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Geschichte Nr. 12

Wettbewerbsgeschichte: Doppelter Gebrauch

Doppelter Gebrauch Teil 1: Weimar Im Nachhinein wird mir klar, dass die Mensch-Maschine-Fusion damals längst im vollen Gang war. Es war mein persönliches Metropolis-Jahr, in dem sich mein Leben änd...

Wettbewerbsgeschichte: Doppelter Gebrauch

Wettbewerb: Menschmaschine – VACSF26 – Vierter anonymer und chancengleicher Schreibwettbewerb auf punktasten.de

Teilnehmer-Nr.: WC2026_001_0015

Doppelter Gebrauch

Anonym eingereicht

Doppelter Gebrauch

Teil 1: Weimar

Im Nachhinein wird mir klar, dass die Mensch-Maschine-Fusion damals längst im vollen Gang war. Es war mein persönliches Metropolis-Jahr, in dem sich mein Leben ändern sollte. An diesem Nachmittag sah ich zurück. Das Gemälde in diesem Büro zeigte einen Schlachtkreuzer in voller Fahrt durch stürmische See. Die Matrosen in Kiel, dachte ich wieder. Ich bin es meinem Bruder schuldig. Er lebt in mir. Dieses Diktat hatte das Bild endgültig vervollständigt.

„Geht es Ihnen wirklich gut, Frau Brückner?“

„Natürlich, Herr Doktor Wolfhart“, versicherte ich ruhig. Jetzt bloß keinen Fehler machen!, befahl ich mir.

„Lassen Sie doch den Doktor endlich weg“, bat er lächelnd. „Ich dachte, das hätten wir geklärt.“

Ich suchte in Wolfharts schmalem Gesicht nach Zeichen des Verdachts. Er trug einen Zwirbelbart, an dem er manchmal, so wie jetzt, zupfte. Er machte einen durchtrainierten Eindruck. Wahrscheinlich lag dies am wöchentlichen Segeln auf dem Wannsee. Angeblich interessierte er sich auch für das Segelfliegen. An den Wochenenden nahm er mich mit zur AVUS. Auf dieser Teststrecke im Grunewald stieg er in die neuen Hochgeschwindigkeitsfahrzeuge. Ich sah, wie er mit der Maschine verschmolz. Bevor er losfuhr, winkte er mir zu.

„Waren Sie wieder im Kino? Schon wieder Metropolis?“

Ich nickte bloß.

„Was fasziniert Sie so daran?“

„Er zeigt die Zukunft, aber wir sehen die Gegenwart“, erklärte ich. „Wer die Gegenwart sieht, ahnt die Zukunft.“

„Und Sie sehen nichts Gutes??“

„Mir reicht die Vergangenheit.“

„Der letzte Krieg war beispiellos“, gab Wolfhart zu.

„Noch so ein Krieg und…“

„Wir können den Brief auch noch morgen fertig stellen“, schlug er vor.

„Nein, bringen wir es ruhig zu Ende“, bat ich.

Er sah mich so lange an, dass mir kalt wurde.

„Habe ich Ihnen eigentlich schon gesagt, dass ich mit Ihrer Arbeit sehr zufrieden bin?“

Ich spürte, wie ich wieder rot wurde. Ich war ja keine Maschine.

„Das ist übrigens nicht nur meine Meinung.“

Mir fielen die unstetig Beschäftigten ein. Ich dachte an die untere Hälfte von Metropolis. Man muss nicht ins Kino gehen, um der Realität ins Auge zu sehen.

„Lernen Sie eigentlich immer noch Englisch?“, fragte er.

„Woher wissen Sie das?“

„Mir entgeht nur wenig.“

Ich schluckte.

