemäßigte Tempo war sicherlich ein Entgegenkommen an die Menschen, wofür diese dankbar waren. Schließlich legte der ›Energielift‹ zwei Pyramidenstufen tiefer an deren Rand an. Al und Co waren froh, wieder echten festen Boden zu betreten.

Sie betraten das Innere des Stockwerks durch eine doppelte Schiebetür, die sich bei Annäherung öffnete. Dahinter befand sich ein Vorraum, der nach vorn hin kurz, zu den Seiten jedoch weitläufig war und somit eher an einen Flur erinnerte, der allerdings nirgendwo hinführte, abgesehen von der direkt gegenüberliegenden Tür.

Sie betraten den Konferenzraum. Dirk Van blieb jedoch zurück, und als die Drei sich deshalb zu ihm umwandten und ihm fragende Blicke schenkten, schüttelte dieser nur den Kopf. »Ich bin wieder für Sie da, sobald Ihre Unterredung beendet ist«, sagte er nur, und schon schloss sich zwischen ihnen die Tür.

Im Raum befanden sich zwei Personen, eine große schlanke Frau unbestimmbaren Alters mit mittellangem schwarzen Haar und neben ihr ein junger Mann, der ansonsten die Äußerlichkeiten mit ihr teilte. Beide trugen eine Kombination aus strahlendweißer Hose und ebenso weißem, kragenlosen Hemd, schlicht, aber perfekt auf ihre Körpermaße zugeschnitten. Die beiden standen hinter einem mittelgroßen Konferenztisch, im Rücken eine scheinbare deckenhohe Fensterfront, durch die man auf eine tropische Dschungellandschaft blickte. Dieser Fake passte jedoch durchaus zu den Reliefs, die die Wände zierten und an antike mesoamerikanische Ornamentik erinnerten.

»Ich bin Administratorin Ann Cheronian«, stellte sich die Frau vor und wies dann zur synthetischen Person zu ihrer Rechten. »Das ist mein Assistent Galaks. Er ist meine rechte Hand, wie Sie sagen würden; alles, was allein für meine Rezeptoren bestimmt ist, teile ich ohnehin mit ihm. Sie können also völlig frei sprechen.«

Assistance Module würde es wohl exakter auf den Punkt bringen, dachte Al bei sich. Warum drückte sich die Administratorin um dieses Detail? Schließlich waren er und seine Begleiter vor allem aus diesem Grund hierhergekommen – wegen der SyncTech. Diese beruhte auf dem Prinzip der Quantenverschränkung und erlaubte, Individuen auf eine Weise zu verbinden, die beinahe einer Gedankenverschmelzung gleichkam. Partiell, versteht sich, denn es waren immer noch Individuen – allerdings mal mehr, mal weniger. Was diesen Galaks betraf, so vermutete Al, dass dieser tatsächlich nur so etwas wie eine Extension Cheronians war, eine Art körperlich abgekoppeltes Modul. Somit wären beide eigentlich ein und die selbe Person in zwei Körpern, und bei Ann Cheronians gehobener Position war zu vermuten, dass sie über noch weitere Extensions verfügte, die jedoch gegenwärtig nicht anwesend waren. Diese Gedanken sprach Al jedoch nicht aus.

Das war allerdings auch nicht nötig. Die Administratorin schenkte ihm ein vielsagendes Lächeln, das darauf hindeutete, dass sie nicht daran zweifelte, dass er im Bilde war.

Sie ist eine Spielerin, dachte er. Natürlich. Das war nichts Besonderes. Schließlich war Business das große Spiel überhaupt, und das Verschleiern des Offensichtlichen bei Eröffnung eines Matches gehörte dazu wie Bauer nach e4 beim Schach.

»Al Denhoff, CTO von Beyer & Denhoff Enterprises«, stellte Al sich ebenfalls vor, obgleich dies nicht nötig war. Die Etikette. »Meine Begleiter: Trish Sunday, heute in juristischer Funktion dabei, und Vince Dorn, Kybernetiker mit Spezialisierung auf BrainWare.«

Auf eine Geste der Administratorin hin nahmen alle am Konferenztisch platz. Als sie sich gerade niedergelassen hatten, erhob sich die Androidin gleich wieder. Die drei Menschen waren etwas verunsichert, wie sie darauf reagieren sollten. Ebenfalls aufstehen, als Bezeugung des Respekts, oder sitzenbleiben? Sie blieben sitzen – dies war nur ein weiterer Spielzug, von dem man sich diesmal jedoch nicht beirren ließ.

