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Geschichte Nr. 13

Wettbewerbsgeschichte: Corned Beef

Corned Beef Encarna schob den Vorhang zur Seite. Die nächste Sturmfront, es war bereits die dritte an diesem Tag, näherte sich vom Meer her. Hoch in den Wolken zuckten erste Blitze, aber noch keiner...

Wettbewerbsgeschichte: Corned Beef

Wettbewerb: Menschmaschine – VACSF26 – Vierter anonymer und chancengleicher Schreibwettbewerb auf punktasten.de

Teilnehmer-Nr.: WC2026_001_0016

Corned Beef

Anonym eingereicht

Corned Beef

Encarna schob den Vorhang zur Seite. Die nächste Sturmfront, es war bereits die dritte an diesem Tag, näherte sich vom Meer her. Hoch in den Wolken zuckten erste Blitze, aber noch keiner von ihnen reichte bis hinab zu den schroffen Trümmerbergen, die wie graue Urzeit-Ungeheuer an der Küste lagerten. Im schimmernden Licht der zahllosen zerbrochenen Fensteraugen sah es manchmal so aus, als wäre noch Leben in den Ruinen, aber alle, die damals nicht rechtzeitig hatten fliehen können, waren tot, und von den anderen war nie jemand zurückgekehrt. Mit den Geflüchteten hatten ein paar der Lügen, die über den Untergang der Stadt verbreitet worden waren, überlebt. Bis zuletzt hatten die Herrschenden Aufständische aus den Armenvierteln beschuldigt, die Türme zum Einsturz gebracht zu haben, und wie immer hatten viele der Arbeiter ihnen geglaubt. Encarna jedoch kannte die Wahrheit: die Metropole mit all ihren Wolkenkratzern, Maschinenhallen und Hochstraßen war von ihren Erbauern leichtsinnig auf sandigen Untergrund gesetzt worden. Als der Meeresspiegel anstieg, und die Deiche nicht mehr schnell genug repariert werden konnten, begannen die salzigen Fluten an den Fundamenten der Stadt zu nagen. Erst nachdem die Herrschenden die Arbeiter mit Waffengewalt zwangen, mit bloßen Händen neue Deiche zu errichten und das eingedrungene Wasser in unmenschlich langen Arbeitsschichten abzupumpen, kam es zu Unruhen. Da waren bereits viele der Türme von den Stürmen gestürzt worden, wie Bäume, deren Wurzeln von Würmern zerfressen sind.

Unten vor dem massiven Betonbau, der früher einmal eine Kirche gewesen war, stand jetzt niemand mehr. Encarnas Patienten hatten sich vor dem Unwetter in Sicherheit gebracht. Sie schloss die stählernen Außenblenden der Fenster und räumte das Verbandszeug und die Schachteln mit den Tabletten zurück in die Schränke. In einer Ecke des Raums lagen die Dinge, die sie für ihre Dienste erhalten hatte: ein kleiner Sack mit Kartoffeln, etwas Gemüse, ein silberner Kerzenständer. Encarna war nicht wählerisch, was ihre Bezahlung anging. Sie strebte keine Reichtümer an, aber wie alle anderen, wollte auch sie überleben. Gerade, als sie das Licht im Raum gelöscht hatte, läutete unten an der Sicherheitstür die Klingel. Auf dem Bildschirm der Außenkamera sah Encarna einen Mann, der ein Kind auf den Armen trug. Mit Mühe hielt er sich gegen die peitschenden Windstöße aufrecht. Er rief etwas in die Sprechanlage, aber Encarna hörte nur das Prasseln des Sandes und das Tosen des Windes. Sie entriegelte die Tür. Als der Mann mit dem Kind die Schleuse betrat, begann die Sirene zu schrillen.

„Du hast Metall bei dir“, rief Encarna durch den Lautsprecher und bereitete sich darauf vor, die Kammer zu fluten. Schon mehrmals hatte sie Angreifer, die es auf ihre Medikamentenvorräte abgesehen hatten, aus der Schleuse gespült. Andere Heilerinnen gingen weniger zimperlich mit solchen Leuten um. Der Mann hielt einen glänzenden Gegenstand vor die Kamera, etwa so groß wie eine Corned Beef-Dose.

„Stell das unter den Scanner“, sagte Encarna.