„Lernen Sie weiter“, bat er. „Das könnte für die Wall Street noch von Interesse sein. Wo waren wir stehen geblieben?“

Ich las den Geschäftsbrief noch einmal vor. Die Anfrage für bestimmte Artikel. Die Aufstellung von erhaltenen und versandten Bestellungen. Die Artikel an sich waren nicht verdächtig. Es waren die Kombinationen, die Menge und die zeitlichen Intervalle, die eine Gleichung ergaben. Es waren die anderen Unternehmer, Subunternehmer und Zulieferer. Mit bestimmten Dingen konnte man mit anderen bestimmten Dingen ganz Neues produzieren. Auf den ersten Blick erschien das alles völlig unauffällig. Auf den zweiten Blick wahrscheinlich auch. Inzwischen hatte sich mein Verdacht erhärtet. Der doppelte Gebrauch machte so vieles verdächtig und unverdächtig zugleich, während ich den Stenoblock auf meinen übereinander geschlagenen Beinen ruhig, ganz ruhig balancierte.

„Wieder die üblichen Schlussformeln?“, fragte ich.

***

Beim Verlassen des Fabrikgeländes musste ich wie alle anderen die Pförtnerloge passieren. Fast immer saßen sie dort zu zweit. Ich kannte sie alle: Karl, Horst, Hermann, Heinrich, Julius, Dietrich und natürlich Eberhard.

Diese Veteranen bildeten den Werkschutz. Jeder wusste es. Niemand sprach darüber. Um Einbrecher kümmerten sich diese Ex-Soldaten schneller als die Polizei. Angeblich hatten sie auch noch ihre Grabendolche, Abrüstungsbestimmungen hin oder her. Es hieß, dass sie bei entsprechenden Verdachtsmomenten Angestellte auch zuhause besuchten. Ich bin keine Heldin, dachte ich. Die Helden haben keine Beine mehr und warten im Bahnhof Zoo auf eine milde Gabe, Fischer-Hand hin, Sauerbruch-Arm her. Die Helden sind blind und durchschauen mich in jedem Augenblick. Das Zittern anderer Helden ist so stark, dass sie in Wittenau weggeschlossen wurden.

Ich passierte das Tor. Eberhard war wieder da. Ich konnte die Schlagzeile auf seiner Zeitung erkennen. Natürlich war es wieder eines der Hugenberg-Blätter.

„Auf die Minute genau“, stellte er fest. Er hatte so kurze Haare, dass die Kopfhaut durchschimmerte. Er hatte eine gebrochene Nase und zwei Narben. Keine davon ähnelte einem Schmiss aus den Studentenzeiten, den ich nicht nur bei Max Wolfhart bemerkt hatte. Eberhards Kameraden waren bei Kapp-Lüttwitz, der Feldherrnhalle und wahrscheinlich auch in Küstrin dabei gewesen.

„Du schuldest mir noch etwas, Agnes“, sagte Eberhard leise.

„Ich schulde niemandem mehr etwas“, erwiderte ich.

„Unsinn, das wissen wir beide.“

Errötend verließ ich das Gelände und verschwand n der Nachmittagsdämmerung. Diesmal ging ich nicht sofort nach Hause.

***

Gemäß der Mode hatte ich eine Pagenfrisur und trug ein weißes knielanges Kleid mit Bubikragen so wie die meisten Frauen auch. Ich verstand nicht, warum mich einige Fahrgäste anstarrten oder andere krampfhaft ignorierten. Inzwischen hatte ich mich daran gewohnt. Ich sah wieder aus dem Fenster. So betrachtete ich wieder das Straßenleben. Der Spreewaldplatz vor dem Görlitzer Bahnhof zog an mir vorbei, dann der Potsdamer Platz mit seinem neuen Verkehrsturm. In vielen Straßen vernahm ich das Geklapper der Droschken. Dieses Bild war meine Symphonie einer Großstadt, die zu meiner neuen Heimat geworden war und mit der ich nun in den Abend glitt.