»Entschuldigen Sie«, sagte die Administratorin, »ich war unhöflich. Ich hätte Getränke für Sie bereitstellen lassen sollen, da sie seit Ihrer Ankunft auf Mechanica sicher noch keine Gelegenheit gehabt haben. Aber ich habe selten Menschen zu Gast. Möchten Sie Wasser? Fruchtsaft?«

Al und Vince waren dabei, dankbar abzulehnen, doch Trish sagte: »Ich hätte gerne einen Kaffee. Ein Schuss Milch, keinen Zucker.« Nicht: Hätten Sie vielleicht auch Kaffee?

Al wies Trish jedoch nicht zurecht. Im Gegenteil musste er sich bemühen, ein Schmunzeln zu unterdrücken. Endlich war seine Begleiterin selbst auf dem ›Spielfeld‹ aktiv geworden.

Cheronian nickte. »Aber natürlich. Allerdings haben wir hier auf Mechanica keine tierischen Produkte. Wäre Ihnen stattdessen auch ein pflanzliches Milchpendant recht?«

»Ja, das ist vermutlich okay.«

Übertreib es nicht, Trish, dachte Al. Wir wollen schließlich was von denen.

»Kaffee kommt«, sagte die Androidin, ohne dass sie irgendjemandem eine verbale Anweisung diesbezüglich gegeben hätte. Sowohl Denhoff als auch Dorn beneideten die Syntheten um diese fortschrittliche Art der Kommunikation. Die terranische BrainWare bot dieses Feature bislang nicht. Aber man würde es im Zuge des SynchroTech-Deals gleich mit abgreifen.

Cheronian setzte sich wieder. »Sollen wir gleich zum Geschäftlichen kommen?«

»Ich bitte darum«, antwortete Al.

Jetzt ergriff zum ersten Mal Galaks das Wort. »Sie sind an unserer SynchroTech interessiert?« Die Frage war rein rhetorisch. »Was können Sie uns im Gegenzug dafür bieten?«

»Nun, auf rein technischen Gebiet dürften Sie uns um Einiges voraus sein. Daher werde ich Sie keinesfalls mit einem derartigen Angebot beleidigen. Wir dachten eher an Dienstleistungen, Logistik oder Zugang zu Rohstoffquellen. Mechanica ist schließlich ein rein künstlich geschaffener Ort und verfügt über keinerlei natürliche Bodenschätze. Was zugegebenermaßen schon erstaunlich ist – aus einer einst einfachen Raumstation eine Welt von der Größe eines kleinen Mondes zu erschaffen. Da wir uns hier zudem fernab eines Planetensystems befinden, müssen Sie schon zuvor etliche Vereinbarungen bezüglich der notwendigen Rohstoffbeschaffung abgeschlossen haben. Gelten diese noch?«

Der Android verzog seinen Mund zu einem Lächeln, das jedoch die Augen nicht erreichte. »Da haben Sie einen wunden Punkt getroffen, Herr Denhoff. Chapeau. Allerdings hat uns diesbezüglich schon kurz vor Ihnen jemand ein Angebot gemacht. Eine Delegation von Kruse Incorporated.«

Das traf Al unverhofft. Er versuchte es sich äußerlich nicht anmerken zu lassen, doch innerlich kochte er. Xel Kruse! Dieser Emporkömmling von Proxima zählte zu den Erzkonkurrenten von B&D. Sein Firmenimperium hatte er erstaunlich schnell aus dem Boden gestampft, sicherlich nicht ausschließlich mit legalen Mitteln. Die SynchroTech durfte auf keinen Fall in seine Hände fallen.

»Ein Exklusiv-Deal?«, hakte Al nach.

»Kommt ganz darauf an. Sofern Sie Kruses Angebot entsprechend überbieten, übertragen wir Ihrer Company gerne die Exklusivrechte. Sofern sich Ihr Angebot in ähnlichem Rahmen bewegt wie das von Kruse Inc., dürfen Sie sich beide glücklich schätzen, in den Besitz unserer Technologie zu kommen. Reicht Ihre Liquidität jedoch nicht an die Ihres Konkurrenten heranreicht …«

»Das tut sie, Galaks! Davon können Sie ausgehen.«

In diesem Moment öffnete sich die Tür, und ein Synth, der Galaks´ Zwilling hätte sein können, kam mit einem Tablett herein, das er geschickt auf einer Hand balancierte.

»Ah, Giordano«, rief Cheronian aus. »Den Kaffee bitte hier zu der Dame.«

Der Android tat wortlos, wie ihm geheißen, und verschwand gleich darauf wieder durch die Tür. Trish ließ die Tasse mit dem dampfenden, verlockend duftenden Inhalt erst einmal demonstrativ unangetastet vor sich stehen.