„Meine Tochter hat starke Bauchschmerzen und Fieber. Es ist vielleicht der Blinddarm.“

Eine Operation ist teuer, dachte Encarna. Da wäre es mit einem Sack Kartoffeln oder einer Fleischkonserve nicht getan. Ihr Terminal zeigte jedoch an, dass die Dose etwas enthielt, das für sie sehr viel wertvoller war. Sie ließ die beiden ins Treppenhaus, das nach oben in den Behandlungsraum führte.

„Leg die Kleine auf den Tisch“, sagte sie und zog sich Handschuhe über.

„Es tut so weh. Hier.“ Das Mädchen zeigte auf seinen Bauchnabel. Ihre Stirn glänzte vom Schweiß.

„Alles wird gut, Ana.“ Der Mann streichelte das Gesicht seiner Tochter, während Encarna mit dem Schallkopf ihres Ultraschallgeräts den Bauch des Mädchens untersuchte.

„Es ist wirklich ein entzündeter Blinddarm. Du wirst mir bei der Operation helfen müssen.“

„Ich glaube, es stimmt, was man sagt: Du bist eine gute Ärztin“, sagte der Mann, nachdem Encarna Anas Wunde eine Stunde später vernäht und mit einem Verband abdeckt hatte.

„Mein Name ist übrigens Alejo.“

Encarna schwieg. Als damals die Stadt zerfiel und die Arbeiterinnen und Arbeiter aufs Land flüchteten, hatte sie wie viele andere im Glauben Zuflucht gesucht. Sie wollte Nonne werden, doch in dem Dorf, in das sie zog, wurde entschieden, dass eine Tierärztin nützlicher für die Gemeinschaft wäre. Als später unter den Dorfbewohnern neue Krankheiten auftraten und es nicht genug Ärzte gab, begann sie auch Menschen zu heilen. Inzwischen hatten viele ihrer Patienten einfach nur Parasiten oder Ekzeme, so wie die Kühe und Hunde, die sie früher behandelt hatte. Zivilisationskrankheiten waren selten geworden.

„Deine Tochter wird ein paar Stunden schlafen. Ihr könnt heute Nacht hier bleiben.“

Encarna nahm die Metalldose in die Hand, die ihr der Mann gebracht hatte.

„Weißt du, was das ist?“

„Ja. Es ist die Seele von einem der Zehntausend. Ich habe sie im Sumpf gefunden.“

„Seele!“ Encarna schnaubte verächtlich. Selbst jetzt, wo sich der Planet jeden Tag ins Zeug legte, um auch noch die letzten Menschen von sich abzuschütteln, nannte man sie noch Seelen.

Die Zehntausend, die einstigen Herrscher über die Stadt, hatten sich nicht mit ihrem endlichen irdischen Leben begnügen wollen und nach Unsterblichkeit gestrebt. Wozu war ihr Reichtum gut, wenn sie am Ende genauso altern und leiden mussten wie einfache Arbeiter? Was nützten die herrlichsten Gärten auf den Dächern der Metropole, wenn die Augen trüb wurden und die Beine lahm?

„Möchtest du hören, was uns dieses Ding zu sagen hat?“

Encarna ging zu einem metallenen Apparat, auf dessen Oberseite sich eine drehbare Scheibe befand, ähnlich wie bei einem altmodischen Plattenspieler. Alejo deutete auf eine Glasvitrine, die neben dem Apparat stand. Darin lagen fünf weitere Dosen.

„Du sammelst sie tatsächlich. Man hatte es mir gesagt, aber ich war mir nicht sicher, ob es stimmt.“

Encarna nickte und legte Alejos Dose in die Mitte der Scheibe, die daraufhin langsam zu rotieren begann. Farbige Lichtstrahlen leuchteten auf und wurden von der Dose reflektiert. Alejo wollte noch etwas sagen, aber Encarna legte ihren Zeigefinger an die Lippen als Zeichen, dass er schweigen sollte.

Die Zehntausend hatten ihren Wissenschaftlern befohlen, die Unsterblichkeit zu erforschen, koste es, was es wolle. Zuerst gelang es ihnen, einzelne Körperteile durch künstliche Implantate zu ersetzen: Augen, Herzen, Nieren. Doch das verlängerte nicht das Leben, sondern nur das Sterben. Als einer der Erfinder den ersten Roboter erschuf, sahen die Zehntausend diesen als die perfekte Lebensform an: Eine nahezu unzerstörbare Maschine, die durch Ersatzteile stets auf den neuesten Stand der Technik gebracht werden konnte.