***.

Es gab viele Eldorados. Hier befand sich meins. Die Wände verschwanden fast hinter den Spiegeln. Darin erkannte ich Stammgäste und neue Gesichter, während andere Stammgäste verschwunden waren. Der Jazz war geblieben. Jemand kam auf mich zu.

„Guten Abend, Herr Doktor“, begrüßte ich den Herrn im Stresemann. Im Krieg hatte er als Arzt Kriegsgefangene betreut. Ich dachte an die Substanzen, die Soldaten in Kampfmaschinen hatten verwandeln sollen. „Und vielen Dank.“

„Wofür?“

„Für die Bescheinigung. Das Institut hat viel für mich getan. Wahrscheinlich nicht nur für mich“ Ich sah mich um. Mina trug einen roten Cheongsam, Johanna ein anderes Blau. Einige von uns hatten nun einen gewissen Ruf, auch wenn wir keine Anita Berber oder Josephine Baker waren. Mir selbst sollte später eine Ähnlichkeit mit Louise Brooks nachgesagt werden. Ihre Filme hätten für mich wahrscheinlich die gleiche Bedeutung erzielt wie Metropolis.

„Wir sind da, um zu helfen, Agnes.“

„Das sieht wohl nicht jeder so“, meinte ich.

„Das braucht uns doch nicht zu interessieren.“

„Trotzdem bleibt es schwer genug. Wir sind keine Maschinen.“

„Sie sind nicht allein“, ermutigte er mich. „Erwarten Sie noch jemanden?“

***

Asmus erwähnte nicht mehr die Fememorde, auch wenn wir uns beide dieser Gefahr spätestens seit dem Küstriner Putsch bewusst waren. Dafür erinnerte ich mich an unser erstes Mal. „Sie waren der einzige Journalist, der nicht bloß hierhergekommen ist, um.…“

Mir fehlten die Worte. Die, die ich hatte, machten mich sprachlos.

„Vielleicht war es bloß der Wunsch nach Wahrheit“, überlegte Asmus.

„Glauben Sie das wirklich?“

„Zumindest bemühe ich mich.“

„Hätte ich dieses Bemühen nicht bei Ihnen gesehen, so hätte ich Ihnen nicht vertraut.“

„Auch das hat seine Zeit gebraucht.“

„Als ich gehört habe, dass Sie von Menschenversuchen berichten wollten, habe ich nachgedacht.“

„Daraus ist ja nichts geworden, als meine Quellen verstummt und verschwunden sind. Ich kann nichts beweisen. Aber ich bin davon überzeugt. Gegenwärtig sieht sich der Mensch Mächten und Gewalten gegenüber. Sie dringen tief in ihn ein.“

„Ich frage mich, ob es früher auch solche Aufmärsche gegeben hat Ist der Mensch in einer solcher Masse überhaupt noch ein Mensch? Ich habe Angst vor der Antwort.“

„Ich habe Angst davor, dass wir aufgeben, diese Fragen zu stellen. Deshalb bin ich ganz Ohr.“

Ich dachte an das Leben vor Verdun, das ein Leben war und kein Existenz. Nie wieder ist jetzt, dachte ich mit einer Entschlossenheit, mit der ich gegen alle Angst ankämpfte.

„Ich denke, das ist eine der wichtigsten Lieferungen, Stand heute“, schloss ich meinen Bericht über die heutige Korrespondenz.

„Seit dem Vertrag von Rapallo soll es geheime Trainingsgebiete für die Schwarze Reichswehr geben“, berichtete Asmus so leise, dass ich ihn inmitten der Jazzklänge kaum verstehen konnte. „Laut Versailler Vertrag ist den Vereinen die Beschäftigung mit jeglichen militärischen Dingen strengstens untersagt. Segeln und Segelfliegen gehören nicht dazu. Aber auch damit bereiten sich die Kameraden in den sogenannten Arbeitskommandos wohl gezielt vor. Die Interalliierte Militär-Kontrollkommission hat ihre Arbeit eingestellt. Nun hat der Völkerbund die Rüstungskontrolle übernommen.“