»Beyer & Denhoff Enterprises«, setzte Al die Unterhaltung fort, »Verfügt über weitaus mehr Ressourcen beziehungsweise Kooperationspartner in Bezug auf diese als Kruse Inc. Proxima B mag neben seinem eigenen Zentralgestirn noch einen Doppelstern in seiner Nachbarschaft haben, doch was Planeten, Monde oder einen nennenswerten Asteroidengürtel zwecks Rohstoffausbeute angeht, kann Prox dem Solsystem nicht das Wasser reichen. Außerdem verfügen wir von B&D über eine beachtliche Transportflotte, die wir Mechanica gern zur Verfügung stellen. Und zu guter Letzt: Das ›D‹ von B&D sitzt immerhin vor Ihnen. Was Ihnen garantieren sollte, dass hier keine leeren Versprechungen gemacht werden, wie es vielleicht irgendein Abgesandter in Abwesenheit seines Vorstands tut. Ja, ich denke, dass wir das Angebot von Kruse Incorporated durchaus toppen können – und werden.«

»Würden Sie das auch konkretisieren?«

Al Denhoff nickte und lächelte. Wenngleich er nicht explizit damit gerechnet hatte, dass ausgerechnet Xel Kruse seinem Unternehmen zuvorkommen würde, so war er doch auf unbestimmte Konkurrenz vorbereitet. Schließlich wollten alle die SynchroTech, seitdem Mechanica verkündet hatte, es sei zu einer Freigabe dieser Technologie an Externe bereit. So hatte er zusammen mit seinem Partner bereits auf Terra verschiedene Angebote vorbereitet. Er holte ein Pad aus der Innentasche seines Jacketts heraus, aktivierte es und suchte die Option heraus, die ihm für den vorliegenden Fall am angemessensten erschien. Dann sagte er: »Wenn Sie so weit sind, übermittle ich Ihnen gern unser konkretes Angebot inklusive sämtlicher Details.«

»Übermitteln Sie. Wie Sie sich denken können, benötigen wir unsererseits hierzu keine Pads. Das Ihre dürfte unsere SmartTooth-Frequenz bereits im System haben.«

Al berührte kurz den Touchscreen. »Versendet.«

Sowohl Galaks als auch Cheronian wirkten im nächsten Augenblick etwas in sich gekehrt. Doch schon nach wenigen Sekunden hatten die beiden Syntheten die übertragenen Dateien offenbar komplett studiert und nickten nun synchron.

»Ja, das sieht gut aus, Herr Denhoff. Ich schätze, damit sind wir im Geschäft. Ich würde vorschlagen, wir machen den Deal gleich dingfest?«

Das überraschte Al allerdings ein wenig. Er hatte damit gerechnet, dass noch an dem einen oder anderen Detail herumgefeilt würde. Menschen gingen in der Regel so vor, aber dies hier waren schließlich keine Menschen.

»Warum nicht«, sagte er schließlich. Er ließ Trish noch einen Blick auf sein Pad werfen, was allerdings nicht mehr als eine Geste war. Diese sagte nur: »Klar, Herr Denhoff, du bist der Boss.« So viel zu ihrer juristischen Expertise. Dann kopierte Al das rechtsgültige Firmen-Signet in die dafür vorgesehene Stelle des Vertrags, und die Administratorin tat dasselbe.

»Fein«, sagte Galaks. »Ich glaube, an dieser Stelle ist es bei Ihnen Sitte, einen Handschlag abzutauschen.«

Er und Cheronian erhoben sich und beugten sich mit ausgestreckter Hand über den Tisch, und Al Denhoff tat es ihnen gleich. Nachdem dieser symbolische Akt vollzogen war, setze sich Al wieder, die beiden Androiden blieben jedoch stehen.

»Möchten Sie die erworbene Technologie vielleicht gleich ausprobieren?«, fragte die Administratorin.

Das überraschte sowohl Al als auch seine Begleiter.

»Wie? Sie meinen …«

»Die Implementierung in Ihre bereits vorhandene BrainWare stellt keinerlei Problem dar und kann in weniger als einer Standardminute durchgeführt werden. Es ist kein operativer Eingriff nötig, lediglich eine dermale Kontamination. Ach, Kontamination ist in Ihrem Sprachgebrauch als Begriff ja eher negativ besetzt. Ich will es anders ausdrücken. Wir arbeiten in dieser Hinsicht mit Nanotechnologie, die Nanobots müssen lediglich mit Ihrer Kopfhaut in Kontakt gebracht werden, dann finden sie schon ihren Weg. Also?«

Die drei Menschen sahen einander fragend an. Dann sagte Vince Dorn: »Ich stelle mich gern zur Verfügung. Zum einen bin ich als Experte für BrainTech die logische Wahl, zum anderen brenne ich persönlich darauf, diese Erfahrung zu machen. Als erster Mensch! Sorry, wenn das jetzt pathetisch klingt, aber damit werde ich zweifellos in die Geschichte eingehen.«