„Sind das die Gedanken der Seele?“

Aus dem Apparat drang eine monotone Stimme, deren Worte den Behandlungsraum erfüllten.

„Ja. Aber nenn es nicht so. Es ist der Bewusstseins-Upload von einem, der nach Unsterblichkeit strebte. Ein Transhumaner, eine Menschmaschine.“

Den Forschern der Stadt gelang schließlich der letzte Schritt: sie konnten das Bewusstsein eines Menschen in einen Roboter laden. Immer mehr der Zehntausend gaben ihren sterblichen Körper auf und begannen ein Leben als unsterbliche Menschmaschine mit übernatürlichen Kräften und Fähigkeiten. Doch das Streben nach Unsterblichkeit und das verschwenderische Leben der Zehntausend forderte alle Ressourcen des Planeten. Mit brutalen Methoden trieben die Herrschenden die Arbeiter der Stadt zu immer größerer Leistung an. Vor den Veränderungen der Umwelt, die nach und nach eintraten, und vor dem Leid ihrer Untertanen verschlossen sie ihre künstlichen Augen.

Encarna und Alejo lauschten eine Weile dem Gebrabbel, das der Apparat der Dose entlockte.

„Er denkt nur daran, wie er sein Leben und seinen Reichtum bis in alle Ewigkeit bewahren kann“, wunderte sich Alejo.

„Ja. Manchmal hoffen die Uploads auch, wieder einen Roboterkörper zu erhalten. Auf dem Mars oder sonst wo.“

Als der erste der Türme fiel, brach unter den Zehntausend Panik aus. Die Wissenschaftler der Stadt erkannten, dass der Planet bald unbewohnbar sein könnte, die Metropole nicht zu halten war. In großer Eile wurden Raketen entworfen, mit denen sich die Herrschenden in Sicherheit bringen wollten, in Sicherheit vor der wütenden Natur und den aufständischen Arbeitern. Der Bau der Raketen ging jedoch nur langsam voran. Starke Stürme verwüsteten immer wieder die Konstruktionshallen und Startanlagen. Schließlich beschlossen die Zehntausend, zunächst nur die Behälter mit den Bewusstseinsuploads in eine Umlaufbahn um den Planeten zu bringen, und ihre künstlichen Körper, die Roboter, später nachzuholen.

Dann geschah das Unglück: Die Rakete, die die Uploads der Zehntausend, jeder aufbewahrt in einer kleinen Metalldose, von der Erde retten sollte, explodierte kurz nach dem Start. Vermutlich war es den Aufständischen gelungen, einen Computervirus in die Steuerungssoftware einzuschleusen. Die kostbaren Dosen, die die sterblichen Menschen als Seelen bezeichneten, wurden bei der Explosion über ein riesiges Gebiet verstreut. Auch noch nach vielen Jahren konnte man einzelne von ihnen finden. Häufig wurden sie dann allerdings von Menschen, die auf der Suche nach etwas Essbarem waren, für Fleischbüchsen gehalten und beim Öffnen zerstört.

Encarna nahm die Dose vom Drehteller und legte sie zu den anderen in die Vitrine. Mit Alejo ging sie hinüber zu Ana. Dort lauschten sie den ruhigen Atemzügen des Kindes.

„Was machst du mit den Uploads?“, fragte Alejo.

„Ich wecke sie aus ihren Träumen.“

„Das ist noch nicht alles, oder?“

„Ich schicke ihnen Geister. Ich suche sie heim. Jeder von ihnen hat unermessliche Schuld auf sich geladen. Wegen ihrer Gier haben wir viele Freunde und geliebte Menschen verloren. Die Zehntausend haben die Zerstörung unseres Planeten in Kauf genommen. Über diese Dinge reden meine Geister mit ihnen, tagelang, wochenlang. Jeder der Zehntausend ist natürlich ein Hartgesottener, der es gewohnt ist, zu lügen und zu verdrängen. Aber irgendwann fangen sie an, ihre Sünden zu sehen. Sie begreifen, dass ihre Ignoranz und ihr Streben nach Unsterblichkeit sie in eine kleine Dose gelockt haben, aus der es kein Entrinnen mehr für sie gibt. Dann beginnt für sie die ewige Verdammnis.“

Encarna strich Ana durchs Haar.

„Deine Tochter ist ein starkes Mädchen. Sie wird leben und in unserer Welt ihr Glück finden.“

Wettbewerbsgeschichte: Corned Beef - Schlussbild

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