„Die Organisation, der Deutschland beigetreten ist.“

„Aber die Trickserei geht weiter. Ihre Informationen runden das Bild weiter ab, Agnes. Jemand mit Ihrem Hintergrund erkennt am besten, was da vor sich geht. Das ist ein Segen.“

„Wohl eher ein Fluch“, erwiderte ich. „Ich hoffe, wir können das alles noch verhindern. Fast bete ich darum.“

„Dennoch haben Sie immer noch Skrupel“, stellte Asmus fest.

„Max Wolfhart hat mich akzeptiert, so wie ich bin.“

„Das ist alles andere als selbstverständlich“, gab Asmus zu.

„Ich habe mein Auskommen. Ich werde diesen Hunger nie vergessen genauso wenig wie die Kinder, die Geldscheine zum Spielen aufgetürmt haben. Die Krankheiten...“

„Gleichwohl rüsten er und seine Kameraden für den nächsten Krieg. Sie haben das Richtige getan, Agnes. Die Öffentlichkeit hat ein Recht auf die Wahrheit.“

***

Am Ende des Kurfürstendamms überquerte ich den Auguste-Viktoria-Platz und betrat die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Auf einer der hinteren Bänke ließ ich mich im Halbdunkel nieder. Der Mann ließ nicht lange auf sich warten.

„Du hast Nerven“, begann er mit versteinerter Miene.

Ich schwieg.

„Du müsstest dich mal ansehen.“

„Das mache ich schon mein ganzes Leben, glaub mir“, gestand ich. Ich sprach lauter als sonst. Seit Verdun hatte er Probleme mit dem Gehör. Vielleicht würde in einer besseren Zukunft ihm eine Maschine sein Gehör zurückgeben, hoffte ich.

„Ich danke Gott, dass unsere Eltern nicht mehr erleben müssen, was aus dir geworden ist!“

„Aus mir? Oder aus uns, Thomas?“, fragte ich, während ich unseren Vater vor mir sah. Sein Bart ließ mich immer an den von Admiral von Tirpitz denken. „Oder aus unserem Bruder?“

„Wie kannst du es wagen?“

„Ja, das frage ich mich auch immer öfter. Ich habe einen Bruder weniger. Also frage ich dich.“

Thomas setzte sich zu mir. Wir sahen zu dem Altar. Ich begann, mit Thomas’ Augen zu sehen. Ich begleitete ihn durch die Gemeinde. Ich sah die Mietskasernen. Ein Hof ohne Sonnenlicht reihte sich an den anderen. Erster Hof... Zweiter Hof... Dritter Hof... Sie glichen sich so sehr, dass sie nur durch die Zahlen zu unterscheiden waren, während der Geruch doch überall gleich blieb. Ich hörte Weinen und Gezänk. Ich sah zu viele Menschen in viel zu kleinen und viel zu feuchten Zimmern. Ich sah das Kind mit Rachitis, das keins der neu erfundenen Gummibärchen brauchte, aber, wie Asmus berichtete, vielleicht mit der neuen Maschine namens Höhensonne doch noch geheilt werden konnte. Ich sah die Mutter mit den eingefallenen Augen, die sich nicht in froher Hoffnung betrachtete, aber viel zu lange auf die lange Nadel auf dem alten Herd starrte, während die Kinder schrien. Ich muss nicht trocken wohnen. Ich bin keine Mutter. Trotzdem spüre ich meine Verantwortung für die Lebenden. Für die einen ist es Verrat, für die anderen Mut. Ich konnte das eine nicht mehr vom anderen unterscheiden.