»Nun, dann bräuchten wir noch einen zweiten Freiwilligen«, sagte Cheronian. »Natürlich könnten Sie, Herr Dorn, auch mit einem von uns auf diesem Wege kommunizieren, aber um sicherzustellen, dass eine Mensch-zu-Mensch-Verbindung tadellos funktioniert, sollten Frau Sunday oder Herr Denhoff sich mit Ihnen upgraden lassen. Herr Denhoff? Frau Sunday?«

»Sorry«, sagte Trish, »mir geht das alles ein wenig zu schnell«, und griff nun zum ersten Mal nach ihrem Kaffee. Er war inzwischen nur noch lauwarm.

»Tja, dann bleibe wohl nur noch ich«, sagte Al. »Sei´s drum. Lassen wir es krachen.«

Kaum hatte er dies gesagt, betrat erneut Giordano den Raum – oder war es ein Drilling? Wieder hatte er ein Tablett in der Hand, diesmal jedoch mit zwei durchsichtigen Phiolen darauf, deren blauviolett schimmernder Inhalt ein aktives Eigenleben zu besitzen schien.

»Wir hatten nicht angenommen, dass Sie unser Angebot ausschlagen würden. Sind Sie bereit?«

Vince Dorn nickte sofort, Al Denhoff etwas zögerlicher einen Augenblick später. Giordano trat zuerst zu Vince, öffnete eine der Phiolen und entließ die darin enthaltenen Naniten auf dessen Kopfhaut. Bei Al wiederholte er die Prozedur gleich im Anschluss.

»Wow!«, entfuhr es Vince nach wenigen Sekunden. »Das ist … es fühlt sich seltsam an, aber irgendwie … großartig! Wie steht´s mit dir, Al?«

»Hm, ja, wow«, sagte der auf seine brummelige Art.

»Na los, Al, denk mich an!«

Trish beobachtete, wie plötzlich beide Männer breit grinsten. Und das Grinsen wurde immer breiter. »Scheint ja zu funktionieren«, sagte sie.

»Und ob, Trish«, sagte Vince. »Du weißt nicht, was du verpasst!«

Trish verdrehte die Augen. Kerle!

»Dann hätten wir so weit ja alles geregelt«, sagte Ann Cheronian. »Dirk wird Sie dann zu Ihrem Hotel geleiten. Ein Kontingent Naniten werden wir Ihnen noch vor Ihrer Abreise zur Verfügung stellen, um es nach Terra mitzunehmen. Dies sowie einen Datenspeicher mit allen Informationen zur Replikation der SynchroTech-Träger. Dann können sie mit der Produktion gleich nach Ihrer Ankunft zu Hause beginnen.«

Ein weiteres Mal reichten die beiden Androiden die Hände über den Tisch und verabschiedeten sich von ihren Gästen.

Draußen erwartete sie bereits Dirk Van. »Na, wie ist es gelaufen?«, fragte er mit simulierter Neugier.

»Bestens, Dirk, bestens«, antwortete ihm al Denhoff. In einem etwas zu vertraulichen Tonfall gegenüber dem Androiden, fand Trish. Aber okay, die SynchroTech-Erfahrung hatte ihn offenbar ziemlich umgehauen.

Gemeinsam begaben sie sich wieder auf die unsichtbare Energieplattform, die sie nach oben zur Limousine beförderte. In diese eingestiegen, sagte Trish: »Ihr zwei strahlt ja geradezu wie Honigkuchenpferde auf Droge. Ist diese Sache wirklich so toll?«

»Ach Trish!«, lachte Vince. »Du hast ja keine Ahnung!« Dann, für Trish nicht wahrnehmbar, wandte er sich gedanklich an Al. ›Wir sollten sie schnellstmöglich ebenfalls mit Mechanica verbinden. Bevor sie Verdacht schöpft. Sie ist bereits skeptisch.‹

›Eine für sie vorgesehene Dosis liegt bereits in eurer Hotelsuite bereit‹, antwortete Dirk.

›Und falls es irgendwelche Komplikationen geben sollte, sind wir zur Stelle‹, fügten die SecUnits hinzu.

›Seid unbesorgt, meine Kinder‹, sagte das Overmind von Mechanica. ›Auf Proxima B ist die Infiltration schon in vollem Gange. Mit Terra wird es nicht anders werden.‹

›Und anschließend die Kolonien‹, ergänzten Al, Vince, Dirk und Ann Cheronian synchron.

»Hört endlich auf, so blöd zu grinsen«, sagte Trish Sunday.

Wettbewerbsgeschichte: Willkommen auf Mechanica - Schlussbild

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