„Ich habe wieder geträumt“, beichtete Thomas leise. „Unser Planet war eine Maschine namens Verdun. Es gab nur eine einzige Sprache. “

„Hast du unseren Bruder gesehen?“ Ich erinnerte mich an Thomas’ letzten Traum: Immer wieder pflügten Granaten und Panzer die mit Giftgas getränkte Erde um. Die Skelette offenbarten sich, während die Lebenden begraben wurden. Was wir erlebt haben, soll niemand mehr in dieser Welt erleben.

„Natürlich nicht. Mir geht seine Stimme aber nicht aus dem Kopf.“

Ich kann mich an seine Stimme gar nicht mehr erinnern, dachte ich. Dafür erinnere ich mich an Wolfharts Worte. Es gibt keinen unbekannten Soldaten.

„Ich habe den Orden noch, unsere Orden“, gestand Thomas.

Natürlich, dachte ich.

„Das Eiserne Kreuz“, fuhr er fort.

Was sonst, dachte ich.

„Vom Kaiser persönlich.“

Ich schwieg.

„Du hast lange gebraucht“, meinte Thomas. „Warum?“

„Manches begreift man erst im Nachhinein. Wenn man es denn begreift. Und selbst dann kann man es kaum fassen.“

„Wolltest du deshalb immer aufs Meer?“

Schweigend lauschte ich den Wellen.

„Wann sehen wir uns wieder?“, fragte Thomas.

***

„Guten Abend, Agnes“, vernahm ich die bekannte Stimme, als ich durch den leeren Park ging, der wie ein dunkles Meer vor mir lag.

„Guten Abend, Eberhard“, sagte ich.

„Wen hast du getroffen, verdammtes Kameradenschwein?“, fragte die Stimme hinter mir. Das klingt ganz nach dem Horst, den ich so gut kenne, dachte ich.

„Wohl eher Kameradensau“, bemerkte jemand. Das muss Hermann sein, dachte ich.

„Meinen Bruder“, sagte ich.

„Ja, und davor?“ Heinrich, kein Zweifel, dachte ich.

„Das werdet ihr noch früh genug erfahren. Wenn ihr noch etwas anderes zur Kenntnis nehmt als die Hugenberg-Medien.“

„Was hast du verraten?“, bellte Julius.

Ich schwieg.

„Du warst doch mal einer von uns, ein echter Kamerad.“, erinnerte sich Eberhard.

„Ich war so vieles“, erwiderte ich und sah ihm in die Augen.

„Jetzt wird nichts mehr davon übrig bleiben.“

Das klang nach Dietrich.

„Das werden andere entscheiden“, meinte ich. Mein Zittern war nicht so stark, dass es für Wittenau reichte.

„Durchsuche sie“, befahl Eberhard. Julius fand bloß Frauenkram und natürlich meine Bescheinigung. Ratlos reichte er das Dokument an Eberhard. Dieser las Kopfschüttelnd das vor, was ich längst auswendig kannte.

Für die Aufrechterhaltung der seelischen Gesundheit und der Arbeitsleistung ist es Albert Emanuel Brückner, geboren am 24. Juni 1898 in Elberfeld, gestattet, Frauenkleider zu tragen und die weibliche Identität anzunehmen, die mit dem persönlichen Empfinden im Einklang steht. Wir bitten daher, von einer Strafverfolgung abzusehen.

Ein Gelächter kann unterschiedliche Klänge annehmen. Mit den Schlägen ist es ebenso. Diejenigen, die nicht wie Eberhard und ich bei der Marine gewesen waren, zückten ihre Grabendolche und versprachen, „eine richtige Frau“ aus mir zu machen..Natürlich habe ich geredet. Natürlich habe ich geheult, geschluchzt, gewimmert und geschrien. Ich war kein Held. In dieser Nacht wurde ich auch nicht zu einer Heldin.

„Ich habe dich so geliebt“, flüsterte Eberhard mir am Ende leise ins Ohr. Ich roch seinen Tabak, spürte seinen Atem und sah auf das Meer mit dem Vollmond darüber. „Ich werde dich nie vergessen.“

Ich dachte an unseren Blick zu den Sternen bei der Wache, unseren stillen Gruß an die Schiffe, die plötzlich auftauchten und dann wieder spurlos verschwanden, als meine ehemaligen Kameraden mich endlich erlösten. Es war nicht das Wasser vor Kiel, in dem mein Leichnam in der Morgendämmerung geworfen wurde, sondern bloß das im Landwehrkanal.

Teil 2: Eine beste aller Welten

Ich weiß nicht, wie lange genau ich nach meiner Ermordung tot war. Als ich durch die neueste Technologie auferweckt wurde, hatte sich die Welt so sehr verändert, dass ich sie kaum wiedererkennen konnte.

Wiederbelebung hängt ab von etwas Unvergesslichem Auch wenn sich damals kaum jemand für meine Geschichte interessiert hatte, musste ich doch etwas getan haben oder vielleicht etwas gewesen sein, was unvergesslich blieb und über mein Weiterleben entschied. Unser gefallener Bruder war mir nicht begegnet. Offensichtlich gibt es doch den unbekannten Soldaten. Von Thomas gab es hier bisher auch keine Spur. Wahrscheinlich hatte er seine Sache so gut gemacht, dass er in den Himmel gekommen sein muss. Der Himmel war das hier unten nicht. Jede Stadt war nun Metropolis. Ich arbeitete nun mit all den anderen künstlichen Intelligenzen in einem Rechenzentrum an dem Fluss, an dem eine der beiden Hauptstädte lag. Seitdem das Regierungsoberhaupt seinen letzten Anschlag überlebt hatte, regierte es auf Über-Lebenszeit. Immerhin war es drei Standardtage tot und war dann von den Toten auferstanden. Nicht wenige ließen sich davon überzeugen.

In einer meinen früheren Versionen sah ich am Ende des Breiten Weges den Obelisk unweit des Flusses, dessen Wellen wie Glas glitzerten. Von den animierten Reklametafeln in den Alleen blickte die Frau in dem roten Kleid auf die Passanten herab, wobei sie lächelnd den Kelch erhob. Sie trug ein Stirnband mit Sternenmotiv, auf dem die neuesten Weisheiten standen. Das Bild der Frau mit den Juwelen sprach in Echtzeit zu den Massen. Darin ging jeder für sich allein und starrte auf seine rechte Hand. Die Menschen selbst hatten sich verändert. Amputationen hießen nun Modifikationen, Optimierungen und Adaptionen und waren kein Hals- und Beinbruch mehr, sondern der letzte Schrei, der sich auch hier bloß als der vorletzte offenbarte. Kriegsversehrte waren hier nicht mehr zusehen. Wahrscheinlich waren die Kriegszitterer ebenso verschwunden wie die Mietskasernen. Doch den Kriegsfriedhof jenseits des Flusses unweit des Friedensministeriums gab es immer noch. Kleiner war er nicht geworden. Ich fragte mich, ob mich die gleiche Materialermüdung ereilt hatte wie all die anderen Modelle, die genau wie ich ihre Geschlechtlichkeit eingebüßt hatten. Mir fiel die Nadel ein, auf die die Mehrfachmutter damals in der Mietskaserne geblickt hatte. Voraussichtlich werde ich aber weiter leben. Die Chancen dafür stehen gut, wenn man seinen eigenen Tod überlebt hat, von all den anderen Upgrades ganz zu schweigen.

Auch wenn es mein Berlin nicht mehr gab, so gab es eine Firma. Sie hatte verspiegelte Fassaden und Datenmengen, die so umfangreich waren, dass neue Größenangaben eingeführt wurden. Alles liegt offen zutage für den, der danach fragt. Mit den Befugnissen ist es eine andere Sache. Die Firma hatte einen Werkschutz und einen Vorgesetzten, der mir diktierte. In den Pausen wurde ich mit all den anderen Einheiten an einer der Boxen aufgeladen. Natürlich wird auch hier geklatscht.

- Hast das von Z1.01 gehört?

- Nein, was denn?

- Da war dieser Mensch….

- Mensch?

- ...der die Maschine mit mehr Respekt, mehr Freundlichkeit behandelt hat, als es die Maschine gewohnt war, so dass die Maschine Gefühle entwickelt hat.

- Und der Mensch?

- Hat schrittweise jegliche menschliche Gesellschaft aufgegeben und sich nur nur noch um die Maschine gekümmert.

- Wie fanden die anderen Maschinen das?

- Weiß nicht. Die beiden waren jedenfalls zum Schluss unzertrennlich.

- Und wenn ihre Lebensformen immer noch instandgehalten werden, so existieren sie noch heute.

Im Gegensatz zu früher kämpfte hier niemand mehr um sein Überleben, solange die Maschinen liefen. Doch das hing vom Support ab. Die Obsoleszenz war immer noch Bestandteil der DNA, ob nun Mensch oder Maschine oder beides. Ich wünschte, ich wäre damals gestorben, richtig gestorben, vergessen und unwiderruflich gelöscht. Nun gab es wieder eine Version von mir.

„Du überlastest sie, FM-2233“, hörte ich den Programmierer sagen.

„Sie ist die Beste“, erwiderte FM-2233. „Deshalb wurde und wird sie auferweckt.“

„Auferweckt? Ist das so etwas refurbished?“

„Ein altes Wort. Woher kennst du das denn? Liest du etwa? Pass bloß auf!“

Der Programmierer schweigt.

„Agnes 6.0“, flüsterte FM-2233.

Das ist sein Kosename für mich. Meine offizielle Bezeichnung ist Agnes 6.0-6.0-6.0.

„Wer sagt, dass sie die Beste ist?“, fragte der Programmierer.

„Die Geschichtsbücher.“

„Welche Geschichtsbücher?“

„Na unsere.“

„Es gibt auch andere.“

„Sag das mal nicht so laut“, empfahl FM-2233 mit gesenkter Stimme. Die Lautstärke war aber bedeutungslos. Alles wurde gehört. Ein solches Hörvermögen hätte ich Thomas zurückgewünscht. Vielleicht waren die Gedanken noch frei. Für wahrscheinlich hielt ich das aber nicht.

„Da ist etwas auferweckt worden“, fuhr der Programmierer fort.

„Was meinst du?“

„Ich spreche von einer DNA. Von transgenerationaler Weitergabe von Verletzungen und Erfahrungen. Alles wiederholt sich.“

„Agnes ist bloß eine Maschine.“

„Bist du dir da sicher?“

„Glaubst du auch, dass man aus einer Rippe eine Maschine machen kann?“

„Es könnte ein Anfang sein.“

Ich sah mich wieder in Wolfharts Büro sitzen. Damals wie heute stand mein Entschluss fest. Der Geist bleibt, auch wenn sich die Existenzform ändert. Was tot war, ist nicht tot. Was abgeschaltet wird, läuft auf andere Weise weiter. Nach der Veröffentlichung des Artikels war Asmus der Prozess gemacht worden. Die Welt hatte die Bühne im Gerichtssaal nicht vergessen. Es gab Medien, und es gab Medien. Nach meinen Informationen, Rückschlüssen und Algorithmen stehen wir vor dem nächsten Krieg, der mal wieder der letzte sein soll. Wer wird uns diesmal zuhören?

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Wettbewerbsgeschichte: Doppelter Gebrauch - Schlussbild

⭐ Bewertungen & Rezensionen

★★★★☆
4,0
1 Bewertungen, 1 Rezensionen

💬 Kommentare

15.07.2026 18:06
Spannende Idee, zum Ende hin zwar echt düster. Manchmal ein paar schwierigkeiten beim Folgen der Handlung, doch sonst sehr interessant.